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Review: FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE – China zwischen Noir-Gebrochenheit und moderner Depression

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Fakten:
Feuerwerk am helllichten Tage (Bai Ri Yan Huo)
CN, 2014. Regie & Buch: Diao Yinan. Mit: Liao Fan, Kwai Lun-Mei, Wang Xuebing, Wang Jingchun, Yu Ailei, Ni Jingyang u.a. Länge: 109 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Jahr 1999 werden in verschiedenen Kohleanlagen Chinas abgetrennte Körperteile gefunden. Der Polizist Zhang Zili nimmt sich dem Fall an und macht bald konkrete Verdächtige aus. Die Festnahme eskaliert allerdings, zwei Polizisten werden getötet, Zhang schwer verletzt. Fünf Jahre später tauchen erneut Leichenteile auf, der Täter scheint derselbe zu sein. Zhang, der mittlerweile dem Alkohol verfallen ist und als Sicherheitsbeamter arbeitet, beginnt privat zu ermitteln.





Meinung:
Zunächst ist kaum erkennbar, was sich da überhaupt für ein Objekt in dem großen Kohlehaufen verbirgt, welches man die ersten Minuten dieses Films auf seiner Reise in die Kohleanlage begleitet. Als schließlich klar wird, dass es sich um einen abgetrennten Arm handelt, lässt sich bereits das erste Muster erahnen, das Regisseur Diao Yinan in seinem Werk "Feuerwerk am helllichten Tage" verfolgt.


Das ist schnell eskaliert...
Eben dieser Arm ist der Aufhänger eines Kriminalfalls, in dem der frisch geschiedene Polizist Zhang Zili ermittelt. Zu einer endgültigen Auflösung kommt es vorerst allerdings nicht, denn die Festnahme des Verdächtigten eskaliert, der Polizist verliert nicht nur zwei Kollegen, sondern fast auch das eigene Leben. Dieser kurzfristige Paukenschlag, den Yinan unvermittelt und sehr früh inszeniert, ist wieder so ein herber Einschlag im ansonsten so ruhigen Erzählfluss. "Feuerwerk am helllichten Tage" enthält eine Reihe solcher Szenen und Momente, in denen der Regisseur Stille mit hässlicher Gewalt aufbricht, das Schöne dem Verlorenen gegenüberstellt und vor allem stilistisch einen schmalen Grat entlang wandert. Yinan bedient sich für seine Geschichte und Figurenzeichnung ebenso bei zerrissenen Neo-Noir-Charakteren, meist gebrochene Existenzen, wie er im Gegenzug das desolate Gesellschaftsbild des gegenwärtigen Chinas aufgreift. Die Kamera führt den Betrachter immer wieder durch heruntergekommene Wohngegenden, trostlose Gassen oder vereinsamte Schauplätze, in denen Schmutz, Resignation und Hoffnungslosigkeit regieren. Im harten Kontrast hierzu sind viele Szenen oftmals von markanten Neonlichtern durchflutet, die dem jeweiligen Moment Wärme, Energie oder so etwas wie einen Puls verleihen.


Wirkt liebevoll, ist aber eigentlich eine sexuelle Belästigung
Zili erhält fünf Jahre nach seinem schockierenden Zwischenfall auch wieder so etwas wie einen Puls. Zwischenzeitlich ist er dem Alkohol verfallen, zum Wrack geworden und hält sich als Sicherheitsbeamter irgendwie am Leben. Dann tauchen sie erneut auf, die Leichenteile, die quer durch die Stadt verteilt wurden. Nach dem gleichen Schema abgetrennt, wieder exakt genauso entsorgt. Der zutiefst makabere Fall spornt Zili zu privaten Ermittlungen an, bei denen der Regisseur seine Hauptfigur mit einem ganz entscheidenden Zielkonflikt konfrontiert. Eine Frau, die mit allen bisherigen Mordopfern in Verbindung stand, wird zum Objekt der Begierde des Ex-Polizisten. Yinan erzählt fortan auf zwiegespaltene Weise von einem Menschen, der nur durch eine neue Frau in seinem Leben, also durch Liebe, neue Lebenskraft schöpfen kann, während in ihm der Drang nach Vollendung brennt, wonach er den ungelösten Fall, die Laster seiner Vergangenheit, die ihn bis heute verfolgen, ein für alle mal bezwingen möchte. Die verzwickte Situation, stilistisch zwischen zärtlicher Arthouse-Poesie und lupenreinem Genre-Film umgesetzt, verdichtet sich immer wieder in großartig inszenierten Spannungssequenzen, die durch lange Einstellungen glänzen und die Intensität kontinuierlich steigern.


Den Sinn für tragikomische Einschübe sowie skurrile Details legt der Regisseur dabei aber nie beiseite. Ein Pferd auf dem Flur inmitten eines Polizeireviers, eine ekstatische Tanzeinlage nach dem dramatischen Höhepunkt oder das titelgebende Feuerwerk am helllichten Tage sind nur einige Randnotizen, durch die Yinan seinen souverän erzählten wie stilvoll inszenierten Film auflockert, ohne den bitteren, harten Kern der tragischen Geschichte jemals zu verschleiern.


7,5 von 10 Mäntel in der Reinigung



von Pat

Review: THIEF - DER EINZELGÄNGER – Ein letztes Mal noch

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Fakten:
Thief – Der Einzelgänger (Thief)
USA, 1981. Regie & Buch: Michael Mann. Mit: James Caan, Tuesday Weld, James Belushi, Robert Prosky, Willie Nelson, u.a. Länge: 124 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray in der Ultimate Edition von OFDb Filmworks erhältlich.


Story:
Frank ist tagsüber ein unscheinbarer Autoverkäufer, doch nachts führt er ein Doppelleben als raffinierter Safe-Knacker. Nach einem letzten großen Coup will er sein kriminelles Leben endgültig hinter sich lassen und einer normalen, sorgenfreien Zukunft entgegen blicken.


                                                                                         

Meinung:
Vermutlich gibt es keinen selbsternannten Film-Fan, dem der Name Michael Mann nicht geläufig ist. Mann ist unbestritten einer der größten Stilisten unter den Hollywood-Regisseuren, welcher mit seiner unverwechselbaren Handschrift zahlreiche, aufstrebende Nachwuchs-Filmemacher inspiriert hat. So sind es vor allem die visuell bestechenden Bildkompositionen in Verbindung mit messerscharfen Schnitten und den verschiedensten Musik-Genres, die Mann stets mit Geschichten von tragisch angehauchten Figuren, die meist in kriminellen Milieus verwurzelt sind, kombiniert. Fragt man allerdings nach seinen Arbeiten, so fallen meist Titel wie "Heat" oder "Collateral". "Thief", Michael Mann´s Spielfilm-Debüt von 1981, wird dabei gerne mal übergangen und zählt allgemein zu den eher unbekannteren Werken des Regisseurs.


Das richtige Werkzeug ist die halbe Miete.
Schaut man sich den Film allerdings an, bleiben früh keine Zweifel über die Regie, denn Mann´s Stil sticht von Anfang an heraus und verleiht dem Werk eine unglaubliche Atmosphäre, die der Regisseur über edel fotografierte Bilder sowie die auffällige Musikuntermalung erzeugt. Vor allem der intensive Score von Tangerine Dream, einer deutschen Electronic-Progressive-Rock-Formation, verdichtet die jeweiligen Stimmungslagen durch schwere, überlaut eingesetzte Synthesizer-Klänge auf extreme Weise. Ein weiteres Merkmal ist auch die markante Inszenierung der nächtlichen Großstadt, deren neondurchflutete Lichtermeere und massive Hochhausfassaden auch immer ein wenig die Sehnsüchte und Träume der Figuren widerspiegelt. Mit einer spektakulären Intro-Sequenz stellt uns Mann seine Hauptfigur vor. Ein komplett wortlos durchgeführter Einbruch etabliert Frank als kalten, präzisen Spezialisten, der sich scheinbar ohne große Mühe Zugang zu gut gesicherten Safes verschaffen kann. Erst nach und nach, mit behutsam fortschreitender Laufzeit, öffnet sich diese Figur für den Zuschauer und man erfährt mehr über die Hintergründe dieses Charakters. "Thief" funktioniert dabei auf zweierlei Ebenen so großartig. Auf der einen Seite ist der Film ein geradliniger Crime-Thriller, der den zentralen Coup eines komplex angelegten Einbruchs, mitsamt obligatorisch zu knackendem Safe für Frank, in den Mittelpunkt rückt, langsam dessen Vorbereitung schildert und hierdurch die Spannung stückweise immer weiter steigert.


Manchmal zieht nur noch die harte Tour.
Auf der anderen Seite, und diese Ebene ist die noch ansprechendere, weil tiefgründigere und
intelligentere, ist "Thief" außerdem ein existenzialistisches Charakter-Drama im bedrückenden Neo-Noir-Gewand, welches Frank trotz seiner kalten Fassade und seinem Image des harten Hundes, das er nach außen hin kommuniziert, als äußerst tragischen, bemitleidenswerten Charakter zeichnet. Wenn er sich in einem übereilten Gespräch vollständig einer eben erst kennengelernten Kellnerin öffnet, ihr seine gesamte Hintergrundgeschichte mitsamt Gefängnis- Vergangenheit offenbart, nur um dann beiläufig und voller Hoffnung nach ihrer Hand zu greifen und somit um ihre Liebe zu bitten, legt Mann, gemeinsam mit einem großartigen James Caan in der Hauptrolle, auf einmal völlig neue Facetten dieser Figur offen, die zunächst so abgebrüht und hart gewirkt hat. "Thief" ist neben seinem Hauptereignis, dem großen Heist, im Kern also der Kampf eines Mannes mit sich selbst, der versucht, seine kriminelle Herkunft ein für alle Mal hinter sich zu lassen und neu zu starten, wofür er aber immer wieder in alte, kriminelle Muster verfallen muss und meist erkennt, dass er seinem unausweichlichen Schicksal nur schwer entkommen kann. Durch die wohl durchdachte Struktur der Handlung läuft alles zunächst auf den großen Einbruch als Höhepunkt zu, doch die wahre Dramatik von Frank´s Geschichte, das fatale Dilemma dieses Mannes, wird erst ganz am Ende deutlich, wenn er in der Schlussszene zu einem Spaziergang durch das nächtliche Chicago aufbricht, bei dem nichts mehr so ist, wie es bestimmt war.
  

"Thief" ist somit nicht nur die große Geburtsstunde eines stilistisch wegweisenden Regisseurs, sondern bereits ein unheimlich stilbewusstes, atmosphärisches und zudem inhaltlich ausgeklügeltes Spielfilm-Debüt, in dem sich sämtliche Motive und Stilistiken wiederfinden, welche Mann´s gesamtes Schaffen durchziehen. Wie inspirierend "Thief" auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen immer noch ist, lässt sich beispielsweise in der jüngeren Filmgeschichte bei Nicolas Winding Refn´s von aller Welt abgefeiertem "Drive" beobachten, denn in diesem Film lässt sich auffällig viel DNA aus "Thief" wiederfinden.

8,5 von 10 souverän durchgeführte Einbrüche

von Pat

Review: EIN EINFACHER PLAN - Theorie und Praxis

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Fakten:
Ein einfacher Plan (A Simple Plan)
USA, GB, BRD, FR, JP, 1998. Regie: Sam Raimi. Buch: Scott B. Smith. Mit: Bill Paxton, Billy Bob Thornton, Bridget Fonda, Brent Briscoe, Jack Walsh, Gary Cole, Chelcie Ross, Becky Ann Baker, Bob Davis, Peter Syvertsen, Tom Carey, John Paxton u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zufällig stolpern der bodenständige Hank, sein geistig minderbemittelte Bruder Jacob und dessen prolliger Kumpel Lou in den verschneiten Wäldern einer Kleinstadt über einen abgestürzten Privatjet. An Bord: Der von Krähen zerfressene Pilot und 4,4 Millionen Dollar. Während Jacob und Lou schon ihren Reichtum feiern, mahnt Hank vor den Konsequenzen. Er bewahrt das Geld bei sich auf und fordert absolutes Stillschweigen seiner Partner ein, bis Gras - oder eher Schnee - über die Sache gewachsen/gefallen ist. Ein einfacher Plan, der furchtbar aus dem Ruder läuft.






Meinung:
Oft unterschätzte oder eher unerwähnte Perle der 90er und im Schaffen von Sam Raimi. Wohl sein bester Film, selbst in Anbetracht seines Low-Budget-Meisterwerks "Tanz der Teufel", den folgenden Sequels und weit über seinen "Spiderman"-Filmen. War Raimi vorher eher der liebenswerte Genre-Nerd, der dem Horrorfilm entscheidende Impulse gab, später mit "Darkman" ein Hommage-Feuerwerk ablieferte und dann mit "Schneller als der Tod" einen enorm unterhaltsamen B-Western mit A-Besetzung auffuhr, zeigt er sich hier als (endgültig) ernstzunehmender Regisseur, der einen - wenn nicht den - besten Neo-Noir-Film der 90er inszeniert. Oder eher Neo-Blanc, die weiße Pracht bedeckt zunächst das Geschehen und wird im weiteren Verlauf in tiefstes Rot gefärbt, Parallelen zum kurz vorher erschienenen "Fargo" immer gegenwärtig. Dabei ist das keine Kopie oder wahrscheinlich nichtmal gedanklich ernsthaft daran angelehnt, eher ein (glücklicher) Zufall. Humor spielt hier keine Rolle, skurille Momente werden eingetauscht gegen menschliche Abgründe. Durch und durch, erschreckend nachvollziehbar, ehrlich und bedrückend.


Fette Beute im tiefen Schnee.
"Ein einfacher Plan" erzählt eine bitter-böse Parabel über die Natur des Menschen. Du kannst mit deinem Leben zufrieden sein, hast alles was du brauchst, doch wenn sich die Chance bietet, verlierst du jeden Skrupel. Schneller, als du als eigentlich intelligenter, geerdeter Mensch es dir jemals zu träumen gewagt hättest. Bill Paxton verkörpert eben diesen glücklichen Mittelklasse-Typen Hank, nicht reich, aber abgesichert. Sein Frau ist schwanger, beide (augenscheinlich) glücklich, in ihrem verschneit-verschlafenen Nest gehören sie zu den Privilegierten. Sein älterer, geistig sehr reduzierter Bruder Jacob eher weniger, sein Saufkumpane Lou erst recht nicht. Sie sind der White-Trash der armen, ungebildeten USA, mit gelben Zähnen und verrosteten Pick-Ups. Der Zufall verhilft ihnen zu einer Menge schmutzigen Cash, den die "Trottel" lieber jetzt als gleich mit vollen Händen ausgeben würden, nur der moralische Gutbürger Hank hat Bedenken. Er gibt einen einfachen Plan vor: Geld verwahren (durch ihn), Fresse halten, abwarten. Ganz einfach. Wenn die Bestie Mensch nicht wäre.

Am Ende zählt nur, was man in der Hand hat.
Was nun folgt, ist eine drastische, dabei immer schlüssige Kettenreaktion. Angetrieben durch Naivität, Gutgläubigkeit, Loyalität, Gier, Missgunst und vor allem Manipulation. Durch das trächtige Unschuldslamm, das eigentlich von nichts wissen sollte. A Simple Plan goes wrong, mit Anlauf. Bridget Fonda gibt die Marionettenspielerin mit dem Engelsgesicht und dem Babybauch, die noch vom Krankenbett einen Keil zwischen das Trio - in erster Linie in das nur verwandte, nicht befreundete Brüderpaar - treibt, ihre lange unterdrückten Bedrüfnisse versucht zu befriedigen und dadurch erst ernsthaft eine Erdrutsch auslöst, der in fatalen Konsequenzen mündet. Sensationell geschrieben und bedrohlich-beklemmend umgesetzt, mit einer ambivalenten und wendungsreichen Charakterisierung bedacht, offenbart der doch nicht ganz so einfache Plan, wie schnell ein Szenario kippen kann und sich die Frage nach der Dicke von Blut, Wasser, Schnee oder grünen Scheinen erstaunlich schwer stellt. Das Eine führt zum Anderen, bevor du es dir versiehst, hast du mehr Leichen und Lügen zu vertuschen, als jemals gedacht und damit ist das wackelige Gerüst dem Einsturz immer näher, der Aufschlag um so schlimmer. In seiner Glaubwürdigkeit (dadurch schrecklich) niemals konstruiert, denn alles scheint verstörend logisch. Während der Mann mit dem Plan zu Bestie mutiert (wird), behält ausgerechnet der als unzurechnungsfähig eingestufte Dödel das Herz, das Hirn und die Moral am rechten Fleck, nur dafür ist schon lange kein Platz mehr.


Tragisch, mordspannend und enorm atmosphärisch umgesetzt zeigt Sam Raimi, wie ein modernes Schattenspiel der menschlichen Seele funktioniert. Wer alles hat und doch mehr will, wird böse auf die Schnauze fallen und alles verlieren. Wer gar nichts hat und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt, gibt alles. Bis zum Schluß. Besser im Frieden abschließen als als Monster zu enden. Das Ende mit Schrecken statt dem Schrecken ohne Ende. Die Krähen haben es angekündigt, doch wer nicht denken will, muss fühlen. Am Ende steht nur Tod, Leid und Elend. Für die, die sich im Sog verloren haben. Großer, kleiner Film.

8,5 von 10 vereisten Moralvorstellungen.


Review: SIEBEN - Sieben Schritte in den Abgrund der menschlichen Psyche

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Fakten:
Sieben (Seven/Se7en)
USA. 1995. Regie: David Fincher. Buch: Andrew Kevin Walker. Mit: Morgan Freeman, Brad Pitt, Kevin Spacey, Gwyneth Paltrow, R. Lee Ermey, John C. McGinley, Richard Roundtree u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
In einer namenlosen Großstadt werden der kurz vor seiner Pensionierung stehende Detective Somerset (Freeman) und sein junger, hitzköpfiger Nachfolger Detective Mills (Brad Pitt) zu einem Mord gerufen, bei dem das Opfer solange zum Essen gezwungen wurde, bis es geplatzt ist. Wenig später wird eine weitere Leiche gefunden, die ähnlich gefoltert wurde und bei der das Wort „greed“ auf dem Teppich geschrieben stand – Habgier, eine der sieben Todsünden. Als Somerset daraufhin am ersten Tatort eine ähnliche Botschaft, nämlich Völlerei, findet, wird klar, dass noch fünf weitere Morde folgen werden. Und die beiden Cops müssen alles versuchen, um dies zu verhindern.




Meinung:
David Fincher schuf mit seinem zweiten Spielfilm einen Psychothriller, wie es ihn kaum jemals gegeben hat. Er pfiff auf gängige Konventionen, kombinierte Bestandteile des film noir mit Horrorelementen, verbindet die Ästhetik des Zerfalls und der Zerstörung mit schauspielerischen Glanzleistungen und verpackte das in einer Mischung aus Kriminalgeschichte und Psychodrama. Zwei Cops, ein Serienmörder, sieben Todsünden, eine trostlose Stadt und eine ebensolche Atmosphäre, das sind die Zutaten für einen der besten Thriller, die je das Licht, ach was, die je die Düsternis und den Regen der Welt erblickt haben. Eine atemlose Hetzjagd durch Regen und Nacht, Verzweiflung, Gewalt und ethischer Stillstand. Wer Menschlichkeit sucht, der muss schon ganz genau hinsehen.


Der zweite Tatort. Ob der Täter alle Spuren beseitigt hat?
Aber was ist denn eigentlich passiert? Detective Somerset (Morgan Freeman), kurz vor der Rente, und sein Nachfolger Detective Mills (Brad Pitt) werden zu einem Tatort gerufen, wo die Leiche eines dicken Mannes gefunden wurde, an einen Stuhl gefesselt, zwischen Kotze und Scheiße sitzend und scheinbar solange zum Essen gezwungen, bis er geplatzt ist. Nur etwas später wird der junge Detective Mills alleine zu einem weiteren Mord geschickt. Ein bekannter Anwalt wurde tot aufgefunden. Auch er wurde anscheinend gefoltert und sollte sich mit einem Messer Teile seines Körpers abschneiden, woraufhin der Anwalt starb. Auf dem Teppich steht mit Blut das Wort „greed“ geschrieben – Habgier. Somerset, der damit rechnete, dass der Geplatzte nicht der einzige Mord war, nimmt sich daraufhin den ersten Tatort noch einmal vor und erkennt, dass diese beiden Morde zusammenhängen. Verbunden durch sieben Todsünden. Sollten tatsächlich noch fünf weitere, grausame Morde stattfinden? Für die beiden Detectives Somerset und Mills beginnt eine fieberhafte Suche nach dem Mörder. Ein Spiel gegen die Zeit, ein Spiel gegen das Unbekannte. Und sie ahnen nicht, welche Abgründe dieses Spiel, diese Welt noch für sie bereithält.


Ja, das A und O des Films ist die Welt und ihr Aussehen. Sie beeinflusst alles und jeden in diesem Film. Es ist eine pessimistische, dreckige, düstere Welt. Die namenlose Großstadt, in der die Gesellschaft so sehr verkommen zu sein scheint, dass selbst der Himmel weint, wird zum Moloch aufgebaut. Fast pausenlos regnet es in die dunklen Straßenschluchten hinein. Trostlos und bedrückend frisst die Anonymität der Großstadt das kleinste bisschen Hoffnung und Glück erbarmungslos auf. Selbst schöne Dinge wie eine neue, hübsche Wohnung werden lediglich als Schein entlarvt, der das kurze Glück nicht lange aufrechterhalten kann.


Diese Flecken gehen wohl nicht mehr raus.
Die Menschen sind nicht viel besser. Wo man auch hinsieht sind es Egoismus und Gewalt, sind es negative Eigenschaften, die die Charakterzüge bestimmten. Aber es gibt auch Hoffnung. Junges Glück in Form von Tracy Mills (Gwyneth Paltrow), die von ihrem Mann David ein Baby erwartet. Doch sie hat Zweifel, ob sie ein unschuldiges Kind in diese schreckliche Welt setzen soll. Sie wendet sich an die einzige weitere moralische Instanz, Detective Somerset mit ihrem Problem, doch der hat bereits aufgegeben in dieser Welt. Einst wohl optimistisch und voller Tatendrang gestartet, hat ihm die Welt ein anderes Gesicht, eine andere Realität offenbart. Eine Realität, in der Morde, Gewalt, Trostlosigkeit und die fehlende Hoffnung dominieren.



Wenn nur dieses Sauwetter nicht wäre.
In dieser Umgebung passieren nun eben diese bestialischen Morde und die beiden Cops versuchen sie aufzuklären. Brad Pitt als junger Hitzkopf, der eine riesige Bandbreite extremster Emotionen präsentiert und Morgan Freeman als Ruhepol, relativ monoton aber durch kleinste Nuancen extrem viel ausdrückend. Schwer zu sagen, wer hier besser spielt, wahrscheinlich befruchten sich die beiden Darsteller mit ihrer unterschiedlichen Art gegenseitig und pushen sich zu absoluten Höchstleistungen. Mills und Somerset, diese beiden verschiedenen Typen, sind sich aber eigentlich gar nicht so unähnlich. Sie wollen Gerechtigkeit und den Mörder schnappen, nur eben jeder auf seine Weise. Sie bedienen sich dabei den Vorgehensweisen, die sie diese Welt gelehrt hat, die in dieser Welt nötig zu sein scheinen. Und beide sind somit Teil dieser Welt. Teil des perfiden Spiels, das sich der namen- und gesichtslose Mörder zurechtgelegt hat, das er perfektionistisch geplant hat und nun in die Tat umsetzt. Kevin Spacey komplettiert dieses Dreigestirn schauspielerischer Offenbarung. Obwohl er erst sehr spät überhaupt im Film zu sehen ist, so schwebt er ständig über der Szenerie. Er, sein John Doe (etwa Max Mustermann), ist die fleischgewordene Verkörperung dieses Großstadtmolochs. Und keiner kann ihm entkommen.


Die Settings sind geprägt von Finchers Detailverliebtheit unterlegt von extrem unterschiedlicher und doch immer zur Atmosphäre passender Musik. Alles wirkt so echt. Das ist einerseits toll, andererseits aber auch brutal. Fincher zeigt alles ungeschönt und ehrlich, in dieser verlogenen Welt. Der Film schockiert. Nicht, weil er übertreibt oder auf billige Effekthascherei setzen würde. Nein, es ist eben gerade die angesprochene Ehrlichkeit. Weil er schonungslos in die Abgründe der menschlichen Psyche taucht. Weil er das Innerste nach außen kehrt. In den Figuren des Films, aber auch in uns. Wir zittern, hoffen und bangen mit den Figuren. Wir verzweifeln anhand dieser Trostlosigkeit, werfen vielleicht auch unsere eigenen Prinzipien über den Haufen. Zerstören mit Hilfe der beiden Bezugspersonen Mills und Somerset unsere eigene Ordnung, unseren eigenen Rettungsanker. Müssen zusehen, wie die Welt langsam aber sicher den Bach runtergeht. Und am Ende sind wir vielleicht ratlos, vielleicht desillusioniert. Aber vielleicht stellen wir uns auch Fragen. Über uns und unser Verhalten, über das Leben, über die Welt. Tja, und selbst wenn man sich das alles nicht fragt, so hat man zumindest einen der spannendsten, brutalsten, originellsten, beeindruckendsten, nervenaufreibendsten und besten Filme aller Zeiten gesehen.


10 von 10 rätselhafte Pakete


Review: TRANCE – GEFÄHRLICHE ERINNERUNG – Danny Boyle und die Schluchten der Gedankengängen

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Fakten:
GB. 2013. Regie: Danny Boyle. Buch: John Hodge, Joe Ahearne. Mit: James McAvoy, Rosario Dawson, Vincent Cassel, Tuppence Middleton, Lee Nicholas Harris, Danny Sapani, Seelan Gunaseelan, Ben Cura, Wahab Sheikh, Matt Cross u.a. Länge: 101 Minuten. Ab 6. Dezember 2013 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Simon arbeitet als Auktionator von wertvollen Kunstwerken. Eines Tages hilft er einer Diebesbande ein Goya-Gemälde zu stehlen, wird dabei aber am Kopf verletzt und kann sich darauf nicht mehr daran erinnern, wo er das Gemälde versteckt hat. Die Gang, angeführt von Franck ist darüber natürlich nicht begeistert und schickt Simon zur Hypnotiseurin Elizabeth, die Simons verschollene Erinnerung wieder frei legen soll. Als sie immer tiefer in sein ohnehin schon kaputtes Unterbewusstsein vordringt, vermischen sich für Simon die Grenzen zwischen Realität und Illusion.




Meinung:
Wenn sich ein Regisseur in der Filmwelt langfristig etablieren möchte, dann sollte er die uneingeschränkte Fähigkeit besitzen, sich mit jedem Film weiterzuentwickeln und sich ebenso in seinem künstlerischen Rahmen neu zu erfinden. Man darf innerhalb seiner fachbezogenen Abilität nicht berechenbar werden und muss dem Publikum beweisen, dass man zu seinen eigenen Attributen auch die wandelbare Vielseitigkeit zählen kann. Wie man sich zum Beispiel den noblen Titel eines mannigfachen Allrounders aneignet, zeigt der polnische Meisterregisseur Roman Polanski auch heute noch, der sich in so ziemlich jedem (Sub-)Genre heimisch fühlen kann. Ähnlich abwechslungsreich, aber lange nicht auf der gleichen qualitativen Wellenlänge, agiert auch der britische Filmemacher Danny Boyle, dessen Sprunghaftigkeit schon einen charakteristischen Status innerhalb des Filmgeschäfts besitzt. Man muss nur an seine hervorragende Drogen-Groteske „Trainspotting“ denken, die bis heute als Boyles Opus Magnum gilt, seinen Horror-Thriller „28 Days Later“ oder das visuell berauschende Sci-Fi-Poem „Sunshine“.


Simon steckt in Schwierigkeiten
Nachdem Boyle aber in aller inszenatorischer Deutlichkeit auf den Konsenszug aufgesprungen ist und sich wohl endlich selbst auf dem Siegertreppchen der Oscar-Verleihung sehen wollte, verließen ihn auch die ansprechenden Manierismen und Werke wie sein mit 8 Oscars ausgezeichnetes Feel-Good-Märchen „Slumdog Millionär“ und der auf wahren Ereignissen beruhende Abenteuerfilm „127 Hours“ konnten die qualitativen Standards seiner Sternstunden nicht mehr einholen, wenngleich Boyle sich nach wie vor neugierig in Sachen formaler Fortschritte zeigte, doch handwerklich wollte seine von Diversitäten dirigierte Œuvre nie sonderlich eklatante Defizite aufweisen. Es fehlten nur einfach der Pepp und der antreibende Zündstoff, der einen Film von solider Unterhaltung für zwischendurch zu einem nachhaltigen Ausflug in fremde Welten stilisieren konnte. Mit seinem neusten Streifen „Trance – Gefährliche Erinnerung“ scheint Boyle jedoch sein vermisstes Mojo wiedergefunden zu haben und fährt eine irre Show auf, wie man sie so vorher wohl nicht erwartet hat.


Wenn auf Danny Boyle in einer Hinsicht durch sein gesamtes Schaffen immer Verlass war, dann auf seine exzellente Schauspielerwahl, die sich durch ihre Varietät auszeichnen durfte und die interessantesten Kollaborationen entwarfen. In „Trance – Gefährliche Erinnerung“ blieb er sich diesem Ruf ebenso treu und sein dreier Gespann aus James McAvoy („X-Men: Erste Entscheidung“), Vincent Cassel („Black Swan“) und Rosario Dawson („Sin City“) ist auch im vollendeten Film so ansprechend zusammengewürfelt, wie es  sich auf dem Papier bereits liest. Dabei gehört der Hauptanteil dem schottischen Frauenschwarm und aufstrebenden Stern James McAvoy, der als Simon die verschiedenste Charakterfacetten ausspielen darf und von den brodelnden Wutanfällen bis zur durchgeschwitzten Verzweiflung durchweg überzeugt. Ähnliches gilt auch für Frau Dawson, die im Laufe der Geschichte eine immer gewichtigere Rolle zugesprochen bekommt und ihre augenscheinliche Zwiespältigkeit Stück für Stück ausreizt. Da bleibt der brillante Vincent Cassel zwar etwas auf der Strecke, besitzt aber ein so enormes Charisma, dass die reduziere Screentime nicht weiter stört.


Kann Hypnoteseurin Elizabeth weiterhelfen?
Nun ist also der besagte Fall eingetreten, dass Boyle sich seinem Oscar-Trichter aus den Gehirnwindungen geblasen hat und einfach mal wieder die Sau rauslassen möchte, um die Tinte auf dem Füller ordnungsgemäß nachzufüllen – Ohne Frage, es ist ihm gelungen. Nur ist die wichtigere Frage, worum es sich denn nun eigentlich in „Trance – Gefährliche Erinnerung“ handelt und was den Film von Boyles vorherigen Arbeiten differenziert. Den Grundstein legt da – wie immer – das konzipierte Drehbuch von John Hodge und Joe Ahearne. Bevor es in die intentionale Tiefe geht und der wahre Fokus an die Oberfläche gekehrt wird, ist es besonders ansprechend und ebenso innervierend, dass die Querverweise auf Christopher Nolans starbesetzten Megablockbuster „Inception“ repräsentativ in das geschriebene Geschehen gerückt wurden und schließlich von Danny Boyle in so manchen, kleineren Momenten immer wieder aufleben dürfen. Hier mit dem Unterschied, dass Boyle nun mal ein wirklich guter Film über das unbegrenzte Vermögen der (unterbewussten) Gedankenwelten gelungen ist.


Danny Boyle war, wenngleich er sich dem Markenzeichen eines Autorenfilmers Zeit seiner Karriere entzogen hat, nie ein Regisseur, der sich für ein einziges Genre innerhalb eines Filmes interessierte und sich dann an auferlegten Konventionen Anhand der kinematographischen Grundsätze entlanghangelte. Boyle überzeugte mit seinem potpourriartigen Output, die so manches Mal den Eindruck eines ästhetischen Konglomerates machten, aber immerhin nie stringent einem stumpfen Ziel entgegensegelten. Gleich gilt für „Trance – Gefährliche Erinnerung“, zu viele Elemente aus vergangenen Zeiten lassen sich entdecken und verschmelzen mit Boyles neophiler Kunstauffassung, die sich auch durch die visuelle Klasse verdeutlicht. Es wird schnell klar, dass hier Subjekte und Objekte in jeder Szene mit penibler Sorgfalt präzise an Ort und Stelle positioniert wurden, um nichts dem Zufall zu überlassen. Dass die Welt, in der „Trance – Gefährliche Erinnerung“ atmet, in Wahrheit aber schon längst aus den Fugen geraten ist, suggeriert bereits die dezentrierte  Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle – Einziger Störfaktor ist die permanente musikalische Untermalung, die von sämtlichen Artisten beigesteuert wurde.


Franck wurde hintergangen, oder?
Man würde es sich zu einfach machen und „Trance – Gefährliche Erinnerung“ letzten Endes auch Unrecht tun, wenn man ihn salopp als gelungene „Inception“-Variation tituliert, so einladend das herablassende Prädikat auch erscheinen mag. „Trance – Gefährliche Erinnerung“ taucht ebenso in die verschachtelten und unergründlichen Irrgärten in der Gedankenwelt seiner Charaktere ein und lässt ab einem bestimmten Punkt die repetitiven Erinnerungswurzeln in einen elliptischen Wirbelsturm aus Schein und Sein strömen, in dem man sich am Ende immer weiter von der Wahrheit entfernt, je besessener man sie ergreifen möchte. In der modifizierten Kombination aus den Stilblüten eines modernen Neo-Noir und der standardisierten Handhabung herkömmlicher Heist-Thriller, entwirft Boyle einen unhaltbaren Ritt durch das nebulöse wie ambivalente Reich der Lügen, des Wahnsinns und der konträren Abhängigkeit altertümlicher Kunst und fortgeschrittener Technologie. Nicht umsonst darf ein iPad letztlich über alles entscheiden, während zwischenmenschliche Beziehungen bloße Behauptungen sind und ein rasierter Intimbereich zum einzigen Anhaltspunkt zweier Individuen wird.


Fazit: Danny Boyle meldet sich mit einem echten Knaller zurück ins Filmgeschäft und beweist, dass ihm der Mut und die Freude am Filmemachen noch lange nicht abhandengekommen sind. „Trance – Gefährliche Erinnerung“ ist ein irrer, rasanter und durchweg unterhaltsamer Wellenritt durch die verschnörkelten Schleichwege menschlicher Erinnerungen und Gedanken. Am Ende siegt die charakterliche Ambivalenz Hand in Hand mit der visuellen  Akkuratesse und „Trance – Gefährliche Erinnerung“ wird zu einem spannenden und unbedingt sehenswerten Heist-Neo-Noir-Thriller, der seinen hochgradigen Platz in Boyle Schaffen bereits jetzt gesichert hat.


7 von 10 halben Köpfen mit einem Lächeln auf den Lippen


von souli