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Review: BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE – Das Ende des Versteckspiels

1 Kommentar:


Fakten:
Batman v Superman: Dawn of Justice
USA. 2015. Regie: Zack Snyder. Buch: David S. Goyer, Chris Terrio. Mit: Ben Affleck, Henry Cavill, Jesse Eisenberg, Amy Adams, Jeremy Irons, Diane Lane, Gal Gadot, Holly Hunter, Laurence Fishburne, Tao Okamoto, Scoot McNairy, Callan Mulvey, Jeffrey Dean Morgan, Lauren Cohan, Ezra Miller, Jason Momoa, Mark Edward Taylor, Alan D. Purwin u.a. Länge: 151 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Batman alias Bruce Wayne, jener überragende Streiter für Recht und Ordnung in Gotham City, fürchtet, dass selbst die Aktionen eines gottähnlichen Superhelden wie Superman außer Kontrolle geraten könnten, wenn er nicht ständig beaufsichtigt wird. Deshalb legt er sich jetzt mit dem meistverehrten modernen Retter in Metropolis an, während die Welt darüber streitet, welche Art Helden sie eigentlich braucht. Und da Batman und Superman nun einander bekämpfen, taucht unversehens eine neue Bedrohung auf, durch die die Menschheit in brisante Gefahren von ungeahnten Ausmaßen gerät.




Meinung:
„Be their hero, Clark. Be their angel, be their monument, be anything they need you to be... or be none of it. You don't owe this world a thing. You never did.“ Es sind deutliche Worte von Belang, die Martha Kent (Diane Lane) ihrem überirdischen Adoptivsohn Clark (Henry Cavill) mit auf den steinigen Weg gibt. Gewichtige Worte, die man sich als Zuschauer unbedingt noch mehrfach durch den Kopf gehen lassen sollte, bringen sie doch den zentralen Konflikt der gesamten Geschichte rundum Superman und seine Daseinsberechtigung auf Erden adäquat zum Ausdruck. Denn, auch Sentorin Finch (Holly Hunter) bringt es in ihrem reichlich expliziten Misstrauen gegenüber dem humanoiden Alien auf den Punkt: Wir sollten nicht länger darüber parlieren, ob wir einen Superman überhaupt brauchen oder nicht. Schließlich weilt er doch unlängst unter uns, was den Diskurs um seine Person respektive sein Handeln auf eine neue Ebene manövriert – nicht, was KANN Superman tun, sondern, was SOLLTE er tun. Und auf welchem Recht fußt sein Tun?


Mies gelaunt und ohne Eltern: Batman
„Batman v Superman: Dawn of Justice“ behandelt diesen durch und durch moralischen Themenkomplex. Und hätte man sich hier noch entschiedener damit beschäftigt, welche Bedeutung dem Umstand beigemessen wird, in unserer Welt ein Superheld zu sein (sprich: jemand, der anderen vermutlich in allen Belangen überlegen ist), hätte Zack Snyder („Man of Steel“) vermeintlich DIE Comic-Verfilmung abgeliefert, den Rest zu knechten. Angesichts der Umsetzung von „Batman v Superman: Dawn of Juice“ schnellt einem jedoch vielmehr der Aphorismus von römischen Dichters Sextus Aurelius Properz ins Gedächtnis, der besagt: „In großen Dingen genügt es auch, sie gewollt zu haben.“ Zutreffend, gerade wenn wir einmal abwägen, in welcher Verfassung die hochbudgetierten, von Major-Studios katalysierten Comic-Verfilmungen heutzutage überhaupt noch sind, einen gewissen Eigengeschmack in das wie auf risikobefreitem Autopilot vor sich hin schlurfende Getriebe zu extrahieren. Man kann Zack Snyder indes mit Sicherheit einiges an den Kopf werfen, doch seine Superman-Interpretation(en) unterliegen niemals der Gefallsucht der Marvel-Schmiede.


Nass und Halbwaise: Superman
Die Persistenz, mit der Zack Snyder seine eigene Version des Mann aus Stahls auf die Leinwände dieser Welt gefeuert hat, war, ist und bleibt beeindruckend. Ein guter Film muss daraus noch lange nicht entstehen und sein „Man of Steel“, die erste Annäherung seitens Snyder an den Mythos Superman aus dem Jahre 2013, war eine Herausforderung, wie man sie im Blockbustersektor kaum noch zu sehen bekommt. Ein vom manischen Bewegungsdrang und einer megalomanischen Zerstörungswut durchströmter Koloss, der den Zuschauer so sehr in den Sessel presste, dass es schon weh tat, dem überbordenden Geschehen auf der Leinwand zu folgen. „Batman v Superman: Dawn of Justice“ ist ein ähnlich paralysierender Kraftbolzen, Reizüberflutung in Reinkultur eben. Gerade wenn sich Superman, Batman (Ben Affleck), Wonder Woman (Gal Gadot) und der von Lex Luther (Jesse Eisenberg) ins Leben gerufene Doomsday, eine kryptonische Anomalie, ein mit unendlicher Energie angeheizter Planetenzerstörer, in der finalen Materialschlacht so richtig auf die Ömme geben.


Bewaffnet und der Elternstatus ist unbekannt: Wonder Woman
Interessant wird „Batman v Superman: Dawn of Justice“ aber nicht durch seinen Effektbombast, so immersiv er sich auch gestalten mag. Zack Snyder hingegen baut auf die Gegenüberstellung der titelgebenden Heroen, um daraus auch zur ethischen Meditation des Sujets zu bitten. Bruce Wayne ist anders als Clark kein Kind der Liebe, sondern ein Kind der Gewalt. Bruce wurde im Schmerz geboren und der von Ben Affleck verkörperte Fledermausmann ist ein verbitterter, desillusionierter Vigilant, der es als persönliche Beleidigung erachtet, dass die Menschen Superman als eine Art Erlöser feiern – es ist gerade das Messianische, was Bruce verurteilt. Superman wiederum wird hier nun mehr als Individuum definiert, dass sich in einer Bestimmung wiederfindet, die ihm längst zur Bürde geworden ist. Clark hat erkannt, dass das Privileg, ein Auserwählter zu sein, immer auch den Fluch mit sich bringt, die Rolle des ewigen Außenseiters einzunehmen. Was, wenn er nicht mehr die passende Antwort auf alles Böse in der Welt sein möchte? Was, wenn er schlichtweg nicht zu den Menschen passt?


Reich und mit Haaren (daher keine Eltern von Nöten): Lex Luthor
Batman und Superman jedenfalls finden sich in einer Welt wieder, in der das Selbstverständnis des Superhelden aufs Vehementeste hinterfragt sieht. Und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ ist so sehr im tagesaktuellen Geschehen eingegraben, lebt so sehr von einem gegenwärtigen Gefühl globalisierter Kollektivängste, dass sich die Frage, warum sich Clark überhaupt nicht mehr von Superman unterscheiden würde, problemlos beantworten lässt: Das Versteckspiel hat sich vollends abgenutzt. Superman kann nur dort Hoffnung bringen, wo es eine Chance gibt, Hoffnung keimen zu lassen. Vielleicht aber steht es diametral zur Natur des Menschen, Hoffnung als universaler Möglichkeit anzunehmen, was ihn dazu bewegt, alles zu zerschlagen, was im ersten Augenblick fremd erscheint. Für diese Angst steht Batman Pate: Er hat gesehen, welch urgewaltige Kräfte Superman imstande ist zu entfesseln. Und wenn Superman bemerkt, dass sich ein nicht zu unterschätzender Teil der Menschheit missmutig ihm gegenüber präsentiert, wer versichert dem anderen Teil, dass Superman weiterhin im Interesse der Menschen agiert?


Groß, böse und hat wahrscheinlich seine Eltern gefressen: Doomsday
Dass den logischen Kausalitäten im pathosgetränktes Affektkino eines Zack Snyder wenig Raum eingeräumt wird, lässt sich auch an „Batman v Superman: Dawn of Justice“ erkennen, der gehetzt, inkohärent, ja, in seiner beinahe zu kompakten Raffung dafür sorgt, die beiden Ikonen der Superhelden-Branche unter einen Hut zu bekommen, ihre eigenen Universen im Zusammenprall aber doch immer noch zu distanziert erscheinen lässt und mehrwertige Ansätze gerne mal unter den Tisch fallen lässt: Die Handhabung der 'neue Religion', die dabei ist zu expandieren, nachdem die ersten Bürger begonnen haben, ihre Gebete in Richtung Superman zu senden. Die Herangehensweise an den Diskussionsstrang um Supermans Rolle als strafmündige Person. Was bringt ein Rechtsapparat, wenn ihm so deutlich die eigenen Grenzen aufgezeigt werden? Wie muss der verfassungsmäßige Paradigmenwechsel erfolgen, damit sich die Instanzen der Justiz nicht stetig im Angesicht des extraterrestrischen Allmächtigen aus den Angeln hebeln lassen? Angesprochen werden diese Aspekte, aber sie werden (tragischerweise) nicht grundlegend vertieft.


Dennoch bleibt „Batman v Superman: Dawn of Justice“ ein sehenswertes, hochambitioniertes Erlebnis. Zack Snyder denkt in die richtige Richtung, muss seinen facettenreichen Inhalt nur noch ausgereifter, fokussierter angehen, dann steht außer Frage, wer die Oberhand im Clinch um Marvel und DC gewinnen wird. So bleibt vorerst eine (überwiegend formal) beeindruckende Zusammenführung der (womöglich) bedeutungsvollsten Superhelden überhaupt, die sich nicht durch Zugeständnisse an festgewachsene Sehgewohnheiten artikuliert, sondern ein düsteres Eigenleben entwickelt und im bis zum Exzess dynamisierten Chaos genauso berstende Druckwellen entfacht, wie im (raren) Stillleben der Emotionen. Kudos gibt es zum Ende noch einmal für den sagenhaft chargierenden Jesse Eisenberg, dessen eigenwilliges Porträt eines blutjungen Lex Luthors schlichtweg famos ist. Ein Clown mit schwarzer Seele, der noch nicht weiß, in welche Richtung er diese Dunkelheit in seinem Inneren kanalisieren soll, aber radikal und intelligent genug ist, sich ihr zu bemächtigen, zappelt dort sarkastisch durch die aufgescheuchte Gegend. Man darf gespannt sein, wie Zack Snyder seinen Werdegang weiterverfolgen wird. Das allerdings gilt für alles Kommende.


6,5 von 10 Bürden, ein Held zu sein


von souli

Review: BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE – Der größte Gladiatorenkampf aller Zeiten?

1 Kommentar:

Fakten:
Batman v Superman: Dawn of Justice
US, 2016. Regie: Zack Snyder. Buch: Chris Terrio, David S. Goyer. Mit: Henry Cavill, Ben Affleck, Gal Gadot, Jesse Eisenberg, Amy Adams, Jeremy Irons, Holly Hunter, Scoot McNairy, Jason Momoa, Ezra Miller, Michael Shannon u.a. Länge: 151 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Der brachiale Kampf zwischen Superman und General Zod hat in Metropolis verheerende Spuren hinterlassen. Ganze Ortsteile wurden pulverisiert, unzählige Zivilisten sind zu Tode gekommen und eine gigantische Spur der Verwüstung war das Resultat. Auch Bruce Wayne wurde von den Ereignissen persönlich getroffen, denn er hat den Wayne Tower mitsamt Personal verloren und steht dem fliegenden Superhelden daher alles andere als freundlich gesinnt gegenüber. Es entbricht eine Debatte in der Gesellschaft, ob Superman strahlender Retter oder übermächtiges Alien ist, welches früher oder später sämtliches, menschliches Leben auslöschen wird. Alles läuft auf eine entscheidende Konfrontation zwischen Batman und Superman hinaus, bei dem der milliardenschwere Großkonzern-Erbe Lex Luthor im Hintergrund ebenfalls seine Finger im Spiel hat.





Meinung:
Zack Snyder und vor allem seine Filme sind schon länger eine gerne genutzte Zielscheibe der Kritik. Viele interpretieren die überbordende Visualität des Regisseurs als faschistoide Ästhetik, welche sämtliche Grenzen der Logik außen vor lässt und sich vornehmlich auf einen schwülstig aufgeladenen Körperkult der Protagonisten fokussiert. "Style over Substance" wird Snyder seit seinem Langfilmdebüt "Dawn of the Dead", dem Remake von George A. Romeros Klassiker, vorgeworfen und bietet auch bei seinem aktuellen Werk "Batman v Superman: Dawn of Justice" eine breite Angriffsfläche.


Angebetet wie ein Gott
Die Fortsetzung zu "Man of Steel" ist wenig überraschend bis zum Anschlag überstilisiert, bietet erneut viele Szenen, in denen platte Erlösersymbolik sowie offensichtliche Jesus-Analogien wie auch schon im Vorgänger kaum zu übersehen sind und rutscht in seinem unaufhörlichen Bestreben, durch extrem grimmige Mimik ernste oder bedrückte Gesichtsausdrücke zu erzeugen, bisweilen in unfreiwillig komische Gefilde. Nichtsdestotrotz markiert diese Fortsetzung in gewisser Weise einen erfreulichen Weg in die richtige Richtung. Während "Man of Steel" oftmals unter der schwerfälligen Bedeutungstheatralik der typischen Produktionshandschrift von Regisseur Christopher Nolan förmlich kollabiert ist und schließlich in ein überlanges, alle Sinne pulverisierendes Finale in Form eines absoluten CGI-Overkills verfallen ist, enthält "Batman v Superman: Dawn of Justice" vermehrt vertraute Motive und Elemente aus dem bisherigen Schaffen des Regisseurs. Gerade die erste halbe Stunde des Films ist unglaublich bruchstückhaft, springt von einem Handlungsstrang zur nächsten Figur zu einem neuen Schauplatz und wieder zurück und fällt dabei durch extrem wirre Schnittfolgen auf, die leicht als schludriges Handwerk aufgefasst werden können.


Gerüstet für den großen Kampf
Tatsächlich verstärkt dieser fiebrige Schnitt den völlig entrückten Charakter der Inszenierung nur noch stärker und sorgt dafür, dass der Film, welcher realen Terror und bedrohliche Situationen vor allem zu Beginn wie surreale Höllentrips in Szene setzt sowie montiert, selbst so wirkt, als befände man sich im Albtraum einer konventionellen, glatt gebügelten Comicverfilmung. Snyder nähert sich durch diesen Stil wieder mehr seinem gewohnten Exzess und knüpft durch die zusätzliche Verwendung irritierender Traumsequenzen oder unvermittelter Gewalteinbrüche an den unberechenbaren, munter Regeln brechenden Fantasy-Bombast an, wie ihn beispielsweise "Sucker Punch" bereits bot. Inhaltlich schlagen die Ausmaße des verheerenden Finales aus "Man of Steel" nun deutlich weitere Kreise und stellen den Status sowie die Bedeutung von oder eben Bedrohung durch Superhelden in unserer Gesellschaft in Frage. Eine Thematik, wie sie ebenfalls in Snyders vermutlich besten Werk "Watchmen" Verwendung fand. Das Drehbuch von Chris Terrio und David S. Goyer weist allerdings auch einige nicht zu übersehende Schwachpunkte auf.


Auch sie mischt irgendwann kräftig mit
Die Tatsache, dass hier zu gleichen Teilen eine Fortsetzung der Ereignisse aus "Man of Steel" erzählt, sowohl Bruce Wayne/Batman als neue Schlüsselfigur integriert als auch eine Brücke zur kommenden "Justice League" – Verfilmung geschlagen werden soll, macht den Plot oftmals stark überfrachtet und lässt diverse Aspekte trotz der bereits üppigen Laufzeit von 2,5 Stunden noch zu kurz kommen. Genauso verhält es sich mit manchen Nebenfiguren und deren Handlungssträngen. Die Art und Weise, wie mit Lois Lane zum Beispiel in der Geschichte verfahren wird, ist miserabel geschrieben und macht aus einer eigentlich ungemein wichtigen Bezugsperson von Clark Kent kaum mehr als bloße Stichwortgeberin oder Dame in Not, die mal wieder gerettet werden muss. Wesentlich interessanter, weil ambivalenter und vor allem kontroverser verfährt der Film mit seinen beiden zentralen Hauptfiguren. Batman und Superman wirken in ihrem eigenen Film mitunter wie gebrochene, unberechenbare Psychopathen und als Zuschauer ist man teilweise ratlos, auf wessen Seite man sich moralisch in diesem als spätes Duell ausgelegten Konflikt überhaupt schlagen soll.


Ben Affleck ist dabei womöglich vielleicht der beste Bruce Wayne, den man bislang in Realform gesehen hat. Er gibt den exzentrischen Milliardär als geschädigten, bulligen Einzelkämpfer, dessen Batman nichts weniger ist als ein Amok laufender Berserker, der sich manchmal ohne Rücksicht auf Verluste durch Gegnerhorden mäht. Auch aus Clark Kent wird man nicht so richtig schlau. Henry Cavill spielt die Figur wie auch schon im Vorgänger zwar mit einer gewissen Sympathie, wirkt aber immer noch blass und unterstreicht dadurch die Art von Kent, der nach wie vor eher isoliertes Alien denn strahlender Retter ist und nie vollständig in der Gesellschaft ankommen kann. Fragezeichen hinterlässt zudem Jesse Eisenberg, der gänzlich auf bizarres Overacting setzt und Lex Luthor als komplett überdrehten Kasper spielt, der eher wie ein ungeschminkter Joker wirkt. Doch gerade die Entscheidung, zwischen die ohnehin schon äußerst ernsten und grimmigen Protagonisten einen Gegenspieler zu positionieren, der durch grellen Irrsinn auffällt, wirkt letztlich nur folgerichtig. "Batman v Superman: Dawn of Justice" nimmt sich ausgiebig Zeit, lässt die titelgebende Auseinandersetzung als kurzen Höhepunkt in die Geschichte krachen und verfällt letztlich in ein neues Szenario, das bedauerlicherweise an den Vorgänger erinnert. Hier wird das finale CGI-Übermaß hingegen als apokalyptisches Inferno eingesetzt, das nicht zu lange andauert, nur um zu einem Schluss zu führen, der den Ausblick auf die "Justice League" mit leisen Pessimismus vollführt und somit überraschend wie konsequent ausfällt.


7 von 10 blutende Superhelden



von Pat

Review: GONE BABY GONE - KEIN KINDERSPIEL - Was ist schon gerecht?

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Fakten:
Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone)
USA, 2007. Regie: Ben Affleck. Buch: Ben Affleck, Aaron Stockhard, Dennis Lehane (Vorlage). Mit: Casey Affleck, Michelle Monaghan, Ed Harris, Morgan Freeman, John Ashton, Amy Ryan, Amy Madigan, Titus Welliver, Michael Kenneth Williams, Edi Gathegi, Mark Margolis, Madeline O’Brien u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ein kleines Mädchen ist seit drei Tagen verschwunden. Verzweifelt wenden sich Onkel und Tante des Kindes an Patrick und Angie, ein Detektiv-Pärchen. Sie sollen die Polizei bei ihren Ermittlungen unterstützen. Tatsächlich kommen sie durch ihre Nachforschungen auf eine heiße Spur, die tiefe Abgründe im Umfeld der Familie offenbart. Als sie kurz vor der Auflösung des Falls stehen, kommt es zur Katastrophe. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange…



                                                                         


Meinung:
Eigentlich müsste man Ben Affleck ohrfeigen. Jahrelang geisterte er als angeblicher A-Klasse-Darsteller durch unzählige Produktionen und zählte damit wohl zu den nervigsten Leading-Men des neuen Jahrtausends. Dann kommt sein Regiedebüt „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ auf die Leinwand und man reibt sich verdutzt die Augen. Nicht weniger als einer der besten Thriller und Filme generell seiner Zeit ist das geworden, darüber hinaus war Mr. Affleck sogar so wenig eitel, sich nicht selbst auch nur eine kleine Rolle zu gönnen. Egal, wie sehr er vorher auf den Wecker fiel und reichlich Angriffsfläche an seinen begrenzten darstellerischen Fähigkeiten bot, das verdient höchsten Respekt. Warum dann ohrfeigen? Verdammt, warum denn nicht gleich so?!


Ohne Koks ist Mutti nur schwer zu ertragen.
Affleck’s Film ruft schnell Assoziationen zu Clint Eastwood’s drei Jahre vorher erschienenen Meisterwerk „Mystic River“ auf, nicht ganz zufällig. Beides sind Verfilmungen eines Romans von Dennis Lehane, beide spielen in der unteren Schicht von Boston, erzählen eine Krimistory, die existenzielle Grundfragen um Recht, Gerechtigkeit und persönliche Moral nicht nur beinhalten, sondern zu wesentlichen Elementen macht und offensichtlich orientiert sich Affleck auch sehr direkt wie bewusst an dem Stil von Eastwood. Vollkommen legitim, da es nicht nur der Geschichte und der Stimmung mehr als angemessen ist, Affleck beherrscht diese Form der Inszenierung fast schon erschreckend abgeklärt. Kaum zu glauben, dass dies sein Regiedebüt war. Manche Kollegen haben weniger Talent und können auf eine längere Karrier zurück schauen, auch im gehobenen Bereich. Unverkennbar bewegt sich der Regisseur hier auf bekannten Terrain, kennt die Straßen von Boston, seine Einwohner, das gesamte geschilderte Milieu aus dem Effeff. Selten wurde in einer größeren US-Produktion – die nicht im Hillbilly-Hinterwäldler-Land in Red-Neck-County spielt – so zahlreich fettleibige, vom Leben gezeichnete, ungeschliffen-rohe Figuren gezeigt, die nicht vorgeführt werden, sondern absolut authentisch wirken. Normalerweise präsentieren sich die USA ja gerne als das Land der hübschen Menschen, nur Schurken und zwielichtige Gestalten scheinen die „Hässlichkeit“ für sich gepachtet zu haben. Hier zeigen sie den Alltag, das pralle, nicht immer bilderbuchreife Leben. Vor dieser ungeschminkten Kulisse erzählt „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ seine Geschichte, die auch nur hier die entsprechende Wirkung entfalten kann.


Dieser Onkel ist da weit weniger verständnisvoll.
Ein kleines Mädchen ist verschwunden, vermutlich entführt, und ein Detektiv-Pärchen wird zu dem Fall hinzugezogen. Zunächst wissen sie nicht so recht, was sie denn eigentlich zu den Ermittlungen beitragen sollen, schließlich sind der gesamte Polizeiapparat und die Medien schon längst an der Sache dran. Doch gerade ihre Beziehungen und Kontakte zum Gesocks verschaffen ihnen einen Vorteil. Während Michelle Monaghan nicht richtig aus ihrer Sidekick-Rolle hervorstechen kann, glänzt Casey Affleck  – der jüngere Bruder des Regisseurs – in einer seiner ersten Hauptrollen. Dank „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ und eben diesen Film konnte er 2007 als das Jahr seines Durchbruchs bezeichnen. Nebenbei offenbart er mehr darstellerisches Talent, als es sein Bruder bis heute gezeigt hat. Die Qualität seiner Performance besticht nicht – wie der Film insgesamt – durch extrovertierten Firlefanz, sondern durch puren Ausdruck, reine, ungefilterte Wirkung, auf das Wesentliche gemünzten Stallgeruch. Selbst im Angesicht des Giganten Ed Harris verblasst der „kleine“ Affleck nicht mal ansatzweise, erweist sich als absoluter Glücksgriff, gerade da er und sein Gesicht zur damaligen Zeit noch unverbraucht und dadurch extrem echt wirkten. Nicht auszudenken (was nicht mal unwahrscheinlich gewesen wäre), wenn Ben sich selbst diese Rolle zugesprochen hätte. Und deshalb gerne noch mal, vielen Dank, Ben Affleck.


Im Wein (oder auch Rum) liegt die Wahrheit...
Unabhängig davon, das sind alles nur Details, denn im Kern überzeugt der Film schlicht durch eine ganz klassische, unaufgeregte Struktur, die es nicht nötig hat sich durch aufgeplusterter Effekthascherei aufwerten zu müssen. Kein stylisches Schnittgewitter, kein hastiges, überdrehtes Tempo, es herrscht ein natürlicher Erzählfluss, der auf einer clever konzipierten Story beruht. Vorschnell könnte das unschöne Wort „überkonstruiert“ in den Raum geworfen werden, doch gerade das ist es eben nicht. Sicher, der Plot nimmt immer wieder geschickte und wenig offensichtliche Wendungen, die (Gott sei Dank) nicht unbedingt dem üblichen Alltag entsprechen, aber – und das ist das Ding – es wäre so tatsächlich glaubhaft, geht in seiner inneren Logik voll und schlüssig auf. Letztlich gibt es deshalb doch Filme. Um solche Geschichten zu erzählen und wenn sie am Ende trotzdem noch real wirken, wurde alles richtig gemacht. „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ taucht in einen verzwickten Sumpf um Entführung, Erpressung, Pädophilie, Drogen und Geheimisse ein, hält dadurch wahnsinnig gekonnt bei der Stange und schafft es im Finale sogar, eine ungemein wichtige Frage zu stellen. Was ist am Ende des Tages eigentlich richtig oder falsch? Gibt es diese ultimative Antwort oder muss man sich für die eine Seite der Medaille entscheiden, mit allen Konsequenzen, um sich danach noch im Spiegel ansehen zu können? Und wenn, wie schwer wiegt der Einsatz?


Grandios, dass selbst diese Antwort dem Zuschauer nicht als einzig richtige Wahrheit zum Wohlfühlen vorgekaut wird. Ambivalenter waren Hollywoodfilme, besonders in den letzten Jahren, mit ihrem Ende kaum. Er zeigt eine Option, nicht die Lösung und definiert auch nicht die Alternative als richtig oder falsch. Das überlässt er jedem selbst. Fantastischer Abschluss zu einem wunderbaren Film.

8,5 von 10 mitgeschnittenen Anrufen

Review: GONE GIRL – DAS PERFEKTE OPFER - „Szenen einer Ehe“-Unchained

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Fakten:
Gone Girl – Das Perfekte Opfer (Gone Girl)
USA. 2014. Regie: David Fincher. Buch: Gillian Flynn (Vorlage).
Mit: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Missi Pyle, Patrick Fugit, Kim Dickens, Emily Ratajkowski, Casey Wilson, Lisa Banes David Clennon, Carrie Coon, Kathleen Rose Perkins u.a. Länge: 149 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 27. Februar 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich..


Story:
Am fünften Hochzeitstag verschwindet Amy, die Frau von Autor Nick Dunne so spurlos wie plötzlich. Die Polizei ermittelt, da alles nach einer Entführung aussieht. In der Öffentlichkeit wird das Verschwinden ebenfalls thematisiert, doch als herauskommt, dass Nick eine Affäre hatte, steht plötzlich er unter Mordverdacht.





Meinung:
Seine Hand fährt ganz sanft und bedächtig über ihren Hinterkopf, ihr dünnes, blondgefärbtes Haar fällt unter den Bildrahmen, bis sie sich ruckartig der Kamera zuwendet. „Was denkst du?“, fragt sich Nick Dunne (Ben Affleck), Besitzer der kosenden Hand, und würde den Kopf seiner Gattin Amy (Rosamund Pike) am liebsten öffnen, um irgendwie an Antworten zu gelangen. Diese Szene dient „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ als eine Art erzählerische Klammer, als identischer Anfangs- und Endpunkt. Dem Zuschauer erscheint jedes Frame schlussendlich jedoch in neuen Farben, das Karussell hat seine Runden gedreht und ist wieder in seine Startposition eingerastet, doch nichts ist mehr wie vorher – Nicht für sein Ehepaar, noch für das Publikum. „Was denkst du?“, so fällt die Frage erneut, und vielleicht sollte er es einfach tun, seiner Frau den Kopf eingeschlagen, um die Schädeldecke zu öffnen und das von durchtriebenen Gedankengängen marmorierte Gehirn sezieren.


Glücklichere Zeiten?
Verwunderlich jedenfalls wäre das nach den dargebotenen Stunden für den Zuschauer kein Stück mehr, dafür sorgte das perfide Spiel auf der Manipulationsklaviatur in einschneidender Vehemenz. Und während der Abspann so über die Leinwand rollt, wie sich Name an Name reiht, Position an Position, steht mal wieder fest, dass David Fincher uns mit einem modernen Meisterwerk beschenkt hat, welches noch lange Zeit reichlich Gesprächsstoff generieren wird. Wie aber bereits vielerorts postuliert wurde, ist „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ein Film, über dessen Plot man vorab besser Schweigen bewahren sollte, um das mannigfache Sehvergnügen anderer Leute nicht zu schmälern oder gar gänzlich einzudämmen. Ein Wort könnte vielleicht schon ausschlaggebend sein, um der 150-minütigen Tour de Force durch die Untiefen einer modernen Beziehung den Todesstoß zu verpassen. Deswegen kann dieser Stelle auch nur, wenngleich sich darum bemüht wird, signifikante Spoiler weiträumig zu umschiffen, eine kleine Warnung richtig sein, die das weitere Lesen auf eigene Gefahr versteht.


Ist Amys Ex der vermeintliche Entführer?
„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ wirkt genau dann am besten, wenn man unvoreingenommen an ihn herantritt, wobei der Trailer im Nachhinein wirklich förderlich montiert wurde, gibt er doch einen Ton vor, gegen den sich der Film ganz bewusst stemmt: Schon in diesen 2 Minuten spielt „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ mit der Erwartungshaltung, wie es auch der brillante Film als Gesamtpaket tun wird. Würde man die Nachbarn daher fragen, die zusammen mit Nick und Amy Dunne eine Straße teilen oder auch das noble Volk, welches sich auf Amys Buchvorstellungen in schicker Abendgarderobe präsentiert und jede Möglichkeit greift, um im rechten Licht zu posieren, würde man wahrscheinlich die obligatorischen Worte zu hören bekommen: Nick und Amy? Da handelt es um ein ganz „normales“, ein „glückliches“ Paar, welches sich Treue geschworen hat und immer noch so verliebte Blicke austauscht, wie am ersten Tag (in den mit Schmalz glasierten Rückblenden treibt „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ diesen Eindruck beinahe parodistisch auf die Spitze). Dass es hinter der makellosen Fassade jedoch reichlich kriselt, muss wohl kaum noch erörtert werden.


Nick sucht öffentlichkeitswirksam nach Amy
Wer sich „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ als First-Date-Movie auswählt, darf mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass dem Abend ein abrupter Schlusspunkt gesetzt wird. Die große Stärke von „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist eben nicht das, WAS er erzählt, sondern WIE er seine Geschichte dem Zuschauer unterbreitet, nach und nach entschlüsselt und nicht nur den Zuschauer in seinen Vermutungen Lügen straft, obwohl sich dieser – eben ganz nach den Regeln des Suspense-Kinos - in einer höheren Position zu befinden glaubt. Auch die involvierten Charaktere samt den dazugehörigen Tätigkeitsbereiche werden stetig auf Links gezogen: Vom normalen Bürger, der Regenbogenpresse, bis hin zur detektivischen Polizeiarbeit. „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ offenbart eine helle Freude daran, den Zuschauer auf das Glatteis zu führen, dem er ihn wie seine Charaktere ins abgefeimte Fadenkreuz nimmt und nach Strich und Faden manipuliert. Das führt dann folgerichtig dazu, dass sich die Sympathie-Achse stetig verschiebt und ein klares Misstrauen an jedes gesprochene Wort und an jede ausgeübte Geste geheftet wird, bevor wir uns vom fintenreichen Narrativ wieder in die Falle locken lassen.


Traum oder Alptraum?
Wie „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ es dabei auch bewerkstelligt, seine sterile Form zum Inhalt zu formieren, in dem er die geleckt-ästhetischen Breitbildkompositionen mit der au die schiere Oberflächlichkeit reduzierte Ermittlungsarbeit, wie dem ganzen Drumherum, komponiert, ist schon formidabel. Dass die Boulevardpresse einzig mit eingängigen Schlagwörtern (Vergewaltiger, unterdrückte Ehefrau, etc.) zu hantieren weiß, ist kein Geheimnis mehr, dass diese sich jedoch auch zum Richter aufschwingt und glaubt, ein Menschenleben ohne handfeste Beweise verurteilen zu dürfen, ist widerwärtig, aber wahrlich nur die satirische Spitze des Eisbergs, denn „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ potenziert seine auf allen Ebenen anzutreffende Widerwärtigkeit bis in Unermessliche: „Szenen einer Ehe“ - Unchained, mit einem so zynischen Nachdruck vor den Latz geknallt, dass der Atems ob des unfassbaren Handeln bar jeder Moral schon mal deutlich ins Stocken geraten kann. Rosamund Pike („JackReacher“) bekommt jedenfalls den Preis für die „hinterhältigste Bitch des neuen Jahrtausends“, während Ben Affleck („Argo“) der Mann ist, der sich zu einem Lächeln zur falschen Zeit am falschen Ort hat hinreißen lassen.


Natürlich hat er mit dieser Mimik sein mediales Todesurteil unterzeichnet. Hinter dem pechschwarzen Humor, den Haken und Wendungen, behält „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ aber noch einen weiteren Trumpf in der Hinterhand, weil er Erwartungshaltungen nahezu im Stakkato zu torpedieren und aufzubrechen weiß, um am Ende ganz frech in die Einstellung zurückzufinden, die er dem Zuschauer noch vorausgesetzt hat: Die perfekte Ehe, auf schlimmer und ewig. „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist eben auch eine zutiefst effiziente Reflexion über das Erzählen an und für sich, was der unglaubliche Klangteppich von Trent Reznor und Atticus Ross nachhaltig unter Beweis stellt: Dieses elektronisch-mechanische Gewitter krächzt, windet sich und wummert, um „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ auch akustisch in Bahnen zu lenken, die eh mit einem doppelten Boden gehaftet sind und ihn so zu der memorablen Satire stilisiert, die der Film letztlich bedeutet. „Gone – Girl – Das perfekte Opfer“ ist damit David Finchers wohl weitsichtigstes und bestes Werk seit „Zodiac“.


8,5 von 10 überwachten Häusern


von souli

Review: GOOD WILL HUNTING – Traum von Unendlichkeit

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Fakten:
Good Will Hunting
USA. 1997. Regie: Gus van Sant. Buch: Ben Affleck, Matt Damon. Mit: Matt Damon, Robin Williams, Minnie Driver, Ben Affleck, Stellan Skarsgard, Casey Affleck, Cole Hauser, Colleen McCauley, John Mighton u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Will Hunting verdient sein Geld als Putzhilfe in der Uni, zieht abends mit seinen Kumpels um die Häuser und ist auch der einen oder anderen illegalen Schandtat nicht abgeneigt. Aber hinter seiner rebellischen Fassade verbirgt sich nicht nur ein mathematische Genie, sondern auch eine verletzte Seele. Als Will in der Uni problemlos eine schwierige, öffentlich ausgehängte Aufgabe löst, wird ein Professor auf ihn aufmerksam und möchte ihn fördern, doch nachdem der vorbestrafte Will eine Schlägerei anzettelt, droht ihm Gefängnis. Damit dies nicht geschieht, vermittelt der Professor Will einen Therapeuten. Zu Beginn kann Will mit diesem nicht viel anfangen, doch langsam bricht das Eis.





Meinung:
Der Traum von Unendlichkeit: Manche brauchen dafür nicht einmal ihre Augen schließen und sind mittendrin, während andere ihm Zeit ihres Lebens hinterher eifern und infolgedessen unter ihm begraben werden. „Good Will Hunting“ berichtet von beiden Segmenten, um seinen Fokus aber auf eine weitere Möglichkeit zu legen, die sich quasi zwischen alle Stühle setzt: Will Hunting (Matt Damon, „Liberace“) nämlich könnte sich durch sein kognitives Vermögen problemlos für die Nachwelt unsterblich machen. Er könnte nicht nur das Titelplatt renommierter Zeitschriften zieren, ihm würden ganze Bücher gewidmet, Kapitel in Geschichtsbüchern würden die Leserschaft mit seinem Namen einführen, wahrscheinlich dürften sogar Universitäten nach ihm benannt werden und 'Will Hunting' würde freiweg sich als verbale Analogie auf ein wahres Genie in das allgemeine Vokabular einbürgern. Doch Will rennt seiner ihm mit Omnipotenz ausstattenden Gabe immerzu davon und wühlt sich viel lieber aus falschem Pflichtgefühl tief in die lokalen Gepflogenheit von South Boston.


"A Beautiful Mind" mit dem Wischmopp
Dass Gus Van Sant schon immer reges Interesse daran gezeigt hat, sich mit gesellschaftlichen Randläufern zu befassen, hat sich bis heute nicht geändert: Ob „My Private Idaho“, „Forrester – Gefunden!“, „Elephant“ oder „Restless“. Überall nehmen Außenseiter das Zentrum des Geschehens ein und werden von Gus Van Sant durch die Höhen und Tiefen begleitet. Natürlich ist dieser Will Hunting ebenfalls ein Außenseiter, wenn auch kein obligatorischer Einzelgänger: Wie der mit dem Fields-Preis honorierte Mathematiker Professor Gerald Lambeau (Stellan Skarsgard, „Nymph()maniac“) richtig feststellt, kann Will Hunting, der sich zum Spaß mit organischer Chemie auseinandersetzte und mathematische Gleichungen löste, an denen schon reihenweise Akademiker verzweifelten, niemand das Wasser reichen. Aber Will macht nichts aus seiner Intelligenz, er buckelt sich lieber auf dem Bau den Rücken krumm, prügelt sich und kippt mit seinen Kumpels abends einige Biere: Ein mechanischer Alltag, der gewiss auch etwas für sich haben kann, für eine Person wie Will aber auf Dauer die pure Verschwendung seiner Existenz bedeutet.


Will findet in Skylar seine große Liebe
Seine große Klasse entfaltet „Good Will Hunting“ dann, wenn der Psychoanalytiker Sean Maguire (famos gespielt von Robin Williams, „Insomnia“) ins Spiel kommt, der sich von einem neunmalklugen Burschen aus der Gosse zuerst einmal anhören muss, wie beschissen sein Malen-nach-Zahlen-Aquarell doch ist, kurz bevor er ihm nach einigen missfälligen Worten über seine Frau an den Hals springt. In den Dialogen steckt eine ungemein suggestive Wirkung, der man sich nicht entziehen. Sean ist durch den Tod seiner Frau vom Leben gezeichnet und sieht sich nicht mehr in der Lage dazu, einen Neubeginn zu starten, während Will durch grauenhafte Kindheitserfahrungen mit dem Maulschlüssel und seinem Pflegevater unfähig ist, eine echte emotionale Bindung mit einem anderen Menschen einzugehen. Es wäre falsch zu behaupten, „Good Will Hunting“ würde durch seine Nuanciertheit im Umgang mit der Psychologie seiner Charaktere bestechen, denn letzten Endes verfällt das oscarprämierte Drehbuch von Matt Damon und Ben Affleck (der hier auch als Wills bester Freund Chuckie zu sehen ist) einigen Klischees und simplifiziert innerseelische Prozesse mit Wonne.


Therapeut Sean und Genie Will sind sich sehr ähnlich
Doch „Good Will Hunting“ packt, weil er ehrlich wirkt, weil er seine Figuren authentisch konturiert, selbst wenn er als Film über die Psychoanalyse schlussendlich als 'Gescheitert' deklariert werden muss (aber daran ist ja bekanntlich auch schon ein gewisser David Cronenberg gescheitert). „Good Will Hunting“ erzählt über den Wert der Individualität, der Signifikanz der freien Entwicklung. Sean weiß, dass er Will zu nichts zwingen darf, doch Ratschläge, die dem egoistisch-affektiven Will endlich zur Selbstreflexion verhelfen, sind immer legitim. Dass Gus Van Sants Inszenierung hier auch verhältnismäßig konventionell ausfällt, tut dann auch nichts mehr zur Sache, schließlich konzentriert sich sein Sozial-Drama weitestgehend darauf, als Entwicklungsgeschichte die richtigen Töne anzuschlagen – Und das gelingt ihm (wenn auch mit manipulativen Mitteln), sieht man den Film aus der emotionalen Perspektive. Es steht außer Frage, dass „Good Will Hunting“ objektiv betrachtet klare Defizite vorzuweisen hat, doch wenn Robin Williams seinen Monolog am See hält und Will Hunting endlich in die Schranken weist, versteht man, wie viel Aufrichtigkeit in dieser Story doch wirklich vergraben liegt. Ein wunderschönes, immer und immer wieder berührendes Erlebnis.


"And look at you...
I don't see an intelligent, confident man... I see a cocky, scared shitless kid. But you're a genius Will. No one denies that. No one could possibly understand the depths of you. But you presume to know everything about me because you saw a painting of mine, and you ripped my fucking life apart. You're an orphan right? You think I know the first thing about how hard your life has been, how you feel, who you are, because I read Oliver Twist? Does that encapsulate you? Personally... I don't give a shit about all that, because you know what, I can't learn anything from you, I can't read in some fuckin' book. Unless you want to talk about you, who you are. Then I'm fascinated. I'm in. But you don't want to do that do you sport? You're terrified of what you might say. Your move, chief."


8,5 von 10 ellenlangen Vorstrafenregistern


von souli