USA, 2002. Regie: Brett Ratner.
Buch: Ted Sally, Thomas Harris (Vorlage). Mit: Edward Norton, Anthony Hopkins,
Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour
Hoffman, Anthony Heald, Ken Leung, Frankie Faison, Tyler Patrick Jones u.a.
Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story:
FBI-Profiler Will Graham hat sich
eigentlich zur Ruhe gesetzt, als ihn sein Vorgesetzter Crawford um die Mithilfe
bei einem Fall bittet. Der Serienkiller „Die Zahnfee“ tötet bei Vollmond ganze
Familien, die Ermittler haben keine heiße Spur. Widerwillig nimmt Graham an,
steht aber bald selbst auf dem Schlauch. Da der nächste Vollmond naht, muss er
einen Pakt mit dem Teufel eingehen: Er sucht die Unterstützung von Dr. Hannibal
Lecter, dem kannibalischen Psychiater, den er zu Letzt hinter Gitter brachte
und dabei fast sein Leben verlor.
Meinung:
Nach der von der Kritik zwar
umstrittenen, kommerziell dafür sehr erfolgreichen Wiederbelebung des
ikonischen, kultivierten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter in „Hannibal“ wollte
man sich die Chance auf einen weiteren Hit nicht entgehen lassen. Da ein Jahr
später natürlich noch keine neue Geschichte von Autor Thomas Harris vorlag, ging
man eben den Weg der Neuverwertung. Harris‘ erster Lecter-Roman wurde einfach
nochmal verfilmt. Bereits 1986 entstand unter der Regie von Michael Mann mit „Manhunter“
eine filmische Adaption des Stoffs, ging seiner Zeit allerdings an den
Kinokassen gnadenlos unter. Vielen Menschen war der Film gar kein Begriff, als
1991 mit der Umsetzung des Folgeromans „Das Schweigen der Lämmer“ ein Welthit
geschaffen wurde, der fünf Oscars abräumte und Anthony Hopkins für seine
unfassbare Interpretation des gebildeten, hochintelligenten und
diabolisch-manipulativen Monsters hinter Plexiglas zum Superstar machte.
Back in the Game...
Der Neustart ist somit vom
wirtschaftlichen Standpunkt bald logisch, birgt natürlich dennoch ein großes
Risiko, aus unterschiedlichen Gründen. Mal unabhängig zu der teilweise zwar
nachvollziehbaren, nichtsdestotrotz in der Radikalität zu massiven
Unterschätzung von Michael Manns Film (dazu gleich), schon „Hannibal“ blieb
weit hinter den Erwartungen zurück und musste sich einiges an herber Kritik
gefallen lassen. Der Regisseurs des Film, Ridley Scott, trägt daran die
geringste, um nicht zu sagen gar keine Schuld. Ganz im Gegenteil, gerade durch
ihn und seine Leistung ist die Verfilmung von „Hannibal“ eigentlich mehr wert,
als es die Grundlage hergibt. Der schwarze Peter zu dem deutlichen
Qualitätsabsturz von „Das Schweigen der Lämmer“ zu „Hannibal“ liegt eindeutig
bei Thomas Harris, der schlicht nicht das Niveau halten konnte. War „Das
Schweigen der Lämmer“ in Buch und Film noch ein exzellenter Psychothriller, war
„Hannibal“ bereits in der literarischen Version getrüffelter Pulp.
Exploitativer Edel-Trash, den Scott bald irritierend elegant auf die Leinwand
brachte und der Diskrepanz aus brutalem Blödsinn und berauschender
Inszenierung eine ganz eigene Note verlieh, eigentlich doch den Geist des Buchs
einfing, besser als es dieses wohl selbst geplant hatte. „Hannibal“ war extrem
wüstes, teils absurdes Kino mit überkandidelten Figuren und Konstellationen, serviert
als elitäres Dinner im klassischen Ambiente. Exakt damit traf Scott die
merkwürdige Wechselwirkung des Hannibal Lecter auf den Punkt: Ein abscheuliches,
perverses Monster, gleichzeitig der eloquente, gebildete und angepasste
Weltbürger. Ein Wiederspruch in sich, was Scott damals grandios (und meistens
verkannt) in Bilder verpacken konnte.
Von hinten schöner als von vorne...
Das nächste „Problem“ einer
Neuverfilmung hat zwei Seiten: Obwohl „Manhunter“ damals ein Flop war,
inszenatorisch ist er über jeden Zweifel erhaben. Michael Mann gelang ein
betörender, beinah hypnotischer Großstadtthriller, dem er einen ganz eigenen,
individuell-mutigen Stempel aufdrücken konnte. Von den Bild- und
Tonarrangements mitten in seinem Entstehungszeitraum verankert und trotzdem
sehr visionär, gewagt ging Mann zu Werke, tauchte die Handlung in einen
aufsaugenden Strudel, dessen Klasse (flächendeckend) erst später entsprechend
gewürdigt wurde. Künstlerisch ist der Film heute noch bemerkenswert, sein
größtes Mängel – abgesehen von der Tatsache, dass er damals einfach eine B-Movie-Version
einer noch nicht kultisch verehrten Romanvorlage war - ist aber weiterhin
vorhanden. „Manhunter“ änderte speziell das letzte Drittel des Buchs extrem
ab, beraubte sich selbst des ursprünglichen Finales. Mann orientierte sich am
Werk von Harris, was aber nicht akribisch auf eine getreue Abhandlung fixiert.
Um nun (endlich) zu diesem „Roter Drache“ zu kommen: Der ist ganz dicht am
Buch, was ein klarer Vorteil ist. Denn qualitativ sind die Romane von „Roter
Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ nicht so weit voneinander entfernt,
zumindest nicht so weit wie zu „Hannibal“. Der psychologische Schwerpunkt liegt
klar bei „Das Schweigen der Lämmer“, allein durch das penible, sezierende
Psycho-Duell zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter, von seiner
durchdachten und spannungsfördernden Dynamik sind sie sich sehr ähnlich.
Maßnehmen fürs Glasauge.
„Roter Drache“ hat somit eigentlich
alles, was es für einen erstklassigen Thriller braucht. Er hat eine tolle
Geschichte, er hat die entsprechenden Mittel aus der Produktionskasse, einen
grandiosen Cast und den Hype um Hannibal Lecter im Rücken, wo ist denn das
Problem? Es klingt so schlicht, aber es ist entscheidend: Dieser „Roter Drache“
hat keine eigene Handschrift, nicht im Ansatz. Ihm fehlt es an dem brillanten
Moment von Jonathan Demme sowie dem autarken Dasein von Michael Mann und Ridley
Scott. Es ist eine sehr solide, brave und konforme Transformation des
geschriebenen Wortes auf die große Leinwand mit (nun) viel Budget und Starpower. Der erlaubt sich keine Ausreißer, keine Fehler aber auch keine
Experimente, verlässt sich rein auf seine Rahmenbedingungen und fährt damit
mutlos-sicher. Brett Ratner ist dafür der ideale Mann, der hat nie und wird nie
so was wie einen eigenen Stil entdecken, der macht halt. Man sieht alles, man
hört alles, Text war okay, die Darsteller sind erprobt genug, super, fertig. „Roter
Drache“ ist lupenreines und jederzeit spannendes Thriller-Kino, das leider zu
konform und austauchbar daherkommt. Die einzigen Abänderungen sind auch nur berechnend,
klar muss Anthony Hopkins als „Star“ (obwohl die besten Szenen einzig und
allein Ralph Fiennes auf sich vereint) mehr Raum bekommen als in der Vorlage,
selbst das ist eher ein Kritikpunkt. Erstmal ist Hopkins zu alt für die Rolle
(als Prequel, also bitte, das sieht man) und „seine“ Szenen wirken bald schon
dreist bei „Das Schweigen der Lämmer“ kopiert, da merkt man schon die Mutlosigkeit
bzw. die Planungssicherheit, alles bloß „richtig“ zu machen.
„Roter Drache“ ist ein durchaus
guter Film, aber er könnte so toll sein. Ihm fehlt nicht nur die Kirsche,
sondern gleich die ganze Sahne auf dem Eis. Bei Demme hatte man alles, bei Mann
und Scott fehlten entweder Kirsche, Sahne oder Eis, aber dafür gab es Gründe.
Die Gründe hier sind eher schleierhaft bzw. eben nicht, da beruhend auf dem konventionellen Dasein: Guter Standard, für die
Möglichkeiten schon zu wenig.
USA, 1996. Regie: Gregory Hoblit.
Buch: Steve Shagan, Ann Biderman, William Diehl (Vorlage). Mit: Richard Gere,
Edward Norton, Laura Linney, Frances McDormand, John Mahoney, Alfre Woodard,
Terry O´Quinn, André Braugher, Maura Tierney, Steven Bauer, Joe Spano, Stanley
Anderson u.a. Länge: 125 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD
erhältlich.
Story:
Starverteidiger Martin Vail, immer
um Publicity bedacht, wittert die Chance für einen ganz großen Auftritt im
Rampenlicht der Medien. Der Erzbischof von Chicago wurde auf bestialische Art
abgeschlachtet, in der Nähe des Tatortes einer seiner Messdiener blutüberströmt
festgenommen. Vail bietet dem 19jährigen Aaron kostenlos seine Dienste an.
Normalerweise will er überhaupt nicht wissen, ob seine Mandanten schuldig sind
oder nicht, grundsätzlich ist es ihm egal, doch im Fall von Aaron ist er sich
trotz der erdrückenden Indizien sicher, dass er unmöglich der Täter sein kann.
Dieses höfliche, stotternde, eingeschüchterte Milchgesicht scheint niemals zu
so einer Tat fähig. Vail bastelt an einer geschickten Verteidigung, bis eine
unerwartete Wendung diese völlig über den Haufen wirft…
Meinung:
Nachdem die Karriere von Edward
Norton – vielleicht mit Ausnahme seiner Nebenrollen in den letzten Filmen von
Wes Anderson – in den vergangenen Jahren arg in Stottern (!) geraten schien,
meldete er sich mit seiner Rolle in „Birdman“ wieder im ganz großen Rampenlicht zurück, heimste einer
weitere Oscarnominierung als bester Nebendarsteller ein, auch wenn er am Ende
leer ausging. Wie auch schon bei seinem Debütfilm „Zwielicht“. Der beim Dreh
bereits 26jährige Norton (spielt einen 19jährigen, was man ihm aufgrund seines
schmächtigen Äußeren auch locker abnimmt) wird trotz seiner recht großen,
wichtigen Rolle erst weiter hinten in den Credits genannt, nach dem Film hatten
sich viele seinen Namen sicher gemerkt. Der Lohn: Die bereits angesprochene
Oscarnominierung und sogar der Gewinn des Golden Globes, in den Folgejahren
stieg er zum gefragten Charakterdarsteller auf. Ein Einstand nach Maß, kann man
kaum anders bezeichnen.
Vielleicht sein größter Goldesel...
Der nominell eigentliche Star des
Films ist Richard Gere, der den geltungsbedürftigen Schickimicki-Rechtsverdreher
Martin Vail gibt. Seine Mandanten sind selten Unschuldslämmer, können dafür gut
bezahlen und Vail ist es letztlich eh schnuppe, mit solchen Details hält er
sich nicht lange auf. Nach dem Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“
verzichtet er freiwillig auf die reine Wahrheit, biegt sich lieber geschickt
eine zusammen, die man den Geschworenen unterjubeln kann. Das beherrscht der
Mann blendend. Gere spielt das in seinem gewohnten Modus runter, lange nicht so direkt wie in seinen wenigen, dafür dann meist extrem überzeugend-intensiven
Bad-Guy-Parts in Filmen wie „Internal Affairs“ (1990) oder „Das Gesetz der
Straße – Brooklyn´s Finest“ (2009), auch nicht so blütenrein anschmiegsam wie
in seinen Paraderollen als grau melierter Schmusebär, sein Charakter liegt nun
mal im schattigen Niemandsland zwischen Gut und Böse. Oder eher zwischen höchster
Professionalität und (dem auf dem Niveau bald unvermeidlichen) moralischem
Desinteresse. Bei seinem neuesten Fall geht es ihm zwar nicht um das Honorar,
da gibt es nichts zu holen, dafür um etwas viel kostbareres: Sich medienwirksam
als großer Zampano zu verkaufen, einen schlicht unmöglichen zu gewinnenden Fall
zu wuppen und somit sein Ego in aller Öffentlichkeit auf höchstem Niveau zu
streicheln. Ausgerechnet jetzt bezieht er erstmals, ausversehen, moralisch
Stellung. Zunächst eher unbewusst, beiläufig, eigentlich juckt ihn das auch
nicht wirklich, aber diesen Kerl, diesen blassen Schluck Wasser in der Kurve,
der braucht ihn mit seiner zitterigen Stimme und den dankbar-kindlichen Augen
nur seine Unschuldsbekundungen vorstottern, da hat sich selbst ein abgebrühter
Profi wie Vail blitzschnell sein Urteil gebildet. Das Häufchen Elend hat einen
viehischen Mord begangen? Nie und nimmer.
...oder sein schlimmster Fehler?
„Zwielicht“ ist zwar ganz klar
konventionelle, wenig spektakulär inszenierte Justiz-Thriller- Kost im
A-Movie-Look der 90er, vom routinierten Auftragsregisseur Gregory Hoblit ohne
großes Eigenstellungsmerkmal mit einem soliden, gestandenen und dennoch nicht
super-prominenten, schillernden Cast sicher runtergedreht (da darf eine
Weltklassedarstellerin wie Frances McDormand auch mal ohne großen Aufwand die
Nebenkostenabrechnung fürs laufende Jahr verdienen), ist grob betrachtet nicht
unbedingt ein Hit, baut dadurch geblendet aber fast unbemerkt einen gut
durchdachten Plot auf, der eben nicht nur durch sein Kaninchen-aus-dem-Hut-Finale
am Ende noch die Kurve nimmt, sondern viel früher schon auf Kurs ist. Die Figur
von Gere macht eine glaubhafte, nicht zu ruckartige Entwicklung durch, nach 125
Minuten hat man plötzlich einen ganz anderen Menschen vor sich als noch zu
Beginn, ohne dass der Film darauf mit „dem einen Moment“ hinweisen muss. Da ist
er sicherlich selbst so überrascht drüber wie der Zuschauer, der das bemerkt.
In die Handlung werden gezielte und gut platzierte Verdachts- und
Zweifelmomente eingebaut, die nicht wie so oft sich als mehr oder weniger heiße
Luft erweisen, sondern für die Gesamtgeschichte, wenn auch nur am Rande, einen
Sinn erfüllen. Und über allem geistert dieser Edward Norton, der hier zwar nicht
die an einigen Stellen übertrieben-gepushte Überleistung bringt, aber das ist
schon, gerade für ein Debüt, erstaunlich klasse. Dass die Rolle, besonders
gegen Ende, zu konstruiert wirkt, dafür kann er nichts, holt dafür quasi das
Maximum aus dem Part heraus.
Der Film funktionierte damals leicht
anders als heute, was nicht schlimm, sondern eher ein Qualitätsmerkmal ist. Für
die Erstsichtung ist ganz klar die Pointe und deren Wirkung gedacht und als
solcher Trick ist das Ganze augenscheinlich auch konzipiert, aber der kann
durchaus noch mehr, was vielleicht erst mit leichtem Abstand auffällt. Sein
leicht biederes Äußeres mag täuschen, „Zwielicht“ gehört noch zu diesen
Ta-Ta-Ta-Filmen, die sich nicht nur mit dem Konfetti am Schluss entkräftet über
die Ziellinie retten.
Fakten: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
USA. 2014. Regie: Alejandro González Iñárritu. Buch: Arando Bo, Alejandro
González Iñárritu, Nicolàs Giacobone, Alexander Dinelaris Jr. Mit: Michael
Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Zach Galifianakis, Andres Riseborough, Naomi
Watts, Amy Ryan, Lindsay Duncan, Merrit Wever u.a. Länge: 119 Minuten. FSK:
freigegeben ab 12 Jahren. Ab 11. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Riggan Thompson ist Schauspieler und wird immer wieder mit seiner
Superheldenrollen Birdman in Verbindung gebracht, die er für über 20 Jahren
spielte. Um endlich als „echter“ Darsteller wahrgenommen zu werden, will Riggan
am Broadway ein Stück inszenieren, sowie dort selbst mitspielen. Doch als ein
Kollege von Rigga absagt, scheint das Scheitern des Projekt unausweichlich. Zum
Glück springt Theater-Star Mike Shiner ein, doch damit werden Riggans Probleme
nur noch mehr.
Meinung: Wie
schnell läuft man als Schauspieler doch Gefahr, immer und immer wieder auf eine
markante Rolle reduziert zu werden. Hören wir beispielsweise den Namen Daniel
Radcliffe, dann denken wir automatisch an seine Performance in der achtteiligen
„Harry Potter“-Reihe, nicht etwa an seinen Auftritt in Nico Muhlys „Kill Your
Darlings – Junge Wilde“, genau wie wir Heath Ledger nicht mit Terry Gilliams
„Das Kabinett des Doktor Parnassus“ assoziieren, sondern mit dem die Zunge
schnalzenden und den Speichel durch die Wagentaschen schiebenden Joker in
Christopher Nolans „The Dark Knight“. Die Konsequenzen dieser forcierten
Gleichsetzung lassen sich in den eingefallenen Gesichtern, sowie den versiebten
Karrieren vieler Künstler ablesen: Der Erwartungsdruck belästigt und bremst
etwaig anvisierten Entwicklungsprozess und am Ende heißt es womöglich billige
Ostblock-Reißer zu drehen, weil es ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist,
sich aus dem Schatten ehemaliger Box-Office-Mirakel zu winden. Auch Michael Keaton
kann davon ein Lied singen, deswegen ist „Birdman oder (Die unverhoffte Macht
der Ahnungslosigkeit)“ in erster Linie auch sein Film.
Riggans Tochter hat Probleme
Viel wurde vorab über
Alejandro Gonzalez Inarritus neusten Streich geschrieben, überall hat man sich
das Maul über die tonale Kehrtwende zerrissen, offerierte der Trailer doch ganz
eindeutig, dass in „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“
auf direktem Wege auch eine humoristische Komponente in das Geschehen
integriert wird. Das kommt natürlich einer Art Quadratur des Kreises gleich,
denn wer sich mit Alejandro Gonzalez Inarritus bisherigem Schaffen
auseinandergesetzt hat, der weiß, dass bei dem Mann nicht gerade
unbekümmert-legere Witzigkeit oberste Priorität inne trägt, sondern
betonschwere Melodramatik, die dann auch in seiner 150-minütigen
Passionsgeschichte „Biutiful“ mit Javier Bardem in erdrückender Formung
kulminierte. „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist in
seiner narrativen Strukturierung aber letzten Endes gar nicht so distanziert
von Filmen wie „Amores Perrors – Wilde Hunde“, „21 Gramm“ oder „Babel“
anzusiedeln, sondern auch ein Film, der seine episodische Zergliederung durch
seine Form beibehält und es den Akteuren sowie ihren charakterlichen Eigenarten
so das Überschneiden und Differieren ihrer Wege ermöglicht.
Riggan und Mike Shiner bei der Aussprache
Im Mittelpunkt steht, wie
erwähnt, Michael Keaton, der den abgeschlagenen „Birdman“-Darsteller Riggan
Thomson verkörpert. Vor mehr als 20 Jahren hat er in der Rolle dieser
Comic-Figur Weltruhm erlangt und die Kassen zum Klingeln gebracht, als er es
allerdings abgelehnt hat, den vierten Teil der „Birdman“-Saga zu drehen, ging
es mit seiner Karriere nur noch bergab. Die letzte Chance, um wenigstens noch
einmal etwas in den Fokus der Medien zu geraten, sieht Riggan darin, Ryamond
Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ für den Broadway zu
adaptieren. Ambitioniert wie er ist, zeigt er sich direkt mal als Schauspieler,
Autor und Regisseur in Personalunion: Nur einmal in seinem Leben möchte er
etwas wirklich Wichtiges erschaffen; etwas, das die Menschen bereichert,
anstatt sie nur durch den inzwischen so sehr verehrten Gigantismus diverser
hochbudgierter Produktionen abzustumpfen. Selbstredend steckt in der fiktiven
Figur des Riggan Thomson viel vom realen Michael Keaton, der einst unter der
Ägide von Tim Burton in „Batman“ und „Batmans Rückkehr“ glänzen durfte, danach
aber doch eher ins Stagnieren geraten ist und zunehmend von der Bildfläche
verschwand.
Birdman hebt ab
Dass Riggan nicht der
einzige Knotenpunkt der Geschichte ist, der einen selbstreferenziellen Unterbau
besitzt, ist bei dem Setting der Theaterbühne eindeutig. „Birdman oder (Die
unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist auch eine mit galligem schwarzen
Humor angereichte Reflexion über die Existenz als Schauspieler; eine Meditation
über das Streben nach Größerem und dem permanenten Ringen mit beißenden
Selbstzweifeln, die nicht zuletzt aus oftmals zutiefst verletzenden
Gegenüberstellung von Selbst- und Öffentlichkeitswahrnehmung keimen. Das
Theater per se ist ein Ort, an dem sich Sündenbabel und Purgatorium kreuzen und
die niemals stillstehende Kamera von Emmanuel Lubezki das kreiselnd-abtastende
Instrument, welches sich durch die Eingeweide der Kunst bis in den wirren Kopf
des ehemaligen Superhelden bohrt. Das polternde Drum-Arrangment, welches wie
eine Lawine über die Tonspur rollt, akzentuiert nicht nur die formale
Dringlichkeit von „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“,
sie symbolisiert das Seelenleben der Protagonisten, die Ruhelosigkeit und die
Mobilisierung letzter Willenskraft, den inbrünstig-schizophrenen Widerstand
gegen die alles zerfressende Unbedeutsamkeit.
„Birdman oder (Die
unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ ist ein Film über das Showbusiness,
über die Mechanismen und das System hinter Starrummel und Werbetrommel, hinter
medialen Eintagsfliegen und wahren Ikonen, was ihn vielerorts zum
Eitelkeitsprojekt gemacht hat, welches sich an schierer Prätention weidet.
Stattdessen aber ist Alejandro Gonzelez Inarritu die wohl virtuoseste Satire
über die Unterhaltungsindustrie samt all seinen mannigfachen Abzweigungen seit
langer, langer Zeit gelungen. Huldigung und Abgesang, preschende Komik und
sensible Tragik, stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Form und Inhalt
gehen eine gar überwältigende Synthese ein, während Michael Keaton an
forderster Front noch einmal unter Beweis, wieso man ihm so viele Jahre Unrecht
getan hat – Er ist eben doch ein hervorragender Darsteller, absolut fähig
nuancierte Charakter-Profile anzulegen und auszuspielen. Genau wie es Edward
Norton als manierierter Method-Actor Mike Shiner endlich mal wieder vergönnt
war, in einem überaus gelungenen Film zu glänzen. Wundervoll.
Er
war Beetlejuice und Batman, doch jetzt wird Michael Keaton zu „Birdman“. Im
neusten Film von Alejandro G. Inárritu ("Buitiful"), einer schwarzen Komödie, die bei uns am 15. Januar 2015 in die
Kinos kommen soll, spielt Keaton einen einst gefeierten Superhelden-Darsteller,
der nun versucht auf dem New Yorker Broadway wieder Fuß zu fassen. Meta-Ebene,
ich hör‘ dich trapsen. Der erste Teaser sieht umwerfend aus und wir hoffen,
dass der fertige Film am Ende uns ähnlich überzeugt. Auch Besetzungstechnisch
lässt „Birdman“ auf Großes hoffen, denn Edward Norton, Emma Stone, Andrea
Riseborough, Zach Galifnakis, Naomi Watts und Amy Smart geben sich die Ehre.
UK,
Deutschland. 2014. Regie: Wes Anderson. Buch: Wes Anderson, Hugo Guinness. Mit:
Tony Revolori, Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Edward Norton, Harvey Keitel, F.
Murray Abraham, Jude Law, Willem Dafoe, Adrien Brody, Bill Murray, Jason
Schwartzman, Saoirse Ronan, Mathieu Almaric, Jeff Goldblum, u.a. Länge: 100
Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Ab 5. September 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Im Jahr 1985 hat ein alter Schriftsteller eine Schreibblockade. 1968 traf der
Schriftsteller, damals noch Leiter des „Grand Budapest Hotels“, dessen Besitzer
Zéro Moustafa, der ihm von seinen Anfängen in diesem Hotel im Jahr 1932
erzählte – in fünf Episoden rund um ihn, den damaligen Concierge Monsieur
Gustave (Ralph Fiennes), den Mord an einer alten Dame, ihr Erbe und eine irre
Flucht eben jenes Monsieur Gustave, der als Erbe eines teuren Gemäldes
beschuldigt wird, der Mörder zu sein.
Meinung:
Skurril, bunt und irgendwie seltsam. So könnte man „Grand Budapest Hotel“, den
aktuellen Kinofilm von Wes Anderson, wohl am besten beschreiben. Gut, natürlich
kann man so ziemlich jeden Film des amerikanischen Filmemachers mit diesen drei
Worten beschreiben, aber immer und immer wieder treffen sie einfach zu. So
wundert es auch nicht, dass dieser Film den Menschen, die schon nichts mit
Andersons bisherigen Filmen anfangen konnten, sicher auch nicht gefallen wird. Der
Rest wird auf die Reise nach Zubrowka geschickt, einem fiktiven,
südosteuropäischen Zwergstaat, in dem das Grand Budapest Hotel steht, in dem
und um das sich eine skurrile, rasante, unglaubliche, lustige und liebevoll
ausgestaltete Geschichte um den Lobby Boy Zéro, den Hotelchef Monsieur Gustave
und den Tod einer alten Dame und dessen Folgen.
Zero und M. Gustave inmitten von faschistischem Militär
Egal was man von dem Film hält, nacherzählen ist schier unmöglich. Wes Anderson
verwendet drei verschiedene Zeitebenen: die äußere Rahmenhandlung im Jahr 1985,
der innere Rahmen im Jahr 1968 und eine dritte, die eigentliche Geschichte, ab
dem Jahr 1932, kurz vor Ausbruch eine Krieges. Und in diesen drei Zeitebenen
erzählt er fünf aufeinander aufbauende Episoden, von der eine merkwürdiger und
lustiger ist als die andere. Auffällig ist, dass neben den vielen merkwürdigen
Begebenheiten auch immer wieder brutale und blutige Szenen vorhanden sind, die
aufgrund der Comichaftigkeit des restlichen Filmes einerseits überraschend,
andererseits auch umso härter erscheinen. Aber gut, letztlich handelt es sich
ja auch um eine Kriminalgeschichte, da ist ein wenig Gewalt auch nicht
verkehrt. Aber trotzdem ist „Grand Budapest Hotel“ extrem in allen Variationen.
Besonders in die öffentlich verpönten Themen wie zum Beispiel Sex stößt er
immer wieder vor und ist sich auch nicht zu schade, in Anlehnung an den zweien
Weltkrieg ein wenig Geschichte und Politik in das fiktive Land Zubrowka zu
bringen.
Junge Liebe inmitten rosaner Pralinenschachteln
Gedreht wurde der Film zu großen Teilen in Görlitz, wo sich Anderson unter
anderem des Görlitzer Warenhauses und der Stadthalle bediente. Weiterhin wurden
zahlreiche Aufnahmen in den Babelsberger Filmstudios gefilmt. Da verwundert es
auch nicht, dass mit Florian Lukas oder Karl Markovics ein paar
deutschsprachige Darsteller auftreten. Darüber hinaus hat sich um den jungen
Tony Revolori ein All-Star-Cast versammelt, der den Zuschauer mit mehr als nur
den Ohren schlackern lassen dürfte. In aller Kürze: Ralph Fiennes als M.
Gustave, dazu Tilda Swinton, Edward Norton, Harvey Keitel, F. Murray Abraham,
Jude Law, Willem Dafoe, Adrien Brody, Mathieu Almaric, Saoirse Ronan – ach
verdammt, das ist noch nicht mal die Hälfte der bekannten Namen. Egal, sie alle
spielen mit so viel Engagement und meist auch jugendlichem Elan, dass es
einfach eine Freude ist, ihre (bis auf Fiennes und Revolori) kurzen Auftritte zu
beobachten.
Laut Anderson selbst ist „Grand Budapest Hotel“ inspiriert von Werken des
österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Dessen meist melancholischer,
resignativer und doch dramatischer Stil überträgt sich auch merklich auf den
Film. Das ist gut so, denn eine reine Komödie, so irrwitzig sie auch sein mag,
ist der Film nicht. Vielmehr hat er auch zahlreiche Aspekte, die zum Nachdenken
anregen, die einen traurig stimmen oder die eine gewisse Ratlosigkeit
zurücklassen. Trotzdem dominieren die skurrilen Figuren und der fantastische
Wortwitz. Gemeinsam mit der farbenfrohen Pracht und der luxuriösen und
reichlichen Ausstattung des Film, der hervorragenden Kameraarbeit Robert D.
Yeomans und besonders auch mit der fantastischen Filmmusik von Alexandre
Desplat ist „Grand Budapest Hotel“ ein skurriler Trip für alle Sinne geworden.
Ein typischer Wes Anderson-Film, der – wie so oft – so viel mehr kann als nur
unterhalten und dazu noch genügend Schauwerte, inhaltliche Vielfalt und
Raffinesse bietet, ihn sich immer wieder anzusehen.