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Review: ELLE – Paul Verhoeven meldet sich zurück

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Fakten:
Elle
BE, DE, FR. Regie: Paul Verhoeven. Buch: David Birke, Philippe Djian (Vorlage). Mit: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Christian Berkel u.a. Länge: 130 Minuten. FSK: ungeprüft. Ab 02. Februar 2017 im Kino.


Story:
Michèle ist der Kopf einer Firma, die sich rund um die Uhr mit Videospielen beschäftigt und zu den angesagtesten Playern auf dem Markt gehört. Verantwortlich dafür ist zweifelsohne Michèle und ihre selbstbewusste Einstellung: Sie weiß genau, was sie will, und sie weiß ebenso, wie sie es bekommt. Auch in puncto Liebesleben ändert sich ihre kalte bis herzlose Attitüde nicht. Eines Tages wird Michèle jedoch zum Opfer eines Attentats, woraufhin sich ihr gesamtes Leben für immer verändern soll. Niemand weiß, wer dafür verantwortlich ist. Ein Umstand, der ihr keine Ruhe lässt. Sie macht sie auf die Suche nach dem Mann, der ihr das Leben nehmen wollte. Als Michèle ihn schließlich findet, verliert sie sich in einem gefährlichen Spiel, das jeden Moment außer Kontrolle geraten könnte.




Meinung:
In den letzten Jahren war es ruhig um Paul Verhoeven. Im Laufe seiner Karriere konnte der niederländische Regisseur immer wieder für Skandale sorgen und selbst in Hollywood gewagte Filme inszenieren. Ausufernde Gewalt und auch ästhetisierte Sexualität gehören zu seinen wiederkehrenden Motiven und werden dementsprechend freizügig thematisiert. Um den reinen Unterhaltungsaspekt ging es dabei nie und nur selten begnügte sich der Filmemacher damit an der Oberfläche zu verweilen. Oftmals dringen seine Filme tief in die Psyche ihrer Hauptfiguren ein und die Gewalteruptionen dienen lediglich als Indikator für soziale oder gesellschaftliche Problemfelder. Auch sein neuestes Werk streift zahlreiche Themenkomplexe und löst einen altbekannten Konflikt auf interessante Art und Weiße.


Michele fackelt nicht lange
Elle bedient schon früh typische Elemente des Rape-and-Revenge Genres, beginnt erwartungskonform mit der notwendigen Vergewaltigung und lässt diese im weiteren Verlauf omnipräsent im Zentrum des Films verweilen. Der Erwartungshaltung des Zuschauers verweigert sich Verhoeven jedoch konsequent und so kommt es im Fortgang immer seltener zu bekannten Momenten. Schnell findet der Film seine eigene Struktur, die in ihrem Kern von der aufopfernden Darstellung Isabelle Hupperts getragen wird und so werden simplifizierte Genreklischees konsequent zu einem vielschichtigen Diskurs umgeformt. Denn nach der einleitenden Vergewaltigung, die wie so viele Momente des Films mit beachtlicher Intensität inszeniert wurde, senkt sich beinahe ein bedächtiges Schweigen über die, so scheint es zumindest, gedemütigte Michele. Die Spuren werden schleunigst beseitigt, die Polizei bleibt uninformiert und sie setzt ihr alltägliches Leben als Kopf einer Videospielfirma fort. Lediglich unter ihrer Oberfläche scheint es zu brodeln, vor Ärgernis, Wut und Scham…aber auch vor Erregung. Nicht viele Darstellerinnen sind zu solch subtilen und anspruchsvollen Emotionen fähig, doch Huppert meistert die Herausforderungen des Films gewohnt mühelos und verkörpert eine äußerlich selbstsicher, aber innerlich verunsicherte Frau, die von den zahlreichen Herausforderungen des Lebens verschluckt zu werden droht. Darüber hinaus behandelt Elle eine Vielzahl an Themen, die es lohnen den Film mehrmals zu sehen und durchaus zu ausgiebigem Diskussionen einladen.


Sicherlich dürfte Elle bei manchen Zuschauern einen sehr bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Der Gedanke eine Frau könnte an Vergewaltigung, der ultimativen Form männlicher Dominanz, sexuelle Erregung und Gefallen finden, darf diskutiert, aber nicht voreilig abgestraft werden. Natürlich handelt es sich dabei einerseits um eine vorwiegend männliche Fantasie, jedoch macht es andererseits gerade die weibliche Perspektive des Films zu einem interessanten Diskurs. Und dabei sollte die Tatsache, dass der Film von einem alten, weißen Mann stammt keine voreiligen Rückschlüsse auf das Werk zulassen.


7 von 10 unangenehmen Abendessen

Review: LOUDER THAN BOMBS – Bild einer trauernden Familie

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Fakten:
Louder Than Bombs
USA, FR, DK, NO. 2015.
Regie: Joachim Trier. Buch: Joachim Trier & Eskil Vogt. Mit: Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne, Isabelle Huppert, Devin Druid, Rachel Brosnahan, David Strathairn, Amy Ryan u.a. Länge: 109 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 7. Januar 2016 im Kino.


Story:
Erzählt wird die Geschichte einer zerrütteten Familie, die sich nach dem Tod der Mutter noch weiter voneinander entfernt hat. Der Familienvater und die beiden Söhne distanzieren sich untereinander, aber auch von sich selbst. Ein geplanter Zeitungsartikel über die ehemalige Kriegsfotografin zwingt die Familie sich erneut mit dem Tod der Mutter zu beschäftigen.





Meinung:
Der norwegische Regisseur Joachim Trier wurde bereits für seine beiden ersten Arbeiten „Auf Anfang“ und „Oslo, 31. August“ von Kritiker und Zuschauer gleichermaßen gelobt. Mit „Louder Than Bombs“ präsentiert er nun seine dritte Regiearbeit und damit gleichzeitig seine erste internationale Produktion. In englischer Sprache gedreht versammelte er dafür Darsteller wie Jesse Eisenberg, David Strathairn oder Isabelle Huppert. Ein durchaus ambitioniertes Projekt, das letzten Endes aber nicht wirklich geglückt ist. Es hätte vielleicht nicht geschadet noch ein paar kleinere Filme im eigenen Land zu drehen bevor man sich auf die internationale Bühne wagt.


Der Versuch einer Annäherung
„Louder Than Bombs“ kommt auf den ersten Blick wie ein sehr unscheinbares Charakterdrama daher. Mit Hilfe von Flashbacks und Traumsequenzen zeichnet der Film das Bild einer zerrütteten Familie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven verleihen dem Film einen gewissen Reiz. So nimmt der Zuschauer ein und dieselbe Situation völlig unterschiedlich wahr, wenn sie zuerst aus Sicht des Vaters und anschließend aus der des Sohnes erzählt wird. Leider nutzt Joachim Trier diesen erzähltechnischen Kniff nicht sonderlich häufig und verliert sich nach einer gelungene ersten halben Stunde etwas in den zwischenmenschlichen Problemen seiner Charaktere. Zu viele Szenen schaffen es weder die Handlung voranzutreiben, noch seine Charaktere weiterzubringen, weshalb sich der Film trotz seiner eher geringen Laufzeit auch ziemlich zäh und langatmig anfühlt. Allgemein ist „Louder Than Bombs“ kein sonderlich plotlastiger Film, im Zentrum stehen ganz klar die Charaktere und ihre Interaktion untereinander, das was sie sagen und tun, aber auch das was sie eben nicht ausdrücken können. Joachim Trier verpasst es aber immer wieder dem Zuschauer diese Figuren näherzubringen und wenn sie sich bei zunehmender Laufzeit annähern bleibt der Zuschauer dabei ausgeschlossen, was dem Film einiges an Intensität nimmt.


Hat Huppert bei Eisenberg höhere Überlebenschancen als Bill Murray
Laut eigener Aussage wollte Joachim Trier einen Film schaffen, der Emotionalität und Intellekt vereint. Genau hier liegt aber das größte Problem von „Louder Than Bombs“ begraben. Zwar versucht der Film durch Traum- und Kriegssequenzen einen gewissen Grad an Intellekt und Kunstfertigkeit zu präsentieren, wirkt dabei aber sehr platt und uninspiriert. Zum einen gelingt es nicht diese Szenen ordentlich mit dem restlichen Film zu verbinden, was immer wieder den Eindruck macht sie dienen lediglich dazu einen Eindruck von nicht vorhandener Tiefe zu vermitteln. Zum anderen wirken vor allem die Traumsequenzen in ihrer Umsetzung furchtbar prätentiös und fügen dem Film trotz guter Inszenierung nichts hinzu. Seine Stärken zieht der Film aus der Emotionalität des Zwischenmenschlichen, zwar sind Triers Charaktere bei weitem nicht so tiefgründig gezeichnet wie er dem Zuschauer gerne glauben machen will, trotzdem funktionieren manche Szenen, weil sie schlichtweg Situationen präsentieren in die sich jeder Zuschauer hineinversetzen kann. So ist der Film oftmals eine zähe und nicht homogene Ansammlung an Szenen, andererseits aber auch immer wieder ein ehrliches und damit mitreißendes Charakterdrama.


Was Joachim Trier hier unterm Strich inszeniert ist ein sehr zwiespältiger und schwankender Film. Unnötige Szenen wechseln sich mit gelungenen Elementen ab und sorgen letztlich für einen Film, der nichts Halbes und nichts Ganzes ist. Sicherlich ist er ordentlich inszeniert und gut gespielt, hat auf der anderen Seite aber auch zu viel Leerlauf. „Louder Than Bombs“ ist daher auch kein wirklich gelungener Film, trotz starker Momente läuft er als Gesamtkonzept viel zu unrund um zu überzeugen.


5 von 10 gefallenen Bomben


von Vitellone

Review: DIE KLAVIERSPIELERIN - Sehnsüchte einer gebrochenen Seele

1 Kommentar:

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Fakten:
Die Klavierspielerin (La pianiste)
AT, FR, 2001. Regie: Michael Haneke. Buch: Michael Haneke, Elfriede Jelinek (Buchvorlage). Mit: Isabelle Huppert, Benoit Magimel, Annie Girardot, Susanne Lothar, Udo Samel, Anna Sigalevitch, Cornelia Köndgen, Thomas Weinhappel u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Erika ist Anfang vierzig, Klavierlehrerin am Konservatorium in Wien und lebt zusammen mit ihrer Mutter, die ihr gesamtes Leben kontrolliert. In ihrer Persönlichkeitsentwicklung und besonders Sexualität unterdrückt sucht Erika heimlich Befriedigung in Erotik-Kinos und Peep-Shows. Bis ihr der Student Walter versucht nahe zu kommen. Daraus entsteht eine krankhafte Beziehung mit tragischem Ausgang.





                                                                             
 



Meinung:
Die Geschichte einer verkrüppelten Seele, die abgeschirmt von der Realität sich in Vorstellungen und Wunschträumen verloren hat, um am Ende festzustellen, dass die Erfüllung der Phantasien ebenso grausam ist wie die Fragmente ihrer bisherigen Existenz.

 
Am Boden, physisch und psychisch.
Michael Haneke hat in der Romanvorlage von Elfriede Jenlinek einen Stoff gefunden, der so genau auch von ihm stammen könnte und an dessen Umsetzung sich dementsprechend niemand vorher wagte. Ein zu tiefst trauriger, schauderhafter Blick in menschliche Abgründe. Mit Ruhe und Geduld, objektiv kalter Distanz und dennoch so erschütternd dicht dran erzählt, wie es (scheinbar) nur der umstrittene Österreicher vermag. Es gibt wohl wirklich niemanden im europäischen Kino, der sich so enorm auf die exakte Darstellung des Grauens hinter der gutbürgerlichen Fassade versteht, das so oft als unerklärlich abgestempelt wird, wenn einem nicht der Einblick gewährt wird. Wie immer schildert Haneke nicht den direkten Ursprung, sondern zeigt uns nur eine Bestandsaufnahme. Wir befinden uns durchgehend im Hier und Jetzt. Sehen, was Erika ist, nicht wie sie zu dem wurde. Es lässt sich vermuten, spekulieren, ohne Erklärungen, doch recht klar ersichtlich. Eingesperrt und isoliert, kontrolliert und dominiert, versucht sie die Bruchstücke der eigenen Identität an anderen Stellen auszuleben. Die Zeit ihres Lebens auf sie ausgeübte Dominanz überträgt sie auf ihr einziges Refugium, ihre Arbeit, wo sie als strenge, kalte Regentin die Zügel in der Hand hält. Die unterdrückte Sexualität findet nur verborgen statt. Im Voyeurismus, in Selbstverstümmelung, fern jedem zwischenmenschlichen Kontakt. Bis Walter in ihr Leben tritt, die krankhafte Ordnung durcheinander bringt und eine Spirale auslöst, über die sie bald jede Kontrolle verliert.

 
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Mutti hat jetzt Sendepause, na endlich.
Sexualität ist für Erika bis dahin nur Eskapismus, im kleinen Rahmen. Nicht eine Flucht vor der Realität per se, sondern aus ihrem eigenen Mikrokosmos, dem Gefängnis ihrer Mutter, der nicht existenten Individualität. Direkter Kontakt ist nicht möglich, nicht nur durch die „behütende“ Hand der Mama, sondern auch durch die seelische Mauer, die sich um sie herum gebildet hat. Das Bemühen ihres wesentlich jüngeren Studenten um sie wirkt erst verstörend, bis sich die aufgestaute Energie entlädt. Erika hat erstmals die Zügel in der Hand, aktiv statt passiv, dreht den Spieß um. Doch versteht sie nicht, die Kontrolle zu behalten, wie auch? Die hatte sie nie, wurde immer fremdbestimmt, entmündigt. Ein „normaler“ Umgang mit Gefühlen wurde nie erlernt. All die krankhaften, extremen Vorstellungen der letzten Jahrzehnte kommen zum Ausdruck. Ein devotes, sado-masochistisches Verhältnis entsteht, sie verliert die kurz gewonnene Kontrolle schnell wieder aus der Hand und findet die ursprünglich gewünschte Erfüllung, die sich als Albtraum offenbart. Ihr Verständnis von Liebe, ihre unerfüllten Sehnsüchte stellen sich als fatales Trümmerfeld heraus, dem sie letztendlich zum Opfer fällt. So schmerzhaft verständlich, logisch und schrecklich real, das es weh tut.


Haneke ist der perfekte Regisseur dafür und Isabelle Huppert die perfekte Darstellerin. Ihre gebrochene Figur wird nie überzogen oder gar lächerlich, sondern bedrückend glaubhaft und detailliert von ihr verkörpert. Das ist mindestens so schwierig, wie diesen Stoff als Film zu realisieren. Zumindest als einen Film, den man ernst nehmen kann und muss. Einen Film, der nicht mehr zeigt als er muss und dennoch das Gefühl hinterlässt, als hätte man gerade etwas furchtbar grausames und trotzdem (oder deshalb) sehr menschliches gesehen. Der einen mal wieder erschlagen und bedrückt zurück lässt und lange, lange nachwirken wird. Ein Haneke. Furchtbar gut.

8,5 von 10 Briefen mit pikantem Inhalt.

Review: DEAD MAN DOWN - Colin Farrell im Sumpf der Vergeltung

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Fakten:
Dead Man Down
USA. 2013. Regie: Niels Arden Oplev.  Buch: J.H. Wyman. Mit: Colin Farrell, Noomi Rapace, Terrence Howard, Isabelle Huppert, Dominic Cooper, Armand Assante, Franky G, Jennifer Butler, Luis Da Silva Jr., Jennifer Mudge u.a. Lauflänge: 100 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16. Jahren. Ab dem 27. September auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Raffiniert hat sich der wortkarge Victor mitten in das enge Umfeld des mafiösen Untergrund-Bosses Alphonse eingeschleust. Sein simples Ziel lautet, ihn zu töten – und das um jeden Preis. Parallel dazu beobachtet er immer öfter die geheimnisvolle Schönheit Beatrice aus dem Fenster seines Appartments, welche auch ihm immer mehr Beachtung schenkt, wenngleich sie dazu ihre ganz eigenen Beweggründe hat. Unaufhaltsam entbrennt ein Feuerwerk der unerbittlichen Rache.




Meinung:
Es war einst ein gewisser Charles Bronson, mit Händen wie Bratpfannen und einem zusammengekniffenen Blick, der sich bis ins Mark bohrte, der das Tor zur reißerischen Selbstjustiz, als zerschlagener Ehemann, dessen Frau bestialischen Gassengestalten der Großstadt zum Opfer gefallen ist, mit „Ein Mann sieht rot“ in den 1970er Jahren  für das Kino salonfähig gemacht hat. Wenngleich Michael Winner und Wendell Mayes tatsächlich einen gesellschaftskritischen Subtext – Stichwort: Vergletscherung der Adoleszenz – in den Film einbauen konnte, blieb das exploitative Muster aufrecht, in dem eine schreckliche Situation für gewalttätige Ausuferungen benutzt wurde. Der Fundus des kinematographischen „Rache“-Topics liegt in den Untiefen der Unterhaltungsbranche und verfällt der dumpfen Maschinerie, die das Konzept als legitimierte Brutalitätssause manifestiert, ganz nach altbewährter Zierrat: Unser (Anti-)Held verliert eine Person aus seinem näheren Umfeld, ob getötet oder entführt spielt keine Rolle, und begibt sich auf einen Feldzug gegen das überstilisierte Böse.


Der Schmerz der Vergangenheit
Natürlich sind auch gewisse Ausnahmen respektive Attraktionen zu finden, die in ihrer Aufmachung nicht in reaktionären Gefilden versinken und die moralische Hinterfragung nicht nur als unfundierte These umsetzen. Ob „Irreversibel“, „I Saw the Devil“ oder Clint Eastwoods Schuld und Sühne-Parabel „Mystic River”. Nun – und das projiziert genau das Wesen des üblichen Kinogängers – sind ethische Werte und charakterliche Substanz absolut bedeutungslos. Die Erwartungen messen sich an Mord und Totschlag und der Zuschauer erweist sich als anspruchsloser Voyeur im Sumpf aus Gewalt, Gewalt und noch mehr Gewalt. Superstars wie Liam Neeson, Nicolas Cage oder Jason Statham sind dem Subgenre ebenfalls verfallen und doch erscheint der Umgang – abseits der seriösen Auseinandersetzung – nur in den 1980er Jahre im grummeligen Retrostil, mit reichlich Überzogenheit, Synthesizer, Sonnenbrillen und einem unnachvollziehbaren Body Count erträglich.


Wieso aber – obgleich das Subgenre seinen zweiten Frühling erlebt und hin und wieder auch mal mit einem Highlight (zum Beispiel „The Man from Nowhere“) aufwarten kann – noch weiter der Spur der alttestamentarischen Vendetta ins Reich der blutverschmierten Trivialitäten folgen? Nun, es ist entweder die kommerzielle Sehnsucht nach einer rigorosen Finanzspritze oder auch der an das Thema gekoppelte Wunsch, im (amerikanischen) Filmgeschäft wirklich Fuß zu fassen, beispielsweise als aufstrebender, europäischer Regisseur. Niels Arden Oplev hatte sich dies auch nach seiner erfolgreichen Romanadaption der Stieg Larsson „Millennium“-Trilogie zum Ziel gesetzt, allerdings hat er sich mit dem Vergeltungsthriller „Dead Man Down“ ein denkbar schlechtes Projekt aus seinem Sammelbecken an Angebotsvielfalt ausgesucht und sein erstes Werk im Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheiterte unter dem Deckmantel qualitativer Kriterien, noch durften die Kinokassen ansatzweise klingeln.


Victor hat sein Ziel erfasst
Dabei durfte sich die Wahl der Schauspieler als äußerst interessant gestalten. In der Hauptrolle sehen wir Frauenschwarm Colin Farrell als Auftragskiller mit ungarischen Wurzeln Victor. Farrell weiß jedoch nicht nur beim weiblichen Geschlecht zu zünden, sondern ist auch als ernstzunehmender Schauspieler angekommen. Dabei gibt sich Farrell wie Ryan Gosling in „Drive“ und darf zeitweiße hinter dem Steuer ebenso schweigsam in die Leere der Nacht blicken und – ohne die Tiefe in seinem Ausdruck einzufangen, wie Gosling sie in seine schweigenden Blicken impliziert - passt durch seine zurückhaltende Art und der strammen Physis natürlich wunderbar in die Rolle. Ihm fehlt – und das liegt einzig und allein am Drehbuch – einfach die tiefgehende Tragweite. Ähnliches gilt auch für Noomi Rapace, die direkt aus der „Millenium“-Trilogie übernommen wurde, hier aber als von einem Autounfall gezeichnete Beatrice hinter ihrem Können deutlich zurückbleibt und einzig als namhaftes Anhängsel fungiert. Terrence Howard als Bösewicht Alphonse und Haneke-Liebling Isabelle Huppert sind ebenso keinerlei Worte wert.


Dabei weist „Dead Man Down“ unter inszenatorischen Gesichtspunkten kaum Schwächen auf. Vor allem die formalen Qualitäten können sich mehr als sehen lassen und Kameramann Paul Cameron gelingen düstere Einstellungen von New Yorks sozialen Hinterhöfen und verfrachtet den Film in die pure, ausweglose Finsternis. Niels Arden Oplev also für das eklatente Scheitern des Filmes verantwortlich zu machen, tut dem dänischen Künstler mehr als nur Unrecht, denn wo Oplev es immerhin schafft, eine gewisse Atmosphäre zu erschaffen, die zwar nie eine Kohärenz zwischen mit den informalen Praktiken aufbauen kamm, ist die unübersehbare Achillesferse das defizitäre Drehbuch von J.H. Wyman, in dem alle motivierten Zusammenhänge der gehaltlosen Regression erliegen.


„Dead Man Down“ gaukelt dem Zuschauer die innere Zerrissenheit seiner Protagonisten von Anfang bis Ende vor, gefangen im Schmerz der Vergangenheit, und will dadurch das unnachgiebige Massaker durch die Reihen des Gangsterbosses Alphonse legitimieren. Der Film vergisst es, seine verblendeten Behauptungen einer notwendigen Selbstreflexion zu unterziehen und das leise Liebäugeln mit moralischen Werten ist letztlich nur der stumpfe Katalysator, der der kathartischen Vergeltungsschlacht in die konstruierten Karten spielt und seine Sympathiefiguren in allen Taten unterstützt, während die Antagonisten natürlich den schlimmsten Tod verdient haben. Ambivalenz bleibt dem Zuschauer verwehrt, gehaltlose Andeutungen lassen Farrell mit ratternden Knarren die Wogen glätten, degradieren Frauen zu hilflosem Zierwerk, um schlussendlich mit gespitzten Lippen ins offene Messer des obligatorischen Happy Ends zu stürmen.


3 von 10 Automobilen im Kellergeschoss


von souli

Review: LIEBE - Die Ballade von Anne und George

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Fakten:
Liebe (Amour)
Frankreich, Österreich, Deutschland. 2012. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Jean-Louis Trintignant, Emmanuella Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Carole Franck, Dinara Drukarova, Rita Blanco, Laurent Capelluto, Jean-Michel Monroc, Suzanne Schmidt, Walid Afkir, Damien Jouillerot u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
George und Anne leben in ihrem Pariser Apartment und genießen ihren Lebensabend. Nach einer Arterienverstopfung kommt Anne halbseitig gelähmt aus dem Krankenhaus. George kümmert sich um sie und versucht alles um seiner Frau zu helfen, doch ihr Zustand wird immer schlechter und dementer.




Meinung:
Für die einen gilt er als künstlerischer und kalter Hinterfrager, der mit seinen Filmen wie „Caché“, „Das weiße Band“, „Funny Games“ oder „Wolfszeit“ die Gesellschaft in einem dunklen Rahmen porträtierte. Für andere ist er ein Pauschalisierer, für den das Böse nur ein Erzeugnis von medialer Gewalt ist. Aber wie man auch zu Michael Haneke steht, sein neuestes Werk „Liebe“ hätte ich zumindest so nicht von ihm erwartet, denn Haneke präsentier seinem Publikum keine Obduktion des menschlichen Verfalls, sondern ein so schonungsloses wie aber auch zärtliche Studie über… die Liebe.


Die Zeit des Verfalls, sie hat begonnen
Wir, die Zuschauer, werden Zeuge wie George und Anne es mit dem körperlichen und geistigen Niedergang von Anne aufnehmen. Haneke gelingt es hierbei seine kühle Bildersprache in Wärme zu hüllen, obwohl ein Großteil in langen, starren sowie nüchternen aber dennoch kunstvollen Kameraeinstellungen eingefangen wird. Übrigens vom iranischen Kameramann Darius Khondji, der schon „Sieben“ oder „My Blueberry Nights“ visuell eindrucksvoll glänzen ließ. Uns wird immer ein wenig das Gefühl vermittelt, direkt anwesend zu sein, wie ein stummer Geist, ohne uns die Rolle des Voyeurs aufzudrängen. Derweil füllen die Darsteller die Szenerien mit Leben. Mit Leben, welches sicherlich auch nur eine filmische Illusion ist, das sich aber wahrhaftig anfühlt. Kein Wunder: „Liebe“ IST  wahrhaftig. In all seinen Facetten. Die Ehe zwischen Anne und George wirkt ehrlich, fern von großen Melodramen und romantischer Kalauerei. Die Krankheit, das Alter, der physische wie psychische Verfall von Anne, dies alles geschieht mit einer emotionalen Greifbarkeit. Das ist sicherlich ein Verdienst von Haneke, aber gewiss auch von seinen Darstellern. Jean-Louis Trintignant und Emmanuella Riva spielen in einer Sphäre, in der es schwer zu beurteilen ist, ob sie etwas darstellen, oder ob das Gesehene nicht doch die Wahrheit, die Realität ist.


Anne, die große Liebe von George
„Liebe“ versteht sich nicht als soziales Drama. Es geht nicht darum Öl ins Angstfeuer des Alters zu schütten, um es weiter anzufachen. Der Titel sagt bereits alles worum es hier geht. Haneke zeigt ohne falsche Scham vor dem menschlichen Gebrechen und mit einer großen, wohltuenden Entfernung zum Schmonzentum die Hingabe eines Mannes zu seiner Gattin, aus der im Laufe des Films eine Hülle wird. Tief darin eingeschlossen ist die Frau gefangen die George liebt und für diese tut er alles. Anne und George, sie beide bringen Opfer. Aus Anne wird irgendwann nur noch ein Objekt. Eine wimmernde Person, von Pflegekräften nach besten Gewissen versorgt, von der Tochter betrauert, aber es bleibt ihr Mann, ihr George, der ihr mit der Würde begegnet, die einhergeht mit bedenkenloser Liebe. Dass dies ohne Pathos auskommt ist eine Wohltat und auch das sonst nichts den Film verwässert macht ihn so ehrlich wie ergreifend.


Michael Haneke hat zuvor bereits Filme inszeniert, die mich tief bewegten. „Funny Games“ hat mich verstört wie kein Zweiter, „Die Klavierspielerin“ ließ mich erbarmungslos frösteln und „Das weiße Band“ zog mich in seine schwarzweiße Gesellschaftstudie. Doch „Liebe“ ist anders. Er ist wärmer. In seiner Ausweglosigkeit steckt etwas Befreiendes: Wir brauchen keine Furcht zu haben vor dem sterben. Einzig bei der Vorstellung alleine zu sein, wenn meine Zeit gekommen ist, ja, das ist jetzt ein unangenehmer, ein unbehaglicher Gedanke. Wenn ein Film es schafft, so etwas auszulösen, dann spreche ich gerne von etwas ganz großem. Michael Haneke gelang ein Glanzstück. Ein Meisterwerk. Liebe.

10 von 10 Oscars