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Review: THE GIFT - Draußen von der Straße komm ich her…

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Fakten:
The Gift
US. 2015. Buch und Regie: Joel Edgerton. Mit: Joel Edgerton, Jason Bateman, Rebecca Hall, Tim Griffin, Allison Tolman, Beau Knapp, David Denman, Busy Philipps, ua. Länge: 109 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab  13. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach dem Umzug treffen Simon und seine Frau Robyn zufällig auf Simons alten Schulkameraden Gordon. Er möchte ihnen helfen, sich einzuleben. Schnell fühlen Simon und Robyn sich bedrängt und schon bald nicht mehr sicher in den eigenen vier Wänden.

                                                                                          

Meinung:
Joel Edgerton, den man wohl am ehesten als Schauspieler aus „Warrior“ kennen mag, hat heimlich still und leise immer wieder selbst mal ein Drehbuch auf die Beine gestellt. Schon ganze vier Mal war er damit so erfolgreich, dass der Film produziert wurde. Nicht ohne Überraschung las der Verfasser dieser Zeilen, dass Edgerton auch das Drehbuch zum nicht unbekannten Film „The Rover“ mit Guy Pearce und Robert Pattinson schrieb. Das bloße Tippen schien dem Herrn mit den Knopfaugen aber nicht genug zu sein, denn mit „The Gift“ (Alternativtitel: „Weirdo“, auch ganz schön) liefert The Edge zudem sein Regie-Debüt ab. Drehbuch, Regie, Schauspiel - das heilige Triptychon, an dessen Ausführung schon viele scheitern sollten. Nicht so Mr. Joel Edgerton.


https://alasdairboswell.files.wordpress.com/2015/10/the-gift-movie-2015-joel-edgerton-gordo.jpg
Was ein netter Kerl...oder?
Es wird hier wohl vielen so gehen, dass sie Opfer falscher Erwartungen werden. Die Marketing-Kampagne war sehr darauf ausgerichtet, ein leicht übertriebenes Bild von diesem Film zu zeichnen. Das Ziel von „The Gift“ ist mitnichten das, ein Home-Invasion-Terror-Stalker-Film zu werden, der es sich - wie andere Filme des Produzenten Jason Blum wohlgemerkt („The Purge“) - zur Aufgabe macht, eine Bedrohung in die teuren vier Wände eines Ehepaares zu bringen. Die Bedrohung existiert auch hier, keine Frage, jedoch kommt nimmt sie weniger Zeit im Haus ein und frisst sich stattdessen immer weiter in das Gewissen und das Wohlgefühl des Ehepaares Simon und Robyn (Jason Bateman und Rebecca Hall) . Anstatt mit einem lauten Knall hinter geöffneten der Kühlschranktür aufzutauchen (was Edgerton nicht ohne Genugtuung unterlässt), kommt der Weirdo Gordon durch die Haustür. Weil er geklopft hat, die Pforte geöffnet und er hineingebeten wurde. Gordon tritt ein, ist (etwas zu) freundlich, (etwas zu) zuvorkommend und einfach - der Titel verrät’s - etwas zu komisch, um Entspannung mit sich zu bringen. Stattdessen bringt er die Menschen um sich (die Kinozuschauer dürfen sich gerne dazu zählen) in eine verunsicherte Anspannung, die man erst bemerkt, wenn man seine Muskeln wieder entspannt.


http://m.cdn.blog.hu/ta/talesfromtheblog/image/FILM/the-gift.png
Nicht jedes Geschenk löst gleich Begeisterung aus.
Die Vergangenheit spielt eine sehr wichtige Rolle in diesem Film. Sie ist es, die Simon ein- und überholt, die seine Zukunft zerstört, wie er Zukünfte zerstört hat und die ihn in die Knie zwingt, wie er andere in die Knie gezwungen hat, um vor ihm den Boden zu lecken. Er und seine Frau Robyn sind sich sicher - sie werden von Gordon belästigt, sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem eigenen Heim. Es vergehen keine fünf Minuten, bis der alte Schulkollege von Simon als Einbrecher und Störenfried, als kranker Stalker stigmatisiert wird - vom Zuschauer, nicht vom Film selber. Dabei vergeht nicht ein einziges Mal, dass Simon oder Robyn in einem anderen Haus sind und nicht umherschnüffelten. Jedes einzige Mal durchsuchen sie Schränke, durchwühlen Schubladen, öffnen geschlossene Türen, um zu erfahren, was sich hinter ihnen verbirgt. Es ist möglich, dass das vom Zuschauer gar nicht als Solches erkannt und eingeordnet wird, einfach, weil es zu offensichtlich ist. Oder weil die beiden ebenso (ver-)urteilen wie wir. Sie erwarten, gestalkt zu werden. Ein Knacken im Haus wird da zur tödlichen Bedrohung. Auch damit spielt der Film - mit Stigmata, mit den Vorurteilen, die wir uns aussuchen zu glauben. Die Geschwindigkeit, mit der Menschen sich ein Urteil auf Basis von Nichtigkeiten bilden, ist unglaublich schnell. Diese Urteilsfällung funktioniert hier auch in der Zeitspanne eines Fingerschnippes - Gordon muss dazu keine drei Sätze von sich geben.


Joel Edgerton hat mit „The Gift“ ein beachtliches Regie-Debüt abgeliefert. Gekonnt wiegt er den Zuschauer zunächst in den Händen, um ihn dann desinteressiert fallen zu lassen; hier geht es um was anderes. Hier geht es nicht darum, dem Zuschauer den Weg durch die Dunkelheit zu weisen. Seinen Weg muss man hier selbst finden, was nicht immer einfach ist, bei den vielen interessanten Wendungen, die der Film teils einschlägt oder zumindest angibt, einzuschlagen. Die große Stärke des Films ist die Tatsache, dass er um die Urteilssucht des Zuschauers weiß, während dieser sich dessen nicht bewusst ist und gar nicht mitbekommt, wie der Film ihm davonläuft, bis er am Ende ans Ziel zu kommen glaubt - und schon lange erwartet wird.

7 von 10 falschen Entschuldigungen

von Smooli

Review: GREEN ROOM - Nazis muss man boxen

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Fakten:
Green Room 
US. 2015. Buch und Regie: Jeremy Saulnier. Mit: Patrick Stewart, Imogen Poots, Alia Shawkat, Anton Yelchin, Joe Cole, Mark Webber, Callum Turner, Erid Edelstein, u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: keine Jugendfreigabe. Im Kino.


Story:
Die relativ erfolglose Punk-Band „The Ain’t Rights“ nimmt einen ominösen Gig in einem Schuppen an, in dem sich hauptsächlich Nazis treffen, um laute Musik zu hören. Als die Musiker nach dem Konzert über eine Leiche in der Garderobe stolpern, wird die Lage für sie ernst. Alsbald eskaliert die Lage und die Band-Mitglieder gelangen in einen blutigen Kampf um das nackte Überleben.




Meinung:
Die Vorschusslorbeeren, derer Regisseur Jeremy Saulnier sich erfreuen durfte, wurden von Kritik und Publikum im Bezug auf „Green Room“ nicht wirklich rar gesät. Höchstwertungen gibt es viele, ebenso überschwängliches Lob und Vergleiche mit der Top-Liga der modernen Horrorfilm-Regisseure. Man scheint sich einigermaßen einig zu sein, dass dieser dritte Film von Saulnier ein weiteres Meisterstück ist. Erst in kleinen Nebensätzen lassen dabei viele Autoren immer mal wieder durchklingen, dass früher doch eben alles besser gewesen sei. Man ersetze „früher“ durch „Blue Ruin“ - der zweite Film des Amerikaners und zugleich ein immenser Fortschritt im Vergleich zu dessen Langfilmdebüt „Murder Party“, der zwar humorvoll aber recht ziellos daherkommt. Und hier lässt sich schon ein erstes von vielen Fazits ziehen: Die Schritte, die Saulnier in seiner Karriere macht, sind groß, beeindruckend und lassen die Erwartungen, aber auch die Vorfreude auf alles, was da noch kommen mag, anheizen. Und das, obwohl „Green Room“ durchaus mit Defiziten zu kämpfen hat.


Cpt. Picard war früher auch mal netter
Doch von den Defiziten später mehr, zunächst soll es hier um die Qualitäten des Films gehen. Jeremy Saulnier beweist einmal mehr, dass er sich im Reich der vielen Genres bestens auskennt. So ist es ihm möglich, mit Motiven zu spielen, Erwartungen zu unterlaufen und dann aus einer beinahe jegliche unbekannten Ecke mit einem neuen Trick den Zuschauer zu überraschen. Vermengte er in „Murder Party“ verschiedene Elemente des Slasher-Films mit Slapstick, überprüfte in „Blue Ruin“ Gesetze des Neo-Westerns und Noirs, so beschäftigt er sich hier tendenziell erneut mit dem Horrorgenre. Backwood-Slasher, Home Invasion, nackter Thrill und knallharter Gore werden hier eiskalt abgeschmeckt und kombiniert. Wie fehlerfrei und glatt dieser Mix über die Bühne läuft, wird einem wohl erst bewusst, wenn man sich fragt, wie das alles denn eigentlich unter einen Hut gehen kann. Saulnier hat die Antwort gefunden aber behält sie für sich. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal, denn der Film trötet dem Zuschauer seine Cleverness (und die besitzt der Film ohne Frage) nicht stolz ins Gesicht. Viel mehr nutzt er sie, um diesen beißenden Überlebenskampf der Punk-Band etwas erträglicher zu machen. Etwas und erträglicher sollten dabei jedoch in Anführungszeichen stehen, denn einen derart erbarmungslosen Film sieht man nicht alle Tage im Kino.


"Nazi Punks Fuck Off"
Doch bei aller Liebe für diesen noch so jungen Regisseur, bei aller Liebe dafür, dass der politische Hintergrund des Neonazis-Punks-Konfliktes weitestgehend zurückgenommen wird (das hier ist ein Genrewerk durch und durch), bei allem Respekt dafür, dass der Film den Zuschauer über die volle Laufzeit in teils atemloser Spannung halten kann; etwas fehlt. Dieses Etwas, das in „Blue Ruin“ noch herausragend gut eingefädelt wurde und in „Murder Party“ den ganzen Charme ausmachte. Die Menschlichkeit und jedwede emotionale Bindung zwischen Figur und Publikum ist Saulnier hier irgendwie abhanden gekommen. Zumindest nach den einleitenden zehn Minuten. Das mag gewollt sein, denn denkt man an die allererste Szene des Films und wie diese geschnitten ist, so wird man Zeuge von dem Saulnier-Humor. Danach allerdings ist der Film weit davon entfernt, seinen Charakteren Raum zu geben (in welche Richtung auch immer) und noch weiter davon entfernt, Lachen zu evozieren. Das taucht erst in den letzten Sekunden des Films wieder auf. Das Problem ist dann allerdings, dass dem Publikum gar nicht mehr wirklich zum Lachen zumute ist. Ein perfektes Gleichgewicht wurde in dieser Hinsicht also nicht gefunden; viel eher schwankt der Film von einem Extrem ins andere und verharrt dann dort, bis er wieder zur großzügigen Kehrtwende ausholt. Elegant ist anders.


Und doch scheint es recht unpassend, einem Film wie „Green Room“ mangelnde Eleganz vorzuwerfen. Schließlich ist das Herzstück des Films, wie eine White Power-Bewegung versucht, eine Punk-Band von Hunden zerreißen zu lassen und in Stücke zu hacken. Das ist tatsächlich so brutal, wie es klingt - da lassen sich weder die Neonazis noch die Punks lumpen, die Hunde und Saulnier schon gar nicht. Wer auf der Suche nach spannender Genrekost ist, der wird hier nicht nur fündig, der wird sich im siebten Himmel wähnen und die 90 knackigen Minuten geradezu genießen. Wer jedoch mit Saulniers vorigen Film gesehen hat, dem wird hier bisweilen etwas fehlen - und das sind die Momente, die dem Zuschauer nicht nur ein aufregendes Erlebnis im Kino versprechen, sondern auch anregende Gedanken für die Zeit danach. In Kurzform: Wer Spannung will, der darf „Green Room“ nicht verpassen. Wer mehr will, der darf ein klein wenig enttäuscht sein.


6.5 von 10 Rückkopplungen


von Smooli

Review: A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT - Einer der schönsten Gruselfilme der letzten Jahre

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Fakten:
A Girl Walks Home Alone At Night
US. 2014. Buch und Regie: Ana Lily Amirpour. Mit: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marno, Dominic Rains, Rome Shadanloo, ua. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
 

In einer Stadt irgendwo im Nirgendwo taucht eines Nachts eine junge Frau auf, die nachts den Einwohnern folgt, um ihren Blutdurst zu stillen. Als sie auf einen jungen Mann trifft, der ihre Gefühle der Verirrung teilt, scheint sich zum ersten mal etwas in ihrem Leben zu verändern.




 

Meinung:
Als Nachrichten zu dem Film „A Girl Walks Home Alone At Night“ zum ersten Mal ihre Runde machten und auch einige überschwängliche Stimmen nach Europa kamen, waren es wohl vor allem zwei Dinge, die die Aufmerksamkeit noch potenzierten. Erstens die Tatsache, dass eine junge Frau mit ihrem Debüt einen Vampir-Western ablieferte (und dann auch noch einen abseits von schmachtenden Blicken und triefenden Liebensbekundungen) und zweitens die Herkunft der Filmschaffenden. Ana Lily Amirpour ist iranisch-amerikanisch und nutzt ihre Arbeit an diesem Genrefilm, der auf der Berlinale und in Sundance gezeigt wurde (beides Festivals, die man mit gutem Recht als politisch einstufen darf) überaus schlau, um ein Statement anzubringen. Dass der Film nebenher auch noch überaus gut gelang, macht dieses Debüt nur noch umso liebenswerter.

 

Wenn James Dean wüsste, dass Rauchen tötet...
Der Film spielt in einer tristen Gegend, eine Stadt ohne Namen. So möchte man zumindest denken, doch wird  der Ort später noch als „Bad City“ namentlich definiert werden. Die Stadt ist zwar zivilisiert aber karg, leer, ruhig und mit einem offenem Geheimnis ausgestattet. Jeder weiß um es, niemand redet darüber. Wortlose Männer kommen und rollen die wortlosen Leichen in eine Grube neben einer Straße. Die Menschen, die dort leben schauen schon gar nicht mehr auf, wenn sie an der Grube vorbeigehen. Manche Menschen sterben halt und irgendwo müssen sie dann ja hin. Also wieso nicht dort. In Bad City also wird die Handlung spielen, ein Ort, dem man einen Charakter zuschreiben würde, wenn er einen hätte. Stattdessen dominiert die Leere. Die Einwohner sind zwar von der Präsenz der Stadt beeinflusst, aber insofern, dass sie sich nicht kümmern. Es herrscht quasi Anarchie, nur dass sich niemand deshalb aufregen würde. Amirpour nutzt diesen Ort überaus geschickt, um die Figuren und die Vampir-Thematik einzuführen. Die Parallelen zu Klassikern der Postmoderne werden schnell deutlich, wenn Amirpour Marcellus Wallace aus „Pulp Fiction“ zitiert und sich generell einem Hauptmerkmal der Postmoderne annimmt; dem Rückbezug auf die klassische Ära.

 

I'm walking on sunshine ♪
Dieser Rückbezug funktioniert vor allem über allerlei Witz und Nostalgie. Der Protagonist ist überaus stark an James Dean angelehnt, er fährt ein altes und sehr gepflegtes Auto, hat wuschelige Haare, trägt eine Sonnenbrille und ein weißes T-Shirt. Ebenso deutlich wird diese Retro-Ansicht der Geschichte über das Schwarzweiß des Bildes und der Gut-Böse-Schematik: Der Bösewicht hat sich das Wort „SEX“ auf den Hals und ein zerbrochenes Herz auf den Nacken tätowieren lassen. Zudem hebt er Gewichte, als er die Protagonistin beeindrucken möchte. Sein Anrufbeantworter plärrt dem Anrufer „Hinterlass `ne Nachricht, du Schlampe!“ entgegen. Derartige plakative Schematik ließe sich dem Film bestimmt negativ anrechnen, wenn man den Humor darin nicht sehen würde. Humor, der nicht immer so brachial, sondern auch überaus elegant und genial daherkommt. Die Vamp (gibt es ein Wort für einen weiblichen Vampir?) fährt nachts auf einem Skateboard durch die Straßen, Amirpour lässt damit verschmitzt das Klischee des schwebenden Vampirs auflaufen. Der Humor verkommt aber nie zum Selbstzweck, viel mehr bewirken diese Momente in den Straßen, dass die junge Frau wie eine Hüterin auf Patrouille wirkt. Wie ein Wesen auf einer Mission - eine Tatsache die sie selbst von sich nie behaupten würde. Sie sieht ihren Platz in der Welt gar nicht. In einer Szene wird sie gefragt, was das letzte Lied sei, das sie gehört habe. „Hello“ von Lionel Richie sagt sie.

 

Sabber, schmatz, lechz.
Amirpour nutzt die Vampir-Thematik schlau, um in „A Girl Walks Home Alone At Night“ eine Geschichte über Sucht, Abhängigkeit und Ausbeutung zu erzählen. Eine Verbindung, die sich sehr gut mit dem Subgenre verträgt, dass die Regisseurin für ihr Debüt gewählt hat. Während die Bewohner der Stadt von ihrer Drogensucht gegeißelt werden, erliegt die junge Frau immer wieder ihrer Abhängigkeit vom menschlichen Blute. Die Sucht ist dabei ein und dieselbe; destruktiv, egoistisch. Eine Welt der Ausbeutung, Eigensucht und gewissermaßen des Fremdenhasses, in der eines ganz elementar ist, was die Einwohner allerdings wohl vergessen haben. Empathie ist es, die ausgerechnet von einem Vampir schließlich Einzug in diese Welt findet - und das gleich auf mehreren Ebenen. Wenn die Protagonistin nachts durch die Straßen schleicht, trägt sie ein Gewand, das stark an die Burka erinnert, die Frauen in muslimisch geprägten Gesellschaften zu tragen haben. Und einfach so, ohne viel Aufregen oder aufgeplusterte Dramatik, hinterlässt Amirpour hier ein feministisch-politisches Statement, das sie schon durch den Filmtitel ankündigte. Grandios ambivalent wird ihre Arbeit dann, wenn der Film seinen Mittwendepunkt überschreitet, Vampir auf Mensch trifft - im Wesen verschieden, im Schicksal gemein - wenn die Kamera ganz ruhig bleibt und Licht und Musik alles erzählen, was es zu erzählen gibt. In solchen Momenten nimmt die Macht des Kinos Überhand, und vereint Gegensätze auf so stille Weise, dass man nie wieder was anderes sehen möchte.


Mit ihrem Erstlingswerk „A Girl Walks Home Alone At Night“ ist der Regisseurin Ana Lily Amirpour genauso ein Märchen der Tristesse gelungen wie eines der Versuchung. Ein Film wie eine Annäherung dessen, was zusammen gehört. Auf viele verschiedene Wege kodiert, mit gelungener Bildsprache und einer jungen Kraft, die stets zu überzeugen weiß. Tatsächlich fallen einem noch lange nach der Sichtung immer wieder Kleinigkeiten auf, bei denen man sich freut, sie bei der nächsten Sichtung erneut zu entdecken. Ein etwas anderer Genrefilm ist das geworden und ein Hit noch dazu, so ist der nächste Film von Amirpour schon angekündigt. Als Mischung aus „El Topo“ und „Dirty Dancing“ beschreibt sie ihr neues Werk, das sich klar und deutlich als Kannibalen-Romanze definieren lassen soll. Und wenn man sich bewusst macht, wie sehr sich die Risiken bei diesem Vampirfilm gelohnt haben, dann kann man es gar nicht mehr aushalten, bis man das nächste Werk von Amirpour im Kino begutachten darf.



7 von 10 Pantomimen

Review: RASHOMON - DAS LUSTWÄLDCHEN - Filme für die Ewigkeit aus Japan

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Fakten:
Rashomon - Das Lustwäldchen (Rashomon)
J. 1950. Regie: Akira Kurosawa. Buch: Shinobu Hashimoto, Akira Kurosawa, Akutagawa Ryunosuke (Vorlage). Mit: Toshiro Mifune, Machiko Kyo, Masayuki Mori, Kichijiro Ueda, Takashi Shimura, Minoru Chiaki, Noriko Honma, Daisuke Kato, ua. Länge: 86 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Ein berüchtigter Bandit lebt im Wald der Dämonen und ist schon nach einer Sichtung hin und weg von der Frau eines Samurai. Kurze Zeit später ist der Samurai tot, die Frau vergewaltigt und nicht aufzufinden und ein Holzfäller als Zeuge vor Gericht. Doch bald schon stellt sich heraus, dass niemand der Zeugen so recht die Wahrheit erzählen mag.






Meinung:
Als Akira Kurosawa im Jahr 1950 seinen Film „Rashomon“ veröffentlichte, wurden er und der Hauptdarsteller Toshiro Mifune mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. Außer in Japan ironischerweise, denn dort erfuhr Kurosawa wie so oft wenig Beachtung und Anerkennung. Das ist schade, tut aber nichts zur Sache, da der japanische Meister der Nachwelt dreißig Filme hinterließ, die dem Publikum nicht mehr genommen werden können. „Rashomon“ ist gewissermaßen ein Phänomen, ein Film, nachdem mittlerweile ein Bonmot aus dem Boden gestanzt wurde. Als Rashomon-Effekt bezeichnet man nun den Umstand der kognitiven Verzerrung, also der subjektiven Einfärbung von erlebten Sachverhalten. Denn genau darum geht es in diesem Werk.






Am Anfang prasselt der Regen gnaden- und endlos auf die Erde nieder. An einem bereits halb zerfallenen Tor treffen sich drei Menschen (ein Bürger, ein Mönch und ein Holzfäller). Schließlich nutzt Kurosawa diese Figuren, um drei erzählerische Ebenen zu entfalten. Die Rahmenhandlung findet an besagtem Tor statt, die Erzählungen der drei Figuren werden in einer Gerichtsverhandlung gezeigt, in der der Zuschauer der Richter ist und von den Zeugenberichten einmal mehr in eine neue Ebene geführt werden - den fraglichen Geschehnissen im Wald der Dämonen. Über die Geschichte selbst sollte hier jedoch wenig Text verloren werden, da es elementar wichtig erscheint, dass die Geschichte sich für den Zuschauer bei einer Erstsichtung frei entfalten kann. Besonders (vor allem im Erscheinungsjahr) ist hier jedoch, dass der Film mehrere Versionen einer Geschichte erzählt, jeweils abgeänderte Fassungen, die von Figuren selbst erzählt werden und der Zuschauer letzten Endes zu entscheiden hat, wem er Glauben schenken soll. „Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde“ hat der König des selbstreflexiven Films Jean-Luc Godard berühmterweise mal gesagt. Zehn Jahr zuvor beweist Kurosawa dem Publikum bereits das Gegenteil. Nichts an diesem Film muss der Wahrheit entsprechen. Wahrscheinlich ist, dass drei Viertel des Werkes das auch nicht tun. 





Der arme Baum...
Kurosawa nutzt überaus geschickt die visuellen Möglichkeiten des Mediums und gestaltet seine dreilagige Geschichte überraschend flüssig, leicht identifizierbar und übersichtlich, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt. Das wurde bedeutend später in der Filmgeschichte schon bedeutend schlechter gelöst. Zudem beeinflusste er damit ganz offensichtlich das allmählich aufkeimende New Wave-Kino und weltbekannte Filmemacher wie Steven Spielberg, Martin Scorsese oder Robert Altman. Tatsächlich lassen sich an „Rashomon“ einige interessante Formalien behandeln; so zum Beispiel der Einsatz visueller Stile in seiner Regiearbeit. Man achte einmal auf die Linienführung in den verschiedenen Episoden. Die Rahmenhandlung ist dominiert von vertikalen Linien, der endlose Regen ist da nur der Anfang. Die Gerichtsverhandlung wird ausschließlich in horizontalen Linien erzählt (was die Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit des Gerichts suggerieren soll) und die pikanten Geschichten im Wald, von denen man nicht weiß, welche Version wahrhaftig ist, sind durchsetzt von Diagonalen, Horizontalen und Vertikalen. Sie sind quasi ein schönes Durcheinander. Das ist große Regie-Arbeit, so was lässt einen nostalgisch werden ob der beeindruckenden Zeit so vieler kreativer Spitzenkünstler, die es im heutigen Filmsystem alles andere als einfach hätten. 






Vor Gericht, aber glücklich
Natürlich aber ist „Rashomon“ mitnichten auf seine visuelle Ebene zu reduzieren. Tatsächlich ist der knapp anderthalbstündige Film ein ungemein vielschichtiger Film geworden, der wahrlich intelligent daherkommt, viel erzählt aber noch mehr erfahrbar macht und quasi als Parabel angesehen werden kann. Die Gerechtigkeit ist eines der großen Themen des Films. Die Frage nach ihr, die Frage, ob sie existiert. Ob Menschen überhaupt im Stande sind, sie zu erkennen und zu vollstrecken. Oder ob sie eine übergeordnete Instanz dafür benötigen - einen Gott, sofern er uns noch nicht verlassen hat. Immer wieder schaut der Bandit (Mifune) mit einer Mischung aus Wut und Sehnsucht in den Himmel. Auf der Suche. (Die Legende besagt, Kurosawa sei der erste gewesen, der in die Sonne gefilmt habe.) Hand in Hand mit der Thematik geht der zweite Komplex des Films, der als Glauben zusammenzufassen ist. Optimismus trifft auf Realismus, der Glauben wird mit Zweifeln konfrontiert (bzw. von ihm bedingt) und Hoffnung trifft auf Enttäuschung trifft auf Hoffnung. Der dritte thematische Stamm des Films behandelt die japanische Kultur selbst und verbindet somit traditionelle Kultur mit modern-westlicher Filmsprache. Die bittere Erbarmungslosigkeit, mit der Kurosawa schließlich den japanischen Ehrenkodex auseinandernimmt und seiner Zerbrechlichkeit preisgibt, hat etwas sehr Orientierungsloses. Japanisches Nachkriegskino eben.






Mit „Rashomon“ hat Akira Kurosawa der Welt eines von vielen inszenatorischen Meisterstücken erbracht. Der Regisseur Robert Altman selbst sagte zu dem Werk, dass an ihm nichts und alles wahr sei, was den Film zu einem Gedicht mache. Tatsächlich ist der Film jedoch auch auf die visuelle Ebene äußerst interessant zu betrachten, nimmt der Postmoderne viel vorweg und erzählt eine Geschichte, deren vage Unbestimmtheit durchaus dazu führt, pessimistisch zu wirken. Und dennoch findet sie am Ende symbolisch zum Ziel, mündet in einem ruhigen Plädoyer für Menschlichkeit, Verantwortung und Respekt, bis auch der Regen verschwindet. Ein großartiger Film, der noch eine weitere Frage stellt, auf die es wohl keine Antwort gibt. Wie verstehen Japaner diesen Film wohl?





8 von 10 unzuverlässigen Erzählern