Review: THE TEAM – Ermittlungen im europäischen Rahmen

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Fakten:
The Team
Dänemark, Belgien, Deutschland, Österreich, Schweiz. 2015. Regie: Kathrine Windfeld, Kasper Gaardsoe. Buch: Mai Brostrom, Peter Thorsboe. Mit: Lars Mikkelsen, Jasmin Gerat, Veerle Baetens, Miriam Stein, Alexandra Rapaport, Nicholas Ofczarek, Andreas Pietschmann, Jella Haase, Carlos Leal, Nadeshda Brennicke, Filip Peeters u.a. Länge: 8 Episoden á 57 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
In Antwerpen, Kopenhagen und Berlin werden innerhalb von drei Tagen drei Leichen gefunden, allesamt Prostituierte, denen ins linke Auge geschossen wurde und denen ein Finger abgeschnitten wurde. Die Kommissare Harals Bjorn (Lars Mikkelsen), Jacky Mueller (Jasmin Gerat) und Alicia Verbeeck (Veerle Baetens) und ihre Teams müssen also auf internationaler Ebene zusammenarbeiten, um diese undurchsichtigen Verbrechen aufzuklären. Schon bald nehmen die Ermittler den Menschenhändler und Zuhälter Marius Loukauskis (Nicholas Oczarek) ins Visier – und entdecken, dass noch viel mehr dahinter steckt, als bisher angenommen.





Meinung:
Zehn Millionen Euro, acht Nationen, über ein Jahr Produktionszeit: Die europäische Mini-Serie „The Team“ hat tatsächlich sehr große Ausmaße angenommen. Ein riesiger Cast und zahlreiche Actionszenen tragen ebenfalls dazu bei. Bei diesen Zahlen sind die Erwartungen natürlich nicht gering, besonders wenn die beiden tollen dänischen Regisseure Kasper Gaardsoe und die leider zu früh verstorbene Kathrine Windfeld beteiligt sind. Nichts Geringeres als ein neues Genre wollte Windfeld mit „The Team“ etablieren. Einen Krimi, der, ganz im Zeichen der wachsenden EU und der zunehmenden Globalisierung, die staatlichen Grenzen sprengt und die internationale Ermittlungsarbeit ins Zentrum stellt. Ein europäischer Krimi.


Die Ermittler müssen international arbeiten
Und ja, die Miniserie ist europäisch, zumindest auf dem Papier. Deutschland, Belgien, Dänemark, dazu Litauen und Österreich – die Ermittler gondeln über den halben Kontinent, haben mit Leichen und Verdächtigen mindestens genau so vieler Nationalitäten zu tun und die Ermittlerteams sprechen untereinander jeweils in ihren Landessprachen, es sei denn sie kommunizieren über Internet oder Handy auf Englisch, welches dann aber wirklich schwierig zu verstehen ist. Eigentlich alles international und doch, es will sich einfach kein europäischer Charakter einstellen, was auch immer das sein soll. Dass all diese Länder und all diese Sprachen beteiligt sind, wirkt leider völlig beliebig. Vielmehr hätte der Krimi wohl genau auf diese Weise in nur einem Land gedreht werden können. Auch die landestypischen Eigenheiten der Nationalitäten, die Mentalitäten oder auch die optische Wirkung der Staaten kommen nicht wirklich beim Zuschauer an. Die mögliche Wirkung verpufft viel zu schnell und schöpft ihr Potential nicht im Ansatz aus. Vielleicht sind dafür auch die Nationalitäten nicht unterschiedlich genug gewählt worden. Sollte die Serie der Maßstab sein, dann sind sich Belgier, Dänen und Deutsche dann doch verdammt ähnlich.


Wie steckt der aalglatte Loukauskis mit drin?
Inszenatorisch merkt man der Serie ihren Fernsehfilm-Charakter doch immer wieder an. Lediglich die Handkamera versucht sich ans „große Kino“ anzubiedern, ohne aber die gleiche Wirkung zu erzeugen. Hier ist der Zuschauer eben nicht als stiller Beobachter dabei, sondern die intendierte Wirkung der Kamera, nämlich Authentizität vorzutäuschen, im Sande verläuft. Vielleicht ist es den Machern auch selbst aufgefallen, denn die schlecht ausgelichteten Büros der Ermittler und die vielen düsteren und teilweise tatsächlich blutig-brutalen Szenen versuchen so etwas wie Spannung zu erzeugen, wenn es schon nicht authentisch wirkt. Das gelingt auch, zumindest phasenweise, wobei man auch feststellen muss, dass besonders die ersten vier Folgen doch sehr zäh wirken. Ohne Zweifel hätte man sich bereits hier eine komplette Folge sparen können und so auch die Dynamik der Erzählung steigern können. Was ein wenig sauer aufstoßen lässt, sind die vielen Klischees in der Serie, genauso wie kleine aber doch immer wieder auftretende unlogische Verhaltensweisen. Dass eine Kommissarin ihre Telefonnummer auf die Hand eines Barkeepers schreibt anstatt ihre Karte zu geben oder die Nummer wenigstens auf einen Zettel zu schreiben, ist da nur eine der vielen Elemente.


Auch an blutigen Tatorte heißt es: kühlen Kopf bewahren
Der Kriminalfall selbst ist wirklich toll, verzwickt geschrieben, spannend vom Anfang bis zum Ende, mit ein paar politischen Einflüssen und doch will die Mini-Serie einfach nicht recht in Schwung kommen. Grund sind die, wieder einmal Klischeebeladenen, privaten Probleme der Ermittler. Verhältnisse, Drogen, Prostitution – im privaten Umfeld der Ermittler läuft, einmal mehr, alles Mögliche schief. Leider wird das auch alles recht ausführlich gezeigt und lähmt die ohnehin langsame Serie noch zusätzlich. Immerhin nehmen Teile dieser Nebenplots in der zweiten Hälfte auch Bezug auf den eigentlichen Fall, dennoch wirken sie lange sehr ermüdend. Gleich etwas mehr Vertrauen der Macher zu ihrer Hauptgeschichte wäre hier wirklich wünschenswert gewesen, denn hierin steckt ein fein geschliffener Diamant, den man als Zuschauer aber erst finden muss. Der Cast hätte besser zusammengestellt werden können. Während der Däne und Mads-Bruder Lars Mikkelsen (Sherlock, House of Cards) eine tolle, tiefgründige Leistung zeigt und auch die Belgierin Veerle Baetens (The Broken Circle, Code37) noch einigermaßen mithalten kann ist die Deutsche Jasmin Gerat (Kokowääh, Nicht mein Tag) doch immer wieder offensichtlich überfordert mit einer ihrer wenigen ernsten Rollen. Die harte, kalte Ermittlerin wirkt bei ihr nicht echt und auch ihre Sätze spricht sie fast schon lustlos daher.


„The Team“ enthält zusammenfassend eine wirklich gute Idee und hat daher auch das Potential, eine ganze Reihe europäischer Kriminalgeschichten auszulösen, stets mit unterschiedlichen Ermittlerteam-Kombinationen. Allerdings krankt die Serie an so einigen Dingen wie nicht ganz ausgegorenen Cast-Entscheidungen, der Überladenheit durch zu viele Nebenplots, dem fehlenden europäischen Charakter und viel u vielen Klischees. Da geht tatsächlich unter, dass ein spannender Kriminalfall in dieser Serie steckt, der es verdient gehabt hätte, mehr im Rampenlicht zu stehen.


5 von 10 einäugige Leichen


Review: THE ZERO THEOREM – Warten auf eine Erklärung

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Fakten:
The Zero Theorem
UK. 2013. Regie: Terry Gilliam. Buch: Pat Rushin.
Mit: Christoph Waltz, Mélanie Thierry, David Thewlis, Lucas Hedges, Matt Damon, Tilda Swinton, Peter Stormare, Ben Whishaw u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In einer nicht näher benannten Zukunft sucht der Programmierer Qohen Leth abseits seiner Arbeit nach dem Sinn des Lebens. Die Suche nach dem alles erklärenden „Zero Theorem“ wird für ihn dabei mehr und mehr zur Obsession.





Meinung:
Terry Gilliams "The Zero Theorem", der nach "Brazil" und "Twelve Monkeys" den Abschluss der sogenannten Orwell-Trilogie bildet, ist selbst für Gilliams Verhältnisse ein eigensinniger Film. Das fällt vor allem dann auf, wenn man versucht, die Handlung zusammenzufassen: Der soziophobe und latent autistisch wirkende Qohen (großartig dargestellt von Christoph Waltz) arbeitet für ein großes Unternehmen am sogenannten Zero Theorem, während er privat fieberhaft auf einen mysteriösen Anruf wartet. Punkt. Das ist, grob gesagt, die Handlung. Doch worin genau besteht Qohens Arbeit? Was ist sein Hintergrund, sein Werdegang? Was steckt hinter dem Zero Theorem? Und welchen Plan verfolgt der Chef des Unternehmens (Matt Damon), für das Qohen arbeitet?


Qohen ist in guten Händen
Vieles bleibt hier verborgen, vieles wird angedeutet, stellenweise expliziert, aber dann - offenbar bewusst - wieder verwischt. Wir sehen Qohen bei der Arbeit zu, schauen mit ihm auf seinen Bildschirm, und verstehen doch nicht. Die Visualisierung seines Jobs - Würfel mit Formeln und Zahlen darauf, die im virtuellen Raum umhergeschoben werden - stellt bereits die höchste Stufe des explizierenden Entgegenkommens dar. Den Rest müssen wir uns selbst zusammenreimen.Das liegt jedoch weniger an der Faulheit Gilliams, und ebensowenig am bescheidenen Produktionsbudget (für das auf visueller Ebene absolut Beachtliches geleistet wurde). Vielmehr scheint "The Zero Theorem" mit diesem Verwirrspiel die Bedeutung seiner Botschaft direkt am Publikum praktisch zu illustrieren: Es gibt Dinge, in denen sich kein intrinsischer Sinn erkennen lässt. Darum konstruiert euch den Sinn selbst! Denn genau das ist - Spoiler Alert - die Einsicht, die auch Qohen im Laufe dieser initiatorischen Geschichte hat, beziehungsweise: Die ihn von außen mit aller Härte trifft. Schließlich wartet er schon seit Jahren auf den einen Anruf, der ihm den Sinn seines Lebens mitteilt. Ein Anruf, der jedoch niemals kommen wird - so viel weiß Qohen am Ende. 


Es gibt Dinge, in denen sich kein intrinsischer Sinn erkennen lässt. Das Leben ist eines davon. "The Zero Theorem", wenn man ihn von all jenen 'klassischeren' Genreelementen befreit, die er durchaus auch besitzt (Überwachungswahn, virtuelle Realitäten, übermächtige Konzerne, et cetera), ist daher im Kern ein zutiefst existentialistischer Film. Dabei vermeidet das Drehbuch von Pat Rushin jeglichen Selbstfindungskitsch, aber auch allzu großen Zynismus, und verdeutlicht anhand des Protagonisten und dessen schwieriger Sinnsuche vor allem eines: Leben bedeutet "zur Freiheit verurteilt zu sein" (Jean-Paul Sartre). Dass dies in extremen Fällen in eine einzige bedrohliche Angstspirale führen kann, führt der Film uns ebenso vor Augen wie die stets vorhandene Möglichkeit des Ausstiegs aus derselben. Wie ein solcher Ausstieg aus dem Gefühl existentieller Verlassenheit aussieht, wissen wir nicht einmal - auch nicht in Bezug auf Qohens konkreten Fall - dann, wenn der Abspann läuft, denn dazu werden gegen Ende verschiedene Realitäts- und Wahrnehmungsebenen zu sehr verwischt. Im Geiste des Filmes heißt es somit schließlich für den Zuschauer, sich seinen eigenen Sinn des Ganzen zu konstruieren. Wo die Arbeit von Gilliam und Konsorten endet, beginnt die Arbeit im Kopf des Rezipienten. Das ist Genrekino mit Anspruch.


7 von 10 virtuellen Zahlenwürfeln


von Ben Kenobi

Review: LET US PREY - Abrechnung zur Geisterstunde

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Fakten:
Let Us Prey
GB, IR, 2014. Regie: Brian O’Malley. Buch: David Cairns, Fiona Watson. Mit: Liam Cunningham, Pollyanna McIntosh, Bryan Larkin, Hanna Stanbridge, Douglas Russell, Niall Greig Fulton, Jonathan Watson, Brian Vernel, James McCreadie u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.



Story:
Die junge Polizistin Rachel ist gerade auf dem Weg zu ihrer ersten Nachtschicht in einem Kaff in Schottland. Dort wird sie Zeuge eines Autounfalls, dessen Opfer scheinbar spurlos verschwindet. Im Revier angekommen, muss sich Rachel den Sticheleien ihrer misstrauischen und zwielichtigen Kollegen erwehren, als plötzlich das Unfallopfer auftaucht. Die Herkunft des schweigsamen Mannes ist völlig rätselhaft, zudem übt der Fremde einen dunklen Einfluss auf die inhaftierten Sträflinge aus. Schon bald scheint die Hölle auf Erden auszubrechen…






Meinung:
„Die Dinge, die ich gesehen habe, würden Engel zum Weinen bringen. Und sie haben geweint.“

Das noch relativ frische Label PIERROT LE FOU hat sich mit wenigen Ausnahmen konsequent der harten, nicht jugendfreien Linie verschrieben. Neben Thrillern, Actionfilmen und Erotik zählen dazu natürlich auch Horrorfilme, gerne auch welche der Sorte, die unsere FSK so nicht gerne sieht. Schon einige Filme fielen durch deren Prüfung, was das Label zur doppelten Veröffentlichungspolitik nutzte. Für den freien Markt eine gekürzte Fassung, über die gängigen Umwege (und den entsprechenden Preisaufschlag) eine Uncut-Edition, die dafür in schicker Aufmachung und im Mediabook, damit der tiefere Griff in die Tasche nicht ganz so wehtut. Wie zuletzt beim Weihnachtsslasher „Silent Night“ nun auch bei „Let Us Prey“, dem Spielfilm des bis dahin als Werbe- und Kurzfilmer tätigen Regisseurs Brian O’Malley.


Logenplatz für die Selbstzerfleischung.
Seine Wurzeln lässt er gleich zu Beginn erkennen, wenn „Let Us Prey“ sich optisch durchaus beeindruckend präsentiert. Begleitet von einer Schar Krähen taucht ein mysteriöser Mann an der schottischen Küste auf, offensichtlich mit einem klaren Ziel vor Augen. Sein Weg führt ihn in die Straßen eines des nachts gottverlassen scheinenden Örtchens, während sich seine geflügelten Begleiter auf den Dächern sammeln, wartend auf das, was noch kommen soll. Dieser Einstieg gelingt O’Malley hervorragend und zunächst gestaltet sich sein Film gar nicht mal als die angekündigte Blutkeule, viel mehr stehen Stimmung und Bedrohung im Fokus der Präsentation. Offenkundig als Hommage an die goldenen Jahre des (einstigen, so traurig das ist) Genregenies John Carpenter angelegt. Nicht nur der minimal Synthesizersound erinnert an die frühen Werke des Meisters, schnell kommen Erinnerungen an dessen zweiten Spielfilm „Assault – Anschlag bei Nacht“ auf, wenn sich das Geschehen in das Polizeirevier des (angeblich) mausgrauen Kaffs verlegt. Diesmal kommt die Bedrohung jedoch nicht von außen, sie lauert im Inneren. Damit ist nicht nur der räumliche Aspekt gemeint: Auch hinter den Vorhängen, den Haustüren, in den Straßengräben der kleinen Gemeinde liegen dunkle Geheimnisse verborgen, ebenso wie in den Köpfen ihrer schwärzesten Schafe, die sich – wie der Zufall (?) so will – in dieser Nacht alle in dem Revier einfinden.


Nicht Jesus, nicht Arnie, hier grillt der Chef noch selbst.
Der Fremde liest in ihnen wie in offenen Büchern, konfrontiert sie mit ihren Leichen im Keller und beschwört somit zusehend die Eskalation herauf, ohne jemals wirklich aktiv eingreifen zu müssen. Dafür ist er nicht hier, seine Aufgabe liegt mehr im Überbringen der Nachricht und dem Einfordern des Preises, wenn die Stunde geschlagen hat. „Let Us Prey“ ist besonders in diesem Teil sehr vielversprechend, wenn sich dieser bemerkenswert inszenierte Erstling noch auf seine unheilvolle, mysteriöse Bedrohung konzentriert, wobei hier schon ersichtlich ist, das er die Kreativität nicht mit dem großen Löffel gefressen hat. Ähnliche Konstellationen gab es über die Jahre immer wieder und die erfahrenen Genrefans sollten vom weiteren Verlauf der Handlung nicht sonderlich überrascht werden. Dennoch dürfte es dem Film gelingen, auch von ihnen viele abzuholen, zu fachkundig und fingerfertig wird das Ganze vorgetragen, das vor sich hin schwelende, drohende Inferno bereits vor Augen, dass sich nach gut der Hälfte mit brachialer Härte entlädt. Nun werden die hungernden Gore-Hounds auch endlich zum Futternapf geführt, nach der Devise „Here Comes The Pain“ werden die Sünder genüsslich in den blutigen Beichtstuhl gedrückt, inklusive selbstgelegtem Fegefeuer und einem Overkill an biblischen Zitaten, die in dieser Penetranz schon gehörig die Nerven strapazieren.


„Let Us Prey“ macht nur keine Gefangenen mehr, er verarbeitet sie zu Hackfleisch. Dadurch büßt der Film natürlich seine einst starke Stimmung ein gutes Stück ein und lässt darüber hinaus die vielleicht doch noch erhofften Überraschungen vermissen. Überdeutlich bedient man sich mit beiden Händen im Fundus des Horrorfilms der letzten Jahrzehnte, packt wenig bis gar nichts Eigenes dazu und zeigt sich im Finale schon etwas platt und abgedroschen, rein den Akt der rohen Zerstörung vor Augen. Das macht er dafür nicht schlecht. Die eventuell höher gesteckten Erwartungen kann er letztlich nicht erfüllen und ist nicht mehr als ein technisch gut bis sogar sehr gut umgesetzter Genrebeitrag, der sich für zwischendurch aber allemal eignet. Macht leicht Hoffnung auf mehr, denn Brian O’Malley scheint was zu können. Wieviel, das wird die Zukunft zeigen. 

6 von 10 verglühten Streichhölzern

Review: FAST & FURIOUS 7 - ZEIT FÜR VERGELTUNG - Eine angemessene Trauerrede

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Fakten:
Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung (Furious 7)
USA. 2015. Regie: James Wan. Buch: Chris Morgan. Mit: Vin Diesel, Paul Walker, Dwayne Johnson, Jason Statham, Tyrese Gibson, Michelle Rodriguez, Chris „Ludacris“ Bridges, Jordana Brewster, Kurt Russell, Ronda Rousey, Tony Jaa, Lucas Black, Elsa Pataky, Djimon Hounsou, Ali Fazal, John Brotherton, Noel Gugliemi, Luke Evans u.a. Länge: 137 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Seitdem die Crew rund um Dom Toretto und DSS-Agent Luke Hobbs den finsteren Ex-SAS-Agenten Owen Shaw erledigt hat, ist ein Jahr vergangen. Das Team gespannt sich in der Heimat, doch schon bald quietschen wieder die Reifen, denn Shaws Bruder Deckard, will Vergeltung und er tut alles, um diese zu bekommen.





Meinung:
Man muss es sich einfach nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Das einst so reizlose „The Fast and the Furious“-Franchise rast in diesem Jahr mit quietschenden Reifen tatsächlich schon in die siebte (!) Runde. Wer hatte nach dem desaströsen „The Fast and the Furious – Tokyo Drift“ schon eine Ahnung von dem qualitativen Quantensprung haben können, der sich in „Fast & Furious – Neues Modell. Originalteile“ schon leise anbahnte, in „Fast & Furious 5“ dann aber wie entfesselt aus allen Nähten platzte. Inzwischen hat sich die Reihe zu einem wahren Happening entwickelt, welches nicht nur Autofanatiker anlockt, sondern auch den Action-Fans der alten Schule das Bäuchlein pinselt. Wenngleich der immer noch durchaus gelungene „Fast & Furious 6“ zwar nicht an den furiosen Vorgänger anknüpfen konnte, hat es nun mit „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ die Episode in die Lichtspielhäuser geschafft, auf der die meisten Augen gerichtet sein werden - Und das selbstverständlich aus einem äußerst tragischen Umstand heraus.


 
Big Gun, Big Fun
Der schockierende Unfalltod des gerade einmal 40-jährigen Paul Walkers am 30. November 2013 legt sich wie ein melancholischer Schleier fortwährend deutlich spürbar über das Haupt der Produktion. Es wäre eine auf Verlogenheit basierende Lüge, würde man Paul Walker nun aufgrund seines plötzlichen Dahinscheidens als außergewöhnliche Schauspielgröße über den grünen Klee hieven, eine akzeptable Genre-Type aber steckte zweifelsohne in dem blonden und blauäugigen Sonnyboy aus Kalifornien. Wie also wäre es möglich, Paul Walkers letzten Auftritt pietätvoll umzusetzen, ohne seine Figur, den ehemaligen FBI-Agent Brian O'Connor, grobschlächtig aus dem Film zu schreiben, wie es zuerst versucht, zum Glück aber nicht umgesetzt wurde. Mit Hilfe passender Body Doubles (seine Brüder Cody und Caleb Walker standen postwendend parat) und den erstaunlichen Fähigkeiten der Hochleistungsrechner, dürfen wir uns nun nicht nur an Paul Walkers 130-minütigen Vermächtnis sattsehen, sondern auch jede Menge Spaß dabei haben, bis – womöglich – auch mal eine salzige Perle aus dem Knopfloch gewischt werden darf.


Stuntman Mike hat in "F&F7" nur gute Absichten, oder?
Um es vorweg gleich klarzustellen: Das Drehbuch von Chris Morgan ist genauso krude, wie wir es vom Franchise seit jeher gewohnt war. Unwahrscheinlichkeiten und sonderbare Schnellschussherleitungen pflastern den Weg von einem sensationellen Set Piece zum nächsten. Es macht aber auch gar keinen Sinn, sich an den klaffenden Logiklöchern von „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ aufzureiben, bekommen wir doch wieder einmal eine grelle Action-Sause serviert, die sich rein durch ihre Fotografien zu artikulieren versteht. Nachdem in „Fast & Furious 6“ halb London in Schutt und Asche gelegt wurde, um den niederträchtigen Owen Shaw (Luke Evans) das verruchte Handwerk zu legen, ist es nun sein Bruder Deckard (Jason Statham), dem es nach Rache dürstet. Und so etabliert sich „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“, der mäßige Untertitel verrät es bereits, erst einmal als nach alttestamentarischen Prinzipien ausgerichteter Revenge-Flic, in dem Jason Statham unsere liebgewonnene Gruppe um Dominic Toretto (Vin Diesel) und Co. nacheinander zerschlagen möchte.


Das kommt davon wenn im Autoradio immer "I believe I can fly" dudelt
Natürlich hat er sich da mit den Falschen angelegt, auch wenn er Muskel- und Charismaberg Dwayne Johnson zu Anfang direkt mal auf die Krankenstation befördern darf. Mit James Wan hat das „The Fast and the Furious“-Universum nun auch einen Regisseur gefunden, der es versteht, wie man zünftig Krach macht. Wo die grobmotorische Handhabung Wans in seinen dürftigen Horror-Hommagen „Insidious“ oder „The Conjuring – Die Heimsuchung“ noch negativ aufstieß, kommt nun quasi mit seiner Person und „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ das zusammen, was auch zusammen gehört. Dass dem australischen Filmemacher auch gleich die Ehre zuteil werden sollte, ausgerechnet diesen vom Schicksal emotional besonders aufgeladenen und irgendwie morbide erscheinenden Teil unter seine Fittiche zu nehmen, hat wahrscheinlich einige Anspannungen auszustehen in Anspruch genommen. Wan aber macht seine Sache ordentlich bis ziemlich gut und beherrscht es partiell vortrefflich, den kinetischen (Über-)Druck, der in den aufgeplusterten Fotografien kontinuierlich wabert, wie ein Schuljunge im Spielzimmer freizulegen.


Freilich ist es unlängst Usus geworden, dass die physikalischen Gesetzmäßigkeiten innerhalb der „The Fast and the Furious“-Vehikel außer Kraft treten, „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ aber ist nun endgültig an einem Punkt gekommen, an dem die Übertreibung nicht mehr nur einfach vollzogen wird, sondern wie eine penetrante Neonreklame über allen halsbrecherischen Set Pieces justiert wurde: Infernalische Pyrotechnik, todessehnsüchtige Sprünge mit dem Automobil von einem Wolkenkratzer zum nächstgelegenen und wenn sich einer der Boliden dann mal wieder überschlägt, dann gleich unzählige Male, selbst in den luftigsten Höhen, um dann noch einen Abhang hinunter zu dreschen und gnadenlos in ein anderes Gefährt hineinzuschleudern. „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ generiert wirklich entzückenden Proll-Überschwang, sobald es kracht, leuchten die Augen, und dass sich die markigen Charaktere ohnehin langsam ins Herz gespielt haben, macht die letzte Sequenz erst so richtig gewichtig. Niemand hätte wohl gedacht, dass es irgendwann mal wirklich in den Bereich des Möglichen rutschen würde, eine „The Fast and the Furious“-Episode zu sehen, die tatsächlich berühren darf.


6 von 10 Autos an Fallschirmen


von souli