Review: DIE WAND - Wenn die Einsamkeit zur Rückbesinnung verhilft

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Fakten:
Die Wand
Osterreich, BRD. 2012. Regie: Julian Pölsler. Buch: Julian Pösler, Marlen Haushofer (Vorlage). Mit: Martina Gedeck, Karlheiz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzler, Hans-Michael Rehberg, Wolfgang Maria Bauer u.a. Länge: 108 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.



Story:
Nachdem die namenlose Frau sich in der Berghütte aus ihrem Schlaf erwacht, muss sie feststellen, dass das Paar, mit der sie in der Hütte wohnt, nicht von ihrem abendlichen Ausflug zurückgekehrt sind. Zusammen mit Hund Luchs begibt sie sich auf die Suche und stößt auf eine unsichtbare Wand. Der Frau gelingt es nicht, diese zu durchbrechen. Sie ist von der anderen Seiten isoliert und muss feststellen, dass alle Menschen hinter der Wand wie regungslos verharren. Die Frau muss alleine auf sich gestellt, in der Isolierung überleben.





Meinung:
Alles auf Anfang. Zurück zum Ursprung. Nur das Individuum, Mutter Natur und die unsichtbare Barriere, die den von Hektik und Raffsucht gezeichneten Menschen aus der Modernität zerrt, um an seine wahren und oft vergessenen Stärken zu appellieren. Diese unsichtbare Kuppe, wie sie „Die Wand“ auftritt, gibt es in Wahrheit im Leben von uns allen, nur gehen die Wahrnehmungsfähigkeiten individuell auseinander. Während gewisse Personen mit Bedacht durch die Welt schreiten und sich früh genug darauf entsinnen, worauf es wirklich ankommt, durchbrechen andere Menschen diese Wand mit Anlauf und realisieren ihr zügelloses Fehlverhalten erst, wenn Blick nicht mehr nach vorne gerichtet wird und der von Bluttropfen gezeichnete Weg zur retrospektiven Erkenntnis verhilft – wenn auch leider zu spät.


Martina Gedeck (hier rechts im Bild) und Hund Luchs
„Die Wand“ ist ein eben solcher Film, der sich durch seine eigentlich simple Rahmenhandlung wie eine durchschnittliche Mystery-Bauchlandung anhören mag, doch letztlich eine philosophische und ebenso bedeutungsvolle Erfahrung für jeden Einzelnen darstellt. Wo Fragen aufgeworfen werden, finden wir die Antwort oft genug nur in uns selbst. Die Zeit der Besinnung muss zurückkehren, in der deutlich wird, was im Leben wirklich zählt und was der Mensch wirklich braucht. Wo die Wand noch zu Anfang für die unfreiwillige Isolation steht, wird sie mehr und mehr als Stütze der Selbstfindung. Die wunderschönen Landschaftsaufnahmen mögen auf den ersten Blick Grenzenlosigkeit und Schönheit suggerieren, die namenlose Frau im Zentrum lernt jedoch von Tag zu Tag mehr, dass es diese Grenzenlosigkeit nicht mehr zu geben scheint.
Hilflosigkeit macht sich breit, die Deformation der gegenwärtigen Kulturen scheint sich auf den Schultern dieser Frau abgelegt zu haben, und doch ist sie die einzige Person, die weitermacht, die durchhält, obwohl ihre Außenwelt scheinbar zum endgültigen Stillstand gekommen ist. Nullpunkt. Wo sich die physische und seelische Überforderung anhäuft, wird „Die Wand“ immer mehr zu einem kräftezehrenden Sinnbild für die subjektive Einkehr. Die Frau findet ihre Mitte, die Tiere werden ihr sechster Sinn und die Metamorphose vom früheren Ich, zum neueren Ich, bis hin zum innehaltenden Wir ist ein Prozess, der durchaus von mühevoller Einsamkeit gezeichnet ist, darüber hinaus aber den Menschen vom starren Widerstand gegen natürliche Mechanismen abbringt, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist: Kaltherzig, freudlos, profitgierig.


Dass die Tiere in „Die Wand“ von essentieller Signifikanz gehandhabt werden, versteht sich von selbst. Die Frau wäre ohne die Gegenwart der Tiere schnell zerbrochen, denn wenn ein Mensch in einer solch prekären Lage Halt bekommen kann, dann nur durch die Möglichkeit, mit anderen Wesen in Kontakt zu treten und Emotionen zu verspüren - welcher Art auch immer. Natürlich hat Julian Pölsler keine leichte Kost inszeniert, doch wer sich auf den Film und sein Anliegen einlassen kann, der erlebt ein Werk, dass sich gegen die depressive Entfremdung stemmt und den Menschen mit sich selbst konfrontieren lässt: Hier gibt es keine Fluchtmöglichkeiten. Meditativ, sensitiv, feinfühlig und kalt. Alles trifft auf „Die Wand“ zu, am Ende zählt jedoch nicht die zyklische Routine, die sich durch die Gewöhnung an die neue Lebenssituation angeeignet hat, sondern die innere Kraft, die in jedem Menschen schlummert und nur darauf wartet, endlich wieder entfesselt zu werden. Kino zum Nachdenken.


8 von 10 mühsamen Stiergeburten


von souli


Review: LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER - Überlebenskampf als träumerisches Kaleidoskop

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Fakten:
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi)
USA. 2012. Regie: Ang Lee. Buch: David Magee, Yann Martel (Vorlage). Mit: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Rafe Spall, Gautam Belur, Adil Hussain, Tabu, Ayan Khan, Gérard Depardieu, Mohd Abbas Khaleeli, Vibish Sivakumar u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
Piscine Molitor Patel wird von einem Schriftsteller besucht, der Patels bewegte Vergangenheit niederschreiben möchte. Patel erzählt dem jungen Autor von seiner Kindheit in Indien, seiner Suche nach dem richtigen Glauben, dem Zoo seiner Familie sowie der Geschichte vom Tiger Charlie Parker, der zusammen mit ihm schiffbrüchig in einem Rettungsboot über den Pazifik schipperte.




Meinung:
Als taiwanesische Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain", "Tiger & Dragon") dieses Jahr den Oscar für die beste Regie bekam, dachte ich noch, es sei wieder so eine Sicherheits-Entscheidung der Academy. Lee ist, ohne einen Hauch von Zweifel, ein begnadeter Regisseur. Bis jetzt gefielen mir alle seine Filme. Auch sein „Hulk“ ist für mich ein klares Highlight im grassierenden Kanon aktueller Comicverfilmungen. Doch sein letzter Film „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ hatte mich nicht sonderlich interessiert, auch nicht als er dafür den Regie-Oscar bekam. Nun, nachdem ich die Verfilmung des Romans von Yann Martel gesehen habe, frage ich mich aber warum „Life of Pi“ nicht auch den Oscar für als bester Film gewonnen hat? Nichts gegen „Argo“ von Ben Affleck, aber Ang Lee beschwört hier so viel filmische Magie, die nicht bloß zur Schönfärberei dient, sondern wirklich die Aussage des Films verfestigt, das Afflecks gut geschmiertes, aber doch sehr monotones Polit-Drama doch mehr wie ein Gewinner zweiter Wahl wirkt. Gewiss, richtig vergleichbar sind beide Werke nicht aber es ist schon schade, dass die Academy dieses Jahr nicht auf Filmmagie gesetzt hat.


Pi und Charlie Parker auf dem goldenen Ozean
Was „Life of Pi“ so besonders macht? Nun, zuerst einmal sollte gesagt werden, dass der Film gleich mehrere Faktoren vereint, die ein Scheitern mehr als wahrscheinlich machen. Zum einen spielt ein Großteil auf einem kleinen Rettungsboot auf dem lediglich ein Protagonist agiert und dann spielen Tiere, im speziellen ein Bengalischer Tiger, auch noch eine entscheidende Rolle. Unter diesen Gesichtspunkten könnte der Verdacht aufkeimen, „Life of Pi“ wäre ein Kammerspiel, welches auf einen animalischen Knuddeleinflüssen abzielt. Nun, zu gewissen Teilen stimmt dies auch, aber Ang Lee und sein Drehbuchautor David Magee gelingt es aus diesem rudimentären Kern etwas großes zu erschaffen. Sie erschaffen es nicht nur, sie bringen es zum leben. „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ ist einer der lebendigsten Filme seit langem. Ein Ereignis mit überschwänglicher, pulsierender Kraft.


Wie Lee die Geschichte von Pi Patel erzählt, oder besser gesagt, wie dieser selbst seine Geschichte wiedergibt wird mit wohltuend ruhig inszeniert. „Life of Pi“ lässt sich Zeit, bis es zum „Schiffbruch mit Tiger“ überhaupt kommt. Doch schon vor dem titelgebenden Ereignis, welches später den Film klar dominiert, bringt uns Ang Lee die Welt von Hauptfigur Pi in unglaublich intensiver wie herzlicher Weise näher. Dabei spricht Lee auch bereits die Themen an, die sich während Pis Zeit alleine auf dem Pazifik, eine wichtige Rolle spielen. Es geht um die Frage nach dem Glauben, um den Willen des (Über-)Lebens, um die Verarbeitung von Verlust und um das Lösen von Problemen und Konflikten. Im Prinzip nimmt der Beginn des Films, wenn Pi noch in seiner Heimat ist, sämtliche Themenbereich der späteren Schiffbruch-Phase vorweg. Sie werden sozusagen auf dem Festland angekratzt und auf hoher See auf fulminante Weise vertieft und verarbeitet, ohne dass es sich zu artifiziell anfühlt.


Pi erzählt einem Autor seine unglaubliche Geschichte
„Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ ist eine Fabel. Ein emotionales Märchen rund um einen Überlebenskampf einhergehend mit einer Glaubenskrise. Dies wurde von Ang Lee in ein farbenprächtiges Kaleidoskop verpackt, das in dem einen Moment zum Staunen verleitet, nur um wenig später das eigene Herz zu rühren. Dabei sollte aber niemand dem Verdacht verfallen Ang Lee würde vor
Determination zurückschrecken. „Life of Pi“ zeigt auch die Fratze der Grausamkeit. Es sind gewiss keine Blutbäder, ganz im Gegenteil, aber im Kontrast zu den träumerischen, fast sphärischen Passagen, wirken die dargestellten Bedrohungen umso stärker und massiger. Eine dieser Gefahren ist Charlie Parker, der Tiger im Rettungsboot. Um hier letzte Zweifel auszumerzen, wer glaubt, hofft oder erwartet Pi und der Tiger würden eine cartooneske Beziehung im Kampf gegen den Pazifik, den Hunger und den Durst eingehen, der irrt sich. Der Tiger und Pi werden nach und nach eine Art Team, aber dennoch bleibt das Raubtier eben ein Raubtier und somit eine Gefahr, die niemand unterschätzen sollte. Aber eben durch die ewige Gefahr Charlie Parker, wirkt der unbändige Kampfeswille von Pi umso konzentrierter und packender.


Pi im Kampf gegen die Gezeiten
„Life of Pi“ ist kein Film, der mit seinen Schauwerten hausieren geht. Aber Schauwerte bietet er in Hülle und Fülle. Egal ob satte Farben, peitschende Stürme, goldene Wolken, die sich auf der spiegelnden Oberfläche des Pazifik reflektieren und eine Art Parallelwelt formen, oder fluoreszierende Quallen, die Pis unerreichbare Träume scheinbar in die Tiefe des ozeanischen Reiches malen. Das ist künstlerisch hochwertig und vor allem ergibt es alles einen Sinn. „Life of Pi“ nutzt seine geballte optische Kraft nicht dafür, um sich selbstgefällige Statussymbole zu generieren, sondern um seine eigene Geschichte und seinen Helden Pi Patel zu ergründen und weiterzuformen. Aus technischer Sicht ist dies makellos. Vor allem bei Charlie Parker wird dies ersichtlich. Es gibt nur wenige echte Tiger-Bilder im Film, doch die meiste Zeit ist die CGI-Raubkatze nicht von einer echten zu unterscheiden. Und selbst in den Momenten, in denen die Hochleistungsrechner scheinbar nicht unsere Erwartungen erfüllen können, wirkt „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ wie aus einem Guss, weil die bittersüße, abenteuerlustige Erzählung des Films einen in ihren Bann zieht und auch weil Lee es wunderbar versteht kindliche Unbeschwertheit, jugendlichen Entdeckungsdrang und  unbändigen Überlebenswillen so einzufangen und umzusetzen, dass hinter jedem schweren oder scheinbar als Illusion enttarnten Moment, sich immer noch etwas Magie befindet. Genau so sollte von Wundern erzählt werden, in dem man die Macht der Wunder benutzt.


Vielleicht wird man „Life of Pi“ am besten gerecht, wenn man ihn als wundersam beschreibt? Oder noch besser: Ang Lee hat kein Meister- sondern ein Wunderwerk geschaffen. Eine Ode an das Leben, dargeboten mit all den Farben, die wir oft nur mit den Herzen sehen. Kitschig? Gewiss. Schön? Ja, mit jedem einzelnen Frame.


9,5 von 10 schwimmenden Bananen


Review: EIN PROPHET - Das Leben im Gefängnis: Wiedergeburt und Selbstfindung

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Fakten:
Ein Prophet (Un Prophète)
Frankreich. 2009. Regie: Jacques Audidard. Buch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Abdel Raouf Dafri, Nicolas Peufaillit. Mit: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Gilles Cohen, Antoine Basler, Leïla Bekhti, Serge Boutleroff, Foued Nassah, Alaa Safi, Guillaume Verdier, Salem Kali, Alain Raymond, Farid Elouardi, Adel Bencherif, Alexandre de Seze, Hichem Yacoubi, Jean-Emmanuel Pagni, Karim Leklou, Eric Badoc, Laurent Blanquet, Kamel Labroudi, Didier de Backer, Fadil Kadri, Karim Traikia, Kamel Saadi, Sonia Hell u.a. Länge: 154 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erfolgreich.



Story:
Der 19jährige Malik muss für sechs Jahre hinter Gittern. Er kommt in einen Knast, den der inhaftierte Luciano und seine korsische Mafia in der Hand haben. Luciano nimmt Malik bei ihm auf, jedoch nicht ohne Hintergedanken: Malik soll seinen Zellenmitinsassen töten, was dieser auch widerwillig tut. Somit erlangt der Lucianos Vertrauen und steigt in der Rangfolge auf und wird nach und nach Lucianos Vertrauter, ohne dabei von dessen Männern akzeptiert zu werden.





Meinung:
Aus herkömmlichen Gefängnisfilmen ist man es nun zu genüge gewohnt, dass sich die thematische Vielschichtigkeit doch weitestgehend in Grenzen hält. In den meisten Fällen läuft es so ab, dass man als Zuschauer einen (stereo-)typischen Charakter als Hauptdarsteller serviert bekommt, der zwar keine weiße Weste hat, einem aber direkt sympathisch gemacht wird. Diese Person findet hinter den tristen Mauern Freunde und Feinde, durchlebt den standardisierten Auf- und Abstieg und darf am Rande maximal einen ethnischen Konflikt streifen, der aber vielmehr dazu dient, um die obligatorischen Knastklischees vom berüchtigten Gang unter die Dusche, bis zum penibel geplanten Ausbruch zu füttern. Jacques Audidard beweist mit „Ein Prophet“ hingegen, wie man dem Gefängnis-Sujet inspirierte Facetten verleihen kann und den Blick nicht nur starr auf die dumpfen Mechanismen innerhalb des Mikrokosmos richtet.


Malik (r.) und sein heimlicher Mentor Luciano
In „Ein Prophet“ gibt es daher auch nicht nur eine zentrierte Sachlage, sondern eine ganze Bandbreite an Subtexten. Unschwer am Titel zu erkennen ist, dass der Film eine religiöse Note inne trägt, die im Verlauf der Geschichte zwar immer deutlicher wird und von Symbolik geprägten Einstellung Verstärkung erhält, sich aber nie plump vor den Zuschauer drängelt, um ihn in irgendeiner Art und Wiese zu belehren. Dreh- und Angelpunkt Malik wird in seiner 6-jährigen Gefängnisstrafe zum Wiedergeborenen, der sich selbst zwischen Korsen und Muslimen findet, welche alle symptomatisch für die größten Glaubenslehren stehen. Verlässt man diesen Denkansatz allerdings und sucht einen weiteren Anhaltspunkt, stößt man auf die sozialen Folgen der französischen Gesellschaftsverhältnisse. Französische Großstädte sind die Sammelbecken von der rapide in die Höhe schießenden Jugendkriminalität, in der sich einzig durch Gewalt verständigt wird und man früher oder später so oder so hinter Gittern landen wird. Für diese Menschen ist das Gefängnis jedoch kein niederschlagender Schlusspunkt, sondern ein Neuanfang, der die Möglichkeit offenbart, Fähigkeiten zu erlernen, die man auf der Straße nie geboten bekommen hätte. Malik verwandelt sich in seinem Aufenthalt Stück für Stück und wird vom analphabetischen Laufburschen zum eigenständigen Pläneschmied. Daraus resultiert, dass „Ein Prophet“ im Eigentlichen auch kein Film über das schwere Leben im Gefängnis ist, sondern ein Film über die weitreichende Identitätsfindung, die jede Ketten sprengt und die Zeit im Bau schnell zum Makrokosmos werden lässt, in dem die es nie zum Stillstand kommt; hier herrschen die gleichen Regeln wie auf freiem Fuß. „Ein Prophet“ ist sozusagen eine Auseinandersetzung mit fundamentalen Werten in einer Welt, in der das Gesetz des Dschungels herrscht, Anpassung erforderlich ist und Schutz nie gleichbedeutend mit Respekt ist.


Es haben genau die Personen das Sagen, die sich über all die Jahre durch Gefälligkeiten und gewisse Dienste die meisten Beziehungen aufgebaut haben. Die wahren Anführer und Strippenzieher sitzen in den Zellen und degradieren Vollzugskräfte zu Marionetten ihrer Bedürfnisse. Was sich aber neben dem mannigfachen Drehbuch und der mehr als authentischen Charakterstudie des 19-jährigen Maik (Tahar Rahim ist eine Wucht!) abzeichnet, ist Audiards charakteristisches Inszenierungsverständnis, dass immer genau dann überwältigt, wenn Audiard aus unscheinbaren Augenblicken eine organische Intensität zieht, die sich mit den eruptiven Szenen in ihrer konzeptionellen Eindringlichkeit problemlos messen lassen können. Viele Regisseure wären an diesem tiefgängigen wie umfassenden Spektrum an Inhalten gescheitert, Audiard weiß eben genau, wie ein Moment aufgebaut werden muss, ohne vermessen, moralisierend, überladen oder klischeehaft zu wirken. Mei-ster-werk.


8,5 von 10 Rasierklingen in der Wangentasche


von souli




Review: THE HOWLING - DAS TIER - Es lauert im Wald...

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Fakten:
The Howling - Das Tier (The Howling)
USA, 1981. Regie: Joe Dante. Buch: John Sayles, Terence H. Winkless. Mit: Dee Wallace, Patrick Macnee, Dennis Dugan, Christopher Stone, Belinda Balaski, Kevin McCarthy, John Carradine, Slim Pickens, Elisabeth Brooks, Robert Picardo u.a. Länge: 87 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die TV-Journalistin Karen dient als Köder bei der Jagd nach einem Serienkiller. Dieser wird bei dem Einsatz getötet, für Karen bleiben die Albträume. Sie begibt sich in die Obhut eines Sanatoriums, doch hier beginnt der Spuk erst...





Meinung:

"Da draußen ist ein seltsames Heulen..."


Ein leicht ungesunder Teint...
Der Werwolf, eine uralte Kultfigur, nur leider über die Jahrzehnte fast ausgehungert. Wo sind Green Peace oder PETA, wenn sie wirklich gebraucht werden? Anfang der 80er gab es erstaunlich viel Futter für die Lykaner. "Wolfen", "American Werewolf" und eben "The Howling". Seitdem (und zuvor, da gab es eigentlich nur den Universal-Klassiker "Der Wolfsmensch") sind diese possierlichen Tierchen fast vom Aussterben bedroht, das geht ja mal gar nicht. Ich breche jetzt mal eine Lanze für den vergessenen Stubenköter, der besser nach Mitternacht nicht mehr gefüttert werden sollte...oder noch besser, zum Vollmond einfach komplett weggesperrt...also so oder so, don't mess with the Wolfman.


...aber wer mit dem Wolf tanzt...
 Eine wunderbar-klassische Horrorfilmgeschichte wird von Joe Dante schön aufgearbeitet. "The Howling" verbindet 80er-Jahre Genre-Können mit einer Hommage an die frühen Wegweiser des Gruselfilms. Da wird nicht zu früh auf die Kacke gehauen, dafür wird geschickt Spannung und Stimmung aufgebaut, aber alles im (damals) neu-modernen Stil, dem ansschließend noch "American Werewolf" oder auch "Das Ding aus einer anderen Welt" folgen solten. Essentieller Stoff wird den Mitteln entsprechend angepasst, "The Howling" ist nichts anderes. Eine Legende wird technisch auf ein anderes Level gehieft, die sensationelle Verwandlungssequenz wurde halt ein Jahr später, bei "American Werewolf", nochmal übertroffen, aber bis dahin: Der Stand der Dinge!


"The Howling" ist ein stimmungsvolles, gut gealtertes Stück Genrekino der frühen 80er, mit reichlich Referenzen und genug Eingenständigkeit, um heute als kleiner Klassiker bezeichnet werden zu können.

7 von 10 Silberkugeln

Review: LEBEN UND TOD EINER PORNOBANDE - Sex, Drugs & Snuff

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Fakten:

Leben und Tod einer Pornobande (Zivot i smrt porno bande)
SRB, 2009. Regie & Buch: Mladen Djordjevic: Mihajilo Jovanovic, Ana Acimovic, Predrag Damnjanovic, Radivoj Knezevic, Srdjan Jovanovic, Ivan Djordjevic, Bojan Zogovic, Natasa Miljus, Aleksander Gligoric, Mariana Arandjelovic u.a. Länge: 108 Minuten. FSK: ab 18 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.



Story:
Der junge, serbische Regisseur Marko hat seinen Abschluss an der Filmhochschule in der Tasche, doch niemand will seine Ideen finanzieren. Zur Jahrtausendwende lernt er Pornoprdouzent Cane kennen, der ihn als Regisseur verpflichtet. Als er mit Canes Budget ein eigenes Projekt verwirklicht, zieht er dessen Zorn auf sich. Um die Kohle wieder aufzutreiben, entscheidet sich Marko für eine gewagte Idee: Eine Theateraufführung, die explizite, pornographische Elemente beinhaltet. Die Uraufführung wird abgebrochen, aber Marko und sein schrilles Ensemble geben nicht auf. Mit einem alten VW-Bus zieht die Pornobande von Belgrad aus durch die Provinz von Ex-Jugoslawien, um ihre Kunst direkt auf den Dörfern zu präsentieren. Viel Geld kommt dabei nicht rum. Bis Franz an Marko herantritt. Der hat die Idee und Kontakte für ein lukratives Geschäft: Snuff-Filme.



 






 

Meinung:
Ein serbischer Film, Gewalt, ja sogar (gespielter) Snuff, ist das nicht...
Nein, das ist nicht der berühmt-berüchtigte "A Serbian Film", der erschien ein Jahr später. "Leben und Tod einer Pornobande" hat er eindeutig in der Popularität überholt, was sicherlich mit dem Werben im Gore-Hound-Jagdrevier zusammenhängen dürfte. Thematisch ist Mladen Djordjevic's Film kaum harmloser, an expliziter Sex- und Gewaltdarstellung mangelt es dem Film bestimmt nicht, was "Leben und Tod einer Pornobande" jedoch nicht automatisch zu einem Genrefilm von der Frischfleischtheke macht.



A Serbian Love-Story
Das ist ein radikales, provokantes Indie-Produkt, welches sich nicht an seiner nackten Haut und den blutigen Szenen ergözt und rein damit unterhalten will. Mladen Djordjevic geht mit diesem Weg ein gewisses Risiko ein, denn so einfach wird der kaum sein Publikum finden. Für die Einen dürfte der zu direkt sein, für die Anderen zu wenig unterhaltsam. "Leben und Tod einer Pornobande" steht leicht zwischen den Stühlen, in mehrfacher Hinsicht. So richtig festlegen will sich Djordjevic eindeutig nicht, was allerdings kein Kritikpunkt ist. Gerade dadurch wirkt der Film frisch und unkonventionell. In manchen Momenten erinnert das an trashiges Exploitationkino, dann wieder an Extrem-Mockumentarys wie "Mann beißt Hund", verliert dabei aber nie seine Ernsthaftigkeit und ist oft überlegt und hintergründig. Der Film schildert die Situation nach den Balkankriegen, dem Rücktritt von Slobodan Milosevic, zeigt ein Land und deren Bewohner, die mit den Folgen und Traumata leben müssen. Das dient nicht nur als loser Hintergrund, sondern ist entscheidend für die gesamte Stimmung des Films, die Charakterisierung der Figuren und der Aussage. Im Prinzip ist es eine bissige, tragische Satire über den Zustand eines Landes, das einem großen Scherbenhaufen gleicht.


Der Stil ist nicht immer einladend, manche Szenen dürften nicht für jedermann leicht verdaulich sein, aber "Leben und Tod einer Pornobande" will und kann auch unmöglich überall auf Gegenliebe stoßen. Dann wäre bei der Ambition was schiefgelaufen, einen ungewöhnlichen, knalligen und rohen Anti-Mainstreamfilm zu drehen. Überzogen, aber trotzdem authentisch, mutig und zum Teil verschreckend, für Freunde des etwas anderen Films einen Blick, oder eher Versuch, auf alle Fälle wert.

7 von 10 Schmuddel-Punkten