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Review: THE KILLING (Staffel 4) - Todesursache: Stillstand

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Fakten:
The Killing (Staffel 4)
USA, 2014. Regie: Nicole Kassell, Jonathan Demme, Ed Bianchi u.a. . Buch: Veena Sud, Dan Nowak, Dawn Prestwich u.a. Mit: Mireille Enos, Joel Kinnaman, Tyler Ross, Gregg Henry, Joan Allen, Jewel Staite, Liam James, Levi Mearden, Amy Seimetz, Frances Fisher, Patti Smith, Sterling Beaumon, Annie Corley u.a. Länge: 6 Episoden á ca. 55 – 60 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 1. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach dem drastischen Ende der dritten Staffel versuchen Detective Sarah Linden und ihr Kollege Stephen Holder die Spuren zu verwischen und parallel mit den Konsequenzen zu leben. Die beiden Ermittler bekommen einen neuen Fall übertragen, den Mord an einer vierköpfigen Familie. Der einzige Überlebende und Hauptverdächtige ist der Sohn Kyle Stansbury, der Kadett an einer privaten Militärakademie ist. Währenddessen untersucht Detective Carl Reddick die Ereignisse, die schwer auf Linden und Holder lasten.  Können Linden und Holder den Fall lösen, während sie mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben?





Meinung:
Aus. Ende. Vorbei. Mit der vierten Staffel gelangt die US-Thrillerserie “The Killing” zu ihrem Ende. Natürlich dreht sich ein nicht unwichtiger Teil der Handlung um unbeantwortete Fragen der dritten Staffel. Nichtsdestotrotz müssen die beiden ungleichen Detectives Sarah Linden (Mireille Enos, „World War Z“) und Steven Holder (Joel Kinnaman, „Suicide Squad“) mal wieder im regennassen Seattle und Umland einen Mordfall aufklären, der sich (natürlich mal wieder) als wesentlich tiergreifender und emotionaler erweist, als zunächst angenommen. „The Killing“ war schon immer dann am besten, wenn die Dramaturgie die privaten Probleme der Ermittler mit den jeweiligen Fall verschmelzen ließ.


Bereit für ihren letzten Fall: Linden und Holder
In Staffel vier wird es auf die Spitze getrieben, doch leider erweist sich der Mord, bzw. die sich daraus resultierende Geschichte als wenig ergiebige Krimifarce, die sich von Folge zu Folge immer weitersteigert, dabei aber niemals einen wirklichen Bezug zum Ermittler-Duo, den Verdächtigen und Opfern zulässt. Genau das war das Wunderbare an den grandiosen ersten beiden Staffeln. Die Wechselwirkung aus klassischem Krimi und privatem Drama, was letztlich zu einer Art dramaturgischer Symbiose führte. Staffel vier ist davon weitestgehend entfernt. Man spürt deutlich, dass „The Killing“ wegen schwacher Quoten abgesetzt wurde, so dass Netflix für die finale Season einspringen musste. Das Pacing fühlt sich unrund an, die Figuren (die Altbekannten wie auch die Neuen) wirken nur noch wie Plotobjekte. Gewiss, stilistisch ist das alles immer noch wie aus einem Guss, aber nach drei Staffeln voller Grau, Regen und Beton (das ist nicht nur auf Seattle sondern vor allem auf die Figuren bezogen) reicht es auch einmal mit der Stilistik der Marke „Nieder mit den Anti-Depressiva“. „The Killing“ besaß diverse Höhepunkte in den ersten beiden Staffeln, aber bereits Season drei ließ erkennen, dass das Konzept in allen Belangen nicht noch mehr Gewicht auf den Schulten aushält.


Hartgesottene Fans sollten sich die finale Staffel aber nicht entgehen lassen. Sie werden noch einmal für 6 Folgen in liebgewonnene triste Abgründe abgleiten können. Die Intensität des grandiosen ersten Falls, rund um die ermordete Schülerin Rosie Larsen wird dabei (genau wie in Staffel drei) aber nicht erreicht. Die Macher versuchen es, finden dabei aber keine wirklichen Ansätze, um die dargebotene Welt sowie die Figuren spannend weiterzuentwickeln. „The Killing“ ist tot, gestorben am eigenen Stillstand. Aber statt sich darüber zu ärgern, sollte man lieber froh darüber sein, dass die US-Version einer dänischen Serie („Kommissarin Lund“) und zwei grandiose und eine noch recht gute Staffel geschenkt hat. Staffel vier bleibt hingegen dahinter zurück. Sie wirklich als schlecht zu bezeichnen wäre vielleicht doch zu hart. Verzichtbar passt als Ein-Wort-Beschreibung da einfach wesentlich besser.


4,5 von 10 Familienzusammenführungen

Review: DEATH RACE – Jason Statham muss ordentlich Gas geben

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Fakten:
Death Race
USA, UK. 2008. Regie und Buch: Paul W.S. Anderson. Mit: Jason Statham, Joan Allen, Ian McShane, Tyrese Gibson, Jason Clarke, Natalie Martinez, Max Ryan, Jacob Vargas, Frederick Koehler, Jacob Vargas, Robin Shou, Robert LaSardo, Justin Mader u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem die amerikanische Wirtschaft zusammengebrochen ist und die Verbrechensrate einen noch nie dagewesenen Höchststand erreicht hat, werden die Gefängnisse von großen Konzernen geführt. Eines der größten ist das Terminal. Hier werden so populäre wie brutale Autorennen veranstaltet. Als Rennfahrer Jensen Ames unschuldig wegen Mordes im Terminal landet, scheint das sogenannte „Death Race“ die einzige Möglichkeit zu sein, dem Gefängnis zu entfliehen.





Meinung:
Nein, „Death Race“ ist kein guter Film, er verschließt sich von vornherein jedwedem skalierenden Maßstab, weil er von Qualitätsdefinitionen nichts hält – aber auch nichts halten muss. Stattdessen meldet sich Paul W. S. Anderson zu Wort, ein Regisseur, der gerne belächelt und denunziert wurde und wird; ein spielerischer Technokrat, dem formale Tableaus mehr bedeuten, als die Etablierung und Entwicklung ausgereifter Charaktermodelle. Das Kino des Paul W. S. Anderson steht für schematisch-symmetrische Funktionalität, Hauptsache es sieht gut aus. Anderson aber hat nicht nur als infantiler sowie formalistischer Stilist viel Schelte von der internationalen Presse kassieren müssen, ab und an gelingt es dem Mann auch, astreines Entertainment zu forcieren, errichtet auf einem transparenten Konzept: Simpel muss es sein, in Relation dazu aber auch immer effektiv. Und da kommen wir von „Event Horizont – Am Rande des Universums“ und „Die drei Musketiere“ auch zu „Death Race“, einem sich dem Stumpfsinn verpflichtender Neo-Exploiter – und Paul W. S. Andersons beinahe kühnste Errungenschaft.


 
Von wegen, es kommt nur auf die Technik an
Angeblich basiert der ganze Schmu auf „Herrscher der Straße – Frankensteins Todesrennen“, einem cartoonesken Trash-Eumel aus den 1970er Jahren, besetzt mit dem jungen Sylvester Stallone und einem in glänzende Ledermontur gehüllten David Carradine. Wer diesen von Paul Bartel inszenierten Affenzirkus gesehen – oder besser – erlebt hat, weiß, dass Paul W. S. Andersons „Death Race“ höchstens in den Namen der Figuren Gemeinsamkeiten aufweist, vom knalligen Tonus des Originals ist nichts mehr übrig geblieben. Genau wie der satirische Unterbau in gnadenloser Radikalität ausgemerzt wurde und in dieser Reißer des barbarischen Klumpfußes ohne etwaige kritische Konnotation auf das Gaspedal trampelt. Aber im Ernst (wenn das überhaupt geht): Ein Film, der nicht gut ist, der von Anfang an nicht gut sein möchte, benötigt keinerlei mehrwertige Ausformungen, sondern darf seinen Blick gerne auf die Palette reiner Debilität taxieren. Und nichts anderes tut „Death Race“ ja letztlich auch: Dumm sein um des spaßigen Blödsinns willen. Daher ist es auch vollkommen legitim, dass die zu Beginn mit Texttafeln aufgewirbelte Dystopie kein Schwein mehr juckt und das von einer Gefängnisinsel privatisierte Todesrennen hiesiger Insassen als Medienspektakel beschrieben wird, sich aber keinerlei reflektorischer Komponente bedient. 

 
Die Direktorin von Terminal
Zuschauer gibt es eben nicht, den Super Bowl stellt diese deftige Knast-Formel-1 quotenmäßig (angeblich) aber ohne große Anstrengungen in den Schatten (vielleicht weil es keinen Super Bowl mehr gibt?). Ein zusehends petrifizierender Jason Statham gibt da unseren Dreh- und Angelpunkt und landet natürlich unschuldig hinter Gittern, wo ihn die durchtriebene Zuchthausleiterin (Joan Allen, hey!) natürlich einen Strick zu drehen versucht, den unser Jason erst bemerken soll, wenn er bereits am Galgen baumelt. So dürfen wir uns als Zuschauer dann durch amerikanische Knastklischees dümpeln und Zeuge davon werden, das in diesem ehemaligen Industriekomplex nun offensichtlich nur asoziale Riesenarschlöcher eingepfercht scheinen – bis auf eine Handvoll Ausnahmen, klar. Die Explosition prophezeit aber erst einmal nichts Gutes: Frankenstein, Held des Veranstaltung und durch sämtliche Unfallblessuren dermaßen entstellt, dass er nur noch maskiert zur motorisierten Tat schreitet, wird von seinem ärgsten Kontrahenten Machine Gun Joe (Tyrese Gibson) über die Rennstrecke gehetzt, ein gar konkurrenzloses Schnittgewitter prasselt auf den Zuschauer ein, dem jede klare Übersicht abhanden kommt.


Und wenn dann dazu noch die Wackelkamera jede Innenraumaufnahme verzerrt, möchte sich der Spaß am rigorosen Krachbumm nicht so recht grundieren. Ist Statham aber erst mal unter Frankensteins Maske verschwunden, reguliert sich die Montage glücklicherweise und es darf in monochromer Tristesse so richtig krachen, bis das Testosteron Purzelbäume schlägt. Wer Jason Statham hier also heftig zulangen sehen möchte, wird nur in zwei-drei Szenen zufriedengestellt, wo er gegen seine ungezogenen Knastbrüder die Fäuste fliegen lässt. Die automobile Action besitzt hier vorderste Priorität und wie im besten Mario-Kart-Stil müssen die modifizierten Vehikel ihr integrierter Waffenarsenal dadurch freischalten, in dem sie Felder auf der Rennstrecke aktivieren. Dass die Frauen dabei in erster Linie verantwortlich sind, enge, knappe Kleidung zu tragen und die Hupen gepflegt herauszudrücken, scheint anhand des allgemein eher steinzeitlichen Verhaltens absehbar und verträglich. Was zählt, ist der Lärm – und der bollert hier ordentlich.


5,5 von 10 Einschusslöchern in der Karosserie


von souli

Review: PLEASANTVILLE – ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN – Sünde in Technicolor

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Fakten:
Pleasantville
USA. 1998. Regie und Buch: Gary Ross. Mit: Tobey Maguire, Reese Witherspoon, Joan Allen, William H. Macy,Jeff Daniels, Paul Walker, Jane Kaczmarek, Marley Shelton, J.T. Walsh, Marissa Ribisi, Don Knotts u.a Länge: 120 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der Kampf um die Fernbedienung endet für die stets streitenden Teenager-Geschwister Dave und Jennifer nicht mit einer elterlichen Standpauke, sondern in einer anderen Welt. Plötzlich befinden sie sich nämlich in „Pleasantville“, Daves  Lieblingsserie. Für Dave ist die alte Serie in schwarzweiß aus den 1950er Jahren das reinste Paradies, doch für Jennifer gleicht es einer Spießerhölle. Zum Glück versteht sie es Farbe in diese Welt zu bringen, was jedoch auch Probleme mit sich bringt.





Meinung:
Dass das Fernsehen in Sachen Bequemlichkeit einen Vorteil gegenüber dem Kino hat, ist unwiderlegbar: Es hat schon etwas für sich, fläzt man sich nach einem langen Tag gemütlich auf die Coach, zappt durch das allabendliche Programm und lässt sich von den dortigen Ergüssen berieseln, bis die Augen immer schwerer und schwerer werden. Allerdings hat sich auch das Fernsehen über all die Jahre einem herben Wandel unterzogen und während Telenovelas, beschränkte Reality-TV-Formate und schon lange tot gesendete Sitcoms dominieren, sind die urigen 'Heile-Welt'-Serien à la „Unsere kleine Farm“ irgendwie vollständigen von der Bildfläche verschwunden und gelten gänzlich als nostalgisches Relikt einer längst vergangenen Ära. Wie wäre es wohl, gerade in Bezug auf die Gegenwart, würde man sich als im Hier und Jetzt lebender Jugendlicher in einer solchen Serie wiederfinden, in der Differenzen prinzipiell mit einem warmen Kakao aus dem Weg geräumt werden und jeder davon träumt, Feuerwehrmann oder Astronaut zu werden?


Wahre Kerle - nur echt männlich in Farbe
In „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ bewahrheitet sich dieses Hirngespinst für David (Tobey Maguire, „Liebe und andere Kleinigkeiten“) und Jennifer (Reese Witherspoon, „Mud – Kein Ausweg“), nachdem sie von einem ominösen Mechaniker eine klobige Fernbedienung in die Hand gedrückt bekommen haben, die sie geradewegs in die 1950er Jahre Lieblingssitcom „Pleasantville“ von David katapultiert. Und hier wird die heile Welt derart zelebriert, dass man schnell Gefahr laufen können, mit massivem Kariesbefall den Zahnarzt des Vertrauens aufzusuchen: Dieses fiktionale Pleasantville, das für David und Jennifer eine zweite Ebene der Realität bezogen hat, ist Zuckerguss in Reinform. Es regnet nie, es gibt keinen Geschlechtsverkehr, sondern nur Anstecknadeln, die man seiner Liebsten schenkt, die Bücher (Kunst allgemein ist schlichtweg nicht existent) sind unbeschrieben, um die Bewohnern nicht auf die Gedanken kommen zu lassen, es könnte noch eine Welt außerhalb von Pleasantville geben, die hiesige Feuerwehr hat nichts weiter zu tun, als süße Kätzchen vom Baum zu retten und Mutti macht natürlich den besten Hackbraten überhaupt.


Endlich Farbe in der tristen Welt
„Zu schön, um wahr zu sein“, wie es der deutsche Beititel passend formuliert hat. Nun sind unsere aus der Jetztzeit entzogenen, gleichwohl auch von Grund auf verschiedenen Teenies in diesem rosaroten Traum „gefangen“: Jennifer nämlich ist weitaus abenteuerlustiger veranlagt als es David ist, der seine Abende damit verbringt, Cola zu schlürfen, Chips zu mampfen und „Pleasantville“ zu konsumieren. Es ist unübersehbar, dass „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ mittels Form des Kinos den Mythos des Fernsehens reflektiert und daher als cleveres Meta-Werk das Sagenhaft, das Unglaubliche, das Sentimentale und das Verträumte zurück in die Lichtspielhäuser bringt. Jennifer, die natürlich so überhaupt nicht davon begeistert ist, in einem so arretiert-bigotten Universum ihr Dasein zu fristen, gibt diesem Mikrokosmos schlussendlich den Anstoß, um doch noch zum Makrokosmos heranzuwachsen, in dem Grenzen gesprengt und vor allem die Gedanken endlich frei rotieren dürfen: Erst ist es die Sexualität, die Jennifer einführt und die Rosen wie die Menschen zum Strahlen bringt. Wie einem in Stein gemeißelten Mantra schreit es der Film immer deutlicher heraus: Veränderungen müssen her!


Doch mit den festgefahrenen Gewohnheiten zu brechen und einer geradezu überrumpelnden Wandlung einzuwilligen, fällt vielen Menschen, selbst den fiktiven, den unwirklichen Zeitgenossen, äußerst schwer. „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ formiert sich zur synästhetischen Rassismus-Parabel, in dem die „Farbigen“, also diejenigen, die gegen die Gebote des besenreinen Pleasantville-Kosmos verstoßen haben, von den „Farblosen“ diffamiert werden: „No Colored!“, prangt es auf Verbotsschildern in der ganzen Kleinstadt. Eigentlich ist „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ angesichts seiner Intention und dem enormen Stellenwert seiner Botschaft – nämlich die Befreiung des Geists – etwas zu brav erzählt und rückt auf narrative Ebene oftmals zu nah an die sorglose Welt von Pleasantville heran, die er doch mit so viel Passion karikiert und sukzessiv aufbricht. Und doch ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein mildes Manko, das „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ zwar zu verzeichnen hat, das ihm im Allgemeinen aber nicht sonderlich schadet. In Wahrheit ist Gary Ross ein humorvoller und in seinem Anliegen wirklich bedeutsamer Film gelungen, der nicht zuletzt durch seine prächtigen Bilder bezirzt.


6,5 von 10 in Flammen stehenden Bäumen  


von souli

Review: NIXON – UNTERGANG EINES PRÄSIDENTEN – Oliver Stone und die fiktive Realität

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Fakten:
Nixon
USA. 1995. Regie: Oliver Stone.
Buch: Christopher Wilkinson, Stephen J. Rivele, Oliver Stone. Mit: Anthony Hopkins, Joan Allen, Powers Boothe, Ed Harris, Bob Hoskins, E.G. Marshall, David Hyde Pierce, Mary Steenburgen, David Paymer, Paul Sorvino, James Woods, Kevin Dunn, John C. McGinley, Annabeth Gish, Edward Herrmann u.a. Länge: 212 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Geschichte des politischen Fall des Richard Nixon, dem 37. Präsident der Vereinigten Staaten.





Meinung:
Mittels anachroner Narration behandelt Oliver Stone in 190 Minuten den Untergang des Richard Nixon und unterzieht die signifikanten Stufen seiner Präsidentschaft einer für tradierte Sehgewohnheiten ungewöhnlichen, für einen durchaus mutigen Filmemacher wie Stone es ist aber prädestinierten Fragmentierung. Wichtig ist es nicht nur, sich auf den Film einzulassen, also ihn in seiner Eigenart zu akzeptieren, sondern auch zu verstehen, wie der politisch schon immer engagierte Regisseur es erstrebt, sein umstritteneres Werk wirklich zu entfalten – Ähnlich wie bei seiner vier Jahre zuvor entstandenen Rekonstruktion des Attentats auf John F. Kennedy, mit der Stone filmisch zwar Fulminantes leistete, den klaren Anspruch auf Realitätsnähe aber gewiss in Grenzen zu halten wusste. „Nixon“ gleicht einer shakespearschen Königstragödie, in der zuweilen auch nicht mit theatralischen Gestiken gegeizt wird: Richard Nixon (Anthony Hopkins) fällt in demonstrativer Pose flehend auf die Knie, während sich Außenpolitiker Henry Kissinger (Paul Sorvino) angesichts des medialen Scherbenhaufens nur noch wehmütig ausmalen darf, was aus Nixon wohl geworden wäre, wenn er von doch nur die Liebe der Masse erfahren hätten dürfen.


"Sir, Sie haben wieder vergessen eine Hose anzuziehen."
Sympathisiert Stone etwa mit dem 37. Präsidenten der Vereinigten Staaten? Sucht er eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten, welches ihn schließlich zum Rückritt aus seinem Amt zwang und von Gerald Ford zu Ende geführt werden musste? Hat Stone Mitleid? Und wenn ja: Darf er überhaupt Mitleid mit dem Menschen bekunden, dessen Karriere von Skandalen umwittert war und der Amerika die „Unschuld“ raubte? Was Stone darf und was nicht, steht in „Nixon“ rein gar nicht zur Debatte. Was zählt ist nur, wie Stone sich auszudrücken pflegt und welche Argumente er für seine Thesen und Feststellungen innerhalb dieses komplexen Kosmos findet. Ob es glaubwürdig ist, was Stone seinem Publikum serviert, steht wie immer noch auf einem ganz anderen Blatt Papier; wie Stone aber die subjektive Perspektive auf den Niedergang des Richard Nixon formt und artikuliert, ist inhaltlich wie auch formal tadellos. Visuelle Sperenzchen sind im stone'schen Kino natürlich Gang und Gäbe, und trotz der rasanten Schnittfolgen, den Zeitraffern und den Wechseln zwischen Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen, synthetisiert er das Szenario durch gekonnte Proportionen nicht im Überdruss.


Mr. und Mrs. Nixon beim gemeinsamen Tänzchen
„Nixon“ erläutert nicht die Wirklichkeit, Stone hingegen nimmt Fakten, ob politischer oder menschlicher Natur, und fungiert sie zu einer Fiktion, in der sich Wahrheit und Bewusstsein wahrscheinlich doch näher sind, als man als Außenstehender imstande wäre abzuwägen. Mit „Nixon“ verfolgt Stone einen Menschen, der Masken ausgestattet scheint und von denen er dann in den unterschiedlichsten Situationen Gebrauch macht, bis seine enorme Maskerade in Form der Watergater-Affäre endgültig zusammenbricht. Es steht auch außer Frage, dass Nixon, der sich selber als Friedenstaube in Bezug auf Vietnam sah, es war, der den Krieg nur noch weiter herauszögerte und der Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei nur die Spitze des Eisbergs war. Interessant ist für Stone hingegen nicht nur der Blick auf die politische Laufbahn Nixons, sondern auch der Mensch, seine Antriebe, der im strengem Elternhaus zurechtgestutzt wurde und nur durch den Tod den Sprung in die Führungsetage schaffen konnte. Der Tod seiner beiden Brüder ermöglichte ihm das Studium und der Tod Kennedys schließlich den Posten im Weißen Haus.


 
Lonesome Dick
Richard Nixon war ein Mensch, der offensichtlich mit den eigenen Dämonen zu ringen hatte, der von Selbstzweifeln zerfressen wurde, in seinen Auftritten aber strikt die mit in die Luft geworfenen Armen unterstrichene Angriffsmentalität seiner Klasse vertreten musste. Der nichts mehr fürchtete als eine Niederlage, sich schließlich aber mit seiner treuen Frau Pat (Joan Allen) in der Dunkelheit einer solchen wiederfand, denn für die Korruption auf höchster Ebene, die Anordnung der Bombardements auf Kambodscha, die Beteiligung an der Hatz auf Kommunisten, die Vertuschungen der eigenen Rücksichtlosigkeit und viele weitere Ungereimtheiten, ist ein solcher Sturz irgendwann nur die logische Konsequenz. Nixon wollte nur die Unterstützung erleben, wie sie sein allseits geliebter Vorgänger erfuhren durfte, und doch blieb er immer der – schließlich auch zu Recht - ungeliebte Kopf der republikanischen Partei. Und doch ist Nixon auch der auslösende Knopf innerhalb einer Exekutive gewesen, in der sich niemand im Nachhinein mit Ruhm bekleckern durfte: Nicht Haldeman (James Woods), nicht Mitchell (E.G. Marshall), nicht Haig (Powers Boothe) und erst Recht nicht Kissinger, den Stone etwas zu sacht angeht.


Besser als eine trockene Abhandlung von Daten und Informationen ist Stones polemische Charakter-Studie in jedem Fall, aber mit Subtilität und Sachlichkeit hatte es die New Yorker Koksnase ja bekanntlich noch nie. Und schließlich ist „Nixon“ keine öde Dokumentation, sondern ein Spielfilm, der Reelles mit Fiktivem vermischt und sich ein eigenes Bildnis der Lage rundum Richard Nixon und seinem politischen Werdegang erlaubt. Dass das Psychogramm aber letztlich auch in diesem Ausmaß funktionieren darf, liegt am famos aufspielenden Anthony Hopkins in der Hauptrolle, der den Präsidenten, dessen Lächeln immer fremd im eigenen Gesicht gewirkt hat, natürlich nah an der Überzeichnung auslegt, sich so aber präzise auf diese Persönlichkeit einleben kann und jede Facette herausragend auszuspielen weiß. Ob „Das Schweigen der Lämmer“ wirklich Hopkins Vermächtnis bleiben darf, muss angesichts dieser überwältigenden Performance ernsthaft infrage gestellt werden.


8 von 10 bitteren Abgängen


von souli