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Review: SUICIDE SQUAD – Bühne frei für die Bösen

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Fakten:
Suicide Squad
US, 2016. Regie und Buch: David Ayer. Mit: Will Smith, Margot Robbie, Jared Leto, Cara Delevingne, Joel Kinnaman, Jai Courtney, Adewale Akinnouye-Agbaje, Karen Fukuhara, Jay Hernandez, Viola Davis, Ben Affleck, Scott Eastwood, Common u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
Um einer möglichen Bedrohung durch übermächtige Feinde entgegenzuwirken, hat die Geheimagentin Amanda Waller einen perfiden Plan ausgeheckt. Sie stellt eine Truppe aus Schwerverbrechen, Massenmördern und Psychopathen zusammen, die sie nach Belieben kontrollieren darf. Da die Mitglieder des sogenannten Suicide Squad selbst böse sind, lässt sich sämtliche Schuld leicht auf sie schieben und bei Versagen wird niemand um sie trauern. Bei ihrem ersten Einsatz wird das Team direkt darauf geprüft, ob sie gemeinsam funktionieren und ob es für sie selbst überhaupt Sinn macht, sich einem eventuellen Himmelfahrtskommando zu opfern...




Meinung:
Bislang steht das DC-Universe in Filmform immer noch im Schatten des mittlerweile riesigen Marvel Cinematic Universe (MCU), in dem jeder Superheld mehrere Einzelfilme bekommen hat und alle Figuren durch die "Avengers"–Filme bereits zweimal versammelt wurden oder im letzten "Captain America" erstmals in einem Konflikt aneinander gerieten. Doch auch die DC-Helden sollen nach und nach zur großen "Justice League" aufgebaut werden, auch wenn der Weg dahin aktuell von vielen Seiten kritisch beäugt wird. Nachdem Zack Snyder mit "Man of Steel" bereits versuchte, der Figur des Superman einen angemessenen Solo-Auftritt zu bescheren, wurde sein eigenwilliges, faszinierend chaotisches Crossover-Epos "Batman v Superman: Dawn of Justice" von Kritikern und Fans überwiegend äußerst negativ aufgenommen. Als nächster filmischer Baustein im DC-Universum bekommt nun der "Suicide Squad" seinen Auftritt, in dem sich hauptsächlich Psychopathen, Massenmörder und Schwerverbrecher tummeln. 


Bereit für das Gefecht 
Der interessanteste Aspekt im Voraus war sicherlich die Wahl des Regisseurs, wofür Warner David Ayer verpflichten konnte. Wer mit den Filmen von Ayer vertraut ist, weiß, dass dieser in erster Linie für kompromissloses, hartes Action-Kino steht, das in seinen letzten beiden Werken "Sabotage" und "Fury" gewalttechnisch fast schon in menschenverachtende Bereiche abrutschte, was dem Regisseur einen Status des abschreckenden Zynikers einbrachte, der dem Zuschauer am liebsten unsympathische Figuren und bestialische Brutalität serviert. Umso spannender war daher die Frage, wie sehr Ayer einem großen PG-13-Blockbuster für die Massen seinen eigenen Stempel aufdrücken könnte und wie seine Vision einer düsteren Comicverfilmung aussehen würde. Die Antwort fällt nicht eindeutig aus, denn wie auch schon bei Snyders "Batman v Superman: Dawn of Justice" wird in "Suicide Squad" schnell deutlich, dass das Studio eigenständigen Regisseuren, die ihre Filme mit einer ungewöhnlichen Ästhetik versehen wollen, keine allzu große Freiheiten einräumt und wahrscheinlich lieber genormte Filme wie aus dem MCU möchte, bei dem jeder Film einen originellen Stil völlig vermissen lässt.


Harley Quinn in wahnsinniger Hochform
In vielen Szenen mutiert "Suicide Squad" vor allem im ersten Drittel durch die stakkatoartige, unentschlossene Montage zu einem wüsten Wirbelsturm, bei dem Ayer ganz klar mit der Ambition zu kämpfen hat, dass er im Idealfall alle neun Mitglieder der Antihelden-Truppe einführen und mit ausreichend Hintergrundmaterial versorgen muss. Der Film gerät daher zunächst zu einer flippigen Aneinanderreihung einzelner Clips, die aufgrund des exzessiven Einsatzes von Songs wie Musikvideos wirken, in denen der Regisseur bei der Charakterisierung klare Schwerpunkte setzt. Während Harley Quinn und Deadshot eindeutig als "Stars" des Squad etabliert werden, erhalten andere Mitglieder wie Captain Boomerang, Killer Croc oder Katana nur spärliche Einführungen und werden regelrecht zu Randfiguren degradiert, wobei Ayer manchen Figuren wie beispielsweise El Diablo im späteren Verlauf noch tiefere Charakterfacetten verleiht. Vom reinen Verlauf der Handlung her ist "Suicide Squad" geradezu banal ausgefallen. Ist die Truppe erst einmal vereint, entpuppt sich ihr Einsatz als geradlinige Söldner-Mission, bei der sie sich durch die anrückenden Gegnerhorden kämpfen. Die kompromisslose Gangart Ayers wird dabei immer wieder durch offensichtliche Eingriffe des Studios unterwandert, bei der regelmäßige Auflockerungen mittels (oftmals durchaus gelungener) humorvoller Sprüche oder emotionaler Momente eingestreut werden.


Kommt eindeutig zu kurz: Der Joker
Eine reine Versammlung von unberechenbaren Geisteskranken und Killern ist diese Truppe also nicht, denn die Mitglieder des Suicide Squad erhalten durchaus menschliche, tragische Züge, was sich vor allem in Deadshot, Harley Quinn, El Diablo und dem Anführer der Truppe, Rick Flag, widerspiegelt. Etwas zweckmäßig eingestreut wirken allerdings die Auftritte des Jokers, der weitaus weniger Bedeutung für das Gesamtwerk hat, als viele vorher vermutet hatten. Die von Jared Leto als überdrehter Psycho-Zuhälter dargestellte Interpretation der Comicfigur kommt lediglich auf ungefähr 10 Minuten Screentime und wirkt so verschnitten und gekürzt, dass man auf ihn sogar ganz hätte verzichten können. Wesentlicher reizvoller und interessanter ist dagegen der Umgang mit dem Suicide Squad von Seiten der Regierung, bei dem Ayer seinen finsteren, zynischen Ton nach wie vor durchblitzen lässt. Die skrupellose Vorgesetzte Amanda Waller macht jederzeit klar, dass sie nur ein Haufen Abschaum sind, zur Vorsicht bekommen sämtliche Mitglieder Mikro-Sprengsätze in den Hals implantiert, die bei fahrlässigem Fehlverhalten zum sofortigen Tod führen und als "Belohnung" steht dem Team nur eine Reduzierung ihrer Haftstrafen um 10 Jahre in Aussicht.


Cara Delevingne als Bösewichtin - Keine gute Idee...
Auch wenn die eigentliche Handlung nicht gerade mit komplexem Anspruch besticht, ist der Tonfall des Streifens ein faszinierender, bei dem auch die humorvollen Einschübe nicht vom eigentlichen Kern ablenken, in dem es darum geht, dass ein paar Menschen, so schlecht sie sich auch verhalten haben mögen, wie Dreck behandelt und ausgenutzt sowie ohne Bedenken geopfert werden und eigentlich keinen richtigen Sinn hinter ihrer Mission sehen können. Der Film funktioniert trotz einiger Logiklücken und einem eher enttäuschenden, blassen Antagonisten in Form einer großzügig verschenkten Cara Delevingne aufgrund der großartigen Chemie zwischen den Darstellern. Den bislang zurecht übergangenen Jai Courtney hat man selten in derartiger Spielfreude gesehen, Will Smith lässt einen auf positive Weise an vergangene Zeiten zurückdenken, in denen der Schauspieler mit massivem Charisma Blockbuster im Alleingang stemmen konnte und Margot Robbie erweckt die Figur der Harley Quinn mit frechem Witz, psychotischer Unberechenbarkeit und lässigem Sexappeal zum Leben und spielt eine ihrer besten Rollen überhaupt bisher.


Letztendlich hat die finale Kinofassung von "Suicide Squad" aufgrund der Studio-Eingriffe wahrscheinlich einiges von dem einbüßen müssen, was Regisseur David Ayer ursprünglich erdacht hatte. Der ungestüme, mit etlichen Ecken und Kanten versehene Blockbuster ist aber trotzdem weitaus interessanter und gelungener als die letzten Auswürfe des MCU, dessen Filme alle gleich aussehen, einen individuellen Stil komplett vermissen lassen und sämtliche Konsequenzen umgehen. Ayers Geschichte wirft dem Zuschauer einige Ungereimtheiten, Logiklücken und Banalitäten vor die Füße, aber trotzdem hat man mit dieser Truppe, die man eben erst kennengelernt hat, mehr Spaß als gedacht und bekommt einige durchaus überraschende, faszinierende Elemente (Der Umgang mit der Figur des Slipknot könnte kaum typischer sein für Ayer), welche die Handschrift des Regisseurs nicht vermissen und den gewöhnlichen, massenkompatiblen Blockbuster-Comicfilm-Standard weit hinter sich lassen.


7 von 10 Espresso-Maschinen



von Pat

Review: ALLES EINE FRAGE DER ZEIT – Durch Zeitsprünge zurück ins Leben

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Fakten:
Alles eine Frage der Zeit (About Time)
UK. 2013. Regie und Buch: Richard Curtis.
Mit: Domhnall Gleeson, Rachel McAdams, Bill Nighy, Lindsay Duncan, Tom Hollander, Margot Robbie, Lydia Wilson, Will Merrick, Richard Cordery, Joshua McGuire, Tom Hughes, Lisa Eichhorn u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 6. Februar 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zu seinem 21. Geburtstag wird Tim von seinem Vater in ein Familiengeheimnis eingeweiht. Alle Männer der Familie können in der Zeit zurückreisen. Was nach Humbug klingt erweist sich für Tim als wunderbare Möglichkeit die Vergangenheit zu ändern und für Liebesangelegenheiten ist so eine Zeitreise auch äußerst praktisch.





Meinung:
Eigentlich ist Richard Curtis ein Garant dafür, die Herzen des Publikums im Sturm zu erobern und in romantische Hochgefühle zu versetzen. Nicht nur sein wunderbares Debüt auf dem Regiestuhl „Tatsächlich...Liebe“ ist längst zum festen Bestandteil in der emotional aufgeladenen Weihnachtszeit avanciert, auch seine Drehbücher zu „Vier Hochzeit und ein Todesfall“, „Notting Hill“ und „Bridget Jones“ bildeten die Vorlagen für Kassenknüller. Mit seiner neusten Regiearbeit „Alles eine Frage der Zeit“ gerät der künstlerische Status von Richard Curtis zwar nicht in Verruf, die larmoyante Ebene, die Curtis in der Vergangenheit so gekonnt ausschöpfte, bleibt in dieses Fall aber nahezu unberührt. Sympathisch und irgendwie süß ist „Alles eine Frage der Zeit“ dennoch, er hat nur offenkundig Angst davor, wirklich Mut im Umgang mit seiner eigentlich innovativen Thematik zu beweisen und entscheidet sich letzten Endes für den sicheren respektive moralinsauren Weg. Das klingt nun schlimmer als es eigentlich ist, denn obgleich Curtis wenig bis gar nichts wagt, weiß er zu gefallen und stellt von Beginn an die artikulierten Weichen für das lockere Vergnügen.


Mary und Tim genießen ihre gemeinsame Zeit
Der Hybrid aus Lovestory und Zeitreise ist an und für sich nichts Neues, er bietet aber eine fundierte Projektionsfläche für existenzialistische Fragen, die dem Sinn des Lebens wie auch den wahren Wert der Liebe entwirren. Seiner philosophischen Note, wie sie auf dem Papier durchaus erkennbar schien, wird „Alles eine Frage der Zeit“ nicht gerecht, Curtis hingegen setzt das Konventionelle, das Alltägliche in das Zentrum des Szenarios und schildert gekonnt durch seine geerdeter Narration wie Konstellation die Höhen und Tiefen, die Irrungen und Wirrungen im Dasein des Tim Lake (Domhnall Gleeson). Und dieser Tim Lake ist einer dieser unauffälligen Typen, die dir an jeder Straßenecke begegnen dürfen, die klare Erwartungen an ihre Zukunft stellen und immer auf Ordnung und Sicherheit in ihrem Vorhaben setzen. Da kommt es ihm natürlich gerade recht, dass ihm sein lakonischer Vater (Bill Nighy) an seinem 21. Geburtstag in das große Familiengeheimnis einweiht und ihm offenbart, dass er – wie alle männlichen Mitglieder der Familie Lake - in der Lage dazu ist, durch die Zeit zu reisen. Dass solche Zeitsprünge ihre Vorteile mit sich bringen und sämtliche Peinlichkeiten ausradieren, erscheint äußerst reizvoll und ist hier abermals relativ amüsant dargestellt.


Tim wird von seinem Vater "aufgeklärt"
Ein Zeitsprung kann jedoch auch Probleme verursachen, die nicht nur das eigene Leben betreffen, sondern auch das Leben anderer Personen nachteilig beeinflussen. Tim springt zwar nicht immer aus eigennützigen, egoistischen Antrieben zurück in die Vergangenheit, doch sein primäres Ziel ist es, die große Liebe zu finden und schließlich immer den besten Weg für sich zu finden – Kann man ihm ja auch nicht verdenken. Tim wagt es nur nicht, mal ein Extrem einzugehen und genau wie Curtis es als Rahmen angelegt hat, gibt er sich immerzu mit den kleinen Freuden zufrieden, wenngleich die Eroberung seiner Frau Mary (Rachel McAdams) und das gemeinsame Kind wohl nicht als belangloses Ereignis deklariert werden darf, aber als durchaus gewöhnliches. Und gewöhnlich ist in „Alles eine Frage der Zeit“ prinzipiell alles, bis auf den ungenutzten und irgendwann nur noch rudimentär betrachteten Effekt der Zeitreise. Schlussendlich tritt die Erkenntnis dahingehend ein, das eigene Schicksal doch besser nicht zu beeinflussen und dem Lauf der Dinge freie Bahn zu gewährleisten, denn irgendwann kommt für jeden der Punkt, an dem man akzeptieren muss, dass es unmöglich ist, jedem Schmerz und jeder Trauer permanent zu entfliehen.


Die Botschaft ist klar definiert und mit Sicherheit auch richtig, im Kontext der enormen Perspektiven des Skripts dann aber doch ziemlich enttäuschend und für eine Welt, in der die Fähigkeit besteht, die Gegenwart zu torpedieren und jedes logische oder metaphysische Gesetz zu ignorieren, viel zu zahm. Man kann sich dennoch gut unterhalten lassen und sich über die etwas zu ausufernde Laufzeit von 120 Minuten angenehm berieseln lassen. Richard Curtis weiß, welche Hebel er bedienen muss um den Zuschauer mitgehen zu lassen und die passend gewählten Schauspieler tun ihr Übriges. Domhnall Gleeson pendelt zwischen der blassen Austauschbarkeit und dem treffenden Inbegriff eines Jedermanns mit dem Herzen am rechten Fleck. Rachel McAdams als Mary passt sich ihrem Partner Gleeson an und bewegt sich fortwährend in einem schauspielerischen Radius, den man eigentlich nur gern haben kann: Niedlichkeit und Durchschnittlichkeit sind oftmals nicht mehr zu differenzieren. Ihnen allen überlegen ist wenig überraschend Billy Nighy als Tims Vater. Die verschrobene Attitüde, durch die Nighy seinen unglaublichen Charme versprüht, funktioniert einfach immer und seine Präsenz wertet jeden Film im Endeffekt noch ein Stück weit auf.


5 von 10 gefeierten Theaterstücken


von souli

Review: THE WOLF OF WALL STREET - Eine spaßige Enttäuschung

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Fakten:
The Wolf of Wall Street
USA. 2013.
Regie: Martin Scorsese. Buch: Terence Winter, Jordan Belfort (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Kyle Chandler, Margot Robbie, Jon Bernthal, Matthew McConaughey, Rob Reiner, Christine Ebersole, Ethan Suplee, Jean Dujardin, Kenneth Choi, Jon Favreau, P.J. Byrne, Shea Whigham, Spike Jonze, Joanna Lumley, Aya Cash, Jake Hoffman, Edward Herrmann, Mackenzie Meehan, Barry Rothbart, Brian Sacca u.a. Länge: 179 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.Ab 30. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach wahren Begebenheiten: Börsenmakler Jordan Belfort ist jung, voller Tatendrang und Mitte der 1980er Jahre, kurz vor seinem Einstieg ins Big Business eigentlich schon wieder weg vom Fenster. Der Black Monday, der große Börsencrash von 1987, macht ihn arbeitslos, doch davon lässt sich Belfort nicht abschrecken. Mit Hilfe seines Verkaufstalents, ungehemmten Eifer und illegalen Geschäften gelingt ihm der Aufstieg an die Spitze.





Meinung:
„The Wolf of Wall Street“ ist ein extrem zweischneidiges Schwert, zum Teil messerscharf und stumpf zugleich. Das hinterlässt einen merkwürdigen Beigeschmack. Drei Stunden können eine gefühlte Ewigkeit sein, doch wenn ein Regisseur sie nie als solche erscheinen lassen kann, dann Martin Scorsese. Es ist definitiv nicht Unterhaltungswert, an dem es seinem neuesten Werk mangelt. Eine Rekapitulation der Jahre der Gier, der Maßlosigkeit, vorgetragen als Real-Satire, als obszöne Groteske, die erschütternder Weise wohl nicht zu sehr die Fakten ad absurdum führt. Dekadenter Wahnsinn skrupelloser Anzug-Banditen in einer Seifenblase aus Nutten, Koks und Dollarscheinen.


"Ich bin Arschloch und ihr findet mich toll. Geil, oder?"
Scorseses neue/alte Allzweckwaffe Leonardo DiCaprio spielt entfesselt drauflos, energiegeladen und im angepassten Over-The-Top-Modus. In dem wohl ergiebigsten Film-Jahr seiner Karriere trägt er das Werk mühelos und zeigt hier ein ungewohnt komisches Talent. Ähnlich Scorsese, der lediglich bei „The King of Comedy“ und „Die Zeit nach Mitternacht“ sich diesem Gebiet annäherte. Eine Komödie ist „The Wolf of Wall Street“ letztendlich nicht, aber dicht dran. Er gibt dem (fast) ganz realen Irrsinn eine Bühne und übt offen Kritik an einer perversen Maschinerie, die vor einigen Jahren (mal wieder) in sich zusammenfiel und dennoch wieder aufersteht. Jedoch nicht mit klar erhobenen Zeigefinger. Er lässt das Szenario und seine Figuren für sich sprechen, ohne sie zwingend dämonisieren zu müssen. Das kann zu unangebrachten Sympathien führen, doch Scorsese überlässt es dem Zuschauer, das Gesamtbild zu bewerten. Das reicht auch vollkommen, viel zu klar sind die Rollen verteilt. Die Opfer werden nicht thematisiert, die Resultate dürften eh bekannt sein. Quasi konsequent aus „Täter-Perspektive“ präsentiert. Woran krankt es denn nun? Scorsese versteht sein Handwerk nach wie vor. Er entwickelt sich im hohen Alter logischerweise nicht weiter (von Stagnation zu sprechen wäre nicht angebracht), wohin auch? Von der rein technischen Inszenierung ist das gewohnt gekonnt, erzählerisch vergleichbar mit seinem Mafia-Epen „GoodFellas“ und „Casino“.


Belfort und sein Mentor reden über Geld und Onanie
Speziell zum Erstgenannten bestehen starke Parallelen, was sich leider als deutliche Schwäche herausstellt. Klar, auch die beiden „Vorbilder“ waren sich sehr ähnlich, entfalten dabei jedoch ihre individuellen Reize und hatten so viel dramatisch-wuchtige Sprengkraft, dass sie insgesamt jeder für sich ihre Klasse untermauerten. Das fehlt dem Schaf im Wolfspelz. Der Ablauf von „GoodFellas“ und „The Wolf of Wall Street“ ist fast identisch, natürlich auf eine andere Bühne projiziert. Aufstieg und Fall eines Durchstarters, der Traum von Geld und Drogen endet jäh und auf dem Weg dahin bietet dieser Film keinerlei Neuerungen. Fast fühlt man sich wie in einem Remake, selbst in Details. Scorsese kopiert sich selbst, erschafft dabei leider keine neuen Höhepunkte. Seinem Werk fehlt es bei all dem Spaß an Tiefe, an Individualität, bezogen auf das Skript. Am Ende wirkt es fast etwas banal, kann dies jedoch lange gut kaschieren. Dazu tragen neben dem bereits erwähnten DiCaprio die Darsteller ihren Teil bei, wenn auch nur zwei Namen noch zwingend erwähnt werden sollte. Matthew McConaughey in der Form seines Lebens (leider nur kurz dabei) und Jonah Hill, dem so eine Leistung nicht unbedingt zuzutrauen war. Der Rest bleibt eher im Hintergrund und erfüllt seinen Job, ohne besonders in irgendeine Richtung aufzufallen.


Des Weiteren punktet „The Wolf of Wall Street“ natürlich durch seinen galligen Humor, droht dabei jedoch manchmal leicht zu nerven. Die Überstrapazierung des F-Wortes und ähnlicher Kraftausdrücke dient natürlich als Mittel der Überspitzung, erfüllt einen nützlichen Zweck, schützt trotzdem nicht vor Abnutzungserscheinungen. Weniger ist manchmal mehr und an einigen Stellen hätte dem Wolf das sehr gut getan. Um wieder auf das einleitend angesprochene Problem einzugehen: „The Wolf of Wall Street“ ist hervorragend gespieltes, schön inszeniertes Unterhaltungskino, das allerdings nicht die Erwartungshaltung und Qualität erfüllen kann, die bei Scorsese durch seine extrem beständige Form schlicht vorausgesetzt wird. Macht Spaß und enttäuscht. Dennoch gut, mit deutlichen Abstrichen.


6,5 von 10 indischen Schlaftabletten


von JackoXL


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Review: THE WOLF OF WALL STREET - Dieser Wolf beißt nicht

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Fakten:
The Wolf of Wall Street
USA. 2013.
Regie: Martin Scorsese. Buch: Terence Winter, Jordan Belfort (Vorlage). Mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Kyle Chandler, Margot Robbie, Jon Bernthal, Matthew McConaughey, Rob Reiner, Christine Ebersole, Ethan Suplee, Jean Dujardin, Kenneth Choi, Jon Favreau, P.J. Byrne, Shea Whigham, Spike Jonze, Joanna Lumley, Aya Cash, Jake Hoffman, Edward Herrmann, Mackenzie Meehan, Barry Rothbart, Brian Sacca u.a. Länge: 179 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 30. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach wahren Begebenheiten: Börsenmakler Jordan Belfort ist jung, voller Tatendrang und Mitte der 1980er Jahre, kurz vor seinem Einstieg ins Big Business eigentlich schon wieder weg vom Fenster. Der Black Monday, der große Börsencrash von 1987, macht ihn arbeitslos, doch davon lässt sich Belfort nicht abschrecken. Mit Hilfe seines Verkaufstalents, ungehemmten Eifer und illegalen Geschäften gelingt ihm der Aufstieg an die Spitze.





Meinung:
„Gier ist gut“. Das wusste Gordon Gecko (Michael Douglas) in Oliver Stones Kapitalismuskritik "Wall Street" von 1987 zu berichten. Jordan Belfort, ein Ex-Börsenmarkler, auf dessen Memoiren „The Wolf of Wall Street“ beruht, hat dieses Mantra noch weiter verfeinert. Seine Devise lautet „Reich ist perfekt“ und Regie-Altmeister Martin Scorsese bringt diese Wörter nun als dreistündigen Dauerrausch auf die Leinwand. Das Ergebnis ist purer Exzess. Da wird aus Hurenhintern gekokst, mit Zwergen geworfen und Einhundertdollarscheine landen zerknüllt im Papierkorb. Drehbuchautor Terence Winter (der zusammen mit Scorsese die Prohibitionserie „Boardwalk Empire“ ins amerikanische Fernsehn breachte) machte aus Belforts Buch, welches in einem klassischen Rise &Fall-Gerüst steckt, ein primär nicht an Kritik und Substanz interessiertes Script. Immerhin weiß Scorsese wie er diese Mankos mit viel inszenatorischem Zuckerguss kaschieren kann. Doch bei 179 Minuten Film bleibt es nicht aus, dass dieses hübsche Kartenhaus irgendwann in sich zusammen fällt. Fast schon so wie ein Börsencrash.


Belfort weiß sich in Szene zu setzen
Sagt man „The Wolf of Wall Street“ muss man zwangsläufig auch Leonardo DiCaprio sagen. Nach Calvin Candie („Django Unchained“) und Jay Gatsby („Der große Gatsby“) performt er nun die dritte Kapitalistenrolle in Folge. Auch hier schöpft DiCaprio aus den Vollen, spielt kraftvoll und überzeugend. Es gelingt ihm sogar das, was bereits Michael Douglas in „Wall Street“ gelang: es stellt sich eine Faszination ein. Das geldgeile Ekel Belfort wird zum Sympathieträger. Eine durchaus große Leistung, wie es auf dem ersten Blick scheint, doch dies wird durch Heuchelei erschwindelt. Denn „The Wolf of Wall Street“ ist in allem sehr zeigefreudig und redselige, nur die Opfer des Börsenbetrügers kommen nie zu Wort und sind auch nie zu sehen. Sie bleiben unsichtbar. Das Wort „Opfer“ fällt erst gegen Ende, ganz beiläufig und ohne wirkliche Resonanz. Zugegeben, diese Mentalität passt schon zum Rest des Films, der auf political correctness pfeift und einen Verbrecher feiert als wäre es ein Rockstar. Aber wo bleibt dabei die Substanz? Die Kapitalismuskritik kommt erst gegen Ende aus ihrem dunklen Verschlag herausgekrochen. Es wirkt fast wie eine Art Kür, die mit großem Zwang aber ohne sonderliche Aufrichtigkeit herausgepresst wird. Dabei hätte Scorsese und Winter durchaus Optionen gehabt aus Belfort und seinen Machenschaften mehr herauszuholen als eine langgezogene Ansammlung von Orgien, Designermöbeln und Geschäftsvorträgen.


Ehefrau Naomi hält ihren Jordan auf Abstand
„The Wolf of Wall Street“ besitzt ihn nämlich, einen Konterpart zu Jordan Belfort. Der FBI-Ermittler Patrick Denham (Kyle Chandler, „Super 8“, „Argo“) versucht dem Yuppie das Handwerk zu legen, nur dauert es zum einen zu lange bis dieser Denham sich zeigt und wenn er endlich in der Handlung positioniert wurde, scheint ihnen Winter und Scorsese einfach vergessen zu haben. Aber mal ehrlich, wer will einen Spielverderber schon auf einer Party haben? Denn „The Wolf of Wall Street“ ist eine einziges großes Fest. Champagner, Hummer, Kaviar, Callgirls und vor allem Drogen. Belfort ist ein Junkie: Koks, Tabletten und Dollar sind seine Stoffe und dieses Leben macht, allen  Einwänden zum trotz, Spaß. Das Ganze erinnert schon ein wenig an Danny Boyles Heroingroteske „Trainspotting – Neue Helden“. Auch hier wurde zunächst darauf verzichtet, die Moral einzufordern. Die Lebensfreude regiert. Doch wo Boyle mit Hilfe des Ekels und sozialer Tristesse schon von Beginn an die Schattenseiten offenbarte und diese ewig drohend über allem schwebte, steht „The Wolf of Wall Street“ eher arrogant und blind der brutalen Wahrheit gegenüber. Und genau das macht auch durchaus Freude, zumindest beim ersten Mal, aber „The Wolf of Wall Street“ suhlt sich so elendig repetitiv darin sich einfach nur diversen Maßlosigkeiten hinzugeben, dass am Ende nicht mehr übrig bleibt als ein großer Kater.


DiCaprio präsentiert den wahren Hauptdarsteller des Films
Letztlich ist es aber die schiere Länge, die „The Wolf of Wall Street“ dazu bringt, zu scheitern. Drei Stunden ist einfach zu viel. Scorsese und Winter füllen diese Zeit mit Szenen und Dialogen die durchaus einen Sinn haben und auch einen Zweck erfüllen, aber es findet keinerlei Entwicklung statt. Es wird viel gespielt mit Off-Kommentaren, Musikuntermalung und Montagen, aber es bleibt eine hübsche Hülle, die nach und nach das große Fast-Nichts, was sich dahinter verbirgt, nicht mehr wirklich verschleiern kann. Gewiss besitzt „The Wolf of Wall Street“ durchaus auch eine Aussage. Wenn Belfort vom Forbes Magazin kritisiert wird, es ihn als twisted Robin Hood bezeichnet, ganz öffentlich sein Geschäftskonzept verteufelt und diese harsche wie richtige und gute Kritik sich aber am Ende als beste Art der Werbung erweist, dann hält „The Wolf of Wall Street“ der Fratze des Kapitalismus den Spiegel vor. Eine Fratze, die sich nicht nur bei jungen Finanzjongleuren findet, sondern auch bei Herr und Frau Jedermann (was auch das Ende des Films offenbart). Ja, alles gute Einzelheiten, aber sie gehen einfach im wüsten Rausch unter.


Es gibt gewiss viele Gründe „The Wolf of Wall Street“ zu lobpreisen. Der Film haut einem seine Stärke immer wieder und mit voller Kraft und Geschwindigkeit um die Ohren. Dabei kümmert er sich einen Dreck um Etikette, was durchaus erfrischend ist, doch dies beinhaltet eben auch, dass er fast schon mephistophelisch grinsend die Wahrheit so verkauft und beinah schon verdreht, dass ein ungutes Gefühl zurück bleibt, zumindest dann, wenn es durch die andauernden Party- und Drogenszenen nicht betäubt wurde. Am Ende, und das ist durchaus auch eine Leistung, gelingt es „The Wolf of Wall Street“ ein Scheusal als gefallenen Helden darzustellen, als Symbol des Kapitals. Mag sein das Martin Scorsese irgendwo dazwischen noch andere, differenziertere und kritischere Zwischentöne versteckt hat. Die sind aber wahrscheinlich längst vom ganzen Koks high und so bleibt hier nur ein Fazit übrig: dieser Wolf heult wild und laut, nur beißen tut er nicht. Von Gordon Gecko könnte dieser Belfort noch was lernen.


4 von 10 Nasdaq-Nutten



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