Posts mit dem Label Sowjetunion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sowjetunion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: RED ARMY - LEGENDEN AUF DEM EIS - Reputationsnostalgie

Keine Kommentare:


Fakten:
Red Army - Legenden auf dem Eis
USA. 2014. Regie und Buch: Gabe Polsky. Mit: Wjatscheslaw Alexandrowitsch Fetissow, Vladislav Tretiak, Vlaimir Pozner, Alexei Kasatonov, Viacheslav Fetisov, Scotty Bowman, Mark Deakins u.a. Länge: 85 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Ab 26. Juni 215 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Eishockey-Nationalmannschaft der Sowjetunion war seinerzeit eine der besten der Welt. Sie bestand nahezu vollständig aus Spielern des ZSKA, dem Eishockey-Klub der Roten Armee. Von jung auf diszipliniert und ausgezeichnet durch eine Spielweise, bei der Teamwork und das „Funktionieren im Kollektiv“ im Mittelpunkt standen, galt sie mitten im Kalten Krieg als Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Systems. Als Teil der Propaganda war es die einzige Aufgabe des Teams, den Westen zu besiegen. Slawa Fetissow, der Kapitän, war einer der ersten, die im Zuge der Perestroika von Vereinen der NHL mit dem Versprechen auf Wohlstand und Freiheit in die USA geholt wurden – ein Wechsel für den er in der Heimat zum politischen Feind deklariert wurde. Doch der Neuanfang im Westen war steinig: Die Spielweise der sowjetischen Athleten schien im amerikanischen System der Stars und Individualisten nicht zu funktionieren …





Meinung:
2004 inszenierte „Warrior“-Regisseur Gavin O’Connor mit „Miracle – Das Wunder von Lake Placid“ die wahre Geschichte, wie das Eishockeyteam der Vereinigten Staaten bei den olympischen Winterspielen 1980 die haushohen Favoriten, das Team der UdSSR, in Finale besiegt und sich so am Ende und nach dem sie sich gegen alle persönlichen wie sportlichen Widrigkeiten durchgesetzt haben, die Goldmedaille gewinnen. Ganz großes „Glaub an dich“-Kino mit enormem Pathos, einigem an Vaterlandsliebe und einem wahren Kern.


Slawa mit seinem verhassten Trainer Trichnow
Das Team der UdSSR wird in O’Connors Sportdrama als scheinbar unüberbrückbarer, menschlicher Wall dargestellt. Ein Bild, welches nur zu gerne von der Presse aber natürlich auch von Sportlern und Mannschaften der damaligen Sowjetunion selbst verbreitet wurde. Übertriebene Szenerien von an Schläuchen angeschlossenen Muskelpaketen oder hochgedopten Menschen, die scheinbar mehr Zeit bei Ärzten und Wissenschaftlern verbringen als beim Training, bestimmen die westliche Wahrnehmung der damaligen UdSSR-Athleten. Wer kennt sie z.B. nicht, diese filmischen Böser-Sowjet-muss-vom-guten-Westmensch-sportlich-geschlagen-werden-Vehikel (Gruß an Sylvester Stallones „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“), die wahrscheinlich mehr Meinungen zum Thema kalter Krieg geformt haben, als jede vernünftige, gesellschaftliche wie politische Diskussion. Der amerikanische Produzent Gabe Polsky führt uns nun, in seinem Dokumentarfilmdebüt, hinter den eisernen Vorhang und präsentiert und das sowjetische Eishockeyteam, welches 1980 gegen die USA verlor. Keine Sorge, „Red Army - Legenden auf dem Eis“ fokussiert sich eigentlich nur sehr kurz auf diese eine historische Facette des Teams. Polsky will mehr über diese legendäre Mannschaft wissen, über ihr damaliges Leben, ihr Training, ihre Kameradschaft aber auch über das sportliche System der Sowjetunion. Dafür führte Polsky Interviews mit einigen Spielern von eins. Besonders im Zentrum steht aber Wjatscheslaw Alexandrowitsch Fetissow, genannt Slawa.


Slawa: Vom Hockey-Gott zum Sportminister
Fetissow, der heute in Moskau ein ranghoher Politiker ist, kann auf eine sportliche Historie zurückblicken, die für ihn voller Höhen und Tiefen ist. Als außenstehender Zuschauer ist diese aber zeitgleich auch eine Abhandlung über den Sport selbst, seinen Stand im(damaligen) Kommunismus und seine politischen Begleiterscheinungen. „Red Army - Legenden auf dem Eis“ verkommt dabei niemals zur plakativen Abrechnung mit dem System der Sowjetunion, zeigt aber klar und deutlich dessen humanistische Schwachpunkte auf. Dass die UdSSR in der Dokumentation nicht als gesichtslose Monsternation erscheint, liegt vor allem an Fetissow selbst, der aus seinem Stolz fürs Vaterland keinen Hehl macht und dennoch unverblümt etwa davon erzählt, wie Wiktor Tichonow, der Trainer des legendären Eishockeyteams der damaligen Sowjetunion, seine Spieler zu regelrechten Sportsmaschinen abrichtete, was später sogar in einer Art von Rebellion endete. Untermalt von Archivaufnahmen, Photographien und eben den eher locker geführten Interviews, die jedoch für einige emotionale Überraschungen gut sind, ergibt dies einen kurzweiligen wie höchst vielseitigen Dokumentarfilm. Denn hinter der Politik und dem Sport erzählt „Red Army - Legenden auf dem Eis“ doch letztlich eine Geschichte über spezielle Menschen in sehr speziellen Situationen. Polsky demaskiert den brachialen Mythos der sowjetischen Eishockeymannschaft als Geschichte voller Erfolge, die erkauft wurden durch Leid, Aufopferung und ein manipulierendes System, dem es zugutekam, dass die Spieler eigentlich doch nur ihrer Passion folgen wollten.


„Red Army - Legenden auf dem Eis“ gelingt somit ein Spagat zwischen historischer Reputationsnostalgie und mitreißendem Zeitzeugenbericht. Eine durch und durch sehenswerte Dokumentation, die in vielen Bereichen ganz wunderbar funktioniert, ohne dabei selbst ein Statement zu hinterlassen. Am Ende liegt es ganz bei uns ob die Spieler von einst nun Helden, Marionetten oder Nutznießer waren. Wahrscheinlich waren sie alles und noch mehr, z.B. auch Opfer des Systems sowie ihres eigenen Stolzes.


8 von 10 faulen Amerikanern

Review: BILLY JOEL - A MATTER OF TRUST: A BRIDGE TO RUSSIA - Der Weg nach "Leningrad"

Keine Kommentare:


Fakten:
Billy Joel - A Matter of Trust: A Bridge to Russia
USA, RS. 1987/2014. Regie: Wayne Isham. Mit: Billy Joel, Liberty DeVitto, Doug Stegmeyer, Dave Lebolt, Russell Javors, Mark Rivera, Kevin dukes, Peter Hewlett, George Simms, Oleg Smirnoff.
Länge: 82 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Konzertfilm über Billy Joels erstes Konzert in Russland, welches damals noch Sowjetunion hieß und mit den Westmächten mitten im kalten Krieg steckte.





Fakten:
1987 reiste Billy Joel mit Band, mitten in den Wirren des kalkten Krieges in die Sowjetunion, um dort ein Konzert zu spielen. Dieses gilt bis heute als legendär. Zum einen wegen dem damaligen politischen Klimas, zum anderen auch, weil nach dieser Reise der Song „Leningrad“ entstand, der zu einem der wichtigsten Lieder im Repertoire von Joel wurde und 1989 in seinem vorletzten Album „Storm Front“ veröffentlicht wurde.


Der Piano Man ist in Russland
Billy Joel spielt meist nur Lieder aus seinem damaligen Album „The Bridge“, welches als eines seiner schwächsten gilt. Große Hits wie „Piano Man“ fehlen leider in der Set List, bzw. bei der auf DVD und Blu-ray verfügbaren Songauswahl. Echte Joel-Fans wird dies aber wohl nicht stören. Ihr Star spielt und singt energievoll, seine Band gibt sich ebenfalls keinerlei Blöße und das Bild sowie der Ton ist, vor allem auf Blu-ray, ausgezeichnet aufgearbeitet. Was  „A Matter of Trust: A Bridge to Russia“ jedoch versäumt ist das Publikum als Stimmungsmotor mit in die Inszenierung einzubeziehen. Die Kamera ist, was natürlich verständlich ist, immer auf Joel gerichtet und verlässt diese nur dann, wenn sie hier und da die Band oder einzelne Mitglieder davon einfangen will. Die Reaktionen der russischen Zuschauer bleiben dabei zu oft außen vor. Zeitweise verkommt der Konzertfilm so fast schon zu einer Art monotonen Musikvideo, in dem Billy Joel und Band nicht nur Songs zu besten geben, sondern einer jüngeren Generation auch einen unverfälschten Eindruck über die Mode der damaligen Zeit verschaffen.


Jeder der ein Fan von Billy Joel ist und nichts dagegen hat, dass „A Matter of Trust: A Bridge to Russia“ ausgerechnet die musikalische Epoche von ihm wiedergibt, die als seine schwächste gilt, macht mit der DVD/Blu-ray nichts falsch. Durch die doch recht einseitige Konzertinszenierung sollte ich aber wohl doch aus vollkommen ausreichen, sich nur die CD ins Regal zu stellen.


6 von 10 Dolmetschern, die wie Weird Al Yankovic aussehen

Review: STALKER - Schein und Sein im Anblick der dystopischen Zivilisationsruine

Keine Kommentare:


Fakten:
Stalker (Сталкер)
Sowjetunion. 1979. Regie: Andrei Tarkowski. Buch: Arkadi Strugazki (Vorlage), Boris Strugazki (Vorlage). Mit: Alexander Kaidanowsi, Alissa Freindlich, Anatoli Solonizym, Natsha Abramowa, Nikolai Grinko u.a. Länge: 165 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Um der Tristesse der Stadt zu entfliehen, führt der Fremdenführer einen Professor und einen Autor in die „Zone“, einen unwirklichen Ort, in dem einst ein Meteorit eingeschlagen war. Dort, so sagt man, sollen Wünsche in Erfüllung gehen. Es beginnt eine existentielle Reise.




Meinung:
Da wo sich nebulöse Dunstschwaden aus den keuchenden Schlickgruben der grünbrauen Wiesen erheben, wo enthemmte Ranken aus dem sumpfigen Morast empor steigen und die vom Ölfilm verpesteten Wasserlachen über den Boden schleichen, da findet der Mensch die existenzielle Balance seiner selbst. Die tiefe Sehnsucht nach einem (Projektions-)Ort inmitten der Zone, in der sich alle Wünsche erfüllen dürfen, in der Träume ihrer erwartungsvollen Verwirklichung entgegentreten, ist eine mittels humaner Begierde erschaffene Illusion. Das Zimmer ist nicht die Lokalität, in der der Mensch auf seine formvollendete Glückseligkeit trifft, obgleich die mystische Atmosphäre die ehrfürchtige Stagnation bis ins Herz des Rezipienten spült. Der Mensch wird sich auf und nach seiner Reise durch die Natur, die sich ihren erstrangigen Platz in der von Raffgier gezeichneten Industrietobsucht zurückerkämpft hat, von Grund auf verändern. Der Mensch, ob nihilistisches Ungetüm oder wegweisender Samariter, wird am Mythos der Zone zerschellen, durch die von Schrecken und Zuversicht dirigierte Odyssee aber den innerseelischen Pfad zur introspektiven Selbsterkenntnis finden. Ohne Kummer, keine Zuversicht.


In der "Zone" verändern sich die Menschen
Dabei ist die Reise zurück zum meditativen Ursprung, die sowohl die Konflikte zwischen Mensch und Natur in postapokalyptischer Tristesse verdeutlicht, als auch die symbolische Reflexion über den postindustriellen Status des Seins, eine Expedition der fokussierten Grundelemente, dominiert vom stillstehenden, stürzenden und fließenden Wasser, die nicht nur die Charakteristik der Individuen repräsentiert, sondern auch den Schrei nach kollektiver Freiheit, nach einer lohnenswerte Perspektive disponiert. Erfüllung finden die drei Männer nicht durch die Kraft der Zone, sondern durch die eigenverantwortliche Entfaltung in der Konfrontation konträrer Ideologien, die nur durch ihre antithetische Paradigmen zur spirituellen Kohärenz führen. Und auch wenn der Weg, auf den „Stalker“ den Zuschauer weist, ein steiniger, diffiziler ist, der philosophische Diskurs mit dem menschlichen Geist, dem organisch-artifiziellen Derivat der Wahrnehmung des natürlichen Terrain, die sich bei der Ankunft im enigmatischen Zimmer von selbst revidiert, sind der Film natürlich ohne Frage wert.


Dazu kommt die unumstößliche Tatsache, dass Andrei Tarkovsky genau das vollzogen hat, was einen Film zu meisterhafter, unnachahmlicher Kunst werden lässt: Er gewährt dem Zuschauer die autonome Freiheit, um auf Fragen zu antworten, die der Film bewusst offenlässt. Wer dieses Angebot der Eigeninitiative, gepaart mit Tarkovskys beeindruckendem Sinn für Ästhetik, heutzutage nicht mehr zu schätzen weiß, der ist dem Medium Film und seinen facettenreichen, perzeptiven Möglichkeiten genauso fremd, wie Tarkovsky der Anbiederung von konventionellen Sehgewohnheiten - Ob im narrativen oder visuellen Kontext. Wer die innere Revision der drei Protagonisten auf seinen persönlichen Stand bei der Konsumierung von „Stalker“ beziehen möchte, der kann es, genau wie im Film, so verlauten lassen, dass es nicht die oberflächlichen Bilder sind, nicht die eigentlichen Ziele, die die Menschen zum Nachdenken anregen, sondern das, was sie hintergründig verlauten wollen, all das, was sich zwischen zerrissenen Botschaften in dumpfen Gewässern, gefluteten Spiralgängen in kantigem Geröll und modernden Schlammschichten an den Stiefeln verbirgt. „Stalker“ und das subjektive Echo in der zivilistischen Ruine der dystopischen Gegenwart finden keinen gemeinsamen Nenner - Und das ist auch gut so.


8,5 von 10 schwarzen Hunden aus dem Nebel


von souli