Posts mit dem Label Susanne Lothar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Susanne Lothar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: DIE KLAVIERSPIELERIN - Sehnsüchte einer gebrochenen Seele

1 Kommentar:

http://joel7663.files.wordpress.com/2010/03/blog-piano-le-pianiste1.jpg
                                                                          

Fakten:
Die Klavierspielerin (La pianiste)
AT, FR, 2001. Regie: Michael Haneke. Buch: Michael Haneke, Elfriede Jelinek (Buchvorlage). Mit: Isabelle Huppert, Benoit Magimel, Annie Girardot, Susanne Lothar, Udo Samel, Anna Sigalevitch, Cornelia Köndgen, Thomas Weinhappel u.a. Länge: 126 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Erika ist Anfang vierzig, Klavierlehrerin am Konservatorium in Wien und lebt zusammen mit ihrer Mutter, die ihr gesamtes Leben kontrolliert. In ihrer Persönlichkeitsentwicklung und besonders Sexualität unterdrückt sucht Erika heimlich Befriedigung in Erotik-Kinos und Peep-Shows. Bis ihr der Student Walter versucht nahe zu kommen. Daraus entsteht eine krankhafte Beziehung mit tragischem Ausgang.





                                                                             
 



Meinung:
Die Geschichte einer verkrüppelten Seele, die abgeschirmt von der Realität sich in Vorstellungen und Wunschträumen verloren hat, um am Ende festzustellen, dass die Erfüllung der Phantasien ebenso grausam ist wie die Fragmente ihrer bisherigen Existenz.

 
Am Boden, physisch und psychisch.
Michael Haneke hat in der Romanvorlage von Elfriede Jenlinek einen Stoff gefunden, der so genau auch von ihm stammen könnte und an dessen Umsetzung sich dementsprechend niemand vorher wagte. Ein zu tiefst trauriger, schauderhafter Blick in menschliche Abgründe. Mit Ruhe und Geduld, objektiv kalter Distanz und dennoch so erschütternd dicht dran erzählt, wie es (scheinbar) nur der umstrittene Österreicher vermag. Es gibt wohl wirklich niemanden im europäischen Kino, der sich so enorm auf die exakte Darstellung des Grauens hinter der gutbürgerlichen Fassade versteht, das so oft als unerklärlich abgestempelt wird, wenn einem nicht der Einblick gewährt wird. Wie immer schildert Haneke nicht den direkten Ursprung, sondern zeigt uns nur eine Bestandsaufnahme. Wir befinden uns durchgehend im Hier und Jetzt. Sehen, was Erika ist, nicht wie sie zu dem wurde. Es lässt sich vermuten, spekulieren, ohne Erklärungen, doch recht klar ersichtlich. Eingesperrt und isoliert, kontrolliert und dominiert, versucht sie die Bruchstücke der eigenen Identität an anderen Stellen auszuleben. Die Zeit ihres Lebens auf sie ausgeübte Dominanz überträgt sie auf ihr einziges Refugium, ihre Arbeit, wo sie als strenge, kalte Regentin die Zügel in der Hand hält. Die unterdrückte Sexualität findet nur verborgen statt. Im Voyeurismus, in Selbstverstümmelung, fern jedem zwischenmenschlichen Kontakt. Bis Walter in ihr Leben tritt, die krankhafte Ordnung durcheinander bringt und eine Spirale auslöst, über die sie bald jede Kontrolle verliert.

 
http://4.bp.blogspot.com/-nEvF5h3k2l0/TushJZM4-zI/AAAAAAAAIdE/x6F1GCsl-lQ/s1600/MOTHER-Die_Klavierspielerin-3.jpg
Mutti hat jetzt Sendepause, na endlich.
Sexualität ist für Erika bis dahin nur Eskapismus, im kleinen Rahmen. Nicht eine Flucht vor der Realität per se, sondern aus ihrem eigenen Mikrokosmos, dem Gefängnis ihrer Mutter, der nicht existenten Individualität. Direkter Kontakt ist nicht möglich, nicht nur durch die „behütende“ Hand der Mama, sondern auch durch die seelische Mauer, die sich um sie herum gebildet hat. Das Bemühen ihres wesentlich jüngeren Studenten um sie wirkt erst verstörend, bis sich die aufgestaute Energie entlädt. Erika hat erstmals die Zügel in der Hand, aktiv statt passiv, dreht den Spieß um. Doch versteht sie nicht, die Kontrolle zu behalten, wie auch? Die hatte sie nie, wurde immer fremdbestimmt, entmündigt. Ein „normaler“ Umgang mit Gefühlen wurde nie erlernt. All die krankhaften, extremen Vorstellungen der letzten Jahrzehnte kommen zum Ausdruck. Ein devotes, sado-masochistisches Verhältnis entsteht, sie verliert die kurz gewonnene Kontrolle schnell wieder aus der Hand und findet die ursprünglich gewünschte Erfüllung, die sich als Albtraum offenbart. Ihr Verständnis von Liebe, ihre unerfüllten Sehnsüchte stellen sich als fatales Trümmerfeld heraus, dem sie letztendlich zum Opfer fällt. So schmerzhaft verständlich, logisch und schrecklich real, das es weh tut.


Haneke ist der perfekte Regisseur dafür und Isabelle Huppert die perfekte Darstellerin. Ihre gebrochene Figur wird nie überzogen oder gar lächerlich, sondern bedrückend glaubhaft und detailliert von ihr verkörpert. Das ist mindestens so schwierig, wie diesen Stoff als Film zu realisieren. Zumindest als einen Film, den man ernst nehmen kann und muss. Einen Film, der nicht mehr zeigt als er muss und dennoch das Gefühl hinterlässt, als hätte man gerade etwas furchtbar grausames und trotzdem (oder deshalb) sehr menschliches gesehen. Der einen mal wieder erschlagen und bedrückt zurück lässt und lange, lange nachwirken wird. Ein Haneke. Furchtbar gut.

8,5 von 10 Briefen mit pikantem Inhalt.

Review: FUNNY GAMES – Wenn Feuer mit Feuer bekämpft wird

Keine Kommentare:


Fakten:
Funny Games
Österreich. 1997. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski, Doris Kunstmann, Christoph Bantzer u.a. Länge: 107 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Anna und Georg fahren mit ihrem kleinen Sohn Schorschi raus zum See, um in einem Ferienhaus ein paar entspannte Tage zu verleben. Kaum ist die Familie angekommen steht plötzlich ein junger Mann vor der Tür und bittet im Auftrag der Nachbarn nach ein paar Eiern. Was wie eine alltägliche Bitte beginnt wird rasch zu einem Alptraum, denn der junge Mann, der noch einen Freund dabei ist, nimmt die Familie gefangen und beginnt mit ihr ein perfides Spiel.




Meinung:
Diesen immensen Mut, den Michael Haneke mit „Funny Games“ 1997 an den Tag gelegt hat, muss man in seiner ganzen Eindringlichkeit einfach ohne Bedingungen respektieren, selbst wenn einem der Film letztlich nicht im vollem Ausmaß zugesagt hat. Man sollte sich nur einmal figurativ vor Augen führen, dass eine derartige (Genre-)Intensität wie sie „Funny Games“ absondert im deutschsprachigen Raum eine echte Rarität sondergleichen darstellt. Und dabei ist diese bedrückende Kraft nicht nur in ihrer einschnürenden Rohheit einzigartig, sie ist auch in ihrer hervorragenden Progression so dermaßen intelligent umgesetzt worden, dass sie die konsumierenden Massen folgerichtig zur Weißglut bringt und wütende Gegenstöße am laufenden Band evoziert. Aber genau diese Reaktionen, die allgegenwärtige Abwehr zeigt, dass Haneke doch die richtigen Hebel bedient hat und sein Publikum berühren konnte. Ob dies nun in einer positiven oder negativen Replik mundet spielt dabei erst mal gar keine Rolle.

 
Alles Teil des Spiels
Warum man sich von „Funny Games“ angegriffen fühlen könnte, liegt auf der Hand: Hanekes Film ist eine auf Zelluloid gebannte Provokation. Allerdings keinesfalls so plump, wie andere Werke, die sich nur zum Ziel setzten, das Publikum mal wieder mit billig forcierten Grenzüberschreitungen zu irritieren und erschüttern. Haneke hingegen weiß, dass es keine Grenzen im Kino gibt, es gibt nur die individuelle Grenze des Geschmacks, die aufzeigt, wie weit eine Szene nun wirklich ausgereizt werden darf, von Pauschallösungen kann in einer echten Kontroverse keine Rede sein. Nun kommt es aber zu dem inszenatorischen Kniff, mit dem Haneke den Zuschauer aber wirklich an die eigene Schmerzgrenze führt: Während es in anderen Horrorfilmen Gang und Gäbe ist, die Gewalteskapaden zu zelebrieren und die Kamera alles bedingungslos aufsaugen zu lassen, rückt Haneke die physische Brutalität aus dem Fokus und lässt die Lage damit Off-Screen eskalieren. Schreie bohren sich in ihrer ganzen Härte bis tief ins Mark.

 
Der Ball wird ins Rollen gebracht
Ein psychologisch mehr als rentabler Schritt, kein verlogener Trick, Haneke lässt nämlich jeden dramaturgischen Effekt durchschaubar und möchte nicht torpedieren, der den Zuschauer mit der Angst konfrontiert, das Grauen nicht sehen zu können, sondern es sich einzig in den Gedanken ausmalen zu müssen. Damit hat der Österreicher eben auch bewiesen, dass der offene Konsum von Gewalt nicht den wahren Schrecken inne trägt, wie die, die sich nur im Kopf des Rezipienten abspielen darf. Wenn die beiden höflichen Sadisten ihre Spielchen mit der Kleinfamilie treiben, sie demütigen, falsche Hoffnungen wecken und schließlich auch die vierte Wand durchbrechen, um das Wort direkt an den Zuschauer zu richten, dann fällt der Horror nicht nur direkt auf den ihn zurück, die entlarvende Wirkung, die Haneke dadurch entfacht, ist ebenso mannigfach. Es wird ja nicht nur der Zuschauer allein entblößt, der sich in seinem Voyeurismus wälzt, obwohl der Terror bereits jede konventionelle Barrikade durchbrochen hat.


„
Funny Games“ geht sogar so weit, dass er in seiner Prämisse wohl auch der einzige Film ist, der eigentlich nicht gesehen werden möchte, eben weil er mit genau den Mechanismen spielt, die das Genre seit jeher frönt, diese aber in ihrer medialen Brisanz auch demontiert, während der Zuschauer gleichzeitig zum Komplizen gemacht wird; schließlich wird doch nicht abgeschaltet, egal wie konkret die beiden jungen Männer die direkte Interaktion mit dem Zuschauer suchen und ihn damit herausfordern – Paradox, aber ungemein effektiv. Da kann man Haneke natürlich wieder den abgedroschenen Oberlehrer mit lächerlicher Didaktik vorwerfen, aber der erzürnten Widerhall, den Haneke dank „Funny Games“ bereits zu genüge erfahren musste, ist doch eigentlich Bestätigung genug. Darüber hinaus tut „Funny Games“ auch so weh, dass man ihn nie und nimmer einfach übergehen könnte und als 'uninteressant' brandmarken, die Sorge vor dem Einzug des „Bösen“ in die eigentlich heile Welt betrifft uns doch alle.


8 von 10 kriminellen und schwulen Sadisten


von souli

Review: DAS WEISSE BAND - EINE DEUTSCHE KINDERGESCHICHTE - Willkommen auf der Schattenseite

Keine Kommentare:


Fakten:
Das weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte
BRD, AUT, F, IT. 2009. Regie und Buch: Michael Haneke. Mit: Christian Friedel, Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Ernst Jacobi, Susanne Lothar, Josef Bierbichler, Steffi Kühnert, Michael Schenk, Theo Trebs, Leonard Proxauf, Marisa Growaldt, Janina Fautz, Sebastian Hülk, Ursina Lardi, Enno Trebs, Leonard Boes, Leonie Benesch, Detlev Buck, Michael Kranz u.a. Länge: 144 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben.


Story:
Eichenwald, ein kleines protestantisches Dorf in Norddeutschland, kurz vorm Ausbruch des ersten Weltkriegs. Ein junger Lehrer beginnt seinen Dienst in der Dorfschule. Er wird Zeuge wie sich seltsame Unfälle in der Ortschaft häufen, die immer mehr rituellen Bestrafungen ähneln.
Der Lehrer versucht dies zu hinterfragen, was sich als anstrengende Aufgabe herausstellt
.





Meinung:
Michael Haneke gilt seit langem nicht nur als großer Regisseur sondern auch als intelligenter Hinterfrager. In Filmen wie „Funny Games“, „Caché“ oder „Wolfszeit“ hinterfragte Haneke Menschlichkeit, Gewalt und Ideologien. Bei „Das Weisse Band“ konzentriert sich Haneke auf die Frage nach der Ideologie.


Kinder als Untergebene, Erwachsene als Herrscher
„Das Weisse Band“ ist ein schwerer Film, ein richtiger Brocken, aber auch eine überragend geistvolle Erzählung, die in strengen wie klaren, asketischen schwarzweiß Bildern eingefangen wurde. Die Ruhe dieser Bilder ist dabei nur augenscheinlich. Überall brodelt es. Ein böser Schatten liegt über dem Dorf und seinen Bürgern und als Zuschauer spürt man dies zu jeder Sekunde. Ja, er hat fast schon Thrillerqualitäten, man sollte aber nicht erwarten dass Haneke einen Genrefilm mit „Das Weisse Band“ geschaffen hat. Wer glaubt hier wirklich einen Thriller zu sehen, wird enttäuscht, genauso wie der Zuschauer der hofft dass es bei der Erzählung in irgendeiner Form größere Ausbrüche gibt. „Das Weiße Band“ bleibt immer nüchtern und erhöht so seine innere, unsichtbare Spannung auf ein Maximum. Regisseur Michael Haneke, der zu Recht mit Filmpreisen für „Das Weiße Band“ überhäuft wurde, erzählt die Geschichte sehr gekonnt. Zwar gibt es klare Hauptfiguren wie etwa den Lehrer oder der Pastor, aber im Zentrum stehen klar die seltsamen wie erschreckenden Ereignisse, die wegen der sachlichen und unterkühlten Atmosphäre noch mehr an Kraft gewinnen. Die Ereignisse sind dabei weniger der Schlüssel als vielmehr der Motor. Selbst die scheinbar unwichtigsten Ereignisse wurden von Haneke in fast schon sachliche Bilder verwandelt. Es ist diese brutale, emotionslose, Sachlichkeit, die hier die größte Wirkung hat. Mit „größte Wirkung“ ist der Nachhall dieser Szenen gemeint. Haneke ist einfach ein Großmeister, wenn es darum geht Drastik, expressives Unrecht wie menschliche Kälte in suggestive, intelligente Szenen einzubauen. Allein dies würde aus „Das Weiße Band“ einen anspruchsvollen, cineastischen Hochgenuss machen.


„Das Weisse Band“ ist ein Meisterwerk. Kein einfacher Film für den schnellen Filmgenuss, obwohl das Werk ganz klar ein Genuss ist, aber nun mal keines was man schnell über seine Sehnerven gleiten lässt. Hanekes Werk setzt sich im Gedächtnis fest. Er stellt Fragen und verweigert die Antworten, denn die muss jeder Zuschauer selber geben. Ob der Film nun also eine Kritik an den Faschismus, an den Protestantismus oder „nur“ eine Parabel über die Schattenseiten der Menschlichkeit ist, soll jeder für sich entscheiden. Eines ist aber schon auffällig. Die Kinder, die im Dorf kurz vorm Ausbruch des ersten Weltkrieges leben, wurden seit ihrer Geburt auf Gehorsamkeit und Demut getrimmt. Sie werden diese Erziehung ihr Leben land beibehalten und gut zwanzig Jahre nach den Ereignissen in ihrem Heimatdorf den Nationalsoziallisten treu ihre Dienste anbieten. Ob dies eine Universalerklärung für den späteren Faschismus sein soll, sei dahin gestellt, aber diese Aussage macht auf alle Fälle Sinn.

10 von 10


Die Meinung der Blog Buddies:

CinemaForever