Posts mit dem Label Thomas Kretschmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thomas Kretschmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: DAS STENDHAL SYNDROM - Alfred meets Argento

Keine Kommentare:
https://supermarcey.files.wordpress.com/2014/08/malleus-the-stendhal-syndrome.jpg

Fakten:
Das Stendhal Syndrom (La sindrome de Stendhal)
IT, 1996. Regie: Dario Argento. Buch: Dario Argento, Franco Ferrini, Graziella Magherini (Vorlage). Mit: Asia Argento, Thomas Kretschmann, Marco Leonardi, Luigi Diberti, Paolo Bonacelli, Julien Lambroschini, John Quentin, Franco Diogene u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Während des Besuches einer Kunstgalerie in Florenz fällt Anna durch die Eindrücke der Gemälde in einen Trancezustand. Von einer kurzzeitigen Amnesie befallen geleitet sie ein Fremder zu ihrem Hotel. Dort wird sie sich erst bewusst, dass sie eine Polizistin ist, die auf der Spur eines Serienvergewaltiger- und Mörders ist. Genau dieser taucht nun in ihrem Zimmer auf…

     
                                                                                          
Meinung:
„Du musst mir helfen ihn los zu werden!“

Das Schaffen des Dario Argento lässt sich grob in zwei Kapitel einteilen: Von seinem Regiedebüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (1970) bis „Terror in der Oper“ (1987) gab es keine (international veröffentlichte) Aussetzer, danach wenig Brauchbares. Sein erster Spielfilm der 90er, „Trauma“, wurde dem deutschen Titel sehr gerecht. Bei „Das Stendhal Syndrom“ bewegt sich Argento schon wieder einen deutlichen Schritt in die richtige Richtung, was leider kein Dauerzustand bleiben sollte. Während sich Argento bereits bei „Trauma“ grundsätzlich von dem erprobten Gerüst des Giallo und Horrorfilms ansatzweise entfernte, an dem Übergang hin zum surrealen Psychothriller aber gnadenlos scheiterte, gelingt ihm dieser Spagat nun deutlich besser, um Längen. Wenn man grobmotorische Schnitzer und einige unglückliche Details komplett ausklammert, „Das Stendhal Syndrom“ passt fast nahtlos in seine Episode 1.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEhzxEw0EBfTeqJZQPmQkG2GNwx2Fv4KsMLb-6xbSOtwBRnWQxJczQsZfOwTjXcIrILNpjsSLcBFLHpprcQCqiyog9EdHYlCaIzX2-hQZYxwLGuHyshB010wchAQVez-tWQf2cG_9udTzNc/s1600/ss1.png
Hilfe, der Busen blutet...
Das wesentliche Problem des Films: Er braucht zu lange um auf den (wichtigen) Punkt zu kommen bzw. füllt die Zeit mit schwächelnden Details, was das fesselnde Finale nicht gänzlich aufheben kann. Argento lässt sich sicher auch zu früh in die Karten gucken, da besteht der klare Unterschied zu Alfred Hitchcock, den er hier überdeutlich (im prägenden Moment dafür gekonnt) zitiert. Der Meister verstand es entweder auf ein perfektes Finale hinzusteuern oder den Weg bis dahin entsprechend zu schmücken. Argento ist abseits seiner atmosphärischen Klasse eher ein Grobmotoriker, was hinlänglich bekannt sein dürfte, verglichen mit seinen sonstigen Ausflügen aus dem albtraumhaften, selbsterschaffenen Mikrokosmos ist „Das Stendhal Syndrom“ nur knapp an der Reifeprüfung gescheitert. Die kleinen, feinen Unterschiede sind es, die eine allgemein prickelnde Hommage an den dicken Engländer, dessen Ziehsohn De Palma und sich selbst nicht ganz kurz, nur insgesamt auf der Zielgeraden schwächeln lassen. Im Schlussspurt dreht „Das Stendhal Syndrom“ deutlich auf, zwischendurch werden Meter verschenkt.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEg8yY7Nh2yPOv0VgxRvmv6xhhGDYhBF41I4YGRXBnm8kUybzPUFSDv1qXG1q82i7T8NM5UNCtpu1UwFXpXiwAnJQ7XFG5myVc5VQulGn0Y3vnrjdUEkVPUTbNSpVcD1seLfdYbX9j5TMlk/s1600/vlcsnap-2012-10-23-23h21m19s60.png
Kretsche geht ein Licht auf...
Der Beginn – in einer Kunstgalerie – lässt Erinnerungen an „Dressed to Kill“ zu, der selbst auf Werken von Hitchcock aufbaute. Es ist nur an kurzer Anflug auf De Palma und ob das tatsächlich so geplant war, lässt sich nur vermuten. Denn eigentlich orientiert sich Argento an Hitchcock’s „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, aber wenn das eine Doppel-Hommage sein sollte, Hut ab. Prinzipiell würfelt Dario zwischen mutig, experimentell, waghalsig und (mal mehr, mal weniger) gekonnt sämtliche Einflüsse der Buchvorlage, seines eigenes Schaffens und dem der Kollegen durcheinander, dementsprechend lässt sich „Das Stendhal Syndrom“ zunächst schwer genau lokalisieren. Das Bilderrätsel als Leitmotiv war schon bei dem eigenem Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ wie seinem Giallo-Prunkstück „Profondo Rosso – Die Farbe des Todes“ Dreh- und Angelpunkt, hier dienen die Gemälde als Brecheisen zu den vernagelten Toren von Erinnerung, Verdrängung und Unterbewusstsein. Teilweise an erst merkwürdige Bruchstücke gekoppelt ergibt sich nach und nach ein durchaus spannend gestaltetes Bild einer schizoiden Persönlichkeit, was eine Art Umkehrung dem von „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ nahekommt. Hier aus rein weiblicher und direkter Perspektive präsentiert, angereichert mit einem Querschnitt durch die Genres. Von Serienkillerfilm im Stil von „Manhunter“ (Thomas „Razorblade“ Kretschmann schwankt in seiner Darstellung unberechenbar zwischen überkandidelter Witzfigur zu perversem Schreckgespenst  à la Francis Dolarhyde), zu radikalem Rape & Revenge, minimal-stilistischen Giallo-Zutaten bis hin zu besagter, inhaltlich anvisierten Huldigung.


„Das Stendhal Syndrom“ ist lange Zeit eher ein interessanter, mitunter holperiger Mischmasch, den man kaum einordnen kann und will, bis er etwas zu früh seine Intention offenbart. Die ist allerdings nicht dumm, nur zu wenig fundiert wie fokussiert. An Hitchcock-Niveau gescheitert, als Versuch und durchaus interessierter Variable aller Ehren wert, genau durch seine manchmal krude, nicht unbedingt logische, aber immer reizvolle, spannende Variation mit harter und sexueller (Identität spielender) Note. Selbst Töchterlein Daria Argento kann halbwegs überzeugen, wenn das mal nichts ist. Die zwischen unerprobt und albern einzustufenden CGI-Einlagen hätte man sich aber lieber erspart, visuell gewinnt der Film keine Preise. Schade, denn wenn sich Kunst und Realität verschmelzen, hat auch dieses Werk seine Momente, da stören die angestaubten Effekte keinesfalls. „Das Stendhal Syndrom“ würde in der ersten Ära Argento nur eine kleinere Rolle spielen, in der Pre-OPERA-Phase aber ein deutlicher Lichtblick. Wenn die gesamten 2 Stunden so rund laufen würden wie der Endspurt  - oder das Ganze auf eine kompaktere, effektivere Version getrimmt -, eventuell ein Argento auf Augenhöhe. So knapp drunter aufgrund sichtlicher Macken, der Rest kann sich mehr als oft behauptet.

6,5 von 10 blutenden Lippen.

Review: DIE BARTHOLOMÄUSNACHT - Liebe, Tod und ganz viel Pathos

Keine Kommentare:


Fakten:
Die Bartholomäusnacht (La reine Margot)
FR, IT, BRD, 1994. Regie: Patrice Chéreau. Buch: Danièle Thompson, Patrice Chéreau, Alexandre Dumas (Vorlage). Mit: Isabelle Adjani, Daniel Auteuil, Jean-Hugues Anglade, Vincent Perez, Virna Lisi, Dominique Blanc, Pascal Greggory, Claudio Amendola, Miguel Bosé, Asia Argento, Thomas Kretschmann, Julien Rassam, Jean-Claude Brialy u.a. Länge: 138/164 Minuten (Kinofassung/ungekürzte Fassung). FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Frankreich, 1572: In ganz Europa tobt ein Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten. Um die Lage zu entschärfen arrangiert Catherine de Médicis, die Mutter des labilen Königs Charles IX, eine Hochzeit zwischen ihrer Tochter Margot und ihrem protestantischen Vetter Henri de Navarre. Die Zwangsehe hat das Gegenteil zur Folge: Noch in der nächsten Nacht kommt es zur Eskalation, die Königsfamilie schlachtet die Anhänger von Henri ab und zwingt ihn zur Konvertierung. Dem Massaker entkommt La Môle, dank dem Schutz von Marguerite. Er flieht nach Amsterdam und plant mit seinen Verbündeten die Befreiung von Henri. Und von Marguerite, seiner heimlichen Geliebten.

                                                                                


Meinung:
„Deine Untertanen sind Tote bedeckt mit Erde oder Lebende bedeckt mit Schande!“

Nach dem Roman von Alexandre Dumas („Die drei Musketiere“) entstand 1994 dieses internationale Mammutprojekt, das seine Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes feierte und mit rund 27 Millionen Euro (umgerechnet) selbst für heutige Verhältnisse ein ungewöhnlich aufwändiges Projekt darstellt, gemessen am sonstigen Budgetrahmen in Europa. Starbesetzt zudem, u.a. mit Isabelle Adjani, Daniel Auteuil, Jean-Hugues Anglade, Vincent Perez, Virna Lisi und Argento´s Dracula-Duo des Grauens, Thomas Kretschmann & Asia Argento, beide hier allerdings mit ansprechenden Leistungen, was bei Asia schon einen Meilenstein darstellt. 


Ehe ist...manchmal ungünstig konzipiert.
Die Verfilmung stützt sich in seinem Rahmen auf historische Tatsachen, die titelgebende Bartholomäusnacht, die groben Fakten sowie die beteiligten Personen gab es wirklich, für den dramatischen Effekt wurde selbstverständlich reichlich dazu gedichtet, was völlig okay ist. Wer jetzt meint, das unglaubliche Massaker jener Nacht - das die Straßen von Paris in ein Massengrab verwandelte -  würde als Höhepunkt des Films herhalten, der irrt. Nach dem Abschlachten von tausenden Protestanten durch die Hand der Königsfamilie warten fast noch zwei Stunden auf den Zuschauer, zumindest in der ungekürzten Fassung. Dieses martialische Blutbad bildet nur ein Zwischenhoch des Films, der sich von Beginn an prunkvoll und detailliert präsentiert, den Einstieg für Nichtkenner der literarischen Vorlage oder der realen Begebenheiten dabei eher schwierig bzw. fordernd gestaltet. Texteinblendungen bieten die dringend benötigten Backupinfos, dazu wird man mit zahlreichen Figuren und Namen bombardiert, die man erstmal unter einen Hut und deren jeweiligen Beziehungen zueinander bekommen muss. Letztlich rücken jedoch die entscheidenden Personen in den Fokus, wie die (im Original) titelgebende Margot, gespielt von Isabelle Adjani,  eigentlich deutlich zu alt für die Rolle mit knapp 40 Jahren. Dafür ist sie von ihren Anlagen perfekt für den Part, denn wenn etwas bei „Die Bartholomäusnacht“ negativ heraussticht, dann der Hang zu deutlichen Theatralik.


Geschichte wird mit Blut geschrieben.
Adjani in ihrem Element: Augen auf und los. Nicht falsch verstehen, das kann sie toll und wenn es der Rahmen eines Films erfordert, ist sie erste Wahl. „Die Bartholomäusnacht“ gibt sich dem großen Drama und den überkochenden Emotionen hin, unterlegt von sakralen Chören, um auch bloß jede Tragweite dieser großen Tragödie nicht untergehen zu lassen. Damit wird so dick aufgetragen, irgendwann ist auch mal gut. Sicher auch der Vorlage von Alexandre Dumas geschuldet, der Film will dessen Geist sicher möglichst korrekt wiedergeben und die Geschichte bietet natürlich reichlich an Seifenoper-Potenzial, dabei dargeboten auf hohem Niveau. Wie „Game of Thrones“, wenn man mal ehrlich ist. Da wird gelitten, getötet, geschmachtet und geliebt, werden Intrigen und Verschwörungen gesponnen, Zwangsehen zu Zweckgemeinschaften; zu Bündnissen; zu Affären; zu Konfliktpotenzial. Der Film gibt in seiner emotionalen Bandbreite alles und in den rund 160 Minuten (Kritik bezogen auf die Langfassung) passiert eigentlich dauernd etwas, nur ganz frei von narrativen Längen ist er trotzdem nicht. Es zieht sich ab und an, die emotionale Dauerbeschallung wird mitunter arg überstrapaziert, aber wenn der Film mitnimmt, dann macht er das sehr richtig. Man möge sich diesen Stoff mal nur als Hollywood-Variante vorstellen. Er wäre wahrscheinlich noch opulenter vorgetragen, dabei ohne die Authentizität, den ganzen Schmutz, Dreck und besonders die wenig verschönenden Darstellungen von sexuellen Ausschweifungen, bei der es von der harmlosen Entblößung weiblicher Geschlechtsmerkmale bis zu der brisanten (aber historisch korrekten) Thematisierung von selbstverständlichem Inzest in der „High-Society“ dieser Zeit.


Dazu kommen mitunter packende Szenen. Die Nacht der tausend Leichen ist schon mitreißend, schonungslos vorgetragen, besonders überzeugen aber die exzellenten Darsteller. Neben Adjani sind es Virna Lisi in der Rolle des manipulativen Muttertiers, die angeblich den Frieden herbeistrebt, dafür pausenlos das Unheil anzettelt und Jean-Hugues Anglade, der als labiles Nervenbündel von einem theoretisch entmachteten Königs eine Glanzleistung liefert, in der er buchstäblich Blut schwitzt. Zugegeben, der Film macht es einem nicht immer ganz leicht, strengt manchmal eher unnötig an, ist in seiner Opulenz und Hingabe dafür beeindruckend und als europäischer Gegenentwurf zum Big-Budget-Kino aus den USA mehr als nur ein Versuch. Nicht perfekt, aber bemerkenswert. 

6,5 von 10 klebrigen Buchseiten

Review: OPEN GRAVE - Ohne Erinnerung raus aus dem Massengrab

Keine Kommentare:


Fakten:
Open Grave
USA. 2013. Regie: Gonzalo López-Gallago. Buch: Eddie Borey, Chris Borey. Mit: Sharlto Copley, Erin Richards, Thomas Kretschmann, Joseph Morgan, Josie Ho, Éva Botos, Tofi Seffer, Zsuzsanna Szabados, Max Wrottesley u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 26. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ohne Erinnerung erwacht John in einer Gruber voller Leichen. Frisch aus der Grube befreit, nimmt er Kurs auf das nächste Haus und hofft dort Antworten zu finden. Dort stößt er auf eine Gruppe von Menschen, die wie er auch das Gedächtnis verloren haben. Gemeinsam versuchen sie ihre Erinnerung zurück zugewinnen.





Meinung:
Es sind keine Wirbelstürme an Kreativität, die Gonzalo Lopez-Gallego auf das mehr oder weniger cinephile Publikum eindreschen lässt. Der Spanien beherrscht es hingegen, in seinen Filmen mit einer schroffen, partiell gar naturalistischen Atmosphäre aufzuwarten, die den handelsüblichen Genre-Kolportagen, wie sie den internationalen Markt allmonatlich heimsuchen, dahingehend einen groß Schritt voraus sind. Da wäre beispielsweise der brüske Thriller „King of the Hill“ von 2007, in dem sich ein Mann irgendwo in einem verworrenen Waldgebiet plötzlich im Fadenkreuz eines augenscheinlich Wahnsinnigen wiederfindet. Eigentlich ein Film, der maximal für den hohlen Zahn taugt, seine atmosphärische Suggestion, die ganz auf ein realitätsnahes Klima setzt, aber veredelt das B-Movie nachhaltig. Sein vier Jahre später erschienener Sci-Fi-Horror „Apollo 18“ untermauerte dann noch einmal, dass Lopez-Gallego wirklich immenses Talent darin aufweist, eine ergreifende Stimmung heraufzubeschwören, fiel im Kanon der Kritiken dann aber allerdings durch seine erzählerischen Mängel durch. Nun dürfen wir auch in Deutschland in den Genuss von „Open Grave“ kommen.


Ist es vielleicht doch besser alleine zu sein?
Ein Werk, das den künstlerischen Werdegang von Lopez-Gallego vielleicht in eine etwas deutlichere Richtung lenken wird und dadurch das Interesse von wirklich großen Produktionsfirmen auf sich ziehen könnte. Mit „Open Grave hat Lopez-Gallego jedenfalls nach „King of the Hill“ mal wieder bestätigt, dass man bei ihm nicht nur auf Feeling bauen kann, sondern auch eine spannende Geschichte zu erwarten hat, denn „Open Grave“ ist ein wirklich überraschend sehenswerter Genre-Hybrid und steht über dem Standard hiesiger Direct-to-DVD-Auswürfe. „Open Grave“ verlässt sich zu Anfang noch auf eine Prämisse, die weit weg von einem ganz und gar originären Habitus verweilt, in adäquater Handhabung aber mitreißendes Kino versprechen könnte: Ein Mann (Sharlto Copley, „District 9“) wacht inmitten eines rigoros gestapelten Leichenhaufens auf, seine Knochen knacken bei jeder Bewegung gar fürchterlich und während am nächtlichen Firmament die Blitze kreischend toben, prasselt der Regen auf den Körper auf Jonah, so sein Name, wie wir später erfahren, ein. Die Szene hat etwas von einer in Schmerzen gebündelten Reinkarnation. Die wahre Crux an der Sache: Er verfügt über keinerlei Erinnerung mehr.


Swinger Party: So geht's nicht!
Wenn man die Zügel nach dieser simplen Etablierung der Grundhandlung locker lässt, läuft man hohe Gefahr, dass der Film einer dumpfen Mindfuck-Dramaturgie auf den Leim geht und seinen Wer-bin-ich-und-was-mache-ich-eigentlich-hier-Topos in eindimensionale Raster zu pressen versucht. Natürlich erinnert „Open Grave“ zuweilen an Filme wie den mit Jim Caviezel, Greg Kinnear und Barry Pepper ziemlich solide besetzen „Unknown“ von 2006, um sein Narrativ in der letzten halben Stunde auch mal etwas stärker Danny Boyles „28 Days Later“ abtasten zu lassen, ohne dessen Qualitäten in vollem Ausmaß reproduzieren zu können. Müsste man „Open Grave“ in klare Genres klassifizieren, dann ließe sich der Film wohl als ein Mystery-Thriller mit einigen fiesen Horror-Elementen titulieren, dessen apokalyptischer Grundstimmung nicht von ungefähr kommt, wie die einfach unfassbare Endeinstellung klarstellt: Ein derart erschlagendes Bild gehört eigentlich auf die große Leinwand und wird mit Sicherheit die Kinnladen reihenweise gen Süden klappen lassen. Aber noch einmal ein Stück weit zurückgerudert: Selbstredend steht Jonah nicht allein mit den pochenden Fragezeichen im Kopf da.


Mit von der Partie ist auch zum Beispiel auch Thomas Kretschmann („Dario Argentos Dracula“), der sich, wie es sich für einen Deutschen wohl nun mal auch geziemt, vor allem knurrend und mit der durchgeladenen Schrotflinte im Anschlag durch die Szenerie schlurft. Das Positive an „Open Grave“ ist, dass es das Drehbuch von Eddie und Chris Borey tunlichst vermeidet, das fokussierte Vexierspiel über das Ziel hinausschießen zu lassen. Die Figuren sind – auch für sich selbst – erst mal bloße Chiffren und es werden dramaturgische Haken geschlagen, während unsere Protagonisten auf der Suche nach ihrer Identität sind und das Vakuum in ihren Köpfen mit Hinweisen zu füllen versuchen. Das Gelände, welches von aufgebahrten und von den Bäumen baumelnden Leichen gezeichnet ist, lässt jedenfalls nichts wirklich Gutes erahnen. „Open Grave“ versteht es, den Zuschauer in das Geschehen zu involvieren und ihm die gleichen Fragen zu offerieren , wie er sie auch den Akteuren unterbreitet. Seine wahre Essenz wird jedoch erst in den letzten Minuten in einem interessanten Zwiespalt an die Oberfläche gekehrt: Ein winziger Hoffnungsschimmer flackert wie ein Kerzenlicht und könnte im nächsten Moment für immer erlöschen. Unwohlsein regiert. Haben wir noch eine Chance?


6 von 10 Leichenberge


von souli

Review: DRACULA 3D - Ein Pflock durchs Herz der treuesten Fans

Keine Kommentare:


Fakten:
Dracula 3D
IT, ES, FR, 2012. Regie: Dario Argento. Buch: Dario Argento, Enrique Cerezo, Stefano Piani, Antonio Tentori, Bram Stoker (Vorlage). Mit: Thomas Kretschmann, Marta Gastini, Asia Argento, Rutger Hauer, Unax Ugalde, Miriam Giovanelli, Giovanni Franzoni, Maria Cristina Heller, Augusto Zucchi u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Ab dem 28. August auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
Die klassische Dracula-Geschichte: Jonathan Harker reißt geschäftlich nach Transsylvanien, um einen Vertrag mit Graf Dracula zu schließen, nichts ahnend, dass es sich bei dem Grafen um einen mächtigen Vampir handelt. Als dieser ein Bild von Harker’s Verlobten Mina entdeckt, erkennt er ein genaues Ebenbild seiner verstorbenen Geliebten. Er muss diese Frau besitzen und macht sich auf die Suche nach ihr. Viele Tote werden folgen und reichlich Blut fließen.





Meinung:
„Sich gegen mich zu stellen ist eine Dummheit.“

…sprach der Kretsche, in der Rolle seines Lebens. Na, wenn er meint. Was hier noch alles eine Dummheit ist und was davon die Größte, lässt sich gar nicht alles aufzählen oder gar in ein Ranking packen. Zumindest ist eindeutig, wer wohl am dümmsten aus der Wäsche gucken dürfte (mal abgesehen von Thomas Kretschmann und DAS ist nun echt nicht einfach): Die armen, armen Zuschauer. Selbst die, die den Werdegang des einstigen Genies Dario Argento in den letzten Jahren mit tiefer Trauer mitverfolgt haben und somit auf das Schlimmste vorbereitet sein sollten. So unglaublich das klingt, selbst das wird noch über- bzw. unterboten.


Fotogen und extrem geschmeidig: Der Kretschula.
Was auch immer mit Argento passiert ist, es scheint nicht nur unheilbar, es wird sogar immer schlimmer. Eine Aufzählung seiner großen Werke und Erläuterung derer Qualitäten muss an dieser Stelle nicht sein, damit hat seine Dracula-Vergewaltigung ohnehin überhaupt nichts mehr zu tun. So rein gar nichts. Nullkommanichts. Von seiner einstigen, inszenatorischen Finesse sind nicht mal Bruchstücke übrig geblieben. Der große Geschichtenerzähler war er eh nie, konnte das dafür mit seinen handwerklichen Fähigkeiten und der einzigartigen, kreativen Bildsprache mühelos auffangen. Davon kann in diesem speziellen Fall nicht gerade die Rede sein. Ein dreidimensionales Bauerntheater, das sich zwar erstaunlich nah an der Vorlage von Bram Stoker langhangelt, sie dennoch durch seine dilettantische Umsetzung heftig misshandelt. Theoretisch waren nur wenige der unzähligen Adaptionen – weder die Versionen von Murnau, Browning, Fisher oder Herzog, um nur die Prominenz zu nennen – „korrekter“ im Ablauf, lediglich die von Coppola. Allerdings nur theoretisch. Tatsächlich könnte eine Dracula-Verfilmung nicht schlimmer sein. Hier stimmt ja wirklich gar nichts. Fängt schon bei dem grauenhaften Set-Design an. Düster und schaurig trifft nur auf die Gesamtqualität des Films zu, nicht auf diese spärlichen Kulissen und die völlig überfrachtete Beleuchtung, die den Eindruck vermittelt, man hätte das im Hochsommer auf Mallorca gedreht. Fehlt eigentlich nur noch der Eisverkäufer und die Hütchenspieler, dann wäre das Bild rund.


Selbst die Requisiten muss man sich basteln, das trübt die Stimmung.
Sieht schon mal kacke aus, wenn das nur alles wäre. Die plan- und sinnlos ausgekotzten 3D-Effekte und die darauf zurückzuführende, künstliche Plastikoptik sind eine Zumutung, selten waren sich Argento und Asylum näher. Beim CGI schießt der Streifen dann endgültig die Fledermaus ab. Wild spritzendes Computerblut und die wohl lachhaftesten Tierdarstellungen seit „Sharknado“ lassen einen ungläubig, fassungslos und peinlich berührt nach Luft schnappen. Kretschula ist in Eulen- und Wolfsgestallt oder als Herr der Fliegen schon erbärmlich, aber das Beste kommt noch: Die Heuschrecke. Spätestens dann (natürlich schon viel früher, nur jetzt führt kein Weg mehr dran vorbei) stellt sich komplette Verwirrung ein, was denn genau Argento überhaupt vorschwebte. Es ist nicht im geringsten Maße zu erkennen. Nie und nimmer sollte das eine Trash-Veranstaltung werden, die bierselig abgefeiert wird. Das verbittet sich auch, selbst für so was nicht mal ansatzweise zu gebrauchen. Maximal Scham und Mitleid empfindet man für diesen Offenbarungseid. Als Krönung dieses Desasters blamiert sich Thomas Kretschmann mit seiner lächerlichen, lustlosen und einfach nur schrecklichen Imitation einer Dracula-Darstellung bis auf die Eckzähne. So sehr er in seiner internationalen Karriere schon ins Klo gegriffen hat, meistens konnte man das noch auf den Mangel an vernünftigen Rollen schieben. Bei so was gelten keine Entschuldigungen mehr. Zu Asia Argento muss sowieso nichts mehr gesagt werden. Außer, dass Papa Argento nun schon gar keine Hemmungen mehr hat, seine Tochter vollkommen sinnlos blank ziehen zu lassen. An alle Väter dieser Welt: Wer macht denn so was? Wie befremdlich muss das für normale Menschen am Set gewirkt haben (wenn denn welche anwesend waren, kaum zu glauben)? „Schatz, mehr Nippel.“ Oh Gott. Als wenn das alles nicht schon scheußlich genug wäre, nach 70 Minuten wird dann auch noch der bemitleidenswerte Rutger Hauer als Van Helsing vor die Kamera geschuppst. Ist ja nicht das erste Mal, dass der gute Hauer sich für so einen Schrott (gerne auch mit Vampiren) hergeben muss, diesmal scheint man ihm sogar anzusehen, wie unangenehm ihm dieser Quatsch ist. Als einzige (noch) fähige Person in dieser Produktion wird er wie die Sau durchs Minenfeld gejagt, mit einem dillirischen Argento als Sprengmeister.


Es hatte sich schon lange angedeutet, dass ist der endgültige Beweis: Dario Argento hat ganz offiziell den Verstand verloren. Andere Erklärungsansätze greifen nicht mehr. Konnte man selbst bei Gurken zumindest noch grob erkennen, was er wohl vor hatte und zumindest rudimentär mal konnte, alles vorbei. So traurig das ist und obwohl der Point-of-no-Return schon lange überschritten wurde: Dario, lass es gut sein. Dreh bitte keine Filme mehr. Nie wieder. Nochmal so was erträgt niemand mehr. Irgendwann ist sich sogar die Asia dafür zu schade. Selbst das scheint nicht mehr unmöglich.

0,5 von 10 ausgebluteten Genies

Review: KING KONG – Wenn Schönheit zum Verhängnis wird

Keine Kommentare:


Fakten:
King Kong
USA, Neuseeland. 2005. Regie: Peter Jackson.
Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson. Mit: Naomi Watts, Adrien Brody, Jack Black, Colin Hanks, Jaime Bell, Thomas Kretschmann, Andy Serkis, Kyle Chandler, Evan Parke, Lobo Chan, John Sumner, Craig Hall u.a. Länge: 180 Minuten (Kinofassung), 201 Minuten (erweitere Fassung, auf Blu-ray erhältlich). FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Filmmacher Carl will unbedingt seinen Film drehen, deswegen pfeift er auf seine Produzenten und kapert reglrecht Teile der Crew und fährt mit ihnen auf eine mysteriöse, entlegene Insel. Dort wird der Star des Films, die mittellose Aktrice Ann, von den Eingeborenen entführt und dem Riesenaffen Kong als Opfer dargeboten.





Meinung:
Wie schön muss es doch sein, den Helden seiner Kindheit nicht nur auf dem Spielplatz Tribut zollen zu dürfen, sondern auch die Möglichkeit zu bekommen, ihnen ein rechtmäßiges Plätzchen mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar auf der Kinoleinwand zu schenken. Dem neuseeländischen Fantasten Peter Jackson wurde dieses immense Privileg zu Teil und er bekam die Chance „King Kong und die weiße Frau“, seinen Lieblingsfilm aus Kindertagen, neuzuverfilmen. Natürlich hat ihm dazu auch der enorme Erfolg seiner „Der Herr der Ringe“-Trilogie verholfen, für die Peter Jackson seiner Person bereits Legendenstatus verleihen konnte. Doch die Erwartungshaltung, die nach „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ in astronomische Höhenlagen geschnellt ist, konnte sich nur negativ auf alles Kommende seitens Peter Jackson auswirken. „King Kong musste also zu einem dieser Projekte verdammt werden, die, trotz ihrer qualitativen Klasse, die Fans und Kritiker enttäuschen, einfach weil sie gezwungen sind, ihr Dasein im Schatten ihrer omnipräsenten Vorgänger zu fristen.


Süß, ein Gecko
Dabei entzieht sich der direkte Vergleich zwischen „King Kong“ und der „Herr der Ringe“-Saga eigentlich jeder Verhältnismäßigkeit, sind die Voraussetzungen und die Absichten doch ganz andere gewesen. Wie gut also ist „King Kong“, die Herzensangelegenheit, der verwirklichte Traum, nun wirklich? Peter Jackson, und das ist bei der persönlichen Verbindung, die er zur Vorlage pflegt, eigentlich nur logisch, betonte mehrfach, dass er „King Kong“ allein für sich drehen würde – Ein Schutzmechanimus, der ein bevorstehendes Echo aus Buhrufen von vornherein neutralisieren sollte? Wohl kaum. Eher die klare Ansage, dass wir es hier mit einem Film zu tun bekommen werden, der mit einer gewissen Nostalgie verstrickt und aus der kindlichen Perspektive erzählt wird: Ein Abenteuer, das für leuchtende Augen und herunterklappende Kinnladen sorgen soll, ganz im Stil der früheren Magie eines Steven Spielbergs. Aber um die Ausgangsfrage zu beantworten, wie gut „King Kong“ nun wirklich ist: Sehr gut, aber beileibe kein Meisterwerk.


Kaum zu glauben, dass da Gollum hinter steckt
Die Exposition im rekonstruierten New York des Jahres 1933 zeigt, wie geschliffen und detailverliebt heutige Animatorenteams für ein derartiges Period-Picture arbeiten können: Die Gebäude wurden in historischer Akkuratesse nachempfunden und das Gefühl der Großen Depression jener Tage schleicht plastisch durch die exzellenten Aufnahmen. So weit das Auge reicht, so tief die Kamera schwenkt, wird dem Zuschauer ein nuanciertes Meer aus urbanen Impressionen offenbart, in dem sich unsere Protagonisten langsam zusammenfinden. „King Kong“ lässt sich bald mehr als 70 Minuten Zeit, bis er auf der mystischen Insel Skull Island ankommt, positioniert reichhaltige visuelle Metaphern in das Geschehen und kennt dann, wenn die Schiffscrew und das Filmteam auf der Insel angekommen, kein Halten mehr: Im Stakkato nämlich lässt Peter Jackson megalomanische Action-Szenen auf den Zuschauer einprasseln, konfrontiert ihn erst mit dem Ritual der hiesigen Eingeborenen, bei dessen Anblick man sich klammheimlich ersehnt, Jackson würde doch mal eine echte Kannibalen-Replik inszenieren, um dann den unwirtlichen Dschungel unsicher zu machen.


Diese vier waren echt vom Hobbit enttäuscht
Riesige Mammutbäume werden aus dem Boden gestampft, Wasserfälle brechen aus den Geröllwänden, Sümpfe erstrecken sich durch den ganzen Urwald und opulente Gesteinsbrücken wie Felsspalten verknüpfen mehrere tropische Zonen ineinander, die den Zuschauer in ihrer Anmut durchweg entzücken. Irgendwo und immer mittendrin befinden sich nicht nur Ann Darrow (Naomi Watts, „Tage am Strand“), die dem Riesengorilla zeremoniell geopfert wird, oder Carl Denham (Jack Black, „School of Rock“), Jack Driscoll (Adrien Brody, „Der Pianist“), Jamie Bell („Nymphomaniac“) und Bruce Baxter (Kyle Chandler, „The Wolf of Wall Street“), die die blonde Dame aus den Fängen des augenscheinlichen Ungeheuers zu retten versuchen. Auch allerhand prähistorische Monster bekommen ihren großen Auftritt: Dinosaurier tummeln sich hier wie im „Jurassic Park“, mutierte Insekten schlängeln sich durch die Baumstämme, während hier und da noch seltsameres Fischgetier unter Wasser Jagd auf die Menschen macht. Da kommt es dann auch mal zu einer Saurierlawine – Hauptdarsteller: Der Diplodocus – und fertig ist der eskapistische Rausch in Reinform.


Das Drehbuch von „King Kong“ aber macht den Fehler, den Zuschauer in dieser – einzig auf die Dramaturgie, nicht auf die Visualisierung bezogen - leider auch sehr absehbaren Gigantomanie schnell zu übersättigen. Wenn King Kong, der einsame acht Meter große Gorilla, dessen letzter Artgenosse den Eingang seiner Höhle mit seinem überdimensionalen Skelett ziert, inmitten verhangener Lianen in luftiger Höhe gegen gleich drei Dinosaurier kämpft, während er gleichzeitig Ann Darrow durch die Gegend jongliert, dann ist das schon etwas zu viel des Guten, wenngleich derlei Bilder das Kind in einem zum Staunen bringen werden. Wenn wir dann wieder im verschneiten New York angelangt sind, die Mythologie um Skull Island erschöpft ist und die Ruinen einer primitiven Zivilisation unbehandelt im Nirgendwo belassen werden, kommt es zur dramatischen wie ikonischen Klimax: Der Affe besteigt das Empire State Building, die Schönheit der blonden Frau wird sein Verhängnis. „King Kong“ entzieht sich jedweder Rationalität, das ist immer wieder wichtig zu betonen, geht es doch durchweg um Emotionen. In diesem „King Kong“, einer respektvollen Hommage, allerdings sind es besonders Peter Jacksons Emotionen, die nahezu überschwappen.


6,5 von 10 gebrochenen Kiefern


von souli