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Review: THE REVENANT – DER RÜCKEHRER – Der pure Kampf ums Überleben

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Fakten:
The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant)
2015, US. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith. Mit: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Paul Anderson, Lukas Haas, Brendan Fletcher, Forrest Goodluck u.a. Länge: 156 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab 06.Januar 2016 im Kino.


Story:
Der Trapper Hugh Glass führt ein Team auf einer Expedition im Jahr 1823 durch die Wildnis von Nordamerika. In einem unachtsamen Moment wird er von einem Bären attackiert und schwer verletzt. Seine Team-Kollegen möchten ihn nicht zurücklassen, sehen sich aber gezwungen, genau das zu tun. Der skrupellose John Fitzgerald wird unter anderem beauftragt, für ein würdiges Begräbnis zu sorgen, sobald Glass seinen Verletzungen erliegt. Dieser denkt allerdings nur an sich und verbuddelt Glass, um ihn zum Sterben zurückzulassen. Der ist allerdings nicht so einfach tot zu kriegen und begibt sich von nun an auf eine Rache-Mission, auf der er um das eigene Überleben kämpfen muss.





Meinung:
Für Alejandro González Iñárritu konnte es zuletzt kaum besser laufen. Seine mit Stars gespickte Satire "Birdman", die so gedreht wurde, dass sie wie ein einziger Long-Take wirkte, war nicht nur bei Kritikern ein voller Erfolg, sondern gewann auch noch entscheidende Oscars wie "Bester Film", "Beste Regie", "Bestes Originaldrehbuch" und "Beste Kamera". Nun meldet sich der Regisseur mit "The Revenant" zurück, ein Film, der im Vorfeld bereits für handfeste Schlagzeilen sorgte. Von menschenunwürdigen Drehbedingungen konnte man lesen, von Crewmitgliedern, die frustriert das Handtuch warfen und von einem Regisseur, der alle Beteiligten zum Äußersten getrieben hatte und darauf bestand, in chronologischer Reihenfolge und ausschließlich mit natürlichem Licht zu drehen.


Leo als Lastenesel (der Mann kann einfach alles spielen)
Diese außergewöhnlichen, kräftezehrenden Produktionsbedingungen merkt man dem fertigen Film nun auch in jeder Sekunde an. "The Revenant" ist ein unglaublich intensives Seherlebnis, bei dem sich Erschöpfung, Verzweiflung und Wahnsinn oftmals vom fiktiven Geschehen des Films direkt auf den Betrachter selbst übertragen. Die wieder einmal atemberaubende Kameraarbeit des virtuosen Emmanuel Lubezki, die brillante Musikuntermalung und die authentische Wucht der Schauplätze, aus denen der Regisseur das Maximum an eisiger Kälte, Matsch, Regen aber auch wunderschöner Naturkulisse schöpft, erzeugen im Zusammenspiel eine Wucht, die den Betrachter nach der Sichtung ausgelaugt und wie paralysiert zurücklassen. Iñárritu schildert dabei einen auf wahren Ereignissen beruhenden Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass, der im 19. Jahrhundert auf einer Expedition von seinem Team notgedrungen zurückgelassen wird und speziell einem extrem skrupellosen Mann aus diesem Team aufgrund persönlicher Gründe fortan nach dem Leben trachtet. Hierdurch entsteht gleich auf mehrfacher Ebene ein verbitterter Kampf, denn Glass muss Nahrung und Wasser finden, wobei ihm die unberechenbare Tierwelt inmitten der Wälder, aber auch feindlich gesinnte Indianer stets das Leben kosten können.


Hat Tom Hardy etwa einen Geist gesehen?
Aus dieser Ausgangslage kreiert Iñárritu einige Szenen und Momente, die an Intensität kaum zu überbieten sind und die man wohl so schnell nicht mehr vergessen wird, sobald man sie gesehen hat. Auch wenn sich in die Handlung über die doch recht lang geratenen 2,5 Stunden Laufzeit ein paar Durststrecken eingeschlichen haben und die Geschichte an einigen Stellen an unnötigen Nebenschauplätzen verweilt, obwohl der konzentrierte Überlebenskampf sowie Rache-Trip der Hauptfigur alleine sicherlich genügt hätte, ist "The Revenant" so erbarmungslos, so packend und so aufsaugend in seiner gesamten Wirkungsweise, dass diese Längen schnell vergessen sind. Sobald Glass vor die nächste unmenschliche Herausforderung gestellt wird, Iñárritu manchmal auch Ausschweifungen in mystische Fiebertraum-Sequenzen unternimmt oder die zähneknirschenden Darsteller zu Höchstleistungen peitscht, kann man sich dem Bann kaum noch entreißen und will sich manchmal zwingen, nicht zu blinzeln. Getragen wird der Film dabei von einem bahnbrechenden Leonardo DiCaprio, der hier wirkliche Höllenqualen durchleiden muss und die schmerzhafte Reise seiner Figur zu jedem Moment perfekt verkörpert. Auffällig ist außerdem Tom Hardy, der mit schwer verständlichem Südstaaten-Slang und purem Wahnsinn in den Augen zu einem gewaltigen Gegenspieler aufsteigt.


Alejandro González Iñárritu hat es sich also eindeutig nicht leicht gemacht mit seinem "The Revenant". Vom schwarzen Humor und der gewissen Zugänglichkeit seines "Birdman" ist hier nichts mehr übrig geblieben. Dieser Film stellt seine Zuschauer auf die Probe und verlangt ihnen wie seiner Hauptfigur so einiges ab. Belohnt wird man trotz einer Längen und erzählerischer Ausreißer mit einem besonderen Seherlebnis von unglaublicher Intensität, welches meisterhaft inszeniert sowie hingebungsvoll gespielt wurde und einige Szenen enthält, die man nicht mehr so schnell vergessen wird.


8,5 von 10 Pferden, die zur nächtlichen Unterkunft zweckentfremdet werden


von Pat

Review: TITANIC - Das wahre Können des James Cameron

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Fakten:
Titanic.
US. 1997. Buch und Regie: James Cameron. Mit: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Kathy Bates, Billy Zane, Frances Fisher, David Warner, Jonathan Hyde, Charlotte Chatton, Gloria Stuart, Suzy Amis, Bill Paxton, Lewis Abernathy u.a. Länge: 194 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Die hundertjährige Rose erzählt in der Gegenwart einigen Meerestauchern von ihren Erlebnissen auf der Titanic und wie sie ihre große Liebe Jack Dawson kennenlernte.





Meinung:
Eigentlich sollten sich einleitende Worte erübrigen, wenn es um diesen Film geht. Wer kennt ihn denn schon nicht, den Film, der lange Zeit der erfolgreichste Filme war und der ein seltsames Phänomen begründet. Es gibt keinen anderen Film, bei dem von der Gesellschaft von einem Mann so krampfhaft erwartet wird, dass er ihn nicht mag. Es gibt keinen anderen Film, bei dem man sich als Filmfan so sehr fühlt, als müsse man sich schämen, wenn man ihn mag. Der Filmtitel scheint rhetorisch mit den Worten „Echt!?“ und „Nee, oder?“ untrennbar verbunden zu sein. Nicht so bei den Muscheln, euren mutigen Helden, die einmal reinen Tisch machen wollen. Mit einem Film und der unverständlichen Reaktion vieler Eingeweihten und Unwissenden.



Es sind nämlich (so scheint es, so muss es sein) hauptsächlich Menschen, die den Film gar nicht gesehen haben, aber der Meinung sind, darüber abkotzen und im „lustigsten“ Fall die sexuelle Orientierung des männlichen „Titanic“-Fans in Frage zu stellen. Dabei scheinen diese militanten Augenverschließer gar nicht zu wissen oder gar wissen zu wollen, was ihnen entgeht, wenn sie sich bewusst unter dem Druck eines verklärten (halb-)allgemeinen Tenor dem Film nicht offenbaren. Denn auch wenn der Film zugegebenermaßen voll und ganz auf seine emotional wuchtige Kraft baut, funktioniert das Werk von James Cameron auch in Gedanken, auf dem Papier und in einer analysierbaren Facette. Der Ozeanriese funktioniert als eine Metapher für den Menschen und seine immer spitzer zulaufende Vorstellung von einem Leben. Die Gier, die Fantasie der Macht, die Maximierung des Seins und der leichtfertige Umgang mit eben diesen Eigenschaften vereinen sich zu einem Schiff, das traumhaft anzusehen ist und verblendet. Rose fragt den Herren, der die RMS Titanic entworfen hat, ob Sigmund Freud ihm etwas sage. Er verneint. Aber die machohafte Einstellung ist deutlich geworden und wird immer wieder deutlich, wenn die Männer das Schiff als „sie“ bezeichnen und auf dem Deck nach der Kollision mit Eisbrocken Fußball gespielt wird.


"Was, es gibt hier keine Bildunterschriften?! Aber wieso???"
Aus heutiger Sicht lässt sich ebenso einfach wie schnell über die Geschichte des Schiffes und all der Verantwortlichen urteilen. Fanatisches Streben nach Macht und Prestige sei schlecht, die Menschen jagten einem augenscheinlichen Traum nach, ohne zu wissen, dass der Traum sich eigentlich als Verderben entpuppen würde. Jedoch nutzt Cameron die Rahmenhandlung in der Gegenwart mehr als geschickt, um einerseits ein ausgefeiltes dramaturgisches Konstrukt zu erstellen und andererseits, um die Werte und Lehren der alten Zeit in Relation zu setzen. Auch heute noch vergeigen wir zu viel Zeit damit, unerklärten und ziellosen Instinkten nachzujagen. Die Taucher suchen nach einem Diamanten und finden „nur“ Zeichnungen. Sie sind enttäuscht von ihrer Wertlosigkeit. Eine Einstellung, die jedem Zuschauer und Protagonisten am Ende des Filmes unerklärlich scheint. Die Vereinigten Staaten werden gleichzeitig entlarvt, als Land, dessen Motto ein vergessener Traum ist, der vielleicht mal existierte, aber nur noch verrotten in den tiefsten Jagdgründen aufzufinden scheint. Als Symbol für Freiheit und Gleichheit inszeniert, ist es eigentlich eine Aristokratie, in der eine konstante Hierarchie herrscht und auch eben das auch so bleiben soll. In dem Aspekt genießt „Titanic“ nach wie vor den Pluspunkt der aktuellen Relevanz.



Zugegeben, all das kann man schnell übersehen, wenn man einen 180-Minüter schaut, der einem auch diese Hintergründe nicht ins Ohr schreit, sondern entdeckt werden müssen. Aber selbst wenn man den Hintergrund beiseitelässt und sich nur auf die emotionale Komponente des Werkes konzentriert, selbst dann nimmt der Film mit seiner monumentalen Größe gefangen. Es ist einer der größten Stärken von James Camerons Arbeit: Er wiegt den Zuschauer zunächst seicht in er Hand, gibt ihm etwas Zeit, um es sich gemütlich zu machen und begeht mit ihm dann eine Rundfahrt, die ihresgleichen sucht. Camerons Griff schlingt sich immer fester zu und seine Schritte werden immer größer, aber man ist gezwungen mitzuhalten und anfangs scheint eben dies auch noch federleicht vonstatten zu gehen. Und auch wenn der Film altbekannt ist und man alle Szenen und kleineren Sätze mitsprechen und die Lieder mitsammen kann, ist man gebannt, hat Spaß und blendet komplett alles aus, was noch so kommen mag. Bei der 80-Minuten-Marke ist es dann schließlich so weit. Rose soll ihre Augen schließen und Jack vertrauen, er breitet ihre Arme aus und gemeinsam fliegen sie in ihre eigene Welt, in der Freiheit existiert und Rose sich von ihren gesellschaftlichen Fesseln befreien kann, obwohl sie eigentlich privilegiert ist. In solchen Momenten kann der Film seine ganze Kraft auf den Zuschauer einwirken lassen.


„Titanic“ hilft es sicherlich, dass die Produktionshintergründe so bombastisch und erstklassig sind, sodass Effekte, Dramaturgie, Schauspieler, Kostüm, Beleuchtung und Musik wirklich ziemlich ausgefeilt bis herausragend sind. Aber doch scheint es letztendlich Camerons fähige Führung zu sein, die alle Elemente verbindet und vor einem realen Hintergrund ein dreistündiges Theaterstück inszeniert, das Drama, Katastrophe, Coming of Age und Romantik ebenso elegant wie wirkungsvoll verbindet, sodass die 180 Minuten auch bei der zehnten Sichtung noch immer flüssig über die Bühne gehen. Das Schiff transformiert zu seinem Symbol des Menschen für Freiheit, Gier, Idiotie, Neid, Liebe und Gefühl. Es ist ein weitreichender Mix, aber einer, der jedem Element die gleiche Aufmerksamkeit und das gleiche Können widmet, wie den anderen, sodass letzten Endes nirgends Einsparungen auszumachen sind. Das verdient Respekt und Anerkennung und nicht etwa Häme, unerklärten Hass oder Ignoranz. Ein letztes Wort soll noch James Horner gebühren, der gestern ums Leben kam. Seine Musik ist es, die bleibt und die Jahre überdauern wird und die mit einem Menschen unglaubliche Dinge anstellen kann. Ihre Pracht, Präzision und Perfektion fließt in diesem Werk mit den Bildern ineinander und lässt einen mehr fühlen, als man erwarten würde. „Titanic“ ohne Horner? Möchte man sich nicht vorstellen.


9 von 10 french girls


von Smooli

Review: CATCH ME IF YOU CAN – Millionenschwindler mit Milchbart

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Fakten:
Catch me if you can
USA, Kanada.
2002. Regie: Steven Spielberg. Buch: Jeff Nathanson, Frank W. Abagnale (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Nathalie Baye, Amy Adams, Martin Sheen, James Brolin, Jennifer Garner, Elizabeth Banks, Frank John Hughes, Brian Howe, Chris Ellis, Ellen Pompeo, Steve Eastin u.a. Länge: 135 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die wahre Geschichte des Frank W. Abagnale jr., der bereits als Teenager zu einem der meist gesucht Checkfälscher der USA wurde und sich lange Zeit ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem FBI, vertretend durch den Agenten Carl Hanratty, lieferte.





Meinung:
Man hatte die Hoffnungen ja schon irgendwie aufgegeben, dass Steven Spielberg mal wieder Interesse daran zeigt, das Herz der Zuschauer in den Sälen der Lichtspielhäuser in den höchsten Tönen schlagen zu lassen. Sein Eskapismus war nicht mehr locker-leicht konzipiert, er war von einer entsättigten Düsternis gezeichnet, die den Kleinen der Familie konsequent den Riegel vorschob: Auf „Schindlers Liste“ folge das Sklaven-Drama „Amistad“, nach „Der Soldat James Ryan“ kam die hervorragende Dystopie „Minority Report“. Zwischendurch durfte zwar „A.I. - Künstliche Intelligenz“ noch einmal etwas Magie versprühen, doch von dem federleichten Gestus eines „E.T. - Der Außerirdische“, „Jurassic Park“ oder der „Indiana Jones“-Trilogie waren seine Werke bis zum Jahre 2002 dann doch immer einen ordentlich Schritt weit entfernt. Mit „Catch Me If You Can“ sollte sich dann allerdings etwas ändern und der immer irgendwo Kind gebliebene Kinoillusionär bewies eindrucksvoll, dass er immer noch ohne Probleme leichtfüßiges Familienkino der Extraklasse auf die Beine stellen kann.


Vater und Sohn, zwei Hochstapler unter sich
Ohne extraterrestrische Lebewesen oder die Peitsche schwingende Schätzjäger, führt uns „Catch Me If You Can“ zurück eine Filmwelt, die atmosphärisch an die luftig inszenierten Räuberpistolen der 1950er oder 1960er Jahre. Gleich Anfang schon werden wir direkt mit einem hervorragend von Kuntzel und Deygas designten Titelsequenz verwöhnt, die in ihrer gesamten Verspieltheit aufzeigt – während sie das Katz- und Mausspiel des Filmes reflektiert -, welch nostalgische Verbundenheit Steven Spielberg zur Kinematographie an und für sich pflegt. Leonardo DiCaprio, der seinen großen Durchbruch als allgemein als ernstzunehmender Schauspieler mit „Gangs of New York“ verzeichnen sollte, hat es dann doch eher „Catch Me If You Can“ zu verdanken, dass ihm heutzutage ein derartiger Ruf und Stand zuteil geworden ist. Aus der Schublade des verweichlichten Schönling, die er mit „Titanic“ noch einmal bestätigte, zeigt DiCaprio als Frank Abagnale, jr., dass er nicht nur ungemein wandelbar in seiner Rollenwahl zu Werke schreiten kann, sondern legt auch den Grundstein für seine Flexibilität historische Figuren zu verkörpern. Als tatsächlich existierender Frank Abgnale, jr. drückt sich DiCaprio mit ausbalancierter Performance in den Fokus.


Carl ist Frank ganz dicht auf der Spur
Frank Abagnale, jr ging als Hochstapler und Scheckbetrüger in die Geschichte ein und hat am Ende der 1960er Jahre das FBI (im Film personifiziert von einem grandios-lakonischen Tom Hanks als Carl Hanratty) so zum Narren gehalten, wie es ihm gefallen hat – Und er war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal volljährig. „Catch Me If You Can“ nimmt sich der kriminellen Laufbahn des Frank Abagnale, jr. an, ohne diese natürlich durch den ideologischen Fleischwolf zu drehen. Das pointierte Drehbuch von Jeff Nathanson, der von Frank Abagnale, jr. unterstützt wurde, verschiebt die Verbrecherjagd hingegen in eine komödiantische Tonalität und schlägt als Liebesklärung an das altmodische Kino derart entzückende Haken, dass es dem Film an Kurzweil gewiss nicht fehlen möchte. Allein mitanzusehen, wie der 16-jährige New Yorker nach der Scheidung seiner Eltern von Zuhause ausbricht und sich durch die renommiertesten Berufszweige schummelt, ist ein Fest für die Sinne: Vom von jeder Seite glorifizierten Himmelstürmer, der schließlich als Gott in Weiß in Karriere macht und anschließend noch als angeblicher Advokat seinen Schwiegervater in spe um den Finger zu wickeln versucht. Immer hinter ihm, manchmal auch nur einen Schritt zu später (oder den einen Funken zu naiv): Carl Hanratty.


Wenn Frank Abgnale, jr. dann immerzu in Luxus und Dekadenz schwimmt, schält sich sein familiärer Scherbenhaufen, der fortwährend unter der Oberfläche schmerzt, an das Tageslicht: Versucht darin, den finanziellen Ruin seines Vaters zu neutralisieren, schwindelt sich Frank quer durch die Staaten, später auch über die Landesgrenzen hinaus, schafft es dadurch aber natürlich nicht, seine sich entfremdeten Elternteile wieder zueinander zubringen. Jede Finte treibt ihn weiter weg, weil, wie Carl Hanratty gegen Ende richtiggehend feststellt, lebt es sich mit der Lüge manchmal leichter. Frank weiß, dass er den Klebstoff der Liebe nicht durch seine hochstaplerische Delinquenz vorfindet. Mit der Verve der farbenfrohen goldenen Ära ist „Catch Me If You Can“ mustergültiges Entertainment, das jede Menge Spaß bereitet, immer stilvoll in Szene gegossen, ohne den Zuschauer aber auch emotional zu unterstättigen: Gerade der Moment, in dem Frank als Heimatloser durch den Bürokomplex des FBI streunend beweist das nachhaltig. Man kommt nicht Drumherum, egal wie man den Film dreht und wendet, „Catch Me If You Can“ als exzellentes Unterhaltungskino zu bezeichnen, werden doch alle Wünsche bestätigt.


8 von 10 anregenden Zwischenstopps


von souli

Review: DEPARTED - UNTER FEINDEN - Remake ist kein Schimpfwort

2 Kommentare:


Fakten:
Departed – Unter Feinden (The Departed)
USA, 2006. Regie: Martin Scorsese. Buch: William Monahan, Alan Mak & Felix Chong (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Alec Baldwin, Vera Farmiga, Ray Winstone, Anthony Anderson, James Badge Dale, Kevin Corrigan, David O’Hara u.a. Länge: 151 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Billy Costigan und Colin Sullivan beenden gleichzeitig die Polizeischule von Boston. Während Musterschüler Colin direkt zum Detective aufsteigt, wird Billy aufgrund seiner Herkunft aus dem kriminellen Milieu aussortiert. Zum Schein. Denn Captain Queenan sucht einen Mann, den er glaubhaft in die Gang von Gangster Costello einschleusen kann. Nur er und sein Kollege Dignam wissen von der Aktion, denn überall im Department gibt es undichte Stellen. Tatsächlich gelingt es Billy, in Costello’s engsten Kreis zu kommen. Allerdings scheint es in den Reihen der Polizei auch einen Maulwurf zu geben, denn Costello ist immer im richtigen Moment gewarnt. Der Doppelagent ist niemand anderes als Wunderkind Sullivan, insgeheim der Ziehsohn von Costello. Bald wissen beide Seiten von der jeweiligen Ratte, kennen allerdings nicht ihre Identität. Die Jagd beginnt…







Meinung:
Es war mindestens so verwunderlich wie überfällig, dass Martin Scorsese ausgerechnet für „Departed“ erstmals den Oscar als bester Regisseur und für den besten Film entgegen nehmen durfte. Nicht auf die Qualität des Films gemünzt, eher auf den Zeitpunkt und die Rahmenbedingungen. Man muss sich nur mal vor Augen führen, was der Mann bis dahin schon für eine filmische Vita vorweisen konnte, wann immer er leer ausging und das er nun „nur“ für ein Remake endlich den verdienten Lohn einstreichen durfte. Nach fast 40 Jahren als Kinoregisseur. Unglaublich. Da gab es Filme wie „Taxi Driver“ – sicher einer der wichtigsten Filme seiner Zeit und vielleicht einer der besten Filme überhaupt -, „Wie ein wilder Stier“, „GoodFellas“ oder „Casino“, den eigentlich als „Lebenswerk“ geplanten (allerdings vom Studio unübersehbar zerstörten) „Gangs of New York“, das hervorragende Bio-Pic „Aviator“, immer stand Marty lediglich als Meister der Herzen da. Nun also ein Remake. Ob für Scorsese ein Ritterschlag oder ein Armutszeugnis für die Kreativitätsschmiede von Hollywood, dass dies in der Tat einer der besten US-Filme dieses Jahrtausends ist, muss sehr differenziert betrachtet werden, soll allerdings jetzt keine große Rolle spielen. Ist eher einen eigenen Text wert.



Vater-Sohn-Gespräche in der Bums-Bude.
Scorsese nimmt hier nicht  – wie sonst üblich, einfach und billig – einen erfolgreichen Film aus Übersee und kleistert ihn möglichst konturlos für den neuen Markt zusammen, er drückt ihm seinen eigenen Stempel, seine unverkennbare Handschrift auf. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde „Departed“ wohl ohne Frage als einen „selbstständigen“ Scorsese durchwinken. Aus dem Reich der Mitte bis nach Boston ist es nur ein Katzensprung, Scorsese inszeniert „seine“ Ostküste als die achte Hölle mit irischem Anstrich. Mit enormen Stallgeruch lässt er die Ursprünge früh vergessen, baut wie gewohnt auf einen präzise ausgewählten Cast, seine brillante Umsetzung in Bild, Schnitt und Ton und macht „Departed“ zu der spannendsten Mäuse-, oder eher Ratten,-Jagd, die seit Jahren die große Leinwand heimsuchte. Wenn sich überhaupt was kritisieren lässt, dann eventuell die Wahl für Matt Damon und Mark Wahlberg, aber auch das nur eingeschränkt. Damon dürfte wohl zu den überschätztesten A-Stars seiner Zeit gelten, obwohl er auch hier nichts zerstört. Als Gegenpart für den furiosen DiCaprio ist er eigentlich nicht der Rede wert, ein Phänomen seiner Zeit, der unvermeidliche Damon. Wahlberg war sogar für den Oscar nominiert, kann natürlich mit lokaler Schnauze pöbeln, daher gut gewählt. Mehr ist das nicht, scheint ja allgemein gewirkt zu haben, nun gut, so gesehen halt exakt besetzt. Selbst solche „Mängel“ lassen nur minimale Luft nach oben, denn ansonsten spielt Scorsese alle seine Stärken aus.



Im Gespräch mit der Bestie.
Mit der Sprengkraft einer scharfen Handgranate lässt er den Plot bis zur finalen Detonation überkochen und letztlich explodieren, baut auf die ihm in die Wiege gelegte Mischung aus rasanter, gleichzeitig episch-ausführlich angelegter Erzählweise, die niemals an Tempo einbüßt, selbst wenn 2 ½ bis 3 Stunden ins Land gehen. Kein Wort zu viel, keine verschenkte Szene, alles – selbst die im ersten Moment vielleicht als überflüssig anzusehende Romanze – ist Baustein und nicht Bremsklotz. Wie sich jedes Detail so brutal, dynamisch und unglaublich druckvoll am Ende zu einem kompakten Packet schnürt, das verstehen nur wenige. Scorsese spielend. Hinter dem hochspannenden Plot verpackt er zudem fast beiläufig eine sehr deutliche Kritik am durch Korruption hervorgerufenen Unsinn – oder eher Missstand – des Polizeisystems. Niemand vertraut niemanden, jeder kocht sein eigenes Süppchen, Spitzel bespitzeln Spitzel, Informationsfluss gleich null, am Ende steigt keiner mehr durch. Freund und Feind sind nicht mehr trennbar, weil jeder Angst vor der unsichtbaren Lücke hat, das nicht mal unberechtigt. Eine Ratte beißt der anderen nicht den Schwanz ab, mag man denken, eigentlich fressen sie sich gegenseitig auf. Die Frage ist nur, wer hat den längeren Schwanz.


Ratten unter sich.
Verzuckert wird das Glanzstück der Hochspannung und narrativen Extraklasse noch durch einen Jack Nicholson, der ursprünglich nicht die erste Wahl war. Eigentlich sollte Robert De Niro die Rolle spielen, sagte ab, weil er seinen eigenen Film – „Der gute Hirte“ – drehte. Kurios: DiCaprio hatte für diesen Film schon Szenen gedreht, sprang wegen „Departed“ ab, seinen Part übernahm…Matt Damon, der kaum weniger Screentime hier hatte. Ein Durcheinander, De Niro war sauer auf Leo, Matt hatte zwei dicke Hauptrollen, Mad-Jack war im Spiel und nutzte dieses grandios. Wild improvisierend, wohl etwas anstrengend, im Resultat allerdings sensationell und seine bis heute letzte, famose Leistung. Mit De Niro wäre das schon super, mit Nicholson ist es das Sahnehäubchen. Als vulgärer, diabolischer, intelligenter und mit allen Gossen-Wassern gewaschener Straßenköter ist er so ideal, selbst ein De Niro auf seinem Höhepunkt hätte kämpfen müssen. Manchmal hat man Glück im Unglück. Scorsese hatte es und ob „Der gute Hirte“ mit DiCaprio wesentlich besser gewesen wäre, eher unwahrscheinlich.


Um zur Ausgangsdiskussion zurück zukommen: „Departed“ ist wohl nicht der beste Film von Scorsese. Nicht mal unter den Top-3. Dennoch ist es der beste Film seines Jahrgangs und für ein Remake besser, als jemals denkbar. Wenn ein Oscar mal verdienter war, hier nicht. Wenn er überfälliger und zur der Zeit richtiger war, absolut. Nervenkitzel auf höchstem Niveau, ruppig, knüppeldick und aufreibend. Sensationell.

9 von 10 CITIZENS