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Review: LOST RIVER – Viele, viele bunte Bilder

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Fakten:
Lost River
2015.
USA. Regie und Buch: Ryan Gosling. Mit: Christina Hendricks, Eva Mendes, Saoirse Ronan, Ben Mendelsohn, Iain De Caestecker, Matt Smith, Reda Kateb, Barbara Steele, Ben Mendelsohn u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 8. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Billy und ihr Sohn Bones müssen sich in fremde Welten wagen, als ihnen der Bankrott droht. Sie bekommt einen Job in einem Nachtlokal, das vorsichtig ausgedrückt „andersartig“ ist und er versucht den Fluch zu brechen, der über der Familie und ihrem Wohnort zu Lasten scheint.





Meinung:
„A Ryan Gosling Film“ steht in großen Buchstaben auf der Leinwand. Dahinter zu sehen: ein loderndes Feuer. Das mag sicherlich nicht die bescheidenste Variante sein, um sein Regie-Debüt anzukündigen, aber auch nicht die schlechteste. Zumal macht es gleich zu Beginn deutlich, dass Gosling es ernst meint, dass er sich nicht nur die Zeit vertreiben will und vor allem ist sofort erkennbar, von wem Gosling seine Kenntnisse, seinen Stil und seine Vorlieben hat. Die harten Kontraste, das rote Licht, das von den Bildern eingesogen wird. Dann mal wieder das blaue Licht. Eine düstere Welt, die zwar kaputt und armselig, aber nicht ohne Werte zu existieren scheint. Sogar die Musik kommt einem bekannt vor. All das schreit förmlich nach Nicolas Winding Refn (der auch an zweiter Stelle der „Special Thanks“-Kategorie im Abspann steht). Thematisch geht Goslings Geschichte jedoch vornehmlich andere Wege.



Andere Wege, größere Wege, die leichter zu finden, leichter zu befahren sind und leichter zum Ziel bringen. Und so nutzt er die ersten paar Sekunden, um Kulisse nach Kulisse zu zeigen. Eben die einfachste Form, um dem Zuschauer das Setting zu verdeutlichen. Amerika. Detroit. Ruinen. Kapitalismus im Endstadium. Der amerikanische Traum ist zum Synonym für das Wunschdenken geworden. Und auch wenn die Figuren es nicht wahrhaben wollen, haben sie es wohl schon lange akzeptiert. Sie leben in einem Ort, an dem niemand mehr interessiert ist. Propaganda-Videos über die Vergangenheit der  Gegend versuchen aus einer Geschichte der rücksichtslosen Zerstörung, eine der Neufindung zu machen. Aber letztendlich ist auch daran niemand interessiert. Ein Ort, in der die einzige machtvolle Instanz ein Jugendlicher namens Bully ist, der selbst seine Freunde misshandelt und entstellt, bis sie aussehen, als würden sie direkt aus einem Albtraum kommen. Und das ist gar nicht mal so weit gefehlt. In den Werken von Refn kommen die surrealen Elemente in den Wesen der Figuren zum Vorschein. Hier sind sie ein fester Bestandteil der Handlung.



Während Bully „seine“ Stadt terrorisiert, versucht Billy Geld zu verdienen, damit sie ihr Haus weiterhin abbezahlen kann. Ihr Haus ist eines der letzten, das in diesem Ort noch bewohnt ist. In der Nachbarschaft wird eines nach dem anderen von Baggern dem Erdboden gleichgemacht. Auch Billys Haus wird als mangelhaft eingestuft und bekommt damit die Verurteilung zum Tode. Letztendlich ein Gnadenstoß. Ein Haus, das nichts mehr wert ist. Aber doch, das Haus hätte einen sentimentalen Wert, kontert Billy dann. Eine Aussage, über die in diesem Amerika nicht einmal mehr müde gelächelt wird. Sentimentaler Wert existiert nicht mehr. Nicht in diesem Ort, nicht in dieser Bevölkerungsschicht. Darauf hat Billy ganz einfach kein Recht. Sentimentalität ist genau so fehl am Platz wie Stolz, Hoffnung und Selbstrespekt. Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht die Erlösung, sondern das Höllenfeuer. Feuer ist auch nahezu omnipräsent im Film. Wie eingangs erwähnt, findet es seinen Platz im Vorspann und sogar im Abspann ist es zu sehen. Flammen und Funken, die die Nacht erleuchten und die Dunkelheit erhellen. Schlecht sieht das alles auch nicht aus. Manche Bilder könnte man sich so an die Wand hängen, wenn man denn wollte.



Das Problem ist allerdings, dass Herr Gosling es nicht schafft, mit diesen Bildern einen Rhythmus entstehen zu lassen, geschweige denn diese pulsierende Gestalt, die die Filme von Nicolas Winding annehmen und damit wie ein weiteres Wesen im Raum wirken. Nein, leider nicht. Dafür wird der Fluss des Films zu oft durch kleinere Ungenauigkeiten unterbrochen. Kleinere Ungenauigkeiten, die sich anstauen, zuweilen sogar größer werden und dann am Ende einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Der Film ist nicht mutig genug, um einen eigenen Pfad zu finden. Zusätzlich verwirrend ist die Tatsache, dass Gosling sich bei der Geschichte, die bestimmt irgendwo ein Stück weit autobiografisch zu verstehen ist, überhaupt nicht die Geduld nimmt, um Tiefergehendes zu erzählen. Der Film bleibt, anders als seine Charaktere, lediglich an der Oberfläche. Der Zuschauer wird relativ schnell in diese Welt katapultiert und dann von Gosling allein stehen gelassen. Und so beobachtet man dann halbergriffen das Treiben und zuckt letztendlich mit den Achseln, wenn bis zum Ende eigentlich nichts Bedeutendes passiert. Geplant, gelungen und vollendet wirkt das nicht.


Dass Ryan Gosling sich visuell und stilistisch an seinen Vorbildern bedient, ist durchaus legitim und auch passend. Aber wenn er es so deutlich tut, dann muss er sich auch Vergleiche gefallen lassen. Er zeigt, dass er die letzten Jahre nicht in der Nase gebohrt, sondern beim Filmemachen ein wenig aufgepasst hat. Dennoch vermag er es nicht, die relative inhaltsleere, bzw. Schlichtheit der Geschichte durch seine überstilisierte Bilder zu verdecken. Eine emotionale Bindung zu den Charakteren wird versucht mittels lauter Musik und Close-Ups aufzubauen. Spannung und Dramatik werden eher mit Lärm geltend gemacht. Und auch wenn die Geschichte einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss hat, bleibt am Ende eine gewisse Leere im Raum stehen. Ein Gefühl der Unvollständigkeit und der Bedeutungslosigkeit macht sich breit. Gosling mag das 1x1 des modernen Filmemachens kennen. Aber auch wenn man sich wünscht, dass man von ihm noch viel erhoffen darf, kommt man nicht über die schmerzende Wahrheit hinweg, dass sein Debüt enttäuschend war.


5 von 10 brennenden Fahrrädern


von Smooli

Review: THE PLACE BEYOND THE PINES - Vater und Sohn, Vergangenheit und Zukunft

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Fakten:
The Place Beyond The Pines
USA. 2012. Regie: Derek Cianfrance. Buch: Derek Cianfrance, Ben Coccio, Darius Marder. Mit: Ryan Gosling, Eva Mendes, Bradley Cooper, Dane De Haan, Ray Liotta, Ben Mendelsohn, Emory Cohen, Bruce Greenwood, Rose Byrne, Mahershala Ali, Harriy Yulin u.a. Länge: 140 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 22. 10. 2013 auf DVD und Blu-ray.



Story:
Luke verdient sein Geld mit waghalsigen Motorradkunststückchen auf einem Wanderjahrmarkt. Als er in einer Stadt Romina wiedertrifft, mit der er früher einen One-Night-Stand hatte, erfährt Luke, dass er Vater von einem mittlerweile einjährigen Jungen ist. Wie aus dem Nichts erschlägt Luke die Verantwortung und er versucht, Romina irgendwie unter die Arme zu greifen. Er tut sich mit dem Mechaniker Robin zusammen und raubt mit ihm gemeinsam sämtliche Banken aus. Nach einigen geglückten Überfällen, wird Luke leichtsinnig und arbeitet risikoreicher, als er es vorher mit seinem Kumpanen abgesprochen hat. Als er eines Tages wieder einmal eine Bank ausgeraubt hat, wird er von dem engagierten Kleinstadtpolizisten Avery verfolgt, der ebenfalls Vater von einem kleinen Jungen ist und mit der Überführung des langgesuchten Verbrechers Luke einen großen Sprung auf der Karriereleiter machen könnte…





Meinung:
Seit dem Jahre 2010 ist der Name Derek Cianfrance dem indieaffinen Publikum zu Recht kein Unbekannter mehr. Sein Beziehungs-Drama „Blue Valentine“ erblickte das Licht der Kinolandschaft, heimste unzählige Festivalpreise ein und durfte sogar dank Michelle Williams aufopferungsvoller Darstellung im Oscar-Rennen ein kleines Wörtchen mitsprechen. Cianfrance verdeutlichte dabei, das er nicht unbedingt der Regisseur ist, der dem Zuschauer etwas vollkommen Neues bieten und eine explosive Vielfalt an Kreativität evozieren möchte, sondern sich einem universellen Thema annimmt, welches er daraufhin mit der nötigen Reife und Authentizität abhandelt – Ohne sich in einer unsäglichen Pseudo-Psychologisierung des zerbrechenden Paares zu wälzen. Als der amerikanische Autorenfilmer für das Jahr 2013 sein nächstes Werk mit dem Titel „The Place Beyond the Pines“ ankündigte, war die Vorfreude natürlich dementsprechend hoch, allerdings würde es sich in diesem Fall lohnen, seine Erwartungen vor der Filmsichtung doch einen Gang zurückschaltet


Blond und Raucher. Tzz, Gosling ist ein Multitlanet
Wer „Blue Valentine“ gesehen hat, der weiß, über welch brillante Schauspielführung Derek Cianfrance verfügt; Ryan Gosling und Michelle Williams wurden schließlich zu den besten Leistungen ihrer Karriere angetrieben und erzeugten eine beeindruckende Intensivität. Auch „The Place Beyond the Pines“ lebt von seinen namhaften Darstellern, auch wenn die eindringliche Klasse des Vorgängers in diesem Sinne nicht erreicht werden konnte. Ryan Gosling leistet als Luke Großes. Mit blonden Haaren, zerfetztem Metallica-Shirt und einem von amateurhaften Tattoos gezierten Körper wird der Shootingstar schnell zum unausweichlichen Blickfang – Und bringt auch gleichzeitig die beste Performance des Filmes. Während Bradley Cooper („Silver Linings“) als Polizist Avery ebenfalls einen sehr guten Auftritt hinlegt, aber nie das Interesse wecken kann, welches Ryan Gosling bereits ab der ersten Minute entfacht. Ray Liotta („GoodFellas“, „Killing them softly“), Eva Mendes („Bad Lieutenant“) und Rose Byrne („X-Men: Erste Entscheidungen“, „Brautalarm“) dienen einzig als prominentes Stückwerk, dafür weiß Nachwuchstalent Dane DeHaan („Chronicle“, „Lawless“) als Lukes Sohn Jason einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.


Vorweg lässt sich über „The Place Beyond the Pines“ vor allem eine Sache ganz klar pointieren: Es ist das Beste, wenn man von vornherein rein gar nichts über den Film weiß. Diese Aussage lässt sich natürlich auf jeden neuen Film projizieren, doch Cianfrance hält zwei eklatante Überraschungen für den informationslosen Zuschauer bereit, die in dieser Form so nicht zu erwarten sind. Wer sich jedoch schon etwas offenkundiger mit der Handlung auseinandergesetzt hat, der muss an dieser Stelle die Schultern nicht niedergeschlagen hängenlassen, es sind lediglich zwei mutige Spielchen mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, mit denen Cianfrance seine Narration immer wieder in eine neue Richtung lenkt. Es muss natürlich nicht ausufernd erwähnt werden, das „The Place Beyond the Pines“ einfach wunderbar fotografiert wurde, allein die Aufblende, in der Ryan Gosling mit Zigarette im Mundwinkel über den Jahrmarkt läuft, seine James-Dean-Gedächtnis Lederjacke überstreift und bereit für eine neue Show das Motorrad besteigt, ist eine unglaublich stilsichere „Drive“-Referenz.


Wer bei der Betrachtung des Trailers mit einer inoffiziellen Fortsetzung von „Drive“ gerechnet hat – Ryan Goslings Figur gibt diese Vermutungen natürlich problemlos her – der täuscht sich. „The Place Beyond the Pines“ ist nicht auf ästhetische Coolness getrimmt, sondern verschreibt sich ganz seiner elliptischen Familiengeschichte, in der es sowohl um Verantwortung und Einsicht, als auch um Schuld und Sühne geht. Der erste Handlungsabschnitt, also die ersten 50 Minuten, sind auch gleich das große Highlight des genreunspezifischen Filmes und beinhaltet wohl die besten und erinnerungswürdigsten Szenen. Allein die Kirchenszene muss erwähnt werden, in der Ryan Goslings innerer Kampf bei der Taufe seines Sohnes enthüllt wird und sich all die Zerrissenheit direkt in seinem Gesicht wiederspiegelt. Gerade diese Szenen verdeutlichen vorbehaltlos, was es bedeutet, seine Pflichten als Vater zu erkennen, wenn man nicht mehr sorglos in den Tag hineinleben kann und schlagartig für eine weitere Person zuständig wird, egal ob man konträr zueinander steht, Polizist oder Stuntfahrer ist, Vater werden heißt auch Opfer bringen.


Wenn sie nur wüssten, was ihre Väter so alles...
Es steht dabei ganz außer Frage, dass „The Place Beyond the Pines“ ein authentisches Werk geworden ist, das die zwischenmenschliche Töne in den differenten Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen wunderbar trifft, gefühlvoll und keinesfalls weltfremd, selbst wenn hier ein Motorrad zum letzten familiären Bezugspunkt stilisiert wird. Allerdings sorgen die narrativen Brüche für den Schimmer einer in diesem Kontext stehenden Inhomogenität. Interessante Charaktere werden durch neue Figuren ersetzt, diese können die Klasse ihrer Vorläufer zuweilen aber nur bedingt einholen. Das führt dazu, dass sich die 140 minütige Spieldauer – gerade im Mittelteil – bemerkbar macht, dabei nie wirklich aus dem Rahmen fällt, das Erzähltempo der sprunghaften Umsetzung aber wiederholend hinderlich wechselt. Selbst wenn das überlange Familien-Drama über Verbundenheit und Verpflichtungen durchgehend überzeugen kann, die Ansammlung und turnusmäßige Einbindung der Ideen sind in diesem Fall doch etwas zu viel des Guten gewesen und hätten am Ende für drei Filme gereicht.


Fazit: Die Qualität von „Blue Valentine“ holt Claire Cianfrance mit „The Place Beyond the Pines“ nicht ein, dafür ist der Film zu überladen und entfacht eine leichte narrative Disharmonie, die sich auf das angesammelte Personenspektrum nicht unbedingt positiv überträgt. Darüber hinaus ist Cianfrance aber ein tolles Familien-Drama gelungen, mit wunderbaren Bildern, tollen Darstellern und der nötigen Emotionalität, die eben nicht aufgesetzt wirkt, sondern Cianfrance große Stärke in Sachen Authentizität nochmals unterstreicht. Kein Meisterwerk, aber in jedem Fall wirklich starkes Indie-Kino.


7 von 10 Stürze vom Motorrad


von souli, die Kritik ist auch erschienen bei CinemaForever