Fakten: The Voices
USA. 2014. Regie: Marjane Satrapi. Buch: Michael R. Perry. Mit: Ryan Reynolds,
Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Valeria Koch,
Stephanie Vogt, Gulliver McGrath, Adi Shankar, Sam Spruell, Alessa Kordeck u.a.
Länge: 109 Minuten. Ab 8. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Jerry ist unscheinbar, höflich und schizophren. Deswegen muss er Tabletten
nehmen und regelmäßig zur Therapie. Doch die Pillen machen aus Jerry einen
Menschen, der es schwer hat mit anderen. Doch es scheint fast so, als ob auch
ein gehemmter Jerry Erfolge feiern kann. Die hübsche Fiona will mit ihm
ausgehen. Als es dann aber zu einem Unfall kommt, beginnt Jerrys Leben doch
noch kompliziert zu werden – und sehr aufregend.
Meinung: Nein, Jerry Hickfang (Ryan Reynolds) hat man gern, gar
keine Frage, und um seine Sympathieachse zu betonieren braucht „The Voices“
nicht einmal 5 Minuten. Wenn wir unseren Protagonisten im pinken Overall durch
die Badewannenfabrik „Milton, Fixture & Faucet“ schlendern sehen und dieser
nach einem Lob seines Chefs ein breitgezogenes Dumpfbackengrinsen auflegt, dann
scheint die Welt endlich im Gleichgewicht einzurasten, alles blüht farbenfroh,
obwohl nirgendwo ein Blümchen zu sehen ist, der Himmel strahlt in einem
wunderbar reingespülten Blau, obwohl über unseren Köpfen doch nur die kahle
Decke des industriellen Übermaßes wartet. Grundsätzlich ist es ja schon mal von
Vorteil, wenn es einem Film ohne jede Mühsal gelingt, seine Hauptfigur so
liebenswert zu gestalten, dass man ihr gerne dabei zusieht, wie sie ihr Tagwerk
verrichtet. Marjane Satrapis „The Voices“ aber hat das Problem, dass der Film
sich bereits nach 20 wirklich amüsanten Minuten als vollständig auserzählt
erweist und sein inhaltliches Misslingen fortan auf dem Silbertablett serviert.
Jerry und seine Liebste - wahre Liebe braucht keinen Torso!
Jerry Hickfang ist natürlich nicht einfach nur die freundliche
Fabrikarbeitskraft, nein, Jerry Hickfang ist auch der freundliche Psychopath
von nebenan. Wenn Jerry zurück in seine Wohnung kommt, erwarten ihn schon
Kätzchen Mr. Whiskas und Hund Busco, die ihm in mal mehr, mal weniger obszönem
Sprech darauf hinweisen, dass er doch endlich seine Tabletten absetzen sollte,
wenn er seine Haustiere denn nicht zum Schweigen bringen möchte. Ja, Jerry
Hickfang ist psychisch krank, die Arbeit in der Fabrik soll als eine Art Resozialisierungsmaßnahme
fungieren, die genau in dem Moment scheitern wird, wenn Jerry seine
Psychopharmaka das Abflussrohr hinunterjagt. Aber meine Güte: Ohne die rigide
Medikation ist das Leben nicht nur deutlich wärmer, es ist auch weit weniger
einsam, denn neben der vorlauten Katze (Teuflisch!) und dem treuen Hund
(Gewissenhaft!) zeigen sich auch Fiona (Gemma Arterton) und Lisa (Anna
Kendrick), zwei Damen aus der Buchhaltung, dem eigentlich herzensguten Jerry
etwas aufgeschlossener. Wenn da doch nur nicht diese elende Mordlust wäre!
Jerry und Mr. Whiskers im Dialog
„The Voices“ zieht uns in den Kopf des Serienmörders, allerdings weit weniger
nachhaltig als es etwa William Lustig mit „Maniac“ oder John McNaughton mit
„Henry: Portrait of a Serial Killer“ gelang, was vor allem damit zusammenhängt,
dass die beiden Klassiker eine geradlinige Marschroute konzipierten und dieser
auch gekonnt folgten. Marjane Satrapi und ihr Drehbuchautor Michael R. Perry
wissen nicht nur nicht um das Potenzial ihres Sujets, sie wissen auch den
auffällig minimierten Resonanzraum ihrer Inszenierung kaum befriedigend
auszukleiden. Die Charaktere entwickeln sich nach den genannten 20 Minuten
nicht mehr weiter, der visuelle wie verbale Humor schleift zunehmend, beruft
sich auf Repetition und wechselt die anfänglich luftige Skurrilität in einen
entschiedenen Zynismus, der die dann und wann erheiternde Komik des Filmes vor
allem als reine Kalkulation bestätigt. Es bestand hier die Möglichkeit, eine
gnadenlos schwarzhumorige Satire über die morbide Serial-Killer-Faszination der
Vereinigten Staaten vom Leder zu reißen, in dem man der Geschichte einen
doppelbödige Unterbau verleiht.
Von bissiger Satire aber ist „The Voices“ weit entfernt, stattdessen darf
irgendwann die Vulgärpsychologie-Peitsche zum Vorschein kommen und blutige
Striemen auf dem Rücken unseres psychotischen Hauptdarstellers ziehen, was den
Film in seinem gesamten Gebaren umso einfallsloser erscheinen lässt. Als
leidlich groteske Posse blickt „The Voices“ letzten Endes treu-doof aus der
Wäsche und erinnert vor allem daran, doch mal wieder John Waters „Serial Mom –
Warum lässt Mama das Morden nicht?“ in den Player zu schmeißen, der war nämlich
so reflektiert, das Serienkiller-Motiv auch als Spiegelung eines in
Bonbonpapier gehüllten amerikanischen Suburbia zu deuten. In „The Voices“
hingegen funktionieren die Gags ausschließlich ohne anhaltende Halbwertszeit,
ohne Hintersinn, ohne Mehrwert, ohne geistreichen Vorstoß: Innereien in
gestapelten Tupperdosen, sprechende Köpfe von schönen Frauen im Kühlschrank und
der Katzenkot auf der Couch. Dass Ryan Reynolds eine wirklich gute Leistung an
vorderster Front abliefert, muss ihm anerkannt werden, wenn auch nur als
Wermutstropfen.
Fakten: Byzantium
Groß Britannien, Irland, USA. 2012. Regie: Neil Jordan. Buch: Moira Buffini.
Mit: Saoirse Ronan, Gemma Arterton, Sam Riley, Johnny Lee Miller, Daniel Mays,
Maria Doyle Kennedy, Warren Brown, Tom Hollander, Thure Lindhardt, Caleb Landry
Jones u.a. 118 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 27. Dezember auf DVD
und Blu-ray erhältlich.
Story: Seit über 200 Jahren wandeln Clara und ihre Tochter Eleanor über die Welt
und ernähren sich vom Blut der Menschen. Während Clara ihr Leben genießt
missfällt ihrem Nachwuchs zunehmend das Vampirdasein und möchte sich einmal in
ihrem Leben länger niederlassen. Als die beiden in einer kleinen Küstenstadt
untertauchen, erkennt Eleanor, dass ihr dieser Ort aus ihrem kurzen Leben als
Mensch bereits vertraut ist.
Meinung: Neil Jordan meldet sich zurück. Nach dreijähriger Pause nicht nur als
Regisseur, sondern gleichzeitig in der Welt der Vampire. Fast 20 Jahre nach
seinem Welterfolg "Interview mit einem Vampir" kommt nun
"Byzantium", jedoch ohne bundesweiten Kinostart direkt für den
Heimkinomarkt. Betrachtet man jetzt zum Jahresende die Kinostarts 2013, etwas
verwunderlich und im noch größeren Maße ärgerlich. Sequels, Remakes, Reboots,
Multimillionen-Mega-Flops, viel Durchschnitt bei groß angekündigten
"Highlights", ausgerechnet dieser Film darf gar nicht erst an den
Kinokassen mitmischen. Wahrscheinlich ist er einfach nicht das, was allgemein
als massenkompatibel bezeichnet wird. Bewusst. Gerade deshalb mehr als nur den
neugierigen Blick wert.
Clara und Eleanor haben keine Lust auf Vergnügen
Um konkreter zu werden: "Byzantium" ist einer der besten
Blutsauger-Filme dieses Jahrtausends. Übertroffen nur noch von den (ebenfalls)
ungewöhnlichen Genrevertretern "Shadow of the Vampire", "So
finster die Nacht" und "Durst". Was sie alle gemeinsam haben: Sie
begegnen der oft erzählten Vampirthematik auf anderen Wegen, verlassen sich
nicht ausschließlich auf die gängigen Zutaten, interpretieren den Mythos
eigensinnig und schaffen ihr eigenes, kleines Universum. Zudem sind es keine
reinen Genrefilme, die in erster Linie die Horrorfanfraktion ansprechen.
"Byzantium" erinnert in seiner melancholisch-sehnsüchtigen
Grundstimmung am ehesten an "So finster die Nacht", mit einer
augenscheinlich kleinen Prise "Twilight", wobei sich dieser Eindruck
schnell zerschlägt. Während Bella und Edward sich anschmachteten und vor sich
hin glitzerten, schafft Neil Jordan eine Art Coming-of-Age Tragödie mit
märchenhaften Anleihen, Subtext und bittersüßen Momenten, voller Fantasie und
leicht poetischer Bildsprache. Bedacht in seinem Tempo und ausgeklügelt in
seiner Erzählweise wird viel Wert auf die Charaktere gelegt, gezielt
natürlich auf die "junge" Eleanor (Saoirse Ronan, wie oft
zerbrechlich und doch stark wirkend) und ihre "Begleiterin" Clara
(Gemma Arterton, diesmal nicht nur, aber auch sexy). Auf einer rastlosen Flucht
vor mysteriösen Verfolgern verkörpern sie zwei völlig unterschiedliche
Frauentypen. Eleanor als eher introvertierter "Teenager" im Zwiespalt
zwischen ihrer (unnatürlichen) Existenz und dem, was diese von ihr verlangt,
Clara als starke Beschützerin, die im ältesten Gewerbe der Welt die wohl
älteste Aktive der Welt ist. Während die Eine sich nur von denen ernährt, deren
Tage praktisch eh schon gezählt sind, greift die Andere immer auf die zurück,
die es "verdient" haben. Wieso, wird später erläutert. Erstklassige
gespielt, von beiden.
Hm, Lippenstift aus frischer Leber. Leider nicht Kussfest.
Nach einem interessanten - wenn auch nicht großartigen Auftakt - zündet
"Byzantium" speziell in der zweiten Hälfte, wenn Jordan in Rückblende
immer wieder in die Vorgeschichte der Frauen eintaucht, um das vorher Gezeigte
zu untermauern und ihm seine Relevanz zu geben. Nun erfahren wir, wer Clara
ist, vor allem WARUM sie die ist, die sie ist...und die sind, die sie
ISST. Unterdrückung, Demütigung und Missbrauch hat sie erleiden müssen, bis sie
(versehentlich) in einen Kreis vorstieß, der exklusiv der männlichen Dominanz
vorbehalten war. Sie sprengt das Gefüge, bricht die Regeln und muss dafür 200
Jahre lang untertauchen. Emanzipation im Mantel des Genrefilms, ein klares Statement
von Autorin Moira Buffini, die auch das zugrundeliegende Bühnenstück verfasste.
Jordan setzt es (leider eben nicht) für die große Leinwand um und kann dabei
seine Stärke im mystischen Bereich ausspielen. Schauderhaft schön und absolut
einprägsam: Der Ursprungsort des Bösen. Eine Höhle in einem Felsmassiv, umgeben
von "blutenden" Wasserfällen und Schwärmen von Fledermäusen, in
dessen Inneren etwas lauert. Nicht gesichtslos, dennoch anonym. Vampire können
sich nicht gegenseitig erzeugen, sie werden nur dort geschaffen, durch ES.
Diese Vampire sind immun gegen Sonnenlicht, interessieren sich einen Dreck für
Knoblauch und christliche Symbole, schlafen nicht in Särgen und bedienen sich
als Waffe nicht ihrer Eckzähne, sie "zapfen" die Beute mit dem
Fingernagel an. Viel Stilbruch, der "Byzantium" seine ganz eigene
Identität gibt.
Diesen eigenwilligen Ansätzen und der fachmännischen Inszenierung ist es zu
verdanken, dass dieser Film nicht nur noch ein Vampirfilm ist, die inzwischen
(mal wieder) aufgrund von Überfütterung für Ermüdungserscheinungen beim
Publikum sorgen. Das ist ein stimmungsvoller, intelligenter und vielschichtiger
Beitrag, der nicht zwangsläufig beim durchschnittlichen Genreliebhaber ankommen
wird. Dafür sollten speziell die Leute aufmerksam werden, denen der übliche
Output zu monoton und beliebig ist oder um Horrorfilme grundsätzlich einen
Bogen machen. "Byzantium" ist nicht perfekt, aber anders und das sehr
gekonnt. Ein kleines (echtes) Highlight dieses Jahres, das leider entdeckt werden
muss, um nicht in den Regalen den Helden(Un)tod zu sterben.
7,5 von 10 Verstößen gegen die Frauenquote
von JackoXL
Mutter und Tochter Blutsauger ruhen sich aus, dabei kenne sie soulis Meinung ja noch gar nicht
Meinung: Nostalgische Romantiker
haben es dieser Tage äußerst schwer, sich dem gravierenden Paradigmenwechsel im
florierenden Vampir-Sujet anzupassen. Die vornehmen Grafen aus den nebulösen
Schlössern, irgendwo im wilden Nirgendwo der karpatischen Weiten residierend,
sind ein schillerndes Fragment stilvoll zerbröckelnder, aber keinesfalls
gänzlich verstummender Erinnerungen. Den betörenden Untoten weht ein
postmoderner Wind um die Eckzähne, jene hypnotische Erotik wird durch die
unentwegt asexuelle Attitüde niedergedrückt; von der puritanischen
Aufrechterhaltung tradierter Mythen im Universum der Blutsauger ganz zu
schweigen: Die durstigen Wiedergänger sind nicht nur äußerlich blass, ihnen ist
auch der einnehmende Glanz im Wandel der Gezeiten vollkommen abhanden gekommen.
Sie schmücken vielmehr die Zimmerwände kreischender Heranwachsender oder
fungieren einzig als charakterlose Bestien im nächtlichen Kolorit.
Beide sind leichenblass, aber nur er wird lieben bleiben
Sollte es also an Neil Jordon liegen, der mit seiner opulent bebilderten
Vampir-Chronik „Interview mit einem Vampir“ einen Meilenstein des Kinos der
1990er Jahre geschaffen hat, die anmutig und schauderhafte Ehre mit dem gar
mysteriös anklingenden „Byzantium“ zurück in das inzwischen erschreckend
abgeflachte Genre zu tragen? Die Antwort darauf ist von zwiegespaltener Natur:
Seine durchaus facettenreiche Theater-Adaption ist ohne Frage einer der besten
modernen Vertreter seiner Zunft, zeichnet sich aber auch abermals dadurch aus,
die letzte Konsequenz im Umgang mit der sublimen Vielfalt an thematischen
Ansätzen vermissen zu lassen. In erster Linie aber bezieht „Byzantium“ dadurch
Pluspunkte, dass er sich nicht zwanghaft im kontemporären Usus verrennt, aber
gleichzeitig auch die achtungsvolle Verzahnung zum althergebrachten Standard
herleiten möchte, wie ihn „Interview mit einem Vampir“ noch in voller Pracht
genoss. Jordan wendet sich von traditionellen Leitlinien ab und verzichtet nicht
nur auf Knoblauch, Kruzifixe und die pulverisierende Kraft der Sonne.
Eleanor auf den Spuren ihrer menschlichen Vergangenheit
„Byzantium“ geht sogar so weit, den Vampiren sich ihrer (Mord-)Instrumente, die
Reißzähne, zu entledigen und die Stillung ihres Blutdurstes durch einen
Fingernagel zu ermöglichen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die
Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Eleanor (Saoirse Ronan) und Clara (Gemma
Arterton), die sich seit 200 Jahren durch die Welt schlagen und wahre Unikate
ihres Geschlechts in einer patriarchalisch dominierten Domäne darstellen. Wer
sich nun erhofft, dass Jordan den feministischen Skopus, der sich zwangsläufig
aus dieser ansprechenden Konstellation ergibt, wirklich auf den Zahn fühlt und
ausbaut, um diesen in emanzipatorische Bahnen zu leiten, der täuscht. Allgemein
ist Jordans Ägide fortwährend ambitioniert und durchzogen von
zwischenmenschlichen (Interessen-)Konflikten, die oftmals nur angeschnitten
werden, anstatt diese auch entsprechend zu sezieren, gerade wenn es um Eleanors
Integration in die Außenwelt geht.
Neil Jordan distanziert sich also von der Mythologie und legt seinen Fokus
stringent auf das Innenleben seiner Protagonistinnen, die unterschiedlicher
nicht sein könnten. Während sich Clara nämlich als Prostituierte vertritt und
den oft verloren gegangen Sex des Genres wieder lasziv an sich reißt, ist
Eleanor eine für immer im Körper einer 16-jährigen Gefangenen.
„Byzantium“ erhält gerade durch die zerbrechlich-ambivalente Darstellung von
Saoirse Ronan, die immer wieder zwischen Resignation und Rebellion oszilliert,
eine ungemein melancholische Note, die den Vampiren selbst weit weg von seinem
angsteinflößenden Vorbild führt und näher zum Habitus eines Menschen. Dazu
trägt auch die historische Ebene bei, die dann passend eingestreut wird, wenn
die Tragik einzelner Charakter stärker herauskristallisiert werden soll und
ideologische Motivationen so verständlicher aufzeigt. Wirklich fesselnd ist
„Byzantium“ aber gerade dann, wenn er die Bürde der Unsterblichkeit aufzeigt
und auf donnernd-adäquate Fotografien (Blutwasserfall im irischen Geröll)
findet, da verzeiht man auch gerne einige Schönheitsfehler.
Fakten: Runner Runner
USA. 2013. Regie: Brad Furman. Buch: Brian Koppelman, David Levien. Mit: Justin
Timberlake, Ben Affleck, Gemma Arterton, Anthony Mackie, John Heard, David
Costabile, Sam Palladio, Oliver Cooper, Louis Lombardi, Bob Gunton, Yul
Vazquez, Dave Okeniyi, Ben Schwartz, Laurence Mason u.a. Länge: 91 Minuten.
FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 28. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Richie Furst, ein mitteloser Student, verdient sich mit Online-Poker sein
Studiengeld. Als er eines Tages alles verliert, ist er sich sicher dass er
betrogen wurde und tatsächlich findet er eine Lücke im System des
Poker-Anbieters. Kurzerhand reist er nach Costa Rica, wo der Chef der Website,
Ivan Block, fern von der Zuständigkeit der amerikanischen Staatsmacht, lebt.
Richie setzt Block von der Betrügereien in Kenntnis und erhält als Belohnung
nicht nur einen großzügigen Scheck, sondern auch ein Jobangebot. Richie hat es
geschafft, doch nach und nach muss er erkennen, dass Ivan Block ein
gefährliches Spiel spielt.
Meinung:
Seit einigen Jahren ist Poker fast schon so etwas wie eine Art Trendsport
geworden. Spiele werden im Fernsehen übertragen, Website rund ums das
Kartenspielen florieren und nicht erst seit gestern werden die Gefechte am
Pokertische, die mit kalten Blicken und Assen ausgetragen werden, von Filmen
genutzt, um atmosphärische Situation zu erzeugen. In „Runner Runner“ spielt das
klassische Pokerspiel an einem grünen Tisch, inmitten eine Schwade aus Qualm
und Whiskeyduft, keine Rolle. Regisseur Brad Furman („Der Mandant“) behandelt
in seinem Thriller mehr die Machenschaften der Big Bosse der erfolgreichen
Online-Pokerspielstätten, die sich oftmals am Rande der Legalität befinden. Wer
also gehofft hat hier einen Film zu sehen, bei dem die Spielkarten wirklich im
Mittelpunkt stehen, der wird wohl enttäuscht werden. Das ist aber natürlich
kein Grund warum „Runner Runner“ insgesamt kein wirklich gutes Blatt ist. Mehr
liegt es daran, dass die Durchschaubarkeit des Films an einen Pokerspieler
erinnert, der mit offenen Karten spielt – ohne es dabei zu merken.
Everybody’s Darling Justin Timberlake ("The Social Network", "Freunde mit gewissen Vorzügen") darf als mittelloser Collegestudent
Richie in die famose Welt der Online-Könige eintreten. Es sind Könige wie der
deutsche Kim Dotcom (ehemals Schmitz), die fern der Heimat und der Behörden
leben und im Luxus schwelgen. Die Aura des cleveren Kriminellen liegt
allzeitlich über ihnen. Genauso ist es auch mit Ivan Block, der Figur die
Richie schon bald in Welt des Überflusses einführt. Eine Welt erbaut aus
Website-Einnahmen. Klar, dass der gute Richie dazu nicht nein sagen kann. Kein
Geld und kein Job oder viel Geld und einen Job? Klare Sache. Klar ist bei „Runner
Runner“ so einiges. Wohin sich die Handlung bewegt, wie sich die Charaktere
entwickeln, was zwischen Ivans Freundin und Richie passieren wird, wie das Netzwerk süd-amerikanischer Korruption funktioniert? Alles Fragen
die man sich als Zuschauer gar nicht erst stellen muss, denn Furman und seine
Autoren Koppelman und Levien geben sich keinerlei Mühe irgendwelche
Trampelpfade abseits der massiven Vorhersehbarkeit zu beschreiten.
Vorhersehbarkeit ist aber kein Grund, dass ein Film nicht zu überzeugen vermag.
Bei „Runner Runner“ liegt es viel mehr an seiner groben Lustlosigkeit.
Angefangen beim Cast, über die technische Umsetzung bis hin zum Script. Alles
so gewöhnlich und bieder nach der Rezeptur des Schemas F zusammengeschweißt,
dass bei der Sichtung von „Runner Runner“ schnell die Frage aufkommt, ob es
sich hierbei wirklich um einen Kinofilm handelt oder nicht doch vielleicht um
eine TV-Produktion. Natürlich sprechen die bekannten Gesichter dagegen aber
Timberlake macht nicht viel, um seine Rolle spannend zu gestalten – vor allem
mimisch. Anthony Mackie („Pain & Gain“) als Arschloch-FBI-Agent scheint
zumindest nochetwas Spaß an der Überspitzung seiner Rolle gehabt zu haben,
während Gemma Arterton („Prince of Persia - Der Sand der Zeit“) nicht mehr darstellt
als das berechnende, sexy Püppchen, welches nur pseudo-aktiv im Film dabei ist,
um attraktiv zu sein und mit einer Liebelei zum Helden Richie die Spannungen
zwischen ihm und Ivan Block noch etwas dramatischer zu gestalten. Und Ben
Affleck… ist nun mal Ben Affleck und mittlerweile als Regisseur deutlich besser
aufgehoben. Gerüchte besagen ja, das Affleck selbst noch Hand anlegte an „Runner
Runner“, da er mit Furmans Arbeit nicht zufrieden war. Sollte dies stimmen ist
zumindest klar, dass auch das angebliche Regie-Wunderkind Affleck, jüngst mit
einem Oscar für „Argo“ prämiert, auch kein Stroh in Gold spinnen kann.
Runner Runner bezeichnet in der Sprache der Pokerspiele eine Kombination aus
zwei aufgedeckten Karten, die einem Spieler eine gute Hand beschert. Von einer
guten Hand ist Brad Furmans „Runner Runner“ aber weit entfernt. Vielleicht wäre
der Alternativtitel „Pik 8, Aussetzen“ oder “Bube auf Bube geht nicht“ doch
angebrachter gewesen, denn der Thriller ist nicht mehr als ein miefiges Spiel Mau-Mau.
Fakten: Hänsel und Gretel:
Hexenjäger (Hansel & Gretel: Witchhunter)
USA, BRD. 2012. Regie und Buch: Tommy Wirkola. Mit: Jeremy Renner, Gemma
Arterton, Famke Janssen, Thomas Mann, Peter Stormare, Derek Mears, Pihila
Viitala, Zoe Bell, Rainer Bock, Fritz Roth, Kathrin Kühnel u.a. Länge: 84
Minuten (Kinofassung), 97 Minuten (Extended Version, Blu-ray exklusiv). FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 22. August auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich
Story: Als Kinder wurden Hänsel
und Gretel unter mysteriösen Umständen von ihren Eltern getrennt und landeten
vom finsteren Wald in der Hütte einer Hexe, die aber bereits wenig später im
eigenen Ofen landet. Seitdem zog das Geschwisterpaar durch die Welt und machte
Jagd auf Hexen. Als sie viele Jahre nach ihrem ersten Hexenmord nach Augsburg
kommen, sind aus ihnen echte Profis geworden. Dennoch erwartet sie hier aber ihr
bisher schwerster Fall.
Meinung: Eines sollte sofort klar
sein, aber falls es dennoch noch jemanden gibt, der damit liebäugelt „Hänsel und
Gretel: Hexenjäger“ zu sehen, werde ich es jetzt unmissverständlich formulieren: Der Film
ist Humbug. Der reinste Schwachwinn, gebündelt auf der Kinoleinwand, bzw. der einheimischen Mattscheibe. Eine
ziemlich seltsame Mischung aus Fantasy-Action und Märchen-Horror, die
schonungslos auf uns Zuschauer losgelassen wird. Furchtbar? Grausig? Mies? Die
Idee: ja. Deren Umsetzung aber nicht, die erweist sich als kurzweiliger,
lässiger wie temporeicher Spaß angefüllt mit hingebungsvoller, dem Genre des
Phantastischen schmeichelnder Absurdität.
"Eier, Milch, fettarmer Joghurt, Hexenskalps."
Das US-Debüt des
norwegischen Regisseurs Wirkola, der in Australien Film studierte und mit der
ziemlich müden „Kill Bill“-Parodie „Kil Buljo“ das erste Mal auf sich aufmerksam
machte und dann 2009 mit „Dead Snow“ bei Splatterfans für fröhliche Furore
sorgte, lebt voll und ganz vom eigenen Bewusstsein nicht mehr darbieten zu
können (und zu wollen), als hemmungslose Freude an Ungereimtheiten sowie Übertreibungen.
Hänsel und Gretel scheinen mit ihrer Mentalität und Auftreten direkt aus einem B-Western
zu entspringen. Erst schießen, dann fragen. Es sind eh alle Hexen böse. Klar,
da schwingt eine misogyne Note durch Wirkolas Film. Diese wird zwar nicht damit
entkräftet, dass Hexen als dämonische wie auch naturalistische Gestalten
portraitiert werden und auch gegen Ende, wenn Hänsel, Gretel und der Zuschauer
ein bisschen mehr Erfahren über die verschiedenen Arten von Hexen, entkräftet
dies nicht das wenig latente Gefühl der Diskriminierung. Dass dies nicht zu
einem Ärgernis verkommt, ist relativ simpel: Wer den Film wirklich so ernst
nimmt, dass er glaubt er würde eine frauenfeindliche Haltung besitzen, dem ist
die Ironie von Wirkolas Besenflieger-Hatz vollkommen entgangen und wohl auch
dass Gretel sich durchaus emanzipiert durch das Abenteuer schlägt.
Besonders viel
zum nachdenken bietet „Hänsel & Gretel“ abseits davon aber nicht. Dafür
weckt er Erinnerungen und zwar trotz seiner modernen Action-Stilistik, an die Zeiten,
als Märchen noch finster und grausam waren. Alleine das Design der
verschiedenen Hexen erweist sich als wunderbarer Verweis an staubige, schwere
Märchenbücher in deren Inneren schauerliche Zeichnung und Beschreibungen auf
den Lesern warteten. Vielleicht tat das mitwirken von Europäern – gedreht wurde
zum Teil in Babelsberg – dem Film gut. Anders als in anderen, vornehmlich
amerikanischen Märchenfilmen, wirkt hier alles wunderbar erdig und kitschfrei.
Besonders deutlich wird dies bei den Hexen. Jede besitzt über einen eigenen
Look und diese erinnern zum Teil an Gothic
Metal, aber auch an die schön-schrecklichen Fratzen eines „Tanz der Teufel“.
Henrietta lässt schön grüßen.
Hänsel. Mal ehrlich wer zittert bei diesem Namen nicht?
Trotz allem funktioniert
„Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ weniger als Horrorstück, sondern mehr als
spaßbetonte Action-Gaudi. Tommy Wirkola hält dabei durchaus gut die Balance. Er
weiß wann Pausen ratsam sind und wann es wieder halsbrecherische Aktionen im
Zentrum stehen sollten. Dabei verlässt er sich nicht nur auf handelsüblichen Radau. Ohne mit der Wimper zu zucken lässt er auch magisches, blutiges und fremdländisches
zu. Was ein Troll bei Hänsel und Gretel zu suchen hat? Keine Ahnung, aber auch dieser
bringt amüsante Momente in die Inszenierung mit ein. Leider haben die „Hexenjäger“,
die u.a. von Will Ferrell produziert wurden, den Fehler, dass sie storytechnisch häufig Erwartungen schüren, diese aber zu oft nur marginal behandeln. Hänsels
Diabetes, der Zwist zwischen dem Amtsrichter und dem Bürgermeister sowie
Gretels Fan und dessen Schwärmerei für sie, dies wird alles so in die Geschichte
integriert, dass eine Fortführung dieser Handlungsfragmente unausweichlich scheint. Sie werden dann
aber nur zaghaft oder sehr halbherzig weiterentwickelt oder sogar ganz und gar
fallengelassen.
„Hänsel und
Gretel: Hexenjäger“ ist sicherlich nicht perfekt. Hinter seiner ironischen Art
steckt ein sehr einfaches Konzept und mit seinem Duktus aus Action, Blut, Humor
und Horror kann er nicht dauerhaft kaschieren, dass er doch recht häufig sehr
krampfhaft versucht seinen Stil aufrecht zu erhalten. Wer gravierende Fehler
sucht, wird sie hier definitiv finden. Wer ohne größere Ansprüche unterhalten
werden will allerdings auch und wer mal wieder ein Werk sehen will, dessen 3D überzeugt, ist hier auch richtig.