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Review: CAROL – Die Schönheit des Moments

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Fakten:
Carol
GB, US. 2015. Regie: Todd Haynes. Buch: Phyllis Nagy, Patricia Highsmith (Vorlage). Mit: Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler, Cory Michael Smith u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Im Kino.


Story:
New York, Anfang der 50er Jahre. Therese Belivet arbeitet als Verkäuferin in einem großen Warenhaus und erhofft sich ein besseres Leben. Als sie ihre Kundin Carol Aird bedient, fühlen die zwei Frauen sich spontan zueinander hingezogen. Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Therese ist zurückhaltend und traut sich kaum das Wort Nein zu verwenden, Carol ist dominant und steckt mitten in einem Sorgerechtsstreit mit ihrem zukünftigen Exmann. Als die beiden sich näherkommen entsteht ein Liebe, die von ihrem direkten Umfeld nicht verstanden wird.





Meinung:
Mit fünf Nominierungen gilt „Carol“ als einer der Favoriten bei der diesjährigen Verleihung der Golden Globes und damit auch als einer der großen Oscarkandidaten, wenn der größte amerikanische Filmpreis im Februar erneut vergeben wird. Regisseur Todd Haynes präsentiert mit „Carol“ einen der großen Kritikerlieblinge des Filmjahres und wer den Film gesehen hat, versteht warum sich der Film derzeit so großer Beliebtheit erfreut. Auf den ersten Blick ist „Carol“ typisches Oscarkino, ein langsames Drama mit bekannten Namen bestückt und grandios ausgestattet. Doch unter der detailgetreuen und authentischen Darstellung der 50er Jahre liegt weitaus mehr verborgen als nur ein hübsch anzusehender Film.


Carols Blick schweift in neue Richtungen
„Carol“ beschäftigt sich fast ausschließlich mit seinen beiden Protagonistinnen, die ihren üppigen Vorschusslorbeeren auch mehr als gerecht werden. Nicht umsonst wird Cate Blanchett als moderne Greta Garbo und Rooney Mara als Neuinterpretation Audrey Hepburns gefeiert. Inwiefern diese Vergleiche überhaupt notwendig sind sei einmal dahingestellt, schließlich stehen die beiden wunderbar für sich selbst und obgleich Garbo und Hepburn großartige Darstellerinnen waren, verdienen es Blanchett und Mara nicht, lediglich auf ihre Ähnlichkeit zu diesen Größen reduziert zu werden. Sie sind das Herzstück des Films und tragen diese Rollen auch mühelos, Mara in ihrer gläsernen Verletzlichkeit gleichermaßen wie die innerlich zerrissene Blanchett. Für sich genommen schon großartig, entfalten sie die volle Wirkung ihres Schauspiels in gemeinsamen Szenen. Zärtliche Berührungen, die so intensiv sind, dass dem Betrachter der Atem stockt, beiläufige Blicke, die mehr sagen als bloße Worte. Hier ein schwaches Lächeln, dort eine zweideutige Anmerkung, so sieht große Schauspielkunst aus und dafür darf und wird es wahrscheinlich auch die verdienten Preise geben. Seine Regie unterwirft Haynes komplett dieser Beziehung, seine Bilder sind warmherzig und intim, müsste man die Stimmung des Films mit einem Wort beschreiben, dann wäre es wohl 'zärtlich'.


Rooney Mara kann sich gegen die Blanchett behaupten
Gleichermaßen offenbaren diese Momente der Zweisamkeit aber auch die Schwächen des Films. So gelungen die intimen Momente der beiden Frauen auch sind, machen sie doch die dramaturgischen Probleme des Films nur zu deutlich. Abseits der fast schon träumerischen Szenen mangelt es an Konflikten, die in Form von Carols Tochter zumindest rudimentär vorhanden sind. Die größte Schwäche ist dabei wie nebensächlich er die alltäglichen Probleme der Frauen abhandelt, er macht ihnen zu wenig Platz um eine wirkliche Wirkung zu erzielen, was den fertigen Film auch spürbar in die Länge zieht. Der Regisseur hätte sich entweder mehr oder schlichtweg gar nicht auf diese Konflikte einlassen dürfen, so aber verpasst Haynes den entscheidenden Schritt in eine bestimmte Richtung und schafft es weder sich vollends in der Zwischenmenschlichkeit seiner Charaktere zu verlieren, noch die dramaturgische Komponente zufriedenstellend auszuarbeiten. Das mag nun deutlich härter klingen als es „Carol“ verdient hat, schließlich verirrt er sich nur gelegentlich in diesen Momenten der Unentschlossenheit. Dennoch ist es auf gewisse Weise sehr ärgerlich, könnte der Film doch so viel mehr sein wenn Haynes nur ein Stückchen mutiger und entschlossener den Schritt in die richtige Richtung gewählt hätte.


Das wirklich schöne an „Carol“ ist aber seine intime und ehrliche Darstellung einer Liebesbeziehung. Ganz einfach zwei Frauen, die sich ineinander verlieben. Kein unglückliches Ende, kein (Selbst)Mord, keine groß angelegte Coming-Out Szene und vor allem keine schwülstigen Reden über die Bedeutung von Liebe. Einfach nur zwei Menschen, die zueinander gehören. Das sind die Momente die „Carol“ ausmachen und die den Film trotz seiner Langatmigkeit zu einem mitreißenden und empfehlenswerten Stück Kino machen.


7 von 10 vergessenen Handschuhen


von Vitellone

Review: HER - Gefällt mir

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Fakten:
Her
USA. 2013. Regie und Buch: Spike Jonze.
Mit: Joaquin Phoenix. Amy Adams, Rooney Mara, Chris Pratt, Olivia Wilde, Portia Doubleday, Matt Letscher, May Lindstrom  u.a.. Stimme u.a. von Scarlett Johansson, Bill Hader, Kristen Wiig, Brian Cox. Länge: 123 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 4. September 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Theodore verdient sein Geld mit dem Schreiben von Liebesbriefen, doch nachdem seine Frau ihn verlassen hat, sieht es in Sachen Liebe für ihn persönlich eher finster aus. Er lebt alleine, suhlt sich in Schwermut und hat wenig Lust außerhalb seiner Arbeit seine Wohnung zu verlassen. Dies ändert sich, als er ein neues Betriebssystem installiert. Das sogenannte OS, welches sich selbst Samantha nennt, wird schnell zu Theodores Seelenverwandte.





Meinung:
Er ist involviert bei den Späßen der legendären Jackass-Crew, er drehte Musikvideos die auch nach vielen Jahren immer noch herausgekramt werden, wenn es um kreative und außergewöhnliche Musikclips (u.a. „Praise You“ von Fat Boy Slim oder „Sabotage“ von den Beastie Boys) geht und dann inszenierte er noch gefeierte Filme wie „Being John Malkovich“ oder „Wo die Wilden Kerle wohnen“. Gemeint ist Spike Jonze, dessen neuster Spielfilm auf den kurzen aber prägnanten Titel „Her“ hört und für dessen Drehbuch Jonze am 2. März 2014 einen Oscar fürs beste originale Drehbuch erhielt. Mit Recht? Ja, mit definitiven Recht, denn „Her“ ist ohne Kompromisse ein großartiger, wenn nicht sogar herausragender Film. Wieso er das ist, wird der Autor dieses Textes versuchen in den nächsten Zeilen zu erklären.


Das erste Kennenlernen: Theodore installiert Samantha
Schnell könnte die Vermutung aufkeimen, dass „Her“ den übermächtigen, mahnenden Stempel einer Gesellschaftskritik aufgedrückt hat. Alleine wie Jonze die im Film präsentierte Technik inszeniert und einsetzt weckt bekannte Bilder aus unserem Alltag: Menschen, die zusammen stehen und reden, jedoch nicht mit ihrem Gegenüber, sondern mit sich selbst, bzw. mit ihrem Mobiltelefon. Doch obgleich diese Intention wahrlich nicht von der Hand zu weisen ist und dieser Subtext den vierten Spielfilm von Spike Jonze durchzieht wie Kapillargefäße, ist „Her“ in erster Linie doch mehr daran interessiert eine romantische Geschichte zu erzählen, einhergehend mit der Frage ob wir auch wirklich dann einsam (besser gesagt: alleine) sind, wenn wir niemanden an unserer Seite haben, außer die moderne Technik, die uns, wie heutzutage, es ermöglicht mit anderen Menschen zu kommunizieren, auch wenn der gute, alte Blickkontakt fehlt oder sogar ganze Weltmeere zwischen ihnen liegen? Aus dieser Frage entspinnt „Her“ dann aber mehr als eine Abhandlung schnöder Plattitüden, Pro und Kontras. Viel mehr erweitert er sie: Kann man sich in jemanden verlieben, den man noch nie gesehen hat? Kann man sich verlieben in eine Stimme, die zwar liebevoll und bezaubernd klingt, die allerdings von einer Software stammt?


Alleine in der großen Stadt
Auch hier wäre es einfaches gewesen, diese Frage zu zerschmettern, sie als Unfug abzutun, aber wir alle leben doch bereits jetzt in einer digitalisierten Welt, in der das physische immer zweitrangiger wird. Nur als Beispiel sei hier einmal angebracht, dass sich die Autoren dieses Film-Blogs noch nie persönlich getroffen haben, sich aber dennoch über Facebook und Twitter hinaus aus Freunde bezeichnen würden. Statt den modernen Weg der Kommunikation zu dämonisieren, zeigt Jonze in „Her“ einfach eine Liebesgeschichte, zwischen Autor Theodore und einer Software, die sich selbst Samantha nennt. Es ist der nächste, klare Schritt im Kreislauf der sozial-kommunikativen Renovation. Aus zwei menschlichen Gesprächspartnern werden ein Mensch und eine Maschine. Was beängstigend klingt, da es aber von dort an nur noch ein kleiner Schritt ist, bis das Humane komplett wegfällt, nutzt Jonze für seinen hintersinnigen Film „Her“, der sich sehr offen und ohne Angst dieser Thematik annimmt und dennoch das Menschliche mehr fokussiert als die Elektronik. Überhaupt nähert sich „Her“ dem Ganzen ohne großen Druck ohne Scham (Sexualität wird nicht ausgespart). Was auf dem Papier, Tablet oder Monitor befremdlich klingen mag, wird im Film fast schon nonchalant erzählt und akzeptiert. Faszinierend und durchaus mutig.


Theodore mittendrin, im Taumel der Liebe
Ebenfalls faszinierend an „Her“ ist sein Setting. Das production design spiegelt gekonnt die Größe und Weite heutiger Metropolen wider, genau wie aktuelles Technikspielzeug, verleiht diesen jedoch einen futuristischen Anstrich, der weder aufgesetzt noch prahlerisch wirkt. Ohne auch nur eine Sekunde an eine Exposition zu verschwenden, schafft es „Her“ dem Publikum zu suggerieren, dass die gezeigte Welt unsere Zukunft ist. Eine unaufdringlich detaillierte Zukunft (man achte nur einmal auf die konstante Mode), die stilistisch und technisch nicht nur besonders nah, sondern fast schon zwangsläufig erscheint - auch wenn sie vielleicht etwas zu hell erstrahlt, was wiederrum ein guter Konterpunkt ist, zur Einsamkeit, die Jonze zeitgleich einfängt. Denn vor den großen Fenstern, weitläufigen Betonplatten zwischen den Hochhäusern und modischen Büros scheint es keinen Platz für Wärme zu geben. Kein Wunder also, dass Theodore sein Geld damit verdient, dass er für andere Liebesbriefe schreibt. Auch hier zeigt sich, das Spike Jonze mit „Her“ ein durch und durch visionäres Werk geschaffen hat. Visionär nicht alleine durch seine Reflexion über unser Leben, sondern auch, weil es ihm ohne sichtbare Probleme gelingt eine große Liebe zu entfachen, die teilweise aus bits and bytes besteht und dennoch große, ehrlich wirkende Emotionen generiert.


Amy Adams, hier ganz natürlich
Darstellerisch kann „Her“ ebenfalls überzeugen. Allen voran wegen Joaquin Phoenix, der mit seinem auffälligen Schnauzbart und seinem liebenswerten Hundeblick erneut beweist, dass er ohne Zweifel zu den besten Schauspielern seiner Generation gehört. Nach seiner kraftvollen Performance in Paul T. Andersons „The Master“, brilliert er hier als gewöhnlicher Alltagstyp, der dabei ist an der Scheidung von seiner Frau zu zerbrechen, bis er auf Samantha trifft, die körperlose Stimme aus dem Computer. Neben Phoenix geben sich noch andere, aktuell oft in gefeierten Filmen zu sehende, Darsteller die Ehre. Herausstechend dabei ist Amy Adams, die hier nach „American Hustle“ wieder in einem bodenständigen, natürlichen, charmanten Glanz erstrahlt und trotz ihrer eher geringen screentime (der Film ist absolut und gerechtfertigter Weise auf Phoenix fokussiert) erneut beweist, wie großartig sie ihren Job meistern kann. Auch Rooney Mara („The Social Network“, „Ain’t them Bodies Saints“) als Theodore Noch-Ehefrau Kathrine hinterlässt mit ihrem wenigen aber äußerst wichtigen Szenen einen äußerst positiven Eindruck. Lediglich Chris Pratt („Zero Dark Thirty“, "Fast Verheiratet") der diesen Sommer im langerwarteten Marvel-Vehikel von James Gunn, „Guardians of the Galaxy“, zu sehen sein wird, bleibt etwas zu blass und konturlos. Dafür gibt sich "Her" bei den Stimmen keinerlei Blöße. Scarlet Johansson als Samantha ist schlicht und einfach herausragend.


Spike Jonze hat mit „Her“ großes, emotionales, intelligentes, mutiges Kino abgeliefert und gleichzeitig einen scharfsinnigen, aber niemals böswilligen, Blick auf unsere heutige Sozialkultur geworfen. Obendrein bietet Jonze Script einige wirklich grandiose komödiantische Momente, die zwischen brillant absurd und zartbitter variieren. Trotz dieser humoristischen Abwechslungen bleibt „Her“ fest verwurzelt in der Melancholie, jedoch biete diese wesentlich mehr Platz als nur für Wehmut. Zwischen den ganzen gesellschaftlichen und kulturellen Tableaus offenbart Spike Jonze die hoffnungsvolle Botschaft, dass wir nicht alleine sein müssen, unterlegt von den teils sphärischen Musikkompositionen der Band Arcade Fire. Einfach ein ganz wundervoller Film, oder anders und passender ausgedrückt: "Gefällt mir". Sehr sogar.


9,5 von 10 seltsame Sexualpraktiken mit einer toten Katze

Review: THE SAINTS - SIE KANNTEN KEIN GESETZ - Die Müdigkeit einer elliptischen Liebe

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Fakten:
The Saints - Sie kannten kein Gesetz (Ain’t them Bodies Saints)
USA. 2013. Regie und Buch: David Lowery. Mit: Casey Affleck, Rooney Mara, Ben Foster, Nate Parker, Keith Carradine, Robert Longstreet, Rami Malek, Kennadie Smith, Charles Baker, Augustine Frizzell, Kentuckey Audley, David Zellner, Turner Ross u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: noch nicht bekannt.Ab 19. März 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Ruth und Bob sind vereint in der Liebe und der Kriminalität. Als sie bei einem Überfall von Cops umzingelt werden, kommt es zu einem Schusswechsel. Ruth verletzt dabei den Polizisten Patrick. Nach der Verhaftung nimmt Bob die Schuld dafür auf sich und wandert ins Gefängnis, während seine Ruth, die schwanger ist, zu ihrem Ziehvater geht. Nach ein paar Jahren gelingt Bob die Flucht. Sein Ziel: Ruth und seinen Sohn, den er noch nie gesehen hat, in die Arme schließen. Doch während Bob einsaß hat sich zwischen Cop Patrick und Ruth eine zarte Freundschaft entwickelt.





Meinung:
Jeder kennt die majestätische Anmut eines echten Werkes vom kontrovers diskutierten Terrence Malick; und wer einmal in diesen visuellen Genuss gekommen ist, wird dieses pulsierende Gefühl der überwältigenden Erhabenheit nicht mehr aus seiner Gedankenwelt lösen können. Es sind unikale, memorable Fotografien; Montagen, der formvollendeten Schönheit, eine Erlesenheit in künstlerischer Perfektion, ohne artifiziell oder mit verzerrtem Naturalismus aufzuwarten. Und nun stelle man sich einmal vor, man bekommt es mit einer ebenbürtigen, ganz und gar poetischen Malick-Ästhetik zu tun, nur erscheinen diese Aufnahme zu keiner Zeit wirklich greifbar, sondern widersetzen sich jedem emotionalen Zugang, jeder Wärme, jedem Hoffnungsschimmer. Dieses konterkarierte Profil findet sich in „Ain't them Bodies Saints“, in dem die scheuen Sonnenstrahlen ihren Weg durch gewaltige Wolkenwände bahnen, aber nie bis zum eigenen Leibe vordringen – Vollkommen bewusst.


 
Ein letzter gemeinsamer Augenblick für Ruth und Bob
Man muss sich „Ain't Them Bodies Saints“ aber keinesfalls als eine Art Gegenentwurf zum Œuvre Malicks vorstellen, denn auch wenn der gleichermaßen geliebt und gehasste Regisseur aus Illinois ungemein sensitive Kräfte entfaltet, so sind sie inhaltlich doch immer von einer feinfühligen Schwere gezeichnet, die die Leidenschaft zwischen zwei Menschen eben nicht nur als rosaroten Rausch feiert, seinen Charaktere – wenn man sie inzwischen überhaupt noch als solche bezeichnen kann – wird aber immer ein gewisser Rückhalt geboten, eine Chance, die Reise in das Innere auch glimpflich ausklingen zu lassen. „Ain't Them Bodes Saints entzieht seinen Protagonisten diese verheißungsvolle Perspektive, er erlaubt es ihnen nicht, erwartungsvollen Aussichten zu verfolgen. Das zeichnet sich nicht nur an der erwähnten Wirkungen der wirklich brillanten Bilder ab, es lässt sich auch schon an der Einführung der Figuren erkennen, die einen Augenblick der Zuneigung gewährt bekommen, danach aber gänzlich in der Abgespanntheit, der Lebensmüdigkeit versinken.


Ruth und ihr Sohn
Mit dem Motiv eines Gangster-Pärchen wird natürlich eine zentrale Konstellation aufgegriffen, wie sie älter und abgestandener wahrlich nicht sein könnte. Interessant ist an dieser Stelle vielmehr, wie David Lowery das Dreiergespann um Ruth (Rooney Mara), Bob (Casey Affleck) und Patrick (Ben Foster) einfängt und sie in eine elliptische Narration bindet, die sich weder um katalytische Impulse schert, noch seinen Figuren eine Vergangenheit oder Zukunft gönnt: Alles passiert im Hier und Jetzt, jedem fehlenden Versatzstück wird eine expliziter Riegel vorgeschoben. Sobald Ruth und Bob voneinander getrennt werden und Patrick immer erkennbarer einen Platz in Ruths Nähe einnimmt, findet sich eine Lage wieder, die nach melodramatischen Ausuferungen schreit: Der Mann, der für seine Frau ins Gefängnis wandert, die Frau, die ein Kind von diesem selbstlosen Mann erwartet und der Dritte im Bunde, der eine nicht minder entscheidende Rolle bei der Verhaftung gespielt hat, rückt in den Fokus.


„Ain't Them Bodies Saints“ jedoch hat keine Dramatisierungen und keine Theatralik nötig, einfach weil das Ende absehbar war, nur wie es auf die Charaktere einschlägt lässt etwas Raum für Überraschungen. Umso tragischer ist es an dieser Stelle, das Daniel Harts für sich genommen stimmige Komposition viel zu penetrant auf das Geschehen gelegt wird und diese dann droht, den Film somit aus seiner motivischen Introspektion und impressionistischen Stagnation zu reißen. „Ain't Them Bodies Saints“ wirkt dann, und da ist es egal, in welche Schublade man ihn stecken möchte, ob als elegischer Liebesfilm mit Gangster- oder Westernelementen, wenn er seine Charaktere in ihrer Trägheit zerfallen lässt. Eine Liebe kann in ihrer Koppelung an die kriminelle Energie nicht bestehen, sie dreht sich um sich selbst, aber nie um eine Gemeinsamkeit. Die Distanz bleibt bestehen und wird letztlich durch eine höhere Instanz vollständig gerichtet. Ein Film ohne doppelten Boden, weil, und das macht ihn erst bleiernd, von Beginn an alles verloren war.




6 von 10 endlosen Stunden des Wartens


von souli

Review: SIDE EFFECTS - Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Psychologen

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Fakten:
Side Effects
USA. 2013. Regie: Steven Soderbergh. Buch: Scott Z. Burns. Mit: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Ab 11. Oktober auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Obwohl die junge Emily (Rooney Mara) ihren Ehemann (Channing Tatum) aus dem Gefängnis zurückbekommt, verfällt sie in eine immer größere Krise. Depression! Nach einem Selbstmordversuch begibt sie sich in psychiatrische Behandlung bei Dr. Banks (Jude Law), der ihr ein neues Medikament verschreibt. Die Depressionen scheinen zwar gelindert (sagt man das so?) zu werden, doch es treten vermehrt Nebenwirkungen auf, die schon bald in einer Katastrophe für Emily und die Menschen um sie herum enden sollen.





Meinung:
„Side Effects“. Der letzte Kinofilm von Steven Soderbergh. Angeblich zumindest. Der Film teilt sich in zwei Hälften. Und oft wurde schon geschrieben, dass die zweite Hälfte dieses Films besser sei. Nein, für mich war es Teil 1 des Films. Anfangs ist es nämlich ein hochinteressanter Film. Eine bedrückende Atmosphäre wird geschaffen. Rooney Mara verkörpert die depressive junge Ehefrau hervorragend. Hier zeigt sie für mich nach „Verblendung“ einmal mehr, dass sie eine richtig gute Darstellerin ist. Themen wie Depression, Medikamentenbehandlung/-missbrauch und die Pharmalobby werden angesprochen oder zumindest angerissen.


Zwei Psychiater im Fachgespräch?
Aber leider hört Soderbergh nach der Hälfte mit seiner interessanten Geschichte auf. Wie schon bei „Erin Brockovich“ und „Contagion“ wird eine brisante Ausgangsposition geschaffen, die in der zweiten Filmhälfte nach und nach im Sand verläuft. Die (politische und wirtschaftliche) Relevanz wird zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen wird das Drama zum Verschwörungsthriller. Und gleichzeitig leider auch immer belangloser. In der ersten Hälfte hat man sich Zeit genommen, ist etwas mehr in die Tiefe gegangen, auf Figuren eingegangen. Das wird zwar in der zweiten Hälfte auch noch versucht, aber besonders zum Ende hin rast Soderbergh für meinen Geschmack einfach zu schnell zur Auflösung. Es läuft zu glatt, zu schnell. Manchmal hab ich den Eindruck, dass ein paar Schritte einfach übersprungen wurden. Und auch das Thema "Depression" wird irgendwie nicht mit dem nötigen Ernst behandelt. Ein bisschen zu leichtfertig für meinen Geschmack. Und das, was über Depressionen am Ende hängen bleibt, das wirkt leider durchaus bedenklich. Aber, und das muss man Soderbergh lassen, die Geschichte bleibt in jedem Fall spannend und unterhaltsam.
 


Können die beiden die Depression gemeinsam besiegen?
Das liegt auch an den guten Schauspielern. Jude Law als für mich typischer Brite, den ich sehr gerne in jeder Art von Film sehe (und sei es nur in einer Nebenrolle). Channing Tatum überraschend gut und passend, auch wenn seine Rolle nicht die anspruchsvollste war. Und Catherine Zeta-Jones, die immer noch eine gewisse Erotik in ihre Rolle legen kann und das nicht nur in den eindeutigen Szenen. Neben dem sehr guten und auffälligen Schnitt sind auch die Effekte zu erwähnen. Verschwommene Bilder unterstreichen die Depression und machen den Film eindringlicher. Auch meine ich, häufig ein leicht flackerndes Bild bemerkt zu haben, das manche Szenen etwas dunkler oder düsterer gemacht hat. Da bin ich mir zwar nicht sicher, ob es einfach an einem vielleicht altersschwachen Projektor im Kino gelegen ist oder ob das so von Soderbergh gewollt war, aber wie auch immer, es hat den Depressions-Szenen zusätzliche Dichte und das gewisse Etwas gegeben.


Vielleicht zum letzten Mal (sein Film "Behind the Candelabra" ist lediglich als TV-Film geplant) hat Steven Soderbergh gezeigt, dass er ein grundsätzlich guter Regisseur ist, der optisch ansprechende Filme machen kann und der auch versucht, relevante Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medizin in seine Filme zu packen. Doch einmal mehr hat er auch gezeigt, dass er mit zunehmender Laufzeit diese relevanten Themen nicht adäquat fortsetzen kann, mit Ausnahme von „Traffic“. Dass er zugunsten von Unterhaltung und Spannung leider immer mal wieder in die Belanglosigkeit driftet. „Side Effects“ ist und bleibt deshalb ein gut gespielter Thriller mit zumindest interessanten Ansätzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


7 von 10 Muntermacher-Pillen