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LIFE - Im Weltraum hört dich niemand seufzen

3 Kommentare:

Fakten:
Life
USA. 2017. Regie: Daniel Espinosa. Buch: Rhett Reese, Paul Wernick. Mit: Rebecca Ferguson, Jake Gyllenhaal, Hiroyuki Sanada, Ryan Reynolds, Ariyon Bakare, Olga Dykhovichnaya, Naoko Mori, Alexandre Nguyen, Camiel Warren-Taylor u.a. Länge: 103 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 23. März 2017 im Kino.


Story:
Die Forschungsmission einer Gruppe Wissenschaftler auf einer internationalen Raumstation wird zu einem Trip in schlimmste Urängste: Eines Tages entdeckt das sechsköpfige Team einen sich rapide entwickelnden Organismus, der für die Auslöschung allen Lebens auf dem Mars verantwortlich ist und bald nicht nur die Crew, sondern auch den gesamten Planeten Erde bedroht.




Meinung:
Ein Raumschiff, bzw. Raumstation und eine Crew die von einem außerirdischen, fremden Wesen im Ten Little Indians-Stil dezimiert wird. Klare Sache, der Filmklassiker Alien ist gemeint, aber eben auch andere Genre-Beiträge, die sich auf ein sehr ähnliches Konzept verlassen. Einer davon ist nun Life von Safe House-Regisseur Daniel Espinosa. Der gebürtige Schwede inszenierte mit seiner dritten Hollywood-Arbeit ein Werk, dass sich vor dem direkten Vergleich nicht verbergen kann. Das ist aber nicht die einzige Offensichtlichkeit, mit der sich der Horrorfilm plagt.


Life erinnert von der ersten bis zur letzten Minuten an einen Sammelkasten. Aus dem Zitateschrank des Genres wird sich ebenso eifrig bedient, wie aus aktuellen Sci-Fi-Filmen. Denn auch wenn die Geschichte an Ridley Scotts großen Durchbruch von 1979 erinnert, so wirkt Life visuell mehr wie eine Melange aus Gravity und Der Marsianer - Rettet Mark Watney (hello again, Mr. Scott). Espinosa vermischt also das eher auf Realität statt auf Used-Future geeichte Setting dieser beiden Filme und lässt darin nun ein Alien agieren, dass nach und nach die Besatzung der ISS tötet. Diese Mixtur aus altehrwürdiger und moderner Architektur ist nicht uninteressant und gehört zur größten Stärke des Films. Doch gleichsam wirkt das Ganze auch irgendwie zu konzipiert und das Ryan Reynolds Rolle im Film im Prinzip die selbe ist, die er in Deadpool spielte – wohl gemerkt ohne Waffen, Anzug und dem ewigen durchbrechen der vierten Wand – macht den unschönen Eindruck, dass Life eigentlich nur der Versuch einer Best-of-Sammlung ist, komplett.


Selbst wenn man Life einzig und alleine auf seine Eigenschaft als Unterhaltungsvehikel reduziert, kann der Film nicht durchgängig überzeugen. Nach einer durchaus ansprechenden Eröffnung (ein an Gravity erinnernde One-Take der allerdings innerhalb der ISS stattfindet) und ersten Momenten mit der fremden Lebensform, gerät der Thriller zunehmend in einen stagnierenden Zustand. Die Bedrohung wird von ihm oft nicht ansprechend genug eingefangen, die Regeln die diese mit sich bringt, werden nur halbherzig ausformuliert und manches wirkt sogar unfreiwillig komisch. Das schlimmste Übel des Films ist aber seine Spannungslosigkeit. Diese versucht Life oft genug mit Spektakel zu verdecken, aber es nutzt nur wenig. Auch wenn die großen Effektmomente imposant und einige Weltraum-Shots wirken majestätisch wirken (vor allem auf der großen Leinwand), so stellt sich einfach kein konstantes Spannungslevel ein.


Life kann, wenn man sich im Genre nicht wirklich auskennt, gewiss das ein oder andere Mal punkten. Aber wer hat nicht schon einmal Alien oder ähnliche Filme gesehen? Durch sein Setting und den Versuch etwas Realität sowie – trotz seiner Beheimatung in der Zukunft - Gegenwart im Genre zu implementieren ist Daniel Espinosas Film nicht frei von Reizen und es gelingt ihm auch immer wieder die Größe und Schönheit des Weltraums einzufangen, aber ihm ist es versagt, etwas wirklich Eigenes oder gar Neues zu erschaffen. So ist Life eine hübsch anzusehende Zitatesammlung ohne eigenes Leben und den Willen dieses zu erschaffen. Im Weltall hört dich niemand seufzen, im Kino schon.

4 von 10 Geburten via Skype

Review: DEMOLITION – Auf destruktiver Suche nach dem eigenen Ich

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Fakten:
Demolition
US, 2015. Regie: Jean-Marc Vallée. Buch: Bryan Sipe. Mit: Jake Gyllenhaal, Naomi Watts, Chris Cooper, Judah Lewis, C.J. Wilson, Polly Draper, Debra Monk, Wass Stevens u.a. Länge: 101 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Der Investmentbanker Davis Mitchell wird urplötzlich von einem schweren Schicksalsschlag getroffen. Bei einem Autounfall verliert er seine Frau, während er selbst ohne einen Kratzer mit dem Leben davon kommt. Viel stärker beschäftigt ihn allerdings, dass er nach diesem tragischen Ereignis keine Trauer verspüren kann. Er beginnt damit, sein bisheriges Leben grundlegend in Frage zu stellen, umzukrempeln und einzelne Bestandteile mit ungewöhnlichen Mitteln zu zerstören...




Meinung:
Nachdem er bereits früher durch sein Schauspiel in einigen Abständen Aufsehen erregte, darf sich Jake Gyllenhaal mittlerweile zu den beliebtesten Darstellern seiner Generation zählen, der jeden Film, in dem er aktuell mitwirkt, zu einem mit Vorfreude versehenen Erlebnis werden lässt. In Werken wie "End of Watch", "Prisoners", "Nightcrawler" oder "Southpaw" zog Gyllenhaal die Aufmerksamkeit durch seine markante Präsenz stets voll auf sich, weswegen viele Zuschauer nicht ganz unbegründet der Meinung sind, dass jeder Film mit ihm in der Hauptrolle alleine deshalb eine Sichtung wert ist.


Mit extremen Mitteln geht er ans Werk
Regisseur Jean-Marc Vallée hat das wertvolle Potential dieses Schauspielers ebenfalls erkannt und stellt Gyllenhaal in seinem aktuellen Film "Demolition" daher in fast jeder Szene in den Mittelpunkt der Geschichte. In der Rolle des Investmentbankers Davis Mitchell ist Gyllenhaal erneut voll in seinem Element, wenn er seine Figur als verschlossenes Fragezeichen anlegt, bei dem der Betrachter die meiste Zeit über damit beschäftigt ist, sich auf den Charakter dieses Mannes einen Reim zu machen. Davis verliert zu Beginn der Handlung seine Frau bei einem Autounfall, doch die unmittelbare Reaktion auf den schweren Verlust fällt deutlich anders aus, als es für gewöhnlich der Fall ist, wenn einem Menschen die Liebe seines Lebens von einem Moment auf den anderen schlagartig entrissen wird. Als wäre nichts geschehen, geht Davis einfach zum üblichen Tagesgeschehen über und führt seine Arbeit fort, während er nebenbei bemerkt, dass er einen auffälligen Drang dazu entwickelt, Dinge zu zerstören und sein Leben umzukrempeln.


Einfach mal wieder lächeln
Der Film setzt sich hierbei mit einer speziellen Art der depressiven Trauerbewältigung auseinander, indem Davis nach und nach vor die quälenden Fragen gestellt wird, ob er seine Frau jemals wirklich geliebt hat, ob das Leben, das er bisher geführt hat, ansatzweise dem entspricht, was er sich vom Leben erhofft und ob er tief in sich überhaupt noch irgendwelche Gefühle verspürt. Im Vergleich zu seinen vorherigen Filmen "Dallas Buyers Club" und "Wild", die eher konventioneller inszeniert waren und eine glatte Handschrift trugen, welche nach typischem Oscar-Material aussah, versprüht "Demolition" eine wesentlich verspieltere Atmosphäre. Durch die experimentelle Montage, bei der Vallée durch die Zeit springt, Erinnerungen in aktuelle Szenen einfügt und einzelne Abschnitte völlig undurchschaubar anordnet, entsteht der Eindruck eines chaotischen Erzählstils, der sich dem verwirrten Charakter der Hauptfigur stimmig angleicht. Eine große Stärke des Films besteht darin, dass er sich dauerhaft eine gewisse Unvorhersehbarkeit bewahrt, die nie erahnen lässt, in welche Richtung sich die Geschichte als nächstes bewegen wird. Man kann "Demolition" als ironische Zuspitzung einer Lebenskrise betrachten, bei der die Hauptfigur auf eine offensiv destruktive Weise nach dem eigenen Ich gräbt, wobei Davis nicht bemerkt, was er mit seinem Umfeld anrichtet, während er sich ausschließlich um persönliche Probleme kümmert.


Diesen Eindruck sabotiert das Drehbuch von Bryan Sipe im nächsten Moment aber wieder, wenn der Film dramaturgisch zunehmend episodenhaft zerfasert. Neben Davis, der durch einen eher zufälligen Briefkontakt eine tiefe Beziehung zur Kundenservice-Mitarbeiterin Karen aufbaut, schweift die Handlung immer wieder zur von Naomi Watts gespielten Figur ab, die ebenfalls in einer Sinnkrise zu stecken scheint und darüber hinaus einen Sohn hat, der mitten in der Pubertät steckt und mit seiner Sexualität hadert. "Demolition" verliert den Fokus immer wieder aus den Augen, wirkt unentschlossen, wer nun mit wem interagieren soll und landet gegen Ende im erzählerischen Nirwana, wenn nicht mehr klar ist, auf was für eine Aussage der Film zwischen all den mal mehr, mal weniger eindeutigen Metaphern schlussendlich abzielt. Die quälende Unsicherheit in Gyllenhaals Augen, sein rätselhaftes Auftreten, das zwischen eingeschüchterter Nervosität, überheblicher Ignoranz und selbstsicherer Destruktion changiert, bleibt neben der phasenweise brillanten Montage auch nach diesem Streifen im Gedächtnis, aber was darüber hinaus?


6,5 von 10 Vorschlaghämmer



von Pat

Review: SOUTHPAW - Die Präsenz von Jake Gyllenhaal

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Fakten:
Southpaw
USA. 2015. Regie: Antoine Fuqua.
Buch: Kurt Sutter. Mit: Jake Gyllenhaal, Forest Whitaker, Curtis „50 Cent“ Jackson, Rachel McAdams, Naomie Harris, Rita Ora, Oona Laurence, Victor Ortiz, Beau Knapp, Dominic Colón, Miguel Gómez, Skylan Brooks u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 7. Januar 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Den Titel des Boxweltmeisters hat sich Billy Hope hart von ganz unten erarbeitet, nicht zuletzt dank der unermüdlichen Unterstützung seiner geliebten Frau, die im Hintergrund die Fäden zieht. Doch ein Schicksalsschlag, durch den auch das Leben von Billys kleiner Tochter aus den Fugen gerät, zerstört jäh die Idylle. Als ihn dann auch noch sein langjähriger Freund und Manager im Stich lässt, fällt Billy ins Bodenlose. Erst als Box-Coach Tick Wills ihn unter seine Fittiche nimmt, ist Billy bereit, sich wieder in den Ring zu wagen und sich dem härtesten Kampf seines Lebens zu stellen: dem Kampf gegen sich selbst.




Meinung:
Da haben sich zwei gefunden: Antoine Fuqua und Kurt Sutter. Beides Filme-, bzw. Serienmacher, die am liebsten Geschichten voller Maskulinität erzählen. Fuqua untermauerte diesen Ruf u.a. mit „Training Day“ oder „Tränen der Sonnen“, Sutter machte Freunde brutaler wie dramatischer Serienunterhaltung mit „The Shield“ und den „Sons of Anarchy“ glücklich. Mit „Southpaw“, einem Drama rund um einen Profiboxer, der nach einer Tragödie beginnen muss sich wieder hoch zu kämpfen und dies nicht nur im Ring, beweisen Fuqua (Regie) und Sutter (Drehbuch) was sie können: Die Zelebrierung von männlichen Attitüden, kämpferischen Klischees und drastischer Dramatik. Aber um ganz ehrlich zu sein, Fuqua und Sutter gehört bei „Southpaw“ nicht die Aufmerksamkeit. die sichert sich jemand anderes und zwar Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal.


Blut, Schweiß, Emotionen: Gyllenhaal überzeugt
Gyllenhaal gehört der Film! Seine Leinwandpräsenz ist wirkt fast etwas zu erdrückend. Egal ob er schwitzend und blutend mit angespannten Muskeln im Ring steht oder psychisch gebrochen mit feuchten Augen in der Ecke eines Zimmers hockt, Gyllenhaal dominiert den Film regelrecht. Lediglich Oscar-Preisträger Forest Whitaker kann als Trainer Tick andere, erinnerungswürdige Nuancen setzen, weil seine Darstellung wesentlich ruhiger, dezenter und geistvoller ausgefallen ist. Ein guter Kontrast, den „Southpaw“ dringend nötig hat und der leider auch etwas zu spät erst in die Handlung integriert wird. Das Problem an „Southpaw“ ist, dass der im Prinzip nur die große, bekannte Standarte typischer Rise & Fall-Filme (bzw. Fall & Rise) schwenkt. Das Gute daran: Häufig macht der Film das dramaturgisch äußerst effektiv, auch wenn Boxer Billy Hope sich nur durch klischeebeladene Lebenswirrungen und Schicksalsschläge kämpfen muss. Am besten kann man „Southpaw“ wahrscheinlich mit Gavin O’Connors „Warrior“ vergleichen, in dem sich Tom Hardy und Joel Edgerton als zerstrittenes Bruderpaar im Ring einer Ultimate Fighting Meisterschaft gegenüberstehen. Den großen Gegner von Jake Gyllenhaals Rolle ist dabei aber kein Verwandter, sondern er selbst. Was die beiden Filme wirklich miteinander verbindet ist ihre Testosteron-Ausstrahlung.


Billy Hope kämpft und leidet für seine Tochter
Diese rettet den Film aber nicht vor seinen Makeln. Besonders auffällig ist, wie sehr Sutters Drehbuch versucht den Zuschauer in eine pessimistische Stimmung zu drängen. Dafür werden auch schon einmal Nebenfiguren geopfert. Nur geschieht das zu statisch und vor allem zu bemüht. „Southpaw“ versucht sich einfach zu verbissen als Tränenzieher, vergisst dabei aber bei den aktiven Figuren eine funktionierende Progression einzubauen. Der Film weigert sich vehement Zeit für jemand anderen als Jake Gyllenhaal aufzubringen. Schade, denn so werden lediglich platte Attitüden und Schablonen aneinandergereiht. Zugegeben, auch Gyllenhaals Rolle besteht daraus, aber dank ihres Schauspielers ist es durchaus packend dabei zu zusehen und dennoch bleibt immer das Gefühl zurück, dass das Sportler-Drama noch mehr an Masse hätte zulegen können, vor allem weil sich die Story nicht mit dem üblichen Prozedere des Genres aufhält (also dem Aufstieg eines Underdogs), sondern mit dessen Sturz, als er am Karrierehöhepunkt war. Ein bisschen vergleichen kann man „Southpaw“ als ein drahtiger, etwas weniger stiernackiger Klon vom dritten und sechsten Teil der legendäre „Rocky“-Reihe.


„Southpaw“ wird also all die Zuschauer befriedigen, die sich von großen Gesten und überproportionalen Schicksalsschlägen emotional angesprochen fühlen und dabei auch kein Problem haben, dass sie Antoine Fuqua und Kurt Sutter teils massiv manipulieren. Wem das hingegen schon bei „Warrior“ nicht zusagte, der sollte einen weiten Bogen um das Boxer-Drama machen, welches jedoch wieder aufzeigt, welch talentierter, passionierter und intensiver Darsteller Jake Gyllenhaal ist. Denn im Grunde ist es fast ausschließlich seine Präsenz, die den Film trägt. Das ist faszinierend, zeigt gleichzeitig aber auch auf das „Southpaw“ eine sehr einseitige Angelegenheit ist und auch wenn Autor Kurt Sutter, ganz nach seinem bekannten Muster, den boxenden Märtyrer durch eine emotionale Hölle schleifen lässt, ist es doch ganz klar zu erkennen, dass der Film im Grunde nur versucht alte, fast schon verrauchte Glut wieder etwas anzuheizen. Wem das reicht, dem dürfte mit „Southpaw“ fesselnde wie rührende zwei Stunden verbringen.


5 von 10 verbotenen „Fucks“

Review: NIGHTCRAWLER - Ein Film der Ambivalenzen

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Fakten:
Nightcrawler
USA. 2014. Regie und Buch: Dan Gilroy. Mit: Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, Rene Russo, Bill Paxton, Ann Cusack, Kevin Rahm, Kethleen York, Jonny Coyne, Michael Hyatt, Eric Lange u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 27. März auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Lou Bloom lebt in Los Angeles, behaust ein kleines Apartment und verdient sein Geld mit illegalen Geschäften wie Betrügereien oder dem Stehlen von Baumaterial. Doch er will mehr, er will einen richtigen Job! Doch sein Streben nach einer Anstellung bleibt erfolglos. Als er nachts Zeuge wird, wie ein Kamerateam einen Polizeieinsatz rund um einen Autounfall filmt und er erfährt, dass man diese Aufnahmen den städtischen TV-Sendern verkaufen kann, ist sein Interesse geweckt. Lou tauscht ein geklautes Rennrad gegen eine Kamera und geht nachts selbst auf die Jagd, nach großen, spektakulären Bildern, die er der abgebrühten News-Redakteurin Nina verkaufen kann. Schnell feiert Lou durch seine durchtriebene und waghalsige Art Erfolge und stellt mit dem obdachlosen Rick noch einen Gehilfen an. Doch Lou will noch mehr Erfolg und er ist auch bereit Grenzen dafür zu verschieben oder gleich zu brechen.





Meinung:
Sein Bruder, Tony Gilroy, bewies mit seinem Regiedebüt ein gutes Gespür für eine tolle Geschichte, grandiose Darsteller und eine fesselnder Inszenierung. Ob Dan Gilroy mit „Nightcrawler“ ebenfalls solch ein grandioses Werk abliefert wie sein Bruder mit „Michael Clayton“?


Lou und sein "Angestellter" beim Arbeitsgespräch
Die Medienschelte, die „Nightcrawler“ betreibt, ist angriffslustig und plakativ. Sie negiert sich gegenüber Graustufen und funktioniert als fratzenhafte Spiegelung des medialen Wahns der Skandale, großen Bilder und emotionalen Trubels. Lou Bloom erweist sich dabei als eine Art Frankensteins Monster dieser Welt. Er ist die menschgewordene Essenz einer Gesellschaft, die Erfolgsdruck als genauso attraktiv und begehrenswert beschreibt wie alltägliche Nettigkeiten. Bloom ist so smart wie rücksichtslos, so charmant wie durchtrieben, so eloquent wie radikal. Ein Wolf im Schafspelz, der schnell versteht, wie die Regeln des Systems funktionieren, wie man sie optimal befolgt und somit Erfolge feiern kann. Eine ethische Komponente gibt es dabei nicht und wenn doch eine erscheint, versandet sie in der Scheinheiligkeit. Lou Bloom ist „Bild“ und „heftig.de“ in Menschengestalt. Das Plakative an „Nightcrawler“ ist aber keine Passivität oder ungeschicktes Denken, sondern Teil der Offenlegung, die der Film praktiziert. Dan Gilroy nutzt Simplizität um einen Kreislauf sichtbar zu machen. Wenn am Ende von „Nightcrawler“ die Autos über die nächtlichen Straßen von Los Angeles heizen, sie dem Gegenverkehr ausweichen, sie sich überschlagen und gegen andere Fahrzeuge knallen, dann ist klar, dass die mediale Realität die Normalität vollends bestimmt. Das von den Marktschreier-Medien propagierte Weltbild, wir haben es längst angenommen und es zu unserem gemacht. So erweist sich Lou Bloom als absoluter Autonomer, hat er doch verstanden was zu tun ist, um das Spiel, das System so zu nutzen, dass man darin wandeln kann, ohne sich zu verändern und gleichzeitig Erfolge zu feiern. Er ist ein Monster, welches Egoismus und Gier so kongenial einnahmt hat, dass es adrett zu ihm passt. Lou Bloom ist das kompromisslose Ideal eines modernen Menschen. Sehr furchteinflößend.


Ausnahmsweise steht Lou einmal im Scheinwerferlicht
Jake Gyllenhaal („Enemy“) verkörpert diesen Lou Bloom mit solch einer rasiermesserscharfen Präsenz und dennoch ist es schwer in klassisch zu katalogisieren. Bloom ist zwar ein klar taktierender, eloquenter Egozentriker, der mit vermeintlich liberalem Narzissmus durch die Welt geht und der sich selbst als Gutmensch sieht und sich so auch seiner Umwelt verkauft. Zeitgleich schlummert aber in ihm etwas. Etwas zittrig-fiebriges. Wie ein Monster im Keller, welches nicht von äußeren Umständen freigelassen wird, sondern nur von Bloom selbst. Ein Mann wie Dr. Jekyll und Mr.Hyde, der eigenständig zwischen den Polen wechseln kann. Wie Gyllenhaal das spielt ist schlicht und ergreifend sensationell und schlägt die Qualität seinen gefeierten Auftritt in „Prisoners“ noch einmal um Längen. Dank Gyllenhaal ist Blooms garstige Seele jederzeit spürbar und präsent und dennoch umweht ihn der scheinbar unverdrängbare Schleier des Charmanten. Furchteinflößend superb, vor allem durch die Koppelung, bzw. Fixierung an den gesellschaftskritischen Kontext. Das neben Jake Gyllenhaal da nicht mehr viel Platz bleibt verwundert nicht. Aber die Nebenakteure Riz Ahmed („Four Lions“) und Rene Russo („Lethal Weapon 3“) geben sich dennoch Mühe neben Bloom darstellerisch zu bestehen. Ein wahrer Härtetest, den sie allerdings bestehen, besetzen sie doch die Nischen des menschlichen Wesens, die Bloom nicht ausfüllen will oder noch nicht kann. Gyllenhaal, Ahmed und Russo (schön sie endlich mal wieder in einer echten Rolle mit Charakter zu sehen): die Besetzung von „Nightcrawler“ ist schlicht und ergreifend betörend.


Die besten Bilder für Lou Bloom
Betörend sind nicht nur Gyllenhaal und die endlich wieder darstellerisch geforderte Rene Russo, sondern auch die Bilder von „Nightcrawler“. Kameramann und Oscar©-Preisträger Robert Elswit, der u.a. bereits einige Meisterwerke von Paul Thomas Anderson („Boogie Nights“, „Punch-Drunk Love“, „There Will Be Blood“) kinetisch eingefangen hat, erzeugt hier Bilder die zum einen äußert Klar aufgenommen und bebildert wirken und dennoch immer eine passive Ruhelosigkeit sowie Aggression beinhalten. Hinter den glatten Digitalbildern schlummert die Rauheit der Millionenmetropole Los Angeles. Elswit gibt den Charaktere des Lou Bloom quasi mit seinen Straßen- und Stadtporträts wieder: hinter einem klaren Äußeren verbirgt sich eine gewaltvolle Kraft. „Nightcrawler“ ist in vielen Bereichen ein Film der Ambivalenzen und auch deshalb so verdammt gut.


Also ist Dan Gilroys Regiedebüt ähnlich gelungen, wie das Debüt seines Bruders Tony aus dem Jahre 2007? Ja, das ist es. Beides Meisterwerke; beide exerzieren intelligentes wie unterhaltsames Kino mit Kern und Aussage, welches den Hauch des New Hollywoods beinhaltet. „Nightcrawler“ ist einer der besten Filme des Jahres und eine weitere Visitenkarte für die schauspielerischen Qualitäten von Jake Gyllenhaal.


10 von 10 Weitwinkelaufnahmen

Review: ENEMY – Die Feindschaft der Doppelung

1 Kommentar:


Fakten:
Enemy
Spanien, USA, UK. Regie: Denis Villeneuve. Buch: Javier Gullón, José Saramago (Vorlage). Mit: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini, Joshua Peace, Tom Post, Sarah Gadon, Kedar Brown, Darryl Dinn, Jane Moffat, Stephen R. Hart u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren.
Ab 10. Oktober 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Adam ist ein Professor, dessen Leben vom eintönigen Alltag geprägt ist. Als er in einem Spielfilm einen Schauspieler entdeckt, der exakt so aussieht und klingt wie er, lässt ihn dies nicht mehr los. Er beginnt zu recherchieren und findet einiges heraus, über diesen Mann der Anthony heißt. Schließlich wagt Adam seinen Doppelgänger zu treffen.





Meinung:
Villeneuve, du Bastard! Jetzt stehe ich vor der unmöglichen Aufgabe, dem Film einen ihm entsprechenden Text hinzulegen - und jeder Versuch ist von Vornherein zum Scheitern verdammt. Aber das will er ja auch: Unsicherheit schaffen. Sein „Enemy“ ist eine geheimnisvolle Type, kommt uns erst entgegen, macht uns sodann aber nervös, erklärt sich nicht, wird schroff und haut dann plötzlich ab, dass man noch nach dem Kinobesuch angespannt auf seinen möglichen Angriff wartet, während man selbst frenetisch-ängstlich dem Sinn dieser ganzen Sache hinterher zu steigen versucht, so wie es einem der Gyllenhalls im Film ergeht.

 
Adam und Anthony beim Doppelgänger-Check
Dabei gibt sich das Geschehen doch zunächst so geradlinig im Aufdecken seiner selbst, spielt in urbaner, schwüler Unterdrückung das doppelte Lottchen und geht dabei mit einem derartig schwerfälligen Ernst daran, dass man sich in einer bewusst schleppenden Farce fühlt - so alà 'Ich habe einen Doppelgänger?...Ich kann es irgendwie nicht fassen...Ich werde mich ihm wohl auf ganz umständliche, unbeholfene Weise nähern - hoffentlich wirke ich dabei nicht wie ein Irrer.' und alle machen gleichsam ominös mit in der daraus folgenden, kafkaesken Geheimniskrämerei. Auf diesen existenzialistischen Humor gibt's von Vornherein einen Hinweis durch Gyllenhall als Uni-Professor Adam Bell, der in seinen Kursen kontinuierliche Wirkungen & Systematiken von Diktaturen aller Zeiten behandelt und dabei ein Zitat von Marx über die Doppelung von historischen Ereignissen voranstellt: '[...] das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.'.

 
Disput zwischen Doppelgängern
Diese Wechselwirkung derselben Sache aus ein und demselben Ursprung erlebt man dann auch unterhaltsam und hart-pochend in der subtil-gefährlichen Annäherung der zentralen Doppelgänger, von denen einer nun mal mit strenger Nervosität und einer verhaltenen Lebenseinstellung aufwartet, während das gleich ausschauende Objekt der Neugier/Begierde Anthony Claire als Kleindarsteller einem hipperen, extrovertierten Lifestyle verbunden sein möchte. Beide ergeben sich fortwährend einer Erotik, die sich nie ganz zu erfüllen scheint: Ersterem steht offenbar die kalte Beziehung zur eigenen Mutter im Weg, Letzterer verliert hingegen selbst-abweisend den Zugang zur Freundin, welche im 6. Monat schwanger ist. Der versuchte Ausbruch der 'Untergebenen' (Adam und die Schwangere) aus beiden Systemen könnte funktionieren, lässt sie aber aufgrund der jeweiligen, dominanten 'Führungspersönlichkeiten' allesamt zusammenbrechen oder verwirren - wobei sich auch die destruktive Diktatur der eigenen Persönlichkeit im Angesicht von Gegensätzen und Widersprüchen offenbart (so ergeht es jedenfalls Anthony).

 
Ist das wirklich Adam im Bett seiner Frau?
Die Synthese mit der körperlichen Lust bleibt angespannt und ehrgeizig, jedoch elliptisch abgegrenzt - jene Verbindung mit dem gleichwertigen Double erst recht. Da stehen dann verknüpfte DNA-Stränge, die in ihrer persönlichen Geschlossenheit aneinander reiben und sich nichts schenken - als ungleiches gleiches Paar scheinbar ein gemeinsames und doch versetztes Leben teilen, das in der Zellbildung vom minutiös erforschbaren Komplex Toronto aus Versehen aufeinander trifft. Steht da als höhere Macht die Riesenspinne, die in einer 'Vision' wie eine diktatorische Präsenz über der ganzen Stadt wiegt? Stehen ihre acht Beine für die vielseitige Kongruenz und Konkurrenz verbundener Seelen? Sind Gyllenhalls suggerierte 'Zwillinge' oder 'Klone' EIN Wesen, wo sie doch letzten Endes (gezwungenermaßen) die Frauen miteinander teilen? Erkennt die Mutter des Babys ihre eigene Kreation im Doppelgänger wieder, weshalb sie ihn wie einen Bekannten zu sich ins Bett lässt, von seinem Leben Bescheid weiß, sogar dessen Andenken beherbergt und schlussendlich offenbar jene oben genannte (Menschliches-Leben-kreierende?) Spinne sein könnte?

 
Der Fremde im Zug?
Alles Fragen, die man sich zwangsläufig stellen muss, denn Villeneuve („Prisoners“) gibt dafür zwar genügend Ansätze in seinem methodischen Aufbau des aufregenden Mysteriums, lässt des Rätsels Lösung aber im Raum stehen und bricht vor einer allumfassenden Erklärung urplötzlich frech ab. Man hätte sie schon gerne erlebt und so lässt dieser Umstand die Filmerfahrung etwas unerfüllt stehen - doch gerade da liegt die Stärke, entspricht das Ende damit ja einerseits den psychologischen, sinnlichen Lücken der Protagonisten und bietet andererseits soweit Raum für Spekulationen, dass man einsieht: jede Erklärung wäre überflüssig, könnte sogar ziemlich bekloppt erscheinen (könnte aber auch daran liegen, dass man selber nur fähig ist, Schwachsinn hinzuzudenken - da schließe ich mich wohlweislich nicht aus). Gewünscht hätte ich mir aber schon, dass der Wahnsinn ruhig noch ausgedehnter ausgefallen wäre. Die Surrealität bleibt nämlich durchgehend ein Stück manierlich, offenbart sich aber auch so sperrig zum Finale hin, dass der ganze Rest von zuvor auf einmal ebenso zum kryptischen Wunderland chiffriert wird.


Ich hätte es ahnen müssen, schließlich leitet der Film doch schon mit der Deklaration ein: 'Chaos is merely order waiting to be deciphered' - das Warten nimmt jedoch kein Ende. Welch ein Schelm, der Villeneuve - der erwischt jeden und regt zum freien Interpretieren an. Im Nachhinein fühle ich mich zwar nicht unbedingt schlauer, dafür aber noch immer unsicher. So ein frecher Bastard...der hat's drauf!


7,5 von 10 überdimensionalen Spinnen


vom Witte