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DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN – Große Show, wenig Emotionen

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Fakten:
Die irre Heldentour des Billy Lynn (Billy Lynn's Long Halftime Walk)
USA. 2016. Regie: Ang Lee. Buch: Jean-Christophe Castelli, Simon Beaufoy, Ben Fountain (Vorlage). Mit: Joe Alwyn, Garrett Hedlund, Vin Diesel, Steve Martin, Chris Tucker, Kristen Stewart, Arturo Castro, Mason Lee, Astro, Beau Knapp, Ismael Cruz Córdova, Barney Harris, Makenzie Leigh, Ben Platt, Bruce McKinnon, Deirdre Lovejoy u.a. Länge: ca. 110 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Ab 2. Februar 2017 im Kino.


Story:
Nach einem schrecklichen Gefecht im Irakkrieg werden der 19-jährige Soldat Billy Lynn und seine Kameraden als Helden gefeiert und auf eine landesweite Siegestour durch die USA geschickt. Doch nach und nach geraten die wahren Geschehnisse am Golf ans Licht und die Enthüllung findet ihren Höhepunkt während der spektakulären Halbzeit-Show eines Football-Spiels an Thanksgiving. Die amerikanische Feier-Euphorie ist meilenweit von der Realität des Krieges entfernt...




Kritik:
Zu Beginn des Jahres 2017 starten gleich zwei Kriegs- bzw. Antikriegsfilme in Deutschland, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" seinen Protagonisten als Kriegshelden heroisiert, erschafft Ang Lee mit "Die irre Heldentour des Billy Lynn" (Billy Lynn's Long Halftime Walk) einen krassen Gegenentwurf dessen und stellt die Frage, ob es im Krieg überhaupt Helden geben kann. Doch gehen wir einen Schritt zurück. Der zweifach oscarprämierte Regisseur Ang Lee hat sich seit seiner Zeit in Amerika immer wieder uramerikanischen Themen, wie Superhelden, Cowboys oder auch Woodstock gewidmet. In seinen Filmen beweist Lee nicht nur ein tiefes Verständnis für die amerikanische Kultur, sondern reflektiert über diese auf eine Art und Weise, wie es wohl nur ein Außenstehender zu tun vermag. Seine Werke sind eben keine typischen Superhelden- oder Cowboyfilme, sie entwickeln sich über das eigentliche Genre hinaus und werden zu etwas neuem, etwas größerem. Angesichts dessen ist die Erwartung an einen Antikriegsfilm von Lee, insbesondere zu Zeiten von furchtbaren Machwerken wie "Hacksaw Ridge", immens hoch. Doch auch wenn man Lee die Risiken, die er bei diesem Film eingegangen ist positiv anrechnen muss, ist er leider an seinen Ambitionen und wohl auch der hohen Erwartungshaltung der Zuschauer gescheitert.


Aber widmen wir uns erst einer der größten Stärken des Films – der Inszenierung. Ang Lee hat schon mehrfach bewiesen, dass er auf dem Regiestuhl wahre Wunder vollbringen kann. Seien es die atemberaubenden Kampfsequenzen in "Tiger & Dragon", die emotionale Kraft von "Brokeback Mountain" oder die unnachahmliche Schönheit von "Life of Pi". All diese Filme verdanken Lee einen Großteil ihres Erfolgs. Billy Lynn reiht sich problemlos in diese Riege von inszenatorischen Meisterleistungen ein. Dabei sticht vor allem die Szene hervor, in der Billy und seine Kumpanen in der titelgebenden Halbzeitshow auftreten müssen. Lee hat hier zu jedem Zeitpunkt die volle Kontrolle über das was der Zuschauer sieht – oder in diesem Fall eben nicht sieht – um damit die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Genau diese Szene wird auch am Ende des Jahres zu dem besten aus 2017 zählen. Doch ähnlich wie schon bei "Life of Pi" hatte der Regisseur die Ambition, die technischen Aspekte des Films auf eine neue Ebene zu bringen. Anstatt mit 24 fps (Bildern pro Sekunde) filmte er Billy Lynn mit sage und schreibe 120 fps. Damit erreicht der Film mehr als die doppelte Anzahl an Bildern pro Sekunde, die der bisherige Rekordhalter "Der Hobbit" mit seinen 48 fps erreicht hatte. Als Gründe für diese technische Neuerung nannte Lee, dass er eine noch eindringlichere und realistischere Kinoerfahrung erzeugen wolle. Glaubt man den Kollegen aus Übersee – und das muss man, denn der Film kann weltweit in nur 6 Kinos in 120 fps gezeigt werden und keines dieser Kinos befindet sich in Europa – stört diese neue Technik eher das Sehvergnügen, als es zu bereichern. Zuschauer bemängelten das flache 3D und den teilweise hyperrealistischen Charakter der Bilder, der einen immer wieder aus dem Geschehen reißt. Die 120fps waren also ein Risiko, welches sich nicht ausgezahlt hat und vom Großteil der Zuschauer ohnehin nicht wahrgenommen werden kann.


Mit seinen Castingentscheidungen ging Lee dann ein weiteres Risiko ein. Joe Alwyn wurde für den Film nur zwei Tage nach seinem Abschluss an der London Royal Central School of Speech and Drama gecastet. Ein junges und unverbrauchtes Gesicht als Hauptdarsteller eines so großen Films zu wählen, beweist Mut seitens der Verantwortlichen. Mut, der ich aber leider nur zum Teil auszahlt. Während Alwyn zwar eine schauspielerisch tolle und sehr nuancierte Leistung abliefert, fehlt es ihm leider an Charisma, um einen so schweren Film auf seinen Schultern zu tragen. Zu seinem Glück funktioniert aber die Dynamik zwischen ihm und den anderen jungen Soldaten so gut, dass sie ihm einen Teil der Last abnehmen können. Auch in weiteren Nebenrollen besticht der Film mit ungewöhnlichen Castingentscheidungen. Während Vin Diesel als Sympathieträger mit nur wenigen, dafür aber sehr prägnanten Szenen eine durchaus nachvollziehbare Wahl ist, muss man sich fragen, was Ang Lee dazu bewogen hat, Kristen Mouthbreather Stewart als Schwester von Billy in Erscheinung treten zu lassen. Sie erfüllt zwar mit Ach und Krach ihren Zweck, bringt aber nicht ansatzweise das emotionale Gewicht zur Rolle, das benötigt wird. Ultimativ bricht der Cast leider unter dem immensen Gewicht des Films zusammen. Beschreibend für diesen Zustand ist, dass gerade Antischauspieler Vin Diesel eine der emotionalsten Szenen des Films zu verdanken ist.


Doch auch wenn sich die Risiken nicht ausgezahlt haben, kann Billy Lynn doch noch ein guter Film sein, oder? Nun ja, hätte sich jemand anders dem Drehbuch an- und im Vergleich zum Roman von Ben Fountain einige Veränderungen vorgenommen, dann hätte Billy Lynn vielleicht trotz all seines verfehlten Potentials ein guter Film werden können.Leider versteht sich der oscarprämierte Autor Simon Beaufoy ("Slumdog Millionär") aber nicht darin, die emotionale Bandbreite des Stoffs auf die Seiten des Drehbuchs zu übertragen.Was am Ende bleibt ist ein Film mit viel Potential, der aber an seinen eigenen Ambitionen scheitert und dem eine essenzielle Zutat für ein gutes Drama fehlt – Emotion.

4,5 von 10 I Love Yous

von Tobias Bangemann

Review: TIGER & DRAGON – Gestohlene Schwerter und die hohe Kampfkunst!

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Fakten:
Tiger & Dragon (Wòhǔ Cánglóng)
CN, HK, TW, US. 2000. Regie: Ang Lee. Buch: Wang Hui Ling, James Schamus, Kuo Jung Tsai. Mit: Chow Yun-Fat, Michelle Yeoh, Zhang Ziyi, Chang Chen, Cheng Pei-pei u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der Schwertkämpfer Li Mu Bai beschließt sein legendäres "Grünes Schwert" dem Hohen Rat zu überlassen. Kaum ist das Schwert angekommen, wird es auch schon wieder von einem mysteriösen Mädchen geklaut. Schließlich stellt sich heraus, dass die Diebin Jen Yu heißt und Tochter des Gouverneurs ist. Beeindruckt von ihren kämpferischen Fähigkeiten, fasst Li Mu Bai den Entschluss diese zu trainieren. Sie ist jedoch die Schülerin einer alten Feindin, die vor vielen Jahren dessen Meister ermordet hat.




Meinung:
Wuxia, zu Deutsch etwa „ritterliche Kampfkunst“, erfreut sich in China seit jeher großer Beliebtheit. Nicht nur im Film, sondern vor allem in der Literatur wurde es als Genre extrem populär und ist daher tief in der chinesischen Kultur verankert. Auch der Wuxia-Film hatte seine Höhe- und Tiefpunkte, durchlief unterschiedliche Phasen und Stilrichtungen und brachte somit viele formidable Filme auf den Markt. Ein Meilenstein war dabei sicherlich Ang Lees „Tiger & Dragon“, der den Wuxia-Film 2000 erstmals auf einer internationalen Bühne etablierte. Das Epos wurde mit vier Oscars ausgezeichnet und sorgte für einen erneuten Aufschwung des Genres.


Das "Grüne Schwert" in Aktion
Wuxia-Filme folgen einigen typischen Merkmalen, die diese als Genre abgrenzen und an die sich fast ausnahmslos gehalten wird. Zunächst stehen stets chinesische Schwertkämpfe, Kriege, Schlachten und Duelle im Mittelpunkt der Handlung, im (pseudo)historischen Hintergrund wird die Handlung außerdem durch zahlreiche phantastische Elemente angereichert. Die Geschichten die dabei erzählt werden, finden sich irgendwo zwischen persönlicher Racheagenda und weitreichendem Schlachtenepos wieder, oftmals steht auch die unsterbliche Liebe zu einer Frau im Mittelpunkt. Auch „Tiger & Dragon“ greift die Traditionen des Genres konsequent auf und verbindet diese mit Lees gekonnter Regie. Vor allem die zahlreichen Kampsequenzen leben von der virtuosen Kamera, der es gelingt Dynamik mit Ruhe zu verbinden. Sie sind auch deshalb so gelungen, weil sie zusätzlich zur optisch opulenten Inszenierung auch auf einer symbolischen Ebene funktionieren. Das Drehbuch liefert ausreichend Tiefgang um den Duellen Bedeutung zu verleihen und schafft es dadurch die Zuschauer emotional zu involvieren, ihnen zu vermitteln was hinter den Kämpfen steckt. Sie bringen Wünsche zum Ausdruck, verkörpern Stellungen und Machtverhältnisse und schaffen es final auch immer wieder als Katalysator für die restliche Handlung zu dienen.


Vorsicht, scharf!
In stellenweise atemberaubenden Bildern erzählt Ang Lee in erster Linie eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über eine junge Frau, die verzweifelt nach ihrer eigenen Identität sucht. Im goldenen Käfig gefangen, versucht sie seit jeher auszubrechen, sei es durch das verbotene Erlernen einer Kampfkunst oder durch das abenteuerliche Liebesleben in der Wüste. Allen Anstrengungen zum Trotz hilft letztlich nur die Flucht, eine folgenschwere Entscheidung, ein Fehler für den sie final auch selbst die Verantwortung trägt. Ein letzter Entschluss, der verdeutlicht, dass sie aus ihren Taten gelernt und dadurch doch noch zu sich selbst gefunden hat. Mit einer märchenhaften Atmosphäre und in arg romantisierter Form bettet Lee die Geschichte in einen phantastischen Hintergrund und stolpert dabei gelegentlich über die eigenen Füße. Es mangelt, wenn auch nur gelegentlich, an einer klaren Linie, zu oft werden Handlungsstränge angeschnitten und dann nicht zufriedenstellend zu Ende erzählt. Dennoch gelingt es „Tiger & Dragon“ stets das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und zugegebenermaßen verläuft man sich doch gerne auf einem Umweg, wenn dieser so schön anzusehen ist.


Ang Lees „Tiger & Dragon“ ist damit wohl vor allem durch seinen Stellenwert innerhalb des Genres ein würdiger Klassiker. Mit seinem internationalen Siegeszug hat sich der Wuxia-Film 2000 auch im westlichen Raum erstmals bei einer größeren Menge etabliert. Eine Renaissance des Genres in deren Fahrwasser Filme wie „Hero“ oder „House of Flying Daggers“ entstanden sind.


7 von 10 zerteilte Klingen

Review: DER EISSTURM - Eiseskälte innen und außen

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Fakten:
Der Eissturm (The Ice Storm)
USA, 1997. Regie: Ang Lee. Buch: James Schamus. Mit: Kevin Kline, Joan Allen, Sigourney Weaver, James Sheridan, Tobey Maguire, Christina Ricci, Elijah Wood, Adam Hann-Byrd, Henry Czerny, David Krumholtz, Katie Holmes, Kate Burton u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In "Der Eissturm" portraitiert Ang Lee zwei Familien des gehobenen Mittelstands im Conneticut der frühen 70er Jahre. Die Hoods und Carvers sind gut befreundet, ihre Ehen stecken dabei in einer tiefen Krise. Ben Hood und Janey Carver haben eine Affaire miteinander, ihre Partner ahnen dies bereits, halten oberflächlich aber am Heile-Welt-Bild fest. Gleichzeiig entdecken ihre Kinder die Sexualiät für sich. Während eines Abends ein fürchterlicher Eissturm losbricht, spitzen sich die aufgestauten Situationen zu.


Meinung:
Feinfühlig, still und enorm gut beobachtend führt uns "Der Eissturm" mitten in das Leben zweier amerikanischen Bilderbuchfamilien. Oder zumindest Familien, die auf dem Papier diese Voraussetzungen erfüllen. Denn unter der heilen Schale stimmt überhaupt nichts mehr. Zeitlich angesiedelt 1973, als sich die Gesellschaft im Umbruch befand, alte Wertvorstellungen langsam zerbröckelten und sich neu orientierten. Davon erzählt Ang Lee, anhand der sich endremdeten Eltern und ihrer sich auf sexueller Ebene näherkommenden Kinder. "Der Eissturm" behandelt somit zum Teil klassischen Comig-of-Age Stoff, parallel zu dem drohenden Einbruch einer maroden Ehe, die schon lange nur noch durch Lügen, Geheimnisse und unausgesprochene Konflikte zusammengehalten wird.


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Emotional herrscht Eiszeit
Leicht poetisch vorgetragen, durchzogen von stetig spürbarer Melancholie, dabei niemals übertrieben rührseelig oder unpassend überdramatisierend wird sich bewusst Zeit genommen, um in die Figuren einfühlen zu können. Das gelingt problemlos, dank der Kombination aus einer sensiblen, glaubhaften Charakterzeichnung und hervorragenden Darstellern. Erstaunlicherweise wurde gerade bei den jugendlichen Darstellern ein sehr geschicktes Händchen bewiesen. Ganz neu im Geschäft war zwar keiner von ihnen, die Karrieren von Tobey Maguire, Elijah Wood, Katie Holmes und Christina Ricci (von der noch am ehesten) waren so aber sicherlich noch nicht zu erahnen. In den "erwachsenen" Hauptrollen glänzen besonders Kevin Kline, Joan Allen und Sigourney Weaver als tragische Dreiecksbeziehung. Das es ihnen gelingt, ihre Rollen so authentisch rüberzubringen, sie mit Leben und Tiefe zu erfüllen, die für die Stimmung und der ruhigen Erzählweise wichtigen, kleinen Nuancen auf den Punkt zu bringen, lässt die angepeilte Wirkung von "Der Eissturm" erst aufgehen.


Ungeduldige Zeitgenossen dürften eventuell ihre Probleme bekommen, denn hier verfällt niemand in Hektik oder legt es darauf an, die Geschehnisse sich überschlagen zu lassen. Das ist auch gut so. Nur auf diese Weise verliert Ang Lee nicht den Boden seiner ehrlichen Arbeit unter den Füssen, durch die sein Film erst seine Stärke gewinnt. Emotionen sind hier jederzeit nachvollziehbar, berühren uns auf eine ganz natürliche Art und es bedarf keiner übersprudelnden Pathosshow oder manipulativer Gefühlduselei. Dadurch entfernt sich "Der Eissturm" ganz weit von leider oft gestelzten US-Drama-Eintopf, erinnert eher sogar an europäisches Kino. In seiner Unspektakularität ein leises Spektakel. Schön.


8 von 10 Kilo Streusalz

Review: LIFE OF PI: SCHIFFBRUCH MIT TIGER - Überlebenskampf als träumerisches Kaleidoskop

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Fakten:
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi)
USA. 2012. Regie: Ang Lee. Buch: David Magee, Yann Martel (Vorlage). Mit: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Rafe Spall, Gautam Belur, Adil Hussain, Tabu, Ayan Khan, Gérard Depardieu, Mohd Abbas Khaleeli, Vibish Sivakumar u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD, Blu-ray und Blu-ray 3D erhältlich.


Story:
Piscine Molitor Patel wird von einem Schriftsteller besucht, der Patels bewegte Vergangenheit niederschreiben möchte. Patel erzählt dem jungen Autor von seiner Kindheit in Indien, seiner Suche nach dem richtigen Glauben, dem Zoo seiner Familie sowie der Geschichte vom Tiger Charlie Parker, der zusammen mit ihm schiffbrüchig in einem Rettungsboot über den Pazifik schipperte.




Meinung:
Als taiwanesische Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain", "Tiger & Dragon") dieses Jahr den Oscar für die beste Regie bekam, dachte ich noch, es sei wieder so eine Sicherheits-Entscheidung der Academy. Lee ist, ohne einen Hauch von Zweifel, ein begnadeter Regisseur. Bis jetzt gefielen mir alle seine Filme. Auch sein „Hulk“ ist für mich ein klares Highlight im grassierenden Kanon aktueller Comicverfilmungen. Doch sein letzter Film „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ hatte mich nicht sonderlich interessiert, auch nicht als er dafür den Regie-Oscar bekam. Nun, nachdem ich die Verfilmung des Romans von Yann Martel gesehen habe, frage ich mich aber warum „Life of Pi“ nicht auch den Oscar für als bester Film gewonnen hat? Nichts gegen „Argo“ von Ben Affleck, aber Ang Lee beschwört hier so viel filmische Magie, die nicht bloß zur Schönfärberei dient, sondern wirklich die Aussage des Films verfestigt, das Afflecks gut geschmiertes, aber doch sehr monotones Polit-Drama doch mehr wie ein Gewinner zweiter Wahl wirkt. Gewiss, richtig vergleichbar sind beide Werke nicht aber es ist schon schade, dass die Academy dieses Jahr nicht auf Filmmagie gesetzt hat.


Pi und Charlie Parker auf dem goldenen Ozean
Was „Life of Pi“ so besonders macht? Nun, zuerst einmal sollte gesagt werden, dass der Film gleich mehrere Faktoren vereint, die ein Scheitern mehr als wahrscheinlich machen. Zum einen spielt ein Großteil auf einem kleinen Rettungsboot auf dem lediglich ein Protagonist agiert und dann spielen Tiere, im speziellen ein Bengalischer Tiger, auch noch eine entscheidende Rolle. Unter diesen Gesichtspunkten könnte der Verdacht aufkeimen, „Life of Pi“ wäre ein Kammerspiel, welches auf einen animalischen Knuddeleinflüssen abzielt. Nun, zu gewissen Teilen stimmt dies auch, aber Ang Lee und sein Drehbuchautor David Magee gelingt es aus diesem rudimentären Kern etwas großes zu erschaffen. Sie erschaffen es nicht nur, sie bringen es zum leben. „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ ist einer der lebendigsten Filme seit langem. Ein Ereignis mit überschwänglicher, pulsierender Kraft.


Wie Lee die Geschichte von Pi Patel erzählt, oder besser gesagt, wie dieser selbst seine Geschichte wiedergibt wird mit wohltuend ruhig inszeniert. „Life of Pi“ lässt sich Zeit, bis es zum „Schiffbruch mit Tiger“ überhaupt kommt. Doch schon vor dem titelgebenden Ereignis, welches später den Film klar dominiert, bringt uns Ang Lee die Welt von Hauptfigur Pi in unglaublich intensiver wie herzlicher Weise näher. Dabei spricht Lee auch bereits die Themen an, die sich während Pis Zeit alleine auf dem Pazifik, eine wichtige Rolle spielen. Es geht um die Frage nach dem Glauben, um den Willen des (Über-)Lebens, um die Verarbeitung von Verlust und um das Lösen von Problemen und Konflikten. Im Prinzip nimmt der Beginn des Films, wenn Pi noch in seiner Heimat ist, sämtliche Themenbereich der späteren Schiffbruch-Phase vorweg. Sie werden sozusagen auf dem Festland angekratzt und auf hoher See auf fulminante Weise vertieft und verarbeitet, ohne dass es sich zu artifiziell anfühlt.


Pi erzählt einem Autor seine unglaubliche Geschichte
„Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ ist eine Fabel. Ein emotionales Märchen rund um einen Überlebenskampf einhergehend mit einer Glaubenskrise. Dies wurde von Ang Lee in ein farbenprächtiges Kaleidoskop verpackt, das in dem einen Moment zum Staunen verleitet, nur um wenig später das eigene Herz zu rühren. Dabei sollte aber niemand dem Verdacht verfallen Ang Lee würde vor
Determination zurückschrecken. „Life of Pi“ zeigt auch die Fratze der Grausamkeit. Es sind gewiss keine Blutbäder, ganz im Gegenteil, aber im Kontrast zu den träumerischen, fast sphärischen Passagen, wirken die dargestellten Bedrohungen umso stärker und massiger. Eine dieser Gefahren ist Charlie Parker, der Tiger im Rettungsboot. Um hier letzte Zweifel auszumerzen, wer glaubt, hofft oder erwartet Pi und der Tiger würden eine cartooneske Beziehung im Kampf gegen den Pazifik, den Hunger und den Durst eingehen, der irrt sich. Der Tiger und Pi werden nach und nach eine Art Team, aber dennoch bleibt das Raubtier eben ein Raubtier und somit eine Gefahr, die niemand unterschätzen sollte. Aber eben durch die ewige Gefahr Charlie Parker, wirkt der unbändige Kampfeswille von Pi umso konzentrierter und packender.


Pi im Kampf gegen die Gezeiten
„Life of Pi“ ist kein Film, der mit seinen Schauwerten hausieren geht. Aber Schauwerte bietet er in Hülle und Fülle. Egal ob satte Farben, peitschende Stürme, goldene Wolken, die sich auf der spiegelnden Oberfläche des Pazifik reflektieren und eine Art Parallelwelt formen, oder fluoreszierende Quallen, die Pis unerreichbare Träume scheinbar in die Tiefe des ozeanischen Reiches malen. Das ist künstlerisch hochwertig und vor allem ergibt es alles einen Sinn. „Life of Pi“ nutzt seine geballte optische Kraft nicht dafür, um sich selbstgefällige Statussymbole zu generieren, sondern um seine eigene Geschichte und seinen Helden Pi Patel zu ergründen und weiterzuformen. Aus technischer Sicht ist dies makellos. Vor allem bei Charlie Parker wird dies ersichtlich. Es gibt nur wenige echte Tiger-Bilder im Film, doch die meiste Zeit ist die CGI-Raubkatze nicht von einer echten zu unterscheiden. Und selbst in den Momenten, in denen die Hochleistungsrechner scheinbar nicht unsere Erwartungen erfüllen können, wirkt „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ wie aus einem Guss, weil die bittersüße, abenteuerlustige Erzählung des Films einen in ihren Bann zieht und auch weil Lee es wunderbar versteht kindliche Unbeschwertheit, jugendlichen Entdeckungsdrang und  unbändigen Überlebenswillen so einzufangen und umzusetzen, dass hinter jedem schweren oder scheinbar als Illusion enttarnten Moment, sich immer noch etwas Magie befindet. Genau so sollte von Wundern erzählt werden, in dem man die Macht der Wunder benutzt.


Vielleicht wird man „Life of Pi“ am besten gerecht, wenn man ihn als wundersam beschreibt? Oder noch besser: Ang Lee hat kein Meister- sondern ein Wunderwerk geschaffen. Eine Ode an das Leben, dargeboten mit all den Farben, die wir oft nur mit den Herzen sehen. Kitschig? Gewiss. Schön? Ja, mit jedem einzelnen Frame.


9,5 von 10 schwimmenden Bananen