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Review: SCARFACE – Die grelle Ballade der Selbstzerstörung

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Fakten:
Scarface
USA. 1983. Regie. Brian De Palma. Buch: Oliver Stone. Mit: Al Pacino, Steven Bauer, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Paul Shenar, Robert Loggia, F. Murray Abraham, Miriam Colón, Mark Margolis, Ángel Salazar, Al Israel, Geno Silva, Michael P. Moran u.a. Länge: 170 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Tony Montana kommt als kubanischer Flüchtling, zusammen mit seinem besten Freund Manny, nach Miami, Florida. Um an eine Green Card zu kommen, begeht er einen Auftragsmord, doch damit ist seine kriminelle Laufbahn noch nicht beendet. Tony verdient sich als Handlanger des Gangsterbosses Frank López Respekt sowie Geld und steigt schnell in der Hierarchie auf und begegnet seinen Feinden mit Gewalt und Skrupellosigkeit.





Meinung:
Brian de Palma war nie der Künstler, der allein mit seinem Namen die großen Publikumsmengen in die Kinos locken konnte. Nicht selten war der Mann aus New Jersey den Filmstudios sogar ein enervierender Dorn im Auge. Wenn wir uns jedoch retrospektiv der Karriere von Brian De Palma annehmen, dann dürfen wir zum einen feststellen, dass diese Animositäten nicht von ungefähr kommen, so expressiv De Palma zum Teil mit den Grenzen des guten Geschmack gespielt hat – und wie oft jene auch überschritt -, zum anderen aber auch, dass De Palma nicht nur einen Klassiker in seinem Leben inszenierte, sondern eine ganze Bandbreite dieser vorzuweisen hat: „Carrie“ „Blow Out“, „Die Unbestechlichen“ und sein kommerziell erfolgreichster Film „Mission: Impossible“. Inzwischen aber ist die Luft raus, De Palma schnorchelt nur noch auf Sparflamme durch die Weltgeschichte und persifliert seine charakteristischen Qualitäten heutzutage traurigerweise unfreiwillig. Kontemporär ist es da schon eher verständlich, wieso man seinen Namen von den Kinoplakaten streichen könnte.


"You wanna fuck with me? Okay. You wanna play rough?"
Der sleazige Hitchcock-Epigone hat mehrmals sein Können in differenten Bereichen unter Beweis gestellt, aber wenn wir uns dann an sein Opus Magnum heften wollen, finden wir uns im Jahre 1983 wieder und treffen auf die ikonisch-gefeierte, nach wie vor umstrittene, aber durch und durch meisterhafte Gangster-Groteske „Scarface“. Selten nämlich hat es ein Film geschafft, eine derart atmosphärische Sogwirkung zu entfachen, die die 1980er in artifiziellem Retrocharme wieder greifbar macht und plastisch auf den Zuschauer zu projizieren. John A. Alonzos Kamera fungiert dabei mal wieder ganz nach dem obsessiven Kunstverständnis De Palmas, suhlt sich in hervorragenden Plansequenzen und Perspektivwechseln, ohne seinen Manierismus aber als Selbstzweck auszureizen und in negativer Penetranz auf den Zuschauer wirken zu lassen. Dazu dann noch Giorgio Moroders treibender Score und die zeitgenössischen wie kongenial selektierten Songs wie „She's on Fire“, „Shake it Up“ und ganz besonders „Push it to the Limit“, die das audiovisuelle Paket exquisit abrunden.


"Lesson number two: Don't get high on your own supply. "
Als in der Hip-Hop-Szene frenetisch-angehimmelter Tony Montana sehen wir den nicht minder legendären Al Pacino. Dass De Palma nie sonderlich viel Wert auf die Schauspielführung gelegt hat, ist kein großes Geheimnis, dass diese Freiheiten einem Akteur wie Al Pacino nur in die Karten spielen würde, zeigt sich an seiner Performances des Tony Montana: Ein temperamentvolles Pulverfass in Personalunion, ein Monstrum mit unvergleichlicher Ausstrahlung, mit einem ganz eigenen Sprachstil, welcher den Zuschauer an die Lippen Montanas heftes, jedes Wort aufsaugen lässt und bei einem anderen Schauspieler womöglich komplett ins Lachhafte gekippt wäre. Überzogenheit, pures Overacting formiert sich zu einer ganz eigenen Authentizität und evoziert eine Präsenz, mit der Pacino seine ebenfalls toll besetzten und überzeugend aufspielenden Kollegen Steven Bauer, Michelle Pfeiffer und Robert Loggia problemlos an die Wand drückt. Es ist die One-Man-Show eines der besten Darsteller aller Zeiten, ungezügelt und doch pointiert in jeder Regung, in jedem Wort.


"Say Hello to my little friend"
Fidel Castro eröffnete 1980 den Hafen von Kuba und wollte damit bezwecken, dass die getrennten kubanischen und amerikanischen Familien wieder zusammenfinden, eine Einheit bilden können. Doch er hatte noch einen anderen Plan und zwang die Fahrer, die die Menschen von Kuba in die USA brachten, auch die Sträflinge der Heimat mitzunehmen um Kuba selbst von der Delinquenz zu befreien. Mit dieser Rede Castros tauchen wir in die grelle Welt von „Scarface“, der trotz Inspiration realistischer Vorfälle voll und ganz der Feder des Drehbuchautors Oliver Stone („Geboren am 4. Juli“) entsprang. Unser Weg beginnt mit Tony Montana in den 1980er Jahren in Florida und der Weg an die Spitze von Montana findet seinen Beginn in einem Sammellager für Kubaner, in dem Tony und Monolo ihren ersten Auftrag erledigen, der den Einstieg in die „dunkle Welt“ ermöglichen wird: Ihnen scheint von Anfang an klar zu sein, dass sie sich mit legalen Mitteln nicht in die anvisierte Höhenregionen katapultieren können. Von dort aus geht alles ganz schnell, Tony macht sich einen Namen in der Szene, wird gefürchtet und bezieht samt üppiger Dekadenz den Thron der Unterwelt.


"You know what capitalism is? Getting fucked!"
Wer bei „Scarface“ mit einer episch-edlen Familienchronik à la „Der Pate“ rechnet, der schneidet sich gewaltig tief ins eigene Fleisch: „Scarface“ ist schmutzig in allen Belangen, Respekt kennt Tony nur vor seinem Geld und seinen Eiern, mit dem Erfolg kommt die Habgier und mit dieser Sucht nach mehr und mehr weiß Tony nicht umzugehen: Tony entfremdet sich langsam eigenständig von der Realität. Man darf „Scarface“ daher auch keinen Fall falsch verstehen, auch wenn erwähnte Musiker jener Branche uns gerne vom Gegenteil überzeugen wollen: Brian De Palma und Oliver Stone verherrlichen das Leben als Gangster zu keiner Zeit, sie reflektieren es hingegen. Sicher sehen wir Tony in einer flamboyanten Welt aus Sex, Drogen, Partys und Alkohol. Doch am Grund dieses bunten Cocktails, hinter dem farbenfrohen Schleier verbirgt sich ein düsteres Drama über die allesfressende Selbstzerstörung. Dramaturgisch im Kern natürlich ganz konventionell als „Rise & Fall“-Geschichte angesiedelt, greift „Scarface“ immer tiefer in seine Materie, in seine Hauptprotagonisten und lässt den Zuschauer Teil eines existenziellen Zerfalls werden; eines haltlosen Individums, welches sich durch seine Besessenheit alle Träume im Rausch zerstören wird.


„I tell always the truth.
Even when I lie.“


Alles läuft auf das unausweichliche, unehrenhafte Ende hinaus und die erschreckende Gefühlskälte, die zermürbende Rücksichtslosigkeit, die Tony an den Tag legt und und mit der er alles vernichtet, was ihm doch eigentlich mal etwas bedeutet hat, angeblich, fällt auf den Drogenbaron zurück. Die Nebenfiguren agieren dabei als Spiegel und akzentuieren Tonys charakterliche Disposition, seine Verrohung, seine Entmenschlichung, seinen Marsch in den eigenen Abgrund, der alles unhaltbar in sich zieht und in den Mühlen des Selbsthasses, der Verlorenheit zermahlt. Brian De Palma knöpft sich den amerikanischen Traum vor, stellt ihn ins hellste Licht, bereitet ihm ein Podium und demontiert diesen, wie Tony, nachhaltig. Hier gibt es keine Helden, keine Vorbilder, Tony ist nicht cool, auch wenn er abgebrüht wirkt. „Scarface“ ist eine Geschichte über einen Menschen, der alles verliert und sich die Schuld dafür schlicht selbst in die Schuhe schieben muss. Ein popkulturelles Monument, ein pulsierendes Meisterwerk, ein Kultfilm, der sich alle nur denkbaren Superlative in der Besprechung redlich verdient hat – Hut ab, vor so viel Weitsicht.


9 von 10 Kettensägen unter der Dusch


von souli

Review: COCAINE COWBOYS - Miami, die Stadt des Kokains

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Fakten:
Cocaine Cowboys
USA. 2006. Regie: Billy Corben. Buch: Robinson Devor. Mit: Jon Roberts, Mickey Munday, Jorge Ayala u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Anfang der 1970 war Miami eine kleine Küstenstadt, doch dann kam das Kokain und die Stadt wuchs. Zeitzeugen erzählen davon, wie die Drogen die Stadt verwandelt haben und welche grausame wie auch lebendige Zeit sie durchlebt haben.




Meinung:
Keine Zeit verlieren. Dies war vermutlich das Anliegen von Regisseur Billy Corben, denn ohne Pause hetzt seine Dokumentation „Cocaine Cowboys“ von einer Information zur nächsten. Statement wird auf Statement gestapelt, die Historie in vollen Zügen ausgebreitet. Es geht um Geld, Macht, Kokain. Im Grunde erzählt Corben die wahre Geschichte von „Scarface“ mit einem ganz neuen Hauptdarsteller, der Stadt Miami, die dank Drogengeschäften von einem Badeort, der bevorzugt von Senioren besucht wurde, zu einer Strand-Metropole wurde, die von den Schönen und Reichen zum hot Spot auserkoren wurde. Einhergehend mit dem Aufstieg der Stadt sind die Lebensgeschichten von cleveren Drogenschmugglern, eiskalten Gangsterbräuten, vielen Toten und Verletzten sowie einer so machtlosen, weil korrupten Polizei.


Drogen, Waffen und Geld. Willkommen in Miami.
„Cocaine Cowboys“ bekommt mit dem kolumbianisch stämmigen Auftragsmörder Rafi und dem einstigen Drogentransporteur Roberts zwei Herrschaften vor die Kamera, die die 1970er und frühen 1980er Jahre in Miami geprägt haben wie kein anderer. Der eine tötete im Auftrag einer scheinbar geisteskranken Drogenbaronin sogar Kinder, der andere schaffte mit einem Freund und dessen Flugzeug über die Jahre hinweg mehrere Tonnen Kokain ins Land. Alleine durch die Statements der Befragten, die zu einer großen, relativ gehetzt wirkenden Collage zusammengeführt wurden, gelingt es Regisseur Corben die Geschichte vom Untergang des alten und dem blutigen Aufstieg des neuen Miami zu erzählen. Einige Fakten, wie z.B. die Tatsache, dass die Polizei sich einen Kühllaster mieten musste, weil sie sonst keinen Platz mehr für die Leichen hatten, die tagtäglich eingeliefert wurden, macht deutlich mit welcher Brutalität der Umbruch zur gefragten Großstadt begonnen wurde. „Cocaine Cowboys“ fokussiert sich dabei nicht nur auf seine Zeitzeugen, sondern deckt auch die Methodik auf, welche die Illegalität in einen Mantel aus Luxus und Wirtschat kleidete. Kaum zu glauben, aber das Bankensystem der Stadt baute sich zu großen Anteilen auf das Geschäft mit den Drogen auf.


„Cocaine Cowboys“ ist eine überaus gelungene Dokumentation, denn es gelingt ihr, dass man als Zuschauer immer wieder verdutzt ist, wenn anscheinende Stereotypen aus den Gangsterfilmen nicht nur bestätigt, sondern oft genug auch noch übertroffen werden. Die hohe Geschwindigkeit mit der dies alles erzählt sowie besprochen wird, erschwert das Anschauen, stoppt aber nicht die Faszination. Das sonnendurchflutete Miami, was Sehnsüchte weckt und mit seinem Look aus Maßlosigkeit und sommerlichen Design diverse Reiseträume beflügelt, es wurde durch Drogen und Grausamkeit errichtet.

7,5 von 10 Gramm Koks

Specials: souli und stu... und die Jagd nach dem nächsten Kick

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Puh, die letzte Nacht war wild und hemmungslos. Während souli mit noch recht unbekannten südamerikanischen Pilzen experimentierte, die ihm kurzzeitig das Gefühl von Unsterblichkeit gaben, tanzte sich stu auf einer Gabba-Party frei und versuchte danach, wie in Trance, die zwei blauen Drachen zu fangen. Nun gut, machen wir es kurz: souli hat sich in die heimische Tiefkühltruhe gelegt und stu wird wahrscheinlich wegen sexueller Belästigung angezeigt. Mit dickem Schädel (beide), einer leichten Erkältung (souli) und Unterleibsschmerzen (stu) haben die zwei es dennoch geschafft eine neue Liste auf die Beine zu stellen. Passend zu ihrem letzten Wochenende sagen sie euch diesmal, welche Drogenfilme sie am besten finden.



stu's Nr. 5: TRAFFIC - DIE MACHT DES KARTELLS - Romantisierung ade
Der oscar-prämierte Episodenfilm „Traffic“ von Steven Soderbergh versammelt nicht nur eine ordentliche Schar von Stars und bekannten Gesichtern, sondern zeigt dem Zuschauer auch minuziös die Abläufe eines Drogenkartells, sowie die Arbeit der Behörden gegen die Syndikate. „Traffic“ ist ein komplexer Film, eingehüllt in ein Meer von monotonen, ausgewaschenen Farben. Jeder Handlungsstrang erhält seine ganz eigene, farbliche Prägung. Das macht den Film stellenweise recht blockig und auch der eine oder andere dramaturgische Kniff wirkt etwas bemüht, aber im Gesamtbild betrachtet erweist sich Soderberghs Blick hinter die oft sehr romantisierte Fassade der Drogenmafia und  deren Bekämpfung als beeindruckendes, filmisches Dokument, welches zu allererst auf- sowie erklären will und sich deshalb oft sträubt sich reinrassiger Unterhaltung anzunähern und wenn, dann eher widerwillig.

souli's Nr. 5: ANANAS EXPRESS - Tiefschläge mit voller Liebenswürdigkeit
Jetzt, gleich zu Beginn, kommt der lustige Anteil meiner Liste, wobei „Fear and Loathing in Las Vegas“ auch schon seine komischen Momente hat, aber egal. In „Ananas Express“ geht es um einen Gerichtzusteller, der nichts lieber tut, als sich einen schönen Joint anzuzünden und genüsslich reinzuziehen. Aber die Probleme lassen nicht lange auf sich warten und schon steckt unser Hauptprotagonist Dale im größten Schlamassel. Regisseur David Gordon Green hat es mal wieder geschafft, Seth Rogen trotz pubertärer Tiefschläge vollkommen sympathisch und liebenswert darzustellen. Die Geschichte selbst ist natürlich nicht Preisverdächtiges, aber die Umsetzung ist so herrlich überdreht und unterhaltsam, dass es einfach nur Spaß macht, James Franco und Seth Rogen bei ihrer Flucht vor dem Chaos zuzusehen. Drogen, Action und jede Menge Skurrilität.


stu's Nr. 4: GRIDLOCK'D - Von der Schwierigkeiten clean zu werden
In den meisten Drogenfilmen ist der Kampf gegen die Sucht, der Versuch aus dem Kreislauf der Abhängigkeit auszubrechen immer wieder ein Thema. „Gridlock’d“ von Vondie Curtis-Hall konzentriert voll auf den Ausbruch aus der (hier) Heroinhölle. Der Film erzählt von den zwei Junkies Spoon und Stretch (Tim Roth und der verstorbene Rapper Tupac Shakur), die traumatisiert vom Beinah-Tod ihrer Heroin-Freundin beschließen clean zu werden. Was sich wie dreckiges Sozial- und Milieudrama anhört ist auch genau das, allerdings verpackt als Komödie. Die beiden Möchtegern-Ex-Junkies haben nämlich davon gehört, dass es Kliniken und staatlich geförderte Organisationen gibt, die beim Entzug helfen. Für die beiden klingt das wie eine Einladung ins Paradies, doch behördliche Willkür, stoische Paragraphenreiter und ihre eigene Sucht machen den Weg zurück in ein normales Leben zu einer Tour de Force, unterlegt mit tragischen, schwarzen und manchmal auch einfach nur verdammt lässigen Witz. Aber zwei wichtige Hinweise noch: Zum einen gibt es einen Film mit gleichem Titel, in dem David Hasselhoff die Hauptrolle spielt und der inhaltlich und qualitativ mit meinem vierten Platz nichts zu tun hat. Zum anderen sollte man nicht glauben, das Regisseur Curtis-Hall den Erfolg seines „Gridlock’d“ wiederholen konnte. Danach drehte er u.a. die Mariah Carey Blamage „Glitter“. Also Vorsicht!


souli's Nr. 4: ENTER THE VOID - Wiedergeburt a la Noé
Ein Gaspar Noe. Und wer den französischen Regisseur kennt, kann sich denken, in welche Richtung „Enter the Void“ geht und wie umstritten von er von der Masse aufgenommen wird. Dabei ist „Enter the Void“ in erster Linie kein Film über den eigentlich exzessiven Drogenkonsum, sondern über die Reinkarnation in Verbindung mit dem Tibetanischen Totenbuch. Gaspar Noe scheut sich natürlich in keinerlei Hinsicht vor extremen Darstellungen. Sex wird so dargestellt, wie er nun mal ist: Nackt und intensiv.  Genau wie der Drogenkonsum nicht verherrlichend offenbart wird, sondern als ausweglose Sucht, die nicht nur sich selbst zerstört, sondern auch all die Menschen, die einem nahe stehen. Sicher ist „Enter the Void“ ein gewöhnungsbedürftiger Film, doch wer sich auf ihn einlässt, und natürlich auch versteht, worauf er hinaus will, wird einen Trip der Extraklasse erleben.


stu's Nr. 3: SPUN - 1000 PS und 5345 Schnitte
Der skandinavische Regisseur Jonas Akerlund drehte bereits recht seltsam-kuriose Musikvideo u.a. für Rammstein oder Madonna, doch all seine Arbeiten für die Musikindustrie verblassen im Vergleich zu Akerlunds Kinodebüt „Spun“. Der Film ist ein einziger, irrwitziger Rausch. Im Mittelpunkt steht Ross (Jason Schwartzman), ein kleiner Junkie der für etwas Speed und Geld den Drogenhersteller Cook (Mickey Rourke) durch die Stadt kutschiert. Klingt alles nicht so wild, ist aber ein Trip mit 1.000 PS, vollem Adrenalinpegel und einem Overkill aus absurden, abseitigen und anarchistischen Ideen. „Spun“ ist, ähnliche wie „Leaving Las Vegas“ schwer mit Worten zu beschreiben. Es ist ein Film der es einem sehr leicht macht ihn nicht zu mögen, alleine die Tatsache dass Akerlunds Spielfilm-Debüt im Guiness Buch der Rekorde steht, für die meisten Schnitte (5345), zeigt, welche berauschende Erfahrung „Spun“ sein kann. Dabei streut der Film zwar auch immer wieder Argumente gegen Drogen ein, die sind aber eigentlich nicht notwendig, denn der Film fordert die Abscheu des Zuschauers mit epileptischen und an die Grenze des Ekels gehenden Szenen geradewegs heraus.  Ein Leben wie ein Drogentrip sieht vielleicht grandios aus, ist aber dennoch nur eins: scheiße. „Spun“ beweist dies äußerst eindrucksvoll.


souli's Nr. 3: FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS - Zwei scheiternde Traumjäger

Hunter S. Thompson ist schon ein Fall für sich, machen wir uns nichts vor, der Gonzo-Journalist hat sich Zeit seines Lebens aus gesetzlicher Sicht immer vollkommen daneben benommen und seinen Drogenkonsum unter den Mantel der Normalität gestellt. Für ihn selbst war es sicher etwas richtig, aber wie man in Wahrheit zu Drogen stehen sollte, mach ich wohl nicht mehr predigen. Aber Hunter S. Thompson war währenddessen auch ein verdammt genialer Kopf, der wie kein zweiter die amerikanischen Ansichten auseinandergenommen hat und den amerikanischen Traum als Illusion offenbarte. Genau darum geht es auch in „Fear and Loathing in Las Vegas“: Zwei Traumjäger machen sich auf nach Las Vegas um an ihren Idealen festzuhalten, doch längst sind sie selber Opfer dieser Zeit und den Lügen Amerikas. Wie Terry Gilliam diese scheiternde Jagd darstellt ist höchste Filmkunst mit einmaliger Sogwirkung, nicht zuletzt dank des genialen Johnny Depps, der als Hunters Alter Ego Raoul Duke eine seiner besten Leistungen abliefert.


stu's Nr. 2: LEAVING LAS VEGAS - Liebe, Leid und Lichter
Neben dem TV-Film „Der Trinker“ mit Harald Juhnke gibt es für mich keinen anderen Film, der Alkoholismus und den Verfall des Abhängigen sowie seiner Angehörigen, bzw. Liebe so schonungslos aber auch so bewegend aufzeigt wie Mike Figgis grandiose Love Story „Leaving Las Vegas“. Nicolas Cage spielt Autor Ben, der vom Leben enttäuscht beschließt, sich in Las Vegas zu tode zu saufen. In der Stadt angekommen lernt er recht bald die Prostituierte Sera kennen. Aus den zwei einsamen Seelen wird ein Paar und es keimt sogar Hoffnung auf, die jedoch durch jeden weiteren Drink, jeden Griff zur Flasche wieder ein Stück niedergerissen wird. Das schmerzt, weil es so kompromisslos aber niemals wertend präsentiert wird. Die klaren Highlights sind die Darsteller. Elisabeth Shue als Sera wirkt wie die Zerbrechlichkeit in Person und Nicolas Cage? Tja, der spielt hier die Rolle seines Lebens. Nie war er besser. Nie nahm er mich so in seinen Bann. Der Oscar war deshalb auch nur Formsache. Ein weiteres markantes Markenzeichen des Films ist sein Spiel mit dem Licht. Regisseur Mike Figgis benutzt hauptsächliche das normale Licht von Vegas und erschuf damit eine ganz eigene Welt, in der Ben und Sera umherschweben, auf den Weg in ihren Untergang.


souli's Nr. 2: SCARFACE - Die innere Leere des Tony Montana
„Scarface“ ist kein reiner Drogenfilm, ist mir schon klar, aber doch erzählt Brian De Palma neben dem Verfall von Tony Montana auch die Geschichte des Heroins in Amerika. Montana ist ein rücksichtloser Geschäftsmann, der immer nur seinen eigenen Vorteil sehen will, aber Gefühle und Ansichten von anderen Menschen immer wieder zerdrückt hat. Am Ende ist die leere von Tony Montana überdeutlich für jeden Zuschauer im eigenen Scheitern verfangen und ein normales Leben ist nicht einmal mehr im Ansatz griffig. „Scarface“ bedeutet Ruhm, Anerkennung und jede Menge illegaler Spaß. Aber „Scarface“ bedeutet auch Selbstzerstörung, Hochmut und Schmerz, vielleicht auch ein gerechter Schmerz, den Tony aufgrund seiner Lebensweise verdient hat. In jedem Fall ist „Scarface“ aber eins: Ein Meisterwerk über Aufstieg und Fall.


stu's Nr. 1: TRAINSPOTTING - Sag einfach ja
Sag ja zum besten Film von Danny Boyle. Sag ja zu einem der besten europäischen Filme der letzten Dekaden. Sag ja zu einem jungen, erfrischend proletarischen Ewan McGregor. Sag ja zu einem verdammt guten Soundtrack. Sag ja zum "perfect day". Sag ja zum Luftgewehr. Sag ja zu grandiosen Kameraeinstellungen. Sag ja zu abgründigen Witz und mitreißender Dramatik. Sag ja zu der wohl beschissensten Toilette Schottlands. Sag ja zu Moralkeulenverzicht. Sag ja zum kalten Entzug. Sag ja zu sehr tiefen Teppichen. Sag ja zu Opiumzäpfchen. Sag ja zu Francis Begbie, Spud, Tommy und Sick Boy. Sag ja zu Valium. Sag ja zur Mutteroberin. Sag ja zu Baby Dawn. Sag ja zu kleinen Kätzchen. Sag ja zu kalter Pilzsuppe und Pornoheften. Sag ja zum Sozialbau. Sag ja zu besudelten Bettlaken. Sag ja zu schockierenden Szenen. Sag ja zu einem der furiosesten und besten Filmanfänge aller Zeiten. Sag ja zu "sag ja". Sag ja zu der tollen Kelly MacDonald. Sag ja zu einem dem wichtigsten Film der 1990er Jahre. Sag ja zu einem der besten Filme aller Zeiten. Sag ja zu „Trainspotting“. Sag ja zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme.


souli's Nr. 1: REQUIEM FOR A DREAM - Vernarbte Gefühle
Darren Aronofskys großes Meisterwerk. In „Requiem for a Dream“ treffen wir auf 4 Seelen, die sich in der unausweichlichen Drogensucht schlussendlich selbst zerstören. Dabei geht Aronofsky mit einer bitteren Konsequenz vor, die nicht nur in Sachen Eindringlichkeit immer voll auf die wunden Punkte schlägt, sondern auch die unverblümte Sichtweise der mittelschichtigen Drogenopfer in aller Deutlichkeit offenbart. Hier gibt keine Sympathiefiguren, und doch schmerzt der Anblick der fallenden Mensch, hier gibt es keine Rührseligkeit, alles ist voll von vernarbten Gefühlen, die sich in ihren Obsessionen längst selbst aus den Augen verloren haben. „Requiem for a Dream“ ist ein aufrüttelnder, intensiver und unvergesslicher Ausflug in menschliche Abgründe, die jeden Ausweg in ein standhaftes Leben vollkommen zertreten haben.



Habt ihr Vorschläge für eine neue Liste? Wenn ja, dann immer her damit.


Wir  danken souli für seine Mithilfe. Wenn ihr mehr von souli lesen wollt dann könnt ihr seine Kritiken und Meinungen zu diversen Filmen bei CinemaForever begutachten oder ihr besucht ihn mal bei Moviepilot.