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Review: CATCH ME IF YOU CAN – Millionenschwindler mit Milchbart

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Fakten:
Catch me if you can
USA, Kanada.
2002. Regie: Steven Spielberg. Buch: Jeff Nathanson, Frank W. Abagnale (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Nathalie Baye, Amy Adams, Martin Sheen, James Brolin, Jennifer Garner, Elizabeth Banks, Frank John Hughes, Brian Howe, Chris Ellis, Ellen Pompeo, Steve Eastin u.a. Länge: 135 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die wahre Geschichte des Frank W. Abagnale jr., der bereits als Teenager zu einem der meist gesucht Checkfälscher der USA wurde und sich lange Zeit ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem FBI, vertretend durch den Agenten Carl Hanratty, lieferte.





Meinung:
Man hatte die Hoffnungen ja schon irgendwie aufgegeben, dass Steven Spielberg mal wieder Interesse daran zeigt, das Herz der Zuschauer in den Sälen der Lichtspielhäuser in den höchsten Tönen schlagen zu lassen. Sein Eskapismus war nicht mehr locker-leicht konzipiert, er war von einer entsättigten Düsternis gezeichnet, die den Kleinen der Familie konsequent den Riegel vorschob: Auf „Schindlers Liste“ folge das Sklaven-Drama „Amistad“, nach „Der Soldat James Ryan“ kam die hervorragende Dystopie „Minority Report“. Zwischendurch durfte zwar „A.I. - Künstliche Intelligenz“ noch einmal etwas Magie versprühen, doch von dem federleichten Gestus eines „E.T. - Der Außerirdische“, „Jurassic Park“ oder der „Indiana Jones“-Trilogie waren seine Werke bis zum Jahre 2002 dann doch immer einen ordentlich Schritt weit entfernt. Mit „Catch Me If You Can“ sollte sich dann allerdings etwas ändern und der immer irgendwo Kind gebliebene Kinoillusionär bewies eindrucksvoll, dass er immer noch ohne Probleme leichtfüßiges Familienkino der Extraklasse auf die Beine stellen kann.


Vater und Sohn, zwei Hochstapler unter sich
Ohne extraterrestrische Lebewesen oder die Peitsche schwingende Schätzjäger, führt uns „Catch Me If You Can“ zurück eine Filmwelt, die atmosphärisch an die luftig inszenierten Räuberpistolen der 1950er oder 1960er Jahre. Gleich Anfang schon werden wir direkt mit einem hervorragend von Kuntzel und Deygas designten Titelsequenz verwöhnt, die in ihrer gesamten Verspieltheit aufzeigt – während sie das Katz- und Mausspiel des Filmes reflektiert -, welch nostalgische Verbundenheit Steven Spielberg zur Kinematographie an und für sich pflegt. Leonardo DiCaprio, der seinen großen Durchbruch als allgemein als ernstzunehmender Schauspieler mit „Gangs of New York“ verzeichnen sollte, hat es dann doch eher „Catch Me If You Can“ zu verdanken, dass ihm heutzutage ein derartiger Ruf und Stand zuteil geworden ist. Aus der Schublade des verweichlichten Schönling, die er mit „Titanic“ noch einmal bestätigte, zeigt DiCaprio als Frank Abagnale, jr., dass er nicht nur ungemein wandelbar in seiner Rollenwahl zu Werke schreiten kann, sondern legt auch den Grundstein für seine Flexibilität historische Figuren zu verkörpern. Als tatsächlich existierender Frank Abgnale, jr. drückt sich DiCaprio mit ausbalancierter Performance in den Fokus.


Carl ist Frank ganz dicht auf der Spur
Frank Abagnale, jr ging als Hochstapler und Scheckbetrüger in die Geschichte ein und hat am Ende der 1960er Jahre das FBI (im Film personifiziert von einem grandios-lakonischen Tom Hanks als Carl Hanratty) so zum Narren gehalten, wie es ihm gefallen hat – Und er war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal volljährig. „Catch Me If You Can“ nimmt sich der kriminellen Laufbahn des Frank Abagnale, jr. an, ohne diese natürlich durch den ideologischen Fleischwolf zu drehen. Das pointierte Drehbuch von Jeff Nathanson, der von Frank Abagnale, jr. unterstützt wurde, verschiebt die Verbrecherjagd hingegen in eine komödiantische Tonalität und schlägt als Liebesklärung an das altmodische Kino derart entzückende Haken, dass es dem Film an Kurzweil gewiss nicht fehlen möchte. Allein mitanzusehen, wie der 16-jährige New Yorker nach der Scheidung seiner Eltern von Zuhause ausbricht und sich durch die renommiertesten Berufszweige schummelt, ist ein Fest für die Sinne: Vom von jeder Seite glorifizierten Himmelstürmer, der schließlich als Gott in Weiß in Karriere macht und anschließend noch als angeblicher Advokat seinen Schwiegervater in spe um den Finger zu wickeln versucht. Immer hinter ihm, manchmal auch nur einen Schritt zu später (oder den einen Funken zu naiv): Carl Hanratty.


Wenn Frank Abgnale, jr. dann immerzu in Luxus und Dekadenz schwimmt, schält sich sein familiärer Scherbenhaufen, der fortwährend unter der Oberfläche schmerzt, an das Tageslicht: Versucht darin, den finanziellen Ruin seines Vaters zu neutralisieren, schwindelt sich Frank quer durch die Staaten, später auch über die Landesgrenzen hinaus, schafft es dadurch aber natürlich nicht, seine sich entfremdeten Elternteile wieder zueinander zubringen. Jede Finte treibt ihn weiter weg, weil, wie Carl Hanratty gegen Ende richtiggehend feststellt, lebt es sich mit der Lüge manchmal leichter. Frank weiß, dass er den Klebstoff der Liebe nicht durch seine hochstaplerische Delinquenz vorfindet. Mit der Verve der farbenfrohen goldenen Ära ist „Catch Me If You Can“ mustergültiges Entertainment, das jede Menge Spaß bereitet, immer stilvoll in Szene gegossen, ohne den Zuschauer aber auch emotional zu unterstättigen: Gerade der Moment, in dem Frank als Heimatloser durch den Bürokomplex des FBI streunend beweist das nachhaltig. Man kommt nicht Drumherum, egal wie man den Film dreht und wendet, „Catch Me If You Can“ als exzellentes Unterhaltungskino zu bezeichnen, werden doch alle Wünsche bestätigt.


8 von 10 anregenden Zwischenstopps


von souli

Review: LAURENCE ANYWAYS – Xavier Dolan und sein Epos über die Kraft des Selbstsein

1 Kommentar:


Fakten:
Laurence Anyways
Kanada. 2012. Regie und Buch: Xavier Dolan. Mit: Melvil Poupaud, Nathalie Baye, Suzanne Clément, Monia Chokri, Susan Almgren, Yves Jacques, Magalie Lépine Blondeau, Emmanuel Schwartz, Sophie Faucher, Perrette Souplex u.a. Länge: 168 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1989: Laurence führt seit zwei Jahren eine Liebesbeziehung mit Frédérique. Die Liebe der beiden ist echt und bedingungslos, doch als Laurence sich eingestehen muss, dass er im falschen Körper lebt und lieber eine Frau sein möchte, bringt dies Probleme mit sich. Dabei sind die Gefühle der beiden zueinander immer noch unverändert. Doch Vorurteile, eigene Zweifel und gesellschaftliche Widerstände erschweren ihre Liebe zunehmend.





Meinung:
Xavier Dolan ist schon eine spezielle Hausnummer. Wer sich bereits mit den Werken des Frankokanadiers auseinandergesetzt hat, der wird auch an dieser Stelle verstehen können, dass dieses „speziell“ keinesfalls verächtlich gemeint ist. Dolan lieferte bereits mit nicht einmal 20 Jahren sein erstes Werk „I Killed My Mother“ ab und erfuhr bei den Filmfestspielen von Cannes Lob und Anerkennung von allen Seiten. Obgleich Dolan sich den standardisierten Vorwurf gefallen lassen müsste, er würde sich zu sehr auf den Stil, die Oberfläche, das Aussehen seines Films fixieren und den Blick für das Wesentliche verlieren. Gewiss, einige Manierismen waren in „I Killed My Mother“ vertreten, nur taten sie dem Handlungsverlauf in diesem Fall überhaupt keinen Abbruch, vielmehr erwies sich der junge Mann bereits dort als künstlerischer Meister der (Selbst-)Inszenierung. Bei seinem Nachfolger „Herzensbrecher“ war es aus visueller Sicht dann schon etwas gefälliger, etwas arroganter, konnte die Phantasmen und das Wirrwarr der Verliebtheit in seinem Experiment der Sinnlichkeit dennoch gekonnt einfangen.


Liebe kennt keine Grenzen
Substanzlos war weder I Killed My Mother“, noch „Herzensbrecher“, was Dolan allerdings mit seinem dritten Film „Laurence Anyways“ mit unverbrauchten 24 Jahren auf die Beine gestellt hat, lässt so manchen alten Hasen im Geschäft vor Neid erblassen. Der zentrale Klebstoff im Schaffen von Dolan war immer die Liebe, die Liebe als Kampf, die Liebe als beflügelnder Höhenflug, die Liebe als letzter Halt in der Orientierungslosigkeit des Seins. Und was Roman Polanski schon vor Jahren festgestellt hat, verinnerlicht Dolan in intensivierter Form: „Normal love isn't interesting.“ Vom Outing in der Pubertät, zur wuseligen  Ménage à trois und hin zur Transsexualität. Und genau diese Transsexualität verkauft Dolan natürlich auch als vortreffliche, ehrliche und in ihrer lustvollen Intimität als ungemein ehrliche Metapher auf das Leben, das Selbstsein und, wie könnte es anders sein, auf die verschiedensten Stadien einer sich gegenseitig stärkenden und den neuen Umständen schließlich unterliegenden Beziehung. Und dafür nimmt sich Dolan beinahe ganze 170, hervorragend ausgenutzte Minuten Zeit.


Laurence und Frédérique
Wie Dolan bereits zuvor beweisen konnte, lasst sich seine Eigenart als Autorenfilmer nicht pauschalisieren und klassifizieren. „Laurence Anyways“ ist in seiner Darbietung nicht minder durchzogenen von pulsierender Vitalität, von vibrierender Dynamik, er erweckt hingegen den Eindruck, als wären „I Killed My Mother“ und „Herzensbrecher“ nur die wirklich gelungene und frühreife Aufwärmphase für „Laurence Anyways“ gewesen, in dem sich Dolan nun auch nicht mehr selbst in Szene setzen muss, sondern die Bühne dem in der Hauptrolle mehr als herausragend auftretenden Melvil Poupaud und Suzanne Clément, die Laurences Freundin Fred verkörpert. Was Dolan seinen Hauptdarstellern abverlangt ist enorm, wie authentisch und lebensnah vor allem Poupaud seinen schwierigen Part ausfüllt, ist eine cineastische Offenbarung. Trifft das unerfahrene Auge auf Dolan Ästhetisierungsmittel, könnte es vorerst womöglich ein Schwieriges sein, die formalen Impressionen in ihrer hintergründigen und aussagekräftigen Komplexität zu sortieren. Viel wichtiger ist es aber, hinter die Zeitlupen und das eindrucksvolle Modebewusstsein Dolans zu blicken, um den Kern, die Relevanz zu genießen.


„Laurence Anyways“ fokussiert einen Mann, der sich Zeit seines Lebens fremd im eigenen Körper fühlt, sich seiner Sexualität aber im Klaren ist und auch nach erzielter Metamorphose seiner geliebten Freundin und Seelenverwandten treu bleibt. Interessant ist dabei zu beobachten, wie Dolan die Entwicklung von Laurence nicht nur an die Dekade von 1989 bis 1999 bindet, in dem Freundin Fred nach anfänglichen Zweifeln postuliert, „ihre Generation wäre bereit für diesen Schritt“, im Endeffekt sie es aber ist, die dem spießigen Selbstbetrug direkt in die Arme läuft, sondern feste gesellschaftliche wie familiäre respektive zwischenmenschliche Normen hinterfragt. Dolans Epos ist in seinen diffizilen Geflechten ein anregender, stimulierender, wachrüttelnder Appell an das Vertrauen in sich selbst; an elementare Entscheidungen, die der Öffentlichkeit befremdlich erscheinen mag, die auch aufgrund ihrer Andersartigkeit mit Missachtung und Schlägen ausbezahlt wird, doch das eigene Ich ohne Einschränkungen befreit. Natürlich ist Laurence in seinem Mut ein Vorbild und natürlich ist sein Verhalten alles anderes als ein Revolte, sondern eine Revolution. Eine Revolution, die doch heute endlich jeder akzeptieren sollte. Sky is the limit!


8 von 10 Schauläufen für die Freiheit


von souli