Auf der diesjährigen Berlinale war Joshua Oppenheimers Dokumentation "The Act of Killing" einer der Lieblinge von Kritik und Publikum. Leider gibt es immer noch keinen deutschen Kinostart. Wir hoffen aber, dass diese außergewöhnliche Doku, die wohl zu den besten Filmen des Jahres zählt, ihren Weg nach Deutschland findet, egal ob ins Kino oder nur auf DVD. Vielleicht haben wir ja Glück und bekommen sogar den längeren Director's Cut.
In "The Act of Killing" bringt uns Oppenheimer in das Indonesien von heute und zeigt uns, was aus den Männern geworden ist, die beim Militärputsch des Jahres 1965, dabei halfen innerhalb von 12 Monaten 500.000 Menschen umzubringen, weil sie (angeblich) Kommunisten waren. Sie erzählen Oppenheimer, wie sie effizient getötet haben, warum sie Stolz darauf sind und drehen sogar mit ihm einen Film über ihre Taten, in denen sie aber nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer spielen.
Mr. Nobody
Frankreich, Belgien, Deutschland, Kanada. 2010. Regie und Buch: Jaco Van
Dormael. Mit: Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley, Juno Temple, Toby Regbo,
Linh Dan Pham, Rhys Ifans, Thomas Byrne, Clare Stone Natasha Little, Michael
Riley, Daniel Mays, Allan Corduner Anders Morris, Emily Tilson u.a. Länge: 138
Minuten (Kinofassung), 155 Minuten (Director’s Cut, nur auf Blu-ray erhältlich).
FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Die Menschheit hat im Jahre 2092 endgültig den Tod besiegt und erfreut sich
an ihrer Unsterblichkeit. Der 118 Jahre alte Nemo Nobody ist der letzte
sterbliche Mensch und versucht kurz vor seinem Ende sich an sein Leben zu
erinnern.
Meinung: Jede ernstzunehmende Rezension sollte dem pietätvollen Ziel folgen, einem
bestimmten Film mit der nötigen Seriosität und Fairness zu begegnen, auch wenn
das affektive Verdammen so manches Mal von befreiender und verführerischer
Natur erscheinen mag, im Gegensatz zu einer fundierten Auseinandersetzung mit
dem abgeschlossenen Werk. Geht man dieser kompromissvollen Prämisse strikt aus
dem Weg und lässt sich dennoch zu einem rhetorischen Frustabbau hinreißen,
sollte man sich – wie immer – darüber im Klaren sein, das die Subjektivität in
jedem Maß dem objektiven Kriterium abgeschworen hat. „Mr. Nobody“ bietet sich
unter diesem Gesichtspunkt als leichte Beute für einen von nachhaltiger Wut und
Enttäuschung gezeichneten Verriss an, damit würde man letzten Endes aber nicht
nur der eigentlichen Intention des Drehbuches Unrecht tun, sondern auch der
inszenatorischen Umsetzung des Filmes.
Über „Mr. Nobody“ lässt sich in komprimierter Simplizität mit Leichtigkeit
behaupten, dass der Film schlussendlich genau das geworden ist, was er auch
sein möchte – Und das ist in diesem Fall keinesfalls despektierlich gemeint.
Eigentlich ist dieses Siegel doch eine vollständige Befriedigung für jeden
ambitionierten Filmemacher. Es gibt nur ein gravierendes Problem: Die
Rezipienten, ihre Auffassungsgabe und der damit zusammenhängende individuelle
Geschmack. Der wiederhallende Vorwurf, „Mr. Nobody“ würde auf seinem
anspruchsvollen Philosophieplateau versagen, weil er diese Thematik nicht mit
der nötigen Ernsthaftigkeit und Tiefendurchleuchtung verarbeitet, ist von
vornherein schon nicht gerechtfertigt, da Regisseur und Autor Jaco van Dormael
zu keiner Zeit den Anspruch hegt, hier eine weitreichende Abhandlung über die
Existenzbedeutung des Individuums mit essentiellen Mehrwert abzuliefern.
Genauso wenig nachvollziehbar ist die Argumentation, „Mr. Nobody“ für seine
aseptische Optik anzukreiden.
Hat man nun das Glück und kann sich gänzlich auf „Mr. Nobody“ einlassen, so
wird einem eine zuckersüße Sentimentalitätenbombe par excellence geboten. Darf
man jedoch nicht Teil dieses unmethodischen Hochgefühls werden, bleibt auch das
Herz über die gesamte Dauer verschlossen und die Geschichte rundum Nemo, den
folgenschweren Entscheidungen seines Lebens, wissenschaftlichen Bezugspunkten
und großen Mengen an zwischenmenschlichen Implosionen und Explosionen, entpuppt
sich nur als klebriges „Was wäre wenn“-Prinzip, das jegliche Segmente aus allen
kinematographischen Himmelsrichtungen zusammenkratzt und sich in seinen
nährwertlosen Zuckerwattemantel einkuschelt. Der emotionale Einklang zwischen
der Illusion und dem Betrachter greift nicht ineinander, jede Anekdote gleicht
schwammigen Pseudo(Intellektualität) und die 155 Minuten verstreichen zwar
schmerzlos, dafür aber immer wieder mit einem gewissen Bruchteil an
unfreiwilliger Komik und konzipierter Leere, die den Gesamteindruck einfach in
die Bedeutungslosigkeit lenken, so lebensbejahend und schön die
(Liebes-)Botschaft unter dem überladenden Durcheinander auch sein mag.