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Review: HIDE AND SEEK - KEIN ENTKOMMEN - Verdrängung und Vergangenheit

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Fakten:
Hide and Seek – Kein Entkommen (Sum-bakk-og-jil)
Südkorea. 2013. Regie und Buch: Jung Huh. Mit: Hyeon-ju Son, Mi-seon Jeon, Jung-Hee Moon u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 26. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Sung-soo hat alles, was man sich nur wünschen kann: eine Frau, zwei Kinder, Geld, eine schöne Wohnung und einen guten Job. Doch in dieses Idyll bricht die Nachricht, dass Sung-soos Bruder verschwunden ist. Diesen hatte er seiner Frau und den Kinder verschwiegen, u.a. auch weil dieser ein Straftäter war. Als sich Sung-soo auf die Suche nach ihm macht, muss er feststellen, dass es im Wohnblock seines Bruders, kurz vor dessen Verschwinden, zu einem brutalen Mord kam. War Sung-soos Bruder der Täter? Oder ist er ein weiteres Opfer?





Meinung:
Das aus Südkorea teils grandiose Filme kommen, sollte mittlerweile jeder Filmliebhaber mitbekommen haben. Egal ob kunstvolle Dramen wie die Werke von Park-chan Wook, anspruchsvolles Arthouse-Kino von Kim-ki Duk, explizite Genrekost von Jee-woon Kim oder facettenreiche, filmische Erzählungen von Joon-ho Bong. Südkorea gehört zweifelsohne zu einer der interessantesten und vielfältigsten Filmnationen. Mit „Hide and Seek – Kein Entkommen“ findet nun ein Thriller den Weg in unsere DVD- und Blu-ray-Regale, der nicht wirklich mit den ganz Großen des südkoreanischen Films mithalten kann, den man sich als Genrefreund aber durchaus einmal anschauen sollte.


Wer hat dem Kind das nur angetan?
Das Regiedebüt von Jung Huh erweist sich als klassischer Suspense-Thriller, angereichert mit all den typischen Drehern an der Spannungsschraube, wie Alpträumen und Halluzinationen, die hier allesamt recht gut eingesetzt werden, so dass ihr antiker Mief nicht weiter auffällt. Diese illusionistischen Kniffe haben allerdings auch narrative Wurzeln. Es sind die Ängste und Zwänge von Hauptprotagonist Sung-soo, die hier spannungsförderlich materialisiert werden, bis sie wieder verpuffen und Sung-soo sich wieder der Realität stellen muss, die bei weitem nicht viel besser ist, als seine Wahnbilder: Sein Bruder, zu dem er den Kontakt abbrach, weil Sauberkeits- und Hygiene-Fanatiker Sung-soo dessen schmutzigen Körper nicht ertrug, ist verschwunden und auf der Suche nach ihm, kommt Sung-soo einem Serienkiller auf die Spur, der innerhalb eines heruntergekommenen Wohnkomplexes  (wo Sung-soos Bruder ebenfalls wohnte) seinen mörderischen Tätigkeiten nachging. Dies alles verwebt Regisseur Jung Huh zu einem nicht immer wirklich sehr einfach konsumierbaren Thriller, der am Ende mit einer Auflösung aufwartet, die mit gesellschaftlicher Relevanz und bitterer Satire besticht. Bis es dazu kommt ist „Hide and Seek – Kein Entkommen“ aber vor allem eine Geschichte rund um die Verarbeitung und die Verdrängung von Vergangenheit und den eigenen Schwächen.


Sung-soo entdeckt seltsame Zeichen
Doch das Verdrängte wird immer einen Weg finden und das Vergangene bleibt allgegenwärtig, egal wie sehr Sung-soo versucht dagegen anzukämpfen. Dies erweistsich jedoch als fadenscheinige Täuschung des Thrillers. „Hide and Seek – Kein Entkommen“ stellt letztlich seinen eigenen Verlauf so um, dass eine vollkommen andere intentionelle Aussage dabei herauskommt. Dies kann man genauso einfach als genial, wie auch als misslungen bezeichnen. Trotz all diesem (mal geglückten wie wechselbarem) Subtext, bleibt „Hide and Seek – Kein Entkommen“ in erster Linie ein geradliniger Thriller. Leider gelingt es Jung Huh hier niemals eine erquickliche Balance aus ruhigen und packenden Momenten zu erschaffen. Zu lang sind die Abstände innerhalb der Inszenierung, zwischen den sehr schwerfälligen Szenen, die die Figuren und Situationen modellieren und den pulsierenden Spannungsmomenten. Ein wenig dafür entschädigt das Finale. Regisseur und Autor Jung Huh feuert dort mit den ganzen Kalibern des Genres los: Rasant, überspitzt, beißend und abrupt, gelangt „Hide and Seek – Kein Entkommen“ dann zu den eigenen Höhepunkten und erschafft Augenblicke voller Adrenalin. Sind diese vorüber, ist auch Jung Huhs Spielfilmdebüt vorbei. Eine gute Sache, ein guter Thriller, ein mehr als solider Film.


„Hide and Seek – Kein Entkommen“ erweist sich als durchaus schmackhafte Genrekost, die im offensichtlichen wie auch im verborgenen Bereich, inhaltliche Mehrwerte besitzt. Am Ende reicht es nicht aus, um Jung Huhs Film in den südkoreanischen Thronpalast hineinzulassen, wo Werke wie „Oldboy“, „A Bittersweet Life“ oder „Mother“ ausgestellt werden. Dass das südkoreanische Kino aber immer noch eines der interessantesten und facettenreichsten ist, unterstreicht „Hide and Seek – Kein Entkommen“ allerdings mit einem dickem Pinselstrich.


6,5 von 10 schmutzigen Obdachlosen

Review: SNOWPIERCER – Mit der Revolution in die südkoreanische Königsklasse

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Fakten:
Snowpiercer
Südkorea, USA. Regie: Bong Joon-ho. Buch: Kelly Masterson, Bong Joon-ho,
Jacques Lob (Vorlage), Benjamin Legrand (Vorlage), Jean-Marc Rochette (Vorlage). Mit: Chris Evans, Song Kang-ho, Ko Ah-seong, Jaime Bell, Tilda Swinton, John Hurt, Octavia Spencer, Ed Harris, Alison Pill, GoAh-sung u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 23. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Menschheit hat eine neue Eiszeit verursacht und befindet sich nun am Rande der Ausrottung. Die wenigen Überlebenden fahren in einem großen Zug durch die eisigen Reste der zivilisierten Welt. Dabei herrscht im Zug eine klare Hierarchie: die armen leben in den hinteren Abteilen, die Reichen in den vorderen. Es kommt zu einem Aufstand.





Meinung:
Jetzt muss es sein - Revolution! Wir wissen nämlich schon schnell Bescheid: totalitärer Horror im Aufdrängen, Enge und Verrottung in der hintersten Ecke, die einem in diesem letzten Aufgebot der Menschheit übrig bleibt. Ein Zugabteil in Leid & Schmerzen, groteske Fratzen regieren mit eiserner Hand von vorne heraus. Doch eingepfercht in diesem Endzeit-Szenario ist auch bei ihnen Rationierung der Mittel unumgänglich - der Vorstoß aus der Misere gelingt, die Unterschicht bricht Abteil für Abteil hindurch in der Hoffnung auf Freiheit. Eine ganz simple Angelegenheit, ein nachvollziehbares Aufbegehren - was dahinter steckt, wird auf dem Weg erklärt, der Schuss nach vorne ist aber zunächst mal die Faustregel. Dafür muss man räudigst schlagen, reißen, schlitzen, zerhämmern...bluten ohne Ende. Nicht lange fackeln ist die Devise, doch die irrwitzigen Offenbarungen häufen sich - Regisseur Bong Joon-Ho entlädt ordentlich Wut und Schmerz in seine dampfende, ratternde Maschine, doch die kleinen, wundersamen und verzahnten Rädchen im Komplex bringen sie erst zum Laufen. Und so bauen sie sich auf zu unmöglichen Barrieren - brachial-nervöse Zurückhaltungs- und Durchschlagsmaßnahmen auf kleinstem Raum: eine Schlacht für die Gerechtigkeit vs. den Status Quo, aufgelöst in spannender und eigenwilliger Virtuosität. Doch auch diese Wahnsinnsvision beherbergt ein Gleichgewicht, ein Streben nach Harmonie auf ökonomischer Grundlage - mit jedem noch so perfiden Mittel.

 
Und jetzt alle: Cheese
Das spiegelt sich auch in der Gestaltung des Films wieder: geradliniger Powerstoff, vermengt mit einem schelmischen Zynismus. Aber auch mit einer makabren Poesie, eine südkoreanische Spezialität: die Faszination mit Armen und Amputationen als bereitwillige Opfer und Täter; die eigentliche, faux-darwinistische Verbundenheit und gegenseitige Ergänzung von Arm und Reich in diesem konzentrierten Ambiente; der Pathos von Volksbegehren und auserwähltem Schicksal - alles im Grunde auch melodramatisches Hollywood- oder Eisenstein-Material, hier jedoch mit bizarrem Charme in hitzige und verräterische Manie eingetaucht, solange man aber noch nach vorne kommt. Doch ist man einmal angekommen, ist der Zauber von Freiheit nur eine Lüge, Mittel zum Zweck - dort steht man dann von vorne aus mit dem schnaufenden, zerbeulten Gesicht, schaut nach hinten durch: dort drüben am stählernen Horizont ist die letzte Bastion der Menschheit, nichts sonst ist erhalten geblieben. Was bleibt einem da noch übrig, außer die Maschine am Leben zu erhalten? Antwort: ein Hauch von Hoffnung, von Selbstbestimmung und offener Menschlichkeit - der Weg aus der ökonomischen Enge, hinein in das weite Risiko der Eiszeit...ein zwiespältiger, schimmernder Wahnsinn mit göttlicher Fügung.


Snowpiercer: eine allgemein-verständliche Dystopie in aufbrausender, cineastischer Zersetzung. Und doch hat jede noch so lockere Schraube zum gnadenlosen Schub der Emotionen, der Wunder, des zelebrierten & bitter-nüchternen Blutvergießens und der astrein-originären Pointen formvollendet beigetragen. Kein Wunder, dass das Raus- und Herumschneiden nicht gelingen wollte. Die südkoreanische Königsklasse individueller, gewitzter Provokateure hat nämlich die Oberhand behalten - die wissen, was sie tun und ziehen selbstbewusst mit jedem Atemzug auf jedem Meter, mit einer Kiste voller Überraschungen durch. Eine außergewöhnliche, direkte Liebschaft mit Genre-affiner Gefahr, ohne Tempomat, im zackigen Schleudergang. Ich gebe mein Herz für diese Revolution - jetzt und auf ewig.


8,5 von 10 vereisten Schienen


von Witte 

Review: THE HOST - Über Monster, Amerika und vermeintliche Versager

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Fakten:
The Host (Gwoemul)
Südkorea. 2006. Regie: Bong Joon-ho. Buch: Baek Chui-hyun, Ha Won-jun, Bong Joon-ho. Mit: Song Kang-ho, Ko Ah-seong, Byeon Hie-bong, Bae Doo-na, Scott Wilson u.a. Länge: 119 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Wissenschaftler eines amerikanischen Militärstützpunkts nahe Seoul schütten cGiftstoffe in den Han-Fluss. Das Ergebnis zeigt sich Jahre später: ein seltsames Monster entsteigt plötzlich dem Gewässer und sorgt für Chaos. Imbissbudenbesitzer Kang-du ist mittendrin, als die Panik ausbricht und kann nicht verhindern, dass seine Tochter von dem Ungetüm verschleppt wird. Für die Behörden gilt seine Tochter als tot und der Bereich in dem das Monster wütete wird abgesperrt. Doch Kang-hus Tochter lebt und kann via Handy Kontakt mit ihrem Vater aufnehmen. Dieser versucht nun gegen alle Widrigkeiten mit seiner Familie die Kleine zu retten.





Meinung:
Es ist schon immer wieder beeindruckend, zu welch tonalen Verbiegungen asiatische Filmemacher in der Lage sind. Da werden todernste Momente durch eine Slapstick-Einlage konterkariert, ohne die Atmosphäre auch nur im Ansatz zu destruieren. Die inszenatorische Balance fungiert, so hat man das Gefühl, in einem hermetischen Raum, abgeschottet vom gebräuchlichen Usus, und dazu berufen, die Filmwelt mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein (oder Größenwahn?) aufzurütteln. Wahre Kabinettstückchen, möchte man meinen, schwappen da aus der asiatische Domäne über auf den internationalen Markt, um die Sehgewohnheiten des westlichen Publikums mit Anlauf vor die Wand rennen zu lassen, was die oftmals eher als 'verhalten' bezeichnende Resonanz erklärt. Gerade in Südkorea tummeln sich genügend derlei erwähnte Verrenkungskünstler auf der Regiestühlen: Kim Jee-woon („The Good, The Bad, The Weird“, „I Saw the Devil“) gehört zu den Privilegierten, genau wie Park Chan-wook („Oldboy“, „Durst“), Na Hong-jin („The Chaser“, „The Yellow Sea“) oder Bong Joon-ho, der zum ersten Mal mit „Memories of Murder“ auf sich aufmerksam gemacht hat und mit „Snowpiercer“ bereits in Amerika Fuß fasste.


Großvater und Vater auf der Suche nach dem Monster
Zwischen „Memories of Murder“ und „Snowpiercer“ hat Bong Joon-ho aber nicht nur den Charakter-Thriller „Mother“ entworfen, sondern auch den irren Genre-Mix „The Host“, der in den Staaten durch Quentin Tarantino („Django Unchained“) einen gewaltigen Popularitätsschub spendiert bekam. Der kultisch verehrte Nerd lobte „The Host“ seiner Zeit mit feuchten Hosen über den grünen Klee. Tatsächlich aber durfte es sich „The Host“ durchaus erlauben, derart in den Fokus gerückt zu werden, genauso wie er heute, knapp achte Jahre nach seiner Uraufführung, immer noch exemplarisch für die stilistische Flexibilität des asiatischen Kinos herangezogen werden sollte. Man darf sich erst einmal nicht von der Synopsis abschrecken lassen, die sich liest wie drittklassiger Horror-Trash. Dass es hier um ein grün-glitschiges Monster geht, welches wie eine mutierte Kaulquappe daherkommt, spielt eigentlich gar nicht so eine große Rolle, sondern übt einen Großteil der Handlung latente Bedrohung auf den Zuschauer und seine urigen Protagonisten aus. „The Host“, und das macht er ganz und gar konkurrenzfähig, stellt seinen Plot in den Kontext des altmodischen Monster-Films, um seine thematische Korrelation nach Belieben zu potenzieren.


Kang-hos Tochter sollte jetzt besser wegrennen
Dass „The Host“ auch in Nordkorea Lob erntete, ist für eine südkoreanische Produktion per se ein Ding der Unmöglichkeit, der Grund dafür liegt aber auf der Hand: Boon Joon- Ho hält mit seinem disposiver Anti-Amerikanismus nicht hinterm Berge und die Weltmacht muss einiges an Federn lassen. Dabei ist die Ausgangslage der Realität geschuldet und wie einst, gibt auch hier ein US-amerikanischer Pathologe den Befehl, Unmengen der toxischen Chemikalie Formaldehyd in den Han-Fluss schütten zu lassen. Die Folgen gemahnen in ihrer allegorischen Haltung natürlich an die japanische Riesenechse, von der Konkretheit des Ur-„Godzilla“ aber sind wir in „The Host“ weit entfernt. Hat das Monstrum erst einmal die Flusspromenade aufgemischt, konzentriert sich „The Host“ auf die Illustration seines Familienbildes. Park Kang-du („Sympathy for Mr. Vengeance“) gibt den etwas schusseligen, aber zielstrebigen Vater, dessen Tochter Hyun-seo von dem Ungetüm verschleppt wurde. Ihm zur Seite stehen seine zwei Geschwister und sein Vater. Boon Joon-Ho begnet all seinen Figuren auf Augenhöhe, er erlaubt es ihnen, vom stereotypischen Korsett Abstand zu halten, um echte Empathie zu schüren. Ohne Augenwischerei, versteht sich.


Und so geht „The Host“ seinen affektiv strukturierten Weg: Von einer äußerst bissigen Gesellschaftssatire, in der eben auch die Vereinigten Staaten sehr direkt ihr Fett wegbekommt, ist „The Host“ Creature-Horror mit vortrefflich inszenierten Spannungsklimaxen und bewegender Familienfilm, der dysfunktionale Beziehungen durchleuchtet, ohne einer kasuistischen Methodik zu verfallen. Boon Joon-Ho lässt seine Charaktere atmen, er gesteht ihnen Ecken und Kanten zu, muss sie nicht zu Helden stilisieren, sondern lässt sie auch mal nicht ganz nachvollziehbare Schritte gehen, lässt sie zweifeln als auch verzweifen. Und in dieses ernste Szenario mischt sich immer wieder dieser typisch koreanische, für einen Großteil der Zuschauer sicher befremdlich-groteske Humor. „The Host“ jedoch verfällt nie in ein inhomogenes Stückwerk, dessen thematische Fäden in unzählige Richtungen streuen. Unter Boon Joon-Hos Ägide erscheint „The Host“ wie aus einem Guss, alles fein säuberlich proportioniert und geordnet an seinem rechtmäßigen Platz. Ein berührender, unterhaltsamer und ganz eigener Film.


7 von 10 fragwürdigen Hirnoperationen


von souli

Review: DURST – Chan-wook Parks Moraldiskurs über den Menschen im Vampir

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Fakten:
Durst (Bakjwi)
Südkorea, 2009. Regie: Park Chan-wook. Buch: Park Chan-wook, Chung Seo-kyung. Mit: Song Kang-ho, Kim Ok-vin, Kim Hae-sook, Shin Ha-kyun, Park In-hwan u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der Priester Sang-hyeon nimmt freiwillig an einem riskanten Impstofftest teil, mit dem eine tödliche Krankheit bekämpft werden soll. Wie bei den anderen Testpersonen greift das Medikament bei ihm nicht. Während einer Not-OP wird ihm eine Bluttransfusion gegeben, die ihn in einen Vampir verwandelt. Zunächst versucht er krampfhaft, sein altes Leben weiterzuführen, obwohl er nun auf menschliches Blut angewiesen ist. Dann lernt er Tae-ju kennen, die in einer Zwangsehe lebt. Sie beginnen eine Affäre, Sang-hyeon offenbart sich ihr und die Ereignisse nehmen ihren Lauf.





Meinung:
Der Vampir besitzt viele Gesichter und ist in der Filmgeschichte längst nicht mehr nur der vornehme Graf aus den transsilvanischen Wäldern, der des Nachts mit den Wölfen um die Wette heult und sich an den Hälsen williger Jungfrauen vergreifen möchte. Auch sein schauerliches Domizil wird inzwischen nicht mehr mittels tagelanger Reise in der klapprigen Kutsche erreicht, um dann auf halber Strecke vom Kutscher plötzlich gesagt zu bekommen, die Straße würde hier enden. Der Vampir ist ein Teil unserer Gesellschaft geworden und die Mythologie des Blutsaugers hat sich dem kulturellen Wandel angepasst, wenngleich dieser die klassischen Grundsätze des Vampirismus ad absurdum führen mag. Dabei muss nicht nur fortwährend auf dem „Twilight“-Franchise herumgehackt werden, das dem einst so stolzen Untoten zur Glamourfarce degradierte und der pubertären Zielgruppe mit Edward, Bella und Jakob drei neue Götzen servierte. Auch Neil Jordon betrat mit seinem durchaus gelungenen „Byzantium“ neue Pfade und nahm dem Vampiren nicht nur die Angst vor dem pulverisierenden Sonnenlicht, sondern auch gleich ihre ikonischen Eckzähne.


Blut ist Blut. Woher es kommt ist völlig egal
Die Entwicklung des Vampirs hat nicht nur Vorteile mit sich gebracht, aber sie spornt doch das Erfindungsreichtum innerhalb verschiedener Medien an und eröffnet der Thematik so neue, unverbrauchte Blickwinkel. Spannend wird es, wenn sich ein Film über die handelsüblichen Genre-Muster des Vampirfilms bewegt und sich traut über den Tellerrand zu blicken, anstatt in der groben Dialektik des Horrorfilms zu verweilen, in dem der Kampf von Gut und Böse lustlos abgespult wird. Der Vampir ist ja nicht nur Bestie, er ist doch auch ein Symbol für die Lust, für die endlose Begierde, für die Suche nach Befriedigung, den Kampf gegen die innere Leere und ein tragisches Opfer seines immerwährenden Umstands. Genau wie sich der Vampirismus in all seinen Praktiken und Impressionen als Metapher für die Liebe verstehen lassen kann. Es muss quasi ein Übergang gerechtfertigt werden, der mit den allseits bekannten Standards und Regularitäten spielt, indem er sie vordergründig bedient, diese grundsätzlichen Klischees aber durch die Eigeninterpretation versetzt und letztlich auch den Mut dazu hat, sie zu zerbrechen.


Park Chan-wook („Oldboy“) findet mit „Durst“ interessante Wege und Mittel, sich dem Thema zu nähern, ohne sich in Konventionen zu suhlen oder sich zu weit, zu forsch vom zentralen Konflikt des Vampirs zu distanzieren. Sehr lose an Émile Zolas Roman „Thérèse Raquin“ angelehnt, ist Wook mit „Durst“ ein echter Diskurs über die Moral des Menschen im Zeichen des Vampires geglückt, in dem er sich nicht nur auf die ausdrücklichen Revisionen und den resultierenden Folgen zwischen Leben und (Un-)Tot beschränkt, seine informalen Aspekte streuen in vielerlei Richtung: Ob theologisch, sexuell und eben in der, der grundsätzlich alles dominierenden Ethik. Es beginnt mit dem katholischen Priester Sang hyun (Song Kang-ho), der sich bei einem medizinischen Experiment mit dem tödlichen Emmanuel-Virus infiziert, durch eine ihn rettende Bluttransfusion aber erhalten bleibt – Nur verwandelt diese ihn zum Vampiren, weckt seinen Blutdurst und steigert seinen Sexualtrieb. Die Diskrepanzen sind nun offensichtlich und muten gar zur plakativen Auseinandersetzung an, der Wook in seinem – wie gewohnt – überaus arretierenden Tonus auch gelegentlich verfällt, erzählerisch wie visuell.


Wenn's TV-Programm mal wieder zu wenig Biss hat
Ein Meer aus Blut hätte es am Ende sicher nicht gebraucht und auch die Sprungkraft der Vampire, wenn sie von Terrasse von Terrasse hüpfen, animiert doch zum deplatzierten Schmunzeln. Obwohl Wook auch in „Durst“ über einen doch eigentlich relativ treffsicheren und zündenden Einsatz von schwarzen Humor verfügt, wissen sich manche Szenen dem eigentlichen Humorverständnis von nicht richtig anzupassen und lassen den Film, der zuweilen sowieso schon um die narrative Konstanz zwischen seinen Kapiteln fürchten muss, gelegentlich etwas unrhythmisch wirken. Davon lässt sich ein echter Park aber nicht unterkriegen und weiß den Zuschauer durch seine Charaktere in die tiefen psychologischen Zwiespälte und Dissonanzen ihrer christlichen oder unterdrückten Vorgeschichten wie blutdürstenden Wiedergeburten zu fesseln. Der Priester, der gegen seine religiösen Prinzipien verstoßen muss, egal wie sehr er sich auch dagegen wehrt. Und die Hausfrau Tae-joo (Kim Ok-bin), deren Existenz nur noch aus maschineller, gefühlloser Monotonie besteht, bis sich ihre Wege kreuzen und sich die Maschen innerhalb des Geflechts aus Leidenschaft, (Selbst-) Verrat, Schuld und Sühne immer drastischer verengen.


„Durst“ kann sich seiner artifiziellen Note nicht entziehen, die Einstellungen und Montagen wirken oftmals wie geleckt und nachträglich desinfiziert, um sich jedem Dreck verweigern zu können. Inhaltlich aber schafft Park es, einen (un-)menschlichen Realismus aus der phantastische Anlage der Geschichte zu evozieren, der in seiner schwarzen Romantik ebenso berührt, wie er auch in seiner morbiden Stringenz erschreckt. Der Vampir beginnt hier kein neues Dasein im eigentlichen Sinne, er wäscht sich nicht rein, seine Vergangenheit begleitet ihn auch in das Reich der Schatten, in die doppelte Wirklichkeit des Seins, und die individuelle Philosophie ist es, die unsere Charaktere in ihre Schranken weist. Park schenkt „Durst“ in einem konsequenten, sich ganz dem abschließenden Ausdruck auswegloser Radikalität hingebenden Ende aber gleichzeitig einen so intimen, melancholischen Moment, der in seiner oberflächlichen Härte doch einen Anstrich echter Schönheit bekommt. Das Herz schlägt auch in der Brust des Vampires weiter, man sieht und hört es nur nicht.


7,5 von 10 unerwünschten Erektionen


von souli



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