Posts mit dem Label Justiz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Justiz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: DIE WAHRHEIT - Ein Lebensstil vor Gericht

4 Kommentare:

https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjbOFNyLTyxSEpMzWt43ADrdLmGNeGn64EmG8bVEMgf_z9upVUbbfD8VJR3SfA11l77NKxAsQASL8K_3Z_ggaSP98wQH74SEl-5wqV7YWqgo5QPVACH8Yg-bLIOn3w-1Kc8Caf73esqTU8R/s1600/La+v%C3%A9rit%C3%A9+(1960.jpg

Fakten:
Die Wahrheit (La vérité)
FR, IT, 1960. Regie: Henri-Georges Clouzot. Buch: Henri-Georges Clouzot, Simone Drieu, Michèle Perrein, Jérome Géronimi, Christiane Rochefort, Véra Clouzot. Mit: Brigitte Bardot, Sami Frey, Paul Meurisse, Charles Vanel, Marie-José Nat, Jean-Loup Reynold, André Oumansky, Claude Berri, Jacques Perrin, Barbara Sommers, Louis Seigner u.a. Länge: 125 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Keine aktuelle DVD oder Blu-ray Auflage.


Story:
Der 21jährigen Dominique wird der Prozess gemacht. Sie soll ihren Liebhaber, einen vielversprechenden Musik-Studenten, erschossen haben und hat sich im Anschluss versucht das Leben zu nehmen. Der Staatsanwalt und der Anwalt der Nebenklage kennen kein Erbarmen mit der Jungen Frau, rücken ihre freizügige Lebensweise in den Fokus, um sie als gewissenlose Mörderin dastehen zu lassen. Ihr Anwalt kämpft verbissen dagegen an. Es geht ihm weniger um einen Freispruch, mehr darum, den Ruf seiner Mandantin zu retten.











Meinung:
In „Die Wahrheit“ geht es primär nicht um die Frage nach Schuld oder Unschuld, was man von einem Gerichtsthriller im ersten Moment erwarten könnte. Als reinrassigen Thriller lässt sich der Film ohnehin nicht bezeichnen, obwohl mit Herni-Georges Clouzot ein wahrer Meister dieses Fachs das Zepter schwinkt. Clouzot - der mit Hochspannungs-Filmen wie „Lohn der Angst“ oder „Die Teuflischen“ zeitlose Meisterwerke geschaffen hat, die auch heute den Puls noch in die Höhe treiben – inszeniert hier eine Trägödie, eine bittere Romanze ohne Happy End, gleichzeitig eine Sozial-Studie, alles vorgetragen im Gerichtssaal.


https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEhLKk7jIrmogpWijU_h5QGQSZ-Bg7u9188T0gJ3bmIbHrQFV1Rm0OkLPSmfo8OuLUHM7WNaDxW1yPWFPyvqoTMrb7O0fwQje6vAEYdmXKevT0qQCxEK4jm5cMjgFMn3pJ9kN9ZO5BvDwbbv/s1600/verite.jpg
Das flotte Mädel und der Spießer.
Die bildhübsche Dominique scheint schon verurteilt, bevor die Verhandlung begonnen hat. Der Mord an ihrem Liebhaber ist unbestritten, doch um die reine Tat scheint es gar nicht zu gehen. Das Gericht, in erster Linie der erzkonservative Staatsanwalt und der gerissene Vertreter der Nebenklage, prangern deutlich ihren Lebensstil an, der in ihren Augen mehr als lasterhaft und ohne Frage die Wurzel allen Übels ist. Statt sich – wie ihre jüngere Schwester – der elterlichen Authorität brav unterzuordnen, einem geregelten, gesellschaftlich konformen Leben wie einem Studium nachzugehen, lebt sie in den Tag hinein, pflegt lockere Männerbekanntschaften, entspricht nicht dem, was damals als „normal“ und tugendhaft angesehen wurde. Noch vor der 68’er Bewegung und der offenen Rebellion der Jugend gegen die Werte der alten Generationen. Sie wird als die Sünde und Gewissenlosigkeit auf zwei Beinen dargestellt, die eh ohne Perspektive ausgestattet nun folgerichtig einen Mord begangen hat. Ein hoffnungsloser Fall, von Anfang an.


Liebe hat ihre Schattenseiten.
Das dies nur  plakative Vorwürfe sind, zeigt Clouzot im Laufe der zwei Stunden. Dominique ist sicherlich nicht das, was man sich seinerzeit unter einer sittenhaften, vorbildlichen Dame vorgestellt hat, jedoch steckt hinter ihrem Wesen kein schlechter, gewissenloser Mensch. Eher ein unsicheres, in ihrem Leben nie wirklich bestätigtes Mädchen. Sicher etwas naiv, nicht mit beiden Beinen im Leben, ohne Struktur, Ziele und dem ehrlichen Ehrgeiz, dies zu ändern. Sie scheint trotz ihrem selbstbewussten, lockerem Umgang sehr verletzlich, unsicher und viel zu blauäugig für eine Welt, die dies gnadenlos bestraft. Eine Rebellin, nicht weil sie es etwa darauf anlegt, sondern einfach aus dem Bauch heraus handelt, unfähig sich anzupassen. Dieses trotz ihrer unbestreitbaren Schuld aufgrund ihres Charakters so unschuldig wirkende Ding wird dargestellt von eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, Brigette Bardot. Und wie.


Die Bardot galt nicht immer als begnadete Schauspielerin, war mehr aufgrund ihres Sexbomben-Image ein Star. Clouzot treibt sie zur Höchstform an, kitzelt alles an Talent aus ihr raus, was sich unter der wunderschönen Schale verbirgt. Die Rolle des Vamps, die eigentlich keiner sein will, wirkt wie für sie gemacht und sie bringt das großartig. Verletzlich, hilflos, überfordert. Die Bardot trägt die Film mühelos, ihre Kollegen werden da leicht ins zweite Glied gerrückt, müssen sich eigentlich jedoch nicht verstecken. Samy Frey in der Rolle ihres Loves Gilbert sowie Charles Vanel und Paul Meurisse als sich duellierende Anwälte liefern ebenfalls stark ab.


So eine Verhandlung hat auch Längen...
Die Szenen vor Gericht nehmen – aufgrund der zahlreichen, dominierenden Rückblenden – sogar nur den geringeren Teil der Spielzeit ein, sind dafür enorm intensiv und hervorragend geschrieben. Die hitzigen Wortgefechte zählen nehmen Bardot zu den Highlights des Films, der auf seine Stärken reduziert wieder ein ganz großer von Clouzot wäre. Im Ganzen ist ihm allerdings kein weiteres Meisterstück gelungen, berücksichtigt man diverse Längen, nicht durchgehend wichtige Momente und so manche Dialoge, die schon arg in die Jahre gekommen wirken. Natürliche Abnutzungserscheinungen, die nicht immer hunderprozentig kompensiert werden können. Das schwächst den Film aus heutige Sicht deutlich ab.


Insgesamt aber immer noch eine sehr gut inszenierte, großartig gespielte Mischung verschiedener Genres, nur nicht auf Augenhöhe mit Clouzots Meilensteinen. Das kann auch unmöglich Standard sein.

7 von 10 gescheiterten Suizid-Versuchen.

Review: ...UND GERECHTIGKEIT FÜR ALLE - Justitia ist blind

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEic3tDXM2C9t28wwrExxf445me_MJy7-wZchXFvk0e8ScuxLSfl1muSb8MavkIfZZjI0XUumtXuTO7OHFCgUtQhyoGB7zkUn_SO4xci1CBNSJ9otwRfsI8JDF-fakrHC1nJFEcGp0NEhRg/s1600/And+Justice+for+All.jpg
                                                                  

Fakten:
...und Gerechtigkeit für alle (...And Justice for All)
USA, 1979. Regie: Norman Jewison. Buch: Valerie Curtin, Barry Levinson. Mit: Al Pacino, Jack Warden, John Forsythe, Lee Strasberg, Jeffrey Tambor, Christine Lathi, Sam Levene, Robert Christian, Thomas Waites, Larry Bryggman, Craig T. Nelson u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Arthur Kirkland ist ein junger, idealistischer Anwalt, der sich dem Kampf für oftmals Vorverurteilte gegen das selbstgefällige, bürokratische Justizsystem der USA verschrieben hat. Etwas chaotisch, aufbrausend und nicht immer die Etikette wahrend, steht er damit der eigenen, großen Karriere konsequent im Weg. Bis er ausgerechnet den harten Richter, mit dem Kirkland in einer stätigen Privatfehde liegt, verteidigen soll. Er wird der Vergewaltigung an einem Mädchen angeklagt. Deshalb soll nun Arthur die Verteidigung übernehmen. Das perfekte Beispiel für die Unschuld. Für Arthur ein Karrieresprungbrett, wenn da nicht die Moral wäre.





Meinung:
Bissiges Lehrstück über Moral, die Schwierigkeiten eines Rechtsstaats, in dem jedem eine faire Verteidigung gebührt (wobei „jedem“, „fair“, „Rechtstaats“ dehnbare Begriffe sind) und ein satirischer Fingerzeig auf Mauschelein, Doppelmoral, Willkürlichkeit, Selbstgerechtheit und die persönliche Misere, wenn man zwischen allen Stühlen steht.


Ein Mann im Zwiespalt.
Arthur Kirkland (von dem jungen Al Pacino in seiner damals noch ausgewogenen Form zwischen leisen Tönen und aufbrausenden Temperament wunderbar verkörpert) kommt in diese prekäre Situation. Als Anwalt steht er eigentlich für Gerechtigkeit, nicht nur auf dem Papier, sondern von seinem Herzen. Die Mühlen der Justiz sind ihm eher ein Dorn im Auge, wie Don Quichote kämpft er gerne gegen träge Windmühlen, anstatt sich ohne Stress und dickem Plus in der Geldbörse von ihnen mitreißen zu lassen. Ein ehrenhafter Mann, etwas ungehobelt, nicht unbedingt beliebt, aber ein Mann, der diesen bereit ist zu stehen. Nun soll/muss er genau den Richter verteidigen, der so eisenhart und rücksichtslos die arogante Schiene der „Gerechtigkeit“ fährt, die er sich diesmal selbst als widerlicher Gesetzesbrecher offenbart. Er ist nicht nur mit defektem Rücklicht gefahren, er hat auf eine extrem harte Art rückwärts eingeparkt. Das soll nun die (letzte) Chance für einen Idealisten sein, der eigentlich mit einem breiten Grinsen feiern würde, wenn dieser Mistkerl seinen Thron räumen müsste.


Ein Anwalt sieht rot.
Jewison beginnt seinen Film recht locker und unterhaltsam, der satirische Ansatz kommt eher überdreht und komödiantisch daher, wenn Jack Warden als Richter für Ruhe im Saal sorgt, in dem er die Knarre aus dem Halfter zieht und mit Schüssen in die Decke für Autorität sorgt („Meine Herren, ich muss sie daran erinnern, dass sie in einem Gerichtssaal sind.“). Erst im weiteren Verlauf bekommt seine Farce einen erschreckenden Antrich, nicht in dem er eher extrem überzieht, sondern sich im absolut realen Wahnsinn suhlt. Den alltäglichen Irrsinn so glaubhaft verkauft, dass es jeder nicht nur ernstnehmen kann, sondern es leider muss. Rechtssprechung in einer Klassengesellschaft, die natürlich nicht existiert, wäre ja auch schlimm. Der Ton wird deutlich ernster, galliger und deshalb wirkungsvoller. Die anfängliche Satire wird zum reflektierten Drama, ohne den Ansatz aus den Augen zu verlieren, in beide Richtungen. Dem schwungvollen Unterhaltungswert wird eine deutlichere Aussage hinzugefügt, wirkt sogar unheimlich. Man kann kaum daran zweifeln, was so in den Räumen der Justiz – und besonders in den Hinterzimmern – vor sich geht. Da wird geschoben, mit zweierlei Maß gemessen, gedreht und gebeugt bis zum Anschlag, Menschen werden wie Schachfiguren hin und her geschoben, Bauernopfer sind Teil der Strategie, solange der König nicht geschlagen wird.


Wunderbar besetzt, der schon angesprochene Pacino in seiner Hochphase, die ihn zu einem der besten Darsteller der 70er gemacht hat. Seine impulsive Art wechselt mit bedachten Momenten ab, irgendwann kippte das leider. Heute eher der alte Tränensack oder überdrehte Hampelmann, damals stimmig ausgewogen. Jack Warden, John Forsythe und (wenn auch nur in einer kleinen Rolle) der legendäre Lee Strasberg (quasi Pacinos Lehrer) unterstützen das passend.


Klar zeigt „...And Justice for All“ Extreme, allerdings sehr konsequent und das bewusst. Satire kann nicht immer nur wizig sein, sie muss in erster Linie ein ernstes Problem anprangern. Das schafft dieser Film. Der Wahnsinn hat ein Zuhause, wo die guten Kerle wohnen. Sollte man annehmen. Wie überall auch, schwarze Schafe gibt es genug und an den richtigen und wichtigen Stellen scheinen sie sich besonders wohl zu fühlen. Manchmal wirkt der Film vielleicht etwas zu wenig homogen, nicht jeder Sprengstoff zündet immer effektiv, insgesamt aber ohne Frage ein mutiges Stück Kino aus der Spätphase, als in Hollywood gerne noch hinterfragendes Material umgesetzt wurde...regelmäßig.

7 von 10 Gewissensfragen.

Review: JOHN F. KENNEDY – TATORT DALLAS – Oliver Stone auf der Höhe seines Schaffens

1 Kommentar:


Fakten:
John F. Kennedy – Tatort Dallas/JFK – Tatort Dallas (JFK)
USA. 1991. Regie: Oliver Stone. Buch: Oliver Stone, Zachary Sklar. Mit: Kevin Costner, Tommy Lee Jones, Joe Pesci, Sissy Spacek, Kevin Bacon, Gary Oldman, Jack Lemmon, Walter Matthau, John Candy, Sally Kirkland, Michael Rooker, Dondald Sutherland, Vincent D’Onofrio, Tony Plana, Wayne Knight u.a. Länge: 189 Minuten (Kinofassung), 206 Minuten (Director’s Cut). FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Handlung:
Zwei Jahre nach dem öffentlichen Mord an John F. Kennedy setzt sich Bezirksstaatsanwalt Jim Garrison mit dem wahren Ursprung des Verbrechens auseinander, denn für ihn ist die Einzeltätertheorie um den angeblichen Lee Harvey Oswald mehr als zweifelhaft. Zusammen mit seinem Team sucht er nach Hinweisen und Anhaltspunkten, die seine Vermutungen verfestigen könnten, doch je tiefer er gräbt, desto mehr Fragen kommen auf, genau wie er sich mehr Feinde, als Freunde dadurch macht.




Meinung:
Das Opening von „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ ist bereits ein inszenatorischer Geniestreich: Originalaufnahmen von Kennedys Ankunft in Dallas, breitgrinsend verlässt er den Privatflieger und besteigt die für ihn vorgesehene Limousine, um sich der jubelnden Menschenmasse ohne Verdeck auf der linken und rechten Seite im Stadtkern zu widmen; Kennedy ist ein Superstar, ein politisches Vorbild, einige seiner aufgebrachten Anhänger fallen in Ohnmacht, während sich die riesige Uhr am Dealey Plaza mit bleierner Schwere unerbittlich auf 12 Uhr 31 vorkämpft. Die folgenden Bilder sind allseits bekannt, drei Schüsse ertönen, Kennedy sackt in seinem Sitz zusammen, heilloses Chaos und Panik auf den Straßen. Oliver Stone verleiht diesem Augenblick jedoch ein ganz neues, beängstigendes Klima, in dem er die Archivaufnahmen wie in einer Dokumentation als einen mechanischen Ablauf selektiert, dabei aber die Militärtrommeln eines John Williams unaufhörlich wabern lässt; jeder Schlag gleicht dem Hall des Gewehrschusses, jede neue Perspektive, jedes neue Stilmittel dient nicht nur der Illustration, sondern auch der Kombination.


Garrison kämpft um die Wahrheit.
Die Ermordung Kennedys ist ein bedrückendes Puzzle aus Millionen von kleinen Teilchen, die in ihrer Verbindung und öffentlichen Positionierung vollkommen deplatziert erscheinen und einen gesellschaftskritischen Zweifler wie den oftmals kontrovers diskutierten wie gerne verschmähten Regisseur Oliver Stone zur künstlerischen Höchstleistung antreiben. Dabei war Oliver Stone immer ein Filmemacher, der sich den relevanten Themen seiner Generation und Nation gestellt hat, der eine eigene Meinung vertreten hat, die sich auch als selbstreflexives wie bewältigendes Statement durch die Filmhistorik bewegte, wenngleich er nicht immer den richtigen Ton getroffen hat und auch mal zu einem Resultat gelangte, welches ihm während der Herstellung des Werkes rein gar nicht in den Sinn gekommen ist. Bestes Beispiel: Michael Douglas' schmieriges Kapitalistenschwein Gordon Gecko, ein Scheusal, der plötzlich einen mehr als heldenhaften Rang zugesprochen bekam. In „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ kommt es zu einem ähnlichen Problem, nur, ist in diesem Fall nicht die Perzeption des Zuschauers schuldig zu sprechen, sondern Stones' undifferenzierte Charakterisierung.


Mit der Figur des Jim Garrison möchte Oliver Stone seinem Publikum einen idealistischen Saubermann vorstellen; einen Bezirksstaatsanwalt aus New Orleans, der sich für Recht und Ordnung einsetzt und nach dem strengen Kodex der Gerechtigkeit agiert, ohne sich selber in so manches Schlagloch zu katapultieren. Verkörpert wird dieser engagierte Strahlemann von dem damals überaus beliebten Kevin Costner, ein Frauenschwarm und Kassenmagnet – Und frischgebackener Oscargewinner. Es liegt nun keinesfalls an Costners Darbietung, der macht seine Sache außerordentlich gut und weiß sein Charisma auf die Rolle des nach Wahrheit eifernden Anwalts problemlos zu übertragen, nur die weiße Weste, die Oliver Stone seinem Dreh- und Angelpunkt zusprechen möchte, die ist genauso heuchlerisch wie seine Medien-Kritik im drei Jahre später folgenden „Natural Born Killers“, schließlich war Garrison in Kontakten zum organisierten Verbrechen verstrickt und soll Zeugen reichlich indiskret bedroht haben. Ein kleiner Riss in dem ansonsten mehr als beeindruckenden Gesamtbilde.


Recherchieren, recherchieren, recherchieren…
Wenn wir uns aber auf den eigentlichen Inhalt konzentrieren und uns von Oliver Stones audiovisuelle Vorliebe für die stilistische Vielfalt, die auch hier wieder konsequent auftritt und in den verschiedensten Formaten und Ausmaßen ausgelebt wird, distanzieren, gerade weil sie die informale Ebene nicht bedrängt, und auch den famosen Cast mit Leuten wie Jack Lemmon, Walter Matthau, Joe Pesci, Gary Oldman, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland in den Hintergrund rücken, dann wird es auf dem handlungstechnischen Plateau im höchsten Maße interessant. Zu allererst ist es schon erfreulich, dass der strahlende Protagonist Jim Garrison noch kundtun darf, dass er sich für sein Vaterland mehr als schämt und Oliver Stone ihm entgegen jeden Patriotismus derartige Sätze in den Mund gelegt hat. Dabei ist diese Aussage eben nicht nur irgendeine Phrase, eine intuitive Momentaufnahme, „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ ist auch ein auf Zelluloid gebannter Lanzenstoß in das Gewissen einer von A bis Z getäuschten Nation, die sich in ihrer Blauäugigkeit dem medialen Lügenkonstrukt und den politischen Hypokriten leichtsinnig hingegeben haben.


Kein Wunder also, dass die damalige Presse beinahe Amok gelaufen ist, dass Oliver Stone Drehbücher gestohlen wurden und er sich der Verachtung unzähliger Personen stellen musste: Die Wunden klafften auch noch 28 Jahre später, und sie werde auch weiterhin schmerzen, wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit. In „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ geht es deshalb auch nicht nur allein darum, eine Verschwörungstheorie um den Tod des Präsidenten glaubwürdig zu chiffrieren, es ist auch ein Appell an die globale Bevölkerung, die nicht immer das fressen soll, was ihnen durch sogenannte „Respektspersonen“ und die Medien vorgegaukelt wird. Vor allem doch dann nicht, wenn die Ungereimtheiten in einem derart eklatanten Umfang auftreten und keinerlei analoge Aufklärung zulassen. Mit Lee Harvey Oswald hatte man dann einen Verantwortlichen, die Achse des Bösen und ein greifbares Bild des Attentates. Oliver Stone schüttelt entrüstet den Kopf, denn die Diskrepanz beginnt bereits bei der zeitlichen Schussfolge, in der in wenigen Sekunden drei Schüsse abgegeben wurden, die nie und nimmer nur von einer Person getätigt werden konnten.



Weiß der mysteriöse Mister X mehr? 
In „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ stehen drei Fragen im Zentrum des Geschehens: Wieso wurde Kennedy getötet? Wer profitiert von seinem Tod? Wer hat die Macht dieses Verbrechen zu (ver-)decken? Dabei lässt sich Oliver Stone knapp 200 Minuten Zeit um diesen Fragen eine Antwort zu ermöglichen und analysiert Details, präzisiert Einzelheiten und dringt in ein Gefilde aus Manipulation, Machtmissbrauch, Korruption und Sabotage – Die Einzeltätertheorie wird nicht nur hinterfragt, sie wird dekonstruiert und stellt sich problemlos als völliger Mumpitz heraus. In einem Dreieck aus Exilkubanern, rechtradikalen Schattengestalten und ehemaligen FBI- und CIA-Agenten wird recherchiert, bis die Spur irgendwann ins Sammelbecken des militärisch-industriellen Komplexes (MIK) führt. Natürlich versteift sich Oliver Stone auf fiktive Vermutungen; Vermutungen auf starke außenpolitische und ökonomische Zusammenhänge, die sich faktisch natürlich (noch) nicht belegen lassen. Doch die Adaption von Garrisons eigener Sichtweise ist auch die akribisch katalysierte Hoffnung, einem Land die verlogenen Splitter aus dem Auge zu ziehen.


„John F. Kennedy – Tatort Dallas“ lebt von seinen Thesen, von Theorien und Spekulationen, doch je tiefer Oliver Stone seinen Hauptdarsteller bohren lässt, desto größer werden die Schnittstellen und Hohlräume, desto größer die Fragen, auf die es keine Antworten zu geben scheint, irgendwo im stickigen Dickicht aus Krieg und dem elendigen Geld. Wenn Kevin Costner am Ende in einem Gerichtsaal explodiert, Lincoln-Zitate am laufenden Band abfeuert und das moralische Plädoyer auf den orgastischen Höhepunkt zusteuert, dann ist das überzogen, dann hat das nichts mit der Realität zu tun, doch es passt letztlich in das evozierte Bild, seinen eigenem Konzept ein Fundament zu verleihen, es wenigstens zu versuchen, auch wenn man scheitern muss. Dabei wird dem Film auch genau das Feeling zugesprochen, wie es sich lediglich die echten 70er-Jahre-Polit-Thriller aneignen durften. Oliver Stone ist mit „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ auf der Höhe seines Schaffens angekommen, ein mutiges, hochspannendes und höchste Konzentration forderndes Mammutwerk. Da können die Amis auch heute noch gerne so viel Feuer spucken wie sie wollen, Stones Opus Magnum trifft genau die richtigen Töne, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen/können/dürfen.


9 von 10 Schüssen aus dem Hinterhalt


Von Souli