Fakten: Ex Machina UK, USA.
2015. Regie und Buch: Alex Garland. Mit: Domhnall Gleeson, Alicia Vikander,
Oscar Isaacs, Sonoya Mizuno, Deborah Rosen, Chelsea Li, Corey Johnson, Elina
Alminas, Ramzan Miah, Evie Wray, Claire Selby, Johanna Thea, Tiffany Pisani,
Gana Bayarsaikhan, Symars A. Templeman u.a. Länge: 108 Minuten. FSK:
freigegeben ab 12 Jahren. Ab 3. September 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Caleb ist 24 und verdient sein Geld als Web-Programmierer in einem großen
Konzern. Nachdem er ein firmeninternes Gewinnspiel gewonnen hat, erhält er
einen besonderen Preis: Er darf Nathan, den Chef der Firma, in dessen Haus in
den Bergen, besuchen. Dort angekommen muss Caleb rasch feststellen, dass das
Gewinnspiel und sein Aufenthalt bei Nathan nur Teil eines beeindruckenden
Experiments ist. Denn Nathans Domizil beherbergt die weltweit erste künstliche
Intelligent: Ava, einen weiblichen Roboter. Caleb fühlt sich zu Ava hingezogen
und auch sie verliebt sich in ihn. Davon ist Nathan hingegen wenig begeistert.
Meinung: Alex Garland
(Autor u.a. von „28 Days Later“, „The Beach“, "Sunshine" und „Dredd“) umgeht in seinem
Regiedebüt größtenteils inszenatorische Gefälligkeiten, nicht aber narrative
Konventionen, um eine zeitgemäßere Variante vom Stoff künstlicher Intelligenz
zu erzählen - auch weil er daraus immer wieder eine kleine Überraschung
schöpft. Oscar Isaac kalkuliert dabei als souveräner Internet-Neureicher Nathan
sogar mit der Erwartungshaltung seines auserwählten Protegés Caleb (Domhnall
Gleeson, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“), den er zu sich in die tief
verborgene Festung der Genialität einlädt. Ganz kompakt für die Konzentration
von Plot und Gefühl, beschränkt sich der Film auf wenige Zimmer und sogenannte
Sessions als einteilende Kapitel.
Was ist schon wirklich echt und menschlich?
Es gilt nämlich herauszufinden, ob die neueste robotische Errungenschaft
Nathans, Ava (Alicia Vikander, „Seventh Son“), für einen Menschen gehalten
werden könnte oder sich in der Kommunikation sowie den kognitiven
Gedankengängen als Maschine entpuppt. Jene künstliche Gefühlswelt kommt jedoch
unmissverständlich bei Caleb an und löst allmählich moralische Dilemma aus, die
sich in komplexen Diskursen mit dem etwas lockereren und doch unangenehmen
Nathan sowie gefährlichen Nachforschungen äußern. Garlands Film ist
hauptsächlich ein entschiedenes Genrewerk mit Twists, das sich vom Aufbau her
auf das Wesentliche und einige vermittelnde Zeichen konzentriert; aus jener
effektiv vermittelten Quelle reichlich Stimmung aufbäumen kann. Gefahr und Faszination
stehen hier Seite an Seite - nicht nur, was die durchgehende Spannung des Films
betrifft, sondern eben auch den Umgang mit der Technik. Nathan und Caleb machen
sich dahingehend genauso ans Werk wie das audiovisuelle Herantasten anhand
seiner nahezu photorealistischen Umsetzung des sehnsüchtigen Androiden.
Ein gutes Stück Befreier-Romantik steckt letztendlich auch drin, doch die kehrt
der Film ohnehin nochmals um, um seine eigene Götterfunktion (per CGI) in eine
krasse Ungewissheit münden zu lassen - somit auch die von Nathan (immerhin
wirkt sein angekauftes Wohngebiet zwischen Berg und Tal wie ein unbeflecktes
Eden, in welchem er die Schöpfung vollzieht) und seinem Qualitätsprüfer Caleb.
Existenzialistischer Horror, den man essenziell schon von Frankenstein,
Westworld und Co. kennt und zum Schluss hin ein bisschen unter Overstatement
leidet, unter diesen Umständen aber nochmals ein starkes und atmosphärisches
Stimmungsstück.
Fakten: 28 Days Later
GB, 2002. Regie: Danny Boyle. Buch: Alex Garland. Mit: Cillian Murphy, Naomie
Harris, Brendan Gleeson, Christopher Eccleston, Megan Burns, Noah Huntley,
Stuart McQuarrie, Luke Mably, Leo Bill, Junior Laniyan, Ray Panthaki, Sanjay
Rambaruth, Marvin Campbell u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18
Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Jim erwacht in einem Krankenhaus, in das er vor Wochen mit einer
Kopfverletzung eingeliefert wurde. Es ist verlassen, komplett. Das allein wäre
schon befremdlich genug, doch es kommt noch besser: Als Jim die Klinik
verlässt, findet er seine Heimatstadt London menschenleer vor. Verwirrt
stolpert er durch die verwaisten Straßen der sonst so pulsierenden Metropole.
In einer Kirche stößt er auf einen Leichenberg...und endlich andere Menschen.
Doch die scheinen vollkommen wahnsinnig, stürzen sich wie wilde Tiere auf ihn.
Jim wird von Selena und Mark gerettet und aufgeklärt. Vor 28 Tagen brach ein
Virus aus, das die Menschen binnen Sekunden in rasende Bestien verwandelt. Das
Land scheint verloren. Auf ihrem Weg durch London treffen sie auf Frank und
seine kleine Tochter Hannah. Gemeinsam klammern sie sich an den letzten
Strohhalm: Ein Radiodurchsagen verweist auf einen Militärstützpunkt, wo sich
Soldaten verschanzt haben.
Meinung: Mit "28 Days Later" belebte Danny Boyle das
jahrelang brachliegende Genre des Zombie-Films, ohne einen echten Zombie-Film
zu drehen. In vielerlei Hinsicht. Im Anschluss folgten das "Dawn of the
Dead" Remake von Zack Snyder, die "Resident Evil"-Reihe, die
neue Zombie-Trilogie von George A. Romero sowie etliche ähnliche B-Reißer,
die lebenden Toten waren wieder en vogue. Dabei handelt dieser Film
gar nicht von Zombies, Boyles "Monster" sind infizierte Menschen,
keine Untoten. Sie sind lebendig, sterblich, erinnern nur optisch und von ihrem
Verhalten an das Zombiebild, das Romero einst prägte. Auch sonst ist "28
Days Later" kein typischer Vertreter des Horrorgenres, viel mehr ist es
ein apokalyptisches Seuchen-Szenario, quasi ein Katastrophenfilm, der sich
natürlich in die Horror-Schublade stecken lässt, aber eben nicht der klassische
Vertreter seiner Zunft.
"Uh, da drin gibt's ja frische Überlebende"
Einen solchen Film hätten Boyle damals wohl nur die Wenigsten zugetraut. Der
Überraschung über seine Partizipation an so einem Projekt sollte sich als
großer Glücksgriff herausstellen, denn gerade weil Boyle nicht der normale
Genreregisseur ist, ist "28 Days Later" weit mehr als der vielleicht
zu erwartende Gore-Streifen. Genau genommen ist er das überhaupt nicht. Boyle
gelingt das Kunststück, seine infizierten Schreckgespenster kaum in Erscheinung
treten zu lassen, sie spielen eigentlich nur eine Nebenrollen, bilden die
Kulisse für eine Geschichte um das plötzliche Ende der Zivilisation. Protagonist
Jim (Cillian Murphy in seiner ersten großen Rolle) landet vollkommen
unvorbereitet in einer Welt, die sich innerhalb weniger Tage in eine trostlose
Wüste aus Tod und Einsamkeit verwandelt hat. Die in ihrer gespenstischen Ruhe
und beeindruckenden Leere spektakuläre Sequenz in den leergefegten Straßen
Londons ist atemberaubend, von ihrer Erscheinung wie Wirkung. Nach einer kurzen
Attacke der enorm bedrohlich und effizient-zackig in Szene gesetzten Wüteriche
haben die für lange Zeit Feierabend, im Mittelpunkt steht nun die Gruppe
Überlebender. Die Bedrohung durch ihre bestialischen Mitmenschen ist zwar
allgegenwärtig, doch dafür brauchen sie nicht alle 5 Minuten ein Blutbad zu
veranstalten. "28 Day Later" bezieht seine enorme Spannung durch die
wenig reißerische, dafür enorm bedrückende Schilderung seiner Szenerie, die
weitaus realistischer erscheint als in vergleichbaren Filmen. Dem zugute kommt
wohl seine britische Herkunft, der gesamte Look wirkt authentischer und weniger
auf Hollywood-Schick gebürstet.
"Lauf Forrest, lauf!"
Regisseur Boyle erweist sich als genau der richtige Mann für diesen Film. Ihm
kommt es mehr auf die Dramaturgie, die Figuren, deren Schicksale, die
zwischenmenschlichen Momente und die Tragik der Situation an.
"28 Days Later" bietet ein Skript, das weit aus dem Einheitsbrei
des Genres herausragt, fast mehr Drama als Horror oder Thriller, dabei trotzdem
oder gerade deswegen so mordsmäßig spannend und klug umgesetzt. Speziell im
letzten Drittel werden alle positiven Aspekte des Films grandios vereint und
bilden einen der besten Genrefilme dieses Jahrtausends. Die glaubhaft und nicht
einfach nur banal-zweckdienlich charakterisierten Figuren müssen um ihr Leben
kämpfen, nicht gegen die augenscheinliche Bedrohung von außen, sondern gegen
den weitaus gefährlicheren Feind von innen, ihre eigene Spezies, die in
Extremsituationen nichts mehr von Moral und Ethik hält. Die Infizierten sind
nur noch Mittel zum Zweck, werden gar wie Waffen eingesetzt, das Monster im
Mensch tritt zu Tage und demaskiert unsere hässliche Natur. Nichts davon wirkt
aufgesetzt oder hastig herbeigeführt, Boyle baut alles konsequent-glaubhaft auf
und entlädt es ungemein wirkungsvoll. Zwischen dem ganzen Not, Elend, Schmerz
und Sterben bleibt bei ihm genug Platz für leise Momente der Hoffnung, sogar
fast idyllisch-schöne Momente, wie auch schmerzhaften Situationen abseits von
Blut und Schweinkram. Die Mischung macht es, die ist hier nahezu perfekt.
"28 Days Later", der wohl beste (Nicht)Zombiefilm nach Romero's
ersten beiden "...Dead"-Filmen und ein absolutes Highlight seit der
Jahrtausendwende. Einer der intelligentesten, sensibelsten, emotionalsten
Beiträge dieses Genres. Schlicht hervorragend, in allen Belangen.
8,5 von 10 Bestien in Menschengestalt
von JackoXL
Fakten: 28 Weeks Later
GB, ES, 2007. Regie: Juan Carlos Fresnadillo. Buch: Rowan Joffe, Juan
Carlos Fresnadillo, E.L. Lavigne, Jesus Olmo. Mit: Rose Byrne, Robert Carlyle,
Jeremy Renner, Idris Elba, Catherine McCormack, Imogen Poots, Macintosh
Muggleton, Harold Perrineau, Amanda Walker, Shahid Ahmed u.a. Länge: 96
Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Knapp 6 Monate sind nach dem verheerenden Virusausbruchs vergangen. Der letzte
Infizierte scheint gestorben, das amerikanische Militär beginnt mit der
Widerbesiedelung Englands in einer überwachten, speziell eingerichteten
Sicherheitszone. Dort trifft Don endlich seine Kinder Tammy und Andy wieder.
Ihre Mutter Alice ließ er bei einem Angriff der Infizierten zurück, um sein
eigenes Leben zu retten. Als die Kinder die Sicherheitszone heimlich
verlassen, treffen sie in ihrem alten Elternhaus auf ihre Mutter. Die Soldaten
sind ihnen gefolgt und nehmen Alice in Gewahrsam. Das Unglaubliche: Obwohl sie
gebissen und das Virus in sich trägt, ist es bei ihr nicht ausgebrochen. Der
Schlüssel zur Heilung? Doch so weit kommt es nicht: Als Don seine Frau sehen
will, infiziert er sich und der Wahnsinn beginnt erneut. Das Militär kann den
erneuten Ausbruch der Epidemie nicht verhindern und sieht nur noch die
Alternative der totalen Vernichtung. Gemeinsam mit Biologin Scarlet und dem
abtrünnigen Soldat Doyle gelingt Tammy und Andy die Flucht aus dem Sperrgebiet.
Ihr Vater, oder was von ihm übrig ist, will seine Kinder aber nicht so einfach
aufgeben.
Meinung:
Fünf Jahre nach dem überragenden "28 Day Later" folgte das
unweigerliche Sequel, diesmal jedoch ohne Danny Boyle auf dem Regiestuhl. Der
Spanier Juan Carlos Fresnadillo übernahm und durfte damit erstmals eine große,
internationale Produktion in Szene setzen. Das Fresnadillo Talent besitzt lässt
sich kaum abstreiten, nur ob er sich mit dieser schwierigen Fortsetzung einen
Gefallen getan hat? Teilweise...
Heute im Blickpunkt: Frischfleisch
Trotz des vorhandenen Potenzials für ein Sequel, eigentlich war "28 Weeks
Later" von vornherein ein zwiespältiges Anliegen. Danny Boyle's Film
bestach in erster Linie durch seine außergewöhnliche Mischung aus
genrespezifischen Zutaten und gleichzeitig dem Abweichen von ausgetrampelten
Pfaden. Bei ihm standen die Figuren, das Szenario und dessen Auswirkung im
Fokus, weniger Action und Gore. Dieser Weg ließ sich kaum noch einmal so
bestreiten und so kam es auch. "28 Weeks Later" ist viel deutlicher
der Genrefilm, von dem sich der Erstling in vielen Punkten noch entfernt. Das
muss nicht zwangsläufig negativ sein, doch gerade im direkten Vergleich fällt
die Fortsetzung deutlich ab. Obwohl sich Fresnadillo als Regisseur alle
Mühe gibt. Nur das Skript (an dem er auch mitwirkte) ist meilenweit entfernt
von der Vorlage und ist selbst unter weniger kritischen Gesichtspunkten eher
durchschnittlich.
Die Infizierten sind nicht wasserscheu
In Sachen Tempo und Blutzoll geht "28 Weeks Later" - wie zu erwarten
- mehr in die Offensive als der oft nur subtil-bedrohliche Vorgänger. Allein
die Eröffnungsszene steht stellvertretend dafür. Die ist handwerklich
blitzsauber gemacht, toll gefilmt, stimmungsvoll, alles kein Problem. Nur
ist sie eigentlich auch das Highlight des Films. Danach wird sich zwar um
einen Aufbau der Geschichte bemüht, das infizierte Pack nicht zu früh aus
dem Sack gelassen, nur letztendlich wartet man als Zuschauer nur darauf.
Was dann folgt, ist relativ einfallslos und enttäuscht zum Ende hin leider
sehr. Rasant-knackig ist das alles, keine Frage, nur die Geschichte und ihre
Figuren sind vielleicht nur halb so interessant wie bei Danny Boyle.
Unterhaltsam und technisch gut umgesetzt ist "28 Weeks
Later", kann nur nie dieses Unbehagen und Mitfiebern erzeugen wie
fünf Jahre zuvor. Der Cast ist wirklich gut, die Effekte zünftig und
sehenswert, langweilig wird es keine Sekunde. Aufgrund der großen Fußstapfen
aber alles nur ganz okay und irgendwie ein gezwungenes Sequel, das statt
ruhiger Spannung, moralischen Zwiespälten und ernsthaft bewegenden Momenten
eher auf schnelle Schnitte, blutiges Make-Up und einen erhöhten Leichenberg
setzt. Für das Genre sicher nicht fehl am Platz, nur eben kein Hit mehr.
"28 Weeks Later" ist kein schlechter Film, nur geht genau so schnell
und gut rein wie zügig wieder raus, da bleibt nicht viel hängen. Sehr gehobener
Durchschnitt mit guten Momenten in einer leider sehr belanglosen und an
entscheidenden Stellen nicht ausgiebig genug genutzten Geschichte. Interessante
Aspekte, wie z.B. die Motivation von Robert Carlyle's Figur und dessen
innerliche Konflikte (vorher und nachher) werden allenfalls angerissen, aber
dann nicht vernünftig auf den Punkt gebracht. Schade, da wäre mehr drin
gewesen. So ordentlich das alles aussieht, es fehlen diese prägnanten Momente,
dieses gewisse Etwas. Solider Film für Fans des Genres generell, aber nicht für
alles Fans von "28 Days Later".