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Review: AM SONNTAG BIST DU TOT - Die Passion Gleeson

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Fakten:
Am Sonntag bist du tot (Calvary)
IR, GB, 2014. Regie & Buch: John Michael McDonagh. Mit: Brendan Gleeson, Chris O´Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen, Dylan Moran, Isaach De Bankolé, M. Emmet Walsh, Marie-Josée Croze, Domhnall Gleeson, David Wilmot u.a. Länge: 101 Minute. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 20.3. 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Father James erfährt im Beichtstuhl, dass er nächsten Sonntag sterben wird. Sein vermeidlicher Mörder kündigt ihm die Tat an. Er soll stellvertretend für die Unschuld sterben, die ihm einst von einem Priester genommen wurde. Anstatt die ihm bekannte Person zu melden oder sich selbst zu schützen, geht James weiter seinem Tagewerk in der Gemeinde nach, in dem Wissen, dass dies wohl seine letzte Woche auf Erden wird.






Meinung:
Wie 2008 schon seinem jüngeren Bruder Martin McDonagh mit „Brügge sehen…und sterben?“ gelang John Michael McDonagh 2011 mit seinem Kinodebüt als Regisseur  - der schwarzen Krimikomödie „The Guard – Ein Ire sieht Schwarz“ - gleich ein hochgelobter Achtungserfolg. Die beiden Brüder zählen trotz jeweils nur zwei abendfüllenden Spielfilmen bisher schon zu den hoffnungsvollen, frischen Filmemachern der Neuzeit. Martin konnte das mit der zwar mehrheitlich durchaus gefeierten, nichtsdestotrotz eher holprigen und überfrachteten Meta-Posse schon nicht mehr ganz bestätigen, nun also das zweite Werk von Bruder John Michael, dass von Kritikern und Publikum überwiegend als sehr positiv aufgenommen wurde und auch einige Auszeichnungen einheimsen konnte.  


Im Angesicht des Todes, doch wer ist der Killer?
Wie schon in McDonaghs Debütfilm (und dem seines Bruders Martin) übernimmt erneut der kantige Hüne Brendan Gleeson die Hauptrolle. In dieser verkörpert er den katholischen Pfarrer einer kleinen, irischen Gemeinde, dem sein baldiges Ableben angekündigt wird. In einer Woche wird ihn einer seiner Schützlinge töten. Die Ankündigung erfolgt nicht etwa anonym, der Geistliche wird direkt im Beichtstuhl damit konfrontiert. Warum soll er sterben? Nun, weil er unschuldig ist. So unschuldig wie damals sein angehender Henker, der über Jahre von einem Mann Gottes schwer missbraucht wurde. Der Mord soll ein Zeichen setzen, aufrütteln, schockieren. Ein unfassbarer, ungerechter Akt der Vergeltung. Father James kennt den Mörder in spe, im Gegensatz zu uns. Naheliegende wäre jetzt für wohl jeden, alle entsprechend Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Die Person der Justiz melden, untertauchen, sich irgendwie zu Wehr setzen. Doch genau das geschieht nicht. Fast als wäre nichts gewesen, geht James in den folgenden Tagen seinem Alltag nach. Diesmal vielleicht nur noch ein Stück intensiver als sonst. Er geht gezielt auf die zahlreichen grauen und schwarzen Schäfchen in seiner Herde zu, versucht sich um ihre Probleme und Sorgen zu kümmern, auch wenn er dabei meist auf Ablehnung und teils sogar Spott stößt. Beinah unbeirrbar, nur manchmal von menschlichen Zweifeln und Ängsten geplagt, geht Father James seinen Weg, mit einem klaren Ziel vor Augen, dass er sich zwar nicht verdient, ausgesucht oder gar herbeigesehnt hat, doch dieses als scheinbar unausweichliche Fügung des Schicksals sieht. Seine Bestimmung, seine Passion.


Er könnte es sein, halt der "merkwürdige Exot", ...
Auch wenn der unglückliche deutsche Titel einen zunächst in einer andere Richtung lenken mag (im Original „Calvary“ = Kalvarienberg oder auch Golgota, die Hinrichtungsstätte von Jesus Christus) und man ohne Backup-Infos über den Inhalt eventuell erneut an einen unterhaltsam-scharfzüngigen Unterhaltungsfilm mit schwarzem Einschlag denken könnte, es dauert auch ohne diese unfreiwillige Irreführung nicht lange, bis man die Idee von McDonaugh hinter seinem Werk durchblickt hat. Der zwar schwermütig-herzensgute, idealistische, dennoch nicht realitätsblinde Father akzeptiert sein Schicksal, hadert nur zwischenzeitlich und kurz mit ihm und begibt sich auf den Leidensweg Christi, durchlebt dessen letzten sieben Tage vor seiner Kreuzigung. Das Kreuz wird eine Pistole sein, der Berg Golgota ein idyllischer Strand inmitten der nahezu unberührt wirkenden Natur Irlands. Er lädt die Sünden seiner Mitmenschen gezielt auf seine breiten Schultern, versucht auf den letzten Metern noch so viel Gutes zu tun und Beistand zu bieten wie nur möglich, auch wenn es ihm kaum einer danken wird, um am Ende als Heiland gen Himmel zu fahren. Die andere Wange hinhaltend. Sterbend als unschuldiges Opfer, stellvertretend für die kleinen Sünden seiner Mitmenschen und noch viel mehr für die historischen, riesengroßen, unzähligen und unverzeihbaren Sünden seiner Kirche oder zumindest denen, die unter dem Deckmantel ihres Namens an so Vielen verübt wurden.


...oder er, dann wohl mit Zivi, ...
„Am Sonntag bist du tot“ steht somit total zwischen den Stühlen, was durchaus als positiv zu bewerten ist. Einerseits bedient er sich der biblischen Schrift eindeutig und unverkennbar als klare Vorlage (es kann nicht mal mehr als Metapher bezeichnet werden, dafür zu offensiv und direkt vorgetragen), greift dabei andererseits ein Thema, eine scheußliche Wahrheit auf, die für die Kirche einen ihrer größten, nie wieder gutzumachenden Schandflecke darstellt. McDonagh ergreift somit nicht klar Position, macht weder einen Pro- noch Contra-Kirchenfilm, da er sowohl deren Verfehlungen anprangert als auch eine ihrer bekanntesten Geschichten mit ihrem Geist, ihrer Botschaft von Güte, Opferbereitschaft und der Tugend der Vergebung ohne Häme wiedergibt. Geschickt, somit werden Grundsatzdiskussionen von Gläubigen und Atheisten (um nicht zu sagen Realisten) gar nicht unnötig angefacht, es geht mehr um die allgemeine Diskussion, die dieser Film eventuell lostreten kann. Das klingt jetzt eigentlich alles ganz toll oder zumindest mächtig interessant und um mit der letztlichen Bewertung noch mehr zu irritieren: Brendan Gleeson ist mal wieder eine Wucht. Der Kerl hat sich vom charismatischen, auffälligen Nebendarsteller über die Zeit heimlich, still und leise, trotzdem zusehend zu einem Leadingman entwickelt, der einen kompletten Film praktisch im Alleingang stemmen kann. Mühelos. Dazu kommen die durchgehend stimmigen, atmosphärisch treffsicheren Bilder, die tolle, authentische Kulisse. Alles wunderbar.


...oder auch er, das Töten scheint er zu beherrschen.
Das ganz große Problem von „Am Sonntag bist du tot“ mag aufgrund der ganzen positiven und sogar kreativen Aspekte jetzt furchtbar banal klingen, aber es ist entscheidend: So ambitioniert, durchdacht, hintergründig und durchaus individuell das Ganze sein mag, es bleibt irgendwo nur eine ganz smarte Idee, die als Film nicht wirklich mitnehmen zu vermag. Mit Ausnahme von Gleeson und seiner Figur erscheinen alle anderen Charaktere nur als Symbole dargeboten, werden grob skizziert, auf ihre Verfehlungen und Baustellen heruntergebrochen, wandelnde Sorgenkinder und gefallene Seelen, deren Einzelschicksale einem so gar nicht nahe gehen. Vielleicht noch Kelly Reilly als Gleesons depressive, lebensmüde Tochter, von ihr glaubwürdig gespielt, doch selbst gute Nebendarsteller wie „Game of Thrones“-Star Aiden Gillen oder der scheinbar unsterbliche M. Emmet Walsh können nicht gegen die oberflächliche, teils sogar uninteressante Gestaltung ihrer Rollen anspielen. Manche der zahlreichen Figuren scheinen gar überflüssig, werden wohl nur für den Bezug auf die biblische Vorlage mit eingebaut, für die Funktionalität der filmischen Handlung tragen sie so gut wie nichts bei. Insgesamt wirkt der Film zu sehr auf seine bedeutungsschwangere Meta-Ebene fokussiert, ohne das Interesse am grundsätzlichen Verlauf konsequent aufrecht zu erhalten. Sicher, die Dialoge wirken durchdacht, nie zufällig gewählt, was die Handlung nicht weniger trocken macht, aufgelockert durch gelegentliche, lakonische Humorspitzen. Die Aussage, das Konzept steht über allem, was sich negativ auf den Fluss auswirkt. Offenkundig sehr wichtig, clever und künstlerisch, hat man die Nummer aber erst durchschaut (was schnell geht und mit einem Minimum an Konfirmationsunterrichtrestbeständen nicht zu schwer ist), ist der Ablauf eher dröge. Leider.


Es ist durchaus verständlich, dass dieser Film, gerade in seiner Heimat, so überschwänglich aufgenommen wurde. Speziell McDonagh und Gleeson zeigen, was sie rein formell auf dem Kasten haben. Nur ist „Am Sonntag bist du tot“ eher ein gut gemeinter, etwas anderer Film, der aus seinen Ansätzen nicht das große Potenzial herausholt und sich selbst in seinem Anspruch leicht erstickt, zu sehr auf das bestehende Fundament baut, anstatt es wirklich reizvoll auszubauen. Wenn die McDonaugh-Brüder auf Meta machen, ist das noch nicht rund, aber John Michael kann es in dem Fall dennoch besser als sein Bruder, wenn auch ganz anders und mit anderen Problemen in der B-Note. 

5,5 von 10 Totensonntagen

Review: BEZIEHUNGSWEISE NEW YORK - Xaviers amouröse Verstrickungen gehen in die dritte Runde

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Fakten:
Beziehungsweise New York (Casse-tête chinois)
Frankreich. 2013. Regie und Buch: Cédric Klapisch. Mit: Romain Duris, Cécile De France, Audrey Tautou, Kelly Reilly, Sandrine Holt, Joachen Hägele, Benoit Jacquet, Dominique Besnehard, Martine Demaret, Peter Hermann, Jason Kravits u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Xavier ist zweifacher Vater, 40 Jahre alt und lebt in Paris. Von Wendy, die Mutter seiner Kinder, lebt er getrennt. Als sie zurück in ihre Heimat gehen will, zieht Xavier ebenfalls von Frankreich nach New York, um näher bei seinen Kindern zu sein. Doch der Neuanfang in New York gestaltet sich alles andere als einfach für ihn.





Meinung:
Unser erstes Treffen mit dem französischen Volkswirtschaftslehre-Studenten Xavier (Romain Duris) im Jahre 2002 führte uns damals mit „L'auberge espagnole“ nach Barcelona, wo er sich für seinen angestrebten Job die nötige Erfahrung mit der spanischen Wirtschaft aneignen wollte. Drei Jahre später beschenkte uns Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch dann mit dem Nachfolger „L'auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg“, in dem sich Xavier längst in der Arbeitswelt hat festgesetzt und seinem Traum, ein renommierter Autor zu werden, noch inmitten von larmoyanten Skripten zu schäbigen Fernsehserien umzusetzen versucht. Das ehemalige Leningrad soll Xavier dann zusammen mit der im ersten Teil kennengelernten Engländerin Wendy (Kelly Reilly, "Eden Lake") als Ort der Selbstfindung dienen. Nun, nachdem zum etwas größeren zeitlichen Sprung angesetzt wurde, beschert man den Fans der „L'auberge espagnole“-Reihe mit „Beziehungsweise New York“ den dritten und (wahrscheinlich) letzten Teil des Franchise. Aber wäre es wirklich nötig gewesen, aus den amourösen Verstrickungen des sympathischen Franzosen eine Trilogie zu basteln?


Xavier und Wendy
Wohl kaum, haben uns die ersten zwei Teile doch eigentlich alles über die Charaktere und die kniffligen Etablierungsversuche ihrer Sehnsüchte erzählt. Wie es der deutsche Titel „Beziehungsweise New York“ schon verlauten lässt, könnte man meinen, dass der Abschluss der Reihe nun auch problemlos eine alleinstehende Existenz stemmen würde. Und ja, wie schon die beiden ersten Teile, finden wir uns in einer Geschichte wieder, die ihre Schwerpunkte eindeutig verlagert hat und es nicht nötig hält, sich sklavisch an die Vorgänger zu binden – Vorteilhaft wäre es allerdings schon. Das Drehbuch von „Beziehungsweise New York“ nämlich hängt selbstredend an „L'auberge espagnole“ und „L'auberge espagnole – Wiedersehe in St. Petersburg“, er geht mit seinen Referenzen nur eben nicht hausieren, sondern lässt dem Narrativ freien Lauf, einen eigenen Groove zu entwickeln, der immer wieder einen Blick über die Schulter wirft und Vergangenes immerzu leicht mit sich zieht. Vor allem in Person von Wendy, die nach 10 Jahren Ehe mit Xavier die Nase voll hat und nach New York zu ihrem neuen Lebensgefährten flüchtet. Natürlich aber sind auch Martine (Audrey Tautou) und Isabelle (Cécile De France) wieder mit von der Partie.


Der Umzug gestaltet sich kompliziert
Und es wäre schlichtweg falsch, „Beziehungsweise New York“ als misslungenes Machwerk zu brandmarken. Unsere liebgewonnenen Protagonisten, damals noch in einer Wohngemeinschaft kennengelernt, heute fest den Anpassungsängsten auf den Leim gegangen, die sie einst so tunlichst umwandern wollte, gehen inzwischen steil auf die 40 zu. Xavier, der sich indessen zum erfolgreichen Autor gemausert hat, ist an dem Punkt angekommen, an dem er erkannt hat, dass er kein klassischer Vater sein kann, er aber den Teufel tun würde und seine beiden Kinder einfach mit Wendy nach Amerika abhauen zu lassen. Es ist die Unsinnigkeit des Lebens, die es für Xavier zu hinterfragen gilt. Und sein Instrument soll dafür das Notebook sein, auf dem er einen neuen Roman schreibt, mit dem er eine strukturierte Ordnung in sein Dasein zu bringen versucht, welche sich in der Realität nun mal schlichtweg vermissen lässt. Im kosmopolitischen New York, eine Stadt, die stetig vom Himmel träumt und der schon so viele filmische Hommage dargebracht wurden (zuletzt zum Beispiel „Can a Song Safe Your Life?“), will Xavier endlich, wenn er denn schon mal Bilanz zieht, in die rechte Bahn finden.


Was „Beziehungsweise New York“ so deutlich schädet, ist sein zerstreutes Narrativ. Alles geht drunter und drüber, was durchaus als symbolische Analogie zu Xaviers Leben zu verstehen wäre, würde sich „Beziehungsweise New York“ in seinem Erzählrhythmus nicht permanent überschlagen. Nichts läge ferner, als Cédric Klapischs „L'auberge espagnole“-Trilogie mit nicht Richard Linklater analytischen Beziehungsdiskursen „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ zu vergleichen, doch „Beziehungsweise New York“ ist nun (zuweilen) auch vom Ernst des Lebens eingeholt, wenngleich dieser wuselige Reigen eher durch seine quickfidele Art, denn durch sein Herauskehren tieferer Wahrheiten daherkommt. Ein etwas verstreutes Filmchen, das sich Mühe gibt, seine kleineren und größeren Probleme auf der zwischenmenschlichen Ebene passend zu lösen. Fans werden in jedem Fall ihre Freude haben, denn am Ende gelingt es Klapisch zweifelsohne, einen adäquat-selbstzufriedenen Bogen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu spannen, was die Zukunft mal nicht als schieres Chaos am Horizont aufflammen lässt. Und formidabel gefilmt wie äußerst solide gespielt ist „Beziehungsweise New York“ ja ohnehin.


5 von 10 Blicken auf die Skyline


von souli

Fakten: EDEN LAKE - Teenager außer Kontrolle

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Fakten:
Eden Lake
GB, 2008. Regie & Buch: James Wakins. Mit: Kelly Reilly, Michael Fassbender, Tara Ellis, Jack O`Connell, Finn Atkins, Jumayn Hunter, Thomas Turgoose, James Burrows, Tom Gill, Lorraine Bruce, Shaun Dooley, James Gandhi u.a. Länge: 88 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jenny und Steve wollen ein romantisches Campingwochenende in der Natur verbringen, geraten dabei jedoch mit einer Gruppe Teenager aneinander. Kleine Stichelein und Provokationen münden in gewaltätigem Wahnsinn, am Ende des Tages gil es nur zu überleben.








Meinung:
Es könnte jeden Tag passieren, denn wie oft prallen Schichten aufeinander. Assige Teenager und ein liebevolles Mitddle-Class-Couple am See von irgendwo im britischen Königreich, ist wohl nicht so selten und trotz diverser Klischees und Logiklöcher zelebriert James Watkins einen erschreckend-realen Terrorfilm, der die furchtbare Chaostheorie exessiv auslebt. Theoretisch irrelevante Konfrontationen führen zu einer unkontrollierten Gewaltspirale, alles eskaliert, läuft komplett aus dem Ruder, selbst in seiner Extreme nachvollziehbar und verstörend echt.


Die erste Rasur ist Freundessache.
„Eden Lake“ zerstört ein privates Paradies mit einer gnadenlosen und kompromisslosen Härte, das selbst abgezockten Genre-Nerds teilweise die Spucke wegbleibt. Von eigentlich belanglosen Streitigkeiten schaukelt sich das Szenario verstörend-greifbar hoch, kleine Konflikte münden in einer Odyssee aus Leid, Schmerz und Panik, die in sich erstaunlich konsequent und schlüssig aufgehen, das Eine führt zum Anderen. Statt unzählige Opfer im Minutentakt zu verheizen, wird ein Paar drangsaliert und gehetzt, die befremdliche Motivation der minderjährigen Peiniger erscheint insgesamt schlüssig, dennoch (oder deshalb?) nicht minder grausam. Irgendwann ist ein gewisser Punkt überschritten, ob gewollt oder nicht, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die grausame Logik einer fatalen Dynamik.




Campen ist rustikal, aber romantisch,
Schonungslos treibt Watkins das Geschehen voran, spitzt es extrem und wütend zu, lässt seine Figuren so brachial aufeinanderprallen, das selbst schrecklichste Eskalationen in ihrem Kontext einer befremdlichen Logik folgen. Nur zum Ende hin übertreibt es der Film, zerstört (ungewollt) die sinnlose Eruption, weil er sie als gesellschaftliches, allgemeingültiges Problem darstellt. Die böse Unterschicht, zu dick aufgetragen, obwohl die fiese Pointe natürlich als Magentritt ihr Ziel nicht verfehlt. Subtil ist das schon lange nicht mehr und leider nun etwas sehr plakativ, was „Eden Lake“ bis dahin niemals nötig gehabt hätte. Viel zu grausam und packend ist der Film ohne seinen unnötigen Schlusspunkt, der durchaus seinen Reiz hat, aber dem gesamten Szenario sein Willkürlichkeit etwas nimmt, was sich als klare Schwäche rausstellt, so aber wohl nie gewollt war. Too much.


Denn lange Zeit ist das ein grausig-mögliches Magengeschwür, toll gespielt und mit einer beinharten Stimmung wie gesellschaftlichen Gesamtaufnahme versehen, die so furchtbar möglich erscheint, dass der nächste Campingausflug an den See wohl noch warten kann.

7,5 von 10 Kettenreaktionen.

Trailerpark: Ein kleiner Junge entdeckt den Himmel - Trailer zu HEAVEN IS FOR REAL

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Randall Wallace, Screenwriter von „Braveheart“ und Regisseur von „Wir waren Helden“, inszenierte mit „Heaven Is For Real“ die Verfilmung eines autobiographischen Bestsellers von Todd Burpo. Es geht um Kleinstadteltern und deren kleinen Sohn, der sich nach einer Nahtoderfahrung stark verändert. In den Hauptrollen sind Greg Kinnear („Little Miss Sunshine“) und Kelly Reilly („Sherlock Holmes“) zu sehen. Einen deutschen Starttermin gibt es aktuell noch nicht. 


Review: FLIGHT - Ein Film mit Sturzflug im doppelten Sinne

8 Kommentare:


Fakten:
Flight
USA. 2012. Regie: Robert Zemeckis. Buch: John Gatins. Mit: Denzel Washington, Kelly Reilly, Bruce Greenwood, Don Cheadle, John Goodman, Melissa Leo, James Badge Dale, Nadine Velazquez, Tamara Tunie, Brian Geraghty, Ravi Kapoor, Dane Davenport Rhoda Griffis, Dylan Kussman, Adam Tomei u.a. Länge: 139 Minute. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
William „Whip“ Whitaker ist Pilot und Alkoholiker. Als seine Maschine wegen eines Defekts abstürzt, kann er das Flugzeug mit einem waghalsigen Manöver auf einem Feld notlanden. Von den knapp 200 Insassen sterben 6. Whip wird als Held gefeiert, doch hinter den Kulissen brodelt es. Bei einem Bluttest wird herausgefunden, dass er während des Flugs nicht nur Alkohol sondern auch Kokain im Körper hatte. Während Whips Anwalt Hugh Lang alles versucht, um seinen Mandanten sauber aus der Sache rauszuholen, nimmt Whip weiter Alkohol zu sich.





Meinung:
Es ist ja fast schon in Vergessenheit geraten, aber Regisseur Robert Zemeckis ist ein guter Geschichtenerzähler. Davon war in den letzten Jahren allerdings nur wenig zu sehen. Zemeckis konzentrierte sich auf seine Motion-Capture-Filme, die tricktechnische Maßstäbe setzten, aber letztlich nicht mehr waren als erkaltete Computer-Demonstrationen deren zwanghat auf realistische Mimik getrimmte Figuren mehr Unbehagen als Faszination auslösten. Nach „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ kehrt Zemeckis nun endlich, endlich, endlich, endlich wieder zurück zum klassischen Kino und statt nur auf großes Spektakel zu setzen, konzentriert er sich auf die Geschichte eines Alkoholikers.


Pilot Whip: stilsicher und betrunken
Das „Flight“ ohne Spektakel auskommt ist genau genommen nicht richtig. Im ersten Akt gibt es einen Flugzeugabsturz der durchaus mit realistischer Wucht und Hang zum Buhei inszeniert wurde und wenn man Zemeckis frühere Filme kennt, könnte der Verdacht aufkeimen, dass „Flight“ trotz seines ruhigen Erzähltempos irgendwann noch einmal große Effekte darbietet, doch dies ist nicht der Fall. Ähnlich wie bei Zemeckis anderem großen Absturz-Film „Cast Away – Verschollen“ von 2000, fokussiert sich Zemeckis auf seine Hauptfigur. Der Unterschied zum Survival-Drama ist, dass am Ende von „Cast Away“ es noch einmal dröhnen und krachen darf, „Flight“ behält sich aber seine ruhige Inszenierung bei. Kämpfte der schiffbrüchige Tom Hanks noch gegen die Gezeiten, so zieht Pilot Whip Whitaker hier gegen sich selbst und seine Alkoholsucht in den Kampf, wobei klar gesagt sein sollte, dass er sich zum größten Teil eher in promillehaltige Ausflüchte rettet. Ausflüchte die typisch sind für einen Alkoholiker. Einen Alkoholiker, der hier von seinen Freunden nicht dabei unterstützt wird trocken zu werden, um seines Willen, sondern dazu gedrängt wird seine Krankheit zu verschleiern, damit er sowie seine Arbeitgeber (Fluggesellschaft, Gewerkschaft) keinen Skandal ausstehen müssen. Einzig die heroinsüchtige Nicole versucht Whip wahrhaftig und ehrlich zu helfen.


Whip und Nicole kommen sich näher
Die Figur der Nicole ist eine durch und durch spannende. Jedoch verliert der Film, nach dem er sie zu Beginn noch recht ausladend und ungewohnt intensiv vorstellt, sie nach und nach aus dem Blickfeld. Macht es zu Beginn der Beziehung zwischen Whip und ihr den Eindruck, dass es eine unterstützende Beziehung werden kann, so verschwindet Nicole gefühlt fast gänzlich ins Nirwana der Belanglosigkeit. Schade, denn Darstellerin Kelly Reilly („Eden Lake“, „Sherlock Holmes – Spiel im Schatten“) verkörpert die gebrochene Frau eindrucksvoll, verletzlich und lässt ihre Rolle immer wieder in wohltuender Hoffnung erstrahlen. Darstellerisch macht „Flight“ aber sowieso nichts verkehrt. Bis zur kleinsten Nebenrolle exquist besetzt, ist es natürlich Denzel Washington, der hier glänzen darf. Washington war schon immer ein mehr als begnadeter Darsteller, doch in den letzten Jahren schien er schauspielerisch selten herausgefordert zu werden. Egal ob „Safe House“, „Book of Eli“ oder „Unstoppable – Außer Kontrolle“, Washington war auf der Schiene des geerdeten Helden festgefahren zu sein. Schön, dass er unter Robert Zemeckis beweisen darf, dass er mehr kann als nur den Tag zu retten, auch wenn er dies in „Flight“ tut, aber in einer dramaturgisch wesentlich reiferen Ausrichtung.


Alles dreht sich. Ob das nur am Alkohol liegt?
„Flight“ ist ein wirklich gelungenes Drama, welches versucht ehrlich mit seiner Thematik umzugehen, allerdings ist er auch furchtbar pathetisch. Am Ende, die letzten Minuten, wirken wie ein Fremdkörper, wie der Zwang seinem Publikum ein zurecht gerücktes Ende zu präsentieren, damit nach dem Abspann nichts Böses mehr haften bleibt. „Flight“ schafft es wirklich alles was er sich aufgebaut hat, alle seine durchaus mutigen, dramaturgischen Entscheidungen am Schluss wie eine Nichtigkeit aussehen zu lassen. Dabei sieht es im Schlussakt fast danach aus, das Zemeckis sich moralinsaurer Sanktionen dank harter, menschlicher Schwächen entziehen würde. Doch ausgerechnet dann, wenn es nicht unpassender sein kann, wenn „Flight“ zu einem scheinbaren Höhenflug ansetzt, kracht das Drama zusammen. Was bleibt ist das übliche, dramaturgische Hollywood-Tamtam, welches keinen bleibenden Eindruck zulässt, weil es auf der Zielgeraden seine eigene Integrität und damit auch Identität gegen tränenziehenden Massengeschmack eintauscht..


„Flight“ hätte so viel mehr sein können. Eine durchgängige Enttäuschung ist Robert Zemeckis Rückkehr zum klassischen Kino aber keinesfalls. Es sind die Darsteller die das Drama ausmachen und diese machen einen hervorragenden Job. Eine Szene mit Pilot Whip im Treppenhaus eines Hospitals, in der er auf Nicole und einen Krebspatienten (James Badge Dale aus „Iron Man 3“ in einem wunderbaren Kurzauftritt) trifft, gehört zu einer der besten Szene des Filmjahres 2013. Mit mehr Courage der Thematik und seinen Figuren gegenüber hätte „Flight“ aber wahrlich abheben können. So bleibt er bis zum zimperlichen Ende auf einer durchaus sehenswerten Ebene, bis er kurz vor der Landung abstürzt. Ein Film mit Sturzflug im doppelten Sinne. Anschnallen also nicht vergessen.


6,5 von 10 entleerte Mini-Bars