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Review: DAS GRAUEN KOMMT UM ZEHN - Traumjob Babysitter

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Fakten:
Das Grauen kommt um Zehn (When A Stranger Calls)
USA, 1979. Regie: Fred Walton. Buch: Steve Feke, Fred Walton. Mit: Charles Durning, Carol Kane, Colleen Dewhurst, Tony Beckley, Rutanya Alda, Carmen Argenziano, Ron O’Neal, Rachel Roberts u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Diese Nacht als Babysitter wird Jill lange verfolgen. Kurz nachdem das Ehepaar Mandrekis das Haus verlassen hat, klingelt das Telefon. Der unbekannte Anrufer stellt eine Frage: „Haben sie nach den Kindern gesehen?“ Der Auftakt zu einer grauenvollen Nacht, die mit einem Blutbad endet. Sieben Jahre später ist der Täter aus seiner Heilanstalt entflohen und Privatdetektiv Clifford, einst Ermittler in dem Fall, wird auf den Flüchtigen angesetzt. Er soll ihn nicht nur finden, er soll ihn zur Strecke bringen. Doch am Ende wird sich der Kreis schließen…





Meinung:

„Haben Sie nach den Kindern gesehen?“

Was für ein Auftakt. Die ersten zwanzig Minuten von „Das Grauen kommt um Zehn“ sind nicht umsonst legendär und haben Genregeschichte geschrieben. Wenn man selbst von Otto Waalkes parodiert wird, hat man es wohl geschafft.


Und das für die paar Piepen...
Ein John Carpenter zu seinen besten Zeiten (also genau damals) hätte es kaum besser machen können. Babysitterin Jill wird innerhalb weniger Minuten in einen verstörenden Albtraum involviert, das immer wieder klingelnde Telefon zerrt an den Nerven, das räumlich eigentlich großzügige Haus wird zum beengten Verlies, das Ticken der Wanduhr erscheint wie das Pendel des Todes, das lodernde Kaminfeuer wirft unheilvolle Schatten und immer wieder… dieses verdammte Telefon…! Klaustrophobische Panik greift um sich, in wunderbar schattierten Bildern und beklemmend vertont. Ohnehin ist der Score von Dana Kaproff ein unaufdringliches, zeitgleich enorm prägnantes Zuckerstück der kalten Angst. Was Fred Walton hier zu Beginn entfacht, ist Suspense-, Terror- und Home-Invasion-Kino, ganz simpel und wahnsinnig effektiv runtergebrochen, komprimiert auf schlappe 20 Minuten, inklusive Vorspann. Hammerhartes Teil, atmosphärisch und von seiner schlichten Idee wie der erstklassigen Umsetzung kaum zu toppen. Wenn das jetzt das generelle Niveau von „Das Grauen kommt um Zehn“ wäre, mein lieber Herr Gesangsverein, das gibt Fingernägelsalat, zugenagelte Kinderzimmer und aus dem Fenster fliegende Telefone. Allein dieses Szenario wäre spielend in der Lage, einen ganzen Film zu tragen. Natürlich nur in dieser Form. Wie es nicht geht, bewies das stumpfe Remake „Unbekannter Anrufer“ von 2006, der sich darauf begrenzte, dafür an seinen wesentlichen Dingen gnadenlos scheiterte.


„Ich will mich mit ihrem Blut beschmieren!“


"Darf ich mal telefonieren, dauert auch nicht lange?!"
Das Original scheitert – mehr oder weniger – an dem nun folgenden Szenenwechsel, wenn der Plot einen siebenjährigen Zeitsprung hinlegt, Jill (vorerst) von der Bildfläche verschwindet und das anonyme Grauen ein Gesicht bekommt. Im Mittelpart hängt „Das Grauen kommt um Zehn“ - absolut unnötig – heftig durch, die Spannungskurve knickt erheblich ein. Zwar kann die Inszenierung gewisser Schlüsselmomente durchaus gefallen und rudimentär an die Qualität des ersten Drittels anknüpfen, nur kann die Dramaturgie keinesfalls mithalten. Stalking, ein heute sehr relevantes Thema, tritt eher in den Vordergrund, wie die Jagd eines verbissenen Ermittler (gut wie immer: Charles Durning) nach der gestörten Bestie. Deren Terror wird allerdings arg an die Kette gelegt, die einschnürende Stimmung verliert sich in einem behäbigen Tempo und eigentlich einem fast kompletten Bruch der Handlung, der in dieser Form schon überrascht. Killer-Darsteller Tony Beckley hält sich angenehm zurück, agiert nicht als überzogener Psycho-Hampelmann, wirkt dennoch lange nicht so erschreckend wie als bedrohliche Stimme am anderen Ende der Leitung oder als Silhouette an der Wand. Ambitioniert, aber unglücklich, so könnte man das nun Gezeigte bezeichnen. Das vorher so grandios aufgebaute droht zu kippen und den Film in reinen Durchschnittgefilden kentern zu lassen.


Macht Sinn: Taschenlampe trotz ausreichender Beleuchtung.
Kurios, dass nun ausgerechnet wieder (knapp) zwanzig Minuten dies verhindern. Im ausgedehnten Finale gelingt es „Das Grauen kommt um Zehn“ beinah, an den furiosen Start anzuknüpfen. In Gänze selbstverständlich nicht, doch es fühlt sich ähnlich an. An der Inszenierung krankte es eh nie, eher am Skript, an der Grundspannung, der Bedrohung. Genau da knüpft das letzte Drittel an und schlägt die doch noch die Brücke zum Anfang, die lange wackelte und bröckelte. Jetzt ist alles wieder da: Das Telefon, die schaurige Stimme, die Panik, die Angst, die eigenen vier Wände, die sich praktisch auf einen zu bewegen. Es lauert wieder, nachdem es Auslauf genossen hat. Betrachtet man Start und Finish, man müsste sich verwundert am Kopf kratzen, warum dieser Film nicht uneingeschränkt zu den absoluten Perlen des Genres zählt. Der Schlusspunkt kommt zwar etwas abrupt und wirkt vielleicht aus heutiger Sicht unspektakulär, allerdings war das zu dieser Zeit nicht unüblich, daher kein Problem. Sein Potenzial – ach was, seine klaren Fähigkeiten – lässt dieser Film klar in der Mitte auf der Strecke, wofür man jeden Beteiligten ohrfeigen müssten. Sonst gäbe es hier nicht viel zu kritisieren und diskutieren.


Seinen Status als kleiner Klassiker hat „Das Grauen kommt um Zehn“ ja inne und sicherlich verdient. Viel zu gut und unvergessen ist er auf seinen Höhepunkten, gleichzeitig bald banal dazwischen. Krasse Mischung, schade.

„Warum haben Sie nicht nach den Kindern gesehen?“

6,5 von 10 unbekannten Anrufern

Review: DIE SCHWESTERN DES BÖSEN – Der Blick in den Spiegel zeigt zwei Gesichter

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Fakten:
Sisters - Die Schwestern des Bösen (Sisters)
USA. 1973. Regie: Brian De Palma. Buch: Brian De Palma, Louisa Rose.
Mit: Margot Kidder, Charles Durning, Jennifer Hughes, William Finley, Barnard Hughes, Dolph Sweet, Mary Davenport u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Model Danielle soll einen Mann ermordet haben, den sie zu sich eingeladen hat. Dies erzählt zumindest ihre  Nachbarin Grace, die den Mord beobachtet haben will. Die Polizei findet jedoch keinen Beweis für das angebliche Verbrechen. Grace, von der Schuld Danielles überzeugt engagiert deshalb einen Privatdetektiv.





Meinung:
Brian De Palmas Filme entblättern ihre Klasse oftmals nur durch die Bereitschaft ihres Publikums. Sie sind immer wieder ganz darauf angewiesen, einem bereitwilligen Rezipienten vor die Augen zu kommen, der sich auf De Palmas Spielchen einlässt; der es riskiert, in eine Falle zu tappen, egal wie irrsinnig diese auf den ersten Blick auch konstruiert scheint: Wer sich der bei De Palma immer in hundertprozentiger Sicherheit wissen möchte, der verdirbt sich einiges an Spaß, scheint das Kino De Palmas doch lange Zeit dafür prädestiniert, mit einer ironisch-bizarren bis zynisch-dreckigen (Körper-)Täuschung die Hintertür der Wahrnehmung einzukloppen, anstatt brav die Vordertür zu benutzen. Mit „Die Schwestern des Bösen“ von 1973 machte De Palma zum ersten Mal auch in der Filmwelt auf sich aufmerksam und trat eine Karriere los, in der Referenzen den Klebstoff zwischen den Werken bilden sollten, die daraufhin aber so minutiös bearbeitet werden, das sie in einem ganz neuen Licht erstrahlen und einem eigenen Sinn entsprechen, denn nur als stumpfes Plagiat stigmatisiert zu werden 
(Ausnahme: „Schwarzer Engel“).


Wo ist das Baby? Da ist es!
Emblematisch thront die Programmatik des '(Wechsel-)Spiels des Bewusstseins' über De Palmas Vita und zweifelsohne brachte „Die Schwestern des Bösen“ diesen assoziativen Stein dafür ins Rollen. Schon hier lässt sich De Palmas Faible für pedantisch-kalibierte Bildkompositionen erkennen, für den audiovisuellen Rausch, in dem der Effekt gerne über den Inhalt geordnet wird, um hinten raus eine echte Symbiose des Wahnsinns einzugehen. Während die Musik von Bernard Herrmann in prachtvollen Selbstbezügen über, hinter und auch mal vor dem Geschehen fiedelt, gibt es jede Menge Plansequenzen und Split-Screens zu bestaunen, die De Palma später in Filmen wie „Dressed to Kill“ und auch „Der Tod kommt zweimal“ perfektionieren wird. Dass sich die manierierte Stilistik De Palmas hier noch in einem Vorstadium befindet, kann man ihr aufgrund der noch etwas gehemmten Exzessivtät gerne als Vor- oder Nachteil anrechnen – Handwerklich jedenfalls ist „Die Schwestern des Bösen“ bis auf Weiteres einwandfrei. Aber wie sieht es inhaltlich aus? Wieso wird „Schwestern des Bösen“ sowohl mit Hitchcock in Verbindung gebracht, soll aber auch als Inspirationsquelle für den kanadischen Meisterregisseur David Cronenberg gedient haben?


"Nur 12 Kerzen? Wer ist hier nun der Psychopath?"
Während „Die Schwestern des Bösen“ mit der multiplen Persönlichkeitsstörung seine Fühler in Richtung „Psycho“ ausstreckt und seinen Mord wie das nachfolgende Vertuschen mit etwas „Ein Cocktail für eine Leiche“ streckt, ist die Thematik rund um die ewigwährende Synchronizität der siamesischen Zwillinge so platonesk und organisch chiffriert, dass die Gedanken gerne zu David Cronenbergs „Dead Ringers“ schnellen dürfen, wenngleich Cronenberg mit seinem subversiven Diskurs über die menschliche Psyche, die Biologie und die Religion intellektuell natürlich Lichtjahre von „Die Schwestern des Bösen“ entfernt ist. Bleiben wir lieber bei Hitchcock, bei dem obligatorischen Voyeurismus und dem Doppelgänger-Motiv. Alles findet in „Die Schwestern des Bösen“ seinen rechtmäßigen Platz, ist hier aber gerne so installiert, das sr dem reinen Mittel zum Zweck gleichkommt und dem Film in seiner Narrative eine neue Schleife ermöglicht, die den ihr folgenden Zuschauer aufgrund ihrer glatten Oberfläche gerne mal ins Schliddern bringt. Die Frage ist eben wieder die, ob man seine zuweilen wackelnden Knie ertragen kann?


„Die Schwestern des Bösen“ ist keinesfalls so möbiusartig aufgezogen wie beispielsweise ein Film von David Lynch („Mulholland Drive“). Hier gibt es vielmehr Camp und Sleaze, der immer gefährlich nahe daran ist, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, um dann im nächsten Augenblick den noch gackernden Zuschauer an der Intention des eben Gesehenen zweifeln zu lassen: Wer lacht hier nun wirklich wen aus? Wer verbrennt sich hier nun wirklich die Finger? Brian De Palma suggeriert dem Zuschauer immer wieder, dass er ihm die Übersicht lässt, in Wahrheit aber gibt es keine Übersicht, sondern nur ein filmisches Universum, das ganz nach den Regeln seines Herrschers Brian De Palma funktioniert. Hauptfiguren werden da nach Belieben über den Haufen geworfen und wieder eingeführt, dramaturgisch streut „Die Schwestern des Bösen“ in zig Richtungen und am Ende muss man es sich noch gefallen lassen, dass De Palma einem frech in das Gesicht lacht: Chaos reigns! Ein Alptraum ergreift Besitz von uns, in dem einige Details nun mal einfach verschwimmen. Dieses Gefühl, am nächsten Morgen aufzuwachsen und an dem Versuch zu scheitern, seinen Traum wieder zusammenzukitten, kennt man doch nur zu gut. Hemmende Pillen hier, die Manifestation des Bösen dort, eine Couch hier, eine Kuh dort. Wer schreit hier am lautesten SCHWACHSINN?


7 von 10 Observationen im Nirgendwo


von souli

Review: TEUFELSKREIS ALPHA – Was Magneto wohl sagen würde?

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Fakten:
Teufelskreis Alpha (The Fury)
USA. 1978. Regie: Brian De Palma. Buch: John Farris.
Mit: Kirk Douglas, John Cassavetes, Carrie Snodgress, Charles Durning, Amy Irving, Andrew Stevens, Fiona Lewis, CarolEven Rossen, Joyce Easton, Daryl Hannah u.a. Länge: 113 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Seine besten Jahre hat Peter einer Geheimorganisation der Regierung geopfert, nun hat er sich aus diesem schmutzigen Geschäft zurückgezogen. Doch dieser Rückzug scheint nicht akzeptiert zu werden. Auf Peter wird ein Anschlag verübt, von seinem ehemaligen Kollegen Childress. Peter überlebt, doch sein Sohn glaubt, er sei tot. Aus dem Untergrund versucht Peter das Leben seines Kindes zu retten und der Organisation das Handwerk zu legen.





Meinung:
Seit dem Kinostart von „Teufelskreis Alpha“ 1979 sind so einige Jahre ins Land gezogen; Jahre, die im Wandel der Zeit das Kino an sich genauso veränderten wie die Sehgewohnheiten des Publikums. Ob jemand „Teufelskreis Alpha“ aber heutzutage noch in seine ihm rechtmäßige Kategorie einordnen respektive sich daran erinnern kann, dass hier der noch junge Brian De Palma die Zügel auf dem Regiestuhls in die Hand genommen hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Warum? Nun, „Teufelskreis Alpha“ ist so ein Film, der sich mit kommerziellen Aussichten ganz den Gepflogenheiten der späten 1970er Jahre anbiedern wollte, sich dadurch auf ein Konzept eingelassen hat, welches sich in seiner auf dem Papier noch irgendwie als innovativ erkennbar zeigende Progression letztlich nicht unbedingt als geglückt titulieren lassen darf: Ein Polit-Thriller gepaart mit den Motiven des parapsychologischen Horrorfilms. Zwei Aspekte, die in dieser Zeit gewiss Hochkonjunktur in der Filmwelt feierten, das politisch-motivierte Spannungskino à la „Die drei Tage des Condor“ und der Grusel mit den übernatürlichen Anleihen, wie sie in Richard Donners Okkult-Klassiker „Das Omen“ zu verifizieren sind. Aber kann das in dieser extremen Mixtur aufgehen?


Bindehautentzündung, damit sollte man nicht spaßen
Im Falle von „Teufelskreis Alpha“nicht wirklich. John Farris, der hier seinen eigenen literarischen Stoff für die große Leinwand adaptiert, verpackt die strukturelle Aufmachung in ein kinematographisches Wirrnis von sensorischen Reizen, welches den Zuschauer in seiner Perzeption gelegentlich schon mal auf eine mehr oder weniger präsente Geduldsprobe stellt. Das soll nun nicht heißen, dass „Teufelskreis Alpha“ ein langatmiger, ein öder Hybrid wäre, dafür ist Brian De Palma eben immer noch ein viel zu findiger Regisseur, der es durch seine handwerklichen Kompetenzen versteht, ungemein suggestiv auf den Zuschauer einzuwirken. Auch wenn seine charakteristischen Manierismen dabei oftmals den Vorzug gestellt bekommen, wie schon in seiner durchaus gelungenen Stephen King Verfilmung „Carrie“, mit der De Palma einen renommierten Status erlangte, der ihm mit „Teufelskreis Alpha“ verständlicherweise verwehrt blieb. Es sind zwei Fragen, die dem Zuschauer während der Konsumierung des Films wiederholt durch den Kopf brummen: Wie passen diese Story-Bausteine ineinander und wie sieht die Auflösung aus, wenn das Drehbuch es vollbracht hat, beide Segmente auf einen Nenner zu bringen?


Ja genau, da hinten läuft der Zalando-Bote
Bis „Teufelskreis Alpha“ seine darauf akzeptablen Antworten liefert, vergeht jedoch erst mal viel Zeit, die nicht nur der Charakterentwicklung dient, sondern auch der Projektionsfläche, De Palmas inszenatorisches Können unter Beweis zu stellen – Mal mehr, mal weniger sinnig. Neben all dem wissenschaftlichen Geplänkel um Psychometrie, Telekinese und dem inhärenten Verzeichnung innerhalb des bioplasmatischen Universums, in dem jede vergangene und jede zukünftige Regung des Menschen verschmilzt und Visionen für einen Bruchteil der Privilegierten ermöglicht, offeriert „Teufelskreis Alpha“ eine durchaus gesellschaftskritische Causa: Der Mensch hat Angst vor dem Übernatürlichen, vor der Gegenwart einer Sache, welche er nicht assimilieren kann und damit den kulturellen Glaube an eine jeweilige Heiligkeit infrage stellen muss oder gar überbieten lassen. Was ist daraufhin der logische Schritt des Menschen im Angesicht jener Überlegenheit in Bezug seiner selbst? Zerstörung oder Instrumentalisierung. Als Antagonist des Films tritt der große Begründer des Independent-Films John Cassavetes („Gesichter“) auf, der jene medialen Kräfte als Waffe, als Gegenstand der Macht, in einer Einrichtung namens „Paragon“ fördert und zum eigenen Vorteil gebrauchen möchte.


Da hören die ansprechend formulierten Blickwinkel allerdings schon auf. „Teufelskreis Alpha“ kennt in seiner Erzählung einfach nur zu selten einen grünen Zweig, auf dem er sich dem Zuschauer auch wirklich gebührend nähern kann und so in das handlungstechnische Geflecht um Machtmissbrauch und Familie, um Parapsychologie und kollektiven Ängsten, wirklich passend integrieren. Schlecht allerdings ist „Teufelskreis Alpha“ ganz gewiss nicht, gerade De Palma-Fans dürfen gerne einschalten. Vor allem das radikale Ende aber schenkt dem Film noch ein heftiges Ausrufezeichen, welches sich wirklich gewaschen hat und an die späteren Werke von David Cronenberg erinnert.


5,5 von 10 medikamentösen Gehirnwäschen


von souli

Review: HUNDSTAGE - Wenn ein Banküberfall schief geht

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Fakten:
Hundstage (Dog Day Afternoon)
USA. 1975. Regie: Sidney Lumet. Buch: Frank Pierson. Mit: Al Pacino, John Cazale, Charles Durning, Chris Sarandon, Beluah Garrick, James Broderick, Carol Kane, Lance Henriksen u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Drei junge Männer wollen am heißesten Tag des Jahres eine Bank in Brooklyn ausrauben. Doch so ziemlich alles geht schief, was nur schief gehen kann. Einer der Bankräuber bekommt kalte Füße und es ist kaum Geld da. Stattdessen aber rückt die Polizei an und umstellt die Bank. Die übrigen zwei überforderten Bankräuber nehmen also die Bankangestellten als Geiseln – und es entwickelt sich eine Situation, mit der die beiden Bankräuber nicht gerechnet hätten.





Meinung:
“I'm a Catholic, I don't want to hurt anybody.”

Drei Kerle kommen an einem heiß-schwülen Tag kurz vor Schließung in eine Bank. Ihr Ziel: sie wollen Geld. Aber nicht abheben, natürlich nicht. Zumindest nicht legal. Sie wollen die Bank ausrauben. Aber noch bevor es richtig los geht ist einer schon wieder weg. Er will nicht mehr. Aber wenigstens die Autoschlüssel soll er doch bitteschön da lassen. Die anderen beiden machen dann eben zu zweit weiter. Und die stattliche Beute kann sich mehr als sehen lassen: 1100 Dollar. Ja, richtig gehört. Hat sich wirklich gelohnt. Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, rückt auch noch die Polizei mit geschätzten 1100 Mann an. Für jeden Dollar einen. Was also tun? Klar, die Bankangestellten als Geisel nehmen. Und gemeinsam mit ihnen nach Algerien fliegen. So zumindest der Plan. Während der Geiselnahme wird der Anführer Sonny zum Liebling der Medien und des Publikums außerhalb der Bank. Und Sonny genießt es, diese Stimmung anzuheizen. Doch die Geiselnahme, von der Sonny dachte, sie schnell regeln zu können, zieht sich, bis sie sich im packenden Showdown auflöst.


“Kiss me.” - “What?” – “Kiss me. When I'm being fucked, I like to get kissed a lot.” 

Sal (links) und Sonny wissen nicht, was sie tun sollen.
Al Pacino als Anführer Sonny ist mal wieder perfekt, bringt gefühlvolle Situationen genauso gut auf die Leinwand wie seine Hilflosigkeit und auch die überdrehten Sequenzen, wenn Sonny mit der Polizei und der Öffentlichkeit agiert. Dazu wirft er mit coolen Sprüchen nur so um sich. Allein durch Pacino ist der Film schon sehenswert. Er vereint Genuss, Anspannung, Humor, Verzweiflung – perfekt. John Cazale spielt den zweiten Geiselnehmer Sal. Hervorragend, wie er den gutgläubigen, verunsicherten und etwas dümmlichen Mann mit der Waffe verkörpert. Der viel zu früh verstorbene John Cazale hat übrigens nur in fünf Filmen mitgespielt („Der Pate 1+2“, „Der Dialog“, „Die durch die Hölle gehen“ und „Hundstage“), aber alle waren für den Oscar als bester Film nominiert und drei haben den Preis auch gewonnen. Das ist dann wohl der Inbegriff einer guten Rollenauswahl. Ein dritter wichtiger Darsteller, mal von den guten Chris Sarandon und Charles Durning abgesehen, wäre wohl auch noch zu nennen: die Hitze! Sie ist als ständiger Begleiter präsent, sie mischt sich ins Geschehen ein, bringt immer mehr Anspannung und Druck in die Situation.


“Is there any special country you wanna go to?” – “Wyoming.” – “Sal, Wyoming is not a country.”

Die Story ist genial geschrieben. Dialoge zwischen Witz und Ernsthaftigkeit. Ein bisschen Satire auf Polizeiarbeit, ein bisschen auf die Medien. Spannend. Und absolut authentisch. Nebenbei hat sich dieser Banküberfall wirklich so abgespielt. Am 22. August 1972 versuchten John Wojtowicz und Salvatore „Sal“ Naturile in Brooklyn die Chase Manhattan Bank zu überfallen. Und auf ihrem Versuch, der nicht so verlief, wie sie sich das vorgestellt hatten, basiert dieser Film. Bei seinem geringen Budget von nur 1,8 Mio. US-Dollar spielte er übrigens über 50 Mio. US-Dollar ein.


Irgendwas läuft hier doch verdammt schief.
Die Inszenierung Sidney Lumets ist, wie man es von ihm nicht anders gewohnt ist, großartig. Von der ersten Minute an ist ein unheimlicher Spannungslevel vorhanden. Der Zuschauer ist schon nach wenigen Momenten mitten drin im Geschehen. Er leidet und hofft mit den Protagonisten. Er lacht über groteske Situationen. Er kann die Mischung aus Euphorie und bedrückender Stimmung förmlich fühlen, genau wie die Hitze (den Spruch mit dem „Mitschwitzen“ lass ich hier mal außen vor, auch wenn er absolut zutrifft). Wenn man übrigens bedenkt, dass der Film aber bei so kalten Temperaturen gedreht wurde, dass bei den Außenszenen eigentlich sogar den Atem der Schauspieler sichtbar war, ist diese Leistung, diese Darstellung der Hitze, noch einmal höher einzuschätzen. Musik gibt’s keine. Überhaupt keine. Außer dem Song „Amoreena“ von Elton John am Anfang und ein wenig Gedudel aus dem Radio. Es sind sonst nur diverse Geräusche zu hören. Und die bringen noch mehr Beklemmung und auch noch mehr Spannung.


Insgesamt ist der Film eine extrem spannende Bankraubgeschichte. Ein Psychogramm eines überforderten Geiselnehmers. Ein satirisch angehauchter Thriller mit genialer Geschichte und super Dialogen. Ein wichtiger Verstreter des „New Hollywood“. Oder anders ausgedrückt: „Hundstage“ ist eine hervorragende und psychologische Geschichte über einen missglückten Banküberfall am heißesten Tag des Jahres.


9,5 von 10 Schweißflecken auf dem Hemd