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Review: eXistenZ - Tod dem Realismus

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© TURBINE MEDIEN

Fakten:
eXistenZ
CA, GB, USA, 1999. Regie & Buch: David Cronenberg. Mit: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Ian Holm, Willem Dafoe, Don McKellar, Callum Keith Rennie, Christopher Eccleston, Sarah Polley, Robert A. Silverman, Oscar Hsu u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
eXistenZ ist die neue Sensation auf dem Computerspielmarkt: Die Spieler verbinden ihr Nervensystem direkt mit der Software und tauchen in eine völlig neue, ultra-realistische Spielwelt ein. Bei der Präsentation wird ein Attenat auf die Entwicklerin Allegra verübt, der Täter scheitert knapp. Allegra und ihr Bodyguard Ted müssen fliehen und sich selbst mit eXistenZ vernetzen, um den Verschwörern auf die Spur zu kommen.

                                                                         
Meinung:
Spielst du schon, oder lebst du noch? Als Virtual Reality und sogar das Internet noch nicht so allgegenwärtig, unverzichtbar und selbstverständlich waren wie heutzutage widmete sich der kanadische Meisterregisseur David Cronenberg diesem Themenkomplex, um damit direkt an sein bisheriges Schaffen und dessen Quintessenz anzuknüpfen. „Es lebe das neue Fleisch“ hieß es beim Meister des Body-Horrors bereits 1983, als in Videodrome Technologie und Gewebe, echte und künstliche Realität, Wahn und Wirklichkeit auf bizarre, nicht mehr sauber voneinander zu separieren Art und Weise miteinander verschmolzen. Damals noch „unbeabsichtigt“, überschreiten die Figuren in eXistenZ diese Grenze sehr bewusst. Zum Spaß. Bis darauf Ernst wird. Oder doch nicht? Alles nur Teil dieser schönen, neuen Erlebniswelt? Sind das die Regeln…gibt es überhaupt welche?


© TURBINE MEDIEN
Peng, du bist tot! Oder nicht...?
Während in Cronenberg’s vorherigen Werken in die Realität immer „nur“ ein Stückweit eingebrochen, sie infiltriert wurde durch übernatürliche (und doch meist wissenschaftlich „begründetet“) Phänomene, schafft eXistenZ direkt eine künstliche, irreale Welt und Daseinsebene, die zunächst doch deutlich getrennt scheint von unserer Realität. Denn nur mit den Bioports, einer Art fleischlichen Modems, welche noch nicht mit WLAN funktionieren und deshalb durch eine Nabelschnur-ähnliche Verbindung in direktem Kontakt mit dem Spieler stehen müssen, im wahrsten Sinne des Wortes in ihn eindringen (womit auch der bei Cronenberg beinah unvermeidliche, sexuelle Kontext bedient wird), ist ein Zugang zu eXistenZ möglich. Mensch und Technologie müssen quasi kopulieren, wir uns der künstlichen Fantasie ausliefern und ihr kompletten Zugriff auf uns gewähren. Wir geben uns ihr hin, mit Haut, Haar, Leib und vielleicht sogar Seele. Aus Neugier und fasziniert von den Möglichkeiten, die sie uns bietet, ohne die Risiken zu überdenken. Denn wenn alles eins wird, wir selbst biologischer Teil der ach so perfekten Illusion, wo sind noch Grenzen? Selbst deren Designerin Allegra (göttlich, wie immer: Jennifer Jason Leigh) kann sie nur vermuten. Der Höhepunkt der menschlichen Eigen-Schöpfung: Eine Welt, die sich nicht einzäunen lässt. Den Transfer vom Digitalen ins Organische unaufhaltsam vornimmt und bei dem irgendwann niemand mehr sicher ist, ob er es noch genießen oder bereits fürchten sollte. Das perfekte Spiel. Haben wir das gewollt?


David Cronenberg voll in seinem Element. Vom einst klaren Genre-Regisseur mit interessantem Subtext hat er spätestens nach oder mit Die Fliege die eigenen Grenzen verschoben. eXistenZ verwendet nun eher den Horror/Science-Fiction-Aspekt als Nebensächlichkeit, um seine Diskussion vom Rande in den Vordergrund zu stellen. Über den selbsterschaffenen, bejubelten Kontrollverlust des Menschen durch den Triumph seiner eigenen Genialität. Wir sind an den Punkt gekommen, an dem wir uns selbst besiegen können. Spielerisch. Ohne es zu merken oder erst, wenn es längst viel zu spät ist. Dazu bedarf es keiner direkten, menschlichen Konflikte mehr. Keine Kriege, keine Bomben, kein Schlachtfeld. Nur einen „Stecker“ und die perfekte Illusion. Willkommen in der Zukunft.

8 von 10 Zähnen im Lauf

Review: CABAL - DIE BRUT DER NACHT - Schlachtfeld Friedhof

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Fakten:
Cabal – Die Brut der Nacht (Nightbreed)
USA, 1990. Regie & Buch: Clive Barker. Mit: Craig Sheffer, Anne Bobby, David Cronenberg, Charles Haid, Hugh Quarshie, Hugh Ross, Doug Bradley, Catherine Chevalier, Malcolm Smith, Bob Sessions, Oliver Parker, Debora Weston, Nicholas Vince, Simon Bamford u.a. Länge: 120 Minuten (Director’s Cut). FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Boone befindet sich seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung, aufgrund seiner Albträume von bestialischen Morden, obskurer Höllenwesen und einer Stadt unter dem Friedhof von Midian. Jetzt passen seine Visionen exakt auf die Morde eines Serienkillers, woraufhin er natürlich als Hauptverdächtiger gilt. Er flüchtete vor der Justiz und erreicht seinen Bestimmungsort…





Meinung:
„Gott ist ein Astronaut, Oz liegt hinter dem Regenbogen und Midian gehört der Brut der Nacht.“

 (Kritik bezogen auf den Director's Cut) 

Clive Barker vereint Genie und Wahnsinn wie kaum ein Zweiter, zumindest in seinem Zweitjob als Filmemacher. Bei seinem Regiedebüt „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“ war schon offensichtlich, dass seine Stärke eher in der Idee, weniger in der praktischen Umsetzung liegt. Trotzdem wurde das (zurecht) einer der Horrorfilme überhaupt, man mochte ihm die handwerklichen Fehler locker verzeihen. Die zweite, selbst praktizierte Umsetzung seines literarischen Outputs offenbart Licht und Schatten seiner Fähigkeiten in einem konkreten Ausmaß, das man unweigerlich irgendwo im Mittelfeld landen muss, aber am Ende sollte das Herz den Kopf immer fest im Griff haben.


Hübsch, aber kaum alltagstauglich...
„Cabal – Die Brut der Nacht“ (was so viel schöner, markanter klingt als der Originaltitel, gibt es auch selten) ist wie Cirque du Soleil auf abgelaufenem Acid. Ein morbides, anfangs schnell faszinierendes Erwachsenenmärchen, bei dem sich die Masken- und Effektabteilung hemmungslos austoben darf. Manches ist schon nah an der Karikatur, das Meiste dafür derartig individuell und wundervoll speziell (das Stachelschwein-Weibchen, eine Augenweide), Genre-Fans könnten kaum liebevoller erigiert werden. Eingebettet in eine Story, die eindeutig dem Geist eines kreativen Wildfangs entsprungen ist. Barker versteht es, sein ganz eigenes Universum zu erschaffen, bei dem wenig Wert auf narratives Geschick oder individuelle Glanzleistungen gelegt wird. Hauptdarsteller Craig Sheffer ist so ein untalentierter Spät-80er, Früh-90er-Beau, der mit wuscheliger Frisur und Lederjacke als James-Dean-Lichtdouble durchgehen mag, mehr eindeutig nicht zu bieten hat. Angestrengt-gestresst aussehen überfordert ihn schon bald, aber seine Fresse muss man ungeschminkt nur eine Zeit lang ertragen, das hilft. Seine Partnerin Anne Bobby (das war ihre größte Rolle und selbst das verwundert extrem) ist eine einzige Katastrophe. Das Hauptdarstellerduo ist Pest und Cholera, aber einer steckt sie spielend in den Sack und macht mindestens so viel Spaß, wie er scheinbar selbst dabei hatte: Meisterregisseur David Cronenberg glänzt in der Rolle als zwielichtig-boshafter Seelenklempner und spielt das namenslose Gesindel locker an die Wand, eine herrliche Performance.


Die Freaks sind sich einig...
„Cabal – Die Brut der Nacht“ hat unbestreitbar einige sau-coole, sehr eigene Ansätze und Ideen, vermag die in wunderbaren Bruchstücken sogar vereinzelt an den Mann zu bringen, verhaspelt sich aber andauern in seiner klobigen, lumpig gestrickten Erzählung, bei der hinten und vorne wenig sinnig ineinander greift. In seinem Herzen eine abstrakte, lebendig-untote Phantasterei mit unendlich vielen, einfallsreichen Bausteinen stolpert man andauernd über grobe Schnitzer, eine ungeschickte Vorgehensweise und diverse Albernheiten, die den Vorzügen (zu) oft das Wasser abgraben. Man sitzt wackelig zwischen den Stühlen aus grenz-genialem Eskapismus, platter Parabel und Genre-Fasching, dessen ohnehin heillos überladenes Finale zusätzlich mit einer dusseligen, religiösen Erlöser-Thematik geschmückt wird. Klingt nach gar nicht mal so gut, in Anbetracht dessen allerdings erstaunlich charmant. Speziell in der letzten halben Stunde ist der Film ein einziges Chaos, verläuft sich planlos von vorne wie hinten, ist allein dadurch aber schon fast den Blick wert. Drunter und drüber geht es, seinen naiven Flair büßt er dabei niemals ein, gewinnt sogar reichlich davon. Der moralische Holzhammer wird schon mal überstrapaziert, gleichzeitig ist das Gesamtprodukt so einzigartig und liebenswert, gerade in seinem hektischen, turbulenten Irgendwas total effizient.


Ein ganz sonderbarer Film. Tolle Idee, hervorragend Effekte, viel Liebe zum Detail und zeitgleich so gar kein Gespür für erzählerisches Feingefühl. Da wird munter drauflos gepoltert, zum Schluss nichts mehr konsequent zu Ende gedacht, es ist die pure Freude an der eigenen Idee. Aber die ist geil. Und wenn das Leute machen, die das nicht nur geil finden müssen, sondern es wirklich von Herzen tun, dann kommt halt ein Quatsch wie das dabei heraus. Prima.

6,5 von 10 brennenden Friedhöfen

Review: MAPS TO THE STARS - Das kalte Herz von Hollywood brennt!

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Fakten:
Maps to the Stars
Kanada, USA. 2014.
Regie: David Cronenberg. Buch: Bruce Wagner. Mit: Mia Wasikowska, Julianna Moore, John Cusack, Robert Pattinson, Evan Bird, Olivia Williams, Carrie Fisher, Jayne Heitmeyer, Sarah Gadon, Amanda Brugel, Ari Cohen u.a. Länge: 112 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 3. März 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Stafford Weiss (John Cusack) ist das Oberhaupt der Familie Weiss, die als archetypische Hollywood-Familie charakterisiert werden kann. Er selbst arbeitet als Psychotherapeut und Life Coach. Sein Geld verdiente Weiss hauptsächlich mit dem Schreiben von Selbsthilfebüchern. Zur Zeit ist bei ihm die Schauspielerin Havana (Julianne Moore) in Behandlung, die im Schatten ihrer verstorbenen Schauspieler-Mutter Clarice steht, welche sie als Geist nachts regelmäßig heimsucht. Nun möchte sie ein Remake des Films drehen, der ihrer Mutter in den 1960er Jahre zum Ruhm verhalf. 
Staffords Frau Christina (Olivia Williams), eine ebenso hingebungsvolle wie kontrollsüchtige Mutter, versucht derweil die Karriere ihres 13-jährigen Sohns Benjie (Evan Bird) voran zu treiben und ihn wieder in die Familie einzugliedern, nachdem der junge Fernsehstar frisch aus dem Drogenentzug entlassen wurde (welchen er im stolzen Alter von neun Jahren antrat). Und auch Tochter Agatha (Mia Wasikowska) ist kein Unschuldslamm: Sie wurde gerade aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen und freundet sich mit dem Limosinenfahrer und erfolglosen Jungschauspieler Jerome (Robert Pattinson) an, der sich als Drehbuchautor in Hollywood einen Namen machen möchte. Ob alle Charaktere in diesem Drama zu Ruhm und Erfolg gelangen?





Meinung:
Es ist beruhigend, Cronenberg mal wieder mit einem einigermaßen erfrischenden Gestus an die Arbeit herangehen zu sehen, auch wenn es sich dabei ausschließlich ums Eintauchen in die Showbiz-Gehässigkeit handelt - stilistisch bleibt er wie in den letzten Jahren schon der archaisch-elegante Beobachter, aber hier hält ihn immerhin das Tempo des Ensembles am Laufen. Nichts wirklich Weltbewegendes kommt dabei in der Portraitierung verzweifelt-alternder Diven, Hinter-den-Kulissen-abgefuckter Selbsthilfe-Gurus, schwärmerischer Assistenten im Sog der Korrumpierung (siehe 'ALLES ÜBER EVA') und versnobt-kotziger child actors heraus, aber zumindest kann man dabei von einem kurzweiligen Unterhaltungsfaktor der Eitelkeit sprechen, getragen von ziemlich furchtlosen Darstellerleistungen und einem stetigen Mysterium eines versteckten Feuers der Vergangenheit (und oder Hölle, wenn man mal eine platte Analogie verwenden darf), das alle irgendwie miteinander verbindet.

 
Hollywood Kills
Die Oberflächlichkeit des Hollywood-Apparates wird dabei in ein ähnlich glattes und sediertes Licht gerückt, wie es Paul Schrader jüngst in 'THE CANYONS' errichtete und es wird sich gut und gerne über die misanthropische Verdorbenheit und egoistische Leere der in massiven, geisterhaft-gläsernen Villen lebenden Stars echauffiert. Dass da eine gewisse überhebliche Heuchlerei von Seiten Cronenbergs ebenso mitschwingt, muss man gar nicht mal verleugnen und die Noblesse seines Casts ist sicherlich ebenso wenig unantastbar, aber einerseits geht man als Zuschauer trotzdem gerne voyeuristisch dabei mit (ein offenbar noch immer leidenschaftliches Ziel des Regisseurs, so er wie er hier zerfallende und vernarbte Körper schnörkellos nach Aufmerksamkeit sehnen lässt) und andererseits wird auch keine allzu brachiale Groteske daraus erschaffen. Das mag aber auch die irgendwie ernüchternde Gesamterfahrung des Films erklären, in der kein wirkliches Extrem, kein brisant-loderndes Flackern kompromissloser Dekonstruktion angegangen wird - Cronenberg lässt es kühl angehen und seinen Charakter-Komplex sich selbst in die Enge, in emotionale Hässlichkeit und Furcht treiben, u.a. mit vorwurfsvollen Halluzinationen (?) Verstorbener. Doch genau daran verläuft sich ein Stück weit der thematische Fokus, welcher eh nur äußerst abstrakt im Raum steht und vom Ballast gängigster Bilder jener hohlen Konsum- und Reichtumsidealen im Handling mit der Film-Industrie wenig pointiert zerfasert wird. Aber so sind die fiesen Sternchen nun mal: planlos und in ihrer luxuriös-dahinfurzenden Existenz schlicht getrieben vom Entbehrlichen und Nepotistischem (auch Inzestuösen) - aber doch irgendwo ehrgeizig und aggressiv, nicht wahr?


Diese Uneinigkeit in der Präsentation des glamourösen Asylums ist so ziemlich die Hauptursache für alle kleinen und großen Schwächen des Films und hat zudem die Folge, dass einige zugegebenermaßen amüsante Episoden schlicht ins Leere verlaufen, so wie sich auch die gesamte Auflösung in sperriger, kosmischer Suggestion übt (zumindest hilft das sympathische Enigma der Mia Wasikowska teilweise darüber hinweg). Doch es ist ja nun mal wie so oft, dass gerade solche Unförmigkeiten das fragende Hirn des Zuschauers am Laufen halten, zur Faszination oder Frustration führen, auf jeden Fall durchscheinen lassen, dass vergrabene Potenziale und subversive Schichten, in den Figuren und in der psychischen Konstruktion des Films, um ihre Entdeckung "bangen" - was beweist, dass Cronenberg sicherlich noch einiges zu erzählen hat, aber erstmal noch den Deckel überm Loch mit der flachen Hand zuhält.

6,5 von 10 iPads


vom Witte

Review: DEAD ZONE - Ich sehe was, was du nicht siehst

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Fakten:
Dead Zone (The Dead Zone)
CA, USA, 1983. Regie: David Cronenberg. Buch: Jeffrey Boam, Stephen King (Vorlage). Mit: Christopher Walken, Brooke Adams, Tom Skerritt, Martin Sheen, Herbert Lom, Anthony Zerbe, Colleen Dewhurst, Nicholas Campbell, Jackie Burroughs, Sean Sullivan u.a. Länge: 103 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Johnny Smith steht kurz vor der Hochzeit mit seiner Verlobten Sarah, als ein Autounfall alles zerstört. Er erwacht in einer Klinik und muss zu seinem Erschrecken feststellen, dass er fünf Jahre im Koma lag. Sarah ist inzwischen mit einem Anderen verheiratet, er selbst hat eine schmerzhafte Reha vor sich. Doch irgendwas ist im Koma mit ihm passiert: Durch Körperkontakt mit Menschen kann er kurz in deren Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft blicken. Zunächst versucht Johnny, diese verstörende Fähigkeit auszublenden. Als ihn der Sheriff um Hilfe bei der Suche nach einem Serienmörder bittet, setzt er sie erstmals gezielt ein. Vielleicht ist es doch eine Gabe, ein Geschenk? Das Aufeinandertreffen mit einem aufstrebenden Politiker offenbart ihm, zu was er in der Lage ist…und was der Preis dafür ist.







Meinung:
„Sie sind der Teufel. Sie kommen aus der Hölle!“

Ein in der Vita von David Cronenberg oft weniger erwähntes oder zumindest nicht genügend gewürdigtes Werk und gleichzeitig eine der besten Stephen-King-Verfilmungen, denen pauschal gerne eine eher minderwertige Qualität vorgeworfen wird. Bei genauerem Blick auf die filmischen Umsetzungen eines der erfolgreichsten Schriftsteller der Moderne lässt sich allerdings feststellen, dass dies ein eher vorschnelles Urteil ist. Tatsächlich gab es einige gelungene King-Adaptionen, deutlich mehr als von anderen Kollegen, die lange nicht so kritisch betrachtet werden. Warum selten der Name „Dead Zone“ in diesem Zusammenhang fällt erstaunt angesichts der vorliegenden Qualität umso mehr.


Ihm wurde ein neues Leben geschenkt, doch will er es haben?
Auf den ersten Blick mag es nicht nach einem typischen Cronenberg erscheinen, zumindest zu der Zeit. Eine explizite Darstellung von Gewalt findet nicht statt, das gibt die Vorlage auch gar nicht her. Cronenberg, diesmal nicht am Skript beteiligt, hält sich eng an King’s Buch, die unumgänglichen Kürzungen für eine gängige Spielfilmlänge (vor den Zeiten von Überlänge als Status Quo) mal ausgenommen. Die wesentlichen, essenziellen Punkte der Handlung fallen nicht der Schere zum Opfer, in knapp über 100 Minuten wird der Kern exakt erfasst und entsprechend umgesetzt. Wie schon das Buch ist „Dead Zone“ nicht in das Horror-Genre einzuordnen, tangiert es nur durch seine übernatürlichen Bausteine. King wie Cronenberg geht es um ein menschliches Drama, den inneren Zwist um Fluch oder Segen, Gabe oder Bürde, Bestimmung, Schicksal und Opferbereitschaft. Wenn du alles verloren hast und im Tausch nur eins bekommen hast, wie setzt du es ein und bist du bereit, in Schlüsselmomenten die richtige Entscheidung zu treffen, auch wenn es deine letzte sein wird? Thematisch nicht nur hochinteressant, moralisch nicht übersäuert, sondern von existenzieller Spannweite. Den Tod überwunden um als verstörte Seele weiter zu leben oder aus dem Verlust einen höheren Sinn zu ziehen? Ein Einzelner steht nicht zwingend unter dem Kollektiv, muss sich und seine persönliche Zukunft nicht aufgeben, doch wenn er sich der Konsequenzen bewusst ist, die freie Wahl hat und mit reinem Gewissen geht, was könnte würdevoller, richtiger und humaner sein?


Eine Geschichte und ein Film über die individuelle Selbstfindung und die bittere Tragödie, die sie beinhaltet. Von Cronenberg nur oberflächlich kühl, tatsächlich sehr sensibel und dadurch extrem beklemmend, weniger durch Momente, deutlicher durch sein Ganzes packend und spannend vorgetragen. Mit einem Christopher Walken in absoluter Höchstform brillant  - im wahrsten Sinne des Wortes - verkörpert, was bei ihm auf dem Niveau mehr als treffend ist. Jeder Blick, jede mimische Regung lässt tiefer in ihn blicken als tausend Worte, Psychisches physisch dargestellt, sein Körpersprache trägt den Umfang seiner mentalen Zwickmühle, dem Gewahrwerden dieser und seinen letztendlichen Umgang damit offen zur Schau. King, Cronenberg und Walken, ein ganz exquisiter Dreier, auch nach über dreißig Jahren noch.

8 von 10 gekochten Goldfischen

Review: DIE BRUT - Ein Herz für Kinder

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Fakten:
Die Brut (The Brood)
CA, USA, 1979. Regie & Buch: David Cronenberg. Mit: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds, Susan Hogan, Henry Beckman, Nuala Fitzgerald, Gary McKeehan, Michael Magee u.a. Länge: 88 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD erhältlich.


Story:
Frank Carveth teilt sich das Sorgerecht für die kleine Candy mit seiner baldigen Ex-Frau Nora, obwohl sich diese in stationärer, psychologischer Behandlung in „Somafree Institute“ von Psychiater Dr. Hal Reglan befindet. Frank bemerkt an seiner Tochter Spuren physischer Misshandlungen und ahnt schon, dass hinter den Mauern der Anstalt nicht alles mit rechten Dingen zugeht. In der Folgezeit kommt es zu ungeklärten Morden, nur als Frank endlich mit der Wahrheit konfrontiert wird, ist es fast schon zu spät…


                                                                                           




Meinung:
„Das sind böse Kinder. Ganz böse Kinder…“

Das ist David Cronenberg, ein ganz böser David Cronenberg, der unnachahmlich auf dem schmalen Drahtseil zwischen B-Horror-Trash und psychologisch hintergründiger Aussage tanzt und zwischendurch sogar Purzelbäume schlägt, um hinterher leicht und locker eine erstklassige Landung hinzulegen, für die man gerne mit den Höchstbewertungen wedelt.


Merkwürdige Gelüste in der Paarungszeit, nicht ungewöhnlich.
Der Konzeptregisseur Cronenberg lässt anfänglich nicht genau erkennen, wo denn genau die Brücke zwischen „Shivers“, „Rabid“ und eben „Die Brut“ geschlagen wird, am Ende ist sie überdeutlich. Noch viel deutlicher verarbeitet Cronenberg hier eigene Erfahrungen, teilt kräftig aus, bezogen auf seinen zur der Zeit stattfindenden Sorgerechtsstreit und etabliert deshalb natürlich die Vaterfigur als einsamen Kämpfer gegen das fehlgeleitete Muttertier, welches unter der Fuchtel einer übergeordneten Macht (= Therapeuten, der Anfang vom Ende vieler Beziehungen) eine dämonische Brut gebärt. Erst spät lässt Cronenberg seinen klassischen Body-Horror aus dem Gebärmutter-Schleimbeutel, inszeniert seinen Film vorher leicht schleppend und gewollt mysteriös, hält dadurch die Spannung konstant hoch, trotz nicht immer packenden Sequenzen. Im Kontrast dazu funktionieren die bewusst gesetzten Highlights wunderbar. Küchenschlacht nach Großmutterart trifft auf Auswüchse von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Ein Kind zu töten“ und Beziehungsdrama. Eine ungewöhnliche Mischung, die sich erstaunlich stimmig zu einem typischen Cronenberg entwickelt, dessen Finale allein das Ansehen wert ist. Da tritt dann alles zu Tage, was er zuvor schon mit seinen Filmen bewirkte und nun gewohnt souverän ausbaut. Diesmal nur mit einer weit weniger emanzipatorischen Grundhaltung. Das Böse schlummert nicht nur im weiblichen Körper und sticht mutig hervor, es hat dort seine Brutstätte gefunden, ist der Ursprung allen Übels. Fast hilflos steht dem ein alleinerziehender Vater gegenüber. Geschlechterkampf aus unterdrückt-gefühlter Männersicht. Auch mal interessant.


Die werden schon noch Freunde...
„Die Bienenkönigin“ wird als demonstrativ-willenloses, dennoch aufgrund ihrer Natur als privilegiertes Geschöpf präsentiert, das die dominierende Macht über Leben und Tod besitzt. Natürlich fremdgesteuert, gleichwohl  als Familien-zerstörende und gleichzeitig das Grauen hervorbringende Basis in Szene gesetzt, da bezieht Cronenberg unverkennbar Stellung. Kann er ruhig machen, dadurch gewinnt sein Film noch mehr an provokativem Subtext und darf gegen Ende so vom Stapel lassen, das man über diverse Leerläufe getrost hinwegsehen kann. Lange lässt sein Film (scheinbar) eine ganz klare Richtung vermissen, findet sie letztlich in dem alles vereinenden, verletztem und wütendem Finale, wenn das Böse aus dem externen Uterus schlüpft und als fast gesichtslose Brut das einzig Unschuldige angreift, was aus einer in Trümmern liegenden Beziehung noch übrig geblieben ist. „Die Brut“ mag auf den ersten Blick leicht trashig wirken, ist dabei wie alle Cronenbergs deutlich überlegter und vielschichtiger, als das ihm dieses Attribut gerecht werden würde.


Bevor David Cronenberg vom interessanten B-Regisseur zum endgültigen Meister aufstieg, schuf er mit solchen Filmen die Grundlage. Clever vorgetragenes, doppelbödiges Genrekino mit Gedächtnisankern. Seine Strahlkraft war schon erkennbar, als er noch keine Köpfe platzen ließ und das Insekt im Manne weckte.

7 von 10 überflüssigen Nabelschnüren