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Review: ROCK THE KASBAH - Bill Murray sucht den Superstar... in Afghanistan

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Fakten:
Rock the Kasbah
USA. 2015.
Regie: Barry Levinson. Buch: Mitch Glazer. Mit: Bill Murray, Kate Hudson, Bruce Willis, Leem Lubany, Zooey Deschanel, Scott Caan, Danny McBride, Beejan Land, Arian Moayed, Taylor Kinney u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 24.März 2016 im Kino.


Story:
Richie Lanz bezeichnet sich selbst als Rockstar-Manager, doch von Rock ‘n’ Roll ist wenig zu spüren in seinem derzeitigen Leben. Seine Tochter darf er nicht sehen und sein Geld verdient er damit scheinbare Musiktalent finanziell auszunehmen. Einzig Sängerin Ronnie hält noch zu ihm. Doch als er mit dieser nach Afghanistan fliegt, um dort eine Show vor US-Soldaten abzuhalten, steht er kurze Zeit später ohne Ronnie da und auch sein Geld und seine Papiere sind weg. Zunächst versucht er so schnell wie möglich aus dem Lang zu kommen. Hilfreich dabei sind zwei Waffenhändler sowie ein knallharter Söldner. Als Richie dann allerdings im Niemandsland von Afghanistan die sensationelle Stimme der jungen Salima hört schiebt er seine Abreisepläne vorerst zurück. Für ihn ist klar, er muss Salima zu einem Star machen. Auch wenn ihn das in Schwierigkeiten bringt.




Meinung:
Sind wir doch einmal ehrlich. Bill Murray gehört zu der Gattung von internationalen Superstars, dem man es mehr als deutlich ansieht, ob er auf seine Rolle auch wirklich Lust hast und in den letzten Jahren gönnte er sich scheinbar den Luxus auch nur noch in Produktionen mitzuwirken, die mit seinem eigenen künstlerischen Interesse d’acord gehen. Große Erfolge waren zwar nur selten dabei, aber nach dem Murray in den 1990er, nach dem Hit „Und täglich grüßt das Murmeltier“, fast drohte in der Versenkung der Banalität zu verschwinden, hat er nun seine eigene Nische gefunden, die er – vermutlich der Gage wegen – gerne auch das ein oder andere Mal für andere, nicht ganz konformere Projekte verlässt.


Lost in Afghanistan
„Rock the Kasbah“ von „Rain Man“-Regisseur Barry Levinson gehört, geht man von Murrays Engagement und Spielfreude aus, klar zu den Projekten, zu den sich der ehemalige Ghostbuster hingezogen fühlt. Als abgehalfterter und durch und durch opportunistischer Musikmanager Richie stolziert er durch die Handlung und hat sichtlich seinen Spaß daran, seiner Figur ein dynamisches Eigenleben zu verleihen. Für Fans von Bill Murray lohnt sich alleine deswegen schon der Gang ins Kino. Doch darf nicht vergessen werden, das „Rock the Kasbah“ durchaus einen ernsten Hintergrund hat. Ähnlich wie Levinson „Good Morning, Vietnam“ aus dem Jahre 1987, versucht „Rock the Kasbah“ den Irrsinn des Krieges mit Hilfe einer klassischen Fish-out-of-Water-Story offenzulegen. Das gelingt aber leider nur bedingt. Zum einen weil der Verlauf der Geschichte ohne sonderlich überraschende Vorkommnisse voranschreitet, zum anderen daran, dass das Drehbuch von Autor Mitch Glazer, der schon einige Male perfekte Rollen für Bill Murray schrieb, zwar durchaus Kritik an der afghanischen Kultur äußerst, sich aber niemals traut auch die andere Seite der Medaille zu benennen und zu untersuchen. Stattdessen ist es letztlich sogar ein westliches TV-Format, welches einer jungen Frau die Tore zur Welt öffnet. Das ist alles schon recht einseitig und stellenweise auch wirklich bieder umgesetzt.


Abseits davon erweist sich „Rock the Kasbah“ auch als recht verkrampft wenn es darum geht eine eigene Welt aufzubauen. So wirkt Kate Hudson als Edelprostituierte Merci nicht nur ziemlich aufgesetzt, sondern teilweise wie ein regelrechter Fremdkörper. Es scheint fast so, als ob die Produktion noch eben schnell eine attraktive Frau nach westlichem Maß und Vorstellung braucht, damit sich die Gewichtung zwischen West und Ost die Waage hält. Auch gelingt es Hudson nicht ihre Rolle wirklich auszufüllen, was aber nicht nur an ihr, sondern auch an Glazers Script liegt, der Hudson letztlich nur in die altausgediente Funktion der heiligen Hure presst. Die anderen Darsteller spielen meist auch nur typische Stereotype, das aber zumindest mit Nachdruck und Engagement und auch wenn die beiden amerikanischen Waffenhändler Jake und Nick (Scott Caan und Danny McBride) ebenfalls alles andere als originär wirken, so formulieren ihre Charaktere und Handlungen doch am ehesten eine Kritik am alles verschlingenden Kapitalismus und fehlender, westlicher Weitsicht.


Mit „Rock the Kasbah“ versucht Regisseur Barry Levinson an seine Glanzzeiten als Regisseur anzuknöpfen. Das ist ihm leider nicht wirklich gelungen. Zwar sind seine Ziele erkennbar und seine Vorbilder groß und ehrenwert (z.B. Kubrick „Dr. Seltsam“), doch die wirkliche Dimension der Geschichte scheint ihm nicht wirklich bewusst zu sein, denn ansonsten hätte er vermutlich etwas mehr riskiert. Bill-Murray-Fans können sich aber freuen. Ihr Star glänzt in der Rolle des manipulativen Rockstar-Managers.



4 von 10 Höhlenfernsehern

Review: DER UNBEUGSAME – Der alte Mann und sein Ding

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Fakten:
Der Unbeugsame (The Natural)
USA. 1984. Regie: Barry Levinson. Buch: Bernard Malamud, Roger Towne. Mit: Robert Redford, Glenn Close, Robert Duvall, Kim Basinger, Wilford Brimley, Barbara Hershey, Michael Madsen u.a. Länge: 134 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Roy Hobbs (Robert Redford)  ist ein junger, hochtalentierter Baseballspieler, der mit seinem selbstgemachten Schläger so manchen Homerun schlagen kann. Er wird entdeckt, doch bevor seine Karriere richtig begonnen hat, wird ihm ins Bein geschossen und es ist vorbei. 16 Jahre später will er es noch einmal wissen und heuert nach vielen Engagements bei unterklassigen Amateurclubs noch einmal im Profibereich an, bei einem Team, das ständig verliert, was dem Besitzer in die Karten spielt, weil er so bald die alleinige Kontrolle über das Team bekommt. Doch Roy wird zum Glücksgriff, er und sein Schläger gewinnen Spiel um Spiel – ganz zum Missfallen seines Besitzers…




Meinung:
Es geht los mit einem Jungen, der unbedingt Baseballprofi werden will. Schon früh muss er einen schweren Schicksalsschlag verkraften, als sein Vater starb. Doch Roy Hobbs, so der Name, gibt nicht auf und macht sich aus einem Baum, in den der Blitz eingeschlagen hat, einen Baseballschläger, den Wonderboy (im Folgenden einfach nur „Ding“ genannt). Dieses Ding ist ohne Makel, keine Kratzer oder Kanten, liegt gut in der Hand und hat einen mächtigen Bums in sich. Doch dieses Ding, es will auch mal benutzt werden. Also zieht der junge Roy Hobbs, der allerdings schon ungefähr hundert Jahre älter aussieht, los und versucht, Baseballprofi zu werden. Er und sein Ding werden von einem Talentsucher entdeckt. Er kann mit dem Ding umgehen wie kein anderer, schleudert außerdem die weißen Bälle mit brutalster Geschwindigkeit durch die Luft. Aber bevor seine Karriere losging, war sie auch schon wieder vorbei. Schuld war seine depressive Freundin, die erst Roy ins Bein und danach sich selbst erschoss. Zum Glück hatte Roy zu dieser Zeit nicht sein Ding in der Hand. Mit der großen Baseball-Karriere war es aber erst mal vorbei.


Roy Hobbs kann nicht nur werfen,...
Über 15 Jahre später will es Roy, der immer noch viel älter aussieht, noch einmal wissen. Er bekommt nach vielen Amateurteams noch einmal einen Vertrag bei einem Profiverein. Nun kann er noch einmal für Geld sein Ding schwingen. Doch halt, der Coach setzt ihn nicht ein. Dumm nur, dass die anderen Spieler nicht so gut mit ihren Dingern umgehen können. Sie verlieren Spiel für Spiel, was dem Teambesitzer gar nicht so ungelegen kommt. Als letzter Ausweg wird Roy doch noch eingesetzt. Er holt seinen Prügel raus, den Wonderboy, das riesige Ding. Er schwingt ihn ein-, zweimal und trifft damit den Ball so heftig, dass er wortwörtlich entzwei springt und so komisches, weißes Zeug rausquillt. Er und sein Ding werden zum Star, sein Team gewinnt plötzlich reihenweise Spiele und die Frauen liegen ihm zu Füßen. Blöd nur, dass er sein Ding bei diesen Dates nie dabei hat. Dass es für Wonderboy nicht ewig so steil bergauf weitergehen kann, das ist ja eigentlich klar, aber wenn ihr wissen wollt, wie es mit Roy und seinem Ding weitergeht, dann müsst ihr den Film schon selbst ankucken.


...sondern auch so gut mit seinem Ding umgehen,...
Generell ist der Film ein relativ einfaches Sportlerdrama, in dem Robert Redford die Hauptrolle spielt, allerdings zu jedem Zeitpunkt einfach viel zu alt aussieht (er war immerhin auch schon Ende 40!), als dass man ihm die Rolle ernsthaft abnehmen könnte. Trotzdem hat er seine natürliche Ausstrahlung, die diese One-Grandpa-Show ein wenig lindert. Zwar sind das Setting und die Kostüme der zwanziger und dreißiger Jahre durchaus schön, aber die Story ist so vorhersehbar wie altbacken, halt eine typische „Ich-probiers-noch-mal“-Aufsteigergeschichte, gepaart mit ein bisschen Liebe und dem amerikanischen Traum. Nicht besonders originell, nicht besonders kreativ umgesetzt, aber auch nicht total nervig. Schlimm ist phasenweise die Musik, die, neben ein paar echt guten und swingenden Klängen, zu viel Pathos vermittelt. Die Nebendarsteller, immerhin Kim Basinger, Glenn Close, Robert Duvall oder Michael Madsen, spielen ordentlich, ohne wirklich zu glänzen (außer Glenn Close vielleicht), aber sie stehen letztlich alle im Schatten von Robert Redford, aus dem sie einfach nicht treten können.


...dass alles um ihn herum explodiert und leuchtet.
Trotz einiger tragisch schlechten Dialoge und der extremen Übertriebenheit eigentlich jeder Szene, macht der Film doch Spaß. Er hält zwar die Spannung nicht durchgehend hoch, wird aber auch nie langweilig. Dazu tragen auch die immer wieder auftretenden witzigen Szenen bei, die, mal beabsichtigt, mal versehentlich, zur Aufhellung der Stimmung beitragen. Obwohl also durchaus Potential da war, hat er es trotzdem nicht so recht geschafft, mich zu fesseln. Aber halt, eine Chance hat er noch. Baseball-Film? Dann muss es doch auch Sportszenen geben, die mich als absoluten Sportfanatiker wieder halbwegs glücklich stimmen könnten. Und ja, tatsächlich, die gibt es, die Baseballszenen. Aber leider sind die so bescheiden in Szene gesetzt, dass sie einerseits langweilig, und andererseits wirklich ärgerlich sind. Wer schon mal ein Baseball-Spiel gesehen hat, der kann hier nur in seine Baseballkappe beißen. Von der Schwachsinnigkeit und der übertriebenen Glorifizierung von Roy und seinem Ding beim Ballspielen ganz zu schweigen. Wer sich auf tolle Sportszenen freut, der wird wohl enttäuscht werden, zumindest, wenn er schon einmal diesen Sport angeschaut oder gar selbst gespielt hat.


Richtig gut ist der Film insgesamt nicht. Aber er ist auch kein Totalausfall. Netter Durchschnitt trifft es hier wohl sehr gut. Insgesamt ein seltsames Ding, das sich selbst viel zu ernst nimmt, als dass man die witzigen Elemente ernsthaft komisch finden könnte. Vielleicht hätte man den Film komplett als Komödie anlegen sollen, dann hätte er mehr gezündet. Zum Abschluss ein spoilerlastiges Beispiel gefällig? Michael Madsen ist nicht unbedingt lange zu sehen. Aber in „seiner“ Szene spielt er einen Spieler, der bei einem langen Ball so sehr damit beschäftigt ist, dem Ball hinterherzulaufen und ihn vielleicht noch zu fangen, dass er nicht merkt, dass eine große Holzwand im Weg ist. Er knallt dagegen, ein großes Loch entsteht – und Michael Madsen ist tot und wird als Asche über dem Spielfeld verstreut! Was für ein Schwachsinn, bei dem man nicht weiß, ob das nun komisch sein soll oder doch ernst gemeint ist. Wie der ganze Film.


4,5 von 10 Blitzeinschläge auf dem Baseballfeld


Review: ...UND GERECHTIGKEIT FÜR ALLE - Justitia ist blind

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Fakten:
...und Gerechtigkeit für alle (...And Justice for All)
USA, 1979. Regie: Norman Jewison. Buch: Valerie Curtin, Barry Levinson. Mit: Al Pacino, Jack Warden, John Forsythe, Lee Strasberg, Jeffrey Tambor, Christine Lathi, Sam Levene, Robert Christian, Thomas Waites, Larry Bryggman, Craig T. Nelson u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Arthur Kirkland ist ein junger, idealistischer Anwalt, der sich dem Kampf für oftmals Vorverurteilte gegen das selbstgefällige, bürokratische Justizsystem der USA verschrieben hat. Etwas chaotisch, aufbrausend und nicht immer die Etikette wahrend, steht er damit der eigenen, großen Karriere konsequent im Weg. Bis er ausgerechnet den harten Richter, mit dem Kirkland in einer stätigen Privatfehde liegt, verteidigen soll. Er wird der Vergewaltigung an einem Mädchen angeklagt. Deshalb soll nun Arthur die Verteidigung übernehmen. Das perfekte Beispiel für die Unschuld. Für Arthur ein Karrieresprungbrett, wenn da nicht die Moral wäre.





Meinung:
Bissiges Lehrstück über Moral, die Schwierigkeiten eines Rechtsstaats, in dem jedem eine faire Verteidigung gebührt (wobei „jedem“, „fair“, „Rechtstaats“ dehnbare Begriffe sind) und ein satirischer Fingerzeig auf Mauschelein, Doppelmoral, Willkürlichkeit, Selbstgerechtheit und die persönliche Misere, wenn man zwischen allen Stühlen steht.


Ein Mann im Zwiespalt.
Arthur Kirkland (von dem jungen Al Pacino in seiner damals noch ausgewogenen Form zwischen leisen Tönen und aufbrausenden Temperament wunderbar verkörpert) kommt in diese prekäre Situation. Als Anwalt steht er eigentlich für Gerechtigkeit, nicht nur auf dem Papier, sondern von seinem Herzen. Die Mühlen der Justiz sind ihm eher ein Dorn im Auge, wie Don Quichote kämpft er gerne gegen träge Windmühlen, anstatt sich ohne Stress und dickem Plus in der Geldbörse von ihnen mitreißen zu lassen. Ein ehrenhafter Mann, etwas ungehobelt, nicht unbedingt beliebt, aber ein Mann, der diesen bereit ist zu stehen. Nun soll/muss er genau den Richter verteidigen, der so eisenhart und rücksichtslos die arogante Schiene der „Gerechtigkeit“ fährt, die er sich diesmal selbst als widerlicher Gesetzesbrecher offenbart. Er ist nicht nur mit defektem Rücklicht gefahren, er hat auf eine extrem harte Art rückwärts eingeparkt. Das soll nun die (letzte) Chance für einen Idealisten sein, der eigentlich mit einem breiten Grinsen feiern würde, wenn dieser Mistkerl seinen Thron räumen müsste.


Ein Anwalt sieht rot.
Jewison beginnt seinen Film recht locker und unterhaltsam, der satirische Ansatz kommt eher überdreht und komödiantisch daher, wenn Jack Warden als Richter für Ruhe im Saal sorgt, in dem er die Knarre aus dem Halfter zieht und mit Schüssen in die Decke für Autorität sorgt („Meine Herren, ich muss sie daran erinnern, dass sie in einem Gerichtssaal sind.“). Erst im weiteren Verlauf bekommt seine Farce einen erschreckenden Antrich, nicht in dem er eher extrem überzieht, sondern sich im absolut realen Wahnsinn suhlt. Den alltäglichen Irrsinn so glaubhaft verkauft, dass es jeder nicht nur ernstnehmen kann, sondern es leider muss. Rechtssprechung in einer Klassengesellschaft, die natürlich nicht existiert, wäre ja auch schlimm. Der Ton wird deutlich ernster, galliger und deshalb wirkungsvoller. Die anfängliche Satire wird zum reflektierten Drama, ohne den Ansatz aus den Augen zu verlieren, in beide Richtungen. Dem schwungvollen Unterhaltungswert wird eine deutlichere Aussage hinzugefügt, wirkt sogar unheimlich. Man kann kaum daran zweifeln, was so in den Räumen der Justiz – und besonders in den Hinterzimmern – vor sich geht. Da wird geschoben, mit zweierlei Maß gemessen, gedreht und gebeugt bis zum Anschlag, Menschen werden wie Schachfiguren hin und her geschoben, Bauernopfer sind Teil der Strategie, solange der König nicht geschlagen wird.


Wunderbar besetzt, der schon angesprochene Pacino in seiner Hochphase, die ihn zu einem der besten Darsteller der 70er gemacht hat. Seine impulsive Art wechselt mit bedachten Momenten ab, irgendwann kippte das leider. Heute eher der alte Tränensack oder überdrehte Hampelmann, damals stimmig ausgewogen. Jack Warden, John Forsythe und (wenn auch nur in einer kleinen Rolle) der legendäre Lee Strasberg (quasi Pacinos Lehrer) unterstützen das passend.


Klar zeigt „...And Justice for All“ Extreme, allerdings sehr konsequent und das bewusst. Satire kann nicht immer nur wizig sein, sie muss in erster Linie ein ernstes Problem anprangern. Das schafft dieser Film. Der Wahnsinn hat ein Zuhause, wo die guten Kerle wohnen. Sollte man annehmen. Wie überall auch, schwarze Schafe gibt es genug und an den richtigen und wichtigen Stellen scheinen sie sich besonders wohl zu fühlen. Manchmal wirkt der Film vielleicht etwas zu wenig homogen, nicht jeder Sprengstoff zündet immer effektiv, insgesamt aber ohne Frage ein mutiges Stück Kino aus der Spätphase, als in Hollywood gerne noch hinterfragendes Material umgesetzt wurde...regelmäßig.

7 von 10 Gewissensfragen.

Review: SLEEPERS - Das Ende der Kindheit

2 Kommentare:
                                                                          
Fakten:
Sleepers
USA, 1996. Regie & Buch: Barry Levinson. Mit: Jason Patric, Brad Pitt, Robert De Niro, Dustin Hoffman, Kevin Bacon, Bruno Kirby, Minnie Driver, Ron Eldard, Billy Crudup, Vittorio Gassman, Brad Renfro, Joseph Perrino, Geoffrey Wigdor, Jonathan Tucker, Frank Medrano u.a. Länge: 141 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

 
Story:
Shakes, Michael, Tommy und John wachsen in den 60er Jahren im New Yorker Viertel Hell's Kitchen auf und begehen einen folgenschweren Fehler. Eine Dummheit führt für sie zu einer Haftstrafe im Jugendgefängnis. Dort werden sie von dem Wärter Sean Nokes und seinen Kollegen brutal gefoltert und vergewaltigt. Jahre später treffen Tommy und John, inzwischen Gangmitglieder, Nokes zufällig in einer Bar wieder. Sie fackeln nicht lange und schießen ihn vor mehreren Zeugen nieder. Der Prozess scheint Formsache, doch Shakes und Michael hecken einen Plan aus. Michael ist der Staatsanwalt bei dem Fall und hat gar nicht vor ihn zu gewinnen. Shakes zieht im Hintergrund die Fäden, aber ihnen fehlt ein glaubwürdiger Entlastungszeuge. Der könnte ihr väterliche Freunde, der Priester Bobby, sein nur wird der auf die Bibel einen Meineid schwören?

 

                                                                          
Meinung:
Barry Levinson ist wohl einer der wenigen beständigen Regisseure in Hollywood, der sich kaum festnageln lässt und deshalb wenig treue Anhänger haben wird. Der Mann ist einfach unberechenbar. Mal macht er dies, mal macht er das. Mal ist das großartig, mal mau. Der wechselt die Genres und seine Stile wie manche die Unterhosen. Schwer greifbar der Mann. "Sleepers" sieht lange wie sein bester Film aus. Zweifellos zählt er zu den Höhepunkten seiner Arbeiten und es fehlt zur Spitze echt nicht viel. Die Romanvorlage von Lorenzo Carcaterra setzt Levinson in der ersten Hälfte enorm flott und packend um. Das erinnert an Martin Scorsese, von Erzählweise wie Handlung. "Sleepers" hat in die 2 1/2 Stunden Laufzeit viel zu verpacken, trotzdem geht das schnörkellos und effektiv von der Hand. Stimmungsvoll und gut umgesetzt, mit Figuren die einem ans Herz wachsen, viel Charme und Stallgeruch. Die 60er in Hell's Kitchen erscheinen authentisch, die Protagonisten erhalten genügend Profil und Backround, der erschütternde, angekündigte Paukenschlag tritt rechtzeitig und punktgenau ein. Ab da wird "Sleepers" enorm emotional und bedrückend, um dann im letzten Drittel leider etwas zu schwächelnd zu enden.

Der Tunnel am Ende der Kindheit.
Mehr als eine Stunde lang ein schwungvoller und teilweise erschütternder Film um das Ende der Kindheit, durch eigenen Übermut und Unbedarftheit, mehr aber noch durch dir grausame Macht gewissenloser Ungeheuer. Aus dem formidablen Cast sticht Kevin Bacon als sadistischer Gefängniswärter mit diabolischer Eiseskälte heraus. Ein Jahr nach seiner großartigen Leistung in "Murder in the First" vollzieht er quasi einen Seitenwechsel, spielend und eindrucksvoll. Hier werden grausame Szenen sehr eindringlich, trotzdem nicht voyeuristisch ausgelebt, dem Zuschauer nichts erspart und dennoch deutlich und dankenswerterweise genug. "Sleepers" ist bis dahin umwerfend gut gemacht und furchtbar ergreifend, auf dem Weg zu einem Überfilm der 90er. Neben dem sensationellen Bacon fallen die jungen Nebendarsteller (am bekanntesten wohl Brad Renfro, später durch seinen Drogenkonsum verendet) kaum ab und Robert De Niro beherrschte damals eh jede Szene. 

 
Glaube vor Freundschaft?
Leider verliert der bis dahin großartige Film etwas in der zweiten Hälfte, zum Teil handlungsbedingt. Obwohl die Geschichte an sich jetzt erst richtig los geht, das gesamte Gerichtsszenario ist (natürlich) weitaus weniger packend und manchmal etwas trocken. Das Ende ist zu vorhersehbar, Überraschungen finden nicht statt, alles läuft auf das logische, geplante Ende hin. Gut inszeniert und gespielt ist das immer noch, Dustin Hoffman als schluffiger Säufer-Anwalt ein weiteres Highlight, nur ist etwas zu früh die Luft raus. Mehr Fokus auf das moralische Dilemma einer bestimmten Person hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden. Das wird angerissen, läuft dann leider nur so nebenbei mit, obwohl das wesentlich spannender gewesen wäre als der offensichtliche Prozessverlauf. Am Ende könnte man "Sleepers" sogar vielleicht verwässerte Moral vorwerfen, das umschifft das Skript glücklicherweise noch geschickt genug. Kurze Momente des Triumphs werden durch das Schicksal ausgeglichen. Auge um Auge klingt zwar gerecht, doch dieser ethischen Zwickmühle muss sich der Film letztendlich nicht ernsthaft stellen. Das passt schon, für alle Seiten.

 
"Sleepers" nutzt das vorhandene Potenzial nicht gänzlich, reißt aber lange genug richtig und auch zum Schluss noch genug mit, um als klare Empfehlung durchzugehen. An gewissen Stellschrauben hätte noch gedreht, manche Figuren besser beleuchtet und genutzt werden können, unterm Strich steht trotzdem ein starker, emotionaler Film der mehr als nur eine Sichtung überstehen wird.

 
7,5 von 10 Scheinprozessen

Review: THE BAY - Öko-Horror vom "Rain Man"-Regisseur

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Fakten:
The Bay
USA. 2012. Regie: Barry Levinson. Buch: Michael Wallach, Barry Levinson. Mit: Keither Donahue, Frank Deal, Nansi Aluka, Christopher Denham, Kristen Connolly, Will Rogers, Murat Erdan u.a. Länge: 85 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
An einem wunderschönen Sommertag im Jahre 2009 geschehen merkwürdige Dinge in Claridge, Maryland. Wie aus dem Nichts befällt eine Art Parasit viele Einwohner der kleinen Küstenstadt. An Hand von Archivaufnahmen, Amateurbildern und TV-Berichten wird der Zuschauer Zeuge, was an diesem schrecklichen Tag wirklich geschah.




Meinung:
Regisseur Barry Levinson, bekannt für klassische Filmstoffe wie „Rain Man“ oder „Sleepers“ ist nicht gerade der Mann, von dem der geneigte Zuschauer einen Film im Found-Footage-Format erwartet. Nach vielen Jahren, in dem er scheinbar in der Development-Hell diverser Projekte feststeckte kehrt er nun mit „The Bay“ zurück, einem Horrorfilm, für den er statt wie sonst mit großen Stars mit unbekannten Schauspielerin vor der Kamera und den erfolgsverwöhnten Machern von „Paranormal Activity“ hinter der Kamera zusammenarbeitete. Levinson, ein Regisseur alter Schule, oscarprämiert und lange Zeit erfolgsverwöhnt, versucht sich nun also an einem Horror-Subgenre, welches im Grunde für eine moderne, kosteneffiziente Art steht Filme zu machen. Eine Art die aktuell einer der Film-Hypes schlechthin ist, ihren Zenit mittlerweile aber krampfhaft festhält, um ihn nicht zu überschreiten. Kann jemand wie Levinson mit seinem „The Bay“ noch etwas bieten?


Wenn es doch nur ein Sonnenstich wäre...
Ja, das kann er, wenn auch nicht in dem Umfang, um seinen Horrorfilm als durchweg gelungen zu bezeichnen. Allerdings ist „The Bay“ durchaus in der Lage mulmige Augenblicke zu generieren. Dadurch dass Levinson bei seiner Inszenierung nicht nur auf typische Aufnahmen mit Amateurkameras zurückgreift, sondern auch auf angeblich echtes Material eines TV-Senders und von Polizeikameras zurückgreift, besitzt sein „The Bay“ mehr als die schnell verblassende Faszination wackelnder Bilder, sondern kann somit durchaus ein recht authentisches Flair erzeugen, welches die gezeigte Bedrohung sowie deren drastische Ausmaße in deren Wirkung unterstützt. Levinson und sein Autor Michael Wallach denken sogar an so etwas wie eine Identifikationsfigur. Journalistin Donna (Keither Donahue) darf rudimentär durch die Ereignisse führen. Entweder als Off-Sprecherin oder als direkte Betroffene. Dennoch fixiert sich „The Bay“ nicht zu statisch auf ihre Person und präsentiert fast dutzende Schicksale. Problem hierbei ist, das Donna als Überlebende des Vorfalls ihr Wissen vom Verbleib der einzelnen Personen ohne Umschweife mit dem Publikum teilt. Das kappt einen großen Teil der simplen aber effektiven Spannungsschraube, die sich alleine durch die Frage „Wer wird überleben?“ in Bewegung setzt. Bei „The Bay“ steht sie jedoch zu oft still und verweilt auf einem stetigen Level. Die gegen Ende fast schon inflationär genutzten Jump Scares und Ekelszenen können dies nicht richtig kompensieren, vor allem auch deswegen, weil Levinson auf den typischen Budenzauber setzt und dabei weder etwas wagt, noch Neues generiert.


Welch zauberhafte Idylle. Wie lange das hält?
Es gibt bei „The Bay“ durchaus Anzeichen dafür, dass hier ein Mann wie Levinson am Steuerruder saß und kein junger Filmemacher, denn „The Bay“ impliziert hinter all dem Horror eine ökologische Botschaft. Das wahre Monstrum, welches hier auf Opferfang geht ist die Umweltverschmutzung. Ohne Wenn und Aber werden die Ereignisse des Films als Ergebnis von öko-feindlichen Kapitalismus dargestellt. Wirklich clever ist das nicht, im einseitigen Found-Footage-Pool aus dämonischer Besessenheit und anderem Teufelszeug bietet es aber zumindest eine einigermaßen anspruchsvolle Abwechslung. Nicht nur wegen seiner kritischen Aussage, sondern auch weil Levinson nicht erst bis zum letzten Drittel wartet, um Horror und Chaos die Normalität überrennen zu lassen, wirkt sein Genre-Beitrag etwas befriedigender und wirksamer als andere Vertreter. Ja, im Gegensatz zum völlig repetitiven „Paranormal Activity 4“ ist „The Bay“ fast schon erfrischend anders. In seinen richtig guten Momenten erinnert er sogar an Eli Roths Debüt „Cabin Fever“, auch wenn dieser durch seine klare Erzählform und die Fixierung auf eine Personengruppe weit aus packender war.


„The Bay“ ist trotz seines anderen Grundtons auch nicht mehr als ein weiterer Vertreter der aktuellen Found-Footage-Welle. Nimmersatte Genre-Fans sollten damit zufrieden sein, alleine schon deshalb weil die zunächst unsichtbare Bedrohung diesmal keinen allzu realitätsfremden Kern hat. Hoffentlich findet Barry Levinson aber noch einmal einen Stoff, der zu ihm passt. Als Finger- und Umgangsübung mit einer neuen Art des Filmens kann sich sein „The Bay“ ja sehen lassen. Dennoch ist er nicht mehr als einer von vielen und auch wenn Levinson vielleicht nie ein Regisseur mit dem künstlerischen Ausmaß eines Scorsese war, so wäre es dennoch mehr als bedauerlich, wenn seine Karriere einen Film wie „The Bay“ als Schlusspunkt hätte.


4,5 von 10 Skype-Konferenzen