Robin Williams wird vielen Menschen als eine nostalgische
Erinnerung an unbeschwerte Tage im Gedächtnis haften bleiben. Obgleich Filme
wie „Mrs. Doubtfire“, „Jumanji“ oder auch „Flubber“ mit zunehmenden Alter ihre
eigentlichen Mängel deutlich ausstellen, besitzen diese doch einen ungemein
sentimentalen Wert, der uns erst heute in voller Gänze aufzeigt, welch
Stellenwert Robin Williams in unserem Leben einmal eingenommen hat; wie gerne
wir ihm bei seinen Kaspereien zusahen, uns, wenn denn mal wieder eine Schlechtwetterfront
aufgezogen ist, von ihm die Laune wiederholt richtigen lassen haben. Dass
Williams nicht nur der überdrehte Spaßvogel auf der Leinwand ist, der
quicklebendige Bühnenknaller und ungestüme Entertainer, auf den man ihn früher
zu gerne reduzierte, sondern auch eine ganz andere Seite besitzt, hat er nicht
nur in „Good Will Hunting“, „One Hour Photo“, „Insomnia“ oder „The Final Cut“
bewiesen, auch die Realität lehrte uns dies: Alkohol- und
Drogenprobleme waren ein ständiger Begleiter, Depressionen sollen ihn nun in
den Suizid getrieben haben. Und mit Robin Williams ist nicht nur ein Künstler
verstorben, der immer irgendwie wie für uns da war, dessen Gegenwart wir schon
lange als selbstverständlich hingenommen haben. Mit ihm geht auch ein
geborgener Teil unserer Kindheit. Dementsprechend schwer fällt es an dieser
Stelle, Lebewohl sagen zu können... von souli
Fakten: Good Will Hunting
USA. 1997. Regie: Gus van Sant. Buch: Ben Affleck, Matt Damon. Mit: Matt Damon,
Robin Williams, Minnie Driver, Ben Affleck, Stellan Skarsgard, Casey Affleck,
Cole Hauser, Colleen McCauley, John Mighton u.a. Länge: 122 Minuten. FSK:
freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Will Hunting verdient sein Geld als Putzhilfe in der Uni, zieht abends mit
seinen Kumpels um die Häuser und ist auch der einen oder anderen illegalen
Schandtat nicht abgeneigt. Aber hinter seiner rebellischen Fassade verbirgt
sich nicht nur ein mathematische Genie, sondern auch eine verletzte Seele. Als
Will in der Uni problemlos eine schwierige, öffentlich ausgehängte Aufgabe
löst, wird ein Professor auf ihn aufmerksam und möchte ihn fördern, doch
nachdem der vorbestrafte Will eine Schlägerei anzettelt, droht ihm Gefängnis.
Damit dies nicht geschieht, vermittelt der Professor Will einen Therapeuten. Zu
Beginn kann Will mit diesem nicht viel anfangen, doch langsam bricht das Eis.
Meinung: Der Traum von Unendlichkeit: Manche brauchen dafür
nicht einmal ihre Augen schließen und sind mittendrin, während andere ihm Zeit
ihres Lebens hinterher eifern und infolgedessen unter ihm begraben werden.
„Good Will Hunting“ berichtet von beiden Segmenten, um seinen Fokus aber auf
eine weitere Möglichkeit zu legen, die sich quasi zwischen alle Stühle setzt:
Will Hunting (Matt Damon, „Liberace“) nämlich könnte sich durch sein kognitives
Vermögen problemlos für die Nachwelt unsterblich machen. Er könnte nicht nur
das Titelplatt renommierter Zeitschriften zieren, ihm würden ganze Bücher
gewidmet, Kapitel in Geschichtsbüchern würden die Leserschaft mit seinem Namen
einführen, wahrscheinlich dürften sogar Universitäten nach ihm benannt werden
und 'Will Hunting' würde freiweg sich als verbale Analogie auf ein wahres Genie
in das allgemeine Vokabular einbürgern. Doch Will rennt seiner ihm mit
Omnipotenz ausstattenden Gabe immerzu davon und wühlt sich viel lieber aus
falschem Pflichtgefühl tief in die lokalen Gepflogenheit von South Boston.
"A Beautiful Mind" mit dem Wischmopp
Dass Gus Van Sant schon immer reges Interesse daran gezeigt hat, sich mit
gesellschaftlichen Randläufern zu befassen, hat sich bis heute nicht geändert:
Ob „My Private Idaho“, „Forrester – Gefunden!“, „Elephant“ oder „Restless“.
Überall nehmen Außenseiter das Zentrum des Geschehens ein und werden von Gus
Van Sant durch die Höhen und Tiefen begleitet. Natürlich ist dieser Will
Hunting ebenfalls ein Außenseiter, wenn auch kein obligatorischer Einzelgänger:
Wie der mit dem Fields-Preis honorierte Mathematiker Professor Gerald Lambeau
(Stellan Skarsgard, „Nymph()maniac“) richtig feststellt, kann Will Hunting, der
sich zum Spaß mit organischer Chemie auseinandersetzte und mathematische
Gleichungen löste, an denen schon reihenweise Akademiker verzweifelten, niemand
das Wasser reichen. Aber Will macht nichts aus seiner Intelligenz, er buckelt
sich lieber auf dem Bau den Rücken krumm, prügelt sich und kippt mit seinen
Kumpels abends einige Biere: Ein mechanischer Alltag, der gewiss auch etwas für
sich haben kann, für eine Person wie Will aber auf Dauer die pure Verschwendung
seiner Existenz bedeutet.
Will findet in Skylar seine große Liebe
Seine große Klasse entfaltet „Good Will Hunting“ dann, wenn der
Psychoanalytiker Sean Maguire (famos gespielt von Robin Williams, „Insomnia“)
ins Spiel kommt, der sich von einem neunmalklugen Burschen aus der Gosse zuerst
einmal anhören muss, wie beschissen sein Malen-nach-Zahlen-Aquarell doch ist,
kurz bevor er ihm nach einigen missfälligen Worten über seine Frau an den Hals
springt. In den Dialogen steckt eine ungemein suggestive Wirkung, der man sich
nicht entziehen. Sean ist durch den Tod seiner Frau vom Leben gezeichnet und
sieht sich nicht mehr in der Lage dazu, einen Neubeginn zu starten, während
Will durch grauenhafte Kindheitserfahrungen mit dem Maulschlüssel und seinem
Pflegevater unfähig ist, eine echte emotionale Bindung mit einem anderen
Menschen einzugehen. Es wäre falsch zu behaupten, „Good Will Hunting“ würde
durch seine Nuanciertheit im Umgang mit der Psychologie seiner Charaktere
bestechen, denn letzten Endes verfällt das oscarprämierte Drehbuch von Matt
Damon und Ben Affleck (der hier auch als Wills bester Freund Chuckie zu sehen
ist) einigen Klischees und simplifiziert innerseelische Prozesse mit Wonne.
Therapeut Sean und Genie Will sind sich sehr ähnlich
Doch „Good Will Hunting“ packt, weil er ehrlich wirkt, weil er seine Figuren
authentisch konturiert, selbst wenn er als Film über die Psychoanalyse
schlussendlich als 'Gescheitert' deklariert werden muss (aber daran ist ja
bekanntlich auch schon ein gewisser David Cronenberg gescheitert). „Good Will
Hunting“ erzählt über den Wert der Individualität, der Signifikanz der freien
Entwicklung. Sean weiß, dass er Will zu nichts zwingen darf, doch Ratschläge,
die dem egoistisch-affektiven Will endlich zur Selbstreflexion verhelfen, sind
immer legitim. Dass Gus Van Sants Inszenierung hier auch verhältnismäßig
konventionell ausfällt, tut dann auch nichts mehr zur Sache, schließlich konzentriert
sich sein Sozial-Drama weitestgehend darauf, als Entwicklungsgeschichte die
richtigen Töne anzuschlagen – Und das gelingt ihm (wenn auch mit manipulativen
Mitteln), sieht man den Film aus der emotionalen Perspektive. Es steht außer
Frage, dass „Good Will Hunting“ objektiv betrachtet klare Defizite vorzuweisen
hat, doch wenn Robin Williams seinen Monolog am See hält und Will Hunting
endlich in die Schranken weist, versteht man, wie viel Aufrichtigkeit in dieser
Story doch wirklich vergraben liegt. Ein wunderschönes, immer und immer wieder
berührendes Erlebnis.
"And
look at you... I don't see an intelligent, confident man... I see a
cocky, scared shitless kid. But you're a genius Will. No one denies that. No
one could possibly understand the depths of you. But you presume to know
everything about me because you saw a painting of mine, and you ripped my
fucking life apart. You're an orphan right? You think I know the first thing
about how hard your life has been, how you feel, who you are, because I read
Oliver Twist? Does that encapsulate you? Personally... I don't give a shit
about all that, because you know what, I can't learn anything from you, I can't
read in some fuckin' book. Unless you want to talk about you, who you are. Then
I'm fascinated. I'm in. But you don't want to do that do you sport? You're
terrified of what you might say. Your move, chief."