Fakten:
Carol
GB, US. 2015. Regie: Todd Haynes. Buch: Phyllis Nagy, Patricia Highsmith
(Vorlage). Mit: Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler, Cory
Michael Smith u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Im Kino.
Story:
New York, Anfang der 50er Jahre. Therese Belivet arbeitet als Verkäuferin in
einem großen Warenhaus und erhofft sich ein besseres Leben. Als sie ihre Kundin
Carol Aird bedient, fühlen die zwei Frauen sich spontan zueinander hingezogen.
Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Therese ist
zurückhaltend und traut sich kaum das Wort Nein zu verwenden, Carol ist
dominant und steckt mitten in einem Sorgerechtsstreit mit ihrem zukünftigen
Exmann. Als die beiden sich näherkommen entsteht ein Liebe, die von ihrem
direkten Umfeld nicht verstanden wird.
Meinung:
Mit fünf Nominierungen gilt „Carol“ als einer der Favoriten bei der
diesjährigen Verleihung der Golden Globes und damit auch als einer der großen
Oscarkandidaten, wenn der größte amerikanische Filmpreis im Februar erneut
vergeben wird. Regisseur Todd Haynes präsentiert mit „Carol“ einen der großen
Kritikerlieblinge des Filmjahres und wer den Film gesehen hat, versteht warum
sich der Film derzeit so großer Beliebtheit erfreut. Auf den ersten Blick ist
„Carol“ typisches Oscarkino, ein langsames Drama mit bekannten Namen bestückt
und grandios ausgestattet. Doch unter der detailgetreuen und authentischen
Darstellung der 50er Jahre liegt weitaus mehr verborgen als nur ein hübsch
anzusehender Film.
Carols Blick schweift in neue Richtungen
„Carol“ beschäftigt sich fast ausschließlich mit seinen beiden
Protagonistinnen, die ihren üppigen Vorschusslorbeeren auch mehr als gerecht
werden. Nicht umsonst wird Cate Blanchett als moderne Greta Garbo und Rooney
Mara als Neuinterpretation Audrey Hepburns gefeiert. Inwiefern diese Vergleiche
überhaupt notwendig sind sei einmal dahingestellt, schließlich stehen die
beiden wunderbar für sich selbst und obgleich Garbo und Hepburn großartige
Darstellerinnen waren, verdienen es Blanchett und Mara nicht, lediglich auf
ihre Ähnlichkeit zu diesen Größen reduziert zu werden. Sie sind das Herzstück
des Films und tragen diese Rollen auch mühelos, Mara in ihrer gläsernen
Verletzlichkeit gleichermaßen wie die innerlich zerrissene Blanchett. Für sich
genommen schon großartig, entfalten sie die volle Wirkung ihres Schauspiels in
gemeinsamen Szenen. Zärtliche Berührungen, die so intensiv sind, dass dem
Betrachter der Atem stockt, beiläufige Blicke, die mehr sagen als bloße Worte.
Hier ein schwaches Lächeln, dort eine zweideutige Anmerkung, so sieht große
Schauspielkunst aus und dafür darf und wird es wahrscheinlich auch die
verdienten Preise geben. Seine Regie unterwirft Haynes komplett dieser
Beziehung, seine Bilder sind warmherzig und intim, müsste man die Stimmung des
Films mit einem Wort beschreiben, dann wäre es wohl 'zärtlich'.
Rooney Mara kann sich gegen die Blanchett behaupten
Gleichermaßen offenbaren diese Momente der Zweisamkeit aber auch die Schwächen
des Films. So gelungen die intimen Momente der beiden Frauen auch sind, machen
sie doch die dramaturgischen Probleme des Films nur zu deutlich. Abseits der
fast schon träumerischen Szenen mangelt es an Konflikten, die in Form von
Carols Tochter zumindest rudimentär vorhanden sind. Die größte Schwäche ist
dabei wie nebensächlich er die alltäglichen Probleme der Frauen abhandelt, er
macht ihnen zu wenig Platz um eine wirkliche Wirkung zu erzielen, was den
fertigen Film auch spürbar in die Länge zieht. Der Regisseur hätte sich
entweder mehr oder schlichtweg gar nicht auf diese Konflikte einlassen dürfen,
so aber verpasst Haynes den entscheidenden Schritt in eine bestimmte Richtung
und schafft es weder sich vollends in der Zwischenmenschlichkeit seiner
Charaktere zu verlieren, noch die dramaturgische Komponente zufriedenstellend
auszuarbeiten. Das mag nun deutlich härter klingen als es „Carol“ verdient hat,
schließlich verirrt er sich nur gelegentlich in diesen Momenten der
Unentschlossenheit. Dennoch ist es auf gewisse Weise sehr ärgerlich, könnte der
Film doch so viel mehr sein wenn Haynes nur ein Stückchen mutiger und
entschlossener den Schritt in die richtige Richtung gewählt hätte.
Das wirklich schöne an „Carol“ ist aber seine intime und ehrliche Darstellung
einer Liebesbeziehung. Ganz einfach zwei Frauen, die sich ineinander verlieben.
Kein unglückliches Ende, kein (Selbst)Mord, keine groß angelegte Coming-Out
Szene und vor allem keine schwülstigen Reden über die Bedeutung von Liebe.
Einfach nur zwei Menschen, die zueinander gehören. Das sind die Momente die
„Carol“ ausmachen und die den Film trotz seiner Langatmigkeit zu einem
mitreißenden und empfehlenswerten Stück Kino machen.
Fakten: King
Kong
USA, Neuseeland. 2005. Regie: Peter Jackson. Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson. Mit:
Naomi Watts, Adrien Brody, Jack Black, Colin Hanks, Jaime Bell, Thomas
Kretschmann, Andy Serkis, Kyle Chandler, Evan Parke, Lobo Chan, John Sumner,
Craig Hall u.a. Länge: 180 Minuten (Kinofassung), 201 Minuten (erweitere
Fassung, auf Blu-ray erhältlich). FSK: freigegeben ab 12 Jahren.
Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Filmmacher Carl will unbedingt seinen Film drehen, deswegen pfeift er auf
seine Produzenten und kapert reglrecht Teile der Crew und fährt mit ihnen auf
eine mysteriöse, entlegene Insel. Dort wird der Star des Films, die mittellose
Aktrice Ann, von den Eingeborenen entführt und dem Riesenaffen Kong als Opfer
dargeboten.
Meinung:
Wie schön muss es doch sein, den Helden seiner Kindheit nicht nur auf dem
Spielplatz Tribut zollen zu dürfen, sondern auch die Möglichkeit zu bekommen,
ihnen ein rechtmäßiges Plätzchen mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar
auf der Kinoleinwand zu schenken. Dem neuseeländischen Fantasten Peter Jackson
wurde dieses immense Privileg zu Teil und er bekam die Chance „King Kong und
die weiße Frau“, seinen Lieblingsfilm aus Kindertagen, neuzuverfilmen.
Natürlich hat ihm dazu auch der enorme Erfolg seiner „Der Herr der
Ringe“-Trilogie verholfen, für die Peter Jackson seiner Person bereits
Legendenstatus verleihen konnte. Doch die Erwartungshaltung, die nach „Der Herr
der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ in astronomische Höhenlagen geschnellt ist,
konnte sich nur negativ auf alles Kommende seitens Peter Jackson auswirken.
„King Kong musste also zu einem dieser Projekte verdammt werden, die, trotz ihrer
qualitativen Klasse, die Fans und Kritiker enttäuschen, einfach weil sie
gezwungen sind, ihr Dasein im Schatten ihrer omnipräsenten Vorgänger zu fristen.
Süß, ein Gecko
Dabei entzieht sich der direkte Vergleich zwischen „King Kong“ und der „Herr
der Ringe“-Saga eigentlich jeder Verhältnismäßigkeit, sind die Voraussetzungen
und die Absichten doch ganz andere gewesen. Wie gut also ist „King Kong“, die
Herzensangelegenheit, der verwirklichte Traum, nun wirklich? Peter Jackson, und
das ist bei der persönlichen Verbindung, die er zur Vorlage pflegt, eigentlich
nur logisch, betonte mehrfach, dass er „King Kong“ allein für sich drehen würde
– Ein Schutzmechanimus, der ein bevorstehendes Echo aus Buhrufen von vornherein
neutralisieren sollte? Wohl kaum. Eher die klare Ansage, dass wir es hier mit
einem Film zu tun bekommen werden, der mit einer gewissen Nostalgie verstrickt
und aus der kindlichen Perspektive erzählt wird: Ein Abenteuer, das für
leuchtende Augen und herunterklappende Kinnladen sorgen soll, ganz im Stil der
früheren Magie eines Steven Spielbergs. Aber um die Ausgangsfrage zu
beantworten, wie gut „King Kong“ nun wirklich ist: Sehr gut, aber beileibe kein
Meisterwerk.
Kaum zu glauben, dass da Gollum hinter steckt
Die Exposition im rekonstruierten New York des Jahres 1933 zeigt, wie
geschliffen und detailverliebt heutige Animatorenteams für ein derartiges
Period-Picture arbeiten können: Die Gebäude wurden in historischer Akkuratesse
nachempfunden und das Gefühl der Großen Depression jener Tage schleicht
plastisch durch die exzellenten Aufnahmen. So weit das Auge reicht, so tief die
Kamera schwenkt, wird dem Zuschauer ein nuanciertes Meer aus urbanen
Impressionen offenbart, in dem sich unsere Protagonisten langsam
zusammenfinden. „King Kong“ lässt sich bald mehr als 70 Minuten Zeit, bis er
auf der mystischen Insel Skull Island ankommt, positioniert reichhaltige
visuelle Metaphern in das Geschehen und kennt dann, wenn die Schiffscrew und
das Filmteam auf der Insel angekommen, kein Halten mehr: Im Stakkato nämlich
lässt Peter Jackson megalomanische Action-Szenen auf den Zuschauer einprasseln,
konfrontiert ihn erst mit dem Ritual der hiesigen Eingeborenen, bei dessen
Anblick man sich klammheimlich ersehnt, Jackson würde doch mal eine echte
Kannibalen-Replik inszenieren, um dann den unwirtlichen Dschungel unsicher zu machen.
Diese vier waren echt vom Hobbit enttäuscht
Riesige Mammutbäume werden aus dem Boden gestampft, Wasserfälle brechen aus den
Geröllwänden, Sümpfe erstrecken sich durch den ganzen Urwald und opulente
Gesteinsbrücken wie Felsspalten verknüpfen mehrere tropische Zonen ineinander,
die den Zuschauer in ihrer Anmut durchweg entzücken. Irgendwo und immer
mittendrin befinden sich nicht nur Ann Darrow (Naomi Watts, „Tage am Strand“),
die dem Riesengorilla zeremoniell geopfert wird, oder Carl Denham (Jack Black,
„School of Rock“), Jack Driscoll (Adrien Brody, „Der Pianist“), Jamie Bell
(„Nymphomaniac“) und Bruce Baxter (Kyle Chandler, „The Wolf of Wall Street“),
die die blonde Dame aus den Fängen des augenscheinlichen Ungeheuers zu retten
versuchen. Auch allerhand prähistorische Monster bekommen ihren großen
Auftritt: Dinosaurier tummeln sich hier wie im „Jurassic Park“, mutierte
Insekten schlängeln sich durch die Baumstämme, während hier und da noch
seltsameres Fischgetier unter Wasser Jagd auf die Menschen macht. Da kommt es
dann auch mal zu einer Saurierlawine – Hauptdarsteller: Der Diplodocus – und
fertig ist der eskapistische Rausch in Reinform.
Das Drehbuch von „King Kong“ aber macht den Fehler, den Zuschauer in dieser –
einzig auf die Dramaturgie, nicht auf die Visualisierung bezogen - leider auch
sehr absehbaren Gigantomanie schnell zu übersättigen. Wenn King Kong, der
einsame acht Meter große Gorilla, dessen letzter Artgenosse den Eingang seiner
Höhle mit seinem überdimensionalen Skelett ziert, inmitten verhangener Lianen
in luftiger Höhe gegen gleich drei Dinosaurier kämpft, während er gleichzeitig
Ann Darrow durch die Gegend jongliert, dann ist das schon etwas zu viel des
Guten, wenngleich derlei Bilder das Kind in einem zum Staunen bringen werden.
Wenn wir dann wieder im verschneiten New York angelangt sind, die Mythologie um
Skull Island erschöpft ist und die Ruinen einer primitiven Zivilisation
unbehandelt im Nirgendwo belassen werden, kommt es zur dramatischen wie
ikonischen Klimax: Der Affe besteigt das Empire State Building, die Schönheit
der blonden Frau wird sein Verhängnis. „King Kong“ entzieht sich jedweder
Rationalität, das ist immer wieder wichtig zu betonen, geht es doch durchweg um
Emotionen. In diesem „King Kong“, einer respektvollen Hommage, allerdings sind
es besonders Peter Jacksons Emotionen, die nahezu überschwappen.
Fakten: The Wolf of Wall Street
USA. 2013. Regie: Martin Scorsese. Buch: Terence Winter, Jordan Belfort (Vorlage).
Mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Kyle Chandler, Margot Robbie, Jon Bernthal,
Matthew McConaughey, Rob Reiner, Christine Ebersole, Ethan Suplee, Jean
Dujardin, Kenneth Choi, Jon Favreau, P.J. Byrne, Shea Whigham, Spike Jonze,
Joanna Lumley, Aya Cash, Jake Hoffman, Edward Herrmann, Mackenzie Meehan, Barry
Rothbart, Brian Sacca u.a. Länge: 179 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.Ab 30. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Nach wahren Begebenheiten: Börsenmakler Jordan Belfort ist jung, voller
Tatendrang und Mitte der 1980er Jahre, kurz vor seinem Einstieg ins Big
Business eigentlich schon wieder weg vom Fenster. Der Black Monday, der große
Börsencrash von 1987, macht ihn arbeitslos, doch davon lässt sich Belfort nicht
abschrecken. Mit Hilfe seines Verkaufstalents, ungehemmten Eifer und illegalen
Geschäften gelingt ihm der Aufstieg an die Spitze.
Meinung: „The
Wolf of Wall Street“ ist ein extrem zweischneidiges Schwert, zum Teil
messerscharf und stumpf zugleich. Das hinterlässt einen merkwürdigen
Beigeschmack. Drei Stunden können eine gefühlte Ewigkeit sein, doch wenn ein
Regisseur sie nie als solche erscheinen lassen kann, dann Martin Scorsese. Es
ist definitiv nicht Unterhaltungswert, an dem es seinem neuesten Werk mangelt.
Eine Rekapitulation der Jahre der Gier, der Maßlosigkeit, vorgetragen als
Real-Satire, als obszöne Groteske, die erschütternder Weise wohl nicht zu sehr
die Fakten ad absurdum führt. Dekadenter Wahnsinn skrupelloser Anzug-Banditen
in einer Seifenblase aus Nutten, Koks und Dollarscheinen.
"Ich bin Arschloch und ihr findet mich toll. Geil, oder?"
Scorseses neue/alte Allzweckwaffe Leonardo DiCaprio spielt entfesselt drauflos,
energiegeladen und im angepassten Over-The-Top-Modus. In dem wohl ergiebigsten
Film-Jahr seiner Karriere trägt er das Werk mühelos und zeigt hier ein
ungewohnt komisches Talent. Ähnlich Scorsese, der lediglich bei „The King of Comedy“ und „Die Zeit nach Mitternacht“ sich diesem Gebiet annäherte. Eine
Komödie ist „The Wolf of Wall Street“ letztendlich nicht, aber dicht dran. Er
gibt dem (fast) ganz realen Irrsinn eine Bühne und übt offen Kritik an einer
perversen Maschinerie, die vor einigen Jahren (mal wieder) in sich zusammenfiel
und dennoch wieder aufersteht. Jedoch nicht mit klar erhobenen Zeigefinger. Er
lässt das Szenario und seine Figuren für sich sprechen, ohne sie zwingend
dämonisieren zu müssen. Das kann zu unangebrachten Sympathien führen, doch Scorsese
überlässt es dem Zuschauer, das Gesamtbild zu bewerten. Das reicht auch
vollkommen, viel zu klar sind die Rollen verteilt. Die Opfer werden nicht
thematisiert, die Resultate dürften eh bekannt sein. Quasi konsequent aus
„Täter-Perspektive“ präsentiert. Woran krankt es denn nun? Scorsese versteht
sein Handwerk nach wie vor. Er entwickelt sich im hohen Alter logischerweise
nicht weiter (von Stagnation zu sprechen wäre nicht angebracht), wohin auch?
Von der rein technischen Inszenierung ist das gewohnt gekonnt, erzählerisch
vergleichbar mit seinem Mafia-Epen „GoodFellas“ und „Casino“.
Belfort und sein Mentor reden über Geld und Onanie
Speziell zum Erstgenannten bestehen starke Parallelen, was sich leider als
deutliche Schwäche herausstellt. Klar, auch die beiden „Vorbilder“ waren sich
sehr ähnlich, entfalten dabei jedoch ihre individuellen Reize und hatten so
viel dramatisch-wuchtige Sprengkraft, dass sie insgesamt jeder für sich ihre
Klasse untermauerten. Das fehlt dem Schaf im Wolfspelz. Der Ablauf von
„GoodFellas“ und „The Wolf of Wall Street“ ist fast identisch, natürlich auf
eine andere Bühne projiziert. Aufstieg und Fall eines Durchstarters, der Traum
von Geld und Drogen endet jäh und auf dem Weg dahin bietet dieser Film
keinerlei Neuerungen. Fast fühlt man sich wie in einem Remake, selbst in Details.
Scorsese kopiert sich selbst, erschafft dabei leider keine neuen Höhepunkte.
Seinem Werk fehlt es bei all dem Spaß an Tiefe, an Individualität, bezogen auf
das Skript. Am Ende wirkt es fast etwas banal, kann dies jedoch lange gut
kaschieren. Dazu tragen neben dem bereits erwähnten DiCaprio die Darsteller
ihren Teil bei, wenn auch nur zwei Namen noch zwingend erwähnt werden sollte.
Matthew McConaughey in der Form seines Lebens (leider nur kurz dabei) und Jonah
Hill, dem so eine Leistung nicht unbedingt zuzutrauen war. Der Rest bleibt eher
im Hintergrund und erfüllt seinen Job, ohne besonders in irgendeine Richtung
aufzufallen.
Des Weiteren punktet „The Wolf of Wall Street“ natürlich durch seinen galligen
Humor, droht dabei jedoch manchmal leicht zu nerven. Die Überstrapazierung des
F-Wortes und ähnlicher Kraftausdrücke dient natürlich als Mittel der
Überspitzung, erfüllt einen nützlichen Zweck, schützt trotzdem nicht vor
Abnutzungserscheinungen. Weniger ist manchmal mehr und an einigen Stellen hätte
dem Wolf das sehr gut getan. Um wieder auf das einleitend angesprochene Problem
einzugehen: „The Wolf of Wall Street“ ist hervorragend gespieltes, schön
inszeniertes Unterhaltungskino, das allerdings nicht die Erwartungshaltung und
Qualität erfüllen kann, die bei Scorsese durch seine extrem beständige Form
schlicht vorausgesetzt wird. Macht Spaß und enttäuscht. Dennoch gut, mit
deutlichen Abstrichen.
Fakten: The Wolf of Wall Street
USA. 2013. Regie: Martin
Scorsese. Buch: Terence Winter, Jordan Belfort (Vorlage). Mit: Leonardo
DiCaprio, Jonah Hill, Kyle Chandler, Margot Robbie, Jon Bernthal, Matthew
McConaughey, Rob Reiner, Christine Ebersole, Ethan Suplee, Jean Dujardin,
Kenneth Choi, Jon Favreau, P.J. Byrne, Shea Whigham, Spike Jonze, Joanna
Lumley, Aya Cash, Jake Hoffman, Edward Herrmann, Mackenzie Meehan, Barry
Rothbart, Brian Sacca u.a. Länge: 179 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 30. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Nach wahren Begebenheiten: Börsenmakler Jordan Belfort ist jung, voller
Tatendrang und Mitte der 1980er Jahre, kurz vor seinem Einstieg ins Big
Business eigentlich schon wieder weg vom Fenster. Der Black Monday, der große
Börsencrash von 1987, macht ihn arbeitslos, doch davon lässt sich Belfort nicht
abschrecken. Mit Hilfe seines Verkaufstalents, ungehemmten Eifer und illegalen
Geschäften gelingt ihm der Aufstieg an die Spitze.
Meinung: „Gier ist gut“. Das
wusste Gordon Gecko (Michael Douglas) in Oliver Stones Kapitalismuskritik "Wall Street" von 1987 zu
berichten. Jordan Belfort, ein Ex-Börsenmarkler, auf dessen Memoiren „The Wolf
of Wall Street“ beruht, hat dieses Mantra noch weiter verfeinert. Seine Devise
lautet „Reich ist perfekt“ und Regie-Altmeister Martin Scorsese bringt diese Wörter
nun als dreistündigen Dauerrausch auf die Leinwand. Das Ergebnis ist purer
Exzess. Da wird aus Hurenhintern gekokst, mit Zwergen geworfen und
Einhundertdollarscheine landen zerknüllt im Papierkorb. Drehbuchautor Terence
Winter (der zusammen mit Scorsese die Prohibitionserie „Boardwalk Empire“ ins
amerikanische Fernsehn breachte) machte aus Belforts Buch, welches in einem
klassischen Rise &Fall-Gerüst steckt, ein primär nicht an Kritik und
Substanz interessiertes Script. Immerhin weiß Scorsese wie er diese Mankos mit
viel inszenatorischem Zuckerguss kaschieren kann. Doch bei 179 Minuten Film
bleibt es nicht aus, dass dieses hübsche Kartenhaus irgendwann in sich zusammen
fällt. Fast schon so wie ein Börsencrash.
Belfort weiß sich in Szene zu setzen
Sagt man „The Wolf of Wall Street“ muss man zwangsläufig auch Leonardo
DiCaprio sagen. Nach Calvin Candie („Django Unchained“) und Jay Gatsby („Der große Gatsby“) performt er nun die dritte Kapitalistenrolle in Folge. Auch
hier schöpft DiCaprio aus den Vollen, spielt kraftvoll und überzeugend. Es
gelingt ihm sogar das, was bereits Michael Douglas in „Wall Street“ gelang: es
stellt sich eine Faszination ein. Das geldgeile Ekel Belfort wird zum Sympathieträger.
Eine durchaus große Leistung, wie es auf dem ersten Blick scheint, doch dies
wird durch Heuchelei erschwindelt. Denn „The Wolf of Wall Street“ ist in allem
sehr zeigefreudig und redselige, nur die Opfer des Börsenbetrügers kommen nie
zu Wort und sind auch nie zu sehen. Sie bleiben unsichtbar. Das Wort „Opfer“
fällt erst gegen Ende, ganz beiläufig und ohne wirkliche Resonanz. Zugegeben,
diese Mentalität passt schon zum Rest des Films, der auf political correctness pfeift und einen Verbrecher feiert als wäre
es ein Rockstar. Aber wo bleibt dabei die Substanz? Die Kapitalismuskritik
kommt erst gegen Ende aus ihrem dunklen Verschlag herausgekrochen. Es wirkt
fast wie eine Art Kür, die mit großem Zwang aber ohne sonderliche
Aufrichtigkeit herausgepresst wird. Dabei hätte Scorsese und Winter durchaus
Optionen gehabt aus Belfort und seinen Machenschaften mehr herauszuholen als
eine langgezogene Ansammlung von Orgien, Designermöbeln und Geschäftsvorträgen.
Ehefrau Naomi hält ihren Jordan auf Abstand
„The Wolf of Wall Street“ besitzt ihn nämlich, einen Konterpart zu Jordan
Belfort. Der FBI-Ermittler Patrick Denham (Kyle Chandler, „Super 8“, „Argo“) versucht dem Yuppie das Handwerk zu legen, nur dauert es zum einen zu
lange bis dieser Denham sich zeigt und wenn er endlich in der Handlung
positioniert wurde, scheint ihnen Winter und Scorsese einfach vergessen zu
haben. Aber mal ehrlich, wer will einen Spielverderber schon auf einer Party
haben? Denn „The Wolf of Wall Street“ ist eine einziges großes Fest. Champagner,
Hummer, Kaviar, Callgirls und vor allem Drogen. Belfort ist ein Junkie: Koks, Tabletten
und Dollar sind seine Stoffe und dieses Leben macht, allenEinwänden zum trotz, Spaß. Das Ganze erinnert
schon ein wenig an Danny Boyles Heroingroteske „Trainspotting – Neue Helden“.
Auch hier wurde zunächst darauf verzichtet, die Moral einzufordern. Die Lebensfreude
regiert. Doch wo Boyle mit Hilfe des Ekels und sozialer Tristesse schon von
Beginn an die Schattenseiten offenbarte und diese ewig drohend über allem
schwebte, steht „The Wolf of Wall Street“ eher arrogant und blind der brutalen
Wahrheit gegenüber. Und genau das macht auch durchaus Freude, zumindest beim ersten Mal, aber „The Wolf of Wall Street“ suhlt sich so elendig repetitiv
darin sich einfach nur diversen Maßlosigkeiten hinzugeben, dass am Ende nicht mehr übrig
bleibt als ein großer Kater.
DiCaprio präsentiert den wahren Hauptdarsteller des Films
Letztlich ist es aber die schiere Länge, die „The Wolf of Wall Street“ dazu
bringt, zu scheitern. Drei Stunden ist einfach zu viel. Scorsese und Winter
füllen diese Zeit mit Szenen und Dialogen die durchaus einen Sinn haben und
auch einen Zweck erfüllen, aber es findet keinerlei Entwicklung statt. Es wird
viel gespielt mit Off-Kommentaren, Musikuntermalung und Montagen, aber es
bleibt eine hübsche Hülle, die nach und nach das große Fast-Nichts, was sich
dahinter verbirgt, nicht mehr wirklich verschleiern kann. Gewiss besitzt „The
Wolf of Wall Street“ durchaus auch eine Aussage. Wenn Belfort vom Forbes
Magazin kritisiert wird, es ihn als twisted
Robin Hood bezeichnet, ganz öffentlich sein Geschäftskonzept verteufelt und
diese harsche wie richtige und gute Kritik sich aber am Ende als beste Art der
Werbung erweist, dann hält „The Wolf of Wall Street“ der Fratze des
Kapitalismus den Spiegel vor. Eine Fratze, die sich nicht nur bei jungen
Finanzjongleuren findet, sondern auch bei Herr und Frau Jedermann (was auch das Ende
des Films offenbart). Ja, alles gute Einzelheiten, aber sie gehen einfach im
wüsten Rausch unter.
Es gibt gewiss viele Gründe „The Wolf of Wall Street“ zu lobpreisen. Der Film
haut einem seine Stärke immer wieder und mit voller Kraft und Geschwindigkeit
um die Ohren. Dabei kümmert er sich einen Dreck um Etikette, was durchaus
erfrischend ist, doch dies beinhaltet eben auch, dass er fast schon mephistophelisch
grinsend die Wahrheit so verkauft und beinah schon verdreht, dass ein ungutes
Gefühl zurück bleibt, zumindest dann, wenn es durch die andauernden Party- und
Drogenszenen nicht betäubt wurde. Am Ende, und das ist durchaus auch eine
Leistung, gelingt es „The Wolf of Wall Street“ ein Scheusal als gefallenen
Helden darzustellen, als Symbol des Kapitals. Mag sein das Martin Scorsese irgendwo
dazwischen noch andere, differenziertere und kritischere Zwischentöne versteckt
hat. Die sind aber wahrscheinlich längst vom ganzen Koks high und so bleibt
hier nur ein Fazit übrig: dieser Wolf heult wild und laut, nur beißen tut
er nicht. Von Gordon Gecko könnte dieser Belfort noch was lernen.