Posts mit dem Label Michael Shannon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Michael Shannon werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: SHAPE OF WATER - DAS FLÜSTERN DES WASSERS - Romanze ohne viele Worte

Keine Kommentare:


                                                                       
© 20th CENTURY FOX

Fakten:
Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water)
USA, CA, 2017. Regie: Guillermo del Toro. Buch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor. Mit: Sally Hawkins, Michael Shannon, Michael Stuhlbarg, Richard Jenkins, Doug Jones, Octavia Spencer, David Hewlett, Nick Searcy, Nigel Bennett u.a. Länge: 123 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
In einer wissenschaftlichen Regierungseinrichtung wird ein sensationeller Fund von höchster Priorität eingeliefert: Ein Wesen, halb Mensch halb Amphibie, gefangen genommen irgendwo im Amazonasgebiet, bisher völlig unerforscht. Die stumme, einsame Reinigungskraft Elisa baut unbemerkt eine Beziehung zu der Kreatur auf. Mehr noch, es entwickelt sich eine verbotene Liebesgeschichte…

                                                                                 
Meinung:
Mit stattlichen 13 Oscar-Nominierungen im Gepäck geht Guillermo del Toro’s neuestes Werk Shape of Water – Das Flüstern des Wassers sicher für alle etwas überraschend – zumindest in dem Ausmaß – als nominell großer Favorit ins alljährliche Wettrennen um den begehrten wie in seiner künstlerischen Bedeutung unlängst auch arg überschätzten Goldjungen, aber wenn die Veranstaltung eins definitiv generiert, dann positive Publicity, internationale Aufmerksamkeit und somit in der Regel ein kommerzieller Erfolg. All das sei del Toro ohnehin und generell gegönnt, denn der gebürtige Mexikaner zählt schon seit langem zu den kreativsten und liebenswertesten (trotzdem und auch deswegen so wichtig) Mainstream-Regisseuren der Welt, dem selbst Ausrutscher wie zuletzt sein optisch gewohnt prächtiger, aber ansonsten sehr verzichtbare Crimson Peak bisher nicht ernsthaft schaden.


© 20th CENTURY FOX
Liebe auf den ersten Blick?
Angesiedelt in den USA der 1950er Jahre erzählt Shape of Water – Das Flüstern des Wassers die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der stummen, einsamen Putzfrau Elisa (enorm liebenswert ohne falsches Mitleid zu heucheln: Sally Hawkins) und einem sonderbaren Amphibien-Wesen (del Toro’s Creature-Buddy Doug Jones), das in einem Labor zu Regierungszwecken gefangen gehalten wird. Schließlich ist gerade Kalter Krieg und jede individuelle Entdeckung oder Entwicklung, von der der böse Ruski nichts mitbekommt, könnte entscheidend sein…auch wenn wir noch nicht mal ahnen, wie die in diesem speziellen Fall aussehen könnte oder ob hier einfach eine Laune der Natur für nichts und wieder nichts als streng geheime Staatssache behandelt wird. Haben ist besser als Brauchen, so viel steht schon mal fest. Trotz der ganzen Geheimniskrämerei hat Reinigungskraft Elisa mehr oder weniger uneingeschränkten Zugang zu der Kreatur und baut auf der Basis von gekochten Eiern und Musik vom Plattenspieler eine behutsame Beziehung zu ihr auf, die irgendwann in einer gewagten Rettungsaktion und schlussendlich sogar in einer „verbotenen“ Liebesbeziehung gipfelt, während Ost und West sich noch nicht ganz sicher sind, was sie genau gerade jagen und wofür das eventuell gut sein könnte. Ist ja auch wurscht, Hauptsache der andere bekommt es nicht.


© 20th CENTURY FOX
Glatzköpfe unter sich
Ein Film erbaut auf Gegensätzen, die sich beißen oder wunderbar ergänzen. Mal sind die unüberwindbar und Grund für Feindseligkeiten, mal fügen sie sich ineinander wie zwei kaputte Puzzleteile, die sich maximal insgeheim und nie bewusst gesucht, aber nun plötzlich passend gefunden haben. Einiges funktioniert (wie die sehr redselige und immer stumme Putz-Kombo), oder eben nicht (wie die Amis und die Russen beim Artenschutz aus Vernunftgründen), weil es logisch ist. Und einiges passt einfach, weil es dafür keine empirische Begründung gibt, nur ein Gefühl. Guillermo del Toro gelingt ein sehr schöner, fantasievoller Liebesfilm mit einem überdeutlichen Appell an Toleranz, der sowohl von Rassismus, gesellschaftlicher Klassendiskriminierung und natürlich der selten fundierten Angst vor dem „Fremden“ und „Andersartigen“ erzählt (womit nicht nur Fisch-Wesen, sondern auch Menschen mit anderer politischer Weltanschauung gemeint sind), technisch exzellent ohne CGI-Overkill und mit ganz viel investiertem Herzblut, das ist unverkennbares del-Toro-Kino, das ihn und seine Art des Filmemachens speziell heutzutage so unverzichtbar wie notwendig macht.


Dieser für US-Mainstream- und besonders potenzieller Oscar-Gewinner erstaunlich freizügige und ungezwungene Film (sei es die Darstellung von Masturbation als Morgenritual oder ausgewählter, aber nicht zurückhaltender Gewaltdarstellung, vor der die meisten Filme in der Position sicherlich zurückgeschreckt hätten) hat eigentlich nur ein Problem: Er ist gar nicht (mehr) so unkonventionell, wie er es wohl gerne sein möchte, wie man es erhofft hätte und wie es bei einem del Toro in Bestform schon war. An sein Premium-Stück Pan’s Labyrinth kommt er nicht heran, ist sogar relativ vergleichbar mit anderen Filmen, die heute noch unabhängig von ihrer Veröffentlichung noch eine größere Magie entfalten. Edward mit den Scherenhänden ist da ein gutes Beispiel. Dieser thematisiert praktisch das Gleiche, versteht es aber noch individueller zu verkaufen. Shape of Water – Das Flüstern des Wassers ist ein guter, sogar ein sehr guter Film, der aber den ganz Großen nicht das Wasser reichen kann, irgendwo sichtlich hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Aber trotzdem ist er so herzlich und liebevoll umgesetzt, dass er jedem ans Herz gelegt werden sollte. Allein del Toro’s unverkennbare Verneigung vor dem Kino an sich zeigt: Er ist immer noch einer von uns, mit Leib und Seele. Kein Meisterwerk, aber zu schön um einfach nur „gut“ zu sein.

7,5 von 10 schwarzen Fingern

Review: MIDNIGHT SPECIAL – Ein Science-Fiction-Drama der außergewöhnlichen Sorte

Keine Kommentare:

Fakten:
Midnight Special
US, 2016. Regie & Buch: Jeff Nichols. Mit: Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Jaeden Lieberher, Adam Driver, Sean Bridgers, Paul Sparks, Sam Shepard, Scott Haze u.a. Länge: 112 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 23. Juni 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Alton ist kein gewöhnlicher Junge, denn anscheinend besitzt der 8-jährige besondere Fähigkeiten, die ihn für religiöse Sekten ebenso attraktiv machen wie für Teile der Regierung. Um den Jungen zu beschützen und offenbar zu einem bestimmten Ereignis zu bringen, das zunächst nicht genauer erklärt wird, begibt sich sein Vater mit ihm und einem alten Freund auf die Flucht...




Meinung:
Über die letzten Jahre hinweg hat sich Jeff Nichols zu einem der momentan interessantesten Regisseure entwickelt. Den einfachen Weg ging er dafür nie, denn seine Filme vereinen meistens verschiedene Genres und Stimmungen miteinander, die noch dazu auf den ersten Blick nicht immer einwandfrei zusammenpassen wollen. In "Take Shelter" beispielsweise trafen apokalyptisch beängstigende Visionen auf eine schizophren-instabil wirkende Hauptfigur, während Nichols seine düsteren, schweren Themen mit einer unheimlich feinfühligen, bewegenden Intimität inszenierte, durch die er eine unvergleichliche Atmosphäre erzeugte, die einer gefühlsmäßigen Achterbahnfahrt entsprach.


Gemeinsam und mit Waffengewalt setzen sie sich zur Wehr
Für "Midnight Special" hat der Regisseur seinen speziellen Stil nun vollständig auf die Spitze getrieben und das in seiner bisherigen Karriere wohl polarisierendste Werk geschaffen, bei dem es extrem schwer fällt, zu einem eindeutigen Urteil zu gelangen. Zunächst ist man vom Film aber erstaunlich schnell gefesselt, denn Nichols startet mit einem Auftakt, der Fragezeichen aufwirft, über die man sich gar keine klaren Gedanken bilden kann, denn im nächsten Moment befinden sich die Hauptfiguren bereits in einer adrenalingeladenen Flucht und rasen mit dem Auto über die Straßen. "Midnight Special" handelt zu Beginn von zwei Männern, die einen kleinen Jungen offensichtlich vor irgendetwas beschützen wollen, während in sämtlichen Nachrichten davon berichtet wird, dass genau dieser Junge aus seinem Elternhaus entführt wurde. Hinzu kommt, dass eine religiöse Vereinigung ebenso an dem Jungen interessiert ist wie die Regierung, bei der sich schnell die NSA und das FBI einschalten. Über das gesamte erste Drittel hinweg sind diese Informationen beinahe alles, was sich von der Handlung erfassen lässt, denn ansonsten verlaufen zentrale Mysterien bewusst länger im Dunkeln.


In dem Jungen stecken ungeahnte Kräfte
Nichols verfolgt mit seinem Ansatz ein höchst interessantes Konzept, das sich allerdings in gewisser Weise auch als frustrierend entpuppt. Der Regisseur will sich zu keinem Zeitpunkt für eine klare Linie entscheiden, streut Science-Fiction-Elemente in die Geschichte, nur um in der nächsten Szene nach den ganz großen Drama-Lorbeeren zu greifen, wenn er Thematiken wie familiären Zusammenhalt, unausweichliche Schicksale und moralische Zweifel in einen geerdeten, zurückhaltenden Rahmen bringen will. Als wäre das nicht schon ambitioniert genug, nimmt "Midnight Special" auch immer wieder Züge eines reinrassigen Thrillers an, in dem sich die Figuren zu einem wuchtig-mitreißenden Score in Verfolgungsjagden befinden oder konzentrierte Schusswechsel liefern. In seinen besten Momenten läuft der Film dadurch zu wahrer Höchstform auf und bietet eine Reihe von Einzelszenen, die schlichtweg überwältigend sind und die Grenze zum Konventionen sprengenden Meisterwerk sowie innovativen Genre-Hybrid immer wieder streifen. Leider beschränkt sich dieser Eindruck lediglich auf Einzelszenen, denn letztlich bleibt "Midnight Special" als Gesamtwerk seltsam ungreifbar, zerbricht regelmäßig an der Last, leise Dramatik mit überbordender Fantasie zu verbinden und irritiert mit Einschüben in Form des Nebenhandlungsstrangs der Regierungsaktivitäten, die sich in bloßen Spurensuchen und trockenen Theorien erschöpfen.


Auch wenn dem Regisseur mit der Handlung eine spürbar persönliche Geschichte am Herzen lag, bei der Nichols seine eigenen Erlebnisse als Vater verarbeitete, stehen gefühlvolle Momente im Konflikt mit der ständigen Geheimniskrämerei, bei der die Motivationen und Charakterzüge der Figuren, die überwiegend stark besetzt sind, zu lange verborgen bleiben, um nachhaltig zu berühren. "Midnight Special" ist am Ende aber trotzdem nicht weniger als ein überaus interessantes Werk, das so faszinierend aus dem Ruder läuft wie schon lange kein Film mehr. Selbst in den schwächeren Momenten hält einen der Film nahe bei sich, während in den besten Momenten Potential eines brillanten Meisterwerks aufblitzt, das bedauerlicherweise nie vollständig entblättert wird. 


7 von 10 zum ersten Mal gemeinsam erlebte Sonnenaufgänge



von Pat

Review: TAKE SHELTER - Die vergessene Kunst der Schauspielerei

Keine Kommentare:


Fakten:
Take Shelter - Ein Sturm Zieht Auf (Take Shelter)
USA. 2011. Regie und Buch: Jeff Nichols.
Mit: Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Whigham, Kathy Baker, Katy Mixon, Ray McKinnon, Lisa Gay Hamilton, Tova Stewart, Stuart Greer, ua. Länge: 125 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Curtis plagen schlechte Träume und die stete Angst, wie seine Mutter eine psychische Erkrankung zu erleiden. Er bekommt Visionen vom Ende der Welt und ist sich unsicher, ob er sich prophetisch oder psychotisch sehen soll. 





Meinung:
Es gibt Filme, die mit einem minimalen Budget ein Ergebnis auf die Beine stellen, das so toll ist, dass man an den Fähigkeiten jeglicher Filmemacher zweifeln muss, die mit mehr Geld weniger hinbekommen. Jeff Nichols, der ein paar Jahre später mit „Mud“ einem größeren Publikum bekannt wurde, inszeniert einen Film, dessen hauptsächliches Merkmal heutzutage leider sehr rar geworden ist, was der Grund ist, weshalb man es so zu schätzen weiß: Subtilität. Passend ist es, dass er sich einen halbwegs bekannten Hauptdarsteller (aus „Boardwalk Empire“) holt, der die introvertierte Verbissenheit und Furcht, ja das Introvertierte generell, meisterhaft darstellen kann. Michael Shannon ist eine Wucht und Hauptbestandteil des zweiten großen Merkmales des Films; es ist ein Film, in dem Schauspieler schauspielern dürfen.


Na, ob das noch was gibt mit der Gartenparty?
Der amerikanische Traum ist nicht einmal mehr eine Erinnerung. Eine bloße vage Ahnung an längst vergessene Zeiten, in denen der Glauben an Wünsche im Kaliber eines „Hach, es wäre schön, wenn…“ (und was sind Träume denn anderes) noch etwas zählte. Die Staaten haben die Rezession hinter sich belassen und stecken tief in einer Depression, in der die Aussicht auf eine Erholung von tierstehenden unheilverkündenden Wolken verdeckt wird. Vom Leben wird nichts mehr erwartet - Erwartungen und Ambitionen sind bloß kleingeistiger und naiver Gedankenmüll - und das Land, in dem alles abspielt ahnt nichts von der Situation, in der es steckt. Es muss angeschrien werden und selbst dann würde es noch lange keinen Glauben schenken. Auf der Rückseite von Curtis Schutzhelm ist die amerikanische Flagge zu sehen, wenn Curtis sich von der Kamera, bzw. dem Geschehen wegdreht. Es ist eines der beiläufigsten aber auch stärksten Motive im Film und es zeigt ein blindes Land. Ob es diese Blindheit gewählt oder aufgezwungen bekommen hat? Wahrscheinlich ersteres, wenn man an Curtis Familienhistorie denkt. Seine Mutter war in seinem Alter, als bei ihr eine psychische Störung festgestellt wurde. Die Furcht davor, dass ihm Gleiches widerfährt, ist tief in ihm. Bis jetzt hat er es erfolgreich geschafft, sie zu ignorieren (er hat die Blindheit also gewählt) aber nun ist er an einem Punkt angelangt, an dem es nicht einmal hilft, die Augen zu verschließen.


"Vorsicht junge Dame! Sag noch einmal 'Man of Steel" ist Mist..."
Der „Untergang der Welt“ im Film wird nie wirklich bestätigt. Es ist bloß Curtis, der ihn prophezeit, fürchtet und vielleicht sogar ein bisschen herbeisehnt. Es würde vieles vereinfachen und ihm wenigstens eine der größten Fragen beantworten, die er sein Leben lang herumschleppen musste. „Hast du den Verstand verloren?“ fragt seine Frau Samantha. Eine Antwort bleibt er ihr schuldig. Jeff Nichols zeigt einen verdammt ruhigen Film, der dem Zuschauer jedoch niemals Ruhe gewährt. Nein, man ist stets am Zappeln, am Rande des Sitzes. Die Füße kalt, die Handflächen feucht, der Verstand stets am Verarbeiten der Sorge um das, was noch kommen mag. Die Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn, Traum und Realität verschwimmen und sind anfangs nicht zu unterscheiden, bis Nichols einen Schlussstrich zieht und der Zuschauer für eine halbe Sekunde aufatmet. Das Wetter, die Natur in ihrer reinen und ungebändigten Form, unbeeinflussbar vom Menschen, ist sinnbildlich für Curtis Innenleben. Man achte auf die Stadien, in denen er sich befindet, wenn die Wolken aufziehen, die Blitze zucken und der Donner grollt. Ob er der einzige ist, der das sieht, fragt er an einer Stelle. Auch das werden wir nie endgültig klären, es liegt im Auge des Betrachters. Wollen wir, dass auch andere das sehen oder wollen wir, dass Curtis der einzige ist? Erwarten wir mehr von ihm, weil er etwas zu wissen scheint? Erwarten wir Heldentaten?


„Take Shelter“ ist in seiner schleichenden Konsequenz ein erbarmungsloses und todtrauriges Stück Film geworden, dessen Kraft dem Zuschauer gar nicht bewusst wird, bis alles ein Ende findet. Jeff Nichols inszeniert weniger die Natur, als wie die Natur selbst und überzeugt mit einer Atmosphäre, die ihresgleichen sucht und in in ihrer allumfassenden aber nicht auffälligen Kraft. Handelt es sich bei diesen zwei Stunden um einen Film über einen psychisch Kranken? Um die Verarbeitung einer Apokalypse? Oder um einen Kommentar zur ignoranten und paranoiden Stimmung in den Vereinigten Staaten von Amerika? Eine endgültige Antwort wird es da nicht geben, der Film ist ambivalent, mehrschichtig und überaus faszinierend, weil keine der möglichen Interpretationsversuche mangels Ansätzen abwegig erscheint. Ein günstiger, kleiner, ruhiger und unauffälliger Film, wenn man ihn noch nicht gesehen hat. Ein teurer, großer, ruhiger, bewegender und kraftvoller Film, wenn man ihn erleidet.


8 von 10 Gasmasken für Kinder


von Smooli

Review: YOUNG ONES – Blaues Gold und graue Seelen

Keine Kommentare:


Fakten:
Young Ones
USA. 2014. Regie und Buch: Jake Paltrow. Mit: Michael Shannon, Nicholas Hoult, Kodi Smit-McPhee, Elle Fanning, Aimee Mullins, Alex McGregor, Robert Hobbs, Carel Nel, Liah O’Prey, Christy Pankhurst, Andy McPhee u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahen. Ab 18. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem sich das Klima auf der Erde dramatisch verändert hat, herrscht Dürre. Aus dem einstigen blauen Planeten ist eine karge Wüste geworden. Wasser ist von nun an das wertvollste Gut der Menschheit. Gemeinsam mit seinen beiden Kindern lebt Ernest Holm (Michael Shannon) am Rande der bewohnbaren Zone und versucht in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben, Notfalls unter Einsatz von Gewalt. Flem Lever (Nicholas Hoult), der unliebsame Freund seiner Tochter, hat anderes im Sinn, als einfach nur zu überleben. Mit allen Mitteln will er die Farm und das dazugehörige Land der Familie übernehmen - und wenn er dafür über Leichen gehen muss...





Meinung:
Dass Dystopien schon immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Kinolandschaft waren, wird uns dieser Tage erst so richtig bewusst gemacht: Adaptionen jedweder Young-Adult-Belletristik finden ihren Weg in die Lichtspielhäuser und versetzen Teenager auf der ganzen Welt in Verzückung. Dass sich hinter Filmen wie „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“, „Seelen“, „Die Bestimmung – Divergent“ oder auch „Hüter der Erinnerung – The Giver“ zumeist eine abstoßend seelenlose Mechanik verbirgt, die sich mit jedem neuen filmischen Erguss dieser Gattung in das exakte Muster des Vorgängererfolges pressen lässt, mag den euphorisierten Heranwachsenden womöglich durch die volle Bandbreite an konstruierten Plastikgefühlen im Verborgenen bleiben, hat man das pubertäre Stadium allerdings verlassen, offenbart sich dieser zielgruppenorientierte Output als ermüdende Tortur. Ein Segen sind daher Künstler, die Dystopie nicht als Projektionsfläche für schmalzige Rührstücke verstehen, sondern den klinisch-handzahmen Gestus gegen ein gesundes Maß an physischer wie psychischer Härte auswechseln.


Die Zukunft ist kein schöner Ort
David Michod ist es beispielsweise mit „The Rover“ zuletzt in famoser Fasson geglückt, ein Endzeitszenario in all der Orientierungslosigkeit einzufangen, welches es nun mal auch darstellen würde, das moralische Brachland jener Tage aber nicht nur über die allgegenwärtige Rohheit zu definieren, sondern den Menschen immer noch als fühlendes Lebewesen zu porträtieren, anstatt sich in einem überhobenen Nihilismus zu suhlen. Der Vergleich mag zwar in gewisser Weise hinken, doch Jake Paltrow beschreitet mit „Young Ones“ ähnliche Pfade, denn auch für ihn ist das postapokalyptische Ambiente keine Kulisse, die zum aufgeblasenen Pathos fungieren muss, sondern sich vor allem durch die Charaktere entschlüsselt, durch die Paltrow veranschaulicht, dass jeder emotionale Konflikt immer noch die tiefsten Furchen in einer jeden menschlichen Existenz hinterlässt. Jake Paltrow (übrigens der Bruder von Schauspielerin Gwyneth Paltrow) ist es vor allem daran gelegen, die ökonomische Entwicklung durch Wasserknappheit einzufangen, um diese Extremsituation dann auch symbiotisch auf die Charaktere zu verlagern und zu potenzieren.


Ob Mary wirklich glücklich werden kann?
Der Kampf um das Wasser hat die Region, die Städte und selbst die direkten Nachbarn zu Feinden gemacht. Während die letzten Menschen von Außerhalb unlängst in die Stadt gezogen sind, hat Ernest Holm (Michael Shannon) noch lange nicht den Glauben daran aufgegeben, dass das Land auf dem er aufgewachsen ist immer noch fruchtbar ist. „Young Ones“ visualisiert sein dystopisches Szenario, in dem Wasser logischerweise der kostbarste Rohstoff ist, als ausgetrocknetes Ödland und all die Personen, die der ausgedörrten Situation ausgeliefert sind, sind nicht nur von poröser Haut gezeichnet, sondern durch die Hitze auch mürbe im Kopf. Das Narrativ von „Young Ones“ gliedert sich in Kapitel, um den jeweiligen Hauptcharakteren auf den Zahn zu fühlen. Neben Ernest Holm gehören dazu auch sein Sohn Jerome (Kodi Smit-McPhee) und der Nachbarsjunge Flem (Nicholas Hoult), der eine heimliche Liebelei mit Ernests Tochter Mary (Elle Fanning) führt. Sie alle folgen einer archetypischen Charakterkonstellation und bäumen sich vom Opfer zum Täter und schließlich auch zum Rächer auf. Einzig Elle Fanning fällt etwas aus dem Rahmen und ist in ihrer eindimensionalen Rolle gefangen.


So gut wie jede Szene endet in einer Überblende, um den nächsten Schritt zu bahnen: Und wenn Jerome zu Anfang durch den Schnitt aus seinem heimatverbundenen Vater Ernest entwächst, erst schemenhaft, dann ganz deutlich, wird konkret eingefangen, in welch dramatische Dimensionen sich „Young Ones“ noch aufschwingen wird. Schwierige Zeiten ändern die Menschen hier in jeder Lage, selbst die ehrenwerten Gestalten müssen das Unrühmliche in Betracht ziehen. Wenn Jerome durch das Aufnahmegerät des Hausroboter aber eine erschütternde Wahrheit erkennt, sieht sich der Sohnemann dazu gezwungen, die Ordnung im familiären Gefüge nach archaisch-reaktionären Prinzipien wiederherzustellen – So wie es der unbändige Drang nach Vergeltung von ihm verlangt. „Young Ones“ ist in seiner Themenbeschreibung vielleicht etwas überladen und zeitweise zu gemächlich, seiner pointiert-poetischen Visualität (natürlich wird auch mit Western-Elementen hantiert) und der hochdramatischen Dimension innerhalb des Charaktergefüges aber gibt man sich nur zu gern geschlagen.


6 von 10 trabenden Hausrobotern


von souli