Alfonso Cuarons “Gravity” feiert weiterhin weltweit große Erfolge. Zu Recht wie wir finden. Nun wurde der Kurzfilm „Aningaaq“ veröffentlicht, der ein paar offene Fragen des Films beantwortet. Wer „Gravity“ noch nicht gesehen hat, wird mit diesem Film wohl eher nicht viel anfangen können. Allen anderen wünschen wir viel Spaß.
Fakten: Gravity
USA. 2013. Regie: Alfonso Cuarón. Buch: Jonas Cuarón, Alfonso Cuarón. Mit: Sandra
Bullock, George Clooney. Länge: 91 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 21. Februar auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.
Story: Für Astronaut Matt Kowalski ist es der letzte Einsatz im Weltraum. Seine
Kollegin, die Ingenieurin Dr. Ryan Stone, ist hingegen das erste Mal draußen im
All. Zusammen sollen sie Reparaturarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop vornehmen.
Als die Astronauten in Kontakt mit Trümmerteilen eines alten Satelliten kommen,
und ihr Space Shuttle zerstört wird, fliegen Kowalski und Stone schwerelos im
Orbit. Um zu überleben und sich zu retten, müssen sie zusammenbleiben.
Meinung: Unendlichkeit. Wie kann
ein Filmemacher sie in einem seiner Werke einfangen? Wie schafft er, die Größe,
die Weite, die Stille des Weltalls so in Bilder zu verwandeln, dass wir als
Zuschauer das Gefühl haben hier etwas Wahres und Authentisches zu sehen? Noch
viel wichtiger: Wie gelingt es das Gefühl von Unendlichkeit zu vermitteln?
Regisseur Alfonso Cuarón sollte jemand diese Frage stellen, denn mit seinem
Opus „Gravity“ beweist er, dass es möglich ist, das Kino in einen Ort zu
verwandeln, in dem man das unbeschreibliche Gefühl hat schwerelos im Orbit zu sein.
Eine umwerfende Erfahrung, ermöglicht durch den Zauber des Kinos.
Alleine im Weltall: Stone und Kowalski
Alfonso Cuarón, der zusammen mit seinem Sohn Jonas das Drehbuch
schrieb, sowie Kameramann Emmanuel Lubezki, entwerfen mittels einer reduzierten
Geschichte und tricktechnischer Perfektion einen Film, der neben Ang Lees „Life of Pi“ zum schönsten gehört, was das moderne SFX-Kino zu bieten hat. Ähnlich wie
bei Lee, gelingt es Cuarón auch, dass die tricktechnische Brillanz seines Films
niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich homogen ins Gesamtbild einfügt. Während z.B.
James Camerons „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ wie ein plumpes Schaulaufen der
Special Effects wirkt, unterstützen die großen Bilder die Geschichte und vor
allem das Gefühl, welches „Gravity“ erzeugt. Anders gesagt: „Gravity“ gelingt
es die heutigen Möglichkeiten des Filmemachens zu nutzen, ohne dabei das Gefühl
beim zuschauen zu verursachen, er wäre ein Lakai der Illusionen aus dem
Rechner. Aber natürlich sind es vor allem die Bits und Bytes, die dabei helfen
die Unendlichkeit, in der sich die beiden Astronauten Kowalski und Stone
gefangen sind, so zu präsentieren, dass einem der Atem stockt. Selten wurde der
Weltraum so rigoros beeindruckend präsentiert wie bei „Gravity“. Dabei
behilflich ist auch seine Dreidimensionalität. Wer hier jedoch marktschreierische
Frontalangriffe auf den Sehnerv erwartet, dürfte weitestgehend enttäuscht sein.
Cuarón nutzt den Effekt um die unendliche Räumlichkeit besser zu visualisieren.
Auch ohne 3D-Brille auf der Nase dürfte „Gravity“ überzeugen, die Hauptsache
bleibt, dass Cuaróns Sci-Fi-Drama dort gesehen werden sollte, wofür er gemacht
wurde: die große Leinwand eines Kinos.
Nur nicht loslassen
Auch wenn „Gravity“ vordergründig ein rein auf Schauwerte ausgelegter Film ist,
so versucht Cuarón den Überlebenskampf der beiden Astronauten dennoch auch eine
philosophische Komponente zu verleihen. Das Ergebnis ist ein leicht
verständliches Zeugnis aus Empfindungen. Emotionen, die aufeinanderprallen. Im
Dickicht seiner brillanten Atmosphäre, verbleiben die menschlichen Attribute von
„Gravity“ ein wenig im Schatten, da die audiovisuelle Wucht der Inszenierung
sie immer wieder zurückdrängt, aber auch aus einer leicht abseitigen Position berührt
das Schicksal der Helden. Vor allem weil sich George Clooney und ganz besonders
Sandra Bullock von ihrer besten Seite zeigen und sogar vergessen lassen, dass
die persönlichen, irdischen Schicksalsschläge aus der Vergangenheit von Stone
und Kowalski, die immer wieder thematisiert werden und nicht gerade vielschichtig
sind. Dafür konzentriert sich Cuarón voll und ganz auf die beiden Astronauten.
Ein Kammerspiel im Orbit. Die Enge der Verzweiflung trifft auf die Grenzenlosigkeit
des Alls. Das ist so befremdlich wie beklemmend und drückt einen immer wieder
in den Kinosessel.
„Gravity“ ist bestes Kino. Ein Kino der Bilder, dessen Größe schwer in Worte zu
fassen ist. Sein formeller Inhalt mag bescheiden sein, erweist sich aber auch
als Puzzleteil, um das Gesamtwerk aus Hoffnung und Verzweiflung, Weite und Ferne,
Leben und Tod zu komplettieren. Es ist ein Film des Stauens, ein cineastische Präsenz
die für immense Faszinationen und weit aufgerissene Augen sorgt. Es ist die
Magie, die man verspürt, wenn man nachts rauf zu den Sternen blickt und bemerkt
wie klein man eigentlich ist. Genau dieses Gefühl ist es welches „Gravity“
hervorruft. Das Gefühl von Unendlichkeit.
Fakten:
USA, Großbritannien. 2006. Regie: Alfonso Cuarón. Buch: Alfonso Cuaròn, Timothy J. Sexton. Darsteller: Clive Owen,
Julianne Moore, Michael Caine, Chiwetel Ejiofor, Charlie Hunnam, Claire-Hope
Ashitey, Pam Ferris, Danny Huston, Peter Mullan u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: ab 16 Jahren
freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.
Story: Im England des Jahres 2027
werden keine Kinder mehr geboren, auf den Straßen regiert die Polizei,
Ausländer werden in Ghettos abgeschoben und terroristische
Untergrundgruppierungen versuchen gegen den Staat vorzugehen. Als der jüngste
Mensch der Erde mit 18 Jahren starb, da war dies ein globaler Skandal, doch es
gibt einen Hoffnungsschimmer. Eine junge Frau in England ist schwanger. Doch
sie ist ausgerechnet Ausländerin, was der Staat sicher nicht gutheißen kann.
Dennoch könnte sie den Fortbestand der Menschheit sichern. Eine Gruppe von
Untergrundaktivisten um ihre Anführerin Julian (Julianne Moore) will zusammen
mit Theo (Clive Owen), einem desillusionierten Regierungsmitarbeiter, die junge
Frau in ein sicheres Forschungslabor auf hoher See bringen. Aber der Weg
dorthin wird zum harten Kampf ums Überleben.
Meinung:
Im Jahr 2027 sperrt die Polizei Ausländer in Käfige
Der mexikanische Regisseur Alfonso
Cuarón hat mit „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ bereits gezeigt,
dass er düstere Geschichten erzählen und diese dazu noch optisch ansprechend
inszenieren kann. Was er in Hogwarts begonnen hat, das setzt er in einer
Erwachsenenversion fort. Cuarón schafft es, auf Basis der damaligen Situation
(und eigentlich auch unserer heutigen) von zurückgehender Geburtenrate und
zunehmender Überwachung und Gewalt eine konsequent weitergedachte
Zukunftsvision, eine Dystopie zu erschaffen, die erschreckend realistisch
aussieht. Im Jahr 2027 sind allem Anschein nach alle Menschen längst unfruchtbar
geworden, es gibt keine Kinder mehr, der jüngste Mensch der Welt ist mit 18
Jahren gerade gestorben. Auf den Straßen herrscht Chaos, Terror, Zerstörung und
Elend. Die Länder sind zu Polizeistaaten geworden und Ausländer werden rigoros
in Ghettos gesteckt. In Lager. Die Menschheit scheint auszusterben oder sich
vielleicht schon zuvor selbst zu vernichten. Und genau in diese
niederschmetternde Zukunftsvision baut Cuarón dann einen Hoffnungsschimmer ein
in Form dieser jungen, schwangeren Frau Kee. Einer Ausländerin. Sie gilt es um
jeden Preis zu beschützen, ihr Kind soll zu einer Forschungsstation im Meer
gebracht werden. Und dafür wird ein ehemaliger Aktivist und desillusionierter
Regierungsbeamter von der Untergrundorganisation „Fishes“ angeworben. Er soll Kee
beschützen und sicher aus dem Land bringen.
Theo und Kee auf ihrem Weg durch Trümmer und Polizei
Die unheimlich interessante
Geschichte wird in eine glaubhafte Atmosphäre eingebettet. Klar, sieht man sich
die Geschichte einzeln an, so wird man die Glaubwürdigkeit eher bezweifeln,
aber durch die ganze Inszenierung, durch den Müll und die Trümmer auf den
Straßen und durch die Darstellung von harter aber eben realistischer Gewalt,
aber auch durch die eigentümliche Kombination aus hektischer Langsamkeit und
gedrosselter Hektik der ganzen Szenerie, durch all dies bekommt der Zuschauer
den Eindruck, es mit einer authentischen Geschichte zu tun zu haben. Mit einer
authentischen und gerade deshalb deprimierenden Geschichte. Dazu kommen einige
Wendungen, eine enorme Spannung und so zentrale Themen wie Hoffnung, Rassismus
und Interkulturalität. Die starke Musik von John Tavener und die brisante
Aktualität der politischen Themen wie Überwachung, Folter und Geburtenrückgang
tun ihr Übriges, dass der Zuschauer sofort gefesselt ist.
Clive
Owen gelingt der Spagat zwischen ehemaligem Aktivisten, müdem Beamten und
cooler Socke sehr gut. Er steht klar im Fokus, so gut wie keine Szene geschieht
ohne seine Anwesenheit. Aber auch die Nebenrollen sind ausnahmslos gut besetzt.
Julianne Moore als Theos Ex-Frau Julian, die auch gleichzeitig Anführerin der
Untergrundorganisation „Fishes“ ist. Außerdem Chiwetel Ejiofor, die junge
Claire-Hope Ashitey als schwangere junge Frau mit dem überaus passenden Namen
für diese hoffnungsvolle Rolle und als Krönung Michael Caine, der die anderen
Darsteller in seinen Szenen lässig als alternder Hippie mit langen, weißen
Haaren in den Schatten stellt.
Cuarón und sein Hauptdarsteller: die Kamera
Aber eigentlicher Hauptdarsteller
des Films ist die Kamera. Cuarón und sein Kameramann Emmanuel Lubezki schaffen
es, die das gesamte Elend, den Schmutz und die Zerstörung perfekt einzufangen.
Die Kamera wirkt dabei nie aufdringlich, eher wie ein immer präsenter
Begleiter, ein Beobachter, der einfach nur zeigt, was er sieht. So hält Lubezki
nicht immer voll auf die Effekte drauf, sodass der Zuschauer einige Effekte
quasi aus dem Augenwinkel wahrnimmt, sodass es noch echter wirkt. Und auch der
Schnitt von Cuarón und Alex Rodríguez verstärkt diese Wirkung. Sehr sparsam
werden die Schnitte gesetzt, die Szenen wirken dadurch noch flüssiger, dauern
nicht selten über mehrere Minuten an. Und als Zuschauer traut man sich oft gar
nicht zu blinzeln, aus Angst, etwas zu verpassen. Besonders bei den
Schießereien, bei den Verfolgungsjagden, bei den hektischeren Momenten des
Films kommen Kameraführung und Schnitttechnik gut zur Geltung.
Zusammengefasst kann der dystopische Thriller
„Children of Men“ durch seine starken Bilder, eine unglaubliche Atmosphäre,
eine intelligente, aktuelle und spannende Geschichte und tolle Schauspieler
punkten. Er fesselt und zeigt Szenen, die manchmal minutenlang ohne Schnitt,
dafür mit umso beeindruckenderen Kamerafahrten auskommen und so, wie wohl auch
der ganze Film, sicher länger im Gedächtnis bleiben werden.
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuaron hat mit "Children of Men" und "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban" im letzten Jahrzehnt gleich zwei moderne Klassiker geschaffen. Endlich meldet sich der Maestro zurück. "Gravity", mit George Clooney und Sandra Bullock, ist ein Sci-Fi-Thriller und da Emmanuel Lubezki erneut hinter der Kamera steht, dürfen wir uns schon mal auf einen optischen Hochgenuss freuen. Für Script zeichnet sich der Regisseur höchstselbst sowie sein Bruder Jonas verantwortlich. Am 3. Oktober 2013 wird sich zeigen, ob wir von "Gravity" angezogen werden.
Und hier noch rasch die offizielle Synopsis:
Bullock plays Dr.
Ryan Stone, a brilliant medical engineer on her first shuttle mission,
with veteran astronaut Matt Kowalsky (Clooney) in command of his last
flight before retiring. But on a seemingly routine spacewalk, disaster
strikes. The shuttle is destroyed, leaving Stone and Kowalsky completely
alone--tethered to nothing but each other and spiraling out into the
blackness. The deafening silence tells them they have lost any
link to Earth...and any chance for rescue. As fear turns to panic, every
gulp of air eats away at what little oxygen is left. But the only way home may be to go further out into the terrifying expanse of space.