Posts mit dem Label Gary Cole werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gary Cole werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: DER UMLEGER & WARTE, BIS ES DUNKEL WIRD - Das doppelte Sackgesicht

Keine Kommentare:


Fakten:
Der Umleger (The Town That Dreaded Sundown)
USA, 1976. Regie: Charles B. Pierce. Buch: Earl E. Smith. Mit: Ben Johnson, Andrew Prine, Dawn Wells, Jimmy Clem, Jim Citty, Charles B. Pierce, Robert Aquino, Cindy Butler, Christine Ellsworth, Earl E. Smith u.a. Länge: 87 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 3.9. 2015 DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Jahr 1946 wird die Kleinstadt Texarkana von einem unbekannten Killer heimgesucht, genannt „Das Phantom“. Der maskierte Mann tötet Pärchen, scheinbar wahllos, die Polizei tappt im Dunkeln. Der erfahrene Texas Ranger Morales wird zur Hilfe herbeigezogen, doch selbst er findet keine ernsthafte Spur. Dabei tickt die Uhr, denn der Killer tötet zuverlässig in einem Rhythmus. Texarkana wird zur Geisterstadt, sobald die Sonne untergeht…





Meinung:
„Der Umleger“ (da hat sich die deutsche Namensschmiede selbst übertroffen, dabei ist „The Town That Dreaded Sundown“ ein ganz wunderbarer Titel) ist- um gleich mit der Tür ins Haus zufallen – bestimmt kein wirklich guter Film. Damals und erst recht nicht heute. Aber er besitzt einige markante Merkmale, manche davon fast zufällig, und kann zumindest theoretisch als einer der ersten US-Slasher bezeichnet werden. Zwei Jahre bevor John Carpenter mit „Halloween – Die Nacht des Grauens“ das dem Giallo entlehnte Subgenre jenseits des großen Teichs salonfähig gemacht hat („Black Christmas“ aus dem Jahr 1974 ausgenommen, aber das war auch eine kanadische Produktion).


Ein Sack, sie alle zu knechten...
Wie gesagt, theoretisch, denn „Der Umleger“ (!!!) bedient nicht die später etablierten Sehgewohnheiten, weiß manchmal selbst nicht genau, wo er denn hin will oder was er könnte, aber ist trotzdem als kleine Blaupause für spätere, wegweisende Genrefilme zu betrachten. Ungewöhnlich ist allein der reale Hintergrund, der nicht wie so oft als lose Inspiration dient, sondern tatsächlich als klare Grundlage für den Film dient. Das Phantom von Texarkana gab es wirklich. Der bis heute unbekannte Killer tötete damals mehrere Menschen und versetzte die kleine Gemeinde in Angst und Schrecken. Regisseur Charles B. Pierce hält sich weitestgehend an Fakten, zumindest in den Eckpfeilern. Jedes dargestellte Opfer gab es, die Verbrechen liefen mehr oder weniger so ab, nur manche künstlerische Freiheit im Ablauf hat er sich rausgenommen (was für einen der absurdesten Momenten sorgt, die zweckentfremdete Posaune). Dementsprechend wird nicht auf die später gängige Perspektive der potenziellen Opfer gesetzt, man arbeitet aus einem semi-dokumentarischen Blickwinkel. Der dazugehörige Erzähler erinnert leicht an eine Folge von „Aktenzeichen XY…ungelöst“, der die jeweilige Szenerie und die neu eingeführten Person kurz erklärt. Im Fokus steht die Arbeit der Ermittler, was wiederum das Ambiente einer Krimiserie hat. Daher sind die Berührungspunkte mit dem „modernen“ Slasher bald gering, aber unverkennbar.


Wenn „Der Umleger“ sich auf die Aktivitäten seines Übeltäters konzentriert, erkennt man unweigerlich spätere Werke. Das prägnante Röcheln des Killers wurde deutlich von John Carpenter für seinen Michael Myers übernommen, sein schönes Sackgesicht schmückte auch einen Jason Vorhees, bevor er die Hockey-Maske fand. Genau dann, sobald das Phantom zur Tat schreitet, zeigt der Film kurzzeitig eine gewisse Stärke, die nur nicht ausgiebig genutzt wird. Pierce versteht es durchaus, seinen Killer bedrohlich in Szene zu setzen und für kurzzeitige Highlights zu sorgen, selbst wenn sie im Gesamten bald untergehen wie die blutrote Sonne über Texarkana. Das gespenstische Setting einer in Schockstarre verfallenen Stadt wird oft nur angedeutet, die völlig deplatzierten Humorversuche sind arg kontraproduktiv (dabei schlüpft der Regisseur selbst in die Rolle des Klassenkaspers) und der Spannungsbogen ist meist kerzengrade statt sich entwickelnd. Man sollte dem Film aber anrechnen, dass er sein Potenzial noch nicht ganz erkannte. Seine leicht schrullige Vorgehensweise hat schon wieder einen deutlichen Reiz, sein Beharren auf faktischer Korrektheit sorgt für ein ungewohntes (heute würde man sagen mutiges) Ende und gerade das macht „Der Umleger“ zu einem kleinen Exoten seines Genres, das vorher in der Form eigentlich gar nicht existierte. Nicht gut, aber selten. Und daher schon wieder interessant, zumindest filmhistorisch.

5 von 10 Sonnenuntergängen

                                                                        

Fakten:
Warte, bis es dunkel wird (The Town That Dreaded Sundown)
USA, 2014. Regie: Alfonso Gomez-Rejon. Buch: Roberto Aguirre-Sacasa, Earl E. Smith (Vorlage). Mit: Addison Timlin, Veronica Cartwright, Anthony Anderson, Travis Tope, Gary Cole, Joshua Leonard, Andy Abele, Edward Herrmann, Ed Lauter, Denis O’Hare u.a. Länge: 83 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 3.9. 2015 DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1946 sorgte der Phantom-Killer in Texarkana für etliche Morde und eine Massenpanik. 1976 entstand daraus ein Film, der seitdem jedes Jahr an Halloween dort gezeigt wird. Jetzt, im Jahr 2013, wird die Stadt von ihrer Vergangenheit eingeholt. Jemand imitiert scheinbar die Morde, Teenager Jamie kann dem Täter knapp entkommen. Wie damals kommt die Polizei trotz massiver Unterstützung nicht weiter, Jamie forscht selbst nach. Doch der Killer kennt die Vorgeschichte scheinbar ziemlich gut…


                                                                                   

Meinung:
Für die meisten Filme sollte ein Remake gesetzlich verboten werden, für Exemplare wie „Der Umleger“ explizit nicht. Da schlummerte massig Potenzial und die neue Version von Alfonso Gomez-Rejon hat sogar eine prima Idee: Nicht schlicht die Vorlage neu erzählen. Man nehme die realen Geschehnisse von 1946 sowie die Verfilmung von 1976 als Grundlage und macht daraus eine Art Remake/Fortsetzung, die Meta-geschwängert sich daraus seine eigene Geschichte spinnt. Eine erfrischende Variante zu den sonst üblichen Neuverwurstungen, die genau solange funktioniert, bis der Überraschungseffekt verflogen ist.


When Retro goes wrong...
Nach dem innovativen Ansatz kommt lange wenig, aber immerhin ein halbwegs brauchbarer Slasher, der mit seinen wenigen Gewaltspitzen sogar großzügig an die FSK: 16-Tür klopft. Vor 20 Jahren wäre das noch eiskalt im Giftschrank gelandet, heute juckt das nicht mehr großartig. Wie zu erwarten ist „Warte, bis es dunkel wird“ eine moderne Interpretation des angestaubten Originals, diesmal deutlich als kurzweiliger Meuchelmörder-Film ausgelegt. Ist an und für sich okay, wobei der spannende Ansatz mit Bezügen auf die Vorlage auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Hier und da wird „Der Umleger“ gewürdigt, kleine Parallelmontagen sorgen bei Kennern für ein kleines Schmunzeln, aber im Endeffekt kopiert dieser Film dessen besten Momente. Die Rahmenhandlung wird entsprechend angepasst, ist flotter und zeitgemäßer, solide inszeniert, aber auch jetzt kein Brüller. Bis kurz vor Schluss eine recht gefällige und leider nicht ansatzweise so doppelbödige Angelegenheit wie man nach den ersten Minuten erwarten könnte, aber immerhin. Böse wird es im Finale, wenn sich „Warte, bis es dunkel wird“ vollkommen unnötig mit runtergelassener Hose präsentiert. Hier wird (wahrscheinlich sogar bewusst) einem viel späteren Genrevertreter ein dummer Tribut gezollt, bei dem man nur noch mit den Augen rollen kann. Dieser bekloppte Schlussspurt ist nicht nur dämlich, er zeigt sogar, warum das Original trotz etlicher Fehler immer noch brauchbar(er) ist. Der war auf seine Art straight, präsentierte keine blödsinnige Pointe, hielt sich an grobe Fakten. Auf die Gefahr hin, dass es nicht jedem gefällt. „Warte, bis es dunkel wird“ versucht sich an einem cleveren Ansatz, verläuft sich immer mehr im Standard und endet unrühmlich. Verschenkt, leider…dabei wäre es relativ einfach gewesen.

4,5 von 10 unbeschrankten Bahnübergängen

Review: TAMMY – VOLL ABGEFAHREN - Wenn Frauen die Dummheit der Männer unterbieten wollen

Keine Kommentare:


Fakten:
Tammy - Voll abgefahren (Tammy)
USA. 2014. Regie: Ben Falcone.
Buch: Melissa McCarthy, Ben Falcone. Mit: Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Allison Janney, Toni Collette, Sandra Oh, Dan Aykroyd, Kathy Bates, Gary Cole, Ben Falcone, Rich Williams, Mark Duplass, Nat Faxon, Sarah Baker, Rob Springer u.a. Länge: 96 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 4. Dezember 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nachdem Tammy (Melissa McCarthy) am selben Tag ihren Job in einem Fast-Food-Restaurant verliert und dann auch noch herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt, will sie einfach nur noch raus aus der Stadt. Ihr Auto ist jedoch nicht fahrtüchtig. Tammy ist also auf den fahrbaren Untersatz ihrer trinkfesten Großmutter Pearl (Susan Sarandon) angewiesen. Doch Pearl stellt ihrer Enkelin ihr Auto nur unter zwei Bedingungen zur Verfügung: Pearl darf mitkommen und bestimmt zudem, wohin die Reise geht. Gemeinsam begeben sie sich also auf einen skurrilen Road Trip zu den Niagarafällen.





Meinung:
Und weiter geht's mit dem finsteren Terror der Melissa-McCarthy-Ära, erneut in der aufdringlichen Rolle einer Dick-&-Doofen Pottsau, Zielscheibe plattester Fressmaschinen- und Versager-Gags, die in ihrer Blue-Collar-Heuchelei wieder mal einem homogenisierten Homer-Simpson-aktueller-Staffeln-Imitat gleichkommt - wo kann da noch unerwarteter Humor herkommen, wenn ihr Shtick immer austauschbarer wird? Aber man kann immerhin noch froh sein, dass sich das Team hinter 'TAMMY' durchweg an so eine Art klassischer Witz-Konstruktion versucht, auch wenn sich die meisten 08/15-Pointen meilenweit ankündigen und im Nachhinein nochmal erklärt, ohnehin schön lang ausgewalzt werden - Regisseur und Drehbuchautor Ben Falcone besitzt da nicht gerade das zielsicherste Potenzial, bleibt aber auch in der sonstigen Inszenierung ausschließlich bieder, vorsichtig, bissfrei. Eben eine seichte Komödie mit einem weitgehend halbärschig-genutzten R-Rating, mit dessem Siegel sich 'TAMMY' allenfalls eine infantile Ansammlung einfallslosester Fluchwörter und 'Den hast du gefickt? Oma!'-Dialoge erlaubt (visuelle Gags bleiben deutlich in der Unterzahl - bitter beim Medium Film).


"You shall not pass"
Da kann man natürlich sagen: ey, lasst doch den Frauen mal ihren richtig doofen Spaß! Und ich bin mir sicher, dass jene Zielgruppe, die sich seit jeher McCarthys Output genüsslich reinzimmert, auch dieses Mal ihrem gedankenlosen Eskapismus verfallen wird. Aber ich sehe nicht wirklich den Gehalt oder gar die Möglichkeit darin, eine Figur wie Tammy mögen zu können, die als tollpatschiges Womanchild ständig vom Film ausgelacht wird, von einem Fettnäpfchen ins andere tritt, ein nur sehr beschränktes Allgemeinwissen besitzt/besitzen will und zudem mit einer Oma durch die Gegend kurvt, die kaum unsympathischer oder gar klischeehafter sein könnte. Susan Sarandon gibt dabei die alkoholisierte, unanständige Grandma Pearl, die es sexuell noch immer draufhaben will, sich 'nen Dreck darum kümmert, dass sie irgendwelche wichtigen Medikamente nehmen sollte und Tammy sie u.a. deshalb immer aus den "irrwitzigsten" Situationen retten muss (im Grunde ist sie ein bisschen wie Johnny Knoxvilles 'BAD GRANDPA', nur eben 100%-ig witzlos).


"Thelma & Louise", die Redux-Fassung
Das sieht der Film in seinem Road-Trip-Narrativ als Weg chaotischer Anfreundung an (als ob man vorher gesehen hätte, dass es zwischen den Beiden innerfamiliäre Konflikte gäbe), in dem die Lockerheit des eigenständigen Feminismus zelebriert werden will, bietet in seiner Ausführung allerdings nur die sonnige Darstellung besonders ausgeprägter Misanthropie. Das gipfelt dann in einer Ansprache Pearls bei der Independence-Day-Party ihrer lesbischen Freunde (ganz subtile Anspielung auf Unabhängigkeit, Feminismus und so, näh), in der sie Tammy als Loser beschimpft, der nichts im Leben auf die Reihe kriegt - woraufhin dann von Tammy sogar im verblendet-versöhnlichen Ton verlangt wird, dass sie ihr verzeiht und wirklich mal erwachsen werden sollte. Schon eine richtig assige Frechheit - klar sind ihre Mittel zum Zweck stets streitbar, aber einerseits wird ihr im gesamten Film nur vom Schicksal zugesetzt und andererseits muss sie immer ihre verrückte Oma, der Hauptgrund für alle Schwierigkeiten, aufhalten, als ob sie aus irgendeinem Grund Schuld daran hätte.


Zwei Damen beim gemeinsamen Hobby: ihre Umwelt nerven
Man könnte fast meinen, man wäre in 'A SERIOUS MAN' gelandet, so sadistisch das Universum sich Tammy gegenüber verhält. Aber keine Sorge, das hier ist kein Coen-Bros.-Film, denn da unsere Hauptprotagonistin an sich schon nur abnervt und hohl dahinlebt, bleibt die dramaturgische Fallhöhe äußerst "bescheiden". Selbst als die Alte sie der selbstsüchtigen Sexualität wegen aus dem Hotelzimmer rausschmeißt und wie einen Hund vor der Tür schlafen lässt, behandelt dies der Film zunächst noch als abgefahrenen Ulk inkl. niedlichem Waschbären, bevor er dann doch noch mal (schlechten Gewissens?) versucht, ein bisschen Verständnis vom Zuschauer zu fischen. Das wiederholt er auch später nochmal, als er den Tod der Oma faked, damit Tammy diese für immer liebt, alles vergibt und bis heute noch glücklich Mädelsabende feiert. Klingt zwar wie eine grausame Konsequenz, wird aber noch zumindest dadurch unterstützt, dass der Rest der Welt - im Grunde aber hauptsächlich Kerle, soviel zur "frauenfreundlichen" Perspektive des Films - ihr letzten Endes auch (geheuchelt) positiv gegenüber eingestellt ist. Dan Aykroyd kommt da, trotz vordergründiger Kreditierung erst 10 Minuten vor Schluss, als ihr Daddy vorbei und bietet seinem 'big girl' freundschaftlich an, ihren Ex abzuknallen, während dieser zusammen mit seiner neuen Freundin (Toni Colette, auch als verschwendetes Quasi-Cameo) zumindest ihre Sachen aus Schuldgefühlen fein säuberlich zusammengepackt hat. Und sogar ein früh und wie erwartet spießig etablierter Love Interest erfüllt sich mit Handsome-Bauernboy Bobby, urig-fehlbesetzt/verkörpert durch Indie-Regisseur Mark Duplass, dessen Chemie mit McCarthy besonders unglaubwürdig wirkt und von ihm auch dementsprechend gehemmt oder eben auch gleichgültig (geheim-sarkastisch) dargestellt wird.


Ich wette, ihm geht dieser Film genauso am Arsch vorbei, wie Gary Cole als sein Dad, der in seiner Rolle einfach nur betrunken da sein muss, um den Check zu kassieren. Da ist er zwar besser dran, als die Sarandon, die sich auf ihre Oscar-nominierten Tage noch (freiwillig?) bemühten Vulgär-Peinlichkeiten hingibt (ebenso in der Funktion am Start: Kathy Bates), doch spaßig fällt davon nichts wirklich aus, selbst im Rahmen eines vom Konzept her schon offensichtlichen Blödelfilms. Denn wie so viele kontemporäre Hollywood-Produktionen tauscht 'TAMMY' in ihrem formelhaften Prozedere eine offene und ehrliche Infantilität allmählich gegen forciertes Drama ('Oma, du hast ein Alkoholproblem!') schablonenhaftester Volldeppen aus, damit auch jeder (theoretische) ungebändigte Spaß im Keim erstickt wird. Gewiss erwartet man nicht viel bei einem McCarthy-Vehikel, aber wenn es derartig trist und einfallslos-konventionell abgearbeitet wird und vom Zuschauer erwartet, dass er sich mit einem Haufen selbstgefälliger Arbeiterklasse-Hipster aus den tiefsten Tiefen des Genres anfreundet, nur weil es dieses Mal ja Frauen sind, ist das schon eine mittelschwere Beleidigung.


2,5 von 10 geklauten Kuchen


vom Witte

Review: EIN EINFACHER PLAN - Theorie und Praxis

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjCykpiD7UrOZj_vbtLU1VtU-G49CJDBd8h8GSwj8fa18GTEnLv1oma08hYQxHz7BTpgsXhvE0DmoNNYkEZGu3mZIpK8fqUaikOTmMyFvaQUoXQIkFdCYvmAGW_4ywNERrLIt5HSsGyXNs/s1600/a-simple-plan-original.jpg


Fakten:
Ein einfacher Plan (A Simple Plan)
USA, GB, BRD, FR, JP, 1998. Regie: Sam Raimi. Buch: Scott B. Smith. Mit: Bill Paxton, Billy Bob Thornton, Bridget Fonda, Brent Briscoe, Jack Walsh, Gary Cole, Chelcie Ross, Becky Ann Baker, Bob Davis, Peter Syvertsen, Tom Carey, John Paxton u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zufällig stolpern der bodenständige Hank, sein geistig minderbemittelte Bruder Jacob und dessen prolliger Kumpel Lou in den verschneiten Wäldern einer Kleinstadt über einen abgestürzten Privatjet. An Bord: Der von Krähen zerfressene Pilot und 4,4 Millionen Dollar. Während Jacob und Lou schon ihren Reichtum feiern, mahnt Hank vor den Konsequenzen. Er bewahrt das Geld bei sich auf und fordert absolutes Stillschweigen seiner Partner ein, bis Gras - oder eher Schnee - über die Sache gewachsen/gefallen ist. Ein einfacher Plan, der furchtbar aus dem Ruder läuft.






Meinung:
Oft unterschätzte oder eher unerwähnte Perle der 90er und im Schaffen von Sam Raimi. Wohl sein bester Film, selbst in Anbetracht seines Low-Budget-Meisterwerks "Tanz der Teufel", den folgenden Sequels und weit über seinen "Spiderman"-Filmen. War Raimi vorher eher der liebenswerte Genre-Nerd, der dem Horrorfilm entscheidende Impulse gab, später mit "Darkman" ein Hommage-Feuerwerk ablieferte und dann mit "Schneller als der Tod" einen enorm unterhaltsamen B-Western mit A-Besetzung auffuhr, zeigt er sich hier als (endgültig) ernstzunehmender Regisseur, der einen - wenn nicht den - besten Neo-Noir-Film der 90er inszeniert. Oder eher Neo-Blanc, die weiße Pracht bedeckt zunächst das Geschehen und wird im weiteren Verlauf in tiefstes Rot gefärbt, Parallelen zum kurz vorher erschienenen "Fargo" immer gegenwärtig. Dabei ist das keine Kopie oder wahrscheinlich nichtmal gedanklich ernsthaft daran angelehnt, eher ein (glücklicher) Zufall. Humor spielt hier keine Rolle, skurille Momente werden eingetauscht gegen menschliche Abgründe. Durch und durch, erschreckend nachvollziehbar, ehrlich und bedrückend.


Fette Beute im tiefen Schnee.
"Ein einfacher Plan" erzählt eine bitter-böse Parabel über die Natur des Menschen. Du kannst mit deinem Leben zufrieden sein, hast alles was du brauchst, doch wenn sich die Chance bietet, verlierst du jeden Skrupel. Schneller, als du als eigentlich intelligenter, geerdeter Mensch es dir jemals zu träumen gewagt hättest. Bill Paxton verkörpert eben diesen glücklichen Mittelklasse-Typen Hank, nicht reich, aber abgesichert. Sein Frau ist schwanger, beide (augenscheinlich) glücklich, in ihrem verschneit-verschlafenen Nest gehören sie zu den Privilegierten. Sein älterer, geistig sehr reduzierter Bruder Jacob eher weniger, sein Saufkumpane Lou erst recht nicht. Sie sind der White-Trash der armen, ungebildeten USA, mit gelben Zähnen und verrosteten Pick-Ups. Der Zufall verhilft ihnen zu einer Menge schmutzigen Cash, den die "Trottel" lieber jetzt als gleich mit vollen Händen ausgeben würden, nur der moralische Gutbürger Hank hat Bedenken. Er gibt einen einfachen Plan vor: Geld verwahren (durch ihn), Fresse halten, abwarten. Ganz einfach. Wenn die Bestie Mensch nicht wäre.

Am Ende zählt nur, was man in der Hand hat.
Was nun folgt, ist eine drastische, dabei immer schlüssige Kettenreaktion. Angetrieben durch Naivität, Gutgläubigkeit, Loyalität, Gier, Missgunst und vor allem Manipulation. Durch das trächtige Unschuldslamm, das eigentlich von nichts wissen sollte. A Simple Plan goes wrong, mit Anlauf. Bridget Fonda gibt die Marionettenspielerin mit dem Engelsgesicht und dem Babybauch, die noch vom Krankenbett einen Keil zwischen das Trio - in erster Linie in das nur verwandte, nicht befreundete Brüderpaar - treibt, ihre lange unterdrückten Bedrüfnisse versucht zu befriedigen und dadurch erst ernsthaft eine Erdrutsch auslöst, der in fatalen Konsequenzen mündet. Sensationell geschrieben und bedrohlich-beklemmend umgesetzt, mit einer ambivalenten und wendungsreichen Charakterisierung bedacht, offenbart der doch nicht ganz so einfache Plan, wie schnell ein Szenario kippen kann und sich die Frage nach der Dicke von Blut, Wasser, Schnee oder grünen Scheinen erstaunlich schwer stellt. Das Eine führt zum Anderen, bevor du es dir versiehst, hast du mehr Leichen und Lügen zu vertuschen, als jemals gedacht und damit ist das wackelige Gerüst dem Einsturz immer näher, der Aufschlag um so schlimmer. In seiner Glaubwürdigkeit (dadurch schrecklich) niemals konstruiert, denn alles scheint verstörend logisch. Während der Mann mit dem Plan zu Bestie mutiert (wird), behält ausgerechnet der als unzurechnungsfähig eingestufte Dödel das Herz, das Hirn und die Moral am rechten Fleck, nur dafür ist schon lange kein Platz mehr.


Tragisch, mordspannend und enorm atmosphärisch umgesetzt zeigt Sam Raimi, wie ein modernes Schattenspiel der menschlichen Seele funktioniert. Wer alles hat und doch mehr will, wird böse auf die Schnauze fallen und alles verlieren. Wer gar nichts hat und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt, gibt alles. Bis zum Schluß. Besser im Frieden abschließen als als Monster zu enden. Das Ende mit Schrecken statt dem Schrecken ohne Ende. Die Krähen haben es angekündigt, doch wer nicht denken will, muss fühlen. Am Ende steht nur Tod, Leid und Elend. Für die, die sich im Sog verloren haben. Großer, kleiner Film.

8,5 von 10 vereisten Moralvorstellungen.


Review: ANANAS EXPRESS - Killer, Gras und Fruchtgummi

Keine Kommentare:
                                                                          
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjaCpWuavofCJ_gA4FcONBjIU0HrGNVVmB235RBNvoxOT9x9i5rh1f78q745EcQ4Go7qInWHxhBrjeMPdmUNc_A0LMJPVNDmmg_ed9AgZUMdQwJQNECIvniP_e4ZgdOykSdZR3bkhXJrbyD/s1600/Seth_Rogen_in_Pineapple_Express_Wallpaper_1_800.jpg


 
Fakten:
Ananas Express (Pineapple Express)
USA, 2008. Regie: David Gordon Green. Buch: Seth Rogen, Evan Goldberg. Mit: Seth Rogen, James Franco, Gary Cole, Danny McBride, Rosie Perez, Kevin Corrigan, Craig Robinson, Amber Heard, Ed Begley Jr., Nora Dunn, Joe Lo Truglio, Cleo King, Arthur Napiontek u.a. Länge: 112 (Kinoversion)/117 (Superbreit Edition) Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Dale hat einen der meistgehasstesten Jobs der USA (Gerichtszusteller), eine scharfe Highschool-Freundin und eine extrem starke Neigung zu Marihuana. Sein Dealer Saul hat gerade absoluten Zauberstoff am Start: Ananas Express. So gut, dass er ihn nur an Dale vertickt. Das wird zum Problem: Schluffi Dale wird Zeuge eines Mordes und verliert bei der Flucht einen Joint. Der Täter ist ausgerechnet Sauls Quelle Ted, der das einzigartige Aroma sofort identifiziert. Dale und Saul müssen rasch das Weite suchen, denn die Killer sind schon auf dem Weg.



                                                                     

Meinung:

"Ist bald eine Schande sowas zu rauchen. Ist als ob man ein Einhorn tötet...mit einer Bombe!"

Es sind solche Oneliner und Dialoge, die "Ananas Express" durchaus sympathisch und sogar witzig machen, doch leider sind das nur Einzelerscheinungen in einer viel zu ausgiebigen Flut von stonigem Dauergeschwätz und einer, für eine Komödie, fast schon unendlich wirkenden Laufzeit von knapp zwei Stunden. Da macht sich, im negativen Sinn, die Beteiligung von Judd Apatow bemerkbar. Hier tritt er zwar nur als Produzent und Ideengeber in Erscheinung, aber "Ananas Express" hat ein ganz großes Problem: Er ist viiiiiiel zu lang. Das ist nicht der einzige Haken, dabei aber ein deutlicher: Warum zieht sich die Story auf so eine semi-epische Genrelänge? Da ist der Leerlauf ja fast unvermeidlich, außer es wird richtig aufgefahren und es gibt viel zu erzählen. Das ist hier eher nicht der Fall. Das Script hat reichlich Kaugummi/Käse-Elemente, die unglaublich lange Fäden ziehen und dadurch leider die durchaus witzigen Momente fast neutralisieren. Das Plus des Films ist ganz klar die Chemie zwischen den Hauptdarstellern Seth Rogen und Wohlfühl-Schlabber-Hosen Kiffer James Franco, die harmonieren prächtig. Letztendlich ist "Ananas Express" wie ein klassischer Abend in berauschter Runde: Da wird ganz viel geschnattert, einiges ist richtig lustig, aber das Meiste ist pures Gesabbel. Das funktioniert im Kontext der Situation und Umstände, aber wenn das auf Tonband aufgenommen und am nächsten Tag abgespielt würde, wäre der Großteil eher langweilig und banal. 


Genug gechillt, jetzt wird's handfest
Die Lunte wird zwar gelegentlich neu befeuert ("Ich nehme eine Bong, das filtert das süchtigmachende Zeug raus, ist Tatsache!"), aber viel zu oft glimmt sie so vor sich hin und schmeckt nach kaltem Rauch. Charme hat das Flickwerk irgendwie schon, nur ermüdet es so schnell wie der Stoff, aus dem die Tüten sind. Das gelegentlich angezogene Tempo (was dann in der Regel daraus besteht, dass die Figuren sich wehtun) ist bitter nötig, um nicht langsam vor sich hin zu chillen. Sagen wir es mal so: Wenn die Ananas auf bequeme 90 Minuten runtergeschält wäre und nur der frische Saft gepresst würde, ein launiger Film. Aber so mit Schale, Haube und allem Drum und Dran serviert, will das doch keiner fressen...oder rauchen.


5,5 von 10 Tütenfrüchten