Posts mit dem Label Akira Kurosawa werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Akira Kurosawa werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: RASHOMON - DAS LUSTWÄLDCHEN - Filme für die Ewigkeit aus Japan

Keine Kommentare:

Fakten:
Rashomon - Das Lustwäldchen (Rashomon)
J. 1950. Regie: Akira Kurosawa. Buch: Shinobu Hashimoto, Akira Kurosawa, Akutagawa Ryunosuke (Vorlage). Mit: Toshiro Mifune, Machiko Kyo, Masayuki Mori, Kichijiro Ueda, Takashi Shimura, Minoru Chiaki, Noriko Honma, Daisuke Kato, ua. Länge: 86 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Ein berüchtigter Bandit lebt im Wald der Dämonen und ist schon nach einer Sichtung hin und weg von der Frau eines Samurai. Kurze Zeit später ist der Samurai tot, die Frau vergewaltigt und nicht aufzufinden und ein Holzfäller als Zeuge vor Gericht. Doch bald schon stellt sich heraus, dass niemand der Zeugen so recht die Wahrheit erzählen mag.






Meinung:
Als Akira Kurosawa im Jahr 1950 seinen Film „Rashomon“ veröffentlichte, wurden er und der Hauptdarsteller Toshiro Mifune mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. Außer in Japan ironischerweise, denn dort erfuhr Kurosawa wie so oft wenig Beachtung und Anerkennung. Das ist schade, tut aber nichts zur Sache, da der japanische Meister der Nachwelt dreißig Filme hinterließ, die dem Publikum nicht mehr genommen werden können. „Rashomon“ ist gewissermaßen ein Phänomen, ein Film, nachdem mittlerweile ein Bonmot aus dem Boden gestanzt wurde. Als Rashomon-Effekt bezeichnet man nun den Umstand der kognitiven Verzerrung, also der subjektiven Einfärbung von erlebten Sachverhalten. Denn genau darum geht es in diesem Werk.






Am Anfang prasselt der Regen gnaden- und endlos auf die Erde nieder. An einem bereits halb zerfallenen Tor treffen sich drei Menschen (ein Bürger, ein Mönch und ein Holzfäller). Schließlich nutzt Kurosawa diese Figuren, um drei erzählerische Ebenen zu entfalten. Die Rahmenhandlung findet an besagtem Tor statt, die Erzählungen der drei Figuren werden in einer Gerichtsverhandlung gezeigt, in der der Zuschauer der Richter ist und von den Zeugenberichten einmal mehr in eine neue Ebene geführt werden - den fraglichen Geschehnissen im Wald der Dämonen. Über die Geschichte selbst sollte hier jedoch wenig Text verloren werden, da es elementar wichtig erscheint, dass die Geschichte sich für den Zuschauer bei einer Erstsichtung frei entfalten kann. Besonders (vor allem im Erscheinungsjahr) ist hier jedoch, dass der Film mehrere Versionen einer Geschichte erzählt, jeweils abgeänderte Fassungen, die von Figuren selbst erzählt werden und der Zuschauer letzten Endes zu entscheiden hat, wem er Glauben schenken soll. „Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde“ hat der König des selbstreflexiven Films Jean-Luc Godard berühmterweise mal gesagt. Zehn Jahr zuvor beweist Kurosawa dem Publikum bereits das Gegenteil. Nichts an diesem Film muss der Wahrheit entsprechen. Wahrscheinlich ist, dass drei Viertel des Werkes das auch nicht tun. 





Der arme Baum...
Kurosawa nutzt überaus geschickt die visuellen Möglichkeiten des Mediums und gestaltet seine dreilagige Geschichte überraschend flüssig, leicht identifizierbar und übersichtlich, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kommt. Das wurde bedeutend später in der Filmgeschichte schon bedeutend schlechter gelöst. Zudem beeinflusste er damit ganz offensichtlich das allmählich aufkeimende New Wave-Kino und weltbekannte Filmemacher wie Steven Spielberg, Martin Scorsese oder Robert Altman. Tatsächlich lassen sich an „Rashomon“ einige interessante Formalien behandeln; so zum Beispiel der Einsatz visueller Stile in seiner Regiearbeit. Man achte einmal auf die Linienführung in den verschiedenen Episoden. Die Rahmenhandlung ist dominiert von vertikalen Linien, der endlose Regen ist da nur der Anfang. Die Gerichtsverhandlung wird ausschließlich in horizontalen Linien erzählt (was die Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit des Gerichts suggerieren soll) und die pikanten Geschichten im Wald, von denen man nicht weiß, welche Version wahrhaftig ist, sind durchsetzt von Diagonalen, Horizontalen und Vertikalen. Sie sind quasi ein schönes Durcheinander. Das ist große Regie-Arbeit, so was lässt einen nostalgisch werden ob der beeindruckenden Zeit so vieler kreativer Spitzenkünstler, die es im heutigen Filmsystem alles andere als einfach hätten. 






Vor Gericht, aber glücklich
Natürlich aber ist „Rashomon“ mitnichten auf seine visuelle Ebene zu reduzieren. Tatsächlich ist der knapp anderthalbstündige Film ein ungemein vielschichtiger Film geworden, der wahrlich intelligent daherkommt, viel erzählt aber noch mehr erfahrbar macht und quasi als Parabel angesehen werden kann. Die Gerechtigkeit ist eines der großen Themen des Films. Die Frage nach ihr, die Frage, ob sie existiert. Ob Menschen überhaupt im Stande sind, sie zu erkennen und zu vollstrecken. Oder ob sie eine übergeordnete Instanz dafür benötigen - einen Gott, sofern er uns noch nicht verlassen hat. Immer wieder schaut der Bandit (Mifune) mit einer Mischung aus Wut und Sehnsucht in den Himmel. Auf der Suche. (Die Legende besagt, Kurosawa sei der erste gewesen, der in die Sonne gefilmt habe.) Hand in Hand mit der Thematik geht der zweite Komplex des Films, der als Glauben zusammenzufassen ist. Optimismus trifft auf Realismus, der Glauben wird mit Zweifeln konfrontiert (bzw. von ihm bedingt) und Hoffnung trifft auf Enttäuschung trifft auf Hoffnung. Der dritte thematische Stamm des Films behandelt die japanische Kultur selbst und verbindet somit traditionelle Kultur mit modern-westlicher Filmsprache. Die bittere Erbarmungslosigkeit, mit der Kurosawa schließlich den japanischen Ehrenkodex auseinandernimmt und seiner Zerbrechlichkeit preisgibt, hat etwas sehr Orientierungsloses. Japanisches Nachkriegskino eben.






Mit „Rashomon“ hat Akira Kurosawa der Welt eines von vielen inszenatorischen Meisterstücken erbracht. Der Regisseur Robert Altman selbst sagte zu dem Werk, dass an ihm nichts und alles wahr sei, was den Film zu einem Gedicht mache. Tatsächlich ist der Film jedoch auch auf die visuelle Ebene äußerst interessant zu betrachten, nimmt der Postmoderne viel vorweg und erzählt eine Geschichte, deren vage Unbestimmtheit durchaus dazu führt, pessimistisch zu wirken. Und dennoch findet sie am Ende symbolisch zum Ziel, mündet in einem ruhigen Plädoyer für Menschlichkeit, Verantwortung und Respekt, bis auch der Regen verschwindet. Ein großartiger Film, der noch eine weitere Frage stellt, auf die es wohl keine Antwort gibt. Wie verstehen Japaner diesen Film wohl?





8 von 10 unzuverlässigen Erzählern

Review: DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD – Macbeth auf Japanisch!

Keine Kommentare:

https://www.trigon-film.org/de/movies/Throne_of_blood/flyer_large.jpg

                                                                          
Fakten:
Das Schloss im Spinnwebwald (Kumonosu-jō)
Japan, 1957. Regie: Akira Kurosawa. Buch: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimotu, Ryūzō Kikushima, William Shakespeare (Vorlage). Mit: Toshirō Mifune, Isuzu Yamada, Akira Kubo u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.



Story:
Die Samurai Washizu und Miki sind nach einer erfolgreichen Schlacht auf dem Weg zu ihrem Fürsten. Dazu müssen sie durch den legendären Spinnwebwald, in dem sie sich auch schnell verirren. Tief im Wald treffen sie einen Waldgeist, der Miki die Herrschaft über die 'Erste Festung' und Washizu die Herrschaft über das 'Nordhaus' zusagt. Weiter prophezeit er, dass Washizu sogar dem Fürsten selbst nachfolgen und letztlich von Mikis Sohn beerbt werden wird. Als die ersten Weissagungen noch am selben Tag eintreten beginnt eine Geschichte rund um Gier, Gewalt und Mord.

                                                                                    
Meinung:
Wer sich näher mit Akira Kurosawas Filmografie auseinandergesetzt hat weiß, dass sich der bekannte Regisseur des Öfteren den Werken von William Shakespeare angenommen hat. Überhaupt galt er als ein sehr westlich geprägter Regisseur, seine Filme fanden im Ausland oft mehr Anklang als in seiner Heimat. Noch vor „Ran“ (König Lear) und „The Bad Sleep Well“ (Hamlet) übertrug Kurosawa mit „Das Schloss im Spinnwebwald“ die Tragödie „Macbeth“ ins historische Japan. Wie auch bei seinen anderen Adaptionen fand er dabei das richtige Maß zwischen eigenen Ansätzen und einer vorlagengetreuen Umsetzung. Dadurch sollte „Das Schloss im Spinnwebwald“ sowohl bei Fans des ursprünglichen Werkes, als auch bei Anhängern des klassischen Samuraifilms Anklang finden.


https://www.trigon-film.org/en/movies/Throne_of_blood/photos/540/throne_03.jpg
Mit einem Lächeln kommt man dieser Tage nicht weit...
Von Beginn an macht uns Kurosawa klar, dass es sich bei „Das Schloss im Spinnwebwald“ um einen extrem düsteren und atmosphärisch stimmigen Film handelt. Immer wieder ziehen dichte Nebelschwaden durch das Bild, umspielen Charaktere und Kulisse, vor allem den Szenen im Spinnwebwald verleiht das einen unheimlichen Anstrich. In Kombination mit den dicht verzweigtem und kahlem System aus Ästen und Bäumen lässt sich der mysteriöse und bedrohliche Ruf des Waldes nur zu gut nachvollziehen. Auch Kurosawas gewohnt flüssige Inszenierung trägt zur Atmosphäre des Films bei, wie so oft besticht diese durch eine durchdachte Kinematographie und gekonnt eingesetzten Schnitten. In expressionistischen Bildern konzentriert sich der Film fast ausschließlich auf seinen Protagonisten, in dieser Rolle dürfen wir erneut Kurosawas Dauergast Toshiro Mifune bewundern. Ohnehin für sein Overacting bekannt, legt er hier nochmals eine Schippe drauf und verkörpert den Wahnsinn seiner Figur auf unnachahmliche Art und Weise. Wenn er angefüllt mit Verzweiflung und Wahn durch die Kulisse hastet, dann schafft er es dadurch einen emotional packenden Einblick in die Gedankenwelt seines Charakters zu liefern. Tragischer Held, manipuliertes Opfer oder kaltblütiger Mörder, alle Sichtweisen sind möglich und stecken zumindest teilweise in seiner Figur.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEgNrdliz30e0ISrTc0Z4c_c9tceTdAnTWcp6FFSKQZW_Rqhp_aiJjB3gvtlwrYZ0tXr-Hn_M7fcVVkXjiVXtyJKfDYHRdCzI-vjlZedxC5pBrHXBXAC_hVqNB4TR3Csgu-Kf324gnHKXZY/s1600/Kumonosu+j%25C3%25B4+2.jpg
Macht macht nicht immer Spaß
Ein klassisches Bild von Gut und Böse gibt es in der Geschichte nicht, jeder Charakter handelt aus selbstsüchtigen, aber durchaus nachvollziehbaren Motiven. Sie sind Opportunisten, sehen ihre Chance und ergreifen diese. Moral sucht man vergebens. Hier werden ehrenhafte Hauptmänner zu verräterischen Meuchelmördern, liebevolle Ehefrauen zu machtgierigen Manipulatorinnen und treue Untertanen durchbohren ihre Herren mit Pfeilen. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf Toshiro Mifune, seine Charakterentwickelung wirkt zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig, sein Wahn entfaltet sich in perfekter Geschwindigkeit. Er ist das Spiegelbild von Gier und Verlangen, am Höhepunkt seiner Macht angekommen fürchtet er nur eins, nämlich diese Macht wieder zu verlieren. Parallel zur Steigerung seines Irrsinns beginnt auch der Verfall seines Reiches, eine nicht aufzuhaltende Kette aus Aktionen führt zum kompletten Verlust seiner Welt. Eine Lehrstunde darüber, wie man es schafft einen Klassiker der Weltliteratur in nicht einmal zwei Stunden Film zu verwandeln, dem Medium treu zu bleiben und dabei dennoch den Tiefgang der Vorlage zu erreichen. Ein Schlüsselstück in Kurosawas Filmografie.


Kurosawas „Schloss im Spinnwebwald“ ist eine Spirale aus Mord und Wahnsinn. In unglaublich düsteren Bildern erzählt er eine Geschichte über menschliche Abgründe und zeigt wohin das Streben nach Macht führen kann. Dabei ist der Film nicht nur ein enorm stimmiger Einblick ins historische Japan, sondern auch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit menschlichen Sehnsüchten. Eine würdige Adaption von Shakespeares essentieller Tragödie.

8 von 10 Waldgeister

von Vitellone

Review: LAST MAN STANDING - Wahre Kerle gegen falsche Kerle

Keine Kommentare:


Fakten:
Last Man Standing
USA. 1996. Regie: Walter Hill. Buch: Walter Hill, Akira Kurosawa (Vorlage), Ryuzo Kikushima (Vorlage). Mit: Bruce Willis, Christopher Walken, Bruce Dern, Leslie Mann, William Sanderson, Michael Imperioli, Ken Jenkins, Alexandra Powers, Karina Lomard, David Patrick Kelly, R.D. Call, Ned Eisenberg, Ted Markland u.a. Länge: 96 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Texas, in den 1930er Jahren: Ein Fremder, John Smith, kommt zufällig in ein kleines Wüstenkaff, in dem sich zwei rivalisierende Gangsterbanden bekriegen. Smith, der lieber schießt als redet, wird von beiden Bandenchefs angeheuert, um die Feinde kaltzustellen. Für Smith eine gute Gelegenheit beide Parteien gegeneinander auszuspielen.





Meinung:
In meinen objektiven Augen ein etwas unterschätzter Film. Klar, wir können Tage lang darüber diskutieren, welch großen Impact die Story-technischen Vorgänger 'YOJIMBO' und 'FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR' auf unsere hochentwickelte Filmkultur hatten, während dieser Film von Walter Hill hier nicht mal einen Bruchteil davon erreichte. Kann ich ja verstehen, auch wenn ich nicht glaube, dass er es überhaupt darauf angelegt hatte. Auf jeden Fall hat er sich ein bisschen respektvoller an die Sache gemacht, als 2 Jahre später John G. Avildsen mit seinem Van-Damme-INFERNO, aber die eigenen, stilistischen Qualitäten dieses Films sprechen ohnehin ausgezeichnet für sich selbst - da will ich mal nicht vergleichen, sondern mich einfach nur freuen, dass Hill seiner Linie für furcht- und kompromissloses Genrekino treu geblieben ist und durchweg eine schwüle Spannung in die Luft injiziert, die jeden in diesem texanischen Gangster-Hort von Jericho bis zur härtesten Paranoia brodeln lässt.


Hier zu sehen ist eine Dialogszene
Denn der Tod wartet schon entspannt mit der Sense um jede Ecke, die Hölle unter den Füßen sowieso und mittendrin das fatalistische Ventil dafür anhand eines Mannes, genannt John Smith (Bruce Willis), dem es als abgebrühter, sperriger Opportunist scheißegal ist, ob er blutig zusammengeschlagen oder angeschossen wird, solange das Geld hinein fließt (Ok, wütend ist er dann schon - aber keiner, der sich davon zu unbedachten Dummheiten hinreißen lässt, wie all die anderen dort). Ehrenkodex? Bei solch einer Gesellschaft gar nicht nötig - die einzige Sympathie spürt man beim allgemeinen Volk und bei den Frauen, die er aus den schlampig-brutalen Griffen der Mobsters rausholt und in so eine Art Freiheit schickt (weshalb jene pseudo-taffen Arschgeigen auch langsam ihre Macht beim Schwinden zusehen können, auch wenn sie es nicht glauben mögen). Denn es wird bald nicht nur mächtig dreckig und staubig in diesen Gefilden (den Look hält der Film durchweg vor die Augen), sondern vorallem blutrot und in Flammen brutzelnd, wenn die Gemüter der Intrigen eskalieren, durch Doppelbeschuss der Colts und Magnums in die Stratosphäre gepfeffert werden.


Langsam sterben ist okay, aber zielen muss man schnell
Da ist Smith im Grunde zwar ein nihilistischer, doch von allen Seiten betrachtet auch (un)freiwillig rechtschaffener Katalysator des Karmas, gegen das nicht mal das Gesetz wirklich was zu sagen hat, bis es zwangsläufig einschreiten müsste - was es bezeichnenderweise nie tut (dass es ab und an mal regnet, kann man auch nicht als Deeskalation werten). Das wirkt hier eh nur noch verloren, inmitten dieses zerschmelzenden Wirbelsturms keifender Machtspiele und rabiater Gewaltausbrüche - unterlegt von einem Soundtrack aus dem Hause Ry Cooder, der wie das quälend-lang-über-die-Haut-angesetzte Abstreifen von Klingen wirkt und wie der Gesamtfilm dazu erst recht keine Hoffnung auszuteilen versucht. Da werden dann auch schon mal Unbewaffnete erschossen oder ein Auge in Matsch verwandelt, aber in jener unsicheren 'Männer'-welt sind das auch nur überhastete Zeichen der Schwäche - vorallem dann, wenn Smith dagegen trotz allem noch gerade steht und keine Miene verzieht. Da scheißt sich schon jeder in die Hosen - aber abwarten, bis er schließlich mit Narben im Gesicht zurückkommt, angepisst in den vermurksten Spiegel schaut, seinen Hut aufsetzt und zum schnittig-schnörkellosen Gemetzel der feigen Banden ansetzt.


Mifune und Eastwood haben dafür schon den Weg geebnet, total, aber diese Eminenz eines transparenten, Bullshit-freien Kerles lässt sich ebenso wenig verarschen. Eben ein typischer, vorausschauender Hill-Charakter, wie auch Christopher Walken als Hitman Hickey, die einzig-ebenbürtige Eigenmacht in dieser aneinander reibenden Darbietung ideologischer Souveränität (ein durchgängiges Thema im Werk des Regisseurs). Sicherlich beherbergt ihr brachiales Handeln dann auch eine stumpfe Direktheit und eine gleichsam zynische Aura, mit einer zu erwartenden, schroffen Reaktion von der Gegenseite dazu - aber das ist dann wenigstens ehrlicher, konsequenter Mumm, jenseits von schicken Anzügen und Bündeln an Geldscheinen, die Macho-mäßig was hermachen wollen, aber eher nur Furcht projizieren. Und wer das nicht begreift, wird von einem nackten Bruce Willis erschossen, nachdem er gerade noch zur Entspannung seinen Prügel in eine Dame der Nacht gesteckt hat und selbstverständlich bereits zwei Knarren in der Hand hat, sobald er angegriffen wird - wichtig ist dabei aber auch: er prahlt nicht damit herum und reißt One-Liner, sondern bleibt wie der Film ein scharfer, methodischer und dennoch heißblütiger Beobachter. Ist das nicht einfach die coolste, righteous Sau? Oder doch eben ganz einfach und ohne Frage der LAST MAN STANDING.


7 von 10 Rückenschüssen


vom Witte

Review: EXPRESS IN DIE HÖLLE - Eiskaltes Genre-Highlight

Keine Kommentare:


Fakten:
Express in die Hölle (Runaway Train)
USA, 1985. Regie: Andrei Konchalovsky. Buch: Djordje Milicevic, Paul Zindel, Edward Bunker, Akira Kurosawa (Vorlage). Mit: Jon Voight, Eric Roberts, Rebecca De Mornay, Kyle T. Heffner, John P. Ryan, T.K. Carter, Kenneth McMillan, Stacey Pickren, Walter Wyatt, Edward Bunker, Danny Trejo, Tiny Lister u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der zur lebenslangen Haft verurteilte Manny und sein unliebsames Anhängsel Buck fliehen aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Alaska, mitten im tiefsten Winter. Ort und Zeit sind eh denkbar ungünstig, aber es kommt noch besser. Sie wollen mit einem Zug in die Freiheit fliehen, dessen Führer kurz nach ihrem Einstieg an einem Herzinfarkt stirbt. Nun rasen sie ungebremst in den Tod, wenn nicht ein Wunder geschieht…





Meinung:
„Wir fliegen ins All, aber wir können den Zug nicht stoppen!“

Das kann niemand, nicht mal das oft unausweichliche Logik-, Zufall-, und Klischeeargument, denn das fährt maximal im Schritttempo auf dem Nebengleis. „Express in die Hölle“ überrollt jede Angriffsfläche mit einem Mordstempo und besonders mit einer radikalen Wucht, da wird jedes Kontra effektiv auf die Schienen gefesselt und plattgewalzt, kleinkariertes Fehlersuchen auf nichtigem Niveau ist so fehl am Platz wie eine gültige Fahrkarte. Aus einem recht simpel gestrickten Escape-Thriller mit grob geschnitzten Figuren wird beinhartes Survival-Kino ohne Zwischenstopp. 


Keine Schuhe, aber Helmpflicht: Sehr vorbildlich.
Sobald der Plot endgültig ins Rollen kommt und Eric Roberts endlich Schuhe hat (da frieren einem wirklich sogar beim Zuschauen die Zehen weg), entfesselt der „Runaway Train“ eine explosive Dynamik, die selbst dem Eric locker wieder die Stiefel ausziehen würde, wenn sie denn nicht festgefroren wären.  Adrenalin schießt einem förmlich durch Ohren, Mund und Nase, wenn das wilde Tier Manny (grandios wuchtig: Jon Voight) und sein sympathisch-naiver Kumpane Buck (Roberts, Oscar-nominiert und seinen Fähigkeiten selten so nahe) auf den völlig falschen Zug aufspringen (-„Wieso ausgerechnet den?“ –„Weil er mir gefällt!“) und fortan ohne Bremse, lebendes Personal und immer noch auf der Flucht gnadenlos in die Katastrophe rasen. Beklemmend, enorm druckvoll und mit einem präzise gesetzten Spannungsmoment nach dem anderen feuert der Film von Andrei Konchalovsky furios drauf los, steigert sich durchgehend konsequent, was irgendwann kaum noch möglich scheint. Ein immens schnörkelloses Kammerspiel auf Schienen, mit fast erschlagender Intensität, auf das Wesentliche fokussiert, eng, brachial, gnadenlos. 


Bremse kaputt, wir haben alles versucht...
Abgesehen von den zeitlosen Pluspunkten (Schnee und Eis ist grundsätzlich ein Ding für sich) ist „Express in die Hölle“ so brillant inszeniert, da stockt dem – nicht vom CGI-Wunderland-verblendeten – Zuschauer vor Staunen der Atem. Eine so spektakuläre Inszenierung war damals der helle Wahnsinn und ist speziell heute noch das Maß der Dinge. Ohne künstlichen Firlefanz ist es neben Regisseur Konchalovsky besonders Kameramann Alan Hume zu verdanken, was hier in seiner reinen Pracht auf einen einprasselt. Grandios gefilmte Action/Survival-Sequenzen erscheinen in Anbetracht ihrer Fülle fast wie selbstverständlich, sind allerdings nur so souverän und drückend inszeniert, was soll/kann man da kritisieren? Rein gar nichts. Die technische Perfektion schmückt „Express in die Hölle“ nur noch mehr, als es eigentlich nötig wäre. Hier wird sich nicht in unsinnige Side-Plots verrannt, das Essenzielle wird kompromisslos ausgereizt. In seiner schlichten Dramaturgie schöpft der Zug der Todgeweihten aus den Vollen, reizt alles bis zum Ende aus, verschenkt nicht nur eine Spur, treibt seine Möglichkeiten ans Limit. Wenn hier jemand gerade so den Absprung schafft, dann der Abspann, der dem Zuschauer zum perfektem Zeitpunkt den Ausstieg vor den Latz knallt, der den liebgewonnenen Anti-Helden verwehrt bleiben wird.


Einnehmendes, in seiner Stimmung wie Inszenierung fast schon erdrückendes Genre-Kino, wegweisend und zeitlos, unglaublich dicht und zügellos, zwischen „Lohn der Angst“ und „Speed“ steht „Express in die Hölle“, allerdings nur zeitlich. Steige aus, wer kann…

8,5 von 10 abgekoppelten Waggons