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Review: JUNGES LICHT – Coming-of-Age aus Deutschland

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Fakten:
Junges Licht
DE. 2016. Regie: Adolf Winkelmann. Buch: Till Beckmann, Nils Beckmann, Adolf Winkelmann, Ralf Rothmann (Vorlage). Mit: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Magdalena Matz, Stephan Kampwirth, Peter Lohmeyer, Nina Petri u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Die 60er-Jahre, ein Sommer im Ruhrgebiet. Der Krieg ist vorbei. Das Ruhrgebiet sorgt mit Kohle und Stahl für das Wirtschaftswunder und den Fortschritt der gesamten Republik. Die Gastarbeiter sind schon da und Tante-Emma-Läden noch rentabel; Rauchen gilt nicht als gesundheitsgefährdend und Currywurst als nahrhaft. Während die Männer unter Tage malochen, vertreiben sich die Jungen ihre Zeit mit Zigaretten, Bier und Obszönitäten. Doch der 12-jährige Julian ist anders. Er kümmert sich liebevoll um seine kleine Schwester, schmiert Brote für seinen Vater und dient sonntags in der Messe. Mit Neugier beobachtet er, was um ihn herum geschieht. Besonders angetan hat es ihm die frühreife Nachbarstochter Marusha, die jedoch nicht nur den Jungen fasziniert.




Meinung:
Die Nachkriegszeit, sprich die 50er und 60er Jahre, haben im deutschen Film lange Zeit eine übergeordnete Rolle gespielt. Waren es einerseits Heimatfilme, die erneut Wertvorstellungen vermitteln und die Wichtigkeit von Zusammenhaft hervorheben wollten, so fanden andererseits auch klassische Dramen ihren Weg in die Kinos. Die Romanadaption Junges Licht widmet sich erneut dieser bereits verlorengegangenen Art von Nachkriegsfilm und koppelt sie mit einer moderneren Entwicklung, dem Coming-of-Age Film. Dabei ist der neueste Film von Adolf Winkelmann im positiven wie negativem Sinne altmodisch.

 
Sonntagsausflug
Als Mischung aus Nachkriegsdrama und Coming-of-Age Film wirkt Junges Licht oftmals recht unentschlossen, welcher Facette er sich vorrangig widmen will. Gelingt es ihm zunächst gut die Hoffnungs- und vor allem Ausweglosigkeit des alltäglichen Lebens der damaligen Zeit zu porträtieren, so verliert er sich später etwas zu stark im typischen Erwachsenwerdens des Protagonisten. Gerade ein Satz wie: „Abhauen gibt’s nicht, wär schön, aber gibt’s nicht“, welchen der einfache Familienvater gegen Ende des Films äußert, hallt nach. Im Kontrast zu all den Erwachsenen, die ihre Träume und Ziele bereits aufgegeben haben, funktioniert der junge Julian als Hauptfigur wirklich gut, auch wenn er immer wieder droht in etwas naive Klischees abzudriften. Vieles wirkt vertraut, was man dem Film sowohl als Vor- wie auch als Nachteil auslegen kann. Hat man diese Elemente einfach zu oft gesehen oder schafft es Junges Licht schlichtweg die Befindlichkeit dessen, was typisch Deutsch ist, einzufangen? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen, was den Film auf jeden Fall zu einer (be)lohnenden Erfahrung macht, denn oftmals kann die Auseinandersetzung selbst, ungeachtet der filmischen Qualität, bereits Grund genug sein. Glücklicherweise bietet diese Romanadaption in beiderlei Hinsicht etwas.

 
Frühstück im Pott
Neben einer ruhigen und unauffälligen Inszenierung fallen immer wieder Spielereien mit dem Format auf, die den ansonsten sehr klassischen Film auflockern. Leider ist der Wechsel zwischen schwarz-weiß und der Sprung vom Breitbild- zum 4:3-Format, der immer wieder stattfindet, nicht mehr als reine Spielerei. Als simples Wachrütteln des Zuschauers funktioniert der auffällige Formatwechsel durchaus, doch darüber hinaus scheint er weder bestimmten Gesetzmäßigkeiten zu folgen, noch von inhaltlicher Relevanz zu sein. Schade, hätte man diesen formalen Ansatz ernster genommen und bewusster eingesetzt, dann hätte der ansonsten eher im Erzählkino verankerte Film auch aus ästhetischer Hinsicht relevant sein können. So funktioniert das Ganze immerhin als markante Erinnerung daran, wie sehr sich das Medium in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt hat. Dennoch wäre mehr möglich gewesen und vielleicht ist dieser fehlende Wagemut auch symptomatisch für das, was im deutschen Kino noch viel zu oft fehlt. Trotzdem, und das soll erneut betont werden, ist Junges Licht ein durchaus sehenswerter Beitrag, der im gerade für den deutschen Film überaus gelungenem Jahr 2016 zwar etwas hinter den Höhepunkten zurückfällt, aber nichtsdestotrotz einen erwähnenswerten Beitrag darstellt.

Junges Licht wird als Zeit- und vor allem Ortsporträt vor allem diejenigen erreichen, die einen persönlichen Bezug zu dem Film aufbauen können. Das kann in vielerlei Hinsicht funktionieren, durch Identifikation mit dem jungen Julian, Antizipation der damaligen Umwelt oder dem Wiederfinden inmitten der authentischen Welt. Dabei hilft es natürlich ungemein, wenn man mit der damaligen Zeit oder auch nur dem Ruhrgebiet etwas verbindet, denn genau für diese Zuschauer wurde die Romanadaption wohl gedreht. Doch auch alle anderen dürfen einen wirklich ordentlich erzählt, gespielt und inszenierten Film genießen.


6 von 10 Mal von Zuhause abgehaut

Review: THE NIGHT MANAGER (Staffel 1) – Tom Hiddleston auf den Spuren von 007

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Fakten:
The Night Manager
GB/US, 2016. Regie: Susanne Bier. Buch: David Farr. Mit: Tom Hiddleston, Hugh Laurie, Elizabeth Debicki, Tom Hollander, Olivia Colman, David Harewood, Neil Morrissey, Tobias Menzies u.a. Länge: 8 Episoden á ca. 45 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jonathan Pine ist der Nachtmanager in einem Hotel in Kairo. Durch einen Zwischenfall gerät er in ein kriminelles Geschäft, durch das seine Geliebte Sophie getötet wird. Jahre später erhält er vom britischen Geheimdienst die Möglichkeit, verdeckt in die kleine Organisation von Richard Roper, einem mächtigen und nahezu unantastbaren Waffenhändler, eingeschleust zu werden. Da Roper offensichtlich für den Tod von Sophie verantwortlich ist, nimmt Pine den Auftrag  von Rache getrieben an. Nach und nach gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Verlockungen, Abgründen und der ständigen Gefahr, aufzufliegen und mit dem Leben bezahlen zu müssen...




Meinung:
Was Komplexität, Tiefgang und vielschichtig ausgearbeitete Figuren angeht, kann die erste Staffel von "The Night Manager" nicht mit der momentanen Speerspitze im Serien-Olymp mithalten. Die Adaption von John Le Careés Roman-Vorlage, welche zusätzlich in die Gegenwart übertragen wurde und zeitgemäße, politische Konflikte berührt, besticht dafür mit ganz anderen Qualitäten.


Gut und Böse treffen aufeinander
Die Geschichte des titelgebenden Night Managers Jonathan Pine, der aus einer tragischen wie rachsüchtigen Motivation heraus das Angebot des britischen Geheimdienstes annimmt, als verdeckter Spion in den engsten Kreis des weltweit operierenden, nahezu unantastbaren Waffenhändlers Richard Roper eingeschleust zu werden, bedient allem voran unwiderstehliche Oberflächenreize. Die dänische Regisseurin Susanne Bier, die bei allen Episoden Regie führte, und David Farr, der für jede Episode das Drehbuch schrieb, haben aus dem Ausgangsmaterial ein geradliniges Stück klassischer, mitreißender sowie unglaublich stilvoller Spionage-Unterhaltung geschaffen. Die Regisseurin drückt der gesamten Staffel dabei einen derart stylischen Stempel auf, mit edlen Hochglanz-Einstellungen und malerischen Urlaubsorten am laufenden Band, so dass "The Night Manager" optisch wie ein weiches Stück Butter auf der Netzhaut des Betrachters zerschmilzt. Inhaltlich lässt sich die Serie hingegen weitaus weniger eingängig erfassen, denn die glatt polierte Makellosigkeit, die aus jedem Frame strahlt, könnte man ihr ebenso als Makel ankreiden. Durch diese Form der Inszenierung wird die reizvolle Anziehung durch das Böse, das hier überwiegend in luxuriösen Hotels sowie teurer Kleidung mit Meeresfrüchten auf den Tellern und in Anwesenheit bildhübscher Frauen residiert, allerdings konsequent zum Ausdruck gebracht.


Eine Einstellung wie aus dem Bilderbuch
In der Handlung geht es zunehmend darum, dass sich die Hauptfigur dem kriminellen Umfeld, in dem sie sich getarnt befindet, immer stärker angleichen muss, während die Gegenspieler ebenfalls von ständigem Misstrauen geprägt und darum bemüht sind, das illegale Geschäft am Laufen zu halten. Aus dieser Situation ergibt sich ein unentwegtes Spiel der Maskerade, bei dem die Figuren ein bestimmtes Abbild verkörpern, welches der eigenen Persönlichkeit nie vollständig entspricht und trotzdem regelmäßig Risse erhält. Spannung erzeugt die Serie daher weniger durch klassische Elemente des Genres wie Schusswechsel, Explosionen oder Verfolgungsjagden, die über Jahrzehnte hinweg beispielsweise durch das James-Bond-Franchise vermittelt wurden, sondern über Verhalten und Ausdruck der jeweiligen Charaktere, ihre Gespräche miteinander und das stetige Gefühl von Paranoia und Bedrohung, bei dem jederzeit Masken fallen und Identitäten gelüftet werden sowie Leben auf dem Spiel stehen könnten. Mit Tom Hiddleston und Hugh Laurie hat man hierfür zwei Hauptdarsteller besetzt, die sich diesem Prinzip der Täuschung und Verkleidung ideal hingeben.


Hier steht einiges auf dem Spiel
Hiddleston spielt den Nachwuchs-Agenten mit unterkühlter Präsenz und wechselt gekonnt zwischen verschlossener Mimik, charmantem Grinsen und einer gebrochenen Persönlichkeit, während Laurie den Waffenhändler mit einer eiskalten Ausstrahlung gibt, die vor allem durch seinen beängstigenden Blick unterstützt wird, welcher sich immer wieder in andere Figuren bohrt. Bei den Nebendarstellern stechen ebenfalls einige Namen heraus. Elizabeth Debicki erhält als undurchsichtige Schönheit und Gefährtin von Roper eine Schlüsselrolle, während Tom Hollander als homosexuelle, misstrauische rechte Hand des Waffenhändlers für die temperamentvollsten Momente der Serie sorgt. Etwas störender fügen sich lediglich die Ereignisse rund um das MI6 ein. Die regelmäßigen Abschweifungen nach London hin zu den Figuren, welche die Operation maßgeblich steuern und immer wieder an ihre Grenzen stoßen, da der Feind seine korrupten Finger bis in die eigenen Reihen ausstreckt, bremsen die eigentliche Handlung rund um das Undercover-Dasein von Pine im Vergleich etwas farblos aus und wirken mit ihren vielen Diskussionen in sterilen Büroräumen zu bieder, auch wenn sich beide Welten in den letzten Episoden stimmig vereinen. Die erste Staffel von "The Night Manager" ist somit äußerst stilvolle Spionage-Unterhaltung, bei der potentielle Langeweile und fehlender Tiefgang durch simplen, aber effektiven Glanz, geschickt verborgene Persönlichkeiten in drastischen Situationen und vereinzelte Spannungshöhepunkte kaschiert wird.


7,5 von 10 leuchtende Napalm-Attacken bei Nacht



von Pat

Review: HIGH-RISE – Chaos und Anarchie im futuristischen Hochhaus-Komplex

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Fakten:
High-Rise
GB, 2015. Regie: Ben Wheatley. Buch: Amy Jump. Mit: Tom Hiddleston, Luke Evans, Jeremy Irons, Sienna Miller, Elisabeth Moss, James Purefoy, Peter Ferdinando, Stacey Martin, Emilia Jones u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Noch nicht geprüft. Ab dem 30. Juni 2016 im Kino.


Story:
In einer nicht näher bestimmten Zukunft haben sich in Großstädten gewisse Mikro-Gesellschaften gebildet. Diese leben in einem gigantischen Hochhaus-Komplex, der über zahlreiche Stockwerke hinweg ein funktionierendes System bildet, in dem unter anderem Schulen, Supermärkte und Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen. Über die Zeit hinweg hat sich allerdings eine bekannte Dreiklassengesellschaft mit Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht gebildet, die nun kurz davor ist, die gesamte Zivilisationsordnung zur Implosion zu führen.




Meinung:
Wenn man eines an Ben Wheatley schätzen kann, dann ist es seine schiere Unberechenbarkeit. Der englische Filmemacher liebt es ganz offensichtlich, sich zwischen den Genres zu bewegen, Sehgewohnheiten schroff zu unterwandern und den ein oder anderen Zuschauer seines Publikums gehörig vor den Kopf zu stoßen. "Kill List" beispielsweise, der immer noch als einer der großen Geheimtipps der letzten Jahre gelten darf, war eine unglaublich unbequeme Mischung aus Thriller und Horror, in der schaurige Vorzeichen und merkwürdige Vorfälle schließlich in einen Gipfel blanken Entsetzens mündeten. Auch "Sightseers" darf eindeutig als ungewöhnlich eingestuft werden, denn hier treffen schwarzer Humor auf brachiale Gewalteinlagen und ein psychopathisches Hauptfiguren-Pärchen auf verschrobene Gemütlichkeit.


Tom Hiddleston im Aufzug und mit sich selbst eingesperrt
In "High-Rise" kommt nun anscheinend endlich zusammen, was wie füreinander bestimmt zu sein scheint. Die Romanvorlage von Autor J.G. Ballard, der für seine dystopischen, surrealen Geschichten bekannt wurde, gelangte in die Hände von Wheatley, der bekanntlich keine Risiken scheut, um seine Filme in Erlebnisse zu verwandeln. Der Regisseur entwirft ein Szenario, bei dem ein gigantischer Hochhaus-Komplex als in sich abgeschlossener Mikrokosmos dient, in welchem den Bewohnern von Freizeitanlagen über Schulen bis hin zu Supermärkten alles zur Verfügung steht, was als lebensnotwendig oder grundsätzlicher Bedarf erachtet wird. Verlassen werden muss dieses Hochhaus eigentlich nur noch zum Arbeiten, ansonsten gibt es keine Gründe, weshalb man sein Leben außerhalb dieser abgeschotteten Welt führen sollte. Nichtsdestotrotz hat dieser Entwurf einer zukünftigen Lebensweise seine Tücken, die sich in der mittlerweile etablierten Dreiklassengesellschaft offenbaren. Während die dekadente Oberschicht rauschhafte Partys feiert und im Luxus schwimmt, brodelt es in der Unterschicht immer stärker. Problematisch wird dieser Zustand außerdem für die Mittelschicht, in der sich unter anderem der Arzt Dr. Robert Laing befindet, welcher zunehmend zwischen die Fronten gerät und kaum noch weiß, zu wem er überhaupt Stellung beziehen soll.


Der entscheidende Stein, der die Apokalypse ins Rollen bringt
Anhand von kühl entworfenen Bildern und der präzisen Betrachtung bestimmter Einzelfiguren aus den unterschiedlichen Schichten treibt Wheatley das Geschehen leise aber spürbar auf einen gewissen Höhepunkt zu. Bis es allerdings zur unabwendbaren Katastrophe kommt, deren Konsequenzen der Regisseur direkt zu Beginn vorweg nimmt, bevor die Handlung drei Monate zurück springt, ist der Film bereits vorab ein mitunter kaum zu erfassender Rausch, in dem sich kleine Zwischenfälle, apokalyptische Symbolik und laute Konflikte zu einem zunächst unsichtbaren Kollaps vereinen. Mithilfe von unwirklichen, exzessiven Montagen, einem herausragenden Score von Clint Mansell und dem konzentrierten Spiel der Darsteller, welche zeitweise zwischen Verzweiflung, Unsicherheit, Aggression und blankem Kontrollverlust agieren, verkommt "High-Rise" zu einer malerischen Symphonie des schleichenden Wahnsinns, die in jeder Einstellung düstere Paranoia sowie die Gewissheit über das nahende Unheil verkündet. Wheatley treibt das Konzept dabei ebenso ungestüm wie rücksichtslos auf die Spitze, indem er unaufhörliche Anarchie als glorreichen Wandel zelebriert und das anfangs brüchige Fundament der ungleichen Klassengesellschaft vollständig niederreißt.


Als kaum zu beschreibendes, gänzlich unbändiges Gesamtwerk ist "High-Rise" eine zynisch-ätzende Dystopie, die inszenatorisch manchmal sogar strengstens kontrolliert wirkt, nur um sich im nächsten Moment ganz dem fiebrigen Exzess hinzugeben und Impressionen auf den Betrachter loszulassen, die so ungreifbar wirken wie sie wunderschön und einfach Kino pur sind. Ein finsterer Rausch, der den Untergang der vorherrschenden Zivilisationsordnung mit einem Lachen im Gesicht durchführt und am Ende nichts als endgültigen Wahnsinn und platzende Seifenblasen hinterlässt.


8 von 10 gegrillte Hunde



von Pat

Review: LABOR DAY – Ausbruch aus der Gefangenschaft des Lebens

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Fakten:
Labor Day
USA. 2013. Regie: Jason Reitman. Buch: Jason Reitman, Joyce Maynard (Vorlage). Mit: Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Clark Gregg, Tobey Maguire, James Van Der Beek, Brooke Smith, Maika Monroe. Länge: 111 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Ab 18. September 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der 13-jährige Henry (Gattlin Griffith) lebt mit seiner depressiven Mutter Adele (Kate Winslet) alleine und zurückgezogen in einem heruntergekommenen Haus, der Vater hat eine neue Familie. Beim monatlichen Einkauf vor dem Labor Day-Wochenende tritt plötzlich der blutende Frank (Josh Brolin) an Henry und seine Mutter heran. Der ist ein entflohener Sträfling und zwingt die beiden, ihn für ein paar Stunden bei sich ausruhen zu lassen. Aus anfänglicher Furcht wird aber bald Zuneigung und alle drei blühen auf, wie sie es nicht (mehr) erhofft haben. Doch die Probleme lassen natürlich nicht lange auf sich warten.




Meinung:
Bisher ist Jason Reitman vor allem als Experte für Komödien aufgefallen. Komödien, die zwar teilweise sehr turbulent sind, aber auch stets einen ernsten Touch besaßen. „Juno“ mit Ellen Page war so ein Beispiel. Oder „Young Adult“ mit Charlize Theron. Mit „Labor Day“, der Verfilmung des Romans „Der Duft des Sommers“ von Joyce Maynard, beschreitet Reitman aber andere Wege. Gut, es geht wieder irgendwie um Beziehung und/oder Familie. Aber der komische Teil, der doch die Hauptsache seiner Filme bisher war, der fehlt hier komplett.


Mit Unsicherheit im Supermarkt fängt alles an...
Stattdessen ist der Film ein Drama geworden, ein Liebesdrama, um genau zu sein. Natürlich wird sich jetzt schon der ein oder andere wieder genervt wegdrehen, allerdings ist das absolut nicht nötig, denn, auch wenn der Film phasenweise ziemlich kitschig wirkt, so ist er doch sehr schön anzusehen. Und obwohl relativ wenig passiert, so erzeugt der Film eine außerordentliche Spannung, die beinahe zwei Stunden wie im Flug vorüber gehen lassen. Besonders eindrucksvoll sind die ruhigen, aber äußerst ausdrucksstarken Bilder, die Reitman mit seinem Kameramann Eric Steelberg einfängt. Sehr langsam, aber nie ermüdend, selten nichtssagend, aber stets sehr intensiv. Die Bilder nehmen einen gefangen, was auch an den warmen Farben liegt, die Reitman verwendet. Die Musik ist in ihrer Unauffälligkeit sehr auffällig und unterstreicht die ruhige Art des Films sehr schön.


Für die Hauptdarsteller ist der Film wie gemacht, um zu glänzen und alle drei schaffen das. Besonders Kate Winslet in der Rolle der depressiven Mutter Adele zeigt einmal mehr, warum sie zu den besten Charakterdarstellerinnen ihrer Generation zählt. Aber auch Josh Brolin als der aus dem Gefängnis ausgebrochene Frank steht ihr in nichts nach und schafft es, seine gefühlvolle Seite und viel Ruhe mit der Getriebenheit seines Charakters und der stetigen Furcht, entdeckt zu werden, zu verbinden. Newcomer Gatlin Griffith, der bereits im Eastwood-Film „Der fremde Sohn“ einen kleinen Auftritt hatte, ist bringt den Jungen, der von der Freude, eine neue Familie zu bekommen, und der Angst, plötzlich überflüssig zu sein, hin- und hergerissen ist, ebenfalls sehr schön auf die Leinwand.


Trotz ihrer Angst fühlt sich Adele aber zu Frank hingezogen
„Labor Day“ ist natürlich in erster Linie ein Liebesfilm, wie er im Buche steht. Alleinerziehende Mutter trifft Mann, der bei ihr einzieht. Nach anfänglichen Problemen verliebt sie sich in ihn, sie kommen zusammen. Aber es gibt Widerstände, die diese Beziehung von außen torpedieren. So weit, so gut. Auch ist die Geschichte ziemlich konstruiert, das Grundgerüst der Geschichte, in der der ausgebrochene Häftling Mutter und Sohn erst gefangen nimmt und dann, im wahrsten Sinne von heute auf morgen, zum neuen Ehemann, Liebhaber und Papa aufsteigt, ist so eigentlich kaum zu glauben. Und Kitsch, ja Kitsch ist stets greifbar. Warum also ist der Film dann doch sehenswert geworden? Klar, da sind die bereits angesprochenen tollen Darsteller. Und die angenehme, ruhige, sehr schöne Atmosphäre. Auch die Spannung, die durch die Frage aufkommt, wie es mit der neu zusammengefügten Familie endet, trägt dazu bei. Aus dem Off erzählt uns dazu der mittlerweile erwachsene Henry der Gegenwart (Tobey Maguire), wie sich diese Situation im Jahr 1987 abgespielt hat.


Nur kurze Zeit später wird Frank zum Ersatzpapa.
Eigentlich würde das ja schon genügen, aber da ist noch mehr. Eine unheimlich interessante Thematik, die die drei Hauptfiguren miteinander teilen. Alle drei sind Gefangene. Frank im wörtlichsten Sinne, denn er ist wegen Mordes zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Adele leidet an Depressionen (warum, das soll hier nicht verraten werden) und ist somit Gefangene ihres eigenen Geistes. Ihr Sohn Henry ist von der Vorstellung gefangen, ihr auch den Ehemann ersetzen zu müssen, was er aber, wie er mit seinen 13 Jahren noch nicht wusste, nicht in allen Aspekten schaffen kann. Diese drei Gefangenschaften nun werden durch das Zusammentreffen, durch das „Familie sein“ plötzlich gebrochen. Die Figuren erreichen eine neue, nie oder zumindest nicht mehr geahnte Freiheit, die ihr Leben für sie selbst wieder positiver erscheinen lässt. Familie, Vertrauen und Liebe als wunderbare Sache, die das Leben lebenswerter macht oder wenigstens machen kann. Dazu kommen Elemente einer Coming-of-Age-Geschichte dazu, die den in die Pubertät eintretenden Henry mit Sexualität konfrontiert aber auch mit der Angst, durch den neuen Mann in Adeles Leben plötzlich auf dem Abstellgleiß zu landen.


„Labor Day“ ist also mehr als ein einfacher, klischeebehafteter Liebesfilm. Er bringt trotz seiner recht unglaubhaften Geschichte und seiner ruhigen und teilweise sachlichen Art ein intensives und verständnisvolles Gefühl für seine Charaktere auf, er weiß mit tollen Darstellern aufzuwarten und er blickt über die Dimensionen eines einfachen Liebesfilms hinaus. Er bringt zusätzlich, zumindest in Ansätzen, die Probleme eines heranwachsenden Jungen auf den Punkt, der einerseits einen Vaterersatz bekommt, andererseits aber plötzlich seine Mutter mit ihm teilen muss. Er zeigt, dass auch nach massiven Schicksalsschlägen wieder Hoffnung, wieder Glück, dass wieder schönere Zeiten kommen können. Angenehm ruhig erzählt, teilweise sogar spannend ist „Labor Day“ ein sehr schöner Film geworden und Jason Reitman beweist, dass er nicht nur Tragikomödien kann.


7,5 von 10 Pfirsich-Pies mit Kruste

Review: DER MEDICUS – Ein deutscher Monumentalfilm: Außen hui, innen pfui.

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Fakten:
Der Medicus
Deutschand. 2013. Regie: Philipp Stölzl. Buch: Jan Berger. Mit: Tom Payne, Ben Kingsley, Emma Rigby, Stellan Skarsgard, Olivier Martinez, Elyas M’Barek, Michael Marcus, Fahri Yardim u.a. Länge: 150 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben.Ab 22. Mai 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts muss der junge Rob Cole (Tom Payne) mit ansehen, wie seine Mutter an der so genannten Seitenkrankheit stirbt und seine beiden Geschwister von ihm weggenommen werden. Rob schließt sich einem Bader (Stellan Skarsgard) an, von dem er in die Grundkenntnisse des Heilens eingeführt wird. Doch er will mehr und so macht er sich auf den beschwerlichen Weg nach Persien, wo er beim Meister der Heilkunst Ibn Sina (Ben Kingsley) lernen will, alle Krankheiten zu besiegen. Auf seiner Reise muss er viele Gefahren überstehen, doch sind sie erst der Anfang, denn vor ihm wird noch eine turbulente Zeit stehen, geprägt vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher Religionen, Mentalitäten und Auffasssungen von Liebe.




Meinung:
1986 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Noah Gordon einen historischen Roman namens „The Physician“. Ein Jahr später erschien auch die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Der Medicus“ und avancierte weltweit zu einem Bestseller. Allein in Deutschland wurden über 6 Millionen Exemplare verkauft. Eigentlich verwunderlich, dass sich Hollywood einen solchen Stoff nicht sehr schnell geschnappt hat. Über 25 Jahre dauerte es. Und dann waren es nicht mal die Leute aus Hollywood, sondern eben wir Deutschen. Aber können wir das? Einen so großen, langen Roman auch adäquat auf die Leinwand bringen? Versucht haben wir es zumindest, sogar mit internationaler Besetzung.


Der weise Ibn Sina inmitten seiner Studenten
Nun, optisch braucht sich die Koproduktion der UFA Cinema, der ARD Degeto und Beta Cinema keinesfalls hinter den Historienfilmen aus Hollywood zu verstecken. Dreck und Schutt in Britannien, Prächtige Bauten und prunkvolle Gewänder im Morgenland. Schmutz und Schmuck liegen so nah beisammen und dazu wirkt das ganze Mittelaltersetting äußerst glaubhaft und ansehnlich. Das größte Plus sind die Naturaufnahmen, die tatsächlich den Atem stocken lassen. Ob nun Klippen in Großbritannien oder die steinigen und sandigen Wüstenlandschaften im Orient. In seinen größten Momenten erinnern die Bilder von der Wüste tatsächlich ein kleines wenig an „Lawrence von Arabien“. Ein größeres Kompliment könnte man einem Wüstenfilm wohl kaum aussprechen. Auch die CGI-Effekte sind durchaus gelungen und die Musik von Ingo Ludwig Frenzel schließt sich ebenfalls schön an die alten Monumentalschinken an.


Dann aber fängt es schon leicht an. Hauptdarsteller Tom Payne sieht mit seinen stechend blauen Augen zwar interessant aus, kann aber den Film nie wirklich alleine tragen. Gut, dazu stehen ihm ja mehr oder weniger etablierte Schauspieler zur Seite. Anfangs ist es noch Stellan Skarsgard als proletenhafter Bader, der sich hier herrlich gehen lassen kann, später Ben Kingsley als weiser Lehrmeister Ibn Sina. Auch Olivier Martinez als Shah kann durchaus überzeugen. Zwar sind auch die kleineren Rollen wie die von Robs Traumfrau Rebecca (Emma Rigby) oder seinen Studienkollegen (Michael Marcus, Elyas M’Barek) nicht unbedingt fehlbesetzt, aber irgendwie fehlt hier das letzte kleine Quäntchen Esprit, dass sie auch an den übrigen Cast heranreichen können.


Der Bader will den jungen Rob nicht gehen lassen.
Bisher könnte man meinen, der Film läuft, abgesehen von ein paar Schönheitsfehlern, wirklich gut. Aber zwei riesige Probleme lassen den Film einfach nicht über das Mittelmaß hinauskommen. Zum einen ist das die Erzählweise des Films. Anfangs noch wirklich angenehm dargestellt, scheinen schon bald größere Sprünge die Handlung unrund zu machen. Immer wieder fehlen scheinbar wichtige Teile der Handlung, die nur, mehr oder weniger intensiv, angedeutet werden und dann (scheinbar) einem Schnitt zum Opfer fallen und man springt einfach ein Stück weiter. Da es aber meist sehr interessante Elemente sind, die nicht gezeigt werden, immerhin sind hier Schlachten, Sandstürme oder Liebesnächte dabei, wirkt die übrige Handlung doch sehr langweilig und einfach nur so vor sich hinplätschernd, echte Höhepunkte sucht man vergeblich. Immerhin die Szenen, in denen es um die Praxis der medizinischen Behandlung geht, sei es nun eine Pestepidemie oder die vielen kleineren Eingriffe, können die Langeweile kurz unterbrechen.


Eine Operation kann eine blutige Sache sein.
Und der zweite große Mangel ist die fehlende Möglichkeit, mit den Figuren mitzufühlen. Natürlich mit es fast unmöglich, in zweieinhalb Stunden einen solch ausschweifenden Roman wie diesen hier auch nur annähernd angemessen umzusetzen, doch wurden von Drehbuchautor Jan Berger und Regisseur Philipp Stölzl so viele teilweise auch für die nähere Charakterisierung der Figuren wichtige Elemente weggelassen und komplett verändert, dass es am Ende einfach nicht mehr möglich ist, das Handeln wirklich nachzuvollziehen. Vielmehr bleiben Rob und die übrigen Menschen recht oberflächlich und eindimensional. Außerdem kann man kritisieren, dass der Film nur noch sehr wenig mit der eigentlichen Romanhandlung zu tun hat. Lediglich die Entwicklung der Behandlungsweisen und der Medizin kann man noch relativ gut nachvollziehen.


Unterm Strich ist „Der Medicus“ zwar eine ambitionierte und optisch auch wirklich großartige Sache, doch leider könne die langweilig und emotionslos erzählte Geschichte hier nicht im Ansatz mithalten. Als Romanverfilmung aufgrund der unglaublich vielen, gravierenden Änderungen ohnehin gescheitert, kommt der Film auch als solcher nicht übers Mittelmaß hinaus.


5 von 10 amputierte Zehen