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Review: DIE DÄMONISCHEN - Der Feind in den eigenen Reihen

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© FILMJUWELEN

Fakten:
Die Dämonischen (Invasion of the Body Snatchers)
USA, 1956. Regie: Don Siegel. Buch: Daniel Mainwaring, Richard Collins, Jack Finney (Vorlage). Mit: Kevin McCarthy, Dana Wynter, Larry Gates, King Donovan, Carolyn Jones, Jean Willes, Ralph Dumke, Virginia Christine, Tom Fadden, Sam Peckinpah u.a. Länge: 80 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Dr. Miles J. Bennell kehrt in sein Heimatstädtchen Santa Mira zurück und stößt dort auf merkwürdige Vorkommnisse. Etliche Bewohner halten ihre engsten Familienangehörigen für Fremde, es scheint sich eine unbegründete Panik auszubreiten, die im nächsten Moment wieder verstummt. Bis Dr.Bennell hinter das Geheimnis kommt: Die Gemeinde wird durch außerirdische Doppelgänger ersetzt.

                                                                                 
Meinung:
Die Stimmung der 1950er Jahre, geprägt vom noch jungen Kalten Krieg, erwies sich als idealer Nährboden für paranoides Sci-Fi-Kino. Filme wie Invasion vom Mars, Blob - Schrecken ohne Namen oder eben Die Dämonischen spiegelten im Gewand außerirdischer Invasionen die Furcht vor der Unterwanderung durch fremde, feindliche Mächte wieder, die nicht mal die weite Reise aus dem Weltall auf sich nehmen mussten. Ganz akut lauerte so eine vermeidliche Bedrohung mehr oder weniger direkt vor der Haustür oder – wie es während der angstschürenden McCarthy-Hexenjagd immer wieder suggeriert wurde – befand sich schon längst getarnt in den eigenen Reihen. Mit dieser gesellschaftlich-politischen Furcht spielt auch der Film vom späteren Starregisseur Don Siegel, sogar noch deutlicher und unverblümter als bei den anderen erwähnten Exemplaren.


© FILMJUWELEN
Die Vintage-Version eines "Schläfers"
Während sowohl bei Invasion vom Mars als auch (und besonders) bei Blob – Schrecken ohne Namen die Bedrohung (spätestens im letzten Drittel) konkret in extraterrestrischen Form auftrat, zeigt Die Dämonischen niemals wirklich eine Wesen aus dem Weltall. Zwar sind mal die Kokon-artigen Pflanzen und die dort „gebrüteten“ Doppelgänger zu sehen was letztlich klar für eine übernatürliche bzw. außerirdische Lebensform spricht, tatsächlich beschränkt sich die rein plastische Darstellung aber nur auf Menschen und Pflanzen. Es gibt nie eine ganz zweifelsfrei, eindeutige Erklärung von Art, Lebensform oder Herkunft der Invasoren. Was man sieht bzw. erlebt: Eine beschauliche, amerikanische Bilderbuchkleinstadt wird heimlich, still und leise übernommen von einem hinterhältigen Feind, der alles zerstört wofür eine gottesfürchtige, Freiheits- und Individuums-liebende, von gesundem Kapitalismus geprägte, moderne Zivilisation steht. Der American Way of Life, infiltriert von…sagen wir doch wie es ist, kommunistischem Gedankengut.


© FILMJUWELEN
Flucht vor der willenlosen Masse
Die Feinde bemächtigen sich der Identitäten braver Bürger (kopieren offensichtlich ihre Körper und nehmen ihre Platz ein, könnte man problemlos durch Gehirnwäsche ersetzen), breitet sich aus wie eine Seuche, bringt die Wirtschaft, das Freizeitvergnügen und sogar die zwischenmenschlichen Emotionen zum Erliegen. Ordnet alles einem kollektiven Bewusstsein unter, in dem Individualität und Wettbewerb in jeglicher Form nicht mehr gefragt sind oder gar nur verstanden wird. Es entsteht eine gleichgeschaltete, organische Masse, eine Maschinerie die den einzelnen Menschen ersetzt. Die Dämonischen geht dabei so wenig subtil vor, dass man ihm mühelos politische Instrumentalisierung bis hin zur blanken Propaganda vorwerfen kann (Hauptdarsteller Kevin McCarthy war nicht etwa verwandt mit Senator Joseph McCarthy sondern sogar mit einem seiner stärksten politischen Gegner, dem liberalen Eugene McCarthy), oder aber vielleicht es nur sehr direkt versteht, sich die Ängste seiner Zeit zu Nutze zu machen. Mit etwas zeitlichen Abstand mag das extrem manipulativ wirken, ist aber alles andere als ungeschickt.  


Trotz seiner subversiven Bedrohung natürlich unbestreitbar etwas naiv in vielen Punkten, mit typischen 50er-Fauxpas versehen (Alkohol und „medizinische“ Drogen sind immer einer Lösung: -„Ich glaube, wir trinken erstmal einen.“ –„Das wird das Beste sein.“) und sichtlich nicht mehr als ein recht gut gemachtes B-Movie ist Die Dämonischen zwar nicht zeitlos unbeschadet gealtert, hat sich aber dennoch seinen Status als Klassiker des Genres absolut verdient. Muss ja nicht immer für einen objektiv betrachtet grandiosen Film sprechen. Interessant bei vielen Genre-Klassikern dieser Dekade: Egal ob Invasion vom Mars, Blob – Schrecken ohne Namen oder Die Dämonischen: Sie alle bekamen ein besseres Remake spendiert (bei Invasion vom Mars nur knapp). In dem Fall ist natürlich die Version von Philip Kaufman von 1978 gemeint, obwohl auch Abel Ferrara’s Variante von 1993 nicht zu verachten ist. Das ist in der Ausbeute schon ein wenig erstaunlich. 

6,5 von 10 schlaflosen Nächten

Review: THE WITCH – Das Grauen in den Wäldern oder doch nur pure Einbildungskraft?

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Fakten:
The Witch
CA/US, 2015. Regie & Buch: Robert Eggers. Mit: Ralph Ineson, Kate Dickie, Anya Taylor-Joy, Julian Richings, Bathsheba Garnett, Harvey Scrimshaw, Lucas Dawson, Ellie Grainger. Länge: 88 Minuten. FSK: Ungeprüft. Ab 19. Mai 2016 im Kino.


Story:
In New England um 1630 wird eine streng gläubige Familie von ihrer Gemeinde verstoßen. Am Rande eines Waldstücks wollen sie mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer Farm beginnen. Als die älteste Tochter eines Tages mit dem Neugeborenen spielt, ist das Baby von einem Moment auf den anderen im Wald verschwunden. Der Familienvater glaubt daran, dass ein Wolf Schuld ist, doch insgeheim macht sich die schleichende Angst breit, dass eine Hexe in den Wäldern haust, die es auf die Familie abgesehen hat.




Meinung:
"Nature is Satan´s Church", äußert die Frau in "Antichrist", bevor sich Lars von Triers Meisterwerk langsam zu einer ungemein verstörenden, sehr brutalen und nachhaltig bewegenden Orgie von Abscheulichkeiten hochschaukelt, in der die Verarbeitung von Trauer, Verlust und Schuld aus unterschiedlicher Geschlechtersicht aufeinanderprallt. Das zentrale Motiv der Natur als Kirche Satans könnte auch eine bedeutende Inspiration für Robert Eggers "The Witch" gewesen sein.


Sie ahnt das Unheil bereits...
Kaum zu glauben, dass man es hier mit einem Langfilmdebütanten zu tun hat. "The Witch" ist unglaublich stilbewusstes, selbstsicheres Horror-Kino der Superlativen, das wirkt, als wäre ein langjähriger Meister am Werk gewesen, der sich vorab bereits an mehreren Filmen dieser Art ausprobiert hat, um nun auf dem Zenit seiner Fertigkeiten anzukommen. Der Regisseur hat sich für dieses Werk tief in die Materie eingegraben, die altenglischen Dialoge aus der Geschichte, welche im 16. Jahrhundert in Neuengland angesiedelt ist, entstammen direkt von originalen Schriftstücken, überlieferten Sagen, Märchen und Tagebucheinträgen dieser Zeitepoche. Eggers erzählt von einer streng gläubigen Familie, die von ihrer Gemeinde aus dem Dorf vertrieben wird und in der Nähe eines Waldstücks mit der Unterstützung Gottes ein neues Leben auf einer kleinen Farm beginnen will. Als das jüngste Kind eines Tages spurlos verschwindet, ist die Familie hin- und hergerissen zwischen dem, was sie glauben, was sie meinen, zu wissen und was sie in ihren schlimmsten Albträumen fürchten.


Jedes Bild gleicht einem Gemälde
In "The Witch" ist die Atmosphäre bereits ab der ersten Minute zum Schneiden dicht. Mithilfe der düsteren, unheilvollen Cinematographie, bei der Eggers den sprichwörtlichen Teufel in jedem einzelnen Detail versteckt, und des grandiosen Scores von Mark Korven, der mit seinen schrillen Geigen und schrägen Kompositionen zu Beginn beinahe wie eine Parodie wirkt, später aber zu ungeahnten Momenten puren Grauens überleitet, entfesselt der Regisseur ein intensives, unbehagliches Schauermärchen. Auch wenn der Bedrohung recht früh ein klares Gesicht verliehen wird, appelliert Eggers immer wieder an die Kraft der Suggestion, was seinem Film einen zwiespältigen, interpretierfreudigen Anstrich verleiht, bei dem nicht immer eindeutig ersichtlich ist, ob die titelgebende Hexe real existiert oder nur eine Manifestation darstellt, die aus den immer stärker werdenden Konflikten innerhalb der Familie heraufbeschworen wurde, welche in ihrem unerschütterlichen, an religiösen Fanatismus grenzenden Glauben auf die Probe gestellt wird. Der Regisseur nutzt die bedrohliche Kulisse des Waldstücks, symbolträchtige Einstellungen sowie unheilvolle Ankündigungen in Gestalt von Tieren, um einen Keil zwischen die Familie zu treiben.


"The Witch" sympathisiert mit seinen Figuren, zeigt aber auch auf erschreckende Weise, was es bedeutet, wenn Menschen ihrem religiösen Glauben blind verfallen. Im Kern ist der Film weniger klassischer Horrorfilm, denn auf übermäßig blutige Eskalationen oder schlichte Jump-Scares verzichtet Eggers beinahe vollständig, als viel mehr ein bedrückendes Psychodrama, das auf ebenso langsame wie unangenehme Weise unter die (Netz-)Haut des Betrachters eindringt und stellenweise Impressionen erzeugt, die zu den verstörendsten der letzten Zeit zählen dürften. Am Ende offenbart "The Witch" aber auch eine faszinierende Lesart, bei der sich der direkte und indirekte Terror durch eine potentielle Hexe als mögliche Alternative entpuppt, bei dem sich die älteste Tochter der Familie, welche selbst als Ziel der Hexenbeschuldigungen herhalten muss, für einen Weg aus der religiösen Unterdrückung und in die freie Selbstbestimmung entscheiden kann. "The Witch" zeigt sich somit als inhaltlich überaus reichhaltiges Werk, funktioniert aber auch als geradlinige Schauergeschichte, sozusagen eine verrohte Variante der Gebrüder Grimm, in der Regie-Neuling Robert Eggers durch kraftvolle Impressionen, wunderbare Schauspieler und Momente puren Horrors jeden Ton trifft. Von diesem Mann ist zukünftig Großes zu erwarten.


8,5 von 10 Häuschen mitten im Wald


von Pat

Review: DER DIALOG – Gefangen im Strudel aus Paranoia, Schuldgefühlen und sozialer Isolation

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Fakten:
Der Dialog (The Conversation)
US, 1974. Regie & Buch: Francis Ford Coppola. Mit: Gene Hackman, Harrison Ford, Robert Duvall, Frederic Forrest, Allen Garfield, Teri Garr, John Cazale, Cindy Williams u.a. Länge: 154 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Harry Caul ist ein Abhörspezialist und absoluter Experte auf seinem Gebiet. Obwohl er beruflich in die intimsten Sphären seiner Zielpersonen eindringt, ist er privat das genaue Gegenteil. Penibel genau ist alles in seiner Wohnung arrangiert, gegen Eindringlinge abgesichert und vor unerwünschter Zugriffe von außerhalb geschützt. Bei seinem aktuellen Auftrag, für den Harry ein Pärchen bespitzelt, glaubt er schließlich, Zeuge eines Mordkomplotts geworden zu sein und steigert sich immer tiefer in die Tonaufnahmen hinein...




Meinung:
Francis Ford Coppola ist ein Regisseur, der sich in der Filmgeschichte den Ruf eines Meisters erarbeitet hat und für einige der größten und beliebtesten Werke überhaupt verantwortlich ist. Kaum eine Topliste der besten Filme aller Zeiten kommt ohne die "Der Pate"-Reihe oder den Anti-Kriegsfilm "Apocalypse Now" aus und jeder Cineast sollte diese Filme mindestens einmal in seinem Leben gesehen haben. Im Schaffen von Coppola wird allerdings ein Film gerne von der breiten Masse übergangen, welcher außerdem noch der persönliche Liebling des Regisseurs selbst ist. Gemeint ist "Der Dialog", in dem Gene Hackman die Hauptrolle des Abhörspezialisten Harry Caul spielt.


Immer hochkonzentriert bei der Arbeit
Für Caul gehört es zu seinem täglichen Geschäft, in die intimsten Sphären seiner Zielpersonen einzutauchen, diese kurzfristig oder über einen längeren Zeitraum hinweg zu beschatten, Unterhaltungen aufzuzeichnen und diese Überwachungsbänder bei seinem Auftraggeber abzuliefern. Konträr zu seinem Beruf ist Caul privat allerdings das genaue Gegenteil. Die Haustür ist doppelt und dreifach mit Schlössern gesichert, die Nummer des Telefons ist streng geheim und jeder Gegenstand in der Wohnung ist genauestens arrangiert. Coppola konzentriert sich über weite Strecken seines Films darauf, den Charakter seiner Hauptfigur zu zeichnen und dem Zuschauer diesen in sich gekehrten, am liebsten von der Außenwelt isolierten Menschen näher zu bringen. Bereits frühzeitig distanziert sich "Der Dialog" von gewöhnlichen Thrillern, verzichtet fast durchgängig auf große Knalleffekte oder plötzliche Entwicklungen und verschreibt sich einem sehr langsam inszenierten, sorgfältig ausgebreiteten Psychogramm seiner höchst sensitiven Hauptfigur. Der anfangs porträtierte Kontrollzwang und Ordnungswahn, den Caul mit äußerster Sorgfalt praktiziert, lässt sich recht einfach als Verhalten erkennen, welches das Resultat vorangegangener Ereignisse oder Erlebnisse sein muss.


Die Zielpersonen - Vielleicht bald Mordopfer?
Innere Spannung und subtile Anziehung generiert der Regisseur hier im Zusammenspiel mit dem wahnsinnig konzentrierten Spiel von Hauptdarsteller Gene Hackman durch das Ergründen der Seelenwelt von Caul, der nach und nach weitere Facetten seiner Persönlichkeit offenbart, Beweggründe preisgibt und dabei aufgrund seines aktuellen Auftrags, bei dem er glaubt, in ein Mordkomplott geraten zu sein, immer tiefer in einen wahren Strudel aus Paranoia, Schuldgefühlen und psychischer Belastung versinkt. Für Caul ist ein Leben außerhalb seiner eigens errichteten Überwachungswelt kaum mehr möglich, zu tief ist bereits die Angst in ihm verankert, ebenfalls ein kleiner Teil einer übergeordneten Verschwörung zu sein. "Der Dialog" entpuppt sich hierbei vor allem auf der tonalen Ebene als kunstvoller Triumph, denn selten hat ein Film so präzise, intensiv und aufmerksamkeitsfordernd mit Geräuschen, Tönen, wirren Stimmgefügen und verdichteten Sound-Schnipseln jongliert, wie dieser. Auch die Kameraeinstellungen suggerieren oftmals ein Gefühl der Überwachung, besitzen stärker als gewohnt den Charakter des stillen Beobachters und scheinen den Protagonisten immer wieder in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken.


Gerade wenn man meint, Coppola führe seinen Film konsequent bis zum Schluss auf dieser ruhigen Charakterdrama- sowie Psychothriller-Ebene, spitzt der Regisseur die Situation zum Ende hin nochmal drastisch zu, erreicht beinahe Qualitäten eines verstrickten Hitchcock-Werks und überrascht mit einem ebenso schockierenden wie deprimierenden Finale, in dem der tragische Käfig, den sich die Hauptfigur Stück für Stück selbst errichtet hat, keinen Ausweg mehr zulässt.


8 von 10 wiederholt abgespielte Tonbandaufnahmen


von Pat

Review: BUG - Dieses Kribbeln im Bauch

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Fakten:
Bug
USA, 2006. Regie: William Friedkin. Buch: Tracy Letts. Mit: Ashley Judd, Michael Shannon, Harry Connick Jr., Lynn Collins, Brian F. O'Byrne, Neil Bergeron, Bob Neill u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
 
 
Story:
Die suchtkranke Kellnerin Agnes lebt in ständiger Bedrohung durch ihren gewalttätigen Ex-Mann. Sie haust in einem schäbigen Motelzimmer und führt eine lockere Beziehung zu ihrer Kollegin RC. Diese schleppt eines Abends den stillen Peter an. Agnes fühlt sich zu dem Sonderling hingezogen, der auf Grund einer Kriegspsychose unter befremdlichen Wahnvorstellungen leidet. Immer mehr verfällt Agnes ihm und gleichzeitig seinen kranken Gedanken.
 


                                                                          
 
Meinung:
Nach wegweisenden Klassikern wie "French Connection", "Der Exorzist" oder "Leben und sterben in L.A." versank William Friedkin lange im Kariereloch. Seine Arbeiten wurden beliebig und austauschbar. Mit "Bug" entfernte sich Friedkin sehr bewusst vom massentauglichen Hollywood-Kino, das ihn fast beerdigt hätte, und erfand sich damit im hohen Alter quasi neu. Das wagen wenige und daran zu scheitern ist nicht schwer. Friedkins Schritt war goldrichtig. Das es sich bei "Bug" um keine Eintagsfliege - oder eher Käfer - handelte, konnte er mit "Killer Joe" kürzlich untermauern.
 
 
Schlechte Haut und stolz darauf
Der behäbige Beginn erfordert Geduld, die dafür reichlich entlohnt wird. Die Ruhe vor dem Sturm. Wie das Meer, das sich vor der drohenden Flutwelle beruhigend zurückzieht, um dann unbarmherzig alles zu überrollen. Friedkin adaptiert das Bühnenstück von Tracy Letts (ebenfalls der Autor von "Killer Joe") nach dessen Script. Ein White-Trash Kammerspiel, eine Mischung aus Psychodrama, abartiger Lovestory, Kriegstraumata, Co-Psychose und einem Schuss Body-Horror Marke Cronenberg. Die Mixtur erscheint wüst und ist nicht immer perfekt abgeschmeckt, dafür ungemein packend, intensiv und beklemmend.
 
 
Crazy in Love
Friedkins ruhiger Inszenierungsstil der ersten Hälfte ist angenehm zurückhaltend, brodelnd und könnte lediglich an gewissen Stellen etwas zügiger vorangetrieben werden. Davon lässt sich der alte Mann nicht beirren und nimmt dadurch sicher bewusst in Kauf, einige Zuschauer vorzeitig zu vergraulen. "Bug" scheint sein Publikum vorsorglich selektieren zu wollen, um dann das Rad richtig zum Glühen zu bringen. Zwei labile Charaktere, die sich wie vom Schicksal geleitet, gesucht und gefunden haben. Allein waren sie schlicht gestört, gemeinsam steigern sie sich gegenseitig in ihren Wahn hinein, um anschliessend Hand in Hand die reale Welt hinter sich zu lassen und auf das unausweichliche Ende zuzusteuern. Da blitzt so was wie morbide, wenig süsse Romantik auf. Valentinstag in der Klapsmühle, ohne Tranquilizer, aber immerhin gibt es Pizza.
 
 
Ashley Judd, optisch wie die Vorstufe zu Charlize Theron in "Monster", und Michael Shannon liefern famose Leistungen ab, am Rande des Wahnsinns und teilweise darüber hinaus. Im letzten Drittel lassen sie völlig enthemmt die Puppen tanzen und Friedkin entfaltet im Aluminium-Iglo der Endstadium-Paranoia eine Energie wie zu seinen besten Zeiten. Der Schlussspurt ist sagenhaft und entschädigt für gelegentliche Längen im Vorlauf.
 
 
Friedkin steht der unangepasste White-Trash-Mantel deutlich besser als der langweilig-schicke Hollywood-Smoking der Jahre zuvor. Den Kick brauchte er wohl zum wach werden. Guten Morgen, gut geschlafen? Bitte weiter so. Aber hat er ja bereits...
 
7,5 von 10 Kammerjägern.

Review: BODY SNATCHERS - Dritte Runde im munteren Körperfressen

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Fakten:
Body Snatchers
USA, 1993. Regie: Abel Ferrara. Buch: Stuart Gordon, Dennis Paoli, Nicholas St. John. Mit: Gabrielle Anwar, Terry Kinney, Meg Tilly, Billy Wirth, Forest Whitaker, Christine Elise, R.Lee Ermey u.a. Länge: 84 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der Bio-Chemiker Steve Malone zieht mit seiner Familie auf einen Militärstützpunkt in Alabama, um dort seinen neuen Job anzutreten. Familiär gibt es einige Probleme, speziell mit Teenagertochter Marti. Die schließt bald Freundschaft mit Jenn, der Tochter des Generals, sowie Hubschrauberpilot Tim. Auf dem Stützpunkt spielen sich bald merwürdige Dinge ab. Die Menschen verhalten sich, selbst für militärische Verhältnisse, befremdlich emotionslos, andere scheinen unter Verfolgungswahn zu leiden. Als Marti hinter das Geheimnis kommt, gibt es schon fast keinen Ausweg mehr.




Meinung:
Nach "Die Dämonischen" von 1956 und "Die Körperfresser kommen" von 1978 die dritte von bisher vier filmischen Umsetzung der Body Snatchers-Geschichte von Jack Finney. Diese Version verlagert das Geschehen dabei auf eine Militärbasis, raus aus den Städten der ersten Filme. Eine entscheidende und auch durchaus sinnvolle Änderung, da so keine bloße Kopie vorliegt. Entsprechend gibt es ganz andere Figuren und Situationen, was auch für Kenner der Vorgänger das Thema reizvoll erhält.



Baden und Spaghetti essen, von wegen Multitasking
Für Regiesseur Abel Ferrara ein ungewohntes Projekt, war und ist er doch eher für weniger leicht konsumierbare, manchmal recht sperrige Kost bekannt. "Body Snatchers" dürfte sein massentauglichster Film sein, wurde von der allerdings nicht gut aufgenommen. Es mag auch an dem großen Schatten liegen, den besonders die heute noch äußerst populäre Verfilmung von Philip Kaufman aus den 70ern wirft. Mit der kann es diese Auflage auch nicht aufnehmen, da fehlt es an entscheidenden Punkten doch an Klasse. Weder gibt es einen Donald Sutherland, der dort eine grandiose Leistung bot, noch kann die enorm einschnürende, bedrohliche Atmosphäre erzeugt werden. Dennoch funktioniert auch dieser Film, denn in den angesprochenen Punkten versagt er keinesfalls.


Hat er etwa Jehova gesagt?
Gabrielle Anwar mag als Protagonistin nicht herrausstechen, dafür gibt es eine irrsinnig angsteinflößende Meg Tilly und den immer brauchbaren Forest Whitaker, deren Rollen nur etwas klein ausfallen. Die Geschichte hat von Haus aus genug Potenzial für einen spannenden Paranoia-Thriller und genutzt wird es definitiv ansprechend. In der zweiten Hälfte gibt es keinerlei Verschnaufpausen, die Faszination des Szenarios wird zweifellos vermittelt. Das ist alles sehr solide, nur kommt man schwer um den Vergleich mit den Vorgängern herum. Man braucht sich nur den durch Mark und Bein gehenden Schrei in's Gedächtnis rufen. Den gibt es hier auch, nur lange nicht so grauenvoll und vor allem, nicht so wirkungsvoll platziert (wer das Finale von Kaufman's Film kennt, dürfte jetzt Gänsehaut bekommen).


Somit ist dieser "Body Snatchers" kein Highlight der immer wieder auftauchenden Reihe, aber den Blick auf jeden Fall wert. Den verwurschtelt-blassen "Invasion" mit der in Botoxstarre verfallenen Nicole Kidman von 2007 steckt Ferrara's Film mit Anlauf in die Tasche...oder eher in den Kokon.

6,5 von 10