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Review: HEAT - Es brodelt in L.A.

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Fakten:
Heat
USA, 1995. Regie & Buch: Michael Mann. Mit: Al Pacino, Robert De Niro, Val Kilmer, Tom Sizemore, Diane Venora, Amy Brenneman, Ashley Judd, Jon Voight, Wes Studi, Ted Levine, Natalie Portman, Mykelti Williamson, Dennis Haysbert, William Fichtner, Tom Noonan, Kevin Gage, Hank Azaria, Danny Trejo, Henry Rollins, Jeremy Piven, Miguel Ferrer u.a. Länge: 164 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Neil McCauly ist wohl der perfekte Kriminelle. Seit Jahren ordnet er alles seinem „Beruf“ unter. Emotionen sind nur sachlicher Natur, nur der nächste Coup hat Priorität, deshalb ist er nicht zu fassen. Jeder Überfall ist bis ins Detail geplant. Eine spontane Abweichung führt zu einem Schnitzer, der Lt. Vincent Hanna auf den Plan ruft. Wie McCauly ein Besessener, der vielleicht nicht bereit ist alles für seinen Job zu opfern, es aber dennoch triebgesteuert tut. Er kann nicht anders. Die Fährte wird aufgenommen, es wird sich beschnuppert, es kommt zum Kontakt. Beiden ist klar: Niemals wird einer aufgeben. Es wird keinen zweiten Sieger geben, nur Gewinner und Verlierer, mit allen Konsequenzen. 




Meinung:
„Ich tue das, was ich am besten kann, ich dreh´ Dinger. Sie tun das, was Sie am besten können, Leute wie mich davon abhalten.“

Vielleicht das gedrehte Ding der 90er. Die Konkurrenz ist nicht von schlechten Eltern. Scorsese knallte gleich zwei große Mafia-Epen raus, Paul Thomas Anderson ließ den Riesenpimmel von Dirk Diggler durchs Bild baumeln, Léon war der Profi, Tarantino schuf Sternstunden, es gab nur eine Regel im Fight Club, Danny Boyle sagte Ja und gleichzeitig Nein zu einer riesigen Liste, von den übermächtigen Coens ganz zu schweigen. Das will und muss man gar nicht gegeneinander in ein Ranking stellen, aber wenn…weit vorne.


Auf Puck und Bullen bestens vorbereitet.
Niemals, niemals wieder erreichte Michael Mann diesen Level, sein Opus Magnum, wobei er lange auf hohem Niveau agierte. „Heat“ – das Remake seines eigenen TV-Films „Showdown in L.A.“ -  ist der Hexenkessel Los Angeles in seiner massivsten Form, von kühl bis explosiv, jede Nuance ist vorhanden und bis ins Extrem ausgereizt. Welten prallen aufeinander, die eher Paralleluniversen sind. Die zwei Seiten der Medaille verschmelzen zu einer Münze, deren Wurf dennoch ein klares Ergebnis fordert. Kopf oder Zahl, Patt unmöglich. Der Jäger und der Gejagte, auf dem Papier. Wer jagt hier wen, jagen sie sich überhaupt gegenseitig oder doch nur sich selbst und sind sie sich bewusst, dass sie nur ihren Gegenüber theoretisch fangen können, aber nie sich und ihren Frieden? Die Hatz wird immer weiter gehen, bis zum letzten Atemzug. Dafür sind sie geboren, dafür sind sie bereit zu sterben und wenn sie den Sieg erreicht haben lauert da draußen nur die nächste Herausforderung, an der sie unweigerlich irgendwann scheitern werden oder sich selbst zugrunde richten. Raubtiere fressen Beutetiere, doch was wenn zwei Raubtiere sich plötzlich ein Revier teilen müssen? Einer muss zur Beute werden, auf dem Niveau nicht möglich. Dabei zerfleischen sie sich eh schon selbst, bieten gleichzeitig dem Angreifer keinen wunden Punkt. Bis kurz vor Schluss, und das wird der eine, der fatale Fehler sein, wenn der Mensch kurz die Maschine dominiert.


30 Sekunden...eine echte Prüfung.
Sie leben nicht, sie funktionieren. Ausgerichtet auf ihre Bestimmung, mit allen Konsequenzen. Neil McCauly (Robert De Niro, „Häng dich an nichts, was du nicht nach 30 Sekunden wieder vergessen kannst, wenn dir der Boden zu heiß wird“) und Frank Hanna (Al Pacino, „Du lebst nicht mit mir. Du lebst mit deinen Toten und all den Mördern“), die ihr Privatleben schon lange vorher aufgegeben haben. Vielleicht nicht einmal freiwillig, absichtlich, es ist einfach passiert und aus der Spirale werden sie sich nie wieder befreien können. McCauly könnte alles haben, lebt stattdessen immer auf Abruf, in einem nicht möblierten Luxusapartment, das er tatsächlich nach 30 Sekunden problemlos verlassen könnte, packen müsste er nicht. Hanna hat theoretisch alles, schon zum dritten Mal, denn Familie ist bei ihm ein gewolltes, aber nicht integriertes Anhängsel, das ihm immer wieder aus den Händen gleitet, ganz natürlich, verständlich, trotzdem kann er daran nichts ändern. Sie sind Gefangene. Absolute Profis, deren Wege sich nur kreuzen, weil sich in die eine akribische Arbeit das Minimum der Unberechenbarkeit eingeschlichen hat, das den anderen auf den Plan ruft. Schicksal, denn sie mussten in ihrem Gegenüber irgendwann sich selbst begegnen. Die Folgen sind unvermeidlich, der Weg bis dahin lang und von einem Perfektionismus geprägt, das dem seiner Figuren gerecht wird. Details – und die sind zahlreich – sind nicht banal, sie sind Bausteine zum großen Gesamtbild. Selbst wenn (sogar ausführlich) behandelte Einzelschicksale das Ganze nur marginal verändern würden, sie tragen alle einen Wert, besitzen Substanz und ihre Zugehörigkeit. Ohne sie wäre das sicher auch wahnsinnig super, mit ihnen ist das perfekt. Destruktive Charaktere prallen nicht nur aufeinander, wie es in ihren Genen liegt, verzehren sie sich ohnehin schon selbst und schleichend, nun beginnt das große Fressen auf Wettbewerbsbedingungen.


Loyal für echte Freunde.
Ein irrsinnig brillantes Epos, in dem Michael Mann alles auffährt. Das Skript wurde über Jahre entwickelt und immer wieder bearbeitet, das Endergebnis ist kaum zu übertreffen. „Heat“ ist ein urbaner Sprengsatz, dessen Detonation nicht am Stück, sondern schleichend aufgebaut und durch partielle Entladungen daherkommt, die locker für sich einen einzelnen Film stemmen könnten. Der Auftakt ist schon eine Nummer, der Bankraub im Herzen der Stadt und des Plots der pure Wahnsinn. So einen knallenden, massiven Kugelhagel – ohne völlig absurde Explosionen oder andere Just-Another-Action-Movie-Momente – hat man selten erlebt. Mann entfesselt in den ausgewählten Situationen eine Dynamik, eine Druckwelle, die ihres Gleichen sucht und kaum finden wird. Doch auch dazwischen brodelt es, konstant und jederzeit mit dem Streichholz am Pulverfass. Die große Kunst von „Heat“ ist es, sich diese Stimmung über 2 ½ Stunden zu bewahren, nicht in reaktionären Mechanismen zu verfallen, sondern sehr bewusst auf deutliche Höhepunkte zuzuarbeiten, gleichzeitig aber „stille“ Highlights zu setzen, die die brachiale Wirkung der anderen noch locker überbieten


Besser spät als nie: Das Gipfeltreffen.
Einer der bedeutendsten Szenen ist natürlich das Zusammentreffen der Ikonen, auf das man gut 25 Jahre warten musste. Robert De Niro und Al Pacino begannen ihre Filmkarrieren Ende der 60er, schafften ihren Durchbruch Anfang der 70er, beide sogar sehr schnell mit prägenden Rollen in einem Film: „Der Pate 2“. Ihnen war aber nicht eine gemeinsame Szene gegönnt, den unterschiedlichen Zeitebenen geschuldet. Es sollte 21 Jahre (und 1 ½ Stunden) dauern, bis sie sich endlich Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen durften. Nur für wenige Minuten, aber allein wie das eingeläutet wird. Nachdem sich die Alphamännchen schon aus dem Dunkel beschnuppert haben, kommt es zur legendären Tafelrunde, die die meisten Showdowns in die Tasche steckt. Zu einem treibendem Score verfolgt Pacino sein Alter Ego durch den nächtlichen Großstadtjungel, stellt ihn relativ unspektakulär und lädt auf einen Kaffee ein. Hier werden sich alle ungeschönten Tatsachen direkt ins Gesicht gesagt und anstatt sich selbst auf erschreckende Art gespiegelt zu sehen, vertreten sie nur ihre unerschütterlichen Standpunkte, jedoch mit Respekt vor dem Schaffen des Gegenüber vorgetragen. – „Wenn ich mich entscheiden muss zwischen Ihnen und irgend so einer armen Sau, dessen Frau Sie zur Witwe machen wollen…Bruder, dann hast du keine Chance!“ – „…denn egal was passiert, Du stellst dich mir nicht in den Weg!“


Und so verharren sie in ihren Drohgebärden, gehen auf menschlicher Ebene durchaus aufeinander zu, aber sobald das Geschäft auf den Tisch kommt, sind sie sich einig: Du oder ich, koste es, was es wolle. Das Interessante daran, dass die Karten trotzdem leicht neu gemischt werden. Einer hat schon lange alles für sich als Kredo beschlossen, hadert im letzten Moment kurz damit. Der Andere konnte oder wollte sich seine destruktive, aufzehrende Passion nie direkt eingestehen, zieht sie dennoch konsequent durch und am Ende entscheiden dennoch nur Fragmente. Bei der Konfrontation zweier Idealisten kommt es auf die kleinsten Abweichungen an, die werden das Urteil fällen. Erlösung und Befriedigung liegen nah beieinander, nur am Ende ist wohl keiner richtig glücklich. Denn dann ist es vorbei. Was nun? Einer hat es geschafft, der andere nicht. Aber was hat er damit gewonnen? Nur eine Etappe, nicht das Ziel, das ist eh nur noch eine weit entfernte Utopie. Realistisch waren beide schon lange angekommen, sie konnten es nur nicht genießen. Und werden es niemals können. Sie hinterlassen nur verbrannte Erde um sich herum, ein Dunstkreis der Zerstörung, obwohl sie beide sozial kompetent sein können, nur nicht auf sich selbst gemünzt und für die, die sie vorgeben zu lieben...und es "leider" wahrscheinlich sogar tun. Traurig für alle Seiten.


Ein Tsunami von einem Film, der einen in seiner Komplexität, Wucht und emotionalen Dichte radikal überrollt, vernichtet und zerstört wie gleichzeitig unendlich befriedigt zurücklässt. Bis zur nächsten Sichtung…und wieder, und wieder. Ein Hamsterrad, wie für seine Figuren, denn wir werden daran nicht zerbrechen, sie schon. 
 
10 von 10 Spiegelbildern eines Besessenen

Review: DIVERGENT - DIE BESTIMMUNG - Die futuristische Action-Romanze im Franchise-Boot-Camp

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Fakten:
Divergent – Die Bestimmung
USA. 2014. Regie: Neil Burger. Buch: Vanessa Taylor, Evan Daugherty, Veronica Roth (Vorlage). Mit: Shailene Woodley, Miles Teller, Kate Winslet, Theo James, Ashley Judd, Maggi Q, Jai Courtney, Zoe Kravitz, Tony Goldwyn, Mekhi Phifer, Ben Lamb u.a. Länge: 139 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 28. August 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In der Zukunft bestimmt ein neues Gesellschaftssystem die Welt. Jeder Mensch wird in eine von fünf Kasten kategorisiert. Um herauszufinden welche das ist, muss jeder Teenager einen komplexen Test durchlaufen. Tris, frische 16 Jahre alt, meistert ihren Test, doch kommt dabei heraus, dass sie eine Unbestimmte ist, die in jede Kaste aufgenommen werden könnte. Da Unbestimmte als Bedrohung angesehen werden und Tris sich von niemanden mehr vorschreiben lassen will, wie ihr Leben auszusehen hat, schließt sie sich dem Untergrund-Widerstand an.





Meinung:
Dystopische Jugendroman-Verfilmungen haben sich ja jüngst zum eigenen Genre etabliert. Dass sich deren narrative Grundessenz seit Klassikern wie "1984"' und mittelmäßig-abgeleiteten Stoffen wie dem „Aeon Flux“-Film oder „Equilibrium“ nur wenig variiert hat, scheint das Zielpublikum offenbar wenig zu stören, wohlgemerkt aber eher Regisseur Neil Burger in dieser seiner Adaption eines solchen YA-Werkes. Zwar routiniert, aber allenfalls zweckmäßig behandelt er die ewig gleiche Mär vom subversiv-faschistischen 'Glückseligkeits-Staat', unter dessen Oberfläche Verschwörungen zum Genozid der Unangepassten vorbereitet werden. Dies ist erneut eine Gesellschaft, in der alle abgestumpft gleichgeschaltet werden, wo jeder Einzelne durch einen Persönlichkeits-Test suggeriert bekommt, in welche streng-definierten Gruppen er eintreten sollte.


Mutproben sind auch in der Zukunft immer noch hip
Das klingt wie eine Horrorzukunft unter Scientology - was von Burger entsprechend glattgebügelt, monochrom-gefärbt und ernüchternd-bodenständig aufgebaut wird - und diese ist zurecht in Aufruhr, sobald sich unter den gemäßigten Teens im eingezäunten, halb-zerstörten Chicago jemand befindet, der in keine Gruppe passt, sein eigener Herr, divergent ist! Am Beispiel von Shailene Woodley als Titelfigur Tris erleben wir diese Erkenntnis, die vorerst ein Geheimnis bleiben soll. Weil sie nun insgeheim freie Entscheidungsgewalt inne hat, entscheidet sie sich für ein Leben bei den militanten Aufpasser-Teens, weil diese „West Side Story“-artig überall hip Parkour-Jumpen, Klettern und für Gerechtigkeit sorgen. Das Training ist hart und die Laufzeit des Films ebenso vorwiegend darauf eingestellt - eine Ambivalenz zu den Methodiken macht sich bei Tris schon bemerkbar, doch Freundschaften und die anbahnende Liebe zum Gruppenleiter Four (Theo James) bringen emotionale Entlastung in diesem Boot-Camp-Ambiente.


Kate Winslet ist auf der Jagd
Zunächst scheint sie aber noch zu schwach zu sein, um die maßgeblichen Tests zu bestehen, doch ihr insgeheimer freier Wille bahnt sich seinen Weg hindurch zur Oberliga, wobei sie jedoch vom gnadenlosen Komplott der inneren Gleichschaltung erfährt (siehe auch: “Universal Soldier“), bei dem sie und ihre Freunde natürlich aus der Reihe tanzen und zurückschlagen. Der Schluss generiert sich wie erwartet zum bewährten Shootout-Spektakel des Non-Konformismus gegen 'the man', wobei die Verhältnisse natürlich nicht so drastisch umgewälzt werden, dass man im Nachhinein nicht noch eine Fortsetzung daraus basteln könnte. Neil Burger hat sich seitdem allerdings vom potenziellen Franchise verabschiedet und man kann seinen Unmut durchaus nachvollziehen, alleine wenn man bemerkt in welche Momente er den meisten Enthusiasmus hineingesteckt hat. So lag ihm offenbar die Darstellerführung besonders am Herzen, so gemäßigt und dennoch glaubwürdig sein beinahe durchweg junger Cast agiert. Im Mittelpunkt steht dabei Newcomerin Woodley, welche mit ihren sehnsüchtigen Kulleraugen und schüchterner Körpersprache stets ein nachvollziehbares Gefühl der Unsicherheit unter jenen harten Umständen ausdrückt. Da ist Burger auch immer ganz nah an ihr dran, geht auf Tuchfühlung mit jeder Pore, erst recht sobald sie unvorbereitet Herausforderungen des Springens, des Schießens und des Boxens bewältigen muss (sowieso: massig Frauen-Keile am Start) - wie grundsympathisch das fesche, neugierige, zwar noch etwas verschämte, aber allmählich sich-selbst-beweisende Mädel dabei doch rüberkommt. Wenn sie die Strapazen der Ausbildung allerdings bewältigt, zeigt Burger sein exzellentes Gespür für Euphorie, die am Stärksten in jener Szene wirkt, in welcher Tris am Seil über die Reste Chicagos schwebt, währenddessen Ellie Goulding oder wer auch immer auf dem Soundtrack jugendlich-schwelgerischen Pop-Esprit anstimmt.


Auch bei "Divergent" darf die Liebe nicht fehlen
Schon in „Ohne Limit“ bewies Burger sein Engagement für vergnügten Adrenalin-Drive an seiner visuell berauschenden Schlaumeier-Wunderdroge mit dem genialen Durchblick. Jene Virtuosität mit Sinnes-verstärkenden Mitteln findet ebenso in diesem Film ein Ventil, sobald Tris sich den halluzinatorischen Prüfungen stellen muss, auf psychotronisch-surreale Hilfsmittel zurückgreift (scheinbar auch Masturbation, obwohl sie daraufhin der imaginären sexuellen Besitznahme in die Eier tritt) und somit Klassenbeste wird – „Inception“ und „Matrix“ hinterlassen also noch immer ihre Spuren. Dass der formelhafte Plot ihn dabei immer wieder auszubremsen gedenkt, ist leider die größte Crux und entlädt sich schließlich in einem Finale (bei dem auch Tris' quasi identische Mutter Ashley Judd mitmischt), dass zu viel Drama auf einmal erzeugen will, obwohl die wirkenden Charaktere sich bei uns hauptsächlich in ihrer Zeit der Ausbildung und Prüfungen äußerten, nicht aber unbedingt, wie es ihnen zuvor erging - zu dem Zeitpunkt war die gleichgültige Weltenbildung nämlich eher im Fokus.


Tris kann viel, nur Macarena tanzen gehört wohl nicht dazu
Dabei könnte man gerade ohne den ganzen Zukunfts-Ballast mit seinen abgedämpften Interieurs und seinen mickrigen Phaser-Knarren wunderbar auskommen; eine u.U. spannendere Geschichte erzählen, die nicht mal unbedingt die Durchsetzungskraft in militärisch-futuristischen Strukturen aufzeigen muss, als Coming-Of-Age-Storyline ohnehin mehr innerliche, charakterliche Konflikte beackern sollte, als jene der erneuten Lager-than-Life-Menschheitsrettung mit Junkie-XL-Instant-Score - man wünscht sich einfach erstmal nur mehr Liebe zu den Menschen auf der Leinwand und Burger hat hierbei sogar einige schön einfache, doch innige Bilder gefunden, die als Star Vehicle für die Woodley ihrem schmusebedürftig-charmanten Auftreten sowie ihrer vorsichtig-mutigen & hoffnungsvoll-bitteren Charakterentwicklung vollends gerecht werden. So bleibt aber in der Zugabe des kämpferischen Drangs unserer Protagonistin, trotz aller erwünschter Frauenpower, ein unentschlossener Nachgeschmack in der Abwägung von Faszination & Kritik an militärischer Gruppenzugehörigkeit in dieser Sci-Fi-Hierarchie. Totalitarismus entpuppt sich zwar durchaus als das abgrundtief-Böse, das Training zum Kampfe erhält hier jedoch durchaus eine Berechtigung, erst recht wenn man mit seinen Freunden in der Rebellion als Gruppe, als Team, als Liebhaber zurückschlägt. Dabei sollte doch gerade die selbstbestimmende, liberale Stärke des Individuums den Vordergrund bestimmen: auf eigenen Füßen stehen, die eigenen Probleme selbst meistern - hier wird daraus lediglich eine Aufstiegsanleitung für taktische Führungspersönlichkeiten im Namen der Gerechtigkeit und der wie gehabt hetero-sexuellen Liebe.


Das entspricht zwar den Regeln des modernen Blockbuster-Eskapismus, jedoch nicht der eigentlich-homogenen Charakterentwicklung. So ist das nun mal scheinbar bei Buchadaptionen mit Franchise-Aussichten: viel Ablenkung darf man sich nicht erlauben, erst recht unter Summit/Lionsgate Fuchtel - Burger hatte dabei zwar seinen inszenatorischen Spaß mit der innewohnenden Euphorie, hat aber rechtzeitig die Notbremse gezogen, um aus dem fahrenden Zug gen Massentauglichkeit auszusteigen. Nun steht seine Tris ohne ihn da und starrt einer ungewissen Zukunft des Erwachsenwerdens entgegen, welche, so wie es aussieht, nur in brachialen & gleichsam bieder-bissfreien Standard-Spektakeln enden kann. Die bis dahin erlebten Aufstöße der Hoffnung und der leichtlebigen Romantik waren es aber wert, wenn es aber auch durchaus mehr hätten sein können.


5,5 von 10 Aufständischen


vom Witte

Review: BUG - Dieses Kribbeln im Bauch

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Fakten:
Bug
USA, 2006. Regie: William Friedkin. Buch: Tracy Letts. Mit: Ashley Judd, Michael Shannon, Harry Connick Jr., Lynn Collins, Brian F. O'Byrne, Neil Bergeron, Bob Neill u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
 
 
Story:
Die suchtkranke Kellnerin Agnes lebt in ständiger Bedrohung durch ihren gewalttätigen Ex-Mann. Sie haust in einem schäbigen Motelzimmer und führt eine lockere Beziehung zu ihrer Kollegin RC. Diese schleppt eines Abends den stillen Peter an. Agnes fühlt sich zu dem Sonderling hingezogen, der auf Grund einer Kriegspsychose unter befremdlichen Wahnvorstellungen leidet. Immer mehr verfällt Agnes ihm und gleichzeitig seinen kranken Gedanken.
 


                                                                          
 
Meinung:
Nach wegweisenden Klassikern wie "French Connection", "Der Exorzist" oder "Leben und sterben in L.A." versank William Friedkin lange im Kariereloch. Seine Arbeiten wurden beliebig und austauschbar. Mit "Bug" entfernte sich Friedkin sehr bewusst vom massentauglichen Hollywood-Kino, das ihn fast beerdigt hätte, und erfand sich damit im hohen Alter quasi neu. Das wagen wenige und daran zu scheitern ist nicht schwer. Friedkins Schritt war goldrichtig. Das es sich bei "Bug" um keine Eintagsfliege - oder eher Käfer - handelte, konnte er mit "Killer Joe" kürzlich untermauern.
 
 
Schlechte Haut und stolz darauf
Der behäbige Beginn erfordert Geduld, die dafür reichlich entlohnt wird. Die Ruhe vor dem Sturm. Wie das Meer, das sich vor der drohenden Flutwelle beruhigend zurückzieht, um dann unbarmherzig alles zu überrollen. Friedkin adaptiert das Bühnenstück von Tracy Letts (ebenfalls der Autor von "Killer Joe") nach dessen Script. Ein White-Trash Kammerspiel, eine Mischung aus Psychodrama, abartiger Lovestory, Kriegstraumata, Co-Psychose und einem Schuss Body-Horror Marke Cronenberg. Die Mixtur erscheint wüst und ist nicht immer perfekt abgeschmeckt, dafür ungemein packend, intensiv und beklemmend.
 
 
Crazy in Love
Friedkins ruhiger Inszenierungsstil der ersten Hälfte ist angenehm zurückhaltend, brodelnd und könnte lediglich an gewissen Stellen etwas zügiger vorangetrieben werden. Davon lässt sich der alte Mann nicht beirren und nimmt dadurch sicher bewusst in Kauf, einige Zuschauer vorzeitig zu vergraulen. "Bug" scheint sein Publikum vorsorglich selektieren zu wollen, um dann das Rad richtig zum Glühen zu bringen. Zwei labile Charaktere, die sich wie vom Schicksal geleitet, gesucht und gefunden haben. Allein waren sie schlicht gestört, gemeinsam steigern sie sich gegenseitig in ihren Wahn hinein, um anschliessend Hand in Hand die reale Welt hinter sich zu lassen und auf das unausweichliche Ende zuzusteuern. Da blitzt so was wie morbide, wenig süsse Romantik auf. Valentinstag in der Klapsmühle, ohne Tranquilizer, aber immerhin gibt es Pizza.
 
 
Ashley Judd, optisch wie die Vorstufe zu Charlize Theron in "Monster", und Michael Shannon liefern famose Leistungen ab, am Rande des Wahnsinns und teilweise darüber hinaus. Im letzten Drittel lassen sie völlig enthemmt die Puppen tanzen und Friedkin entfaltet im Aluminium-Iglo der Endstadium-Paranoia eine Energie wie zu seinen besten Zeiten. Der Schlussspurt ist sagenhaft und entschädigt für gelegentliche Längen im Vorlauf.
 
 
Friedkin steht der unangepasste White-Trash-Mantel deutlich besser als der langweilig-schicke Hollywood-Smoking der Jahre zuvor. Den Kick brauchte er wohl zum wach werden. Guten Morgen, gut geschlafen? Bitte weiter so. Aber hat er ja bereits...
 
7,5 von 10 Kammerjägern.