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Review: DOCTOR STRANGE – Kommt ein Arzt ins Multiversum...

1 Kommentar:

Fakten:
Doctor Strange
USA. 2016. Regie: Scott Derrickson. Buch: C. Robert Cargill, Jon Spaihts,Scottt Derrickson. Mit: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Benedict Wong, Mads Mikkelsen, Tilda Swinton, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt, Scott Adkins, Zara Phythian, Alaa Safi, Katrina Durden, Topo Wresniwiro, Umit Ulgen, Linda Louise Duan, Mark Anthony Brighton u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 9. März 2017 auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
„Doctor Strange“ erzählt von dem egozentrischen Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch), der nach einem Autounfall nicht mehr operieren kann, da seine Hände verletzt wurden. Verzweifelt begibt er sich nach Tibet zu der Einsiedlerin The Ancient One (Tilda Swinton), von der er sich Heilung verspricht. The Ancient One verwehrt ihm jedoch seinen Wunsch und ist zudem nicht nur eine Eremitin, sondern auch die magische Verteidigerin der Welt. Sie unterrichtet Doctor Strange in den mythischen Zauberkräften und bildet ihn zum Obersten Zauberer, zum Sorcerer Supreme, aus. Doch ein weiterer Schützling von The Ancient One, Baron Mordo (Chiwetel Ejiofor), könnte für Doctor Strange zu einer großen Gefahr werden.





Kritik:
Marvel wird endlich ehrlich! Oder zumindest teilweise, vor allem in zweierlei Hinsicht, wenn es um Neuling „Doctor Strange“ geht. So ist zum Einen im Presseheft weniger von einem Film, denn von einem Event die Rede, was die nicht allzu großen Anstrengungen in Sachen abgewetzter Dramaturgie im Vergleich zu den spektakulären Spezialeffekten motiviert. Zum Anderen gerät der Bösewicht des magischen Helden dadurch in die Bredouille, dass Strange ihn zum Gefangenen der Zeit macht, in welcher sich das Prozedere vom Erscheinen jenes Doktors bis ins Unendliche wiederholt, weil dieser zur Rettung der Erde schlicht nicht locker lassen kann. Die ungefähre Bewusstwerdung des Wiederkäuer-Franchise ist Scott Derrickson zu verdanken – sonst immer auf Horrorfilme („Sinister“) und den gelegentlichen Blockbuster-Gau („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, 2008) abonniert, versucht er nun, den mystischen Touch im Superhelden-Genre zu etablieren, was er in vielerlei Hinsicht aus der Multiversums-These zu gründen versteht. Es wird da schon bezeichnend, dass dauernd von minimal variierten Dimensionen an parallelen Welten die Rede ist, wo hier doch das geläufige Narrativ der Heldensage/Origin-Topoi in gewohnter Manier das Abenteuer der Weltenrettung anvisiert, welches Derrickson jedoch seinem Metier gemäß schon früh mit Profundem wie „Orlac's Hände“ zu verbandeln scheint.

 
Mit Tapetenmuster der  1970er zur inneren Erleuchtung
Der talentierte und (sporadisch) gewitzte Chirurg Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) wacht nämlich nach einem folgenschwer computeranimierten Autounfall ohne Gefühl in seinen arg verunglückten Händen auf, welche bis dahin eben seine gesamte Behandlungskunst ausmachten. So sehr Regisseur Derrickson via jenem Milieu blutige Eindrücke des klinischen Horrors - auch mal mit suggestiver Dimensionsverschachtelung per Röntgenbild - in die Disney-Produktion einzuschmuggeln versucht, werden dem Stranger leider keine mörderischen Spenderhände angenäht. Stattdessen muss ein anderer Weg jenseits westlicher Medizin herhalten, welcher unseren Stephen auf eine Reise nach „Batman Begins“-Manier zusteuern lässt, die sich fortan zwischen Versatzstücken aus „Matrix“, „Inception“, „Casper“ und „Duell der Magier“ einzupegeln versucht. Jene Etablierung ist gewiss kein Kinderspiel, schließlich gibt sich Derrickson in seiner Inszenierung zwar geerdeter als manch anderer Kollege aus dem näheren Umfeld, flacht anhand dessen allerdings des Öfteren in der Dynamik ab. Diese will sich grundsätzlich im Kanon der „Avengers“-Bande wissen, beißt in krampfhaft konstruierten Charaktermomenten aber erst recht auf Granit, wenn der Dialog mit eingebauten Witzen aufzutrumpfen vermag, die man eben wortwörtlich nur als eingebaut bezeichnen kann - tolle Leistung, Dan Harmon...

 
Doctor Strange setzt auf Stil und Innenarchitektur
Eine Schande bei dem Ensemble, möchte man meinen, doch selbst wenn sich potenziell illustre Figuren wie Strange-Kollegin/Ex Christine Palmer (Rachel McAdams), der mysteriöse Zauberkrieger Mordo (Chiwetel Ejiofor) oder Die Älteste (Tilda Swinton) auf des verzweifelten Doktors Pfad der Erkenntnis versammeln, bleiben diese stets der umfassenden Mythologie unterworfen sowie teilweise ungenutzt zurück. Immerhin hat der Film seine thematischen Grundpfeiler sicher im Griff, wenn so oft auf Stranges Verhältnis zur Zeit hingewiesen wird, bis er eben Stück für Stück zum Meister eben dieser avanciert und somit ein gewisses Kurzweil aus Lernprozessen inklusive dimensional biegsamer Action schöpfen kann. Die Zeit drängt ohnehin, da der abtrünnige Magierscherge Kaecilius (Mads Mikkelsen - eindimensional, wenn auch ein bisschen sarkastisch) mit seinen Lakaien finstere Mächte heraufbeschwört, doch bis dahin dürfen trotzdem noch vielerlei Sparten der Zauberei ebenso ihr Showcase darbieten. Die Älteste z.B. lehrt das Geheimnis der Astralprojektion, damit jene außerkörperlichen Erfahrungen nicht als Geister bezeichnet werden müssen und der Film somit Regularien umschifft, die eine Aufführung im Box-Office-Mekka China verhindern könnten. Daneben verstehen es unsere deftigen Druiden ohnehin, global zu operieren, wenn sie Portale in jede unsichtbare Wand der Gegenwart einbrennen können, die Gegenseite im Zwischenraum der Dimensionen sodann willkürlich an der irdischen Architektur formt und expandiert. 

 
Frisbee spielen mit dem Multiversum
Ganz viele Gimmicks im Kaleidoskop der Effekte also am Start, die sich in ein stimmiges Paket schnüren lassen, wenn es auf die Zielgerade unter Übernatürlichen zugeht. Ben Davis' Kamera kann da auch noch so unbeholfen in der Kampfchoreographie wackeln und einen Kampfsport-erprobten Widersacher wie Scott Adkins verwässern: Was hier alles metaphysisch bewegt wird, darf sich als Bombast des Psychedelischen konzentriert hochjubeln. Tiefer gestapelt sind dagegen so manche Running Gags mit dem stoischen Zaubersprüche-Bibliothekar Wong (Benedict Wong). Ganz zu schweigen von diesem merkwürdigen Fetisch, Strange (als eine Art Charakterentwicklung?) mehrmals beim Rasieren zu zeigen. Unter jenem Merkmal männlichen Wachstums hat auch seine Beziehung zu Christine zu leiden, die der Film im Verlauf höchstens noch an die zwei Mal besucht, um an sein Ursprungsszenario der Chirurgie zu erinnern, sich danach aber mit einem Kuss von ihr verabschiedet, da er das alles jetzt allein unter Magiern regeln muss, babe. Manchmal erfüllt der Film eben Erwartungen, die einem wie aus der Steinzeit des Mediums scheinen (siehe z.B. den archetypischen Hinterhalt in einer düsteren Gasse), manchmal macht er aber auch Laune, wenn Morpheus Swinton der Skepsis des selbstunterschätzenden Strange zum kontinuierlichen Learning-by-Doing verhilft, ehe der Master mit den gebrochenen Händen sein ihn auswählendes Relikt zur Rettung der Menschheit erhält.


Der Simplizissismus der Marvel-Filme macht sich hier eben nicht allzu viel vor, aus ihrer Formel noch eine Aufregung fürs Oberflächliche zu schöpfen, so entschleunigt Derrickson menschliche Interaktionen durchkaut, erst im Strudel der Farben und magischen Möglichkeiten wirklich aufwacht und sogar Jumpscares anwendet, um Strange das eine oder andere Mal aus dem Herzstillstand aufspringen zu lassen. Natürlich kann ein Film nicht nur aus Höhepunkten bestehen und auch wenn ein Genre-affiner Zuschauer das meiste am Prozedere für sich vorkalkulieren könnte, ist wie gehabt für solide Unterhaltung im Sinne eines Mainstream-Konsens gesorgt. Wenn man ganz nett sein will, kann man sogar Sympathie für das Schicksal des Doktors empfinden, auch wenn es jenseits wahrer Verinnerlichung ausschließlich auf eskapistische Impulse der potenziell abgefahrenen Superkräfte trifft. Im Endeffekt wird so oder so ein Film hinterlassen, der gerne noch weiter nach allen Seiten ausschlagen, mehr noch, ein Event sein will (eine Fortsetzung im „Highlander“-Format kündigt sich dazu an), aber an jene Houdini-Zwangsjacken der Monetenzugänglichkeit gebunden ist, die insbesondere ein Scott Derrickson nimmer hätte lösen können – selbst mit Pink Floyd auf dem kultverdächtig zusammengestellten Soundtrack.


5,5 von 10 Rasierklingen


vom Witte

Review: TRIPLE 9 – Eine altbackene Geschichte und eine packende Inszenierung geben sich die Klinke in die Hand

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Fakten:
Triple 9
US, 2016. Regie: John Hillcoat. Buch: Matt Cook. Mit: Woody Harrelson, Kate Winslet, Casey Affleck, Chiwetel Ejiofor, Anthony Mackie, Aaron Paul, Norman Reedus, Gal Gadot, Clifton Collins Jr., Michael Kenneth Williams u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem 05. Mai 2016 im Kino.


Story:
Eine Bande von Gangstern, die sich aus korrupten Cops und ehemaligen Söldnern zusammensetzt, führt für die Russen-Mafia einen Raubüberfall durch. Den Auftraggebern reicht dieser eine Einsatz allerdings nicht und sie fordern vor der Bezahlung einen weiteren. Die Gruppe sieht sich mit einem schier unmöglichen Coup konfrontiert, für den ihnen als letzte Möglichkeit nur ein Manöver in den Sinn kommt: Einen "Triple 9" auslösen, was im Polizei-Code einen Officer am Boden bedeutet...




Meinung:
Wer sich in jüngerer Vergangenheit mit der absoluten Speerspitze des Cop-Genres beschäftigte, stieß unweigerlich auf die von Publikum und Kritikern gefeierte erste Season des Serien-Hits "True Detective". Autor Nic Pizzolatto schuf einen Krimi-Plot, der grimmigen Nihilismus, surreale Mythologie, philosophisch angehauchte Dialoge, atmosphärische Wucht und ein grandios harmonierendes Hauptdarsteller-Duo in Form von Matthew McConaughey und Woody Harrelson enthielt. Diese Serie ist es, die einem stellenweise in den Sinn kommt, wenn man sich John Hillcoats "Triple 9" ansieht.


Alkohol kann bei diesem Job selten schaden
Gemäß dem Ratschlag, man beginnt am besten immer mit einem Knall, wird dieser Film von einem exzellent inszenierten, furios choreographierten Einstieg in Form eines Banküberfalls eröffnet. Hillcoat hat sein Handwerk als Regisseur definitiv verstanden und schafft es, den Zuschauer ab der ersten Minute in eine düstere Welt zu ziehen, die aus korrupten Cops, finsteren Russen-Mafia-Schergen, exzessiver Gewalt und bedrohlichem Pessimismus besteht. Zusammen mit dem wuchtig wummernden Score, an dem unter anderem auch Atticus Ross mitwirkte, hat der Regisseur mit diesem Film ein oftmals förmlich um sich schlagendes Atmosphäre-Monstrum geschaffen, das es in sich hat. Die Art und Weise, wie hier herkömmliche Razzien in unsicheren Gang-Gebieten, hitzige Schusswechsel oder angespannte Begegnungen wie Ausschnitte direkt aus der Hölle wirken, erinnert zudem an manchen Stellen an Denis Villeneuves "Sicario", der kürzlich eine ähnlich kraftvolle Aura ausstrahlte. Diese packende Inszenierung ist für "Triple 9" von ungeheurer Wichtigkeit, denn ansonsten folgt das Drehbuch von Matt Cook einem generischen Malen-nach-Zahlen-Cop-Thriller-Formular, in dem sich unglücklicherweise viel zu viele Figuren auf einmal befinden, deren Charakterisierung sträflich übergangen wird zugunsten des Abgrasens mal mehr, mal weniger bedeutender Plot-Punkte.


Spielt bemüht fies, kriegt aber wenig zu tun: Kate Winslet
Ein weiteres Argument für diesen Film ist der beeindruckend zusammengestellte Cast. Mit Woody Harrelson, Kate Winslet, Casey Affleck, Chiwetel Ejiofor, Aaron Paul, Norman Reedus und noch einigen weiteren namhaften Stars hat man hier ein Ensemble, das aus alteingesessenen Publikumsmagneten, beliebten TV-Gesichtern oder momentan angesagten Oscar-Namen besteht. Dabei wird dem Streifen gerade diese Ansammlung vielversprechender, aufmerksamkeitserregender Darsteller paradoxerweise ein wenig zum Verhängnis. Wenn Aaron Paul auf der Bildfläche erscheint, werden viele automatisch an die grandios ausgearbeitete Figur des Junkies Jesse Pinkman aus "Breaking Bad" erinnert, während andere bei Norman Reedus an den Fan-Liebling Daryl Dixon aus "The Walking Dead" denken oder bei Kate Winslet eine Performance erwarten, die der talentierten Charakterdarstellerin würdig ist. Es sind diese Erwartungen und Vorstellungen, die man automatisch an einen solchen Cast stellt, welche der Film entweder bewusst oder unbewusst unterläuft, enttäuscht oder auch subversiv vor den Kopf stößt. Für Entfaltung bleibt den Figuren kaum Raum, immer wieder wechselt das Geschehen von einem Charakter zum anderen, während man in der nächsten Szene daran erinnert wird, dass der und der Schauspieler ja auch noch mit von der Partie ist.


Am besten lässt sich "Triple 9" daher als knallharte, atmosphärisch ebenso bedrückende wie packende Genre-Fingerübung betrachten, in der für ausufernde Emotionen, komplex gezeichnete Charaktere und clevere Überraschungen wenig Platz ist. Viel mehr verlangt der Film von seinem Publikum, dass es sich in diesem grimmigen Höllenschlund treiben lässt, von einer pessimistischen Situation über die verschwitzten Figuren hin zum nächsten Inferno, bis man am Ende gute Lust verspürt, eine Dusche zu nehmen. 


6 von 10 abgetrennte Köpfe



von Pat

Review: DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY – Matt Damon allein auf dem Mars!

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Fakten:
Der Marsianer – Rettet Mark Watney (The Martian)
USA, 2015. Regie: Ridley Scott. Buch: Drew Goddard, Andy Weir (Vorlage). Mit: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Sean Bean, Chiwetel Ejiofor, Kristen Wiig, Michael Peña, Donald Glover, Jeff Daniels, Aksel Hennie u.a. Länge: 144 Minuten. FSK: Freigeben ab 12 Jahren. Ab 18. Februar 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mark Watney ist Botaniker, Ingenieur und arbeitet für die NASA. Als Crewmitglied der Ares 3 nimmt er an einer Mission auf dem Mars teil. Es kommt jedoch zu einem Unfall und der totgeglaubte Mark wird von seiner Crew alleine zurückgelassen. Mithilfe seiner Fähigkeiten versucht er das Unmögliche, nämlich auf dem fremden Planeten zu überleben.




Meinung:
Es ist schon erstaunlich in welcher Frequenz Ridley Scott millionenschwere Hollywoodprojekte aus dem Boden stampft. War zum Jahreswechsel noch die Bibeladaption „Exodus“ in den deutschen Kinos zu sehen, so erwartet uns jetzt „Der Marsianer“. Fast jährlich präsentiert uns Scott seine Filme, die aber vor allem in den letzten zehn Jahren deutlich an Qualität verloren und nicht mehr viel mit der früheren Genialität von Werken wie „Blade Runner“ oder „Alien“ zu tun hatten. Mit „Der Marsianer“ kann Scott zwar nicht ganz an seine größten Errungenschaften anknüpfen, bremst aber zumindest die Abwärtstendenz und beweist, dass er es eben doch noch kann.


Ben Affleck wäre das nicht passiert
Science-Fiction erfreut sich in den letzten Jahren wieder einmal steigender Beliebtheit, „Gravity“ und „Interstellar“ sind dabei wohl die zwei großen Namen der jüngeren Vergangenheit. Wer von diesen Filmen übersättigt ist, der kann beruhigt sein. Denn eins der positivsten Dinge, die man über „Der Marsianer“ sagen kann ist, dass er nicht all zu viel mit den oben genannten Streifen zu tun hat. Wir hatten große emotionale Momente. Wir hatten die unnahbare Bedrohung der allgegenwärtigen Leere. Wir hatten ernste und prätentiöse Dialoge und Thematiken. Nicht, dass daran etwas auszusetzen wäre, aber trotzdem ist es schön, dass „Der Marsianer“ in eine komplett andere Richtung steuert. Eine deutlich witzigere, seichtere und unbeschwerte Richtung. Wissenschaft ist cool. Das ist so ziemlich die einzige Message, die man aus „Der Marsianer“ mitnimmt. Denn seien wir mal ehrlich, wenn Mark Watney es schafft sich lediglich durch technische und biologische Kniffe eindrucksvoll von einer aussichtslosen Situation in die nächste zu retten und die lebensgefährliche Lage dabei wie ein lustiges Survivalcamp aussehen zu lassen dann macht das einfach Spaß. Unterlegt wird das Ganze mit fetziger Discomusik aus den 70er Jahren und einem optimistisch witzelnden Matt Damon, fertig ist der Blockbuster.


Ein grüner Daumen auf dem roten Planeten
Warum das ganze 150 Minuten geht fragt man sich vielleicht. Oder für was man gefühlt 15 verschiedene Charaktere im Hauptquartier der NASA braucht, die Funktionen erfüllen, die man locker durch zwei Figuren ausfüllen könnte. „Der Marsianer“ ist sicherlich nicht frei von Fehlern, aber gerade weil er keinen Hehl daraus macht, ein simpel gestrickter Unterhaltungsfilm zu sein ist er so sympathisch. Unterm Strich bringt der Film dabei auch nicht viel Neues. Nichts was Filme wie „Cast Away“ & Co nicht schon vor einigen Jahren machten, nur ist „Der Marsianer“ dank seinem Setting doch einen Ticken hübscher verpackt. Visuell kann Scott nämlich einige interessante Reize setzen und auch wenn davon nichts wirklich Neuartiges dabei ist so macht der Film audiovisuell doch eine sehr gute Figur. Scott gelingt es jedoch nicht nur eindrucksvolle Bilder zu finden, sondern auch den Zuschauer in die Rolle des Protagonisten zu setzen. Auch wenn wohl nur die wenigstens über die technischen Fähigkeiten von Mark Watney verfügen, so stellt man sich trotzdem die Frage was man selbst in dieser Situation machen würde. Gerade die Projektion des Zuschauers auf die Hauptfigur macht den Film zu einem intensiven Erlebnis und bindet den Zuschauer mit ein.


Ridley Scott is back. Zumindest zu großen Teilen, denn auch „Der Marsianer“ ist nicht frei von Fehlern. Eigentlich sind es sogar viele kleinere Baustellen an denen der Film nicht ganz rund läuft, doch letztendlich sind es die gelungenen Momente, die ihn auszeichnen und unterm Strich auch zu einem lohnenden Kinoerlebnis machen.


7 von 10 selbstgepflanzten Kartoffeln


von Vitellone

Review: 12 YEARS A SLAVE – Freiheit ist das Einzige, was zählt

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Fakten:
12 Years a Slave
USA. 2013.
Regie: Steve McQueen. Buch: John Ridley, Solomon Northup (Vorlage). Mit: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Paul Dano, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Giamatti, Lupita Nyong’o, Sarah Paulson, Scoot McNairy, Kelsey Scótt, Alfre Woodward, Michael K. Williams, Quvenzhané Wallis, Bryan Bratt u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 16. März 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story;
1841. Der afroamerikanische Geigenspieler Solomon ist ein freier Mann aus New York, der eine Frau und zwei Kinder hat. Von zwei Männer erhält er das Angebot für einen Auftritt in Washington. Dies erweist sich als eine perfide Falle. Die Männer nehmen Solomon gefangen, verschleppe ihn nach New Orleans und verkaufen ihn als Sklave an einen Plantagenbesitzer.





Meinung:
Steve McQueen hat den Status eines Rohdiamanten in seinem Fach, den es nach und nach zu schleifen gilt, leichtfüßig übersprungen und mit seinem schonungslosen Meisterwerk „Shame“ bewiesen, dass sein erster Spielfilm „Hunger“ keinesfalls nur durch bloßes Glück in der Umsetzung derartig gelingen konnte. Das Kino des Briten zeichnet sich in seinen stärksten Phasen durch die konzentrierte Stille aus, die ihre Charaktere vollständig aufsaugt und ihr glühendes Innenleben ohne jede Verfälschung an die Oberfläche kehrt. Es sind intensive Momente, feine Anekdoten, die in ihrer kompromisslosen Dynamik gänzlich ohne Worte verharren und allein durch die furiose Ausstrahlung der zentrierten Augen funktionieren. Kaum jemand von der neuen, hoffnungsvollen Garde, zu der sich gewiss auch Nicolas Winding Refn, Xavier Dolan und Tomas Alfredson zählen dürfen, kommt dem altbackenen Sprichwort „Augen sind der Spiegel zur Seele“ in seiner metaphorischen, künstlerischen Präzision näher, als McQueen es in seiner ganz persönlichen Grafik tut.



Mit „12 Years a Slave“ entzieht sich Steve McQueen nun jener dechiffrierenden Subtilität, die sowohl „Hunger“ als auch „Shame“ so unglaublich nachhaltig wirkend ließen und eignet sich dabei eine durchaus massenkompatible Gangart an, die sich nicht mehr nur in elitären Arthouse-Gefilden erkenntlich zeigt, sondern die großen Bühnen dieser Welt aufsucht und gewiss finden wird. Nicht umsonst wird „12 Years a Slave“ als heißester Kandidat im kommenden Oscar-Renner gehandelt, was nun ja bekanntlich nicht unbedingt für die Qualität eines Filmes sprechen muss. Erinnern wir uns nur an das horrende letzte Jahr, in dem Ben Affleck den Award für „Argo“ entgegennehmen durfte, Paul Thomas Andersons „The Master“ hingegen in der Kategorie ‚Bester Film‘ aber bezeichnenderweise nicht einmal nominiert wurde. Aber zum Glück ist Steve McQueen kein Ben Affleck und „12 Years a Slave“ ganz im Gegensatz zu „Argo“ – auch wenn der direkte Vergleich gar abwegig scheint – ein ohne Frage guter Film geworden, obwohl die ebenso zweifelsohne entfachte Enttäuschung über Steve McQueens neues Werk nicht wegzureden ist.



Es ist ungemein erfreulich, dass sich Steve McQueen auch mit „12 Years a Slave“ – und dieser Film schreit ja geradezu nach der Liebe der Allgemeinheit – nicht durch den Fleischwolf der Traumfabrik hat drehen lassen und sich charakteristischen Direktiven nicht zu Gunsten des Publikums entzieht oder auch entziehen lässt. „12 Years a Slave“ besitzt in seiner unbeschönigten Darstellung der damaligen Verhältnisse auf den Plantagen eine Härte, vor der andere Projekte dieser Größenanordnung sicherlich zurückgeschreckt wären und so nur die halbe Wahrheit offenbart hätten. McQueens innig geliebte Plansequenzen kommen abermals zum Einsatz und fristen keineswegs ein tumbes Dasein als sadistischer Voyeurismus, sondern dokumentieren emphatisch und lassen den Zuschauer so erfahren was es heißt, in eine Welt gezogen zu werden, die sich jeder Menschenwürde von Grund auf entledigt hat. McQueen und sein Autor John Ridley aber wissen, dass es allein nicht reichen kann, stupide Machtverhältnisse zu ästhetisieren, wie es Quentin Tarantino in seinem thematisch unreflektierten „Django Unchained“ noch getan hat, „12 Years a Slave“ hingegen nimmt seine Vorlage ernst und bohrt tiefer.

 
Unvergesslich scheinen da nämlich nicht nur die qualvollen Augenblicke, in denen Solomon (Chiwetel Ejiofor) seine eigene Identität als freier Mann verleugnen soll und bei renitenten Widerworten so lange auf seinen Rücken eingeschlagen wird, bis er endlich gehorcht. Sondern die Szene, in der Solomon von dem gedemütigten Vorarbeiter Tibeats (Paul Dano) mit Hilfe von zwei weiteren Handlangern aufgeknüpft wird und schließlich mit den Zehenspitzen den rettenden Kontakt zum Boden sucht. Die Kamera hält dabei nicht nur den um sein Leben kämpfenden Solomon statisch fest, sie rückt ebenso die weiteren Sklaven im Hintergrund in den Fokus, die gar phlegmatisch ihrer Arbeit nachgehen, bis sich eine der Sklavinnen schließlich doch dazu erbarmen kann, Solomon ein Glas Wasser in den Mund zu kippen. Diese Minuten stehen sinnbildlich für die Mechanismen und Konditionen in diesem schwarzen Kapitel Amerikas und verknüpfen – wie auch im Rest der Laufzeit – Todesängste, Lethargie und existentiellen Opportunismus. Solomon nämlich weiß wie es ist, ein Leben in gutsituierter Freiheit zu führen, während den meisten anderen Sklaven ein solches Glück nie vergönnt war.



Dass es in dieser Zeit und den jeweiligen Plantagen nicht nur Bestien unter den Mastern gab, wird ebenso gezeigt, wie die gewalttätige Willkür anderer Sklavenhalter, genau wie „12 Years a Slave“ verdeutlicht, dass die Sklaven untereinander nicht immer füreinander eingestanden haben, sondern vorerst ihre eigene Haut retten möchten, ob nun mit den Vorzügen des eigenen Körpers oder der zwanghaften Teilnahmslosigkeit. Solomon kann und will dieses geknechtete Dasein nicht als seine neue Wirklichkeit akzeptieren, er will nicht nur einfach überleben, sondern sein altes Leben im Schoß der Familie zurück. Was ihm bleibt ist eben jener unauffällige Opportunismus; das Beipflichten und Raushalten, das Gehorchen und Schweigen. Nur gegen ein tyrannisches Monstrum wie Edwin Epps (Michael Fassbender) hilft der Rückzug, wie noch beim sich selbst belügend Möchtegern-Humanisten William Ford (Benedict Cumberbatch) rein gar nichts. Wenn sich dann die Schlüsselfigur Brass (Brad Pitt) bemerkbar macht, ist für Solomon wieder ein Licht am Ende der Dunkelheit erkennbar, Brass‘ Stilisierung zum heilbringenden Samariter darf aber belächelt werden und raubt dann doch ein stückweit die erpichte Authentizität.


Problematisch wird es, wenn sich Steve McQueens Ägide mit weiteren formalen Faktoren verheddert. Damit ist vor allem Hans Zimmers übertrieben dramatischer und gerne auch mechanisch hämmernder Soundtrack gemeint, der sich immer in einem pejorativen Konflikt mit McQueens Auffassung einen Film zu erzählen befindet. Weiß der versierte Regisseur nämlich, dass er seinem  Publikum mit dem Einzelschicksal des Solomon nicht zu nah an sich zerren darf und bewahrt eine nüchterne Distanz zum Geschehen, suggeriert Zimmers Score einen vollkommen konträren Eindruck dessen. Als wäre McQueen nicht in der Lage, durch seine inszenatorische Kompetenz Emotionen zu schüren, setzt die Musik auf duselige Manipulation, um auch dem Zuschauer in der hintersten Reihe darzulegen, dass es gerade doch um Gefühle, welcher Art auch immer, auf der Leinwand geht. „12 Years a Slave“ hätte es besser getan, auf eine musikalische Untermalung gänzlich zu verzichten, weil sie von vornherein nicht die audiovisuelle Symbiose bezwecken und der Narration förderlich zutragen kann, wie McQueen es in „Shame“ noch tat. Lob hat „12 Years a Slave“ für seine realistische Ambiguität allemal verdient, die generellen Jubelchöre aber sind doch zu viel des Guten.


6 von 10 Peitschenhieben


von souli

Review: CHILDREN OF MEN - Hoffnung in kinderloser Welt

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Fakten:
USA, Großbritannien. 2006. Regie: Alfonso Cuarón.
Buch: Alfonso Cuaròn, Timothy J. Sexton. Darsteller: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine, Chiwetel Ejiofor, Charlie Hunnam, Claire-Hope Ashitey, Pam Ferris, Danny Huston, Peter Mullan u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Im England des Jahres 2027 werden keine Kinder mehr geboren, auf den Straßen regiert die Polizei, Ausländer werden in Ghettos abgeschoben und terroristische Untergrundgruppierungen versuchen gegen den Staat vorzugehen. Als der jüngste Mensch der Erde mit 18 Jahren starb, da war dies ein globaler Skandal, doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Eine junge Frau in England ist schwanger. Doch sie ist ausgerechnet Ausländerin, was der Staat sicher nicht gutheißen kann. Dennoch könnte sie den Fortbestand der Menschheit sichern. Eine Gruppe von Untergrundaktivisten um ihre Anführerin Julian (Julianne Moore) will zusammen mit Theo (Clive Owen), einem desillusionierten Regierungsmitarbeiter, die junge Frau in ein sicheres Forschungslabor auf hoher See bringen. Aber der Weg dorthin wird zum harten Kampf ums Überleben.




Meinung:
Im Jahr 2027 sperrt die Polizei Ausländer in Käfige
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat mit „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ bereits gezeigt, dass er düstere Geschichten erzählen und diese dazu noch optisch ansprechend inszenieren kann. Was er in Hogwarts begonnen hat, das setzt er in einer Erwachsenenversion fort. Cuarón schafft es, auf Basis der damaligen Situation (und eigentlich auch unserer heutigen) von zurückgehender Geburtenrate und zunehmender Überwachung und Gewalt eine konsequent weitergedachte Zukunftsvision, eine Dystopie zu erschaffen, die erschreckend realistisch aussieht. Im Jahr 2027 sind allem Anschein nach alle Menschen längst unfruchtbar geworden, es gibt keine Kinder mehr, der jüngste Mensch der Welt ist mit 18 Jahren gerade gestorben. Auf den Straßen herrscht Chaos, Terror, Zerstörung und Elend. Die Länder sind zu Polizeistaaten geworden und Ausländer werden rigoros in Ghettos gesteckt. In Lager. Die Menschheit scheint auszusterben oder sich vielleicht schon zuvor selbst zu vernichten. Und genau in diese niederschmetternde Zukunftsvision baut Cuarón dann einen Hoffnungsschimmer ein in Form dieser jungen, schwangeren Frau Kee. Einer Ausländerin. Sie gilt es um jeden Preis zu beschützen, ihr Kind soll zu einer Forschungsstation im Meer gebracht werden. Und dafür wird ein ehemaliger Aktivist und desillusionierter Regierungsbeamter von der Untergrundorganisation „Fishes“ angeworben. Er soll Kee beschützen und sicher aus dem Land bringen.

Theo und Kee auf ihrem Weg durch Trümmer und Polizei
Die unheimlich interessante Geschichte wird in eine glaubhafte Atmosphäre eingebettet. Klar, sieht man sich die Geschichte einzeln an, so wird man die Glaubwürdigkeit eher bezweifeln, aber durch die ganze Inszenierung, durch den Müll und die Trümmer auf den Straßen und durch die Darstellung von harter aber eben realistischer Gewalt, aber auch durch die eigentümliche Kombination aus hektischer Langsamkeit und gedrosselter Hektik der ganzen Szenerie, durch all dies bekommt der Zuschauer den Eindruck, es mit einer authentischen Geschichte zu tun zu haben. Mit einer authentischen und gerade deshalb deprimierenden Geschichte. Dazu kommen einige Wendungen, eine enorme Spannung und so zentrale Themen wie Hoffnung, Rassismus und Interkulturalität. Die starke Musik von John Tavener und die brisante Aktualität der politischen Themen wie Überwachung, Folter und Geburtenrückgang tun ihr Übriges, dass der Zuschauer sofort gefesselt ist.


Clive Owen gelingt der Spagat zwischen ehemaligem Aktivisten, müdem Beamten und cooler Socke sehr gut. Er steht klar im Fokus, so gut wie keine Szene geschieht ohne seine Anwesenheit. Aber auch die Nebenrollen sind ausnahmslos gut besetzt. Julianne Moore als Theos Ex-Frau Julian, die auch gleichzeitig Anführerin der Untergrundorganisation „Fishes“ ist. Außerdem Chiwetel Ejiofor, die junge Claire-Hope Ashitey als schwangere junge Frau mit dem überaus passenden Namen für diese hoffnungsvolle Rolle und als Krönung Michael Caine, der die anderen Darsteller in seinen Szenen lässig als alternder Hippie mit langen, weißen Haaren in den Schatten stellt.
 


Cuarón und sein Hauptdarsteller: die Kamera
Aber eigentlicher Hauptdarsteller des Films ist die Kamera. Cuarón und sein Kameramann Emmanuel Lubezki schaffen es, die das gesamte Elend, den Schmutz und die Zerstörung perfekt einzufangen. Die Kamera wirkt dabei nie aufdringlich, eher wie ein immer präsenter Begleiter, ein Beobachter, der einfach nur zeigt, was er sieht. So hält Lubezki nicht immer voll auf die Effekte drauf, sodass der Zuschauer einige Effekte quasi aus dem Augenwinkel wahrnimmt, sodass es noch echter wirkt. Und auch der Schnitt von Cuarón und Alex Rodríguez verstärkt diese Wirkung. Sehr sparsam werden die Schnitte gesetzt, die Szenen wirken dadurch noch flüssiger, dauern nicht selten über mehrere Minuten an. Und als Zuschauer traut man sich oft gar nicht zu blinzeln, aus Angst, etwas zu verpassen. Besonders bei den Schießereien, bei den Verfolgungsjagden, bei den hektischeren Momenten des Films kommen Kameraführung und Schnitttechnik gut zur Geltung.

Zusammengefasst kann der dystopische Thriller „Children of Men“ durch seine starken Bilder, eine unglaubliche Atmosphäre, eine intelligente, aktuelle und spannende Geschichte und tolle Schauspieler punkten. Er fesselt und zeigt Szenen, die manchmal minutenlang ohne Schnitt, dafür mit umso beeindruckenderen Kamerafahrten auskommen und so, wie wohl auch der ganze Film, sicher länger im Gedächtnis bleiben werden. 

9 von 10 Kaffee mit Whiskey.