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Review: THE NEON DEMON – NWR und die Faszination der Oberfläche

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Fakten:
The Neon Demon
DK, FR, US. 2016. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Mary Laws, Polly Stenham, Nicolas Winding Refn. Mit: Elle Fanning, Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks, Keanu Reeves u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
Die hübsche und zurückhaltende Jesse kommt mit gerade einmal 16 Jahren nach Los Angeles, um dort als Model zu arbeiten. Die Branche ist begeistert von ihrer Natürlichkeit, doch alsbald ruft das auch zahlreiche Neider auf den Plan. Bald verwandelt sich Jesses Traum in einen Alptraum.




Meinung:
Von der Kritik zerrissen und in Cannes ausgebuht, dazu ein Titel, den sich selbst der größte Refn-Fanboy nicht besser hätte ausdenken können. Ja, auch Nicolas Winding Refns neuster Streich ist ein Dorn im Auge zahlreicher Zuschauer. Nach dem bereits mehr als kontrovers diskutierten „Only God Forgives“ treibt der eigensinnige Regisseur seinen Stil weiter auf die Spitze, provoziert dadurch fast schon seine Kritiker. Dass auch „The Neon Demon“ ein inszenatorischer Augenschmaus ist, steht außer Frage, was der Film jedoch darüber hinaus zu bieten hat ist ein streitbares und dadurch enorm interessantes Thema.


Tödlich schön?
Wo soll man anfangen, bei einem Film, dessen Anfang bereits unmissverständlich auf das Ende verweist? Vielleicht bei einer Spoilerwarnung (die sich in Anbetracht des minimalistischen Narratives fast schon als lächerlich erweist), denn ohne kann kaum eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Film stattfinden. „The Neon Demon“ setzt sich von den gängigen Mechanismen einer klassischen Erzählung ab, zumindest auf der inhaltlichen Ebene. Auf der formalen Ebene kann man jedoch keinesfalls von einer komplett neuartigen Herangehensweise sprechen, zwar schafft Refn es durchaus etwas Eigenes zu schaffen, und doch ist sein Stil sicherlich auch ein Rückbezug. Die Einflüsse sind dabei vielfältig, sicherlich haben die Giallis rund um Dario Argento („Suspiria“) und Mario Bava („Blutige Seide“) etwas mit der Atmosphäre und Farbgebung des Films zu tun. Gewissermaßen bezieht er sich sogar auf die Stummfilmzeit, denn Refn macht unmissverständlich klar, dass sein Kino ein visuelles ist. Vielmehr ruft er sogar dazu auf, dass sich die Kunstform Film stärker auf ihre Bilder verlassen soll, ja „The Neon Demon“ ist ein Plädoyer für die Macht der Bilder und das visuelle Erzählen. An einer Stelle heißt es: „Beauty isn’t everything, it’s the only thing“, laut Refn könnte es auch lauten: „Pictures aren’t everything, they’re the only thing“.


Der Anfang vom Ende?
Essentiell ist natürlich auch das Sujet, mit dem sich Refn hier auseinandersetzt. Von vielen Seiten wird ihm vorgeworfen, er wäre lediglich daran interessiert die Oberflächlichkeit der Modebranche zu porträtieren und würde sich dadurch mit seinem Fokus auf optische Schauwerte selbst deklassieren. Das stimmt einerseits zumindest insofern, dass der dänische Regisseur in Hinblick auf die Model-Industrie natürlich nichts Neues ans Tageslicht fördert. Wir sehen selbstverliebte Menschen, exzentrische Fotografen, neidzerfressene Konkurrentinnen und durchlaufen die üblichen Klischees von Schönheitsoperationen über Diäten bis hin zum drohenden Karriereende mit 21. „The Neon Demon“ reduziert seine Figuren maßgeblich auf ihre äußere Form, jedoch nicht, weil Refn sich nicht für sie interessiert, sondern weil ihr Umfeld es fordert, weil sie sogar selbst auf diese Oberflächlichkeit beschränkt werden wollen. Immer wieder treibt der Film diesen Punkt auf die Spitze, wenn er menschliche Körper in geometrische Formen überführt und dadurch unmissverständlich deutlich macht, dass diese reine Oberflächlichkeit nichts Natürliches oder Menschliches mehr an sich hat. Es gibt viele Filme, die sich mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigen, doch nur wenige, die sich im selben Maße mit Äußerlichkeiten auseinandersetzen. Refn reflektiert darüber und unverdienterweise wird ihm deswegen fehlender Tiefgang vorgeworfen.


Figur oder Körper?
Vordergründig ist „The Neon Demon“ natürlich ein Film über die Model-Industrie, doch im eigentlichen Sinne beschäftigt sich Refn mit menschlichen Oberflächen. Zu Beginn arbeitet er unermüdlich mit Spiegeln, fängt die Körper und Gesichter der Figuren dadurch oft mehrmals in jeder Einstellung ein. Es betont die Oberflächlichkeit, die Reduktion auf äußere Formen, die unweigerlich beim ersten Kontakt zweier Individuen entsteht. Bald zerbrechen jedoch diese Spiegel (im wahrsten Sinne des Wortes) und natürlich ist es die Scherbe aus einem solchen, mit der sich die Protagonistin Jesse an der Hand verletzt. Ihre Oberfläche ist durchtrennt, die Grenze zwischen Innen und Außen geöffnet. Doch Jesse selbst beharrt weiterhin auf die äußere Form, sie will nicht, dass jemand sich ihren inneren Werten nähert, Liebe weist sie zurück. Es ist unklar, ob Unsicherheit oder Unverständnis dahintersteckt, doch für sie, wie auch für fast alle anderen Figuren des Films, gibt es nur Äußerlichkeiten. Und das ist nicht, wie fälschlicherweise angenommen, eine Abrechnung mit der Modewelt, sondern vielmehr eine überspitzte Kritik an der Oberflächlichkeit in unserer heutigen Gesellschaft. Ein Zerrspiegel, denn nur in einem geeigneten Umfeld kann eine solche Branche überhaupt gedeihen.


Schöne Menschen sieht man reichlich
Doch „The Neon Demon“ ist keinesfalls ein Film, der rein auf interpretatorische Ansätze angewiesen ist. Davon abgesehen ist er ein inszenatorisch wie atmosphärisch wirkungsvolles Werk, welches sich unmöglich auf ein Genre festmachen lässt. Wenn die psychedelische Technokulisse über die Szenerie wabert und Refn gewohnt kryptisch und vage erzählt, dann generiert das an erster Stelle Unbehagen und Anspannung. Jede Aktion, jede Bewegung scheint mit ausreichend Wirkung versehen zu sein. Ein Film, der zunächst erlebt werden muss, ein Film, der seine Zuschauer in einem Rausch aus Farben und Bilder bindet. Dabei ist „The Neon Demon“ überaus angreifbar, vielleicht noch mehr als andere Filme Refns, denn er ist über die Maße schwer zu fassen und man hat das Gefühl er bestünde aus unzähligen Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, bei denen nicht jede zu überzeugen vermag und noch mehr gar nicht gedeutet werden können. Doch den Film zu sehen ist eine überaus persönliche Erfahrung, weil er das Medium Film und auch die eigenen Sehgewohnheiten an bestimmte Grenzen treibt. Denn letztlich ist „The Neon Demon“ selbstreflexives Kino, nicht wie wir es bisher kannten, aber so wie es im Jahr 2016 sein muss.


Über „The Neon Demon“ zu schreiben ist eine undankbare, bisweilen auch frustrierende Aufgabe. Auch wenn es die Länge des Textes nicht unbedingt impliziert, so werden diejenigen, die den Film bereits gesehen haben, diese Empfindungen durchaus nachvollziehen können.  Denn es ist schwer Worte für ein Werk zu finden, das so sehr von seinen Bildern lebt und noch schwerer die unzähligen und zum Teil auch widersprüchlichen Gedanken, die einem während der Sichtung durch den Kopf schweben, in produktive Bahnen zu lenken. Abschließend bleibt lediglich zu sagen: Schaut euch diesen Film an, egal ob ihr ihm letztlich etwas abgewinnen könnt oder nicht, denn „The Neon Demon“ verdient es gesehen zu werden.


7 von 10 unverdauten Augäpfel 

Review: FEAR X - John Turturros manisches Kaleidoskop der Bewältigung

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Fakten:
Fear X
USA, Groß Britannien, Dänemark, Kanada. 2003. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Nicolas Winding Refn, Hubert Selby jr., Mit: John Turturro, Deborah Kara Unger, William Allen Young, Stephen Eric McIntyre, Gene Davis, Mark Houghton, James Remar, Nadia Litz u.a. Länge: 91 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Wachmann Harry versucht mit dem Verlust seiner Frau zu Recht zu kommen. Diese wurde scheinbar ohne Grund von einem Unbekannten erschossen. Die Polizei findet keine brauchbare Spur, was Harry dazu veranlasst das Überwachungsvideo der Tat immer wieder anzuschauen.





Meinung:
Den Verlust eines Menschen kann man – egal wie versessen man es auch versucht - nicht kompensieren. Man kann ihn höchstens akzeptieren und sich früher oder später auf lange Sicht damit abfinden. Doch ein emotionaler Fausthieb dieser gar irrational anmutenden Größenordnung, sorgt in seiner vehementen Gewichtigkeit eben nicht nur für eine einmalige Ohnmacht; die langwierige Schädigung als Folge dessen und in bildhafter Form einer seelischen Caldera ähnlich, bleibt dem Inneren beständig treu. Aus einem solchen Verlust aber kann nicht nur der affektive Zusammenbruch resultieren, der nächstfolgende Schritt, die Schmerzbewältigung, die Realisierung der neuen Umstände, schlägt nicht selten um in eine gar pathologische Manie, in der die von vernichtender Trauer gezeichnete Person einen Schuldigen für die Qualen finden muss, um für eine individuelle Gerechtigkeit zu sorgen, deren juristische Legitimität nur auf persönlicher Ebene funktioniert und reziprok zum moralischen Kodex unserer allgemeinen Weltanschauung steht. Nicolas Winding Refn („Drive“) zeigt in seinem enigmatischen Psycho-Thriller „Fear X“, welche Ausmaße die Tragik der Besessenheit besitzen kann.


Im Film liegt die Wahrheit
Vorab muss natürlich gesagt werden, dass die Reaktionen auf einen Trauerfall situationsabhängig sind und damit aus menschlicher Sicht immer wieder mit einer ganz unterschiedlichen Haltung aufgenommen werden. Die gefühlsbetäubte Frage nach dem 'Warum?' aber ist der erste Schritt in Richtung zugänglicher Versuchsanordnung, deren Antwort – wie auch die obligatorische Schuldzuweisung – ohne klaren Erfolg für das eigene Leben bleiben wird. In seinem ersten englischsprachigen Film „Fear X“ fokussiert der inzwischen im cineastischen Rampenlicht angelangte Däne Nicolas Winding Refn den introvertierten Shopping Center Security Guard Harry (John Turturro), dessen Frau in der Tiefgarage seiner Arbeitsstelle von einem Unbekannten kaltblütig erschossen wurde. Harry fällt daraufhin in eine unausweichliche Spirale der Trauer, konsumiert in seiner Wohnung nach Feierabend mit obsessiver Akribie die Überwachungsvideos des Einkaufszentrums und sucht konkrete Anhaltspunkte, um mögliche Täter aus den Menschenmassen zu inspizieren. Seine Wohnzimmerwand ist übersät mit sorgsam selektierten Karteikarten und fallbezogenen Zeitungschnipseln.


Harry ist seit dem Tod seiner Frau echt mies drauf
Die unkonventionelle Dramaturgie und die narrativen Interpretationsfreiräume für den Zuschauer, die die letzte – oder auch die erste – Stufe innerhalb des Geschehens so durch eigene Kraft ihrer Impressionen erklimmen müssen, welche sich später in seinen ungemein meditativen Ausnahmewerken wie „Walhalla Rising“ und „Only God Forgives“ in leibeigener Perfektion herauskristallisieren sollten, spiegeln sich bis zu einem gewissen Grad auch in „Fear X“ wieder. Nicolas Winding Refn geht dabei nie das Risiko ein, den mysteriösen Schleier über der Handlung gänzlich zu entlüftet, sondern reicht dem Zuschauer immer wieder ein feines Mosaiksteinchen und den Auftrag, dieses Teilchen nun an seinen rechten Platz zu befördern. „Fear X“ mag sich dadurch den zuweilen doch recht sperrigen und vom nebulösen Wesentlichen abgelenkten Tonfall einer surrealistischen Fragmentierung aneignen, weil er sich in seiner wechselseitigen Spezifik in gewissen Momenten nun einfach nicht mehr weiter bewegen (oder entwickeln?) will (oder kann?) und sich temporär um die eigene Achse dreht, verliert dabei aber die zwischenmenschliche Tragik Harrys nie aus dem Blick.


„Fear X“ findet immer genau dann zurück in die passende Spur, wenn Refn seine inszenatorische Finesse unter Beweis stellen darf und dem Zuschauer einen Film offenbart, der ausschließlich durch seine schemenhafte Atmosphäre und die bedrückende Sogwirkung der elegischen Stimmung an Fahrt gewinnt – Ohne das vorgegebene Tempo und sich selbst für effekthascherische Spannungsfelder zu verraten. Man darf mit „Fear X“ weder einen Film erwarten, der sich ganz den Regeln des düsteren Thriller-Genres verschreibt, noch dem des psychologischen Charakter-Dramas und schon gar nicht ein Werk, welches sich in irgendeiner Weise dem Publikum anbiedern will. Nicolas Winding Refn – und das sollte inzwischen wirklich überall angekommen sein – passt in keine definierte Schublade, er bereitet höchstens ähnliche Elemente auf und formatiert diese für einen neuen Rahmen. Und auch wenn ihn „Fear X“ aufgrund unsäglicher künstlerischer wie finanzieller Diskrepanzen beinahe ruiniert hätte, ist dem Dänen ein überaus sehenswerter Einstieg in den englischsprachigen Raum gelungen, gerade weil er Erwartungen nicht bedient und es dem Zuschauer so ermöglicht, sich selbst seine Gedanken zu machen.


6,5 von 10 Tränen im Krankenbett


von souli

Review: BLEEDER – Ein gesellschaftlicher Abgrund inmitten von Gewalt und Konsum

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Fakten:
Bleeder
DK, 1999. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Nicolas Winding Refn. Mit: Mads Mikkelsen, Kim Bodnia, Liv Corfixen, Zlatko Buric, Sven Erik Eskeland Larsen, Rikke Andersson, Levina Jensen u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Lenny, Leo, Louis und Kitjo sind Kumpels und verbringen ihre gemeinsame Zeit meistens damit, sich gemeinsam einen der favorisierten Horrorklassiker à la „Maniac“ oder „Blutgericht in Texas“ anzuschauen. Als Leos Freundin schwanger wird, gerät nicht nur seine Welt aus den Fugen, Leo zieht alle Beteiligten in einen Strudel aus Gewalt, aus dem es nur mit Glück einen Ausweg zu geben scheint, doch mit wem meint es Schicksal in einer so verkommenen Welt schon gut?




Meinung:
Heute erinnert sich Nicolas Winding Refn nur noch sehr ungern an die Dreharbeiten zu seinem zweiten Langfilm „Bleeder“ zurück. Dabei standen ihm 1999 nicht nur das mühsam-cholerische Verhalten von Kim Bodnia missfällig im Wege, auch die eigene Arroganz wie Ignoranz, die ihn schon drei Jahre zuvor dazu verleitete, geradewegs einen Film zu drehen („Pusher“), anstatt sich erst einmal auf der Kopenhagener Filmhochschule gewisse Fähigkeiten und fachliche Kompetenzen anzueignen. Diese egozentrische Pejoration wurde in „Bleeder“ immer weiter ausgebaut und auf andere Meinungen und Ideen seitens der Crew weitestgehend wenig Rücksicht genommen. Heute postuliert Refn mit einer gewissen Demut in der Stimme zu, er hätte doch gar keine Ahnung davon, wie man diesem Handwerk wirklich nachgehen sollte. Dafür darf das Resultat, sowohl von „Pusher“, als auch von „Bleeder“, nicht nur das dänische Kino für ungemein aussagekräftig befunden werden.


Lenny und seine Leidenschaft: Filme.
Obgleich sich Nicolas Winding Refn in seinen ersten Werken also mit einer enormen Unwissenheit im Repertoire durch die jeweiligen Sets schlängelte, entstanden durch diese fehlende Erfahrung zwei Filme, die in erster Linie durch ihre schiere Milieu-Atmosphäre zu gefallen wussten und sich nicht in gekünstelter Blasiertheit wälzten, sondern Refn auch dazu verhalten, sich – ohne angeworbene Professionalität – weiterzuentwickeln. „Bleeder“ nämlich hat nicht nur das rohe Feeling einer Gesellschaft am Scheidepunkt auf seiner Seite, Refn versteht es auch, ganz im Gegensatz zu seinem Debüt, sich für seine Figuren und interessieren und mit autobiographischem Gewicht zu skizzieren. Der von Mads Mikkelsen verkörperte Videothekenarbeiter Lenny nämlich könnte als Alter Ego Refns tituliert werden: Ein schüchterner, introvertierter Jedermann, dessen zurückgezogener Alltag sich einzig und allein um seine Cinephilie zu drehen scheint. Nur, und das hat sowohl Refn, wie auch Lenny im Verlauf der Geschichte gemerkt, können Filme allein kein Leben füllen.


Stress steht ins Haus.
Mit Lenny bekommen wir allerdings nur einen der Charaktere präsentiert, die das Geschehen in „Bleeder“ bestimmen sollen. Dazu gesellen sich noch der augenscheinliche Egoist Leo (Kim Bodnia), der die Liebe zu Filmen teilt, um sein Hobby aber fürchten muss, als ihm seine Freundin Louise (Rikke Louise Anderson) berichtet, schwanger zu sein. Louis (Levino Jensen), ein Rassist und Schläger, der Schwager von Leo und damit auch Bruder von Louis, hingegen freut sich schon auf den Tag, an dem ihm endlich der Titel 'Onkel' gebührt. Komplettiert wird die illustre Runde von Kitjo (Zlatko Buric), ein Kollege von Lenny und Lea (Liv Corfixen), das leise Objekt der Begierde des unauffälligen Lennys. Refn arbeitet mit charakterbezogenen Kontrasten, stellt verschiedene Muster aus und definiert sie anfangs noch mit einer differgenten Songaufwahl – Ein bekanntes Stilmittel Refns, der sich einen gesamten Film erst dann vorstellen kann, wenn er weiß, wie er auch klingen soll.


Bleeder“ ist in seiner ästhetischen Rohheit aber nicht nur einfach stilistisches Kino, das es zu erleben, zu fühlen gilt; es ist auch ein Film, der sich als Querschnitt durch eine Gesellschaft versteht, in dem sich eigentlich jeder dieser Unterklässler (Oder unterer Mittelschichtler) nach einem Mindestmaß an Wärme und Geborgenheit sehnt. Die Filmrunde um Lenny, Leo, Louis und Kitjo versucht im Allgemeinen ihre Leere mit dem Eskapismus des Filmkonsums zu kompensieren. Lenny aber taut etwas auf und sucht den Kontakt zum weiblichen Geschlecht, auch wenn er nicht der Lage zur tieferen Interaktion und ausgedehnten Dialogen scheint. Es ist ein sanftes, symbolisches Erwachen Lennys, und gleichzeitig ein in das Chaos taumelndes Abbild des fokussierten Kollektivs. Leo verfällt der Faszination der Gewalt, nachdem er das erste Mal reelles Blut geleckt hat und öffnet somit die Pforten in eine Welt, die spiralförmig in ihr hoffnungsloses Verderben sprintet.


Lea träumt sich fort...
Refn zitiert dabei die großen Vorbilder (Scorsese ist die dominante Anlaufstelle) und Inspirationsquellen, wahrt aber ebenso die persönliche, idealistische Integrität seiner Kunst. Es ist eine Welt voller Scheiße, durch die uns „Bleeder“ eskortiert. Aber aus dieser Scheiße besteht dieses dreckige Leben und die Probleme sind nicht nur ein Produkt ihrer Umwelt, sie werden auch aus verschiedensten Antrieben in den Charakteren geboren. Und doch, auch wenn das Chaos keine Konsequenz oder Radikalität scheut, gibt es hin und wieder einen verheißungsvollen Funken, an den es sich zu klammern gilt, man muss sich letztlich nur überwinden und diesen Schritt wagen, wenn das Leben schon eine solche Möglichkeit unterbreitet.


7 von 10 HIV-Infizierten Spritzen



von souli

Review: PUSHER, PUSHER II: RESPECT & PUSHER 3 - Im Drogenmoloch von Kopenhagen

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Fakten:
Pusher
Dänemark. 1996. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Jens Dahl, Nicolas Winding Refn. Mit: kim Bodnia, Mads Mikkelsen, Zlatko Buric, Laura Drasbaek, Slavko Labovic u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Drogendealer Frank erhält von Gangsterboss Milo Heroin, welches Frank verkaufen soll. Doch das Geschäft misslingt. Die Polizei funkt dazwischen. Frank kommt zwar straffrei davon, aber nur weil er die Drogen vor der Festnahme in einem See vernichten kann. Nun muss Frank Milo die Drogen bezahlen. Er hat dafür genau zwei Tage.




Meinung:
Tarantino findet er gar nicht so übel, dass merkt man Nicolas Winding Refn in seinem Debüt schon an, auch wenn er sich zum Glück nicht in dessen Manierismen suhlt. Aber während der Videothekenjunkie seinen unbedingt auf Kult getrimmten Charakteren die geschliffenen Dialoge auf dem Silbertablett serviert, um so den maximalen Coolnessfaktor auf einen neuen Standard zu frisieren, folgt Refn mit „Pusher“ einer anderen Intention und verkündigt seine Prämisse in der realen Delinquenz - Und dieses Vorhaben darf schlussendlich auch als geglückt attestiert werden. Die Inszenierung und die daraus resultierende Plattenbauatmosphäre erscheinen so effektiv wie glaubwürdig, nichts in diesem Nebenstraßenelend wirkt wirklich gestellt oder überhöht. Geht es dann aber um die Charaktere, oder besser gesagt, um den Hauptdarsteller Frank, dann schwächelt „Pusher“ ganz gewaltig und seine blasse Figur stinkt – gerade im Kontext der Trilogie – so dermaßen gegen den ambivalenten Tonny und den langsam versinkenden Drogenbaron Milo ab, dass es beinahe wehtut. Für ein Erstlingswerk sicher beachtlich, gerade das dreckige Feeling, aber die Charakterzeichnung ließ dann doch auf eine klare Qualitätssteigerung hoffen, die schließlich auch mit den Fortsetzungen folgte.


6 von 10 Schüssen in den Arm




Fakten:
Pusher 2: Respect
Dänemark. 2004. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Jens Dahl, Nicolas Winding Refn. Mit: Mads Mikkelsen, Leif Sylvester, Anne Sorensen, Oyvind Hagen Traberg, Zlatko Buric, Kurt Nielsen u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.


Story:
Ganove Tonny kommt gerade frisch aus dem Knast und will es endlich schaffen den Respekt seines Vaters, einem lokalen Gangsterboss, zu erlangen. Doch bereits Tonnys erste Amtshandlung nach seiner Entlassung, Geld für einen Mithäftling aufzutreiben, zerrüttet das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.





Meinung:
Inmitten von gestrecktem Hinterhofheroin, matt-grauen Hochhaussiedlungen im Dunstschleier der ziellosen Unterschicht und vulgär-rüden (Klein-)Kriminellen, die sich selber als rehabilitiert titulieren möchten, sich aber längst nicht mehr an gesellschaftliche Normen und Konventionen anpassen können, irrt der zwischen Hilf- und Verantwortungslosigkeit gefangene Tonny (Brillant, weil unfassbar facettenreich: Mads Mikkelsen) durch die verfallenen Gassen seiner hoffnungslosen Existenz. Vor der delinquenten Sippschaft wird da der große Macker rausgehangen, debile Sprüche gerissen, die Faust geballt und Köpfe eingeschlagen, um danach heimlich auf der Toilette bittere Tränen über die eigene Aporie zu vergießen. „Pusher II“ porträtiert nicht ohne den ins Konzept passenden Gossenhumor einen bemitleidenswerten, intuitiv-affektierten Loser, der sich in seinem sozialen Hexenkessel der desolaten Drogensucht und belastenden Vaterrolle hingeben muss und dabei auf der Suche nach dem allseits ersehnten Respekt ist: Street Credibility und familiäre Annahme. Dass „Pusher II“ gleich zwei Klassen über dem soliden Vorgänger steht, liegt vor allem an der intentionalen Gewichtung, denn während sich Teil 1 noch als authentische Milieu-Schilderung definierte, den Figuren aber nie genügend Aufmerksamkeit schenkte, ist „Pusher II“ eine packend-intensive Charakter-Studie, voller sensibler Zwischentöne, tief eindringend in den stechenden Herzschmerz eines armen Teufels ohne jeden nötigen Rückhalt. Respekt.


8 von 10 Massenschlägereien im Knast




Fakten:
Pusher 3
Dänemark. 2005. Regie und buch: Nicolas Winding Refn. Mit: Zlatko Buric, Slavko Labovic, Ramadan Huseini, Marinela Dekic, Kujtim Loki, Jlvas Agac u.a. Länge: 104 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Gangsterboss und Drogendealer Milo ist von seinem eigenen Stoff abhängig, versucht aber vom Heroin loszukommen, was sich jedoch als nicht sonderlich einfach erweist. Am Tage der Hochzeit seiner Tochter läuft ein geplantes Drogengeschäft schief und Milo hat anstand Heroin Ecstasy, was er versuchen will zu verkaufen. Doch dieser Plan erweist sich als äußerst schwierig.





Meinung:
Früher („Pusher“) war Milo der Strahlemann in Kopenhagens Drogenszene, konnte Ultimaten im florierenden Milieu aufstellen und die involvierten Sozialversager mit den goldenen Armen und zittrigen Nasenflügeln zerbrechen. Aber der Zahn der Zeit nagt an Milo und seiner Karriere, denn irgendwann kommt der Augenblick, in dem man schweren Herzens realisieren muss, dass das Zepter an die neue Generation (Albaner) weitergereicht wird und der Markt sich immer weiterentwickelt (Ecstasy), während man selber auf der Stelle (Heroin) stehen bleibt. Und dazu ist man schon wieder Opfer seiner eigenen Ware geworden, dabei lief es doch seit 5 Tagen so gut! Nicolas Winding Refn beschönigt nichts und bedrängt den Zuschauer mit genau der Authentizität, die die „Pusher“-Trilogie im Allgemeinen auszeichnet – Von verzierten Knarren, dicken Karren und exzessiven Champagnersausen keine Spur. Das Projektionsterrain ist auch in „Pusher 3“ ein durch und durch kantig-realistisches, genau wie seine zentrierte Hauptfigur immer deutlicher zum Schatten seiner selbst wird: Ethische Gleichgültigkeit, bittere Existenzängste, fauchende Gitarrenriffs und professionellen Leichenbeseitigungen in der verwaschenen Hinterhoftristesse Dänemarks. Cool ist hier überhaupt niemand.


7 von 10 gedärmefressenden Müllschluckern


von souli

Review: BRONSON - Immer auf die Fresse

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Fakten:
Bronson

GB, 2008. Regie: Nicolas Winding Refn. Buch: Brock Norman Brock, Nicolas Winding Refn. Mit: Tom Hardy, James Lance, Matt King, Amanda Burton, Kelly Adams, Katy Barker, Johnny Phillips, Andrew Forbes, Juliet Oldfield u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:


Mit 22 Jahren überfällt Michael Petersen ein Postamt, erbeutet knapp 27 Pfund und wird dafür zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Beginn einer beispiellosen Knastkarriere. Gewalt, Geiselnahmen, brutale Schlägerein mit den Wärtern, Michael geht nicht nur keiner Konfrontation aus dem Weg, er zettelt sie an. Aus den 7 Jahren werden über 30, davon ein Großteil in Isolationshaft. Aus dem Michael Petersen wird "Charles Bronson", der gewalttätigste Sträfling Großbritanniens.






Meinung:

Die Geschichte des bis heute inhaftierten Michael "Charles Bronson" Petersen ist wie geschaffen für einen klassischen Biopic, eine Charakterstudie, eben das, was sonst aus solchen Vorlagen gemacht wird. Nicolas Winding Refn („Drive“, „Only God Forgives“) entfernt sich bewusst von diesem typischen Konzept, was einerseits löblich, andererseits aber auch die Schwäche seines Films ausmacht.

Teuflisch sympathisch: Bronson

Der Werdegang von Petersen vom aggressiven Kleinkriminellen zum psychotischen Monster wird zwar geschildert, doch eine Form der Charakterisierung findet dabei eigentlich gar nicht statt. Bis auf die offensichtliche Tatsache, dass der Kerl nicht mehr alle Latten am Zaun hat, erfahren wir praktisch nichts über Bronson, außer einigen nakten Fakten. Der Mensch hinter dem wütenden Raufbold bleibt ein großes Fragezeichen, die Geschichte ein reiner Ablauf von (wahrscheinlich) wahren Geschehnissen, das ist selbst über überschaubare 90 Minuten fast etwas ermüdend, nicht sonderlich interessant, wie eine bewegte Dia-Show vom letzten Urlaub, wo ein Schnappschuss nach dem anderen präsentiert und das etwas kommentiert wird. Darauf reduziert ist "Bronson" eher misslungen. Allerdings geht es Refn darum auch nicht wirklich, seine Herangehensweise ist halt ganz anders. Sein Film ist kein "normaler" Biopic und will dies auch nicht sein.



Ein Clown und leidenschaftlicher Irrer

Das beginnt schon damit, dass der Protagonist uns in Zwischensequenzen auf einer Theaterbühne durch das Geschehen führt. Eine interessante Idee, die zum allgemein grotesken Stil passt. Refn setzt auf Skurrilität, lässt Tom Hardy voll oben drüber gehen (aber mal so richtig!), diese Chance nutzt er eindrucksvoll. Ohne Hardy wäre der Film nicht mal die Hälfte wert. Was für eine Performance. Aufbrausend, wahnsinnig, unfassbar präsent, ein gewaltiger Auftritt, der eher einer Satire gleicht als einer ernsthaften Verkörperung einer realen Person. Das findet sich auch in Refns Inszenierung wieder. Man stelle sich mal manche Szenen so vor: Schwarz-Weiß, mit abgegrabbelten Bild, heiter Musik im Hintergrund. Könnte eine Stummfilmkomödie sein, so überspitzt wirkt es zum Teil, da würde auch Hardy perfekt reinpassen. Das ist gar keine Kritik, im Gegenteil, fand ich super. Das ist sehr gewagt, aber genau das macht die an sich wenig packende Story dann doch interessant. Einiges ist so schräg und fast schon saukomisch, allein dieser Disco-Abend in der Klapsmühle mit Pet Shop Boys Musik, toll. Audio-visuell lässt sich Refn nicht lumpen, speziell die Zusammenstellung des Soundtracks ist richtig stark. Ja, das kann der Mann, keine Frage.



Alles in allem ein Film mit vielen Schau- und Hörwerten und einem grandiosen Hauptdarsteller, der dafür aber die Geschichte doch viel zu sehr vernachlässigt. Wie gesagt, war wohl auch so geplant, nur mir reicht das unterm Strich nicht für eine klare Empfehlung. Aber ausprobieren tut nicht weh und allein schon Hardy sollte man gesehen haben.


6,5 von 10 ausgeknockten Wärtern