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Review: THE REVENANT – DER RÜCKEHRER – Der pure Kampf ums Überleben

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Fakten:
The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant)
2015, US. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith. Mit: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Paul Anderson, Lukas Haas, Brendan Fletcher, Forrest Goodluck u.a. Länge: 156 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab 06.Januar 2016 im Kino.


Story:
Der Trapper Hugh Glass führt ein Team auf einer Expedition im Jahr 1823 durch die Wildnis von Nordamerika. In einem unachtsamen Moment wird er von einem Bären attackiert und schwer verletzt. Seine Team-Kollegen möchten ihn nicht zurücklassen, sehen sich aber gezwungen, genau das zu tun. Der skrupellose John Fitzgerald wird unter anderem beauftragt, für ein würdiges Begräbnis zu sorgen, sobald Glass seinen Verletzungen erliegt. Dieser denkt allerdings nur an sich und verbuddelt Glass, um ihn zum Sterben zurückzulassen. Der ist allerdings nicht so einfach tot zu kriegen und begibt sich von nun an auf eine Rache-Mission, auf der er um das eigene Überleben kämpfen muss.





Meinung:
Für Alejandro González Iñárritu konnte es zuletzt kaum besser laufen. Seine mit Stars gespickte Satire "Birdman", die so gedreht wurde, dass sie wie ein einziger Long-Take wirkte, war nicht nur bei Kritikern ein voller Erfolg, sondern gewann auch noch entscheidende Oscars wie "Bester Film", "Beste Regie", "Bestes Originaldrehbuch" und "Beste Kamera". Nun meldet sich der Regisseur mit "The Revenant" zurück, ein Film, der im Vorfeld bereits für handfeste Schlagzeilen sorgte. Von menschenunwürdigen Drehbedingungen konnte man lesen, von Crewmitgliedern, die frustriert das Handtuch warfen und von einem Regisseur, der alle Beteiligten zum Äußersten getrieben hatte und darauf bestand, in chronologischer Reihenfolge und ausschließlich mit natürlichem Licht zu drehen.


Leo als Lastenesel (der Mann kann einfach alles spielen)
Diese außergewöhnlichen, kräftezehrenden Produktionsbedingungen merkt man dem fertigen Film nun auch in jeder Sekunde an. "The Revenant" ist ein unglaublich intensives Seherlebnis, bei dem sich Erschöpfung, Verzweiflung und Wahnsinn oftmals vom fiktiven Geschehen des Films direkt auf den Betrachter selbst übertragen. Die wieder einmal atemberaubende Kameraarbeit des virtuosen Emmanuel Lubezki, die brillante Musikuntermalung und die authentische Wucht der Schauplätze, aus denen der Regisseur das Maximum an eisiger Kälte, Matsch, Regen aber auch wunderschöner Naturkulisse schöpft, erzeugen im Zusammenspiel eine Wucht, die den Betrachter nach der Sichtung ausgelaugt und wie paralysiert zurücklassen. Iñárritu schildert dabei einen auf wahren Ereignissen beruhenden Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass, der im 19. Jahrhundert auf einer Expedition von seinem Team notgedrungen zurückgelassen wird und speziell einem extrem skrupellosen Mann aus diesem Team aufgrund persönlicher Gründe fortan nach dem Leben trachtet. Hierdurch entsteht gleich auf mehrfacher Ebene ein verbitterter Kampf, denn Glass muss Nahrung und Wasser finden, wobei ihm die unberechenbare Tierwelt inmitten der Wälder, aber auch feindlich gesinnte Indianer stets das Leben kosten können.


Hat Tom Hardy etwa einen Geist gesehen?
Aus dieser Ausgangslage kreiert Iñárritu einige Szenen und Momente, die an Intensität kaum zu überbieten sind und die man wohl so schnell nicht mehr vergessen wird, sobald man sie gesehen hat. Auch wenn sich in die Handlung über die doch recht lang geratenen 2,5 Stunden Laufzeit ein paar Durststrecken eingeschlichen haben und die Geschichte an einigen Stellen an unnötigen Nebenschauplätzen verweilt, obwohl der konzentrierte Überlebenskampf sowie Rache-Trip der Hauptfigur alleine sicherlich genügt hätte, ist "The Revenant" so erbarmungslos, so packend und so aufsaugend in seiner gesamten Wirkungsweise, dass diese Längen schnell vergessen sind. Sobald Glass vor die nächste unmenschliche Herausforderung gestellt wird, Iñárritu manchmal auch Ausschweifungen in mystische Fiebertraum-Sequenzen unternimmt oder die zähneknirschenden Darsteller zu Höchstleistungen peitscht, kann man sich dem Bann kaum noch entreißen und will sich manchmal zwingen, nicht zu blinzeln. Getragen wird der Film dabei von einem bahnbrechenden Leonardo DiCaprio, der hier wirkliche Höllenqualen durchleiden muss und die schmerzhafte Reise seiner Figur zu jedem Moment perfekt verkörpert. Auffällig ist außerdem Tom Hardy, der mit schwer verständlichem Südstaaten-Slang und purem Wahnsinn in den Augen zu einem gewaltigen Gegenspieler aufsteigt.


Alejandro González Iñárritu hat es sich also eindeutig nicht leicht gemacht mit seinem "The Revenant". Vom schwarzen Humor und der gewissen Zugänglichkeit seines "Birdman" ist hier nichts mehr übrig geblieben. Dieser Film stellt seine Zuschauer auf die Probe und verlangt ihnen wie seiner Hauptfigur so einiges ab. Belohnt wird man trotz einer Längen und erzählerischer Ausreißer mit einem besonderen Seherlebnis von unglaublicher Intensität, welches meisterhaft inszeniert sowie hingebungsvoll gespielt wurde und einige Szenen enthält, die man nicht mehr so schnell vergessen wird.


8,5 von 10 Pferden, die zur nächtlichen Unterkunft zweckentfremdet werden


von Pat

Review: BIRDMAN ODER (DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT) - There's No Business Like Show Business

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Fakten:
Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
USA. 2014. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Arando Bo, Alejandro González Iñárritu, Nicolàs Giacobone, Alexander Dinelaris Jr. Mit: Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Zach Galifianakis, Andres Riseborough, Naomi Watts, Amy Ryan, Lindsay Duncan, Merrit Wever u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 11. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Riggan Thompson ist Schauspieler und wird immer wieder mit seiner Superheldenrollen Birdman in Verbindung gebracht, die er für über 20 Jahren spielte. Um endlich als „echter“ Darsteller wahrgenommen zu werden, will Riggan am Broadway ein Stück inszenieren, sowie dort selbst mitspielen. Doch als ein Kollege von Rigga absagt, scheint das Scheitern des Projekt unausweichlich. Zum Glück springt Theater-Star Mike Shiner ein, doch damit werden Riggans Probleme nur noch mehr.





Meinung:
Wie schnell läuft man als Schauspieler doch Gefahr, immer und immer wieder auf eine markante Rolle reduziert zu werden. Hören wir beispielsweise den Namen Daniel Radcliffe, dann denken wir automatisch an seine Performance in der achtteiligen „Harry Potter“-Reihe, nicht etwa an seinen Auftritt in Nico Muhlys „Kill Your Darlings – Junge Wilde“, genau wie wir Heath Ledger nicht mit Terry Gilliams „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ assoziieren, sondern mit dem die Zunge schnalzenden und den Speichel durch die Wagentaschen schiebenden Joker in Christopher Nolans „The Dark Knight“. Die Konsequenzen dieser forcierten Gleichsetzung lassen sich in den eingefallenen Gesichtern, sowie den versiebten Karrieren vieler Künstler ablesen: Der Erwartungsdruck belästigt und bremst etwaig anvisierten Entwicklungsprozess und am Ende heißt es womöglich billige Ostblock-Reißer zu drehen, weil es ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist, sich aus dem Schatten ehemaliger Box-Office-Mirakel zu winden. Auch Michael Keaton kann davon ein Lied singen, deswegen ist „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ in erster Linie auch sein Film.


 
Riggans Tochter hat Probleme
Viel wurde vorab über Alejandro Gonzalez Inarritus neusten Streich geschrieben, überall hat man sich das Maul über die tonale Kehrtwende zerrissen, offerierte der Trailer doch ganz eindeutig, dass in „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ auf direktem Wege auch eine humoristische Komponente in das Geschehen integriert wird. Das kommt natürlich einer Art Quadratur des Kreises gleich, denn wer sich mit Alejandro Gonzalez Inarritus bisherigem Schaffen auseinandergesetzt hat, der weiß, dass bei dem Mann nicht gerade unbekümmert-legere Witzigkeit oberste Priorität inne trägt, sondern betonschwere Melodramatik, die dann auch in seiner 150-minütigen Passionsgeschichte „Biutiful“ mit Javier Bardem in erdrückender Formung kulminierte. „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist in seiner narrativen Strukturierung aber letzten Endes gar nicht so distanziert von Filmen wie „Amores Perrors – Wilde Hunde“, „21 Gramm“ oder „Babel“ anzusiedeln, sondern auch ein Film, der seine episodische Zergliederung durch seine Form beibehält und es den Akteuren sowie ihren charakterlichen Eigenarten so das Überschneiden und Differieren ihrer Wege ermöglicht.

 
Riggan und Mike Shiner bei der Aussprache
Im Mittelpunkt steht, wie erwähnt, Michael Keaton, der den abgeschlagenen „Birdman“-Darsteller Riggan Thomson verkörpert. Vor mehr als 20 Jahren hat er in der Rolle dieser Comic-Figur Weltruhm erlangt und die Kassen zum Klingeln gebracht, als er es allerdings abgelehnt hat, den vierten Teil der „Birdman“-Saga zu drehen, ging es mit seiner Karriere nur noch bergab. Die letzte Chance, um wenigstens noch einmal etwas in den Fokus der Medien zu geraten, sieht Riggan darin, Ryamond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ für den Broadway zu adaptieren. Ambitioniert wie er ist, zeigt er sich direkt mal als Schauspieler, Autor und Regisseur in Personalunion: Nur einmal in seinem Leben möchte er etwas wirklich Wichtiges erschaffen; etwas, das die Menschen bereichert, anstatt sie nur durch den inzwischen so sehr verehrten Gigantismus diverser hochbudgierter Produktionen abzustumpfen. Selbstredend steckt in der fiktiven Figur des Riggan Thomson viel vom realen Michael Keaton, der einst unter der Ägide von Tim Burton in „Batman“ und „Batmans Rückkehr“ glänzen durfte, danach aber doch eher ins Stagnieren geraten ist und zunehmend von der Bildfläche verschwand.

 
Birdman hebt ab
Dass Riggan nicht der einzige Knotenpunkt der Geschichte ist, der einen selbstreferenziellen Unterbau besitzt, ist bei dem Setting der Theaterbühne eindeutig. „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist auch eine mit galligem schwarzen Humor angereichte Reflexion über die Existenz als Schauspieler; eine Meditation über das Streben nach Größerem und dem permanenten Ringen mit beißenden Selbstzweifeln, die nicht zuletzt aus oftmals zutiefst verletzenden Gegenüberstellung von Selbst- und Öffentlichkeitswahrnehmung keimen. Das Theater per se ist ein Ort, an dem sich Sündenbabel und Purgatorium kreuzen und die niemals stillstehende Kamera von Emmanuel Lubezki das kreiselnd-abtastende Instrument, welches sich durch die Eingeweide der Kunst bis in den wirren Kopf des ehemaligen Superhelden bohrt. Das polternde Drum-Arrangment, welches wie eine Lawine über die Tonspur rollt, akzentuiert nicht nur die formale Dringlichkeit von „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, sie symbolisiert das Seelenleben der Protagonisten, die Ruhelosigkeit und die Mobilisierung letzter Willenskraft, den inbrünstig-schizophrenen Widerstand gegen die alles zerfressende Unbedeutsamkeit.


„Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist ein Film über das Showbusiness, über die Mechanismen und das System hinter Starrummel und Werbetrommel, hinter medialen Eintagsfliegen und wahren Ikonen, was ihn vielerorts zum Eitelkeitsprojekt gemacht hat, welches sich an schierer Prätention weidet. Stattdessen aber ist Alejandro Gonzelez Inarritu die wohl virtuoseste Satire über die Unterhaltungsindustrie samt all seinen mannigfachen Abzweigungen seit langer, langer Zeit gelungen. Huldigung und Abgesang, preschende Komik und sensible Tragik, stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Form und Inhalt gehen eine gar überwältigende Synthese ein, während Michael Keaton an forderster Front noch einmal unter Beweis, wieso man ihm so viele Jahre Unrecht getan hat – Er ist eben doch ein hervorragender Darsteller, absolut fähig nuancierte Charakter-Profile anzulegen und auszuspielen. Genau wie es Edward Norton als manierierter Method-Actor Mike Shiner endlich mal wieder vergönnt war, in einem überaus gelungenen Film zu glänzen. Wundervoll.


8 von 10 gelogene Geheimnisse


von souli

Trailerpark: Michael Keaton will es nochmal wissen - Toller erster Teaser zur Komödie BIRDMAN

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Er war Beetlejuice und Batman, doch jetzt wird Michael Keaton zu „Birdman“. Im neusten Film von Alejandro G. Inárritu ("Buitiful"), einer schwarzen Komödie, die bei uns am 15. Januar 2015 in die Kinos kommen soll, spielt Keaton einen einst gefeierten Superhelden-Darsteller, der nun versucht auf dem New Yorker Broadway wieder Fuß zu fassen. Meta-Ebene, ich hör‘ dich trapsen. Der erste Teaser sieht umwerfend aus und wir hoffen, dass der fertige Film am Ende uns ähnlich überzeugt. Auch Besetzungstechnisch lässt „Birdman“ auf Großes hoffen, denn Edward Norton, Emma Stone, Andrea Riseborough, Zach Galifnakis, Naomi Watts und Amy Smart geben sich die Ehre.


Review: 21 GRAMM - Schuld, Liebe, Rache

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Fakten:

21 Gramm (21 Grams)
USA, 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Guillermo Arriaga. Mit: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Danny Huston, Eddie Marsan, Clea DuVall, Jerry Chipman, John Rubinstein, Marc Musso, Teresa Delgado u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Paul Rivers ist dem Tode geweiht, wenn er kein Spenderherz bekommt. In letzter Sekunde erhält er tatsächlich das lebensrettende Organ. Auch wenn es ihm eigentlich untersagt ist, Paul will wissen, wessen Herz er in sich trägt. Bei seinen Nachforschungen findet er Cristina, die Witwe seines Spenders. Ihr Ehemann Michael und ihre kleinen Töchter wurden von einem Auto überfahren. Paul und Cristina verlieben sich ineinander. Doch Cristina hat den Schicksalsschlag noch nicht verarbeitet. Der Mann, der für den Tod ihrer Familie verantwortlich ist, soll sterben. Paul besorgt sich eine Waffe...




Meinung:
 
"Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem der Tod eintritt."


Bald um 21 Gramm leichter?
Warum? Was sind diese 21 Gramm? Ist es das, was wir als Seele bezeichnen? Was geschieht mit uns, mit diesen 21 Gramm? Und was passiert, wenn unser Herz in dem Körper eines anderen erneut zu schlagen beginnt? Das klingt jetzt alles etwas philosophisch und spirituell, das soll keinen falschen Eindruck erwecken. Denn darum geht es Alejandro González Iñárritu nur am Rande, mehr oder weniger der interpretative Zusatzhappen. Komplett losgelöst davon funktioniert sein kunstvoll, äußerst geschickt erzähltes Drama "21 Gramm" auch problemlos. Ein sehr emotionaler, bedrückender Trip durch Leid, Schmerz, Trauer, Rache, Vergeltung und Vergebung.

Cristina und Paul sind zu allem bereit
Was bei "21 Gramm" schnell hervorsticht und zu gesteigerter Aufmerksamkeit zwingt, ist sein unchronolgischer Erzählstil. Iñárritu springt in der Handlung vor und zurück, zerlegt seine Geschichte in viele, kurze Einzelszenen, die anfangs etwas wild und unübersichtlich wirkend zusammengeschnitten werden, doch das bedarf nur kurzer Eingewöhnungszeit. Genau genommen ist es erstaunlich, wie schnell der Zuschauer dennoch den Überblick behält, selbst zu Beginn, wo Details über Story und Figuren noch nicht bekannt sind. Das spricht für Iñárritu, denn er verwirrt nicht und scheint sich sehr genau Gedanken darüber gemacht zu haben, wann er uns welche Szene serviert. Aber ist dieser Stil denn überhaupt sinnvoll? Würde der Film nicht auch funktionieren, wenn er ganz schlicht von A nach B verlaufen würde? Ist das alles nur selbstverliebte Spielerei, mit der er zeigen möchte, was für ein toller Hecht er ist? Ja, es ist sinnvoll, ja er würde auch so funktionieren und nein, da steckt mehr dahinter. Auch chronologisch wäre "21 Gramm" ein toller, bewegender Film, doch wirkt er durch seinen Stil noch mal ganz anders. So wird dem Zuschauer immer wieder vor Augen geführt, was mit den Figuren passiert, wie sie sich im Laufe der Handlung entwickeln. Klar, das klappt auch auf normalen Weg, nur so ist es intensiver, schmerzvoller, effektiver. Wie ein Blick in die Zukunft, der uns dann wieder zurück in die Realität wirft und später nochmal zu den Punkten befördert, als alles noch ganz anders war. Die Entwicklungen werden somit immer reflektiert, nicht nur im Kopf, sondern direkt vor den Augen. Natürlich ist das irgendwo Spielerei, doch sie wertet das Gesamtprodukt tatsächlich auf. Von großartig auf herrausragend.

Die Schuld lässt Jack bald durchdrehen
Mag die Geschichte auf dem Papier etwas realitätsfremd wirken, so wie es hier geschildert wird, nehme ich das voll ab. Der oben angerissene Ansatz (nur ein neues Herz oder wurde da mehr transplantiert?) ist wirklich nur reiner, möglicher Subtext, darauf muss es sich nicht beziehen, erlaubt nur den Gedankenansatz. Dafür ist es viel zu glaubhaft inszeniert, hier werden Emotionen gezeigt, die zu den menschlichsten überhaupt gehören. Tiefe Trauer nach einem grauenhaften Schicksalsschlag, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, Auge um Auge, um des Seelenfriedens willen. Auch die Motivation von Sean Penns Figur Paul ist gar nicht so weit hergeholt, wie es im ersten Moment klingt. Er lebt nur, weil jemand anderes sein Leben lassen musste, er will mehr über seinen "Retter" erfahren und fühlt sich verantwortlich, in die Pflicht genommen, das macht für mich so wie es gezeigt wird Sinn. Das liegt nicht nur am Script und der sensiblen Inszenierung, es liegt zu einem nicht geringen Teil an den Darstellern.


Das alles überragende Dreigestirn heißt Sean Penn, Naomi Watts und Benicio Del Toro. Jeder von ihnen geht ans Limit, spielt sich die 21 Gramm aus dem Leib. Von kleinen Nuancen bis zu heftigen Gefühlseruptionen, besonders Watts hat mich schwer beeindruckt. Neben den Riesen Penn und Del Toro gibt sie Vollgas, was nicht in Overacting mündet, sondern einem fast die Schuhe auszieht. Ganz großartig, anders lässt sich das kaum beschreiben.


"21 Gramm" fasziniert von Anfang bis zu Schluss, ist wahnsinnig clever durchkomponiert und kippt niemals in Kitsch oder Klischee, was bei so einem Stoff immer schwierig wird. Im Gegenteil, ein fesselndes, erstklassig umgesetztes Stück Gefühlskino mit exzellenten Darstellern. Wunderbar!

9
von 10 Herzbuben

Review: BIUTIFUL - Vater bis in den Tod

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Fakten:
Biutiful
Mexiko, Spanien. 2010. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone. Mit: Javier Bardem, Maricel Àlvarez, Hanaa Bouchaib, Guillermo Estrella, Eduard Fernández, Cheikh Ndiaye, Ana Wagener, Blanca Portillo u.a. Länge: 148 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Es geht um einen Mann namens Uxbal. Er ist ein Kleinkrimineller, unterstützt einen afrikanischen Schwarzmarkthändlerring, schafft immer wieder billige chinesische Arbeitskräfte an und bringt arme Leute um ihr Geld. Aber Uxbal hat auch Prinzipien. Moral. Ehre. Und vor allem Liebe. Er versucht in einem heruntergekommenen Vorort von Barcelona seine beiden Kinder Mateo und Ana durchzubringen. Für sie tut er alles. Dazu kümmert er sich auch um andere, hilft ihnen, unterstützt sie. Aber dann tritt ein, was er schon lange ahnte: Uxbal wird sterben. Prostatakrebs im Endstadium. Keine Chance auf Heilung. Während er mit dieser Diagnose zurecht kommen muss, versucht er sich auch noch darum zu kümmern, dass es seinen Kindern auch nach seinem Tod gut geht.




Meinung:
Ganz untypisch erzählt Regisseur Alejandro González Iñárritu hier einen linearen Film, der langsam beginnt, aber schnurgerade auf sein unausweichliches Ziel hinläuft. Zwischen Dreck und Kriminalität in den heruntergekommenen Teilen von Barcelona geht es um einen einzelnen Mann namens Uxbal und dessen Versuch, seine beiden Kinder möglichst gut zu erziehen und ihnen ein schönes Leben zu bieten. Trotz Elend und Leid versucht er verzweifelt, vor seinem Tod die Zukunft seiner Kinder zu sichern und auch sein eigenes Leben zu ordnen. Der Film zeigt, wie wichtig ein Vater in der heutigen Zeit für Kinder ist. Und er begleitet Uxbal auf der Suche nach seinem eigenen Vater, der ihm schon immer gefehlt hat, und auf seinem Weg in den unausweichlichen Tod. Aber wie Iñárritu das macht, das ist mit kaum einem anderen Regisseur zu vergleichen.


Seine Kinder sind für Uxbal das Ein und Alles
Wie auch in „21 Gramm“ oder „Amores Perros“ lässt Iñárritu schon früh keinen Zweifel daran, dass es ein sehr deprimierender Film wird. Er drückt den Zuschauer zu Boden, um ihm dann, wenn er wehrlos ist, noch einen Tritt in den Magen zu verpassen. Und noch einen. Und noch einen. Bis man am liebsten gar nicht mehr aufstehen will. Aber dann hilft er dem Zuschauer doch wieder auf. Dann wirft er einen Blick auf die Familie, zeigt, wie rührend sich Uxbal um seine Kinder kümmert. Wie viel Liebe er zu geben hat. Nur, um kurz darauf den Zuschauer wieder niederzuschmettern. Unterstützt wird dieser emotionale Presslufthammer durch eine enorm abwechslungsreiche Musik des Argentiniers Gustavo Santaolalla, der für „Brokeback Mountain“ und „Babel“ bereits zwei Oscars erhalten hat. Ob nur einfache Klänge von der Gitarre oder dann wieder ein ganzes Orchester. Es passt immer. Genauso wie die Kameraarbeit von Rodrigo Prieto, die sehr stark auf Großaufnahmen setzt, was den von Bardem vermittelten Emotionen extrem zu Gute kommt, und der extrem auffällige Einsatz von Licht. Mal hell, mal dunkel, mal bunt, mal alles zugleich. Das alles unterstützt sowohl die Szenerie, in der sich Uxbal aufhält, macht aber auch dessen Gefühlslage deutlich. Nebenbei versucht Iñárritu noch, sozialkritische Aspekte mit einfließen zu lassen. Das macht er zwar angenehm unaufdringlich, aber leider dennoch wirkt der Film an manchen Stellen dadurch überladen.

 
Emotionales Schauspiel in Perfektion: Javier Bardem
Getragen wird dieser Film von Javier Bardem. Man könnte meinen, er habe bereits das ganze Leben dieses Uxbal gelebt, so sehr taucht er in seine Gedanken ein, so sehr stülpt er das Innerste Uxbals nach außen. Wenn man weiß, wie gut dieser Mann spielen kann, dann sollte man ihn sich noch ein bisschen besser vorstellen. Noch intensiver. Noch selbstzerstörerischer. Man hofft und bangt mit ihm und weiß doch schon sehr früh: für ihn gibt es keine Hoffnung und keinen Ausweg. Das macht das alles eigentlich fast unerträglich. Fast, denn Bardem spielt mit so viel Liebe, dass er, genau wie es Iñárritu macht, den Zuschauer immer wieder zumindest kurzzeitig aus seiner Depression herausholt. Auch die weiteren Darsteller reihen sich in diese emotionale Achterbahn gnadenlos mit ein. Besonders Maricel Àlvarez, die Marambra, die Mutter von Ana und Mateo spielt. Mal erscheint sie als liebevolle Mutter, um im nächsten Moment, gezeichnet von Drogen und Medikamenten, wieder durch depressives und doch überdrehtes Verhalten alle Sympathien zu verlieren.


Leider ist „Biutiful“ besonders in der ersten Hälfte ein gutes Stück zu lang geraten, nimmt sich zu viel Zeit, was ihm leider schadet. Dennoch hält der Film über Leben und Tod, über Liebe, über Familie und über Moral genau das, was er durch den Namen des Regisseurs verspricht. Eine Fahrt in das deprimierende und letztlich auch hoffnungslose Innere seiner Hauptfigur. Er ist Begleiter eines Todgeweihten, Charakter- und Milieudie und zeigt gleichzeitig, was im Leben wirklich wichtig ist: Familie. Den Film kann man sich sicher nicht zu jeder Zeit ansehen. Er zieht den Zuschauer mit runter und lässt ihn am Ende mit offenen Fragen zwischen dem Dreck der heruntergekommenen Stadtteile Barcelonas liegen. Ja, auf seine spezielle, deprimierende Art ist dieser Film „biutiful“. Aber dennoch will ich ihn so schnell nicht noch einmal sehen.


8,5 von 10 Finger voll flüssigem Eis