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Kritik: SAUSAGE PARTY – ES GEHT UM DIE WURST - Das vulgärste, derbste Animationsspektakel des Jahres

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Fakten:
Sausage Party - Es geht um die Wurst (Sausage Party)
US, 2016. Regie: Conrad Vernon, Greg Tiernan. Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg, Kyle Hunter, Ariel Shaffir. Mit: Seth Rogen, Kristen Wiig, Jonah Hill, Bill Hader, Michael Cera, James Franco, Danny McBride, Paul Rudd u.a. Länge: 89 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
In einem Supermarkt hoffen die Lebensmittel sehnlichst darauf, von Menschen eingekauft zu werden. Für sie sind Menschen gottgleiche Wesen, die sie mit ihrem Einkauf in eine Art Paradies befördern. Vor allem das Würstchen Frank kann es kaum erwarten, aus der Packung genommen und endlich mit seinem heißgeliebten Brötchen Brenda vereint zu werden. Als ein Senfglas nach dem Kauf wieder umgetauscht wird, berichtet es allerdings grauenvolle Details von der anderen Seite. Die Lebensmittel werden mitunter misstrauisch und wollen herausfinden, was außerhalb des Supermarkts mit ihnen geschieht...




Meinung:
Vielleicht war der Wechsel hin zum Animationsfilm der einzig konsequente Schritt für Evan Goldberg und Seth Rogen. Nachdem das Comedy-Duo mittlerweile über eine Vielzahl von Filmen wie "Superbad", "This Is the End" oder "Bad Neighbors" hinweg ihr typisches Humor-Konzept in Form von vulgären Wortspiele, verkifften Exzessen, unangenehmer Situationskomik und spaßigen Popkulturreferenzen ausschöpfte, wurde es so langsam Zeit für einen Tapetenwechsel. Selbst der Diktator Nordkoreas war vor den beiden nicht sicher und wurde in "The Interview" zur Zielscheibe, was vorab eine regelrechte Kontroverse auslöste. Nun hat das Duo den Horizont gewissermaßen erweitert und eine ungezügelte Animationskomödie geschaffen, die zum ersten Mal seit "South Park: Bigger, Longer & Uncut" mit einem R-Rating versehen wurde.


Was die Lebensmittel da wohl gerade sehen?
Dieses Rating wird in "Sausage Party" auch prompt bis zur Schmerzgrenze ausgereizt, wenn dem Zuschauer bereits in den ersten Minuten nach einer anfangs heiteren Gesangseinlage mehr Schimpfwörter um die Ohren fliegen als er zählen kann. In der Geschichte des Films geht es um Lebensmittel in einem Supermarkt, deren größter Traum darin besteht, von den Menschen, die sie als Götter ansehen, eingekauft zu werden und dadurch in eine Art Paradies zu gelangen, in dem sie ein Leben in vollkommener Glückseligkeit erwartet. Als allerdings so langsam klar wird, was mit den Lebensmitteln alles passiert, sobald diese in den Haushalt der Menschen gelangen, entwickelt sich das Schicksal einzelner Charaktere zu einem knallharten Überlebenskampf, während ein Großteil immer noch am Glauben an ein höheres Paradies festhält. Überraschenderweise haben die Autoren in ihrem Werk ein paar Überlegungen zu blindem Fanatismus, Atheismus und Konflikten zwischen ethnischen Minderheiten parat, die man ihnen vorab vermutlich gar nicht zugetraut hätte. "Sausage Party" offenbart in einigen Szenen jedoch durchaus kritische Momente, in denen unterschiedliche Ansichten und Konfliktpunkte bezüglich Glaube, Religion oder Sexualität hinterfragt werden.


Erste Verluste lassen nicht lange auf sich warten
Über weite Strecken dominiert jedoch der gewohnte Humor des Goldberg/Rogen-Duos, der sich hier bedauerlicherweise zu sehr abnutzt und nicht immer richtig in das Korsett einer eher zweitklassig animierten Komödie passen will. Sexuelle Anspielungen von Würstchen, die sich gerne ganz tief in den Öffnungen der Brötchen vergraben wollen, endlose Schimpfwort-Kaskaden oder ein willkürlich eingestreuter Drogentrip offenbaren wenig, was man mittlerweile nicht schon zuhauf in den anderen Filmen der Autoren gesehen hat, weshalb "Sausage Party" zu oft den Eindruck von altem Wein in neuen Schläuchen erweckt. Die Momente, in denen die absurden Möglichkeiten des zugrundeliegenden Konzepts auf offensivste Weise ausgetestet werden, sind aber trotzdem von großartigen Einfällen geprägt. Wie hier bisweilen Impressionen von Kriegsszenarien reflektiert oder grausame Todesarten der Lebensmittel auf ebenso bizarre wie intelligente Weise realisiert werden, lässt erahnen, was für ein gewaltiges Potential in diesem Werk schlummert. Ausgeschöpft wird es von den Verantwortlichen allerdings nur in vereinzelten Szenen, zwischen denen sich immer wieder humoristischer Stillstand bemerkbar macht, bei dem der Eindruck entsteht, die Idee für einen grandiosen Kurzfilm musste irgendwie zu einem Langfilm gestreckt werden.


Zur Höchstform läuft "Sausage Party" dann aber im großen Finale auf, in dem sich der Streifen schließlich in einen gigantischen Exzess verwandelt, welcher die ansonsten eher gemütlichen Sehgewohnheiten des Genres endgültig zerschmettert. Nur alleine für diesen Schlussakt, bei dem die Reaktionen zwischen schrillen Lachkrämpfen, peinlich berührter Befremdlichkeit und ungläubigem Entsetzen pendeln dürften, lohnt sich die Sichtung dieses Animationsfilms, in dem sich ansonsten wirklich unterhaltsame Einzelmomente mit redundanten Gags und einer Geschichte abwechseln, in der durchaus nachdenkliche, tiefgründige Ansätze auf platten Leerlauf treffen.


6 von 10 aufgepumpte Intimduschen




von Pat

Review: EVERY THING WILL BE FINE – Wenn die schwere Last der Schuld erdrückt

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Fakten:
Every Thing Will Be Fine
CA/DE/FR/NO/SE/US, 2015. Regie: Wim Wenders. Buch: Bjørn Olaf Johannessen. Mit: James Franco, Charlotte Gainsbourg, Rachel McAdams, Marie-Josée Croze, Patrick Bauchau, Peter Stormare u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Ab 15. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der Romanautor Tomas fährt gedankenversunken durch dichtes Schneetreiben. Als er beinahe ein kleines Kind überfährt, bringt er den unversehrten Jungen zunächst erleichtert nach Hause zu dessen Mutter. Übersehen hat Tomas allerdings den Bruder des Jungen, der durch den Zusammenstoß ums Leben kam. Fortan muss sich der Autor mit seiner Schuld und seinem Gewissen auseinandersetzen.

                                                                                       

Meinung:
Regisseur Wim Wenders, welcher vor allem in den 70er und 80er Jahren mit vielen geschätzten Spielfilmen für Aufsehen gesorgt hat, stellte seine Anhängerschaft in der letzten Zeit etwas auf die Probe. Nach seinem Werk "Don´t Come Knocking" von 2005 hat Wenders innerhalb von 10 Jahren mit "Palermo Shooting" 2008 gerade mal einen Spielfilm gedreht, der Rest waren Dokumentationen, Kurzfilme oder Werbespots. Nun kommt aber wieder zusammen, was wohl zusammen gehört und Wenders veröffentlichte 2015 vor seinem 70. Geburtstag doch noch einen Spielfilm. Für "Every Thing Will Be Fine" hat sich der Regisseur Workaholic-Chamäleon James Franco als Hauptdarsteller an Bord geholt. 


Das Skript sorgt nicht für Begeisterung.
Franco spielt den Autor Tomas Eldan, der durch ein unbeabsichtigtes Unglück den Tod eines kleinen Jungen verschuldet. Durch einzelne, mitunter sprunghaft geschilderte Stationen und mithilfe von mehreren Zeitsprüngen verarbeitet der Film im Anschluss an die Tragödie über insgesamt 12 Jahre hinweg das von Schuldgefühlen geplagte Gewissen von Tomas, seinen persönlichen Umgang mit dem Unfall und weitere Ereignisse im Leben des Autors, wirft aber auch gelegentlich einen Blick auf die Familie des Opfers. Das schwächste Glied des Films ist dabei das Drehbuch von Bjørn Olaf Johannessen, das sich eine Spur zu oft auf altbackene, vorhersehbare Klischee-Dialoge verlässt und lieber Phrasen statt aufrichtige Gefühle zum Ausdruck bringt. "Every Thing Will Be Fine" bewegt sich in dieser Hinsicht nahe im Radius zahlreicher Verlust-und-Schuld- Aufarbeitungs-Dramen, die man in derartiger Form bereits unzählige Male gesehen hat und die ihrer Thematik wenig bis gar nichts neues hinzuzufügen haben. Viel interessanter hingegen ist die formale Ebene gelungen, bei der vor allem zwei Schlagwörter stellvertretend für den gesamten Film stehen: Reduktion und Gegensätzlichkeit. Gerade die Szenen, in denen das Drehbuch unnötige Dialoge sowie zuviele Worte auch mal weglässt und somit Wenders als Regisseur genügend Spielfläche bietet, um seinen konzentrierten Darstellern Raum für emotional einnehmende Gesten und rührende Blicke zu geben, zeigt "Every Thing Will Be Fine" zumindest in kleinen Momenten immer mal große Augenblicke.



Spaß und Freude auf dem Rummel.
Zumindest James Franco, der hier erneut sein öfters als narkotisiert beschriebenes Schauspiel zum Besten gibt, passt perfekt in die Figur des zurückgenommenen Autors, welcher sein quälendes Seelenleid so fest unterdrückt wie nur möglich. Die erwähnte Gegensätzlichkeit lässt sich auf die gesamte Inszenierung von Wenders anwenden. Auch wenn die Erzählung auf einen hohen Naturalismus abzielt, bricht der Regisseur viele Szenen in Schwarzblenden ab, fügt ihnen hierdurch elliptische Brüche hinzu und setzt Zeitsprünge ein, wenn man sie nicht erwartet. Die typische Handschrift des belgischen Kameravirtuosen Benoît Debie, welcher sich ansonsten für visuelle Feuerwerke wie „Enter the Void“ oder „Spring Breakers“ verantwortlich zeigt, ist hier ebenfalls kaum wiederzuerkennen und setzt in dem in 3D gefilmten Werk in erster Linie darauf, gewisse Elemente stets in den Vordergrund zu rücken und Hintergründe durch mal mehr, mal weniger hohe Tiefenschärfe oder Unschärfen abzutrennen. Der erzielte Effekt einer höheren Intimität zu den Figuren ist dadurch zwar offensichtlich, wirkt aber vor allem in 2D gelegentlich künstlich und nicht allzu authentisch. Die Musik von Alexandre Desplat untermalt das zurückhaltende, minimalistische Geschehen hingegen mit großen Klängen und eingängigen Melodien, was erneut einen starken Gegensatz hervor ruft.


Nähert man sich "Every Thing Will Be Fine" also auf rein narrativer Ebene, ist der Film nicht mehr als ein gewöhnliches, zwar stark gespieltes aber viel zu konventionelles, so schon oft gesehenes Drama, das mit klischeebeladenen Dialogen aufwartet und unter zu wenig Figurentiefe leidet. Entscheidend ist der minimalistisch reduzierte Stil, der in kleinen Gesten kurzzeitig große Gefühle offenbart und durch die gegensätzliche Inszenierung einiges an visueller Spannung anbietet. Somit bleibt der Film letztendlich Mittelmaß mit viel verschenktem Potential, dem Fans von ruhigem Schauspielkino oder generell Wim Wenders durchaus einen Blick schenken können, aber nicht zuviel erwarten sollten.

5 von 10 Karussellfahrten auf dem Jahrmarkt

von Pat

Review: KÖNIGIN DER WÜSTE – Lawrencia von Arabien

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Fakten:
Königin der Wüste (Queen of the Desert)
MA/US, 2015. Regie & Buch: Werner Herzog. Mit: Nicole Kidman, James Franco, Damian Lewis, Robert Pattinson, Jay Abdo, David Calder, Sarah Crowden u.a. Länge: 125 Minuten. FSK: Ohne Altersbeschränkung. Ab 16. Februar 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich..


Story: 
Die junge Britin Gertrude Bell begibt sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine archäologische Erforschungsreise quer durch das damalige osmanische Reich. Dabei versucht sie nicht nur, ihre persönlichen Interessen hervorzubringen, sondern auch, ihr turbulentes Gefühlsleben unter Kontrolle zu bekommen.


                                                                                     

Meinung:
Landschaften waren schon immer die heimlichen Hauptakteure in den Werken von Werner
Herzog. Wer seine Dokumentation wie "Herz aus Glas" oder "Begegnungen am Ende der Welt" kennt, aber auch große Spielfilme wie "Aguirre, der Zorn Gottes" oder "Fitzcarraldo", wird bestätigen können, dass diese stets dadurch geprägt waren, durch gewaltige Landschaftspanoramen den nachhaltigsten Eindruck beim Betrachter zu hinterlassen. Herzog hat nicht nur ein unnachahmliches Gespür für die gewaltig wirkende Kraft der Natur selbst, sondern versteht es wie kein anderer, diese als Spiegel der Empfindungen seiner Protagonisten einzusetzen.


Liebe, Lust und Wüstensand.
Da ist es natürlich mit angemessener Vorfreude zu begrüßen, dass sich der Regisseur mit Cast und Filmcrew für "Königin der Wüste" unter anderem nach Marokko und Marrakesch begeben hat, wo imposante Wüstenlandschaften weit und breit geboten sind. Herzog erzählt hier die auf wahren Tatsachen beruhende Geschichte von Gertrude Bell. Eine Frau, die aufgrund ihrer damaligen archäologischen Forschungsreisen im osmanischen Reich während des ersten Weltkriegs eine bedeutende Rolle als politische Beraterin darstellte. Eine überaus interessante Persönlichkeit, deren Lebensweg sich über Jahrzehnte erstreckte, mit zahlreichen prägnanten Phasen. Wie Herzog sein Biopic allerdings inszeniert und erzählt, ist sowohl für Anhänger des Regisseurs als auch für die, die nur an der Geschichte von Gertrude Bell interessiert sind, ein ziemlicher Schlag ins Gesicht. Gerade einmal wenige, äußerst oberflächlich angerissene Schlüsselmomente gibt Herzog preis, die sich zudem meist auf Szenen beschränken, in denen Gertrude durch die Wüste zieht, bei einem ihrer angezielten Beduinen-Völker ankommt, nur um deren Anführer schließlich in einem kurzen Gespräch von ihren persönlichen Absichten zu überzeugen. Der ärgerlichste Aspekt von "Königin der Wüste" aber ist die romantisch motivierte Seite der Handlung. Herzog ver(sch)wendet einen Großteil der Laufzeit damit, Gertrude entweder als hoffnungslos verliebtes Mädchen oder reizvolles Objekt der Begierde darzustellen. Alleine das gesamte erste Drittel des Streifens schildert ausschließlich die Liebesbeziehung zwischen Gertrude und Henry Cadogan, einem britischen Diplomaten.

 

Der König der Löwen.
Dass dem Regisseur eventuell ein Biopic der etwas anderen Art vorschwebte, bei dem er sich ausgiebig auf das Gefühlsleben der Hauptfigur konzentrieren wollte, lässt sich noch verkraften. Dass die Inszenierung aber oftmals in derart kitschige Soap-Gefilde abrutscht, sodass ein schmalziger Dialog den nächsten jagt, stimmt einen zunehmend ratlos. Wenn man ganz hämisch sein möchte, könnte der Film im Original genauso gut auch "Queen of Love" anstatt "Queen of the Desert" heißen und als Fernsehfilm der Woche im ZDF laufen. Würde im Vorspann hinter "Written and directed by" nicht "Werner Herzog" stehen, würde man die Beteiligung des Regisseurs nicht einmal bemerken, derart nach lieblos abgefilmter Auftragsarbeit fühlt sich der Film an. Nur noch ganz selten sind sie zu spüren, die typisch atmosphärisch einnehmenden Momente. Wenn Herzog weitläufige Wüstenbilder nutzt, um gleichzeitig das ausufernde Freiheitsgefühl wie auch die übergreifende Orientierungslosigkeit seiner Protagonistin abzubilden, erinnert immerhin das an das sonst so große Gespür des Regisseurs für intensive Inszenierung. Im Cast finden sich potentiell fähige Namen wieder, doch selbst ein James Franco, Damian Lewis und vor allem ein unglaublich hölzerner Robert Pattinson wirken hier seltsam fehlbesetzt und mitunter sichtlich unwohl in ihren Rollen. Nur Nicole Kidman in der Hauptrolle kann als Glücksgriff bezeichnet werden, denn sie schafft es, sowohl toughe Facetten, aber auch die gefühlvolle Seite ihrer Gertrude Bell mit großer Klasse zu verkörpern.


Wenn man nach dem Abspann das Bedürfnis verspürt, sich im Internet auf Recherche nach der Hauptfigur zu begeben, ist das eigentlich das größte Kompliment für ein Biopic. Bei "Königin der Wüste" entsteht dieses Bedürfnis allerdings, weil man das Gefühl hat, viel zu wenig über wirklich wichtige Lebensmomente und entscheidende Situationen der Protagonistin erfahren zu haben und daher wissen möchte, was einem der Film alles verheimlicht hat. Von einem Kompliment ist so etwas mehr als weit entfernt. 

4 von 10 als Zeichen der Liebe in zwei Hälften geteilte Münzen

von Pat

Review: CHILD OF GOD - James Franco empört

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Fakten:
Child of God
USA. 2013. Regie: James Franco. Buch: James Franco, Vince Jolivette, Cormac McCarthy (Vorlage). Mit: Scott Haze, Tim Blake Nelson, James Franco, Jim Parrack, Nina Ljeti, Brian Lally, Vince Jolivette, Jeremy Ambler, Boyd Smith, Terrence Huff, Nathan Mohebbi, ua. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Lester Ballards Vater begeht Suizid und sein Land wird versteigert. Lester (abgefahren: Scott Haze) fühlt sich missverstanden und lebt und wildert stattdessen im Wald. Ausgestoßen und einsam fängt er an, mit Kuscheltieren Zeit zu verbringen und sattelt dann aber auf tote Frauen um.





Meinung:
Cormac McCarthy, US-amerikanische Autoren-Legende, schreibt Bücher, denen man die Adjektive „erbarmungslos“, „rau“ und „dunkel“ zuordnen kann. Mit „No Country For Old Men“ haben die Gebrüder Ethan und Joel Coen bewiesen, dass man eben diese Adjektive in die Welt des Films übertragen und sogar auf weitere Sinne distribuieren kann. Nun sind diese beiden jedoch Meister ihres Faches und James Franco noch ein Lehrling im Regie-Geschäft. Aber dennoch ist es durchaus erwähnenswert, dass Franco hier sehr harte, eigenfinanzierte Minuten auf Film bannt und unter seinen Freunden auch noch ziemlich hingebungsvolle Schauspieler findet, die bereit sind weiter zu gehen, als man es von Darstellern in einem Film vielleicht gewohnt ist.


Schlechte Nachricht: Tigger ist tot
Als ein Kind Gottes wird er, Lester Ballard, beschrieben und damit mit allen anderen Menschen gleichgesetzt. Er besteht aus den gleichen Zutaten, wie ein jeder von uns. Und dennoch ist er ein absoluter Außenseiter. Die anderen Bewohner des Ortes behandeln ihn respektlos und herablassend. Nicht unbedingt mit bösen Absichten, sondern einfach, weil man es so macht. Sie denken gar nicht darüber nach, das zu ändern. Sie sehen ihn einfach nur, mit seinem buckeligen und angespannten Wesen, seinen unter Anstrengung hervorgepressten Worten und seiner Primitivität und gehen davon aus, dass sie andere, edlere und größere Werte besitzen, als er. Lester weiß und hat nicht viel, abgesehen von einem starken Sinn für sein eigenes Recht, was für ihn gleichbedeutend mit einem nicht-existenten Recht anderer ist. Wenn er was darf oder besitzt, dann folgt daraus, dass andere jenes nicht dürfen oder besitzen. Er ist eine seltsame Mischung aus einer Art Quasimodo und einem streunenden Köter. Lester läuft buckelig umher, spricht nicht, sondern grunzt und knurrt, manchmal schreit er plötzlich auf. Er jagt Autos grundlos nach und beschimpft die Fahrer und fletscht die Zähne. Man sieht hier einen Menschen, der das Menschsein nach und nach ablegt, nachdem ihm das genommen wurde, ohne das es keinen Menschen geben würde: die Familie.


Der Sheriff hat gut zu tun wegen Lester
Lester kümmert sich nicht um die Gesellschaft, sie ist ihm zuwider und ebenso wenig kümmert James Franco sich um jedwede Konventionen. Er inszeniert semi-dokumentarisch und bleibt stets sehr nah an Lester. So nah manchmal, dass er in seiner eruptierenden Art immer wieder aus dem Bild verschwindet und wieder einbricht. Das ist unverfälscht, rau und macht einen natürlichen Eindruck. Dennoch fällt immer wieder auf, dass es nicht einfach ist, McCarthy zu verfilmen. Diese Stimmung, die wie rostige Nägel in der eigenen Haut ist, sie kommt einfach nicht auf, dafür bleibt Franco zu passiv in seiner Inszenierung. Er vertraut zu sehr auf den düsteren Inhalt und vernachlässigt die Kraft der Kinematographie - und nimmt damit deutliche Defizite im emotionalen Gesamtkonzept des Filmes hin. Im Gegensatz dazu ist es Scott Haze, dessen Darbietung als Lester in Erinnerung bleibt und der in der reinsten Eskalation alles rauslässt, was sein Körper mental und physisch hergibt. Haze gibt einen Ausgestoßenen, der Menschen nicht versteht (wenn jemand mit ihm spricht, scheint sein Gehirn auf zugegeben unbeeindruckenden Hochtouren zu laufen) und dem mit seiner Familie auch das Recht einer Existenz genommen wurde. Von da an beschreitet er einen Weg in Dunkelheit und Isolation bis er selbst nicht mehr weiß, was ihm wichtig war und woraus seine Vergangenheit und damit seine Identität bestand.


"Ich bin kein kluger Mann, aber ich weiß was Liebe ist... doch nicht"
Neben Scott Haze ist es zudem die widerliche Geschichte, die von sich reden machen kann. Und da wird, bei all der sonstigen Passivität von Francos Handeln, sein wahrer Mut offenbart. Hier zeigt sich die fast schon skandalös anmutende Offenheit der Geschichte. James Franco zeigt Sachen, die bewusst weiter gehen, als jede Geschmacksgrenze es zulässt. Aber erst wenn ein Werk über diese Grenze hinausgeht, kann es nicht mehr als künstlerisches Produkt angesehen werden. Kunst ist nämlich voll und ganz Geschmackssache und eben der verweigert James Franco sich hier so deutlich, dass man mit der Zeit keinem Film mehr zusieht. Sondern der Realität, auf die wir für 100 Minuten kein Recht mehr haben, weil sie nur Lester gehört. Dadurch wirken jedwede Personen, die nicht wie Lester einfältig, wild und sabbernd-aggressiv ihr Leben bestreiten, als wären sie surreale, aus Licht bestehende Projektionen, die nicht in diese Welt gehören, in der noch niemand von dem Wort „Moral“ gehört hat. In der Hinsicht muss man anerkennend nicken und Herrn Franco auf die Schulter klopfen; er hat sich hier etwas getraut und es geschafft, zumindest in der Hinsicht zu überzeugen.


Wie lang die 100 Minuten wirken, wird dem Zuschauer erst bewusst, wenn die Wörter „The End“ auf dem Bildschirm erscheinen und der Abspann von „Child of God“ anfängt. Von James Franco eigenhändig bezahlt, wurde der Film auf einigen Festivals gezeigt, bekam aber leider zumeist  durchschnittliche Wertungen. Weil der Fehler begangen wurde, diese Adaption für ihre Fläche zu bewerten. Schaut man hinter die Kanten, entdeckt man eine Welt, die nur eine Handvoll Regisseure vorher erforscht haben, wenn auch auf eine andere Art. James Franco beschränkt seine Regie-Tätigkeit hier nämlich zum überwältigenden Großteil auf das Zeigen einer Geschichte und nutzt wenige gestalterische Mittel, um seine Aussage zu vermitteln. Ein großer Geschichtenerzähler ist er eben noch nicht, ein motivierter Lehrling dagegen schon. Und so bebildert er hier eine Geschichte, dessen Inhalt nicht in die Magengrube haut, sondern jenen Bereich rausreißt und verspeist, damit Lester überleben kann.


6 von 10 Normas


von Smooli

Review: PALO ALTO - Wie viele Coppolas gibt es eigentlich!?

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Fakten:
Palo Alto
USA. 2013. Buch: Gia Coppola. Buch: Gia Coppola, James Franco (Vorlage) Mit: Emma Roberts, James Franco, Jack Kilmer, Val Kilmer, Nat Wolff, Zoe Levin, Chris Messina, Keegan Allen, Margaret Qualley u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 26. Juni auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
April (Emma Roberts) ist in ihren Sportlehrer (Franco) verliebt und der scheint auch nicht abgeneigt zu sein. Teddy (Jack Kilmer) versucht dagegen herauszufinden, wie man ein Erwachsener wird, was eigentlich einen Wert hat und wie man erfolgreich Fahrerflucht begeht.





Meinung:
James Franco ist nicht nur ein Mann, der an unfassbar vielen Filmen mitwirkt, sondern auch ein Herr, der nebenbei, als hätte ein Tag bei ihm mehr als 24 Stunden, malt, zeichnet, als Dozent tätig ist und Kurzgeschichten schreibt. Ein paar seiner Kurzgeschichten hat er in einem Buch namens „Palo Alto: Stories“ veröffentlicht - benannt nach seinem Geburtsort an der Pazifikküste in Kalifornien. Gia Coppola, die Enkelin von Francis Ford, die Nichte von Sofia und Roman und die Cousine von Nicolas Cage und Jason Schwartzman, hat sich dieses Buch genommen und ihr Filmdebüt auf die Beine gestellt. Dass sie Talent hat, ist offensichtlich und so langsam macht es den Anschein als würde man in der Familie enterbt werden, wenn man nicht ins Filmgeschäft geht. Aber was soll’s, solange der Filmliebhaber dabei mit tollen Streifen beglückt wird.


So einsam, aber immerhin mit Gespür für Stilistik: April
Die Regisseurin/ Drehbuchautorin ist aber nicht die einzige, die an dieser Produktion teilnahm und verwandt mit Stars ist. Da wären noch Jack Kilmer, Sohn von Val (in dessen Haus viele Szenen gedreht wurden) und natürlich auch Emma Roberts, die Nichte von Julia Roberts. Und dann hält James Franco ja auch manchmal noch sein Gesicht in die Linse. Von all den vielen bekannten Namen muss man jedoch einzig und allein Miss Roberts hervorheben. Die ist nämlich ein Glückstreffer und spielt ihren Charakter April liebenswert. Jedoch nicht auf eine extrovertierte Art wie zum Beispiel Ellen Page in „Juno“, sondern in sich gekehrt, still, beobachtend, behutsam und dennoch nicht minder komplex. Das ist ganz groß, was die junge Dame hier hinbekommt und das rettet nicht nur einige Szenen, es erhebt sie zum Highlight des Films. Eine solche Natürlichkeit ist genau das, was diese Thematik braucht. Es unterstützt den Film und nimmt Coppola einiges an Arbeit ab, was diese sonst hätte kompensieren müssen. Die restlichen Darsteller sind leider weniger erwähnenswert: Jack Kilmer ist relativ uninteressant, Nat Wolff ist der Buhmann und James Franco ist eben James Franco. Keiner erreicht in dem, was sie da anstellen auch nur zu einem Punkt die Klasse, die Emma Roberts den ganzen Film über durchzieht.


"Okay Jungs, nach dem Spiel drehen wir 'Interior. Leatherbar 2'"
Gia Coppolas Vorbild ist natürlich, das ist zu keiner Zeit zu verleugnen, ihre eigene Tante Sofia, die mit „Lost in Translation“ und „Somewhere“ sehr intime und gefühlvolle, stille Filme abgeliefert hat, mit „The Bling Ring“ und „The Virgin Suicides“ sogar Filme, die sich ebenfalls mit Jugendlichen auseinandersetzen, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Und Gia Coppola zeigt durchaus, dass sie es versteht, diese bestimmte Atmosphäre, die so manchen Indie-Film einfach sehenswert macht, einzufangen. Es ist ruhig, es knistert aber gleichzeitig ist es seltsam bedrohlich. Als würde man auf den Abgrund zusteuern, was auch viele Jugendliche denken mögen, obwohl sich der Abgrund dann letztendlich als das Erwachsenenleben herausstellt. Viele Vertreter des Indie-Kinos bemühen sich, offensichtliche Vorbilder abzukupfern. Frei nach dem Motto: Was einmal funktioniert, funktioniert auch zweimal. Dabei geht jedoch die lockere Freiheit und der sympathische Humor oft flöten, weil es auf Teufel-komm-raus zu krampfhaft erzwungen werden soll. Dies geschieht hier jedoch nicht, Gia Coppola behält die Ruhe und nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch die Häuser von Jugendlichen, heraus in den Garten und runter vom Grundstück. Mit der Zeit fällt allerdings immer stärker auf, wie sehr sich einige Szenen wiederholen; der Film scheint sich festzufahren.


"Lonely. I'm so lonely. I have nobody..."
Und das ist mit Abstand das größte Problem bei Coppolas Debüt. Sie traut sich nicht, den Rahmen zu sprengen. Links und rechts zu gucken, Dinge zu hinterfragen. Stattdessen bedient sie sich stets der einfachsten Strecke, sucht den kürzesten Weg zum Ziel. Das ist schade und lässt so manche Szene nicht nur redundant, sondern auch fast schon gebetsmühlenartig heruntergekurbelt erscheinen. Das bedeutet nicht, dass der Film auf der inszenatorischen Ebene nicht funktionieren würde, das tut er nämlich. Aber es reißt eben nicht aus dem Hocker und es drückt einen auch nicht in den Sitz. Es lässt größtenteils kalt. Es sind schablonenhafte Abziehbilder, die hier aneinandergereiht werden. Absoluter Durchschnitt. Auf dramaturgischer Ebene sieht es nicht wirklich viel besser aus. Die Geschichte verliert sich im Mittelteil immer mehr, sodass sich Wiederholungen häufen und sogar Handlungsstränge komplett redundant erscheinen. Das ist sehr schade und total unnötig. Vor allem, weil es sich um relativ altbekannte Geschichten handelt. Man entdeckt sich selbst, man zerstört sich selbst, man wird zerstört, man hat Freunde, die einem aufhelfen,… Neu ist das alles nicht. Und dann wird zu allem Überfluss auch noch über so manchen Punkten derart herumgeritten, als ginge es darum, die 90 Minuten mit wenig Material zu füllen.


Mit „Palo Alto“ erfindet Gia Coppola das Rad nicht neu. Zu gebetsmühlenartig werden hier einige Montagen abgerattert, zu bekannt sind die einzelnen Geschichten. Jedoch muss man ihr auch zu Gute halten, dass sie die Regeln des Indie-Kinos durchaus kennt und die imaginäre Regie-Check-Liste auch brav abarbeitet. Laute Musik, verwirrte Jugendliche, Drama, tragische Blicke aus dem Autofenster. Nur überraschen, das tut sie uns zu keiner Zeit. Trotz allem ist dieser Film jedoch nicht als schlecht zu bezeichnen. Dass Gia Coppola neu im Regiefach ist, hilft ihr ganz deutlich dahingehend, dem Film ein Gefühl zu verpassen, das in einigen Szenen liebevolle Frische, zu anderen Momenten sanfte Melancholie ausdrückt. Andererseits wird bei ihren ersten Versuchen, ein Film auf die Beine zu stellen auch überaus deutlich, wie schwierig es sein kann, eine Geschichte bis zum Ende zu erzählen. Im Mittelteil verlaufen die Handlungsstränge oft und bleiben für einige Zeit im Treibsand stecken, bevor sie sich am Ende notgedrungen wieder befreien. Wackelig, uninspiriert und vor allem altbacken sind da so einige Momente. Allerdings hat die Gia auch das Glück, mit Emma Roberts eine Schauspielerin in ihren Reihen zu haben, die eine unglaublich starke Natürlichkeit ausstrahlt und so jeder Szene, in der sie zu sehen ist, die nötige Glaubwürdigkeit und dazu noch eine ordentliche Portion Charme zufügt. Man wünscht sich nur, dass die Geschichte besser gewesen wäre. Ein nettes Debüt.


5,5 von 10 Sandwichs


von Smooli