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Review: ROTER DRACHE - Altes neu aufgetischt

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Fakten:
Roter Drache (Red Dragon)
USA, 2002. Regie: Brett Ratner. Buch: Ted Sally, Thomas Harris (Vorlage). Mit: Edward Norton, Anthony Hopkins, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman, Anthony Heald, Ken Leung, Frankie Faison, Tyler Patrick Jones u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
FBI-Profiler Will Graham hat sich eigentlich zur Ruhe gesetzt, als ihn sein Vorgesetzter Crawford um die Mithilfe bei einem Fall bittet. Der Serienkiller „Die Zahnfee“ tötet bei Vollmond ganze Familien, die Ermittler haben keine heiße Spur. Widerwillig nimmt Graham an, steht aber bald selbst auf dem Schlauch. Da der nächste Vollmond naht, muss er einen Pakt mit dem Teufel eingehen: Er sucht die Unterstützung von Dr. Hannibal Lecter, dem kannibalischen Psychiater, den er zu Letzt hinter Gitter brachte und dabei fast sein Leben verlor.



Meinung:
Nach der von der Kritik zwar umstrittenen, kommerziell dafür sehr erfolgreichen Wiederbelebung des ikonischen, kultivierten Kannibalen Dr. Hannibal Lecter in „Hannibal“ wollte man sich die Chance auf einen weiteren Hit nicht entgehen lassen. Da ein Jahr später natürlich noch keine neue Geschichte von Autor Thomas Harris vorlag, ging man eben den Weg der Neuverwertung. Harris‘ erster Lecter-Roman wurde einfach nochmal verfilmt. Bereits 1986 entstand unter der Regie von Michael Mann mit „Manhunter“ eine filmische Adaption des Stoffs, ging seiner Zeit allerdings an den Kinokassen gnadenlos unter. Vielen Menschen war der Film gar kein Begriff, als 1991 mit der Umsetzung des Folgeromans „Das Schweigen der Lämmer“ ein Welthit geschaffen wurde, der fünf Oscars abräumte und Anthony Hopkins für seine unfassbare Interpretation des gebildeten, hochintelligenten und diabolisch-manipulativen Monsters hinter Plexiglas zum Superstar machte.


Back in the Game...
Der Neustart ist somit vom wirtschaftlichen Standpunkt bald logisch, birgt natürlich dennoch ein großes Risiko, aus unterschiedlichen Gründen. Mal unabhängig zu der teilweise zwar nachvollziehbaren, nichtsdestotrotz in der Radikalität zu massiven Unterschätzung von Michael Manns Film (dazu gleich), schon „Hannibal“ blieb weit hinter den Erwartungen zurück und musste sich einiges an herber Kritik gefallen lassen. Der Regisseurs des Film, Ridley Scott, trägt daran die geringste, um nicht zu sagen gar keine Schuld. Ganz im Gegenteil, gerade durch ihn und seine Leistung ist die Verfilmung von „Hannibal“ eigentlich mehr wert, als es die Grundlage hergibt. Der schwarze Peter zu dem deutlichen Qualitätsabsturz von „Das Schweigen der Lämmer“ zu „Hannibal“ liegt eindeutig bei Thomas Harris, der schlicht nicht das Niveau halten konnte. War „Das Schweigen der Lämmer“ in Buch und Film noch ein exzellenter Psychothriller, war „Hannibal“ bereits in der literarischen Version getrüffelter Pulp. Exploitativer Edel-Trash, den Scott bald irritierend elegant auf die Leinwand brachte und der Diskrepanz aus brutalem Blödsinn und berauschender Inszenierung eine ganz eigene Note verlieh, eigentlich doch den Geist des Buchs einfing, besser als es dieses wohl selbst geplant hatte. „Hannibal“ war extrem wüstes, teils absurdes Kino mit überkandidelten Figuren und Konstellationen, serviert als elitäres Dinner im klassischen Ambiente. Exakt damit traf Scott die merkwürdige Wechselwirkung des Hannibal Lecter auf den Punkt: Ein abscheuliches, perverses Monster, gleichzeitig der eloquente, gebildete und angepasste Weltbürger. Ein Wiederspruch in sich, was Scott damals grandios (und meistens verkannt) in Bilder verpacken konnte.


Von hinten schöner als von vorne...
Das nächste „Problem“ einer Neuverfilmung hat zwei Seiten: Obwohl „Manhunter“ damals ein Flop war, inszenatorisch ist er über jeden Zweifel erhaben. Michael Mann gelang ein betörender, beinah hypnotischer Großstadtthriller, dem er einen ganz eigenen, individuell-mutigen Stempel aufdrücken konnte. Von den Bild- und Tonarrangements mitten in seinem Entstehungszeitraum verankert und trotzdem sehr visionär, gewagt ging Mann zu Werke, tauchte die Handlung in einen aufsaugenden Strudel, dessen Klasse (flächendeckend) erst später entsprechend gewürdigt wurde. Künstlerisch ist der Film heute noch bemerkenswert, sein größtes Mängel – abgesehen von der Tatsache, dass er damals einfach eine B-Movie-Version einer noch nicht kultisch verehrten Romanvorlage war - ist aber weiterhin vorhanden. „Manhunter“ änderte speziell das letzte Drittel des Buchs extrem ab, beraubte sich selbst des ursprünglichen Finales. Mann orientierte sich am Werk von Harris, was aber nicht akribisch auf eine getreue Abhandlung fixiert. Um nun (endlich) zu diesem „Roter Drache“ zu kommen: Der ist ganz dicht am Buch, was ein klarer Vorteil ist. Denn qualitativ sind die Romane von „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ nicht so weit voneinander entfernt, zumindest nicht so weit wie zu „Hannibal“. Der psychologische Schwerpunkt liegt klar bei „Das Schweigen der Lämmer“, allein durch das penible, sezierende Psycho-Duell zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter, von seiner durchdachten und spannungsfördernden Dynamik sind sie sich sehr ähnlich.


Maßnehmen fürs Glasauge.
„Roter Drache“ hat somit eigentlich alles, was es für einen erstklassigen Thriller braucht. Er hat eine tolle Geschichte, er hat die entsprechenden Mittel aus der Produktionskasse, einen grandiosen Cast und den Hype um Hannibal Lecter im Rücken, wo ist denn das Problem? Es klingt so schlicht, aber es ist entscheidend: Dieser „Roter Drache“ hat keine eigene Handschrift, nicht im Ansatz. Ihm fehlt es an dem brillanten Moment von Jonathan Demme sowie dem autarken Dasein von Michael Mann und Ridley Scott. Es ist eine sehr solide, brave und konforme Transformation des geschriebenen Wortes auf die große Leinwand mit (nun) viel Budget und Starpower. Der erlaubt sich keine Ausreißer, keine Fehler aber auch keine Experimente, verlässt sich rein auf seine Rahmenbedingungen und fährt damit mutlos-sicher. Brett Ratner ist dafür der ideale Mann, der hat nie und wird nie so was wie einen eigenen Stil entdecken, der macht halt. Man sieht alles, man hört alles, Text war okay, die Darsteller sind erprobt genug, super, fertig. „Roter Drache“ ist lupenreines und jederzeit spannendes Thriller-Kino, das leider zu konform und austauchbar daherkommt. Die einzigen Abänderungen sind auch nur berechnend, klar muss Anthony Hopkins als „Star“ (obwohl die besten Szenen einzig und allein Ralph Fiennes auf sich vereint) mehr Raum bekommen als in der Vorlage, selbst das ist eher ein Kritikpunkt. Erstmal ist Hopkins zu alt für die Rolle (als Prequel, also bitte, das sieht man) und „seine“ Szenen wirken bald schon dreist bei „Das Schweigen der Lämmer“ kopiert, da merkt man schon die Mutlosigkeit bzw. die Planungssicherheit, alles bloß „richtig“ zu machen.


„Roter Drache“ ist ein durchaus guter Film, aber er könnte so toll sein. Ihm fehlt nicht nur die Kirsche, sondern gleich die ganze Sahne auf dem Eis. Bei Demme hatte man alles, bei Mann und Scott fehlten entweder Kirsche, Sahne oder Eis, aber dafür gab es Gründe. Die Gründe hier sind eher schleierhaft bzw. eben nicht, da beruhend auf dem konventionellen Dasein: Guter Standard, für die Möglichkeiten schon zu wenig. 

6 von 10 brennenden Rollstühlen

Review: LEBEN UND STERBEN IN GOD’S POCKET - Viel Talent für die Katz’

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Fakten:
Leben und sterben in God’s Pocket (God’s Pocket).
USA. 2015. Regie und Buch: John Slattery.
Mit: Philip Seymour Hoffman, Christina Hendricks, John Turtorru, Eddie Marsan, Richard Jenkins, Jack O'Connell, Caleb Landry Jones, Bill Buell, Molly Price, Michael Drayer u.a. Länge: 88 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 28. Mai auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Leon, der Stiefsohn von Mickey, treibt ein paar Späßchen zu weit und wird tot gefunden. Offiziell ist ein Unfall daran Schuld, was Mickey in Ordnung findet, solange es keinen Stress gibt. Der kommt dann jedoch von einem neugierigen Reporter, der seine Nase in die Angelegenheit steckt.





Meinung:
Philip Seymour Hoffman war ein Mann, der nicht nur von den Betreibern dieses Blogs einstimmig verehrt wird. Der mit seinen intensiven, konstanten, natürlichen und oft stillen Leistungen überzeugte und die Seele, die treibende Kraft vieler Filme war, an denen er sich beteiligte. Sein Ableben ist bis heute schwer zu verarbeiten und schwer zu akzeptieren. Vier Filme sind es, deren Veröffentlichung er nicht mehr miterleben kann. „A Most Wanted Man“, der hierzulande schon erschien, das zweiteilige Finale der „Hunger Games“ und eben „Leben und sterben in God’s Pocket“. Letzterer ist ein Film, der seltsamerweise so vieles auf einen Punkt bringt, was Hoffmans Arbeit ausgemacht hat.


Mikey will unentdeckt bleiben - trotz John Turtorru als Fahrer
Der Name des Verstorbenen erscheint noch vor dem Filmtitel auf dem Bildschirm. Weiße Schrift auf schwarzem Grund, ganz nüchtern, etwas bescheiden - wie Hoffman selbst. Dass der Filmtitel gleich danach erscheint und die Nebendarsteller erst später macht Sinn, obwohl hier noch Leute wie John Turtorru, Christina Hendricks, Richard Jenkins und Eddie Marsan zu sehen sind. „God’s Pocket“ ist nämlich der Name der Kleinstadt, in der die nächsten 80 Minuten verbracht werden. Und diese Kleinstadt ist die Hauptperson in diesem Film, größer als all die Figuren, die in ihr wohnen, größer gar als Seymour Hoffmans Charakter. God’s Pocket ist klein, dreckig, hasserfüllt, altmodisch und fast schon inzestuös intrigant. Jeder kennt jeden, aber jeder vertraut nur sich selbst und niemand interessiert sich für den nächsten. Ambitionen werden argwöhnisch beäugt, weil sie implizieren, dass ein Bewohner abseits der meistbefahrenen Straße des Lebens sucht. Verachtung   von allen anderen Bewohnern ist die Folge, wenn man mehr erreichen will, als eine kleine Familie in einem kleinen Haus in einer kleinen Stadt. Schlimmer als das ist nur, wenn man zugezogen ist, wenn man fremd ist. Dann wird man zwar stillschweigend akzeptiert, aber auch nur, bis man sich in irgendeiner Art verschuldet - dann kommen die Vorurteile wieder an die Oberfläche. Das geht schneller, als man „hinterhältig“ sagen kann.


Nach Hoffmans Tod wirkt dieses Bild irgendwie seltsam
Das Leben der kleinbürgerlichen Leute, so auch Hoffmans Charakter, ist von eben diesem kleingeistigen „Bloß nicht auffallen“-Stil geprägt. Er hat eine Frau (Christina Hendricks), die er auch regelmäßig vögelt. Ob er sie liebt ist nicht von Bedeutung, weder für sie, noch für ihn, noch für irgendwen in ihrer Welt. Ist ja auch egal, selbst wenn er ihr seine Liebe mitteilen will, weiß man nicht, ob er die Wahrheit sagt. Die Wahrheit ist nämlich auch so ein Konzept, das in dieser Stadt nicht allzu wichtig zu sein scheint. Ehrlichkeit ist nur dann angebracht, wenn sie nichts verkompliziert. Wieso sollte man der Polizei etwas mitteilen, wenn es danach nur irgendwie Ärger geben wird? Es ist eine Philosophie, die auf die geringst-mögliche Reibungsfläche zwischen dem Individuum und der Stadt/ der Umwelt ausgerichtet ist. Gods Pocket ist eine faule Stadt - im doppelten Sinne. Sie ist träge und verrottet. Es gelingt dem Drehbuch teilweise so zielsicher und scheinbar nebenbei diese Welt entstehen zu lassen, die sehr gut greifbar ist, aber dennoch all ihre Eigenschaften stets im Verborgenen mitzuteilen scheint. Nebensätze, Kleinigkeiten und Gesichtszüge sind es, die am meisten mitteilen. Regisseur und Drehbuchautor John Slattery, der vorher hauptsächlich an „Mad Men“ gearbeitet hat, und hier sein Spielfilm-Debüt auf die Beine stellt, zeigt Talent und Können. Leider aber nicht immer.


Spielt Richard Jenkins erneut den lieben Loser?
Denn während Schnitzer in den ersten vierzig Minuten noch fast überhaupt nicht zu entdecken sind, werden sie in der zweiten Hälfte leider von der Ausnahme zur ausnahmslosen Regel. All das, was anfangs so gut funktioniert hat, rutscht auf einmal ab, und macht so Platz für Elemente, die so gar nicht in den Film passen wollen. Die bissigen Dialogspitzen, die in der nüchternen Überlieferung von Hoffman nicht nur seine absolute Klasse, sondern auch ein Talent vonseiten Slattery zeigen, existieren auf einmal nicht mehr. Stattdessen verirren sich absolute Geschmack- und Pietätlosigkeiten in den Film, die vorher ganz einfach nicht auf der Bildfläche zu erahnen waren. Es ist beinahe, als hätte ein anderer Filmemacher / Autor kurzerhand die Zügel übernommen, ohne auf den vorangegangenen Stil zu achten. Das zerstört die Stimmung leider, anstatt sie zu intensivieren. Zudem gibt es dann noch unverständlicherweise Momente, die die zielgenaue Bissigkeit mit ihrer brachialen Vollaufdiezwölf-Art beinahe vergessen machen. Es sind die Punkte, die normalerweise die Handlung nach vorne treiben würden, die Geschichte in eine andere Richtung schwenken und das Gaspedal durchdrücken, die derart vereinfacht, standardisiert und übertrieben auf Film gebannt wurden, als wollte man sichergehen, dass auch der letzte Depp alles mitbekommt. Auch da muss der Film wieder deutliche Abstriche von seiner Atmosphäre hinnehmen.


Wir haben dieses Bild wegen dem tollen Licht genommen - ehrlich!
Das größte Problem des Filmes ist jedoch seine offensichtliche ziellose Schwerfälligkeit. Offiziell lautet die Geschichte des Films, dass es Zweifel an der Todesursache von Hoffmans Sohnes gibt, weshalb ein Reporter (dargestellt von Richard Jenkins) dem ganzen auf den Grund gehen will. Das passiert aber nicht. Von einer Entwicklung, egal, ob im Bezug auf die Geschichte oder die Figuren, kann man beim besten Willen nicht reden. Es passiert einfach nichts, was nennenswert wäre. Und wenn der Film nach vierzig Minuten auch noch seine Pluspunkte komplett aufgibt, dann schaut man nur noch einem planlosen Etwas zu, ohne zu wissen, warum, wieso und wofür überhaupt. Dynamik ist nicht nur in der Stadt ein Fremdwort, sondern auch für den Film selbst. Und das ist nach einiger Zeit so überdeutlich, wenn der Film sich auf Nichtigkeiten und Handlungsstränge konzentriert, die niemanden interessieren. Letztendlich wirkt der Film derart ungelenk, dass das Gesamtbild das reinste Chaos ist und man sich leider fragen muss, ob man sich die tollen Sachen am Anfang des Films nicht leider eingebildet hat. Denn neben den Nichtigkeiten, kommen dann mit der Zeit auch ein paar peinliche Dummheiten dazu, die das Schauen des Films leider irgendwann zu einer Geduldsprobe verkommen lassen.


„Leben und sterben in God’s Pocket“ ist ein zweischneidiges Schwert. Philip Seymour hoffman ist, auch wenn man sich erst fragen mag, wieso er in diesem Film mitspielt, die perfekte Besetzung für die Rolle. Wer Filme seinetwegen guckt, wird auch hier wieder mit all seinem Können und seiner puren Art erfreut werden. Und dennoch ist er, wie im Übrigen jede und jeder in diesem Film, die/ der einen Namen hat, komplett verschenkt. An dieser Stelle könnte man Christina Hendricks nennen, die höchstwahrscheinlich lediglich mitgemacht hat, weil sie ihrem Freund Slattery einen Gefallen getan hat. Kann sein, dass der „Mad Men“ gut inszeniert hat, seine inszenatorische Arbeit hier ist das reinste Chaos, sein Drehbuch allerdings mit einigen Hoffnungsschimmern. Es gibt sie nämlich, diese Momente, die fast schon an der Grenze zur Genialität kratzen. Dann gibt es allerdings leider viel mehr von diesen Momenten, die die Grenze zum Humbug weit überschreiten. Anfangs dunkel, dreckig, rau. Danach chaotisch, verherrlichend, uninspiriert und planlos. Die verschenkten Möglichkeiten lassen sich nicht an zwei Händen abzählen, was jedoch noch von der Tatsache überschattet wird, dass der Film keine Geschichte zu erzählen hat. Da ist ganz einfach nichts, was passiert und von Interesse wäre und so verkommt das Regiedebüt und einer der letzten Auftritte des genialen Philip Seymour Hoffman zu einem Wirrwarr aus nichts und wieder nichts.


4 von 10 verschütteten Bieren auf aufgebahrten Leichen


von Smooli

Review: SAITEN DES LEBENS – Eine Symbiose aus Musik und Beziehungen

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Fakten:
Saiten des Lebens (A Late Quartet)
USA. 2012. Regie: Yaron Zilberman. Buch: Yaron Zilberman, Seth Grosmann. Mit: Christopher Walken, Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener, Mark Ivanir, Imogen Poots, Wallace Shawn, Anne Sofie von Otter, u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nach über 25 Jahren bei einem erfolgreichen Streich-Quartett erhält Peter (Christopher Walken) eine erschütternde Diagnose: Parkinson. Lange kann er nicht mehr spielen, das ist ihm klar, und so teilt er seinen drei Kollegen (P.S. Hoffman, C. Keener, M. Ivanir) den baldigen Ausstieg aus dem Quartett mit. Das aber bringt schwerwiegende Folgen mit sich, lange unterdrückte und ignorierte Differenzen treten wieder an die Oberfläche und bedrohen die Zukunft des Quartetts und die Freundschaft seiner Mitglieder.




Meinung:
Beethovens Streichquartett No. 14 in Cis-Moll ist ein Stück, das die Musiker, geht es nach Beethoven, ohne Pause spielen sollen. Während des Spielens verstimmen sich jedoch die Instrumente, sodass sich Disharmonien einschleichen können, die die Stimmung des Stücks verändern könnten. Die Entscheidung, alles ohne Pause und Feinjustierungen durchzuziehen hat also weitreichende Folgen auf die Harmonie. Beethovens Quartett dient als Parabel für das Leben, für das Leben von vier Musikern und es ist tatsächlich faszinierend zu beobachten, wie die Musik als solche mit dem Leben der Protagonisten eine Symbiose eingeht.


In das harmonierende Ensemble...
Die vier Musiker Peter (Christopher Walken), Robert (Philip Seymour Hoffman), Juliette (Catherine Keener) und Daniel (Mark Ivanir) waren lange zusammen, so lange, dass sie zu einem der besten Streichquartette des Welt wurden. Sie tourten fast pausenlos, spielten über 3000 Konzerte. Doch es haben sich Disharmonien in ihre Beziehungen eingeschlichen, die sie jahrelang versuchten zu ignorieren. Doch wie auch bei Beethovens Stück werden diese Probleme irgendwann so deutlich, dass man sie nicht mehr überhören bzw. übersehen kann. Die Parkinson-Erkrankung Peters bringt eine Lawine ins Rollen, die das Verhältnis der vier Musiker untereinander, aber auch zur Musik auf eine harte Probe stellt. Liebe, Freundschaft, Eltern, Krankheit, gekränkter Stolz – es hat sich Vieles aufgestaut und das musste sich irgendwann entladen.


...treten bald erste Spannungen ein.
Fantastisch gespielt von den vier Hauptdarstellern entfesselt sich so ein intensives Beziehungsdrama, getragen von der so abwechslungsreichen Streichermusik Beethovens und Angelo Badalamentis, die oft wie ein Statement zu den verschiedenen Figuren und ihrer Verhaltensmuster wirkt. Interessant auch, dass wir, obwohl wir das Verhalten der Figuren nicht unbedingt gutheißen wollen, so können wir es nur allzu sehr nachvollziehen. Ihr Verhalten ist menschlich. Wir können sie verstehen, jeden einzelnen und darum fällt es auch so schwer, die klaren Sympathen und Unsympathen auszumachen. Jeder verhält sich irgendwie falsch und doch ist es nur logisch. Trotzdem löst der Film enorme Emotionen aus. Die Kombination aus wundervoller, fesselnder Musik und den eindringlichen und bewegenden Darbietungen der vier Hauptdarsteller, durch die die inneren Gefühle ihrer Figuren tatsächlich sichtbar werden, ist ein Genuss für Augen, Ohren und Herz – vorausgesetzt, wie lassen uns so in den Film fallen wie die Darsteller in ihre Rollen. Ein Film, der nicht besser hätte besetzt werden können, ein Musterbeispiel hervorragenden Castings.


Dramatisch, musikalisch, gut. So könnte man den Film in wenigen Worten beschreiben. Drehbuch, Schauspieler, Musik – hier stimmt so einiges. Auch wenn doch einige Klischees bedient werden und die Beziehungskrise an sich nicht viel hergibt, so ist die Umsetzung wahrlich meisterhaft gelungen und macht „Saiten des Lebens“ zu einer hintergründigen und hochemotionalen Mischung aus Musikfilm und Drama.


8 von 10 vergessene Geigen

Review: A MOST WANTED MAN – Das letzte Sprengsel Menschlichkeit

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Fakten:
A Most Wanted Man
UK. 2014. Regie: Anton Corbijn. Buch: Andrew Bowell, John le Carré (Vorlage). Mit: Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Daniel Brühl, Nina Hoss, Willem Dafoe, Robin Wright, Kostja Ullmann, Herbert Grönemeyer, Rainer Bock, Martin Wuttke, Derya Alabora, Homayoun Ershadi, Mehdi Dehbi, Vicky Krieps, Franz Hartwig u.a. Länge: 121 Minuten.
FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 27. Februar 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Isaac Karpov schlägt sich als illegaler Einwanderer bis nach Hamburg durch. Dort taucht er in der islamischen Gemeinde der Stadt unter. Doch Kaprov scheint etwas von großer Wichtigkeit zu verbergen und so gerät er in den Fokus einer geheimen, deutschen Spionageeinheit des Leiters Bachmann. Dieser und sein Team müssen feststellen, dass durch die Anwesenheit Karpovs weitaus mehr auf dem Spiel steht, als anfangs gedacht.





Meinung:
Es gibt da einen Moment in „A Most Wanted Man“, der unsere Hauptfigur Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) wunderbar auf den Punkt bringt: Im Gespräch mit Dieter Mohr (Rainer Bock), dem Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, wird Bachmann dazu angehalten, Blut auf den Straßen zu vermeiden. Seine Reaktion ist eine deutliche: „Haben Sie jemals Blut auf den Straßen gesehen?“. Mohr verstummt, Günther Bachmann zieht leicht hinkenden Schrittes von dannen. Man mag diesem Mann eine gewisse Lebensmüdigkeit attestieren, beinahe entkräftet schlaucht er seinen Körper durch das Post-9/11-Geheimdienstnetz, welches er im nordischen Metropolis, Hamburg, vorfindet, doch den Glauben an den Menschen hat er über all die Jahre der Kontrolle, der unbedingten Professionalität und der herben Rückschläge nicht eingebüßt. Sein Charakter und das dazugehörige Spiel seitens Philip Seymour Hoffman sind es dann auch ohne Wenn und Aber, die Anton Corbijns, einem virtuosen Musikvideoregisseur, aber gerne als 'anstrengend' geltenden Spielfilmmachers, Spionage-Thriller-Drama Herz verleihen und ihn so nachhaltig erden.


Bachmann und sein Team bei der Spionagearbeit
Nicht nur dunkle Gewitterwolken des Verdachts, des Etwaigen, des Mutmaßlichen haben sich am Firmament festgesetzt, auch der tragische Drogentod von Philip Seymour Hoffman am 2. Februar, 2014 hat sich in jedes Frame des Filmes eingefräst. Ohnehin verkörpert der unnachahmliche Performanceskünstler hier einen von in steter Melancholie verharrenden Spion, den der Job noch nicht gänzlich jedweder Ideale beraubt hat, aber durchaus in die Einsamkeit getrieben: Alkohol ist sein allabendlicher Gefährte. Das mag nach Klischee riechen, wird in „A Most Wanted Man“ aber keinesfalls in den Primärtext gerückt, stattdessen darf man sich als Zuschauer selber ein Bild davon machen und Entschlüsse festigen, wenn Bachmann mal wieder am Flaschenhals hängt. Ein interessanter Aspekt, der sich in gewisser Weise auch auf das Wesen Bachmanns projizieren lässt: Nicht, dass er gänzlich ungeschoren seit jeher seinen Dienst verrichtet hat, doch die seit dem 11. September betonierten Ressentiments um Islamisten sind ihm zu wider und entsprechen schlichtweg nicht seiner Definition von Anti-Terror-Kampf. Anders als die rivalisierenden Nebenbuhler (hier beispielsweise die Central Intelligence Agency), die Resultate auch mal aus gedrungener Willkür erzwingen.


In Hamburg verortet, das natürlich eine ganz besondere Rolle seit jenen Anschlägen in der Weltpolitik eingenommen hat, müht sich der russisch-stämmige Tschetschene Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) aus der Wellen der Elbe, ausgelaugt von der Folter in türkischen Gefängnissen, gerät er schnell ins Visier der hiesigen Nachrichtendienste, die in ihm einen potenziellen militanten Jihadisten sehen. Anton Corbijn inszeniert „A Most Wanted Man“ als eiskaltes Unterfangen, immer auf Distanz der abenteuerlichen Doppelnullromantik gehalten und versinnbildlicht die Hansestadt zur urbanen Reflexionsplattform für Günther Bachmann, der nicht nach Schnellschussverfahren strebt, sich genau diesen schlussendlich aber ausgeliefert sieht. In seiner allgegenwärtigen, aber doch brüchigen Nüchternheit schürt „A Most Wanted Man“ die exakte Atmosphäre, um einen Wirkungsraum zu etablieren, der nicht nur in Gut und Böse, in Aufnahme und Ablehnung denkt, sondern sich auch als Möglichkeit beschreibt. Die letzte Szene schmerzt dann jedoch im doppelten Sinne. Wieder einmal musste Bachmann scheitern und mit ihm verlässt auch Philip Seymour Hoffman für immer die große Bühne.


8 von 10 würdigen Abschlüssen


von souli