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TV Wahnsinn: DIE BRÜCKE - TRANSIT IN DEN TOD (Staffel 2) - Die Grausamkeit verlorener Hoffnung

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Fakten:
Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2 (Bron a.k.a. Broen)
Schweden, Dänemark, BRD. 2013. Regie: Henrik Georgsson. Buch: Björn Stein, Camilla Ahlgren, Måns Mårlind, Hans Rosenfeldt, Nikolaj Scherfig, Maren Louise Käehne . Mit: Sofia Helin, Kim Bodnia, Dag Malmberg, Sarah Boberg, Lotte Munk, Tova Magnusson-Norling, Sven Ahlström, Lars Simonsen, Puk Scharbau, Rafael Petterson, Julia Ragnarsson u.a. Länge: 597 Minuten (5 Folgen á ca. 120 Minuten). FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ein Frachter läuft unter der Öresundbrücke auf Grund. Statt der Besatzung findet die Küstenwache angekettete und betäubte Jugendliche aus Schweden und Dänemark. Im Krankenhaus wird klar, dass die Teenager mit einer gefährlichen Krankheit infiziert sind, die höchstansteckend ist. Die schwedische Kommissarin Saga Noren und ihr dänischer Kollegen Martin Rohde ermitteln.





Meinung:
Das ZDF macht sich. Als einer der ersten Sender Deutschlands überhaupt versuchten sich die Programmverantwortlichen daran, von ihrem Image des „Seniorensenders“ zumindest rudimentär zu trennen. Der Spartenkanal zdf_neo ging on air und auf dem Mainzer Lerchenberg, der Zentrale des zweiten deutschen Fernsehens, versuchte man ein attraktives Programm zu gestalten. Dazu wurden zig hochgelobte Formate eingekauft, die zunächst zwar nur im kleinen neo gesendet wurden, die aber später auch den Sprung ins Hauptprogramm schaften. Noch vor wenigen Jahren wäre es ein Novum gewesen, wenn im ZDF neben „Derrick“, „Ein Fall für Zwei“, „Der Alte“ oder „Siska“ auch Serien wie „Luther“ mit Idris Elba und Ruth Wilson oder „Downton Abbey“ mit Maggie Smith und Hugh Bonneville laufen würde. Mittlerweile ist es zwar immer noch nicht wirklich alltäglich, dennoch gibt es vor allem für jüngere Gebührenzahler (und Schwarzseher) mittlerweile mehrere, gute Gründe das ZDF einzuschalten. Einer dieser Gründe ist sicherlich auch „Die Brücke – Transit in den Tod“. Eine schwedisch-dänisch-deutsche Ko-Produktion, in der das ZDF beteiligt ist. Diese Kriminal-, oder besser gesagt Thriller-Serie, schaffte es bereits mit Staffel eins sich in den Köpfen und Herzen vieler Zuschauer einzunisten. Dank guter Kritiken und Quoten wurde auch die amerikanische TV-Industrie auf „Die Brücke“ aufmerksam. Das Ergebnis: „The Bridge – America“. Ein Serienremake mit Diane Kruger („Das Vermächtnis der Tempelritter“), Demian Bichir („Machete Kills“) und Ted Levine („Das Schweigen der Lämmer“).


Martin und Saga: Ein so ungleiches wie effektives Team
Da Erfolg nun mal der beste Grund ist, etwas fortzuführen, gab es 2013 von „Die Brücke – Transit in den Tod“ auch eine zweite Staffel, die nach der Ausstrahlung im ZDF, genau wie Staffel eins, nun auch fürs Heimkino verwertet wurde. Jeder der mag, kann also den zweiten Fall der beiden Kommisare Noren und Rohde nun ohne einwöchige Pause zwischen den Folgen sehen. Das ist wohl auch gut so, denn genau wie in der vorangegangen Staffel, erschufen die Serienmacher erneut ein weitumspanntes Handlungsnetz, welches zunächst wie ein undurchdringliches Dickicht aus Locations, Charakteren, Vermutungen und Absichten besteht und sich erst nach und nach entwirrt und erklärt. Dabei geht „Die Brücke – Transit in den Tod“ in seiner narrativen Weite in die Offensive. Think Big! ist das Motto, wenn militante Öko-Terroristen, große Unternehmen und mysteriöse Todesfälle sich zu einem großen Ganzen verweben. Das Markante daran sind die persönlichen Entwicklungen der darin enthaltenen Rollen. Gerade zu Beginn, wenn alles noch etwas undurchschaubar scheint, hält die Serie eine gelungene Balance aus genre-typischen Spannungsaufbauelementen und evolutionärer Charakterformung. Bei der Fülle von Figuren, die „Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2“ nutzt um seine inhaltlichen Rahmen abzustecken, kommt es allerdings öfters vor, dass sich die Narration in eine Sackgasse navigiert. Das generiert deutliche Längen, vor allem innerhalb der ersten beiden Episoden.


Die Terrorzelle der Bremer Stadtmusikanten
Das komplexe Handlungskonstrukt, wird, genau wie bei der Vorgängerstaffel, erneut von den beiden Kommissaren Saga Noren und Martin Rohde getragen. Noren sticht dabei natürlich klar heraus. Als Kommissarin mit dem Asberger-Syndrom, einer Form von Autismus, sind ihr soziale Notwendigkeiten fremd. Das erschwert zwar den Umgang mit Menschen, hat allerdings auch einen klaren, nüchternen Blick zur Folge, die bei der Polizeiarbeit öfters mehr als nur hilfreich ist. Ihr dänischer Kollege erscheint da alleine schon aus narrativer Sicht als unumgänglicher Konterpart, der ihr nicht nur helfend bei den Ermittlungen zur Seite steht, sondern auch bei ihren alltäglichen Problemen mit emotionalen Fremdkörpern. Gewiss resultiert daraus auch immer wieder Komik, aber anders wie bei anderen sonderbaren Kriminalisten der Serienhistorie, nutzt „Die Brücke – Transit in den Tod“ diese Form des comic relief nur dezent und wohl dosiert. Mehr funktioniert das ungleiche Duo als Katalysator für die teils wirklich abschreckenden Verbrechen, die die Serie ihren Zuschauer serviert. Es sind zwei Perspektiven: Expansiv und Expressiv. Gemeinsam ergibt sich ein großes Ganzes und dank der gut geschriebenen Bücher, bleiben die beiden Protagonisten gleichberechtigte Kräfte innerhalb der Narration.


Nicht nur Martin und Saga stellen sich der Gefahr entgegen
Die reservierte Saga Noren und der bullige Gefühlsmensch Martin Rohde. Die Öresundbrücke, die Regisseur Henrik Georgsson immer wieder als Szenenfüller einsetzt, ragt wie ein Symbol der Verbindung aus der Serie heraus. Schweden und Dänemark, Saga und Martin. Zwei Polizisten, wie sich unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch verbunden durch eine gemeinsame Vergangenheit (die Ereignisse aus Staffel 1), die vor allem Martin noch nicht verarbeitet hat. Dies nimmt einen überaus interessanten wie intensiven Nebenstrang der Handlung ein und endet schließlich in einer tosenden Ambivalenz, die letztlich mehr Kraft innehat, als der eigentliche Hauptfall, mit dem die beiden Ermittler beschäftigen. Aber egal ob Haupt- oder Subplot, über allem legt sich Schwere. „Die Brücke – Transit in den Tod“ schwelgt in grauer Tristesse und ausweglosem Pessimismus. Die Kühle der Inszenierung erinnert an Michael Manns „Collateral“. Dort war es Taxifahrer Max (Jaime Foxx), der als verkörperte Hoffnung auf eine bessere Welt fungierte. Hier ist es Kim Bodnia als Martin, der diese Aufgabe erfüllt. Doch während Taxifahrer Max zum Helden wurde, schickt „Die Brücke – Transit in den Tod – Staffel 2“ seinen good boy einmal quer durch die trostlose Hölle Skandinaviens und lässt ihn dort alleine und gebrochen zurück. Ja, in der Serie sterben Menschen, aber noch öfters springt die Hoffnung über die Klippe.


Nicht nur das skandinavische Kino mit seinen Nicolas Winding Refns („Bleeder“), Lars von Triers („Nymph()maniac“), Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“), Thomas Vinterbergs („Die Jagd“) und Susanne Biers („Nach der Hochzeit") ist einen Blick wert. Auch viele der dortigen TV-Produktionen lohnen sich. Die zweite Staffel von „Die Brücke – Transit in den Tod“ lässt daran keinen Zweifel. Staffel 2 funktioniert wunderbar als Wechselspiel zwischen groß angelegtem Krimi, bzw. Thriller und subtextuell aufgeladener Charakterstudie. Das Ergebnis ist so frostig wie mitreißend. Defätismus in Reinkultur. Damit gehört „Die Brücke – Transit in den Tod“ zu der aktuell äußerst gefragten wie erfolgreichen Seriengattung, die keine Angst davor hat, mit der Grausamkeit verlorener Hoffnung auf eine bessere Welt zu kontrahieren. Harter Tobak also, der wegen seiner erwähnten Längen schon ein wenig selbstverliebt daher kommt. Wenn aber am Ende, zum letzten Mal für diese Staffel der Abspann über das Bild der Öresundbrücke läuft, sind packende 600 Minuten zu Ende. Danach empfiehlt sich ein Sonnenbad und wenn man sich wieder damit zurecht gefunden hat, dass die Welt mehr zu bieten hat, als Fatalismus, sollte man sich auf 2016 freuen. Dann will das ZDF die dritte Staffel ausstrahlen, die 2015 produziert wird.


7,5 von 10 goldenen Fröschen

Review: BLEEDER – Ein gesellschaftlicher Abgrund inmitten von Gewalt und Konsum

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Fakten:
Bleeder
DK, 1999. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Nicolas Winding Refn. Mit: Mads Mikkelsen, Kim Bodnia, Liv Corfixen, Zlatko Buric, Sven Erik Eskeland Larsen, Rikke Andersson, Levina Jensen u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Lenny, Leo, Louis und Kitjo sind Kumpels und verbringen ihre gemeinsame Zeit meistens damit, sich gemeinsam einen der favorisierten Horrorklassiker à la „Maniac“ oder „Blutgericht in Texas“ anzuschauen. Als Leos Freundin schwanger wird, gerät nicht nur seine Welt aus den Fugen, Leo zieht alle Beteiligten in einen Strudel aus Gewalt, aus dem es nur mit Glück einen Ausweg zu geben scheint, doch mit wem meint es Schicksal in einer so verkommenen Welt schon gut?




Meinung:
Heute erinnert sich Nicolas Winding Refn nur noch sehr ungern an die Dreharbeiten zu seinem zweiten Langfilm „Bleeder“ zurück. Dabei standen ihm 1999 nicht nur das mühsam-cholerische Verhalten von Kim Bodnia missfällig im Wege, auch die eigene Arroganz wie Ignoranz, die ihn schon drei Jahre zuvor dazu verleitete, geradewegs einen Film zu drehen („Pusher“), anstatt sich erst einmal auf der Kopenhagener Filmhochschule gewisse Fähigkeiten und fachliche Kompetenzen anzueignen. Diese egozentrische Pejoration wurde in „Bleeder“ immer weiter ausgebaut und auf andere Meinungen und Ideen seitens der Crew weitestgehend wenig Rücksicht genommen. Heute postuliert Refn mit einer gewissen Demut in der Stimme zu, er hätte doch gar keine Ahnung davon, wie man diesem Handwerk wirklich nachgehen sollte. Dafür darf das Resultat, sowohl von „Pusher“, als auch von „Bleeder“, nicht nur das dänische Kino für ungemein aussagekräftig befunden werden.


Lenny und seine Leidenschaft: Filme.
Obgleich sich Nicolas Winding Refn in seinen ersten Werken also mit einer enormen Unwissenheit im Repertoire durch die jeweiligen Sets schlängelte, entstanden durch diese fehlende Erfahrung zwei Filme, die in erster Linie durch ihre schiere Milieu-Atmosphäre zu gefallen wussten und sich nicht in gekünstelter Blasiertheit wälzten, sondern Refn auch dazu verhalten, sich – ohne angeworbene Professionalität – weiterzuentwickeln. „Bleeder“ nämlich hat nicht nur das rohe Feeling einer Gesellschaft am Scheidepunkt auf seiner Seite, Refn versteht es auch, ganz im Gegensatz zu seinem Debüt, sich für seine Figuren und interessieren und mit autobiographischem Gewicht zu skizzieren. Der von Mads Mikkelsen verkörperte Videothekenarbeiter Lenny nämlich könnte als Alter Ego Refns tituliert werden: Ein schüchterner, introvertierter Jedermann, dessen zurückgezogener Alltag sich einzig und allein um seine Cinephilie zu drehen scheint. Nur, und das hat sowohl Refn, wie auch Lenny im Verlauf der Geschichte gemerkt, können Filme allein kein Leben füllen.


Stress steht ins Haus.
Mit Lenny bekommen wir allerdings nur einen der Charaktere präsentiert, die das Geschehen in „Bleeder“ bestimmen sollen. Dazu gesellen sich noch der augenscheinliche Egoist Leo (Kim Bodnia), der die Liebe zu Filmen teilt, um sein Hobby aber fürchten muss, als ihm seine Freundin Louise (Rikke Louise Anderson) berichtet, schwanger zu sein. Louis (Levino Jensen), ein Rassist und Schläger, der Schwager von Leo und damit auch Bruder von Louis, hingegen freut sich schon auf den Tag, an dem ihm endlich der Titel 'Onkel' gebührt. Komplettiert wird die illustre Runde von Kitjo (Zlatko Buric), ein Kollege von Lenny und Lea (Liv Corfixen), das leise Objekt der Begierde des unauffälligen Lennys. Refn arbeitet mit charakterbezogenen Kontrasten, stellt verschiedene Muster aus und definiert sie anfangs noch mit einer differgenten Songaufwahl – Ein bekanntes Stilmittel Refns, der sich einen gesamten Film erst dann vorstellen kann, wenn er weiß, wie er auch klingen soll.


Bleeder“ ist in seiner ästhetischen Rohheit aber nicht nur einfach stilistisches Kino, das es zu erleben, zu fühlen gilt; es ist auch ein Film, der sich als Querschnitt durch eine Gesellschaft versteht, in dem sich eigentlich jeder dieser Unterklässler (Oder unterer Mittelschichtler) nach einem Mindestmaß an Wärme und Geborgenheit sehnt. Die Filmrunde um Lenny, Leo, Louis und Kitjo versucht im Allgemeinen ihre Leere mit dem Eskapismus des Filmkonsums zu kompensieren. Lenny aber taut etwas auf und sucht den Kontakt zum weiblichen Geschlecht, auch wenn er nicht der Lage zur tieferen Interaktion und ausgedehnten Dialogen scheint. Es ist ein sanftes, symbolisches Erwachen Lennys, und gleichzeitig ein in das Chaos taumelndes Abbild des fokussierten Kollektivs. Leo verfällt der Faszination der Gewalt, nachdem er das erste Mal reelles Blut geleckt hat und öffnet somit die Pforten in eine Welt, die spiralförmig in ihr hoffnungsloses Verderben sprintet.


Lea träumt sich fort...
Refn zitiert dabei die großen Vorbilder (Scorsese ist die dominante Anlaufstelle) und Inspirationsquellen, wahrt aber ebenso die persönliche, idealistische Integrität seiner Kunst. Es ist eine Welt voller Scheiße, durch die uns „Bleeder“ eskortiert. Aber aus dieser Scheiße besteht dieses dreckige Leben und die Probleme sind nicht nur ein Produkt ihrer Umwelt, sie werden auch aus verschiedensten Antrieben in den Charakteren geboren. Und doch, auch wenn das Chaos keine Konsequenz oder Radikalität scheut, gibt es hin und wieder einen verheißungsvollen Funken, an den es sich zu klammern gilt, man muss sich letztlich nur überwinden und diesen Schritt wagen, wenn das Leben schon eine solche Möglichkeit unterbreitet.


7 von 10 HIV-Infizierten Spritzen



von souli

Review: PUSHER, PUSHER II: RESPECT & PUSHER 3 - Im Drogenmoloch von Kopenhagen

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Fakten:
Pusher
Dänemark. 1996. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Jens Dahl, Nicolas Winding Refn. Mit: kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Zlatko Buric, Laura Drasbaek, Slavko Labovic u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Drogendealer Frank erhält von Gangsterboss Milo Heroin, welches Frank verkaufen soll. Doch das Geschäft misslingt. Die Polizei funkt dazwischen. Frank kommt zwar straffrei davon, aber nur weil er die Drogen vor der Festnahme in einem See vernichten kann. Nun muss Frank Milo die Drogen bezahlen. Er hat dafür genau zwei Tage.




Meinung:
Tarantino findet er gar nicht so übel, dass merkt man Nicolas Winding Refn in seinem Debüt schon an, auch wenn er sich zum Glück nicht in dessen Manierismen suhlt. Aber während der Videothekenjunkie seinen unbedingt auf Kult getrimmten Charakteren die geschliffenen Dialoge auf dem Silbertablett serviert, um so den maximalen Coolnessfaktor auf einen neuen Standard zu frisieren, folgt Refn mit „Pusher“ einer anderen Intention und verkündigt seine Prämisse in der realen Delinquenz - Und dieses Vorhaben darf schlussendlich auch als geglückt attestiert werden. Die Inszenierung und die daraus resultierende Plattenbauatmosphäre erscheinen so effektiv wie glaubwürdig, nichts in diesem Nebenstraßenelend wirkt wirklich gestellt oder überhöht. Geht es dann aber um die Charaktere, oder besser gesagt, um den Hauptdarsteller Frank, dann schwächelt „Pusher“ ganz gewaltig und seine blasse Figur stinkt – gerade im Kontext der Trilogie – so dermaßen gegen den ambivalenten Tonny und den langsam versinkenden Drogenbaron Milo ab, dass es beinahe wehtut. Für ein Erstlingswerk sicher beachtlich, gerade das dreckige Feeling, aber die Charakterzeichnung ließ dann doch auf eine klare Qualitätssteigerung hoffen, die schließlich auch mit den Fortsetzungen folgte.


6 von 10 Schüssen in den Arm




Fakten:
Pusher 2: Respect
Dänemark. 2004. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Jens Dahl, Nicolas Winding Refn. Mit: Mads Mikkelsen, Leif Sylvester, Anne Sorensen, Oyvind Hagen Traberg, Zlatko Buric, Kurt Nielsen u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.


Story:
Ganove Tonny kommt gerade frisch aus dem Knast und will es endlich schaffen den Respekt seines Vaters, einem lokalen Gangsterboss, zu erlangen. Doch bereits Tonnys erste Amtshandlung nach seiner Entlassung, Geld für einen Mithäftling aufzutreiben, zerrüttet das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.





Meinung:
Inmitten von gestrecktem Hinterhofheroin, matt-grauen Hochhaussiedlungen im Dunstschleier der ziellosen Unterschicht und vulgär-rüden (Klein-)Kriminellen, die sich selber als rehabilitiert titulieren möchten, sich aber längst nicht mehr an gesellschaftliche Normen und Konventionen anpassen können, irrt der zwischen Hilf- und Verantwortungslosigkeit gefangene Tonny (Brillant, weil unfassbar facettenreich: Mads Mikkelsen) durch die verfallenen Gassen seiner hoffnungslosen Existenz. Vor der delinquenten Sippschaft wird da der große Macker rausgehangen, debile Sprüche gerissen, die Faust geballt und Köpfe eingeschlagen, um danach heimlich auf der Toilette bittere Tränen über die eigene Aporie zu vergießen. „Pusher II“ porträtiert nicht ohne den ins Konzept passenden Gossenhumor einen bemitleidenswerten, intuitiv-affektierten Loser, der sich in seinem sozialen Hexenkessel der desolaten Drogensucht und belastenden Vaterrolle hingeben muss und dabei auf der Suche nach dem allseits ersehnten Respekt ist: Street Credibility und familiäre Annahme. Dass „Pusher II“ gleich zwei Klassen über dem soliden Vorgänger steht, liegt vor allem an der intentionalen Gewichtung, denn während sich Teil 1 noch als authentische Milieu-Schilderung definierte, den Figuren aber nie genügend Aufmerksamkeit schenkte, ist „Pusher II“ eine packend-intensive Charakter-Studie, voller sensibler Zwischentöne, tief eindringend in den stechenden Herzschmerz eines armen Teufels ohne jeden nötigen Rückhalt. Respekt.


8 von 10 Massenschlägereien im Knast




Fakten:
Pusher 3
Dänemark. 2005. Regie und buch: Nicolas Winding Refn. Mit: Zlatko Buric, Slavko Labovic, Ramadan Huseini, Marinela Dekic, Kujtim Loki, Jlvas Agac u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Gangsterboss und Drogendealer Milo ist von seinem eigenen Stoff abhängig, versucht aber vom Heroin loszukommen, was sich jedoch als nicht sonderlich einfach erweist. Am Tage der Hochzeit seiner Tochter läuft ein geplantes Drogengeschäft schief und Milo hat anstand Heroin Ecstasy, was er versuchen will zu verkaufen. Doch dieser Plan erweist sich als äußerst schwierig.





Meinung:
Früher („Pusher“) war Milo der Strahlemann in Kopenhagens Drogenszene, konnte Ultimaten im florierenden Milieu aufstellen und die involvierten Sozialversager mit den goldenen Armen und zittrigen Nasenflügeln zerbrechen. Aber der Zahn der Zeit nagt an Milo und seiner Karriere, denn irgendwann kommt der Augenblick, in dem man schweren Herzens realisieren muss, dass das Zepter an die neue Generation (Albaner) weitergereicht wird und der Markt sich immer weiterentwickelt (Ecstasy), während man selber auf der Stelle (Heroin) stehen bleibt. Und dazu ist man schon wieder Opfer seiner eigenen Ware geworden, dabei lief es doch seit 5 Tagen so gut! Nicolas Winding Refn beschönigt nichts und bedrängt den Zuschauer mit genau der Authentizität, die die „Pusher“-Trilogie im Allgemeinen auszeichnet – Von verzierten Knarren, dicken Karren und exzessiven Champagnersausen keine Spur. Das Projektionsterrain ist auch in „Pusher 3“ ein durch und durch kantig-realistisches, genau wie seine zentrierte Hauptfigur immer deutlicher zum Schatten seiner selbst wird: Ethische Gleichgültigkeit, bittere Existenzängste, fauchende Gitarrenriffs und professionellen Leichenbeseitigungen in der verwaschenen Hinterhoftristesse Dänemarks. Cool ist hier überhaupt niemand.


7 von 10 gedärmefressenden Müllschluckern


von souli

Review: DELHI BELLY - Shit happens!

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Fakten:
Delhi Belly
Indien. 2011. Regie: Abihay Deo. Buch: Akshat Verma. Mit: Imran Khan, Vir Das, Kunaal Kapur, Aamir Khan, Shenaz Treasury, Poorna Jagannathan, Kim Bodnia, Paresh Ganatra, Vijay Raaz, Ashraf-Ul-Haque, Dhaval Barbhaya, Bugs Bhargava, Divya Bhatia, Nikita Bhatt, Neville Dadachanji, Anushka Dhandekar u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: nicht geprüft. Als Import-DVD erhältlich.


Story:
Journalist Taschi, Fotograf Nitin und Cartoonist Arup leben zusammen in einer Bruchbude und sind alles andere als motiviert. Aus ihrer liebgewonnen Lethargie holt sie Taschis Verlobte Sonia heraus, die ihn bittet einen Kurierjob für sie zu übernehmen. Eigentlich keine große Sache, doch durch die Faulheit der Freunde und einer Magenverstimmung befinden sich die drei Slacker schon bald in Lebensgefahr.




Meinung:
Was für ein Film! Neben „Ziemlich beste Freunde“ wohl einer der witzigste Film des letzten Jahres. „Delhi Belly“ ist ein Feuerwerk voll mit schrägen Typen, Wahnwitz und bösem Humor. Einer dieser Filme, der Gags vom Stapel lässt, die man nie mehr vergisst, die man immer wieder hervorholt auch auf die Gefahr hin von anderen, die den Film nicht kennen, dumm angesehen zu werden. Leider kennt hierzulande so gut wie niemand dieser komödiantische Juwel. Wie auch? Bisher  hat sich kein deutscher Verleih gefunden und dies wird wohl auch – leider! - in Zukunft nicht passieren. Was für eine Schande. Was für eine Ungerechtigkeit.  Ja, „Delhi Belly“ ist ein indischer Film, aber keiner er die typischen Bollywood-Klischees erfüllt. Ganz im Gegenteil. Hier und da nimmt der Film diese sogar und parodiert sie und dies teilweise so genüsslich, dass es den Anschein hat, der Drehbuchautor würde vom bunten Kitsch, den die meisten deutschen Zuschauer mit Filmen aus Indien verbinden, auch nicht wirklich leiden können. Das macht Spaß, ist aber gewiss nicht der einzige Grund, warum der Film von Abhinay Deo ein wahres Lachfest geworden ist.


Nitin, Taschi und Arup (v. l. n. r.): bemitleidenswertes Trio
Herzstück des Films ist aber nicht die Karikatur (die mehr Cutaway dient), sondern die herrlich diffuse wie chaotische Verwechslungs-Gangster-Loser-Geschichte, die von ihren absolut liebenswerten, mal recht prolligen, mal recht nerdigen Hauptfiguren getragen werden. Fans des skandinavischen Films dürfen sich über Kim Bodnia („In China essen sie Hunde, „Pusher“) in einer Nebenrolle freuen. Ein weiterer Reiz dürfte die Location sein. Ein stetiger aber homogener Wechsel aus Nebenstraßen mit Slum-Charakter, Hochglanz-Suiten und Großstadtmetropolen. Das sieht einfach gut aus, passt perfekt und erzeugt einfach eine verdammt stimmige Atmosphäre, ohne jemals in eine Mitleidschiene oder mondänes Affentheater zu verfallen. „Delhi Belly“ ist gehört ganz klar zu den witzigsten Filmen der letzten Jahre! Ein deutscher Release wäre mehr als nur wünschenswert. Nicht unbedingt wegen der Sprache (im Film wird überwiegend englisch gesprochen und die DVD besitzt englische Untertitel), sondern weil „Delhi Belly“ seinem Herkunftsland einen Dienst erweisen könnte. Er könnte zeigen, dass die Filmindustrie Indien mehr kann und aus mehr besteht als Bollywood, buntem Tanz, Herzschmerzgesang und Shah Rukh Khan. Und selbst wenn „Delhi Belly“ nur eine Ausnahme wäre (was er definitiv nicht ist) so verdient der Film einfach ein großes, internationales Publikum. Fans wären ihm sehr sicher. Aber die (Film-)Welt ist bekanntlich unfair und Abihay Deos großartige Komödie wird die wenigsten DVD-Player in Deutschland heimsuchen, aber wie heißt es immer (u.a. auch in "Delhi Belly") so schön: Shit happens!

9 von 10