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Review: THE WITCH – Das Grauen in den Wäldern oder doch nur pure Einbildungskraft?

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Fakten:
The Witch
CA/US, 2015. Regie & Buch: Robert Eggers. Mit: Ralph Ineson, Kate Dickie, Anya Taylor-Joy, Julian Richings, Bathsheba Garnett, Harvey Scrimshaw, Lucas Dawson, Ellie Grainger. Länge: 88 Minuten. FSK: Ungeprüft. Ab 19. Mai 2016 im Kino.


Story:
In New England um 1630 wird eine streng gläubige Familie von ihrer Gemeinde verstoßen. Am Rande eines Waldstücks wollen sie mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer Farm beginnen. Als die älteste Tochter eines Tages mit dem Neugeborenen spielt, ist das Baby von einem Moment auf den anderen im Wald verschwunden. Der Familienvater glaubt daran, dass ein Wolf Schuld ist, doch insgeheim macht sich die schleichende Angst breit, dass eine Hexe in den Wäldern haust, die es auf die Familie abgesehen hat.




Meinung:
"Nature is Satan´s Church", äußert die Frau in "Antichrist", bevor sich Lars von Triers Meisterwerk langsam zu einer ungemein verstörenden, sehr brutalen und nachhaltig bewegenden Orgie von Abscheulichkeiten hochschaukelt, in der die Verarbeitung von Trauer, Verlust und Schuld aus unterschiedlicher Geschlechtersicht aufeinanderprallt. Das zentrale Motiv der Natur als Kirche Satans könnte auch eine bedeutende Inspiration für Robert Eggers "The Witch" gewesen sein.


Sie ahnt das Unheil bereits...
Kaum zu glauben, dass man es hier mit einem Langfilmdebütanten zu tun hat. "The Witch" ist unglaublich stilbewusstes, selbstsicheres Horror-Kino der Superlativen, das wirkt, als wäre ein langjähriger Meister am Werk gewesen, der sich vorab bereits an mehreren Filmen dieser Art ausprobiert hat, um nun auf dem Zenit seiner Fertigkeiten anzukommen. Der Regisseur hat sich für dieses Werk tief in die Materie eingegraben, die altenglischen Dialoge aus der Geschichte, welche im 16. Jahrhundert in Neuengland angesiedelt ist, entstammen direkt von originalen Schriftstücken, überlieferten Sagen, Märchen und Tagebucheinträgen dieser Zeitepoche. Eggers erzählt von einer streng gläubigen Familie, die von ihrer Gemeinde aus dem Dorf vertrieben wird und in der Nähe eines Waldstücks mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer kleinen Farm beginnen will. Als das jüngste Kind eines Tages spurlos verschwindet, ist die Familie hin- und hergerissen zwischen dem, was sie glauben, was sie meinen, zu wissen und was sie in ihren schlimmsten Albträumen fürchten.


Jedes Bild gleicht einem Gemälde
In "The Witch" ist die Atmosphäre bereits ab der ersten Minute zum Schneiden dicht. Mithilfe der düsteren, unheilvollen Cinematographie, bei der Eggers den sprichwörtlichen Teufel in jedem einzelnen Detail versteckt, und des grandiosen Scores von Mark Korven, der mit seinen schrillen Geigen und schrägen Kompositionen zu Beginn beinahe wie eine Parodie wirkt, später aber zu ungeahnten Momenten puren Grauens überleitet, entfesselt der Regisseur ein intensives, unbehagliches Schauermärchen. Auch wenn der Bedrohung recht früh ein klares Gesicht verliehen wird, appelliert Eggers immer wieder an die Kraft der Suggestion, was seinem Film einen zwiespältigen, interpretierfreudigen Anstrich verleiht, bei dem nicht immer eindeutig ersichtlich ist, ob die titelgebende Hexe real existiert oder nur eine Manifestation darstellt, die aus den immer stärker werdenden Konflikten innerhalb der Familie heraufbeschworen wurde, welche in ihrem unerschütterlichen, an religiösen Fanatismus grenzenden Glauben auf die Probe gestellt wird. Der Regisseur nutzt die bedrohliche Kulisse des Waldstücks, symbolträchtige Einstellungen sowie unheilvolle Ankündigungen in Gestalt von Tieren, um einen Keil zwischen die Familie zu treiben.


"The Witch" sympathisiert mit seinen Figuren, zeigt aber auch auf erschreckende Weise, was es bedeutet, wenn Menschen ihrem religiösen Glauben blind verfallen. Im Kern ist der Film weniger klassischer Horrorfilm, denn auf übermäßig blutige Eskalationen oder schlichte Jump-Scares verzichtet Eggers beinahe vollständig, als viel mehr ein bedrückendes Psychodrama, das auf ebenso langsame wie unangenehme Weise unter die (Netz-)Haut des Betrachters eindringt und stellenweise Impressionen erzeugt, die zu den verstörendsten der letzten Zeit zählen dürften. Am Ende offenbart "The Witch" aber auch eine faszinierende Lesart, bei der sich der direkte und indirekte Terror durch eine potentielle Hexe als mögliche Alternative entpuppt, bei dem sich die älteste Tochter der Familie, welche selbst als Ziel der Hexenbeschuldigungen herhalten muss, für einen Weg aus der religiösen Unterdrückung und in die freie Selbstbestimmung entscheiden kann. "The Witch" zeigt sich somit als inhaltlich überaus reichhaltiges Werk, funktioniert aber auch als geradlinige Schauergeschichte, sozusagen eine verrohte Variante der Gebrüder Grimm, in der Regie-Neuling Robert Eggers durch kraftvolle Impressionen, wunderbare Schauspieler und Momente puren Horrors jeden Ton trifft. Von diesem Mann ist zukünftig Großes zu erwarten.


8,5 von 10 Häuschen mitten im Wald


von Pat

Review: VERTIGO - AUS DEM REICH DER TOTEN - Alfred Hitchcock kann auch emotional

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Fakten:
Vertigo - Aus dem Reich der Toten (Vertigo)
US. 1958. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: Samuel A. Taylor, Alec Coppel, Maxwell Anderson. Pierre Boileau & Thomas Narcejac (Vorlage). Mit: James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones, Ellen Corby, Konstantin Shayne, ua. Länge: 128 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nachdem Scottie seine große Liebe nicht vor dem Tod retten kann, versucht er eine offensichtliche Doppelgängerin seiner verstorbenen Geliebten an seine Erinnerungen an jene anzupassen. Er beginnt, die Frau seinen Anforderungen gemäß anzupassen.




Meinung:
Alfred Hitchcock. Bei dem Namen klingeln natürlich sofort alle Glocken. Norma(n) Bates, Dollyzoom, „Das Fenster zum Hof“, „Der Unsichtbare Dritte“, „Cocktail für eine Leiche“. Wer schon einmal Zeuge der technischen Perfektion von Hitchcocks Filmen werden durfte, der wird verstehen können, weshalb die Filme des Briten bis heute teils gar noch als Vorreiter gelten. Nicht zu ignorieren sind jedoch die Stimmen, die sich heben und dem Regisseur verachtende Ansichten vorwerfen. Allgemein bekannt sind Aussagen von Hitch, in denen er Schauspieler als „Vieh“ betitelt. Er sei menschenverachtend, misogyn. Das wirft dann die Fragen auf, inwiefern sich das in seinen Filmen widerspiegelt und inwiefern man diese dann noch gut finden darf. „Vertigo“, der ursprünglich wegen seiner Langsamkeit eher zwiegespalten aufgenommen wurde - neben der genannten technischen Perfektion - interessant, weil er sich auf diese Vorwürfe bezieht.


Scottie wägt  seine Optionen ab
Der Film nutzt seine Geschichte nämlich geschickt, um als Selbstreflexion des Regisseurs zu funktionieren. James Stewarts Charakter Scottie verliert in diesem Film seine Liebe an den Sensenmann. Wenig später trifft er auf eine Frau die seiner Angebeteten unheimlich ähnlich ist. Manisch macht Scottie sich daran, die geheimnisvolle Frau nach seinem Gedankenbild zu formen. Er will sie verändern, seiner Erinnerung, gar einer Leiche anpassen. Er verliert sich in Wunschbildern, in dem dunklen Raum zwischen Sein und Schein. Scottie sucht die Liebe, die erotische Erfüllung in dem Reich der Toten. Der deutsche Nebentitel ist dabei (endlich einmal) überaus wichtig, wenn man dort seinen Denkansatz ansetzt und tiefer in die Gefilde des Filmes vorstoßen möchte. Ganz sinnbildlich nutzt Hitchcock hier eine Schwelle zur „anderen Seite“. Sei es die Golden Gate Bridge, ein Friedhof oder ein Museum. Sie alle fungieren als Portal zu einer neuen Existenz, die Befriedigung verspricht. Aber wieso findet Scottie kein Glück in der unseren Welt? Fühlt er sich als Ausfallprodukt, als Ausschussware in einer Gesellschaft, die ihm erklären will, was er zu fühlen hat und was nicht? Seine Höhenangst, also seine Angst vor dem Fall, wird von seiner besten Freundin und Wissenschaftlern als bloße „Emotion“ abgetan. Eine Krankheit sei das nicht. In Scotties Fall aber führt diese harmlose Emotion zum Verlust des Halts.


Tolle Aussicht, super Treffpunkt für gemeinsame Selbstmorde
Neben James Stewart und der gefeierten Kim Novak ist aber noch ein dritter Star ein Protagonist des Films. Und das, obwohl er nur einmal kurz durch das Bild läuft. „Vertigo“ ist ein astreines Beispiel dafür, wie der Zuschauer nach dem Sichten eines Filmes oft ein unfassbar klares Bild von einem Menschen haben kann, der wenig bis gar nicht im Film zu sehen ist. Alfred Hitchcock absolviert seinen Cameo-Auftritt bereits zu Beginn des Films. Er ist ein Passant, man sieht ihn, die Aufmerksamen im Publikum freuen sich einen Ast. Alles durchkalkuliert von Hitch, denn der Zuschauer soll sich nicht vom Inhalt ablenken lassen. Der ist ihm ein Anliegen. Hitchcock wurde als finstere Person tituliert, sein (angeblicher) Umgang mit Schauspielern wurde oben beschrieben. Hitchcock bezieht sich auf seine Kritiker, macht deutlich, dass auch er sich derartigem annimmt. Er rechnet nicht wirklich ab, er prüft, erklärt, zeigt auf, rechtfertigt sich gewissermaßen. Vor allem aber sucht er. John Scottie Ferguson versucht, eine Frau nach seinem Belieben umzuformen. Er gönnt ihr keine eigene Gestalt. Das ist verachtend. Im gleichen Sinn versucht Hitchcock, die Schauspieler zu anderen Menschen zu formen. Er will nicht James Stewart sehen, er will Scottie sehen. Erst mit der vollkommenen Transformation des Menschen wird Hitch befriedigt. In diesem Sinne diagnostiziert der Meister sich selbst als Opfer der tiefschwarzen (Todes-)Sehnsucht der Romantik. Der Vorstellung vom perfekten Untergang. Der Vorstellung vom perfekten Ende.


Mit „Vertigo - Aus dem Reich der Toten“ hat Alfred Hitchcock einen großartigen Film geschaffen. Die renommierte (aber auch nicht unkritisierte) Filmzeitschrift Sight & Sound wählte diesen Film 2014 an die Spitze der besten Filme aller Zeiten. Und tatsächlich ist Hitch hier auf der Höhe seines Könnens (souli würde sagen: „Er steht voll im Saft.“). Ein technisches Können, das er tatsächlich durch eine tiefere und sehr emotionale Ebene erweitern kann, ohne die typischen Hitchcock-eigenen Effekte seiner Filme zu verfehlen. Da hilft auch die grandiose Titelsequenz von Legende Saul Bass, die die Thematik und das Gefühl der Unsicherheit, des Ausgeliefertseins auf den Punkt genau übermittelt. Da kann man sich nur verneigen. Faszinierend anzusehen, reich an Ansätzen zum Analysieren und wahrlich zerreißend. Wer Hitchcock vorwirft, er würde alles Gefühl seiner mechanischen Handlung unterordnen, der wäre bei „Vertigo“ an der richtigen Adresse, um sich eines anderen belehren zu lassen.


8,5 von 10 roten Rosen


von Smooli

Review: HIDE AND SEEK - KEIN ENTKOMMEN - Verdrängung und Vergangenheit

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Fakten:
Hide and Seek – Kein Entkommen (Sum-bakk-og-jil)
Südkorea. 2013. Regie und Buch: Jung Huh. Mit: Hyeon-ju Son, Mi-seon Jeon, Jung-Hee Moon u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 26. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Sung-soo hat alles, was man sich nur wünschen kann: eine Frau, zwei Kinder, Geld, eine schöne Wohnung und einen guten Job. Doch in dieses Idyll bricht die Nachricht, dass Sung-soos Bruder verschwunden ist. Diesen hatte er seiner Frau und den Kinder verschwiegen, u.a. auch weil dieser ein Straftäter war. Als sich Sung-soo auf die Suche nach ihm macht, muss er feststellen, dass es im Wohnblock seines Bruders, kurz vor dessen Verschwinden, zu einem brutalen Mord kam. War Sung-soos Bruder der Täter? Oder ist er ein weiteres Opfer?





Meinung:
Das aus Südkorea teils grandiose Filme kommen, sollte mittlerweile jeder Filmliebhaber mitbekommen haben. Egal ob kunstvolle Dramen wie die Werke von Park-chan Wook, anspruchsvolles Arthouse-Kino von Kim-ki Duk, explizite Genrekost von Jee-woon Kim oder facettenreiche, filmische Erzählungen von Joon-ho Bong. Südkorea gehört zweifelsohne zu einer der interessantesten und vielfältigsten Filmnationen. Mit „Hide and Seek – Kein Entkommen“ findet nun ein Thriller den Weg in unsere DVD- und Blu-ray-Regale, der nicht wirklich mit den ganz Großen des südkoreanischen Films mithalten kann, den man sich als Genrefreund aber durchaus einmal anschauen sollte.


Wer hat dem Kind das nur angetan?
Das Regiedebüt von Jung Huh erweist sich als klassischer Suspense-Thriller, angereichert mit all den typischen Drehern an der Spannungsschraube, wie Alpträumen und Halluzinationen, die hier allesamt recht gut eingesetzt werden, so dass ihr antiker Mief nicht weiter auffällt. Diese illusionistischen Kniffe haben allerdings auch narrative Wurzeln. Es sind die Ängste und Zwänge von Hauptprotagonist Sung-soo, die hier spannungsförderlich materialisiert werden, bis sie wieder verpuffen und Sung-soo sich wieder der Realität stellen muss, die bei weitem nicht viel besser ist, als seine Wahnbilder: Sein Bruder, zu dem er den Kontakt abbrach, weil Sauberkeits- und Hygiene-Fanatiker Sung-soo dessen schmutzigen Körper nicht ertrug, ist verschwunden und auf der Suche nach ihm, kommt Sung-soo einem Serienkiller auf die Spur, der innerhalb eines heruntergekommenen Wohnkomplexes  (wo Sung-soos Bruder ebenfalls wohnte) seinen mörderischen Tätigkeiten nachging. Dies alles verwebt Regisseur Jung Huh zu einem nicht immer wirklich sehr einfach konsumierbaren Thriller, der am Ende mit einer Auflösung aufwartet, die mit gesellschaftlicher Relevanz und bitterer Satire besticht. Bis es dazu kommt ist „Hide and Seek – Kein Entkommen“ aber vor allem eine Geschichte rund um die Verarbeitung und die Verdrängung von Vergangenheit und den eigenen Schwächen.


Sung-soo entdeckt seltsame Zeichen
Doch das Verdrängte wird immer einen Weg finden und das Vergangene bleibt allgegenwärtig, egal wie sehr Sung-soo versucht dagegen anzukämpfen. Dies erweistsich jedoch als fadenscheinige Täuschung des Thrillers. „Hide and Seek – Kein Entkommen“ stellt letztlich seinen eigenen Verlauf so um, dass eine vollkommen andere intentionelle Aussage dabei herauskommt. Dies kann man genauso einfach als genial, wie auch als misslungen bezeichnen. Trotz all diesem (mal geglückten wie wechselbarem) Subtext, bleibt „Hide and Seek – Kein Entkommen“ in erster Linie ein geradliniger Thriller. Leider gelingt es Jung Huh hier niemals eine erquickliche Balance aus ruhigen und packenden Momenten zu erschaffen. Zu lang sind die Abstände innerhalb der Inszenierung, zwischen den sehr schwerfälligen Szenen, die die Figuren und Situationen modellieren und den pulsierenden Spannungsmomenten. Ein wenig dafür entschädigt das Finale. Regisseur und Autor Jung Huh feuert dort mit den ganzen Kalibern des Genres los: Rasant, überspitzt, beißend und abrupt, gelangt „Hide and Seek – Kein Entkommen“ dann zu den eigenen Höhepunkten und erschafft Augenblicke voller Adrenalin. Sind diese vorüber, ist auch Jung Huhs Spielfilmdebüt vorbei. Eine gute Sache, ein guter Thriller, ein mehr als solider Film.


„Hide and Seek – Kein Entkommen“ erweist sich als durchaus schmackhafte Genrekost, die im offensichtlichen wie auch im verborgenen Bereich, inhaltliche Mehrwerte besitzt. Am Ende reicht es nicht aus, um Jung Huhs Film in den südkoreanischen Thronpalast hineinzulassen, wo Werke wie „Oldboy“, „A Bittersweet Life“ oder „Mother“ ausgestellt werden. Dass das südkoreanische Kino aber immer noch eines der interessantesten und facettenreichsten ist, unterstreicht „Hide and Seek – Kein Entkommen“ allerdings mit einem dickem Pinselstrich.


6,5 von 10 schmutzigen Obdachlosen

Review: SPIDER – Im Schrebergarten des Schicksals

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Fakten:
Spider
UK, Kanada. 2002. Regie: David Cronenberg. Buch: Patrick McGrath (Vorlage). Mit: Ralph Fiennes, Miranda Richardson, Gabriel Byrne, John Neville, Lynn Redgrave u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der schizophrene Dennis Cleg, genannt Spider, wird aus der geschlossenen Psychiatrie entlassen und kommt in einem Wohnheim unter. Da sich Spider nur schwer mitteilen kann und unter Angstzuständen leidet, ist für ihn das Leben außerhalb der Klinik sehr schwer. Vor allem, dass sein Elternhaus gleich in der Nähe des Wohnheims liegt, macht Spider zu schaffen.





Meinung:
Mit einer analytischer Präzision hat sich David Cronenberg in einem diffizilen Themenkomplex, nämlich der Psychosomatik, festgefahren und die körperlichen wie seelischen Erfahrungen respektive Veränderungen in Relation gebracht. Allgemein wurde das als 'Body Horror' bezeichnet, den David Cronenberg schließlich auch revolutionierte, weil er seine blutrünstig-schmierigen Effekte nicht als reinen Mittel zum Zweck in Szene setzte, sondern mit intellektuellen Hintersinn situierte. David Cronenberg zählt zu den größten Humanisten des Kinos, er nimmt sich den fokussierten psychopathologischen wie medizinischen Phänomenen an, die seine Charaktere betreffen, er versucht sich ihre Situation einzuverleiben, sie zu verstehen, anstatt mit Vorurteilen und Engstirnigkeit vorsätzlich abzustrafen: Der Mensch hat oberste Priorität, wie sich an Meisterwerken wie „Dead Zone“, „Videodrome“, „Die Fliege“ und „Die Unzertrennlichen" immer wieder unschwer erkennen lässt, so restlos einfühlsam sich diese Geschichten unter der Ägide des Kanadiers entfalten dürfen.


Spider versucht seine Vergangenheit zu entwirren
Eine echte Randerscheinung im Schaffen des David Cronenberg musste seit jeher der im Jahre 2002 uraufgeführte „Spider“ fristen – Tragischerweise! Die Geschichte um den schizophrenen Dennis Cleg, „Spider“ genannt, der aus der Psychiatrie entfallen wurde, um sich einem Resozialisierungsprogramm in einem schäbigen Wohnheim im Osten Londons unterziehen zu können, beweist nachhaltig, wie sensibel David Cronenberg mit seinen Charakteren umgeht, wie aufmerksam er ihnen Gehör schenkt und den Teufel tut, sie freiheraus und ohne Rücksicht auf Verluste als 'Abnormal' zu titulieren. Wie viel Herzblut in diesem Projekt letztlich steckt, zeigt sich schon allein daran, dass sowohl Cronenberg als auch Hauptdarsteller Ralph Fiennes („James Bond – Skyfall“, „Brügge sehen... und sterben?“) auf ihre Gagen verzichteten, um diesen Film überhaupt in die Tat umzusetzen können. Und mit Ralph Fiennes sind wir auch schon an einem Punkt angekommen, der nicht unwesentlich dafür verantwortlich ist, dass „Spider“ schlussendlich auch wirklich funktioniert.


Alleine mit der Angst
Was in anderen Werken wohl schlichtweg als 'Overacting' verdammt worden wäre, ist hier der lebende, der akkurate Beweis der tiefen Zerrüttung Spiders, der Ralph Fiennes ein exzellentes Porträt ermöglicht. Allein die erste Szene zeigt, in welch schauspielerischen Dimensionen wir uns in den nächsten gut 90 Minuten bewegen werden: Spider steigt aus dem Zug, nach dem sich ein wilder Auflauf an Menschen verdünnisiert hat, mit seinem geknickten Gang und dem charakteristischen Murmeln schleicht er über den Bahnhof, verloren in einer Welt, die er nur kurze Zeit seines Lebens Heimat nennen durfte. „Spider“ allerdings möchte kein Mitleid für seinen Protagonisten erzielen, in dem er das Spiel auf der Klaviatur der Gefühle anstimmt und permanent herum klimpert. Es ist diese unschätzbare Aufrichtigkeit, mit der Cronenberg und Patrick McGrath, der auch den Roman schrieb, hier zur Tat geschritten sind, die einem Film, der schnell küchenpsychologische Formen hätte annehmen können, zum sensitiv gezeichneten Erlebnis machen.


Blick zurück: Spider begegnet sich selbst
Gewiss kommt auch „Spider“, wie es für David Cronenberg eben üblich ist, nicht ohne doppelten Boden aus und die Frage, was nun wirklich Realität oder nur Einbildung Spiders ist, lässt sich auch über den Abspann hinaus nicht 100%ig dekodieren. „Spider“ nämlich beschränkt sich ohne falsche Ausflüchte auf die Perspektive seines titelgebenden Individuums, wir befinden uns im Kopf des zutiefst gestörten Mannes, dem ein in der Kindheit ausgelöstes Trauma jede Chance auf ein normales Dasein negiert hat. Spider aber ist noch so „klar“ bei Verstand, dass er seine zerrüttetes Inneres nicht einfach hinnehmen möchte, sondern sich immer weiter mit seiner Vergangenheit konfrontiert, um dem Ursprung seiner Qualen auf den Grund zu gehen. Die Irrgärten, die Spiders Erinnerungen dem Zuschauer offerieren, das Spinnennetz, das seine Maschen nach Belieben verengt und weitet, zieht einen (bewusst) verfälschenden Blick auf die Tatsachen nach sich, um den Zuschauer zu fordern, um ihn dahingehend zu animieren, sich eine eigene Meinung zu bilden: Hier gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern vor allem jede Menge Grautöne.


Neben seiner freudianischen Komponente, die freilich nicht ohne den ödipalen Konflikt auskommt (und ihn auch auf den Kopf stellt), macht „Spider“ eigentlich genau das richtig, was David Cronenberg mit dem famos besetzten „Eine dunkle Begierde“, einem Film über die Psychoanalyse, aus dem Jahre 2011 wieder falsch gemacht hat. Anstatt oberflächliche Phrasen zu schichten, dringt „Spider“ tatsächlich tief in die Psyche seiner Hauptfigur und setzt sich mit der Komplexität dieser auseinander. Während die Außenwelt Spider ohne jeden Anflug von Empathie in Schubladen sperrt, versucht dieser sich durch eigene Kraft einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Dass ihm jener verwehrt bleibt, ist kein Sadismus seitens der Verantwortlichen, sondern nur die folgerichtige und dramatische Konsequenz einer in sich zerfallenen Seele. Spider ist ein Mensch ohne Zukunft, weil ihn die Vergangenheit in jeder Minute, jeder Sekunde einholt, weil die spitzen Klippen der zerstörerischen Erfahrungen seiner Jugend einfach zu hoch sind, um sie irgendwie zu überqueren. Ein typisch-untypischer Cronenberg, doch der Kamera (dem Zuschauer) eine Handvoll Sperma ins Gesicht zu klatschen, lässt sich der Altmeister dennoch nicht nehmen.


7,5 von 10 verschmierten Tagebucheinträgen


von souli