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Review: DOCTOR STRANGE – Kommt ein Arzt ins Multiversum...

1 Kommentar:

Fakten:
Doctor Strange
USA. 2016. Regie: Scott Derrickson. Buch: C. Robert Cargill, Jon Spaihts,Scottt Derrickson. Mit: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Benedict Wong, Mads Mikkelsen, Tilda Swinton, Michael Stuhlbarg, Benjamin Bratt, Scott Adkins, Zara Phythian, Alaa Safi, Katrina Durden, Topo Wresniwiro, Umit Ulgen, Linda Louise Duan, Mark Anthony Brighton u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 9. März 2017 auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
„Doctor Strange“ erzählt von dem egozentrischen Neurochirurgen Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch), der nach einem Autounfall nicht mehr operieren kann, da seine Hände verletzt wurden. Verzweifelt begibt er sich nach Tibet zu der Einsiedlerin The Ancient One (Tilda Swinton), von der er sich Heilung verspricht. The Ancient One verwehrt ihm jedoch seinen Wunsch und ist zudem nicht nur eine Eremitin, sondern auch die magische Verteidigerin der Welt. Sie unterrichtet Doctor Strange in den mythischen Zauberkräften und bildet ihn zum Obersten Zauberer, zum Sorcerer Supreme, aus. Doch ein weiterer Schützling von The Ancient One, Baron Mordo (Chiwetel Ejiofor), könnte für Doctor Strange zu einer großen Gefahr werden.





Kritik:
Marvel wird endlich ehrlich! Oder zumindest teilweise, vor allem in zweierlei Hinsicht, wenn es um Neuling „Doctor Strange“ geht. So ist zum Einen im Presseheft weniger von einem Film, denn von einem Event die Rede, was die nicht allzu großen Anstrengungen in Sachen abgewetzter Dramaturgie im Vergleich zu den spektakulären Spezialeffekten motiviert. Zum Anderen gerät der Bösewicht des magischen Helden dadurch in die Bredouille, dass Strange ihn zum Gefangenen der Zeit macht, in welcher sich das Prozedere vom Erscheinen jenes Doktors bis ins Unendliche wiederholt, weil dieser zur Rettung der Erde schlicht nicht locker lassen kann. Die ungefähre Bewusstwerdung des Wiederkäuer-Franchise ist Scott Derrickson zu verdanken – sonst immer auf Horrorfilme („Sinister“) und den gelegentlichen Blockbuster-Gau („Der Tag, an dem die Erde stillstand“, 2008) abonniert, versucht er nun, den mystischen Touch im Superhelden-Genre zu etablieren, was er in vielerlei Hinsicht aus der Multiversums-These zu gründen versteht. Es wird da schon bezeichnend, dass dauernd von minimal variierten Dimensionen an parallelen Welten die Rede ist, wo hier doch das geläufige Narrativ der Heldensage/Origin-Topoi in gewohnter Manier das Abenteuer der Weltenrettung anvisiert, welches Derrickson jedoch seinem Metier gemäß schon früh mit Profundem wie „Orlac's Hände“ zu verbandeln scheint.

 
Mit Tapetenmuster der  1970er zur inneren Erleuchtung
Der talentierte und (sporadisch) gewitzte Chirurg Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) wacht nämlich nach einem folgenschwer computeranimierten Autounfall ohne Gefühl in seinen arg verunglückten Händen auf, welche bis dahin eben seine gesamte Behandlungskunst ausmachten. So sehr Regisseur Derrickson via jenem Milieu blutige Eindrücke des klinischen Horrors - auch mal mit suggestiver Dimensionsverschachtelung per Röntgenbild - in die Disney-Produktion einzuschmuggeln versucht, werden dem Stranger leider keine mörderischen Spenderhände angenäht. Stattdessen muss ein anderer Weg jenseits westlicher Medizin herhalten, welcher unseren Stephen auf eine Reise nach „Batman Begins“-Manier zusteuern lässt, die sich fortan zwischen Versatzstücken aus „Matrix“, „Inception“, „Casper“ und „Duell der Magier“ einzupegeln versucht. Jene Etablierung ist gewiss kein Kinderspiel, schließlich gibt sich Derrickson in seiner Inszenierung zwar geerdeter als manch anderer Kollege aus dem näheren Umfeld, flacht anhand dessen allerdings des Öfteren in der Dynamik ab. Diese will sich grundsätzlich im Kanon der „Avengers“-Bande wissen, beißt in krampfhaft konstruierten Charaktermomenten aber erst recht auf Granit, wenn der Dialog mit eingebauten Witzen aufzutrumpfen vermag, die man eben wortwörtlich nur als eingebaut bezeichnen kann - tolle Leistung, Dan Harmon...

 
Doctor Strange setzt auf Stil und Innenarchitektur
Eine Schande bei dem Ensemble, möchte man meinen, doch selbst wenn sich potenziell illustre Figuren wie Strange-Kollegin/Ex Christine Palmer (Rachel McAdams), der mysteriöse Zauberkrieger Mordo (Chiwetel Ejiofor) oder Die Älteste (Tilda Swinton) auf des verzweifelten Doktors Pfad der Erkenntnis versammeln, bleiben diese stets der umfassenden Mythologie unterworfen sowie teilweise ungenutzt zurück. Immerhin hat der Film seine thematischen Grundpfeiler sicher im Griff, wenn so oft auf Stranges Verhältnis zur Zeit hingewiesen wird, bis er eben Stück für Stück zum Meister eben dieser avanciert und somit ein gewisses Kurzweil aus Lernprozessen inklusive dimensional biegsamer Action schöpfen kann. Die Zeit drängt ohnehin, da der abtrünnige Magierscherge Kaecilius (Mads Mikkelsen - eindimensional, wenn auch ein bisschen sarkastisch) mit seinen Lakaien finstere Mächte heraufbeschwört, doch bis dahin dürfen trotzdem noch vielerlei Sparten der Zauberei ebenso ihr Showcase darbieten. Die Älteste z.B. lehrt das Geheimnis der Astralprojektion, damit jene außerkörperlichen Erfahrungen nicht als Geister bezeichnet werden müssen und der Film somit Regularien umschifft, die eine Aufführung im Box-Office-Mekka China verhindern könnten. Daneben verstehen es unsere deftigen Druiden ohnehin, global zu operieren, wenn sie Portale in jede unsichtbare Wand der Gegenwart einbrennen können, die Gegenseite im Zwischenraum der Dimensionen sodann willkürlich an der irdischen Architektur formt und expandiert. 

 
Frisbee spielen mit dem Multiversum
Ganz viele Gimmicks im Kaleidoskop der Effekte also am Start, die sich in ein stimmiges Paket schnüren lassen, wenn es auf die Zielgerade unter Übernatürlichen zugeht. Ben Davis' Kamera kann da auch noch so unbeholfen in der Kampfchoreographie wackeln und einen Kampfsport-erprobten Widersacher wie Scott Adkins verwässern: Was hier alles metaphysisch bewegt wird, darf sich als Bombast des Psychedelischen konzentriert hochjubeln. Tiefer gestapelt sind dagegen so manche Running Gags mit dem stoischen Zaubersprüche-Bibliothekar Wong (Benedict Wong). Ganz zu schweigen von diesem merkwürdigen Fetisch, Strange (als eine Art Charakterentwicklung?) mehrmals beim Rasieren zu zeigen. Unter jenem Merkmal männlichen Wachstums hat auch seine Beziehung zu Christine zu leiden, die der Film im Verlauf höchstens noch an die zwei Mal besucht, um an sein Ursprungsszenario der Chirurgie zu erinnern, sich danach aber mit einem Kuss von ihr verabschiedet, da er das alles jetzt allein unter Magiern regeln muss, babe. Manchmal erfüllt der Film eben Erwartungen, die einem wie aus der Steinzeit des Mediums scheinen (siehe z.B. den archetypischen Hinterhalt in einer düsteren Gasse), manchmal macht er aber auch Laune, wenn Morpheus Swinton der Skepsis des selbstunterschätzenden Strange zum kontinuierlichen Learning-by-Doing verhilft, ehe der Master mit den gebrochenen Händen sein ihn auswählendes Relikt zur Rettung der Menschheit erhält.


Der Simplizissismus der Marvel-Filme macht sich hier eben nicht allzu viel vor, aus ihrer Formel noch eine Aufregung fürs Oberflächliche zu schöpfen, so entschleunigt Derrickson menschliche Interaktionen durchkaut, erst im Strudel der Farben und magischen Möglichkeiten wirklich aufwacht und sogar Jumpscares anwendet, um Strange das eine oder andere Mal aus dem Herzstillstand aufspringen zu lassen. Natürlich kann ein Film nicht nur aus Höhepunkten bestehen und auch wenn ein Genre-affiner Zuschauer das meiste am Prozedere für sich vorkalkulieren könnte, ist wie gehabt für solide Unterhaltung im Sinne eines Mainstream-Konsens gesorgt. Wenn man ganz nett sein will, kann man sogar Sympathie für das Schicksal des Doktors empfinden, auch wenn es jenseits wahrer Verinnerlichung ausschließlich auf eskapistische Impulse der potenziell abgefahrenen Superkräfte trifft. Im Endeffekt wird so oder so ein Film hinterlassen, der gerne noch weiter nach allen Seiten ausschlagen, mehr noch, ein Event sein will (eine Fortsetzung im „Highlander“-Format kündigt sich dazu an), aber an jene Houdini-Zwangsjacken der Monetenzugänglichkeit gebunden ist, die insbesondere ein Scott Derrickson nimmer hätte lösen können – selbst mit Pink Floyd auf dem kultverdächtig zusammengestellten Soundtrack.


5,5 von 10 Rasierklingen


vom Witte

ROGUE ONE: A STAR WARS STORY - Auf die Größe des Imperiums kommt es an

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Fakten:
Rogue One – A Star Wars Story
USA. 2016. Regie: Gareth Edwards. Buch: Tony Gilroy, Chris Weitz, Gary Whitta, John Knoll. Mit: Felicity Jones, Diego Luna, Alan Tudyk, Donnie Yen, Wen Jiang, Ben Mendelsohn, Forest Whitaker, Riz Ahmed, Mads Mikkelsen, Jimmy Smits, Alistair Petrie, Genevieve O'Reilly, Ben Daniels, Paul Kasey, Stephen Stanton, Ian McElhinney uvm. Länge: 133 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 15. Dezember 2016 im Kino.


Story:
Die Galaxie befindet sich im Wandel, und das Imperium bringt ein Sternensystem nach dem anderen unter seine Kontrolle. Der Todesstern fungiert dabei als unbesiegbares Symbol in einem Kampf, der bereits entschieden scheint. Doch die Rebellen-Allianz hat eine letzte Mission in die Wege geleitet, um das Schicksal der Galaxie zu ändern: Die Widerstandskämpfer, unter ihnen die zunächst widerwillige Halbwaise Jyn Erso (Felicity Jones), wollen die Pläne des Todesstern stehlen, um die Zerstörung weiterer Planeten, die sich nicht dem Machtarm des Imperators unterwerfen wollen, zu verhindern.




Kritik:
Die
Franchise-Ausschlachtung nach Marvel-Format, der entbehrliche Fanboy-Hype, die unausweichliche Skepsis gegenüber Spin-Offs, die Produktionsschwierigkeiten unter Beihilfe von Tony Gilroy, etc., etc. - auch wenn alle äußeren Faktoren dagegen sprechen, ergibt „Rogue One: A Star Wars Story“ letzten Endes dennoch eine angenehme Überraschung. Im Grunde bestätigt der Film aber auch nur die Qualitäten seines Regisseurs Gareth Edwards, dessen Leistungen innerhalb seiner zwei letzten Werke, „Monsters“ und „Godzilla“, im Verlauf der Jahre so kleingeredet wurden, dass man's beinahe schon glaubte. Dabei geht seine Autorenschaft hier erneut voll auf, wenn er den Krieg im Krieg der Sterne an die Front der Emotionen holt, von der Überwältigung Einzelner erzählt und dafür tief in die Mythologie der Space-Oper greift, um Gigantisches wie Fremdartiges als Sinnbild der menschlichen Probe zu ballen. Das schließt natürlich auch ein, dass er sein Ensemble an Charakteren nicht so eindeutig an Wiedererkennungswerte koppelt, wie sie Vorgänger J.J. Abrams konstruierte, doch wo dieser per bunter Retro-Pastiche ankam, sind die Funktionen von Jyn Erso (Felicity Jones), Cassian Andor (Diego Luna) oder Saw Gerrera (Forest Whitaker) diffuser, bewusst auf stets unsicherem Boden aufgeteilt. Das geht schon von der leichten Handkamera aus, die in ihrer Erdung gen Cast klaustrophobische Stellungen einnimmt, ehe der Blick zum Horizont, der Zerstörung dessen und darüber hinaus, die Massen des Imperiums offenbart, wie die Planetenzerstörer in stiller Kälte über den Köpfen schweben, von dort aus eine Zerstörung erwirken, die Edwards sinnlich durch die Dimensionen trägt, machtlos beobachtet.

 
Dieser Horror der Demut, der seine Perspektiven am Spektakel vorbei auf die Gewissenlosigkeit des Bösen richtet, wird oftmals der Fokus innerhalb der Bemühungen jener Rebellen, welche untereinander schon von Misstrauen gekennzeichnet sind, sowieso ohne das Selbstverständnis der Magie aus vorherigen Episoden auskommen müssen. Stattdessen begibt sich Edwards mit ihnen ins Peitschen der Elemente, schon im Intro auf karge Felder unter Wind und Regen, in denen die galaktische Fehde ihr Fieber der Gewalt ausstößt, zwischen Galen Erso (Mads Mikkelsen) und Orson Krennic (Ben Mendelsohn) die ideologische Bekehrung einprügelt, in der Uniformen alles von sich abperlen und der Karriere wegen in die Lumpen der Unfreiwilligen fallen lassen. Dieses Abbild an Macht-/Missbrauchs-Verhältnissen, mehrmals im Verlauf des Films variiert, löst virtuos die Vergleiche mit Akira Kurosawa ein, die man der Reihe seit jeher anrechnet und setzt die Gefälle des Wesens Krieg dann auch im Spiel von Licht und Schatten um, dass man für knapp 130 Minuten eine Liaison mit dem allzu gegenwärtigen Spektrum an Widerständen und Vertrauensfragen eingeht. In diesem Sinne bricht der Film oftmals mit dem Konsens an Eskapismus, den man allgemein mit der Marke „Star Wars“ verbindet (auch wenn er nur ein Teil derer ist), so wie sich die Geschichte ihrer selbst willen von der Title-Scroll-Pflicht löst, bei der Einführung aller wirkenden Parteien schon auf eine Desorientierung fern festgelegter Sympathien setzt und es insofern schwieriger macht, das ersehnte Quäntchen Hoffnung anzutreffen. Es passt ins Jahr 2016, dass wir auch in diesem Rahmen mit moralischen Grautönen zu hadern haben, Druckwellen an Pessimismus nachspüren und den Schluss der Aufopferung ziehen.

 
Der Fatalismus nimmt überhand und behält sich dafür auch ein Finale vor, das makaber wie ein Veit Harlan den Sieg ohne Sieger empathisiert - „Das Imperium schlägt zurück“ bekommt Konkurrenz. Edwards kommt zwar auch nicht vom Grundriss der Heldensage weg, doch selbst wenn der Wille zur Wiederwehr hochgeschaukelt wird, verkneift er sich naiven Pathos, lässt anstelle dessen die Verzweiflung aufschwellen, welche ihren Idealen nur schwer in die Augen sehen kann, während diese unbarmherzig getilgt werden. Deren (ewige) Präsenz lässt sich aber nicht leugnen und dafür holt die Regie ein Gesamtbild raus, das seine Mammuteffekte der Phantastik in verlebte Kulissen nach „Solaris“-Art einspannt, sich vermummt durch den Sand schleppt, mit hageren Haaren und klobiger Rüstung auf nasse Schluchten hievt, an dreckigen Schläuchen atmet, unter Freunden wie Feinden Kugeln und Granaten einschießt, ebenso Roboterhirne aufschraubt. Die taffe, sehr direkte Montage zu solchen Eindrücken sucht dieses Jahr ihresgleichen! Daran werden auch durchaus im Voraus vermutete Actionszenarien aufgearbeitet, doch die bringen eine kernige Spannung mit sich, weil Edwards in der Ratlosigkeit seiner Helden eine Spontanität aus diesen schöpft, die lediglich in geringsten Anteilen mit der Blockbuster-Standard-Anlaufstelle Humor reagiert – der angebliche Szenenstehler-Android K-2SO (Alan Tudyk) belässt es da dann auch mehr bei trockenen Bemerkungen. Kein Wunder also, dass der Fan-Service minimalen Einfluss hat, zwar trotzdem stört oder auch befremdet (Stichwort: digitale Verjüngung), sich jedoch nimmer in die Belange des charakterlichen Nukleus einmischt. Da muss man sich auch mal diese ungemein starke Jyn Erso reinziehen, welche von einem Trauma ermordeter Vertrauenspersonen ins nächste rutscht, permanent die Enttäuschung verlorener Zeit durchlebt und quasi im Schockzustand den Vorstoß gegen das Imperium mobilisiert, deren Gefahren ohnehin eine ermattende Grobheit vorleben.

 
Deren Todesstern erreicht in diesem Sinne auch ein Gewicht wie nie zuvor, das in der schlichten Bewegung der Schatten und Laser zum gnadenlosen Monster manifestiert, welches Obermotz Krennic seinem sterbenden „Publikumvorstellen will. Wenn der Mann redet, spuckt die Arroganz zudem so kurzatmig, dass sich selbst Darth Vader in Zurückhaltung übt, gerade in einer Subtilität, in der das rote Lichtschwert die alleinige Lichtquelle wird, einen Albtraum von der dunklen Seite der Macht aus evoziert – vom Gedanken lesenden Tentakelviech als Vorschau ganz zu schweigen. Edwards ist da wie gesagt geschickter als Abrams unterwegs, wenn es um die Kräfte des Schreckens geht, ironischerweise findet er sodann das meiste Licht, eben den unbedingten Glauben an die helle Seite der Macht, im Blinden, Chirrut Îmwe (Donnie Yen). Als Typ ist man ihm allerdings näher als manch Mitglied der an Jedi-/Sith-Kräften beerbten Skywalker-Sippe, so abgeklärt denen das Schicksal schon in die Wiege gelegt wird, er sich hingegen mit Vertrauen herantastet, nicht durch Ären an Backstory definiert ist und nimmer 100%-ig aufgeklärt wird, gerade darin aber greifbar bleibt, ohne rein kalkulierbare Rollenmodelle der knappen Emotionalisierung wegen zu bestätigen. Der Großteil an hier kontinuierlich erarbeiteten Sympathieträgern operiert in jener Erzählweise, braucht sich im Dialog dann auch nicht auf simplistisches Phrasendreschen einlassen, eher auf die Ambivalenz an taktischen Manövern reagieren und dort am Konkretesten wirken, wo die Allianzen zum Guten noch umstritten sind. Hallt da die Hoffnung nach, die man im Strudel an schweren Verlusten nicht aussprechen kann, aber in jeder potenziellen Chance festhält?


Sich in der Waage um Aufgabe und Fortschritt zum Optimismus einzufinden, wird da sowohl der stärkste Antrieb als auch die konzeptionelle Schwäche des Films, wenn er seine Gewichte aufs Bewusstmachen brutaler Größenverhältnisse verlagert, die Erlösung aus deren Willkür im Verstecken bzw. als trojanische Pferde erwirkt und zu guter Letzt für die gute Sache sterben muss. Jene (Selbst-)Zerstörung bedingt er sogar mit Ankündigung, solange ein Mann wie hundert gegen die Truppen des Terrors antreten kann/will. Ein Kriegsfilm, wie er leibt und lebt, inklusive „For Yadha!“ und „May the force be with us“ als Schlachtrufe der Rechtschaffenheit, ohne in die Falle des Jingoismus zu tappen, was eben nur anhand des Nihilismus im Imperium sowie der Hoffnungsverdrossenheit binnen der Rebellion gelingt. Das lässt sich als Produkt einer Disney-Unterhaltungsmaschinerie teilweise schwer schlucken und treibt manchmal deutlich in trüben Gefilden der Todessehnsucht herum, signalisiert aber auch den Wachstum für eine Serie, die ihre Differenzierungen von Gut und Böse wie Macht und Ehre inzwischen wieder hauptsächlich mit Knalleffekten zu verknüpfen drohte. Bei Edwards wird der Furcht wegen nicht chargiert, beim Glauben an die Macht aber erst recht nicht via Nerd-Zynismus ironisiert, sondern (selbst in vermeintlich gedämpften Phasen) auf die Kadrierungen, rauen Flächen und Natürlichkeiten eines Krieges vor langer, langer Zeit in einer weit entfernen Galaxis konzentriert. Fantasievoll, brutal und ehrlich nah dürfte die Enttäuschung unter Einbeziehung aller sorgfältigen filmtechnischen Qualitäten und Eigenarten also eher gering ausfallen.


7 von 10 Baller-Gnomen


vom Witte

Review: MEN & CHICKEN - Mads Mikkelsen, der Wichser

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Fakten:
Men & Chicken (Mænd & høns)
DN, BRD. 2015. Regie und Buch: Anders Thomas Jensen. Mit: David Dencik, Mads Mikkelsen, Søren Malling, Nicholas Bro, Nicholaj Lie Kaas, Bodil Jørgensen, Ole Thestrup, Lisbet Dahl, Rikke Louise Andersson, Lars Petersen u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 4. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Gabriel und Elias sind Brüder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine lehrt Evolutionspsychologie und Philosophie an der Universität, der andere beschäftigt sich stattdessen hemmungslos mit Nichtstun und Masturbieren. Nach dem Tod ihres Vaters erfahren sie, dass dieser gar nicht ihr biologischer Vater war. Ihr leiblicher Vater, der mittlerweile fast 100 Jahre alt ist, soll sich auf der entlegenen Insel Ork aufhalten. Angekommen auf der dem kleinen Eiland warten weitere Überraschungen auf Gabriel und Elias: Nachdem sie zunächst auf den pragmatischen Bürgermeister und seine neurotische Tochter stoßen, treffen sie auf ihre verstörten und handgreiflichen drei Halbbrüder Franz, Josef und Gregor, die sich lieber mit ausgestopften Tieren, als mit Menschen umgeben.





Meinung:
Wenn man über das großartige skandinavische Kino redet, werden meist die Namen Lars von Trier und Susanne Bier genannt, doch einer bleibt dabei oftmals außen vor: Anders Thomas Jensen. Der werte Herr schrieb aber unzählige Drehbücher zu herausragenden Filmen (einige auch für, bzw. mit Susanne Bier) und durfte mit „Flickering Lights“, „Dänische Delikatessen“ und „Adams Äpfel“ auch beweisen, dass er ein überaus fähiger Regisseur ist, vor allem wenn es um rabenschwarze, absurde Komödien geht. Nun, nach über zehn Jahren des Wartens dürfen sich die Fans und alle Freunde von abseitigen Komödien freuen, denn mit „Men & Chicken“ kehrt Jensen endlich wieder als Regisseur zurück. Das Ergebnis darf sich bereits jetzt zu einer der wohl besten Komödien des Jahres zählen, neben Josh Lawson charmanter Episodenkomödie „Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex“.


Dänische Gentlemen beim erholsamen Tennissport
Erneut holt Anders Thomas Jensen die üblichen Verdächtigen seiner früheren Filme zusammen, ganz vorne der zum internationalen Star mutierte Ausnahmedarsteller Mads Mikkelsen, der hier so frei und herrlich aufgedreht agieren darf wie selten zuvor. Aber er ist nur ein Teilstück des großartigen Ensembles, das aus einer Vielzahl bekannter Darsteller aus dem hohen Norden besteht. Sie alle geben sich der hemmungslos skurrilen Geschichte, die Jensen, wie bei seinem vorherigen Regieeinsätzen auch, geschrieben hat, hin - und zwar idealistisch. Es ist deutlich zu spüren, dass „Men & Chicken“ eine Produktion aus Leidenschaft ist, eine Art freundschaftliches Wiedersehen, auf dass sich die Fans der Akteure und von Anders Thomas Jensen durchaus freuen dürfen, auch wenn es diesmal vielleicht nicht ganz in die Königklasse des Komödiengenres reicht, in der vor allem „Adams Äpfel“ einen Ehrenplatz inne hat. Dass „Men & Chicken“ nicht ganz die Qualität, bzw. die Erwartungen erfüllen kann, liegt paradoxerweise an einer größten Stärke des Films: seine Absurdität.


Gabriel muss erkennen, dass seine Halbrüder recht bissig sind
Während „Adams Äpfel“ durchaus emotionale Verbindungen zum Publikum erreichte, fällt es bei „Men & Chicken“ durchaus schwer einen empathischen Kontakt zu den Figuren zu erkennen. Denn Anders Thomas Jensen vierter Spielfilm wird vor allem gegen Ende so massiv durchgedreht in seinem Handlungsverlauf, dass auch der letzte Rest eines zum mitfühlen einladenden dramaturgischen Unterbau schlicht und ergreifend weggerissen wird. Kein Wunder, denn aus der von Beginn an bizarren Stoty wird nach und nach das reinste Kuriositätenkabinett und es ist kaum zu glauben, mit welcher Chuzpe und kecken Selbstverständlichkeit Anders Thomas Jensen bei „Men & Chicken“ fast schon spielerisch teils derbste Verrücktheiten integriert. Doch wie gesagt, je doller der übertriebene Wahnsinn, desto oller die eigentlich Verbindung zwischen Publikum und Figuren. Das war das Großartige bei „Adams Äpfel“: die harmonische Symbiose aus bösem Witz und durchgedrehten Rollen wie dem adipösen, kleptomanischen Ex-Tennisprofi, der trotz all seiner absonderlichen (wie auch abschreckenden) Eigenheiten immer noch Empathie erwecken konnten. Das fehlt „Men & Chicken“ leider. Allerdings ist es kein wirklich schmerzhafter Verlust.


Zwei Brüder, die sich die Liebe zu Tieren teilen
Denn auch wenn „Men & Chicken“ vielleicht nicht das gesamtgroße Highlight geworden ist, welches viele erwartet haben, so erfüllt die Komödie - die durchaus versucht auch eine tragische Komponente in all die dargebotenen Anomalitäten einzufügen - doch über genau die humoristische Qualität, die Fans von Anders Thomas Jensen erwarten. Auch sein neuster Film ist voller grandioser Komik, die scheinbar keine Grenzen kennt. Da wird sich mit Holzlatten, ausgestopften Vögeln und Großküchenkochtöpfen verprügelt bis das Blut fließt, werden abstruseste Dialoge sowie Monologe gehalten und die Bibel so rezitiert, dass die Geschichte von Gott und Abraham plötzlich in einem realistischen wie psychologischen Kontext erstrahlt. Das alles und noch vieles mehr lädt zum schallernden Lachen genauso ein wie zum konstanten Schmunzeln. Vor allem aber herrscht eine wohlige anarchische Kraft. Hier kann einfach alles passieren. Da werden Erwartungen ohne Wenn und Aber erfüllt, nur um kurze Zeit später wieder den Vorhersehbarkeiten den Stinkefinger zu zeigen. „Men & Chicken“ ist kein herausragender Film, aber eine herausragende Komödie, die übrigens hier und da sogar an Tobe Hoopers Horror-Meisterwerk "The Texas Chainsaw Massacre" erinnert.


„Men & Chicken“ ist ungehemmt amüsant wie rabenschwarz und böse. Ein Schaulaufen des galligen Humors, der ganz nebenbei eine ganz eigene, fast schon abstrakte Welt erschafft. Eine Welt mit Nudelholzsammlungen, kuriosen Tiermischwesen und Figuren, die trotz ihrer grimassenhaften Äußerlichkeiten, schrägen, charakterlichen Merkmale wie dem stetigen Drang zur Masturbation (nie war Mikkelsen besser) oder ihrer selbstgewählten sozialen Isolation niemals nur als reinrassige Monster vom Film portraitiert werden. Für Anders Thomas Jensen sind es Individuen, die sich anders entwickelt haben als die breite Masse und dennoch der sogenannten Normalität ähnlicher sind, als es ihr Äußeres oder ihr vordergründiges Verhalten preisgibt. Die seltsamen Brüder sind vielleicht nicht mehr als eine verzerrte Reflexion von uns selbst. Und während Gabriel (David Dencik) die Wahrheit sucht, versucht Franz (Søren Malling) diese zu verdrängen. Diese beiden Verhalten… es gibt wahrlich nichts Menschlicheres. Hinter all dem frechen, garstigen und scheinbar unkontrollierten (un)erwachsenen Humor steckt vielleicht nicht mehr und nicht weniger als Philanthropie.


7,5 von 10 Käsedieben

Review: THE SALVATION - Alte Rache währt am Besten

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Fakten:
The Salvation
Dänemark, Groß Britannien, Südafrika. 2014. Regie: Kristian Levring. Buch: Anders Thomas Jensen, Kristian Levring. Mit: Mads Mikkelsen, Eva Green, Jeffrey Dean Morgan, Jonathan Pryce, Mikael Persbrandt, Eric Cantona, Sean Michael, Langley Kirkwood, Robert Hobbs, Alex Arnold, Toke Lars Bjarke u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: noch nicht bekannt. Ab 24. Februar 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Amerika in den 1870ern: Der eigentlich friedlich gestimmte Siedler John (Mads Mikkelsen), der in einer korrupten Gemeinschaft lebt, will Rache für die Ermordung seiner Familie nehmen. Er bringt die Täter zur Strecke, doch einer von ihnen war der Bruder des einflussreichen Anführers Delarue (Jeffrey Dean Morgan). Delarue und seine Gang sind nun hinter John her.





Meinung:
Das gibt's ja nicht so oft - einen dänischen Western. ZENTROPA dreht die Wüste dabei vor allem im ergiebigen Südafrika auf, um das Wild-West-Americana wieder auferstehen zu lassen und die verdammte Hitze spürbar zu machen. Und Junge, haben die wirklich Wert darauf gelegt, eine ganz saubere Genre-Affäre zu präsentieren. THE SALVATION gestaltet sich nämlich wie so viele Vertreter seiner Art als fiese Rachegeschichte zwischen Blut, Staub und Blei - Mads Mikkelsen versucht darin als Siedler und ehemaliger, dänischer Söldner Jon endlich seinen Seelenfrieden mit einem guten Stück Land inkl. Frau und Kind in der weiten Prärie des Amerikas um 1870 zu finden. Aber wie der böse Zufall es so will, steigen in ihre Heimfahrt-Kutsche ein paar schmierige, jüngst aus dem Knast entlassene Halunken ein, die pöbeln, saufen und Jon's Gattin Marie (Sängerin und Songwriterin Nanna Øland Fabricius) zwischen die Beine fassen. Wahrhaft unangenehme Zeitgenossen und recht ungemütlich-inszeniert auf den einengenden Pfaden fiesester Rape-&-Revenge-Ausgangslagen wie 'MÄDCHEN IN DEN KRALLEN TEUFLISCHER BESTIEN'.


Mads Mikkelsen, gut abgehangen
Knarren haben die auch noch, um ihre 'Gäste' in Schach zu halten, doch zunächst scheint es so, als ob Jon sie überlisten könnte - doch da schnappt die Falle zu und die Beiden treten ihn in die dunkle Nacht hinaus. Man mag sich kaum vorstellen, was den beiden Verbliebenen passiert, ganz bittere Sache, doch Jon rast ungebremst und wutentbrannt hinterher, kann zwar nur Leichen aufsammeln, aber immerhin seine schnelle Rache ausführen. Doch er bleibt ein gebrochener Mann, begräbt seine Familie in der Erde, die ihre neue Heimat werden sollte und entschließt sich mit seinem Bruder Peter (Mikael Persbrandt), ebenfalls ein ausgelaugter Kriegs-Veteran, alles zu verkaufen und wegzuziehen. Kein schöner Land. Doch so einfach sind sie nicht aus dem Rache-Kreislauf raus, schließlich ist der Bruder von einem der Getöteten niemand Geringeres als Geldeintreiber Delarue (Jeffrey Dean Morgan), ein unbarmherziger Terror-Kerl, der das eingeschüchterte Städtchen Black Creek ausnimmt und mit korrupten Regierungs- bzw. Geschäftsmännern die Öl-Lage des Gebiets als erpresserisches Verhandlungsmittel benutzt, nachdem sie Jahre zuvor die Indianer von dort vertrieben haben.


Come to where the flavour is
Der politische Subtext dabei greift natürlich sehr stark auf den jüngsten Irak-Krieg zurück und was daraus geworden ist, fühlt sich ein bisschen schwerfällig-naiv eingearbeitet an, erdet das Geschehen aber in eine ideologische Nachvollziehbarkeit, die noch immer passend zum Genre und seinen Formalitäten harmonisiert. Schließlich fürchten die Einwohner so sehr die Rache Delarues, der solange Unschuldige umbringen wird, bis man den Täter gefasst hat, dass sie Jon schließlich schnappen und ihm widerstandslos überlassen - Hauptsache die Machtverhältnisse bleiben erhalten, damit sie nicht irgendwann daran zugrunde gehen. Doch bitter bleibt es für sie alle - nicht nur für diejenigen, die ihre Familien an Delarues Willkür verloren haben, sondern auch Sheriff Mallick (Douglas Henshall), der gleichzeitig als Priester der Gemeinde wirkt und sich ebenso seit Langem die titelgebende Erlösung wünscht. Diese christliche Symbolik führt sich sodann fort, als Jon von Delarues Bande an den Armen aufgehängt wird, um in der glühenden Sonne zu vertrocknen und gleichzeitig reichlich Prügel einzustecken - Albert Pyuns CYBORG lässt grüßen.


Mach et Madse
Dort begegnet er auch von Angesicht zu Angesicht der Ehefrau des Mannes, der seine Familie getötet hat: Madeleine (Eva Green), von Delarue stolz die 'Prinzessin' genannt und als Buchführerin seiner ertragreichen Verbrechen tätig. Doch ganz freiwillig ist sie nicht bei der Sache dabei, eher scheint sie nur aus Verpflichtung zu bleiben, nachdem Delarue sie von den Indianern befreit hat, die ihr die Zunge rausschnitten und eine tiefe Narbe am Mund hinterließen - zärtlich ist er aber nicht gerade zu ihr, schließlich ist sie auch nur ein Besitztum des selbstgerechten Machthabers dieses eroberten, ölverschmierten Kaffs. Drum flüchtet sie auch, sobald Jon von Peter im nächtlichen Nebel befreit wird - doch die Flucht ist für beide Parteien vergebens: sie kann den Tod erwarten, während Jon mit ansehen muss, wie sein Bruder von Pferden am Boden entlang geschleift wird. Damit ist das Maß aber endgültig voll und folglich kennt er keine Gnade mehr, endgültig blutige Gerechtigkeit walten zu lassen. Ab dem Zeitpunkt wirkt die 'Erlösung' leider reichlich vorhersehbar und konventionell, zudem mit gefaketen CGI-Flammen ausgestattet, aber immerhin angenehm straight-faced und Genre-gemäß kathartisch. Eine ziemlich naive Angelegenheit im Selbstjustiz-Modus, aber vom Karma her durchaus berechtigt und wie der gesamte Film stilvoll-unexplizit ausgeführt.


Und weils so eine Erinnerung an schönes, klassisches Männerkino ist, bleibt der Ritt in den Horizont mit der Frau unserem Helden ebenso nicht erspart, doch hat man mit der Gewalt dieses Landes und vorallem dem Öl abgeschlossen - die Zukunft heißt hier nicht Amerika, auch wenn man sich vom Filmischen her gerne an die Jahrhunderte-alten Versatzstücke jener Geschichten orientiert hat, aber doch einen guten Einschlag italienischer Trostlosigkeit und demaskierender Härte einbaut, die nicht nur schlicht einen Hauptbösen als Ursache alles Schrecklichen auserwählt, sondern auch das System des normalen Volkes, welches seine Handlungen aus Furcht und auch Respektabilität unterstützt. Gewiss werden dadurch keine neuen Ebenen im Western-Kino eröffnet, stattdessen so ehrfürchtig im Altbewährten aufbereitet, dass die Intensität der Enge vom terrorisierendem Anfang im Verlauf immer mehr abnimmt, bis nur noch ganz gefälliges Publikums-Beruhigen übrig bleibt - aber so, als geradlinige und ruppige, Bullshit-freie Erlöser-Fantasie im staubig-dreckigen Wilden Westen ist THE SALVATION ein recht ordentlicher Reißer fürs Rechtschaffene.


6 von 10 Leichen im Öl


vom Witte

Review: HANNIBAL (Staffel 2) - Es ist angerichtet

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Fakten:
Hannibal –Staffel 2
USA. 2014. Regie: David Slade, Michael Rymer, Peter Medak, Guillermo Navarro, Tim Hunter, Vincenzo Natali. Buch: Bryan Fuller, Steve Lightfoot, Andy Black u.a. Mit: Mads Mikkelsen, Hugh Dancy, Laurence Fishburne, Gillian Anderson, Caroline Dhavernas, Hettienne Park, Scott Thompson, Cynthia Nixon, Michael Pitt, Katharine Isabelle u.a. Länge: 13 Folgen á ca. 43 Minuten. Demnächst DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Will Graham wurde von Hannibal reingelegt. Nun sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis und gilt als psychopathischer Serienkiller und niemand schenkt ihm Glaube, dass Dr. Lecter ein kannibalisches Monstrum ist. Graham muss versuchen seine Unschuld zu beweisen.





Meinung:
Die erste Staffel von „Hannibal“ hatte mit erheblichen Startschwierigkeiten mannigfacher Causa zu kämpfen und schmälerte zu Anfang noch die Hoffnungen darauf, erneut in den Genuss eines ähnlich hochkarätigen Formats à la „Game of Thrones“, „The Walking Dead“ oder „Mad Men“ zu kommen. Ja, die Qualität von „Hannibal“ blieb vorerst im Verborgenen, der Erzählfluss stagnierte gewaltig und den Charakteren gelang es einfach nicht, ein rechtes Interesse für ihre misslichen Lagen zu generieren. Das Blatt wendete sich schließlich noch, Mads Mikkelsen bewies erneut, warum er inzwischen zu den Besten seiner Zunft gehörte und „Hannibal“ zog die Daumenschrauben von Folge zu Folge, bis zum tollen Finale, gekonnt fester und fester. Nun sorgt die zweite Staffel der NBC-Serie im World Wide Web für reichlich Furore und kassierte sowohl Schelte als auch reichlich Ehrenbezeigung. Fakt ist in erster Linie aber, dass die gesamte Crew mit der zweiten Staffel wirklich ganze Arbeit geleistet hat und die eigentliche Klasse des Sujets bis auf wenig Aussetzer schrankenlos ausreizt.



Hannibal Lecter ist mit seinem durchtriebenen Spiel tatsächlich durchgekommen und hat es geschafft, Will Graham die Morde anzuhängen, für die er sich verantwortlich gezeigt hat. Will ist es letztlich zwar noch gelungen, Hannibals Plan zu durchschauen, war aber aufgrund der offensichtlichen Beweisgrundlage chancenlos und ist gezwungen, sein Dasein von nun an hinter schwedischen Gardinen zu fristen. Als es dann aber, trotz der Inhaftierung Wills, zu weiteren grauenvollen Morden kommt, die nach einem ähnlichen Motiv gestrickt sind, kommen auch der Außenwelt um Will immer mehr Zweifel, während Will selbst damit beschäftigt ist, Jack Crawford davon zu überzeugen, dass Hannibal der Chesapeake Ripper ist und ein Doppelleben führt. Es geht also äußerst verzwickt vonstatten und vor allem Will Graham mausert sich in Staffel 2 zu einem Charakter, der endlich Autonomie beweisen kann und den Zuschauer aufgrund seiner Situation (und den Umgang mit dieser) zu bannen weiß. Will entwickelt sich weiter, seine Halluzinationen beschreiten eine Dimension, der ein greifbares Fundament bereitet wurde, deren Tragik endlich verständlich scheint.



Und auch Hannibal, der in Staffel 1 durch seine kognitiven Fähigkeiten noch unbezwingbar erschien, darf endlich menscheln und einen Blick in sein Inneres erlauben: Menschen definieren sich nun mal durch ihre Schwächen – Hannibal höchstpersönlich stellt da bei gewiss keine Ausnahme dar. Wenn man der zweiten Staffel wirklich etwas vorwerfen möchte, dann ist es nicht seine zuweilen relativ berechnende und durch überbordende Konstruktion, sondern der schludrige Umgang mit dem weiblichen Personal. Charaktere wie Dr. Alana Bloom, Dr. Bedelia Du Maurier und auch Abigail Hobbs besitzen viel mehr Potenzial, als es ihnen das Drehbuch gönnt und so verkommen sie oftmals nur zu funktionellen Lückenbüßern, die zwischendurch gerne mal eine ganze Folge übergangen werden. Dass der Sex – und ja, das scheint eine äußerst sexistische Überleitung – in Staffel 2, wie von Bryan Fuller verkündet, nun wirklich Einzug in die Serie erhält, ist natürlich einerseits ein wichtiger Aspekt um die Emotionalität seiner Charaktere wesentlich zu grundieren. Dass der Geschlechtsakt aber in einem gar mythisch elektrisierten Fünfer kulminiert, zählt zu den wirklich brillanten Einfällen.



„Hannibal“ erlaubt sich in einem Beziehungsgeflecht einen zunehmend präsenten homoerotischen Subtext, der die Bindung zwischen Hannibal Lecter und Will Graham viele neue Facetten offeriert. Es mag paradox klingen, wenn Hannibal Lecter über Humanität und Ethik schwadroniert, bevor er noch um Wills Vergebung bittet, Reue verkündet, um ihm dann ein „ganz“ besonderes Geschenk zu unterbreiten, dass Hannibals Verzweiflung akkurat auf dem Punkt bringt. „Hannibal“ gewinnt endlich einen gefühlvollen Unterbau, der mehr Spannung inne trägt, als die, natürlich durch ihren Suspense ebenfalls aufregende, Hetzjagd um den Killer an und für sich. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel jedoch steht die ambivalente Freundschaft zwischen Will Graham und Hannibal, es sind die Illusionen, denen Hannibal sich insgeheim hingibt, die ihn durch Hand mehr oder weniger demaskieren. „Hannibal“ hat es geschafft, sich von dem hemmenden Schubladendenken zu befreien und verwebt wie verstärkt seine Handlungsfäden mit elementare Fragestellungen, auf die wir vorerst noch keine Antwort geben dürfen. Doch wie schwer lässt sich die Triebhaftigkeit in der menschlichen Natur nun wirklich kontrollieren? Wie schnell verfällt man der Lust an Zerstörung, wenn man einmal Blut geleckt hat?


Formal brauchen wir wohl nicht viele Worte über „Hannibal“ verlieren und inzwischen sind wohl alle Superlativen erlaubt, die das Wörterbuch so hergibt: In einer synästhetischen Finesse zieht „Hannibal“ den Zuschauer durch seine famosen Bildkompositionen in den Bann. Symbolisch aufgeladene Sequenzen werden durch farbliche Kontraste akzentuiert, die sich in dieser Pracht postwendend ins Gedächtnis brennen. Der Maskerade des Wahnsinns im Zentrum begegnen adäquat-kalibrierte, hochgradig stimulierende Fotografien, die letztlich durch ihre akustische Untermalung vollständig überwältigen. Neben den freudianischen Referenzen, dem Fan-Service, den Allegorien und der poetischen Metaphorik gebührt ein letztes großes Lob noch zwei Nebenfiguren: Zum einen lehrt uns Jonathan Tucker in Folge 5 als Pfleger der Einrichtung, in der Will Graham einsitzt, kräftig das fürchten. Und zum anderen ist Micheal Pitt („Boardwalk Empire“), der dem jungen Mason Verne ein Gesicht verleiht, schlichtweg überwältigend. Wie von der Tarantel gestochen lässt Michael Pitt den Psychopathen raushängen und bekommt dann eine Szene geschenkt, die den Gore-Höhepunkt der Reihe darstellt. Unfassbar! Das Warten auf Staffel 3 wird eine echte Geduldsprobe.


„I forgive you, Will. Will you forgive me?“


8 von 10 Beinscheiben in Lehm

von souli