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Review: TAKE THIS WALTZ - Die Tücken der Liebe

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Fakten:
Take This Waltz
CA, 2011. Regie & Buch: Sarah Polley. Mit: Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman, Jennifer Podemski, Diane D'Aquila, Vanessa Carter, Graham Abbey, Damien Atkins, Aaron Abrams, Dyan Bell, Albert Howell u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Flugzeug lernt die unsichere, leicht neurotische Margot den smarten Daniel kennen. Sie teilen sich auch ein Taxi, denn sie wohnen überraschender Weise in der Nachbarschaft. Genau gegenüber. Der dezente Flirt hat einen Haken: Margot ist verheiratet. Eigentlich sogar glücklich. Der Alltag mit dem liebevollen Ehemann Lou ist harmonisch, Zweifel oder eine Affäre eigentlich ausgeschlossen. Dennoch, von dem Mann gegenüber geht ein unvermeidlicher Reiz aus. Margot muss sich die Frage stellen, ob das Abenteuer auf der anderen Straßenseite es wert ist, die sichere, leicht eingeschlafene Ehe aufzugeben.



                                           
Meinung:
Als Darstellerin hat es Sarah Polley nie zum großen Durchbruch geschafft, vielleicht liegen ihre eigentlichen Stärken an anderer Stelle. Bereits mit "An ihrer Seite" konnte sie als Regisseurin/Autorin großes Lob einheimsen, mit "Take This Waltz" bestätigt sie dieses eindrucksvoll. Wie wunderbar sie den gängigen Lovestorys aus Hollywood hier demonstriert, was so ein kleiner Film mit der entsprechenden Hingabe und Ehrlichkeit bewirken kann, ist jeden Preis der Welt wert.

 
Eine Fahrt ins Ungewisse.
Wer sich bei dem Schlagwort "Lovestory" reflexmäßig in Igelstellung zusammenrollt, dem kann ich es kaum verübeln. Das liegt nicht am Stoff per se, Gott bewahre, wäre ja schlimm. Liebe und Tod sind wohl die universellsten Themen in der Kunst, sei es Literatur, Musik, Malerei oder eben Film. Damit muss sich jeder Mensch sein ganzes Leben oder zumindest irgendwann auseinandersetzten, kann eine Beziehung dazu aufbauen und Emotionen nachempfinden. Nur auf die gängige Art der erfolgreichen Liebesfilme aus den USA können viele Menschen getrost und ohne schlechtes Gewissen verzichten. A-Hörnchen findet B-Hörnchen, dazwischen viel Trouble, dümmliche Klischee-Figuren stehen belastend im Weg rum, sei es der verlogen-untreue Partner oder der schmierig-unsympathische Balz-Konkurrent. Wer hier die Guten und die Bösen sind ist genau so klar wie das Ende, nur wer auf verklemmten Humor und pubertäre Kicherei steht kann daran seine Freude haben. Genau das ist "Take This Waltz" nicht, genauer gesagt der direkte Gegenentwurf. Ein Liebesfilm für ein erwachsenes Publikum, dabei trotzdem nicht zentnerschwer und im Kern doch tragisch. Hier wird die Schnittstelle spielend leicht gefunden, die oft eher die vernichtende Sollbruchstelle darstellt.

 
Kinder und Betrunkene sprechen immer die Wahrheit.
Sarah Polley kreiert echte, nachvollziehbare Charaktere, mit allen Ecken und Kanten, die nicht wie aus einer Daily-Soap oder dem kindlichen Traum kleiner Mädchen entsprungen wirken. Margot - hinreißend, umwerfend gespielt von Michelle Williams - ist eine extrem unsichere, bald schon ernsthaft krankhafte Figur, die nicht nur "normale" Bestätigung braucht, sie sehnt sich nach etwas, das sie eigentlich durchgehend hat. Einem Partner, der ihr Seelenverwandter ist, sie nicht nur befriedigt, sondern in jeder Situation auffängt und stützt. Nur ihrem labilen Charakter ist es wohl zuzuschreiben, das sie dennoch nicht die liebevolle (normale) Monotonie eines Ehealltags zu schätzen weiß, die kleinen, verspielten Liebesbeweise ihres Partners nicht mehr entsprechend wahrnimmt, sondern sich lieber nach dem neuen, aufregenden Abenteuer mit dem spontan-fluffigen Stecher von nebenan sehnt. Das ist einerseits verständlich - der Alltag kann der schlimmste, weil schleichenste Beziehungskiller sein - andererseits so  verwerflich, da ihr Mann sie niemals vernachlässigt, sie konsequent liebt und das mit rührender Hingabe täglich bestätigt. Gut, gegen Gefühle lässt sich schwer ankämpfen, genau das schildert Sarah Polley sehr eindringlich und enorm authentisch. 

 
Hinterher ist man immer schlauer.
Ihren Figuren werden großartige, teils leicht bizarre Dialoge in den Mund gelegt, die sich weit vom üblichen Einheitsbrei entfernen und gerade dadurch so erfrischend, frech und unglaublich unterhaltsam funktionieren. "Take This Waltz" ist mindestens so heiter wie melancholisch, eine perfekte Mischung aus nachdenklich-stimmenden Gefühlskino und wunderbar unverkrampften Humor. Das Gefühl von Sarah Polley für das (eigene) Skript ist sensationell. Da gibt es locker ein Dutzend Szenen (wenn nicht mehr) die in diesem Moment merklich besser sind, als ein kompletter, verlogen-sülziger Love-Buster für die ganz große Leinwand. Schon erstaunlich, was ein(e) Regisseur(in) ausdrücken kann, wenn alles stimmt. Es gibt Situationen, in denen nichts erklärt oder nur ein einziges Wort gesprochen werden muss, allein die Chemie, die reine Konzeption und die punktgenaue Erfassung aller Faktoren sagt mehr aus, als es verbal nur ansatzweise möglich wäre. Dazu - bevor es unterschlagen wird - kommt ein wunderbar harmonischer Soundtrack und ein teilweise erstaunlich virtuoses Einsetzen der Kamera (für den Rahmen einer solchen Produktion speziell, aber auch generell).


Zusammenfassend: "Take This Waltz" ist ein bezaubernder, trauriger, komischer und genau in dieser Mischung perfekter Liebesfilm ohne Kitsch, Schmalz, selbstverliebte Glitzersternchen vor oder hinter der Kamera (ganz im Gegenteil), sondern genau das, was so einen Film für ein neutrales Publikum nicht nur erträglich, sondern regelrecht zur Pflichtveranstaltung werden lässt. Schön bis genial, mit Höhen und Tiefen, wie die Geschichte selbst. Ganz wunderbar, unbedingt ansehen. 



8
von 10 Hühnergerichten

Review: AN IHRER SEITE – Wenn Liebe im Alter zur Probe wird

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Fakten:An ihrer Seite (Away From Her)
Kanada. 2006. Regie: Sarah Polley. Buch: Sarah Polley. Mit: Gordon Pinsent, Julie Christie, Michael Murphy, Olympia Dukakis, Kristen Thomson, Wendy Crewson, Alberta Watson u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: ohne Altersbeschränkung freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Das alte Ehepaar Grant und Fiona lebt glücklich in Kanada. Doch als Fiona an Alzheimer erkrankt und schließlich nach gemeinsamer Überlegung in ein spezielles Pflegeheim geht, verändert sich das Leben der beiden völlig. Fiona vergisst ihren Ehemann. Sie vergisst, ihn gekannt, ihn geliebt zu haben. Und gleichzeitig findet sie in diesem Heim eine neue Liebe. Für Grant eine niederschmetternde, neue Situation, mit der er überfordert zu sein scheint. Wie soll er sich verhalten? Seine große Liebe ihr neues Leben leben lassen? Die 44 Jahre Ehe einfach so vergessen? Oder für seine Ehe und gegen diese schlimme Krankheit kämpfen?




Meinung:
Grant und Fiona sind seit 44 Jahren verheiratet. In den verschneiten Bergen Kanadas bewohnen der ehemalige Uni-Professor und seine Gattin ein schönes, altes Haus. Aber dieses Glück wird nach und nach immer mehr gestört. Erst waren es nur ein paar kleine Dinge. Fiona schafft es zum Beispiel nicht, den richtigen Ausdruck für bestimmte Dinge zu finden oder sie klebt kleine, beschriftete Zettel an Schubladen. Doch als sie eines Tages nach einem Skiausflug nicht mehr nach Hause kommt und nach längerer Suche völlig desorientiert wiedergefunden wurde, da war klar: Fiona ist krank, sie leidet an Alzheimer und die Krankheit nimmt immer schlimmere Züge an. Die beiden entschließen sich, dass Fiona in eine spezielle Einrichtung zieht. Doch 30 Tage darf Grant seine Ehefrau nicht besuchen. 30 Tage, in denen Fiona alleine in dieser Einrichtung mit anderen Alzheimerpatienten zusammenlebt und ihr altes Leben vergisst.


Diagnose: Alzheimer. Eine schwere Entscheidung muss her.
Denn genau das ist es, mit was Grant nach den 30 Tagen konfrontiert wird. Fiona kennt ihren Mann nicht mehr, den eigenen Ehemann, von dem sie in den 44 Ehejahren nie für längere Zeit getrennt war. Noch dazu hat sich Fiona in einen anderen Mann verliebt. Schon vor dieser 30-tägigen Trennung war es für Gordon sehr schwer, seine Frau loszulassen, sie in dieses speziell für Alzheimerpatienten ausgelegte Heim zu geben, doch die neue Situation ist für Gordon schmerzhaft wie nichts zuvor. Und genau darauf wird in diesem Film besonders Augenmerk gelegt. Nicht etwa die Krankheit Alzheimer und ihre Folgen für die Betroffene, was eher nebenbei abgehandelt wird, sondern der Umgang der Mitmenschen und Freunde, der Angehörigen, hier in Person des Ehemanns Grant steht im Zentrum. Statt einer Nacherzählung der Krankheitssymptome wird viel mehr auf den Verzicht und die Erinnerung des Ehemanns eingegangen. Und auf seine großen Probleme, mit dieser veränderten Situation umzugehen.


Wichtig für das Gelingen des Films ist Hauptdarsteller Gordon Pinsent. Er spielt den Grant mit großer Ruhe und doch merkt man ihm die Sehnsucht nach seiner Frau an, die Eifersucht gegenüber „ihm“, die ihn innerlich zu zerfressen droht. Aber getoppt wird diese Leistung von Julie Christie, die diese schlimme Krankheit ein Gesicht gibt und gleichzeitig stets Anmut und Haltung bewahrt. Das besondere an ihrer Leistung: sie schafft es zusätzlich noch, immer wieder einen Tropfen Charme und Humor mit hineinzulegen. Vielleicht ist es auch nur ihre sowieso wunderbar sympathische Art. Aber gerade weil die beiden Hauptfiguren so sympathisch und so echt wirken, fällt es einem als Zuschauer schwer, die im Film dargelegten Entwicklungen zu verkraften. Fast schon schockierend beobachtet man die Entwicklungen, fühlt Mitleid mit eigentlich jeder Figur und weiß letztlich auch keinen Rat, was man denn nun tun könne. Ähnlich wie die Charaktere im Film.


Das Loslassen fällt Grant und Fiona sehr schwer.
Sarah Polley, die zum Zeitpunkt des Drehs erst 28-jährige Regisseurin des Films, schafft es, mit ruhigen Bildern eine gewaltige Wirkung zu schaffen. Sie braucht weder Kitsch oder Klischees, noch große Übertreibungen. Stattdessen zeigt sie einfach die Beziehung zwischen einem alten Ehepaar, die durch diese Krankheit von Grund auf umgekrempelt wird. Und ihr gelingt es trotz oder vielleicht auch wegen dieser so einfachen Inszenierung dieser Liebesgeschichte intensive Emotionen im Zuschauer hervorzurufen. Es sind mal die Tränen von Fiona, die sie zu verbergen versucht, dann ist es der leere Blick von Grant auf das neue Liebespaar oder der schmerzvolle Versuch, loszulassen. Lange Kamerafahrten und –einstellungen von Luc Montpellier helfen hierbei genauso, intensive Momente zu erschaffen, wie die angenehme Musik von Jonathan Goldsmith.


Vielleicht ist Sarah Polley als Schauspielerin nie besonders in Erscheinung getreten, aber mit „An ihrer Seite“, der im Original übrigens „Away From Her“ betitelt ist und ein erneutes Beispiel der sinnfreien deutschen Übersetzungen bildet, ist ihr ein erstaunlich reifer Debütfilm gelungen, der die Beziehung zwischen Gran und Fiona beschreibt. Der die durch Alzheimer bedingte Veränderungen im Leben aller Beteiligten in ruhiger, überlegter Art und Weise einfängt, ihre Sehnsüchte und ihre Probleme mit dieser neuen Situation. Und der dabei auch in der Lage ist, ohne übertriebenen Pathos und mit echten Emotionen ein eher unangenehmes Thema angenehm, vielleicht ein bisschen zu angenehm, zu präsentieren. Und im Gegensatz zu Michael Hanekes „Liebe“ geht der Film deutlich positiver, einfühlsamer und wärmer auf eine ähnliche Grundthematik ein, was dem äußerst sehenswerten Film in keinster Weise schadet.


8,5
von 10 Bücher über Island

Review: DAWN OF THE DEAD - Zackiges Remake

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http://medienjournal-blog.de/wp-content/uploads/2011/06/dawn_of_the_dead_ver3.jpg


Fakten:
Dawn of the Dead
USA, 2004. Regie: Zack Snyder. Buch: James Gunn. Mit: Sarah Polley, Ving Rhames, Jake Weber, Mekhi Phifer, Ty Burrell, Michael Kelly, Kevin Zegers, Michael Barry, Lindy Booth, Jayne Eastwood, Boyd Banks, Inna Korobkina, R. D. Reid, Tom Savini, Ken Foree u.a. Länge: 105 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.



Story:
Urplötzlich stehen die Toten aus ihren Gräbern auf und haben richtig Hunger. Die Apokalypse kommt blitzschnell, eine kleine Gruppe von Überlebensexperten rettet sich in eine Mall. Draussen lauert der Tod, drinnen die Bestie Mensch auf Survival-Modus.




                     


Meinung:

"When there's no more room in hell..."
 
Moment mal, das gab es schon. Pfui, braucht niemand. Eigentlich richtig, aber so passt das schon.


Es hätte so ein schöner Morgen werden können...
George A. Romeros "Dawn of the Dead" ist - da kann, aber sollte man kaum drüber streiten - der beste Zombie-Film bisher und jeder Versuch einer Neuauflage grenzt an Blasphemie, nur wildert das Remake von Zack Snyder sehr respektvoll in den Jagdgründen eines Klassikers. Romero prägte das gesamte Genre erst durch "Night of the Living Dead" und perfektionierte es durch "Dawn of the Dead". Der Zombie-Film starb, mangels Futter, schnell aus, erst Danny Boyle belebte es durch "28 Days Later" neu, obwohl er nur Infizierte, aber keine "klassischen" Zombies zeigte. Die echte Wiedergeburt fand ausgerechnet durch eine eigentliche Totgeburt statt. Totgesagte leben länger...


Snyder, zu Letzt oft gescholten und nicht immer zu unrecht, erweisst sich als würdiger Totengräber, gibt dem Höllen-Szenario einen zeitgemässen und kommerziell effektiven Anstrich, der niemals respektlos mit der Vorlage umgeht. Die diversen Änderungen geben dem Film einen komplett neuen Anstrich, aber nur so ist ein Remake überhaupt zu rechtfertigen. Wer will denn eine 1:1 Fassung von "Dawn of the Dead" sehen? Das sind die gleichen Leute, die auch das Remake von "Psycho" mögen.
Um es kritisch zu sehen: Snyder (und James Gunn, Autor und absoluter Genre-Nerd) hebeln bewusst die ruhige, apokalyptische Stimmung des Originals aus, indem sie enorm auf die Tube drücken. Ihre Zombies haben nicht nur ordentlich Marmelade in den Muskeln, sie sind zudem viel aggressiver und weniger tollpatschig. Ganz anders, nicht so subtil, aber ein Remake darf ruhig mehr Gas geben...wenn es denn funktioniert.


Jeder fängt mal klein an.
Das tut es. Die bedrohlich-vernichtende Stimmung von Romeros Film erreicht das tapfere Snyderlein niemals, aber kratzt kurz am Beinchen und kann mit einem effizienten Druck punkten. Teilweise fühlt man sich schon in das Kaufhaus `78 zurückversetzt....nicht immer, aber manchmal. Den Geist der Vorlage haben Snyder & Gunn durchaus verstanden und versuchen ihn umzusetzen. Gelingt mehrfach, nur gewissen Zugeständnissen an das moderne Publikum ist es wohl geschuldet, dass der neue "Dawn of the Dead" manchmal etwas glatt wirkt. Es muss nicht jeder Patrone in Zeitlupe zu Boden fallen, damit die Szene wirkt. Tendenziell ist das ein Remake nach Mass. Beruft sich auf die Vorlage, kann sie unmöglich kopieren, aber gibt sein Bestes, um nicht als fader Aufguss zu enden.


Schneller, brachialer, trotzdem weniger erschreckend und mit dem sozialen Kritikpunkt nur am Rande, rockt der "Dawn of the Dead" des neuen Jahrtausends erstaunlich gut. Was da alles schief gehen kann, siehe "The Fog", "The Hitcher" oder "The Stepfather". Da wurde Remake-Potenzial mit Anlauf gegen die Wand gefahren, "Dawn of the Dead" reisst Wände ein, die bis heute keine Sollbruchstelle liefern.



"...the dead will walk the earth."

Allein wegen den liebevollen Cameos von Tom Savini und Ken Foree, inklusive dieses denkwürdigen Zitats, ist "Dawn of the Dead" kein Rotz aus der Mikrowelle, sondern eine zeitgemässe Neuinterpretation. Soll es auch geben...


7 von 10 verkaufsoffenen Sonntagen

Review: MR. NOBODY (Director's Cut) - Jared Letos fragmentarische Suche nach dem richtigen Schritt

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Fakten:
Mr. Nobody
Frankreich, Belgien, Deutschland, Kanada. 2010. Regie und Buch: Jaco Van Dormael. Mit: Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley, Juno Temple, Toby Regbo, Linh Dan Pham, Rhys Ifans, Thomas Byrne, Clare Stone Natasha Little, Michael Riley, Daniel Mays, Allan Corduner Anders Morris, Emily Tilson u.a. Länge: 138 Minuten (Kinofassung), 155 Minuten (Director’s Cut, nur auf Blu-ray erhältlich). FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Menschheit hat im Jahre 2092 endgültig den Tod besiegt und erfreut sich an ihrer Unsterblichkeit. Der 118 Jahre alte Nemo Nobody ist der letzte sterbliche Mensch und versucht kurz vor seinem Ende sich an sein Leben zu erinnern.




Meinung:
Jede ernstzunehmende Rezension sollte dem pietätvollen Ziel folgen, einem bestimmten Film mit der nötigen Seriosität und Fairness zu begegnen, auch wenn das affektive Verdammen so manches Mal von befreiender und verführerischer Natur erscheinen mag, im Gegensatz zu einer fundierten Auseinandersetzung mit dem abgeschlossenen Werk. Geht man dieser kompromissvollen Prämisse strikt aus dem Weg und lässt sich dennoch zu einem rhetorischen Frustabbau hinreißen, sollte man sich – wie immer – darüber im Klaren sein, das die Subjektivität in jedem Maß dem objektiven Kriterium abgeschworen hat. „Mr. Nobody“ bietet sich unter diesem Gesichtspunkt als leichte Beute für einen von nachhaltiger Wut und Enttäuschung gezeichneten Verriss an, damit würde man letzten Endes aber nicht nur der eigentlichen Intention des Drehbuches Unrecht tun, sondern auch der inszenatorischen Umsetzung des Filmes.


Über „Mr. Nobody“ lässt sich in komprimierter Simplizität mit Leichtigkeit behaupten, dass der Film schlussendlich genau das geworden ist, was er auch sein möchte – Und das ist in diesem Fall keinesfalls despektierlich gemeint. Eigentlich ist dieses Siegel doch eine vollständige Befriedigung für jeden ambitionierten Filmemacher. Es gibt nur ein gravierendes Problem: Die Rezipienten, ihre Auffassungsgabe und der damit zusammenhängende individuelle Geschmack. Der wiederhallende Vorwurf, „Mr. Nobody“ würde auf seinem anspruchsvollen Philosophieplateau versagen, weil er diese Thematik nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Tiefendurchleuchtung verarbeitet, ist von vornherein schon nicht gerechtfertigt, da Regisseur und Autor Jaco van Dormael zu keiner Zeit den Anspruch hegt, hier eine weitreichende Abhandlung über die Existenzbedeutung des Individuums mit essentiellen Mehrwert abzuliefern. Genauso wenig nachvollziehbar ist die Argumentation, „Mr. Nobody“ für seine aseptische Optik anzukreiden.


Hat man nun das Glück und kann sich gänzlich auf „Mr. Nobody“ einlassen, so wird einem eine zuckersüße Sentimentalitätenbombe par excellence geboten. Darf man jedoch nicht Teil dieses unmethodischen Hochgefühls werden, bleibt auch das Herz über die gesamte Dauer verschlossen und die Geschichte rundum Nemo, den folgenschweren Entscheidungen seines Lebens, wissenschaftlichen Bezugspunkten und großen Mengen an zwischenmenschlichen Implosionen und Explosionen, entpuppt sich nur als klebriges „Was wäre wenn“-Prinzip, das jegliche Segmente aus allen kinematographischen Himmelsrichtungen zusammenkratzt und sich in seinen nährwertlosen Zuckerwattemantel einkuschelt. Der emotionale Einklang zwischen der Illusion und dem Betrachter greift nicht ineinander, jede Anekdote gleicht schwammigen Pseudo(Intellektualität) und die 155 Minuten verstreichen zwar schmerzlos, dafür aber immer wieder mit einem gewissen Bruchteil an unfreiwilliger Komik und konzipierter Leere, die den Gesamteindruck einfach in die Bedeutungslosigkeit lenken, so lebensbejahend und schön die (Liebes-)Botschaft unter dem überladenden Durcheinander auch sein mag.

4 von 10 abergläubischen Tauben

von souli