CA, 2015. Regie & Buch: Paul
Gross. Mit: Rossif Sutherland, Paul Gross, Christine Horne, Allan Hawco, Clark
Johnson, David Richmond-Peck, Nabil Elouahabi, Niamatullah Arghandabi, Karl
Campbell u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Ab dem
22.4.2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Während des Kriegs in Afghanistan
kreuzen sich die Wege eines kanadischen Scharfschützen, eines
Nachrichtenoffiziers und eines legendären, untergetauchten Mudschaheddin aus
dem Krieg gegen die Sowjets. Bei der Einweihung der Hyena Road, einer vom
Militär gebauten Straße zur Bekämpfung der Taliban, kommt es zum großen Knall…
Meinung:
„Selbst die Erde ist hier feindlich
gesinnt. In Afghanistan kämpfen Hunde gegen Hunde, Vögel gegen Vögel, Männer
gegen Männer.“
Es sind nicht zuletzt Sätze wie
diese (auch wenn hier nur Alexander der Große zitiert wird), die „Hyena Road“
trotz aller Bemühungen um eine möglichst neutrale Authentizität immer wieder
unglücklich in die Schublade mit üblichen Klischees und (in dem Fall eher
leicht und bestimmt ungewollt) vorverurteilender Dämonisierung greifen lässt,
obwohl er von der Intention eigentlich in einer ganz andere Richtung möchte.
Erste Regel: Den Feind immer im Auge behalten.
Paul Gross – Regisseur, Autor und
Hauptdarsteller in Personalunion - gelingt ein handwerklich recht ordentlicher
Kriegsfilm, der über seine Bilder schon eine ganz ansprechende Stimmung
transportieren kann. Die geht aber bis auf die hektische Intensität während der
Feuergefechte kaum über eine Art Anti-Postkartenidylle aus dem Kriegsgebiet
hinaus. Das wirkt alles relativ flach, oberflächlich, auch wenn es für sein
Produktionsvolumen nicht verkehrt aussieht. Als Actionfilm ist „Hyena Road“ in
diesen Sequenzen nicht schlecht, doch genau das ist und will er gar nicht sein.
Im Mittelpunkt steht der jetzt schon ausweglos scheinenden Krieg in einem Land,
das seit Jahrzehnten davon gebeutelt wurde. Noch bevor die Amis, oder hier die
Kanadier, kamen. Ein junger Sniper (Rossif Sutherland, einer der weniger
erfolgreichen Sprösslinge von Donald Sutherland) – der noch daran glaubt, das (s)eine
Kugel alles verändern kann – und ein schon längst desillusionierter, in Land
und Kultur fester verankerter Nachrichtenoffizier (gute Leistung: Paul Gross
himself) versuchen den „Ghost“, einen Mudschaheddin aus dem Sowjet-Krieg, führ
ihre Zwecke zu gewinnen. Denn dieser Krieg kann kaum von außen, nur von innen
gewonnen werden. Wenn überhaupt.
Ein klärendes Gespräch zwischen Stacheldraht.
Durch Figuren wie besagten „Ghost“
oder auch den des hilfsbereiten Spitzels „The Cleaner“, der nicht aus
egoistischen oder monetären, sondern rein idealistischen, humanitären Gründen
als unverzichtbarer Insider die Einsatztruppen unterstützt, differenziert „Hyena
Road“ durchaus. Hier sind nicht alle Einheimischen von Geburt an Taliban oder
deren Sympathisanten, es herrscht ein Konflikt auch im Land selbst, unabhängig
von dem, was der Westen dort veranstaltet. Das will der Film vermitteln und
macht er ja in Ansätzen auch, nur er tut sich wirklich keinen Gefallen damit, es
rein auf diese beiden Figuren (plus deren Angehörige) zu reduzieren und
gleichzeitig die Position wie das Handeln der Streitkräfte zur keiner Sekunde
wirklich reflektiert, ernsthaft selbstkritisch zu hinterfragen. „Hyena Road“
skizziert die Hauptfiguren zwar schon als eine Art hilflosen, teils
überforderten Fremdkörper in einer ihnen völlig unbekannten Kultur und
Historie, doch weiß er letztlich (wie sie selbst) nichts Entscheidendes
damit anzufangen. Die eigentliche Geschichte ist weder besonders aufregend,
noch gelingt eine emotional tiefe Bindung zu den Figuren. Die dafür unterstützend
reingebastelte Liebesgeschichte wirkt da extrem deplatziert und ist als reiner
Mittel zum Zweck viel zu offensichtlich.
„Hyena Road“ ist an sich kein
schlechter Film. Er ist technisch gut inszeniert und versucht zumindest, ein
anderes Bild vom Krieg gegen den Terror zu liefern. Das Problem: Genau das
gelingt ihm nur sehr dürftig. Gerade wenn am Ende das heldenhafte Aufopfern für
die gute Sache wieder zu Tränen rühren soll und einen extrem faden, Militär-
und Ideologie-bejahenden Beigeschmack hinterlässt. Das sind diese Momente, die
gute Ansätze ganz schnell vergessen lassen. Wenn der Rest dann auch nur als
solide bis zäh bezeichnet werden kann, bleibt nicht mehr viel übrig.
Ambitioniert, aber missglückt.
Fakten: Rock the Kasbah
USA. 2015. Regie: Barry Levinson. Buch: Mitch Glazer. Mit: Bill
Murray, Kate Hudson, Bruce Willis, Leem Lubany, Zooey Deschanel, Scott Caan,
Danny McBride, Beejan Land, Arian Moayed, Taylor Kinney u.a. Länge: 106
Minuten. FSK: freigegeben ab
12 Jahren. Ab 24.März 2016 im Kino.
Story: Richie Lanz bezeichnet sich selbst als Rockstar-Manager, doch von Rock ‘n’
Roll ist wenig zu spüren in seinem derzeitigen Leben. Seine Tochter darf er
nicht sehen und sein Geld verdient er damit scheinbare Musiktalent finanziell
auszunehmen. Einzig Sängerin Ronnie hält noch zu ihm. Doch als er mit dieser
nach Afghanistan fliegt, um dort eine Show vor US-Soldaten abzuhalten, steht er
kurze Zeit später ohne Ronnie da und auch sein Geld und seine Papiere sind weg.
Zunächst versucht er so schnell wie möglich aus dem Lang zu kommen. Hilfreich
dabei sind zwei Waffenhändler sowie ein knallharter Söldner. Als Richie dann
allerdings im Niemandsland von Afghanistan die sensationelle Stimme der jungen
Salima hört schiebt er seine Abreisepläne vorerst zurück. Für ihn ist klar, er
muss Salima zu einem Star machen. Auch wenn ihn das in Schwierigkeiten bringt.
Meinung: Sind wir doch einmal
ehrlich. Bill Murray gehört zu der Gattung von internationalen Superstars, dem
man es mehr als deutlich ansieht, ob er auf seine Rolle auch wirklich Lust hast
und in den letzten Jahren gönnte er sich scheinbar den Luxus auch nur noch in
Produktionen mitzuwirken, die mit seinem eigenen künstlerischen Interesse
d’acord gehen. Große Erfolge waren zwar nur selten dabei, aber nach dem Murray
in den 1990er, nach dem Hit „Und täglich grüßt das Murmeltier“, fast drohte in
der Versenkung der Banalität zu verschwinden, hat er nun seine eigene Nische
gefunden, die er – vermutlich der Gage wegen – gerne auch das ein oder andere
Mal für andere, nicht ganz konformere Projekte verlässt.
Lost in Afghanistan
„Rock the Kasbah“ von „Rain Man“-Regisseur Barry Levinson gehört, geht man von
Murrays Engagement und Spielfreude aus, klar zu den Projekten, zu den sich der
ehemalige Ghostbuster hingezogen fühlt. Als abgehalfterter und durch und durch
opportunistischer Musikmanager Richie stolziert er durch die Handlung und hat
sichtlich seinen Spaß daran, seiner Figur ein dynamisches Eigenleben zu
verleihen. Für Fans von Bill Murray lohnt sich alleine deswegen schon der Gang
ins Kino. Doch darf nicht vergessen werden, das „Rock the Kasbah“ durchaus
einen ernsten Hintergrund hat. Ähnlich wie Levinson „Good Morning, Vietnam“ aus
dem Jahre 1987, versucht „Rock the Kasbah“ den Irrsinn des Krieges mit Hilfe
einer klassischen Fish-out-of-Water-Story offenzulegen. Das gelingt aber leider
nur bedingt. Zum einen weil der Verlauf der Geschichte ohne sonderlich
überraschende Vorkommnisse voranschreitet, zum anderen daran, dass das Drehbuch
von Autor Mitch Glazer, der schon einige Male perfekte Rollen für Bill Murray
schrieb, zwar durchaus Kritik an der afghanischen Kultur äußerst, sich aber
niemals traut auch die andere Seite der Medaille zu benennen und zu
untersuchen. Stattdessen ist es letztlich sogar ein westliches TV-Format,
welches einer jungen Frau die Tore zur Welt öffnet. Das ist alles schon recht
einseitig und stellenweise auch wirklich bieder umgesetzt.
Abseits davon erweist sich „Rock the Kasbah“ auch als recht verkrampft wenn es
darum geht eine eigene Welt aufzubauen. So wirkt Kate Hudson als
Edelprostituierte Merci nicht nur ziemlich aufgesetzt, sondern teilweise wie
ein regelrechter Fremdkörper. Es scheint fast so, als ob die Produktion noch
eben schnell eine attraktive Frau nach westlichem Maß und Vorstellung braucht,
damit sich die Gewichtung zwischen West und Ost die Waage hält. Auch gelingt es
Hudson nicht ihre Rolle wirklich auszufüllen, was aber nicht nur an ihr,
sondern auch an Glazers Script liegt, der Hudson letztlich nur in die
altausgediente Funktion der heiligen Hure presst. Die anderen Darsteller
spielen meist auch nur typische Stereotype, das aber zumindest mit Nachdruck
und Engagement und auch wenn die beiden amerikanischen Waffenhändler Jake und
Nick (Scott Caan und Danny McBride) ebenfalls alles andere als originär wirken,
so formulieren ihre Charaktere und Handlungen doch am ehesten eine Kritik am
alles verschlingenden Kapitalismus und fehlender, westlicher Weitsicht.
Mit „Rock the Kasbah“ versucht Regisseur Barry Levinson an seine Glanzzeiten
als Regisseur anzuknöpfen. Das ist ihm leider nicht wirklich gelungen. Zwar
sind seine Ziele erkennbar und seine Vorbilder groß und ehrenwert (z.B. Kubrick
„Dr. Seltsam“), doch die wirkliche Dimension der Geschichte scheint ihm nicht
wirklich bewusst zu sein, denn ansonsten hätte er vermutlich etwas mehr
riskiert. Bill-Murray-Fans können sich aber freuen. Ihr Star glänzt in der
Rolle des manipulativen Rockstar-Managers.
Fakten:
Lone Survivor
USA. 2014. Regie: Peter Berg. Buch: Peter Berg, Marcus Luttrell (Vorlage),
Patrick Robinson (Vorlage). Mit: Mark Wahlberg, Ben Foster, Taylor Kitsch,
Emile Hirsch, Eric Bana, Alexander Ludwig, Ali Suliman, Jerry Ferrara, Rohan
Chand, Sammy Sheik, Matthew Page, Rich Barry, Yousuf Azami u.a. Länge: 122
Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 17. Oktober 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Nach wahren Begebenheiten. 2005 soll ein Elite-SEAL-Team den Talibanführer
Ahmed Shahd gefangen nehmen. Das
Team rund um Marcus Luttrell positioniert sich in der Nähe von Shahds Aufenthaltsort, doch dort
werden sie von Ziegenhirten entdeckt. Zwar halten die SEALS diese fest,
entscheiden sich aber dafür sie wieder gehen zu lassen. Es folgt ein brutaler
Schusswechsel, denn die Taliban wird von den Hirten gewarnt und schafft es die Soldaten
einzukreisen.
Meinung: In der Filmographie von Regisseur Peter Berg geben sich diffuser
Blockbuster-Schwachsinn, kurzweilige Actionspäße und anspruchsvolles
Spannungskino die Klinke in die Hand. Zwar wird Berg nach der eher
unbefriedigend zu Ende konzipierten Superheldendestruktion „Hancock“ und dem
durch und durch stupiden Alien-Invasion-Flick „Battleship“ immer in der Ecke
des Big-Budget-Kinos gesehen, doch sollte nicht vergessen werden, dass er mit
„Operation: Kingdom“ einen der besten und ehrlichsten Action-Thriller der
letzten Jahre inszenierte. Die Geschichte eines FBI-Teams, die in Riad einen
Anschlag auf eine amerikanische Wohnstadt untersucht kümmerte sich nicht bloß
ein patriotisches Schaulaufen, sondern warf einen teils
brutal-entmystifizierenden Blick auf die Arbeit des FBI und offenbarte die
Schuldigkeit beider Konfliktseiten. Im Prinzip ist Peter Berg also der richtige
Mann, wenn es darum geht einen differenzierten Blick auf ein Krisengebiet zu
werfen.
Ein paar Ziegenhirten bringen die gesamte Mission in Gefahr
„Lone Survivor“ wäre eigentlich genau der richtige Film für Peter Berg. Die
wahre Geschichte eines Einsatzes von einer Gruppe SEALs, der in einer
Katastrophe endet, bietet eine Menge Material um den gegenwärtigen,
militärischen Einsatz der US-Army kritisch zu hinterfragen, doch davon hält
Berg teils meilenweiten Abstand. Recht schnell wird klar, hier zählt nur eines:
die Heroisierung der Soldaten. Warum auch nicht? Viel müssen diese Leisten.
Doch wie ihre Arbeit, ihre Professionalität und vor allem ihr sterben
zelebriert wird, ist erschreckend dumpf und blindgläubig. Dabei gäbe es
wahrlich genug Rezeptoren, um aus „Lone Survivor“ mehr zu machen als eine
direkte Lobeshymne für’s tapfere Sterben im Namen des Vaterlandes. Besonders
hervorstechend ist dabei, dass der gesamte Konflikt, der sich im Laufe des
Films aufbaut, durch Kommunikation hätte entschärft oder sogar gänzlich
verhindert werden können. Dabei ist nicht nur der Ausfall des Funksystems
gemeint sondern auch der Dialog zwischen den Invasoren und den Entopischen. Wieso
schickt das US-Militär physisch perfekt ausgebildete Männer und Frauen in ein
Gebiet, ohne ihnen zumindest die rudimentär Sprache der Einheimischen
beizubringen? Im Grunde ist „Lone Survivor“ ein auf Film gebanntes Mahnmal für
eine gemeinsame Kommunikation. Nur scheint sich Peter Berg dem gar nicht
wirklich bewusst gewesen zu sein und inszenierte aus einem guten Ansatz nicht
mehr als relativ ungeschönte Promotion für den amerikanischen Außeneinsatz.
Noch ist alles ruhig
Ein erklärtes Ziel von „Lone Survivor“ ist auch die Gegenüberstellung zweier
Helden. Zum einen Scharfschütze Marcus Luttrell (auf dessen Erinnerungen das
Buch, welches hier filmisch adaptiert wurde, beruht) und der Bauer Mohammed
Gulab, der den von den Taliban gehetzten Lutrell bei sich aufnimmt, pflegt und
vor seinen Häschern versteckt. Es wäre gewiss ein Leichtes gewesen auch Gulab
zum Helden zu stilisieren, auch dessen Courage und Entschlossenheit ein kinematographisches
Denkmal zu setzen, doch diese beiden, unterschiedlichen Heldentypen begegnen
sich nie auf einer ebenbürtigen Augenhöhe. Die, zumindest fürs Militär,
Heldentaten von Luttrell zählen bei „Lone Survivor“ mehr als die Widersetzung eines
kleinen Dorfs gegen die Taliban. Dem Dorfbewohnern sowie Gulab, der als
Initiator des Widerstands behandelt wird, erhalten nicht mehr wie ein
freundliches Nicken und einen schwachen Dankes-Händedruck. Dabei hätte vor
allem Gulab wahrlich mehr verdient, denn wegen der bereits erwähnten mangelnden
Kommunikation benimmt sich Luttrell, überspitzt ausgedrückt, wenig rettenswert.
Umso erstaunlicher, dass Peter Berg trotz allen die beiden wichtigsten
Figuren niemals gleichberechtigt behandelt, was nicht nur
daran liegt, das Gulab erst viel zu spät im Film eingebracht wird. Aber gut, „Lone
Survivor“ braucht eben seine Zeit um auch wirklich jeden amerikanischen Soldatentod
akribisch einzufangen.
M. Wahlberg als Marcus Luttrell muss einiges durchstehen
Als Mohammed Gulab ist übrigens Ali Suliman zu sehen, den Berg bereits in „Operation:
Kingdom“ im Cast hatte. Dort hatte Suliman, der u.a. auch in gefeierten Filmen
wie „Paradise Now“ oder „Lemon Tree“ zu sehen war, wesentlich mehr zu tun und
wurde damals als wahrer Hauptdarsteller gefeiert. Diesen Status hat er hier
nicht inne, denn diesmal fokussiert sich Berg ganz klar auf seine Stars aus
Hollywood. Neben Mark Wahlberg werden hier auch Taylor Kitsch (drehte mit Berg
bereit „Battleship“), Ben Foster (der in „The Messenger“ mitwirkte, einen der
wohl besten, neueren Filme zum Thema Krieg ), Eric Bana („Star Trek“, „Wer ist Hanna?“) und Emile Hirsch („Into the Wild“, „Prince Avalanche“) in die
sandfarbenen Uniformen gesteckt, um im Niemandsland von Afghanistan peu a peu mit patriotischem und
pathetischem Geheule ihr Lebenslicht zu verlieren. Egal wie man nun zu Wahlberg
steht, oder zu Kitsch und Bana, aber es lässt sich nicht von der Hand weisen,
dass in „Lone Survivor“ ein Haufen bekannter und/oder begnadeter Schauspieler
verheizt wird. Da bleibt nur die Hoffnung dass endlich jemand das enorme Talent
von Ben Foster für die große Leinwand entdeckt. Der gute Mann verdient mehr
Hauptrollen, auch wenn er sich hier für klebrig-kleistrigen Todeskitsch hergibt.
„Lone Survivor“ ist nicht mehr als ein Fest des Sterbens. Jede Kugel die durchs
amerikanische Soldatenfleisch zischt wird mit brutaler Romantik inszeniert.
Dazu wird der Konflikt nur von einer militärischen, nicht aber von einer humanen
Seite beleuchtet. Das Ergebnis ist eine wahre Geschichte die uns rühren und
Respekt für die Soldaten beibringen soll, doch wie herz- und gewissenlos muss
man sein, um nicht zu erkennen, dass dahinter nicht mehr steckt als Propaganda,
errichtet auf einem Berg zerschundener Körper.
Fakten: Zero Dark Thirty
USA. 2012. Regie: Kathryn Bigelow. Buch: Mark Boal. Mit: Jessica Chastain, Joel
Edgerton, Kyle Chandler, Jason Clarke, Edgar Ramirez, Mark Strong, Scott
Adkins, Jennifer Ehle, Harold Perrineau Jr., James Gandolfini, Stephen Dillane,
Reda Kateb, Homayoun Ershadi, Chris Pratt, Taylor Kinney, Callan Mulvey, Frank
Grillo, Ricky Sekhon u.a. Länge: 157 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Ab
31. Januar 2013 im Kino.
Story: Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 ist er der meist gesuchte
Mann: Osama bin Laden Die CIA-Analytikerin Maya verbringt Jahre mit der Suche
nach dem al-Quaida-Anführer und stößt dabei immer wieder auf Widerstand und
Gewissensfragen.
Meinung: Mit „The Hurt Locker“ konnte sich die abgeschriebene Regisseurin Kathryn
Bigelow 2008 mit einem beachtenswerten Qualitätsknall in der Filmwelt
zurückmelden. Als die toughe Filmemacherin dann ankündigte, in ihrem nächsten
Spielfilm die Suche und die Exekution des Osama Bin Laden zu thematisieren, zogen
nicht wenige Freunde der bewegten Bilder die Luft scharf ein. Aber auch darüber
hinaus, gerade im Hinblick auf Amerika und die damit verbundene
Post-9/11-Mentalität, hielten sich die Erwartungen und das Misstrauen einer
angemessenen Umsetzung das Gleichgewicht. Verständlicherweise, denn lassen wir
einmal sämtliche Verschwörungstheorien außen vor – die alle auf einem
plausiblen Fundament angerührt sind - hat die World Trade Center-Katastrophe
tiefe Narben in den Vereinigten Staaten hinterlassen, sowohl aus der Sicht des
präsidentiellen Regierungssystem, also der Politik, als auch in der
Gesellschaft, den Familien, die von jetzt auf gleich auseinandergerissen wurden
und mit ihren Liebsten ein letztes Mal am Telefon gemeinsam bittere
Abschiedstränen vergossen. Die Menschen aus aller Welt saßen schockiert so wie
benommen vor den Fernsehern, niemand konnte in Worte fassen, welch unendliche
Grausamkeiten dort gerade über die Mattscheiben flimmerten.
Maya bei der Arbeit
Und
genau mit diesem Tag, in der globale Bestürzung und der stockende Atem
regierten, beginnt auch „Zero Dark Thirty“ und gibt den Handlungsstartschuss,
für Bigelows Inszenierung. Jedoch nicht mit dem erneuten Aufzeigen der
eingebrannten Bilder, sondern mit einer schwarzen Aufblende. Wir hören die
Schreie, den Lärm, das Chaos. Die Erinnerungen werden restlos rehabilitiert,
ohne auch nur einen Blick auf Vergangenes gewährt zu bekommen. Ein mehr als
wirkungsvoller Einstieg, den man in Anbetracht der folgenden 140 Minuten
allerdings schon als klaren Höhepunkt bezeichnen muss, denn Bigelows
Bemühungen, jedem Hollywoodstandard in Sachen Bombastkino und atemlosem Thrill
aus dem Weg zu gehen, erreichen nicht den effizienten Ertrag, den sich
Drehbuchautor Mark Boal und Frau Bigelow gewünscht haben. Wobei man von
vornherein in aller Deutlichkeit sagen muss, dass die Akte Osama Bin Laden kein
Thema ist, aus dem andere Regisseure ganz eindeutig ein Meisterwerk geschaffen
hätte und es so an Bigelows inkompetenter Führung liegt, dass „Zero Dark
Thirty“ nicht das große Werk ist, was sich wohl die meisten von ihm versprochen
haben. Mit Sicherheit nicht.
„Zero Dark Thirty“ ist keinesfalls schlecht, doch die Defizite, die man dem
Film einfach nicht absprechen kann, wiegen zu schwer, um ihn noch im Rahmen der
beeindruckenden Sanierung junger Zeitgeschichte zu akzeptieren. Das erste
Problem lässt sich bei Jessica Chastain, oder besser gesagt, ihrer
CIA-Ermittlerin Maya entdecken. Chastain spielt fantastisch, ohne Frage, und
das Misslingen einer wirklich fundiert-ambivalenten Darstellung lässt sich auf
das Drehbuch zurückführen. Maya ist ein Prototyp des Thriller-Genres: Eine
junge High-School-Absolventin soll für das CIA Terroristen jagen und schlittert
schließlich in den Auftrag, den Terroristen Nr. 1 zu schnappen. Ihre Manie ist
grenzenlos und ihre Person - die das Metronom im Herzen des CIA darstellt – hat
jeder sozialen Bindung entsagt, nur um sich starr auf den Job zu konzentrieren.
Es ist eben genau der Bessensheitskodex, vom unermüdlichen Jäger, der erst
ruht, wenn er sein Ziel erreicht hat, den wir seit unzähligen Jahrzehnten in
aller Obsession um die Ohren geschleudert bekommen. Jeremy Renner war als Teil
des Bombenräumungskommandos in seinen Anlagen auf den ersten Blick nicht
anders, genau wie Maya war sein William James der Faszination des Krieges
verfallen, es war eine Sucht, die ihn immer wieder in die Gefahrenzone zog,
eine Droge, der er sich nicht entziehen konnte. Allerdings hat Boal hier das
geleistet, was wir bei Maya vermissen: Ein differenziertes und psychologisch
vielfältiges Grundgerüst, mit Facetten und (un)menschlicher Intensivität.
Achtung: Auf diesem Bild wird gespoilert.
Die
Geschichte selbst, die „Zero Dark Thirty“ und Hauptfigur Maya, keinesfalls eine
Protagonistin, die zur Identifikationsfläche für den Betrachter dient, ist
natürlich pure Fiktion, die sich an den realen Geschehnissen orientiert, diese
aber nicht wahrheitsgemäß wiedergibt. „Zero Dark Thirty“ positioniert sich auf
bröckeligen Thesen, stolziert über kalte Vermutungen, verzogenen Ellipsen und
brachialen Hypothesen. In 160 viel zu langen Minuten hat man schließlich die
(nicht) Aussage des Filmes vor Augen, denn Bigelow, die immer betonte, keine
Stellung beziehen zu wollen, hat das über weite Strecken auch konsequent
beibehalten. Subjektive Distanz und objektiver Realismus sind die Stichwörter.
Die Bilder erreichen den Zuschauer lediglich auf dem dokumentarischen Plateau
und die Nüchternheit der Szenerie, die sicher in gewisser Weise löblich ist,
wird durchgehend aufrechterhalten, so entsteht aber eben auch keine Bindung zum
beobachtenden Betrachter, der nur sieht, aber sich in diesem Fall auch wünschen
würde, etwas zu fühlen.
Am Ende, nachdem – und ich hoffe, ich spoilere hier keinem
Höhlenmenschen den Ausgang, der die letzten 15 Jahre im Tiefschlaf
verbracht hat – die Navy Seals Osama Bin Ladens Versteck stürmten und
das „Dreckschwein“ erledigten, erlaubt sich Bigelow eine völlig
unpassende Emotionsspritze, die weder ins Konzept passt, noch bis zum
Zuschauer durchdringt, einfach aus dem Grund, weil sich „Zero Dark
Thirty“ genau gegen solche offensichtlichen Augenblicke die vergangenen
zweieinhalb Stunden gewehrt hat. Schlussendlich blieb das aus, was man
sich von diesem Film eigentlich erwartet hätte: Das moralische
Durchleuchten der Mission, das kritische Analysieren des schwankenden
Wertes von richtig und falsch. Es bleibt nur ein sachliches, aber auch
zähes Aufrollen der mühsamen Repressalie. Die große Kalamität, der
Schock und das Aufwühlen blieben aus. Eine Szene lässt noch die
Intensität erahnen, mit welcher „Zero Dark Thirty“ auffahren hätten
können und diese beschränkt sich auf ein abschließendes Nicken.
Letztlich besitzt „Zero Dark Thirty“ die Tiefe von einem plumpen
„Vielleicht“.