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Review: LEGEND - Tom Hardy im Doppelpack will London regieren

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Fakten:
Legend
USA,UK. 2015. Regie und Buch: Brian Helgeland. Mit: Tom Hardy, Taron Egerton, Emily Browning, Colin Morgan, Tara Fitzgerald, David Thewlis, Christopher Eccleston, Paul Anderson, Chazz Palminteri, Stephen Lord, Lasco Atkins, Tiger Rudge, Mel Raido, Daniel Westwood, Charley Palmer Rothwell, Millie Brady u.a. Länge: 131 Minuten FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 7. Januar 2016 im Kino.


Story:
Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre regieren die Kray-Zwillinge Reggie und Ron gemeinsam mit der Mafia die kriminelle Szene des Londoner Ostens. Als die Geschäfte gut laufen, schlägt ihnen der Ganove Leslie Payne eine Strategie vor, mit der sie ihr Imperium auf die glamourösen Viertel des West-Ends ausweiten können. Nichts scheint die Zwillinge, die London beherrschen und das Establishment unterwandern, aufhalten zu können. Doch als Reggie sich in die zerbrechliche Frances Shea verliebt, gerät alles ins Wanken. Frances will, dass Reggie sich auf ihre Seite schlägt, doch Ron, der nicht alleine bleiben möchte, stellt sich ihr entgegen.




Meinung:
Dekadenz, Gewalt, Respekt. Es scheint so, als wären genau dies die Grundpfeiler, auf denen die Existenz der legendären Kray-Zwillinge errichtet wurde. Reggie und Ronnie Kray gehören wohl zu bekanntesten Gesichtern, die das organisierte Verbrechen seit jeher hervorgebracht hat. Die Besonderheit: Sie sind eineiige Zwillinge; Reggie ist ein Ebenbild von Ronnie und andersherum. Doch nicht nur die äußerliche Gleichheit einte die Brüder, es war auch das krampfhafte Verlangen, London Hand in Hand hoheitlich regieren zu wollen. Dieser schroffe Gangster-Stoff, den das Leben mehr oder weniger geschrieben hat, eignet sich natürlich immer noch einwandfrei, um ihn für die großen Leinwände aufzubereiten: Da darf man unentwegt maskuline Posen und die Faszination des Bösen bestaunen, um durch die in dieser Halbwelt allgegenwärtige Gewalt immer wieder in Abscheu demgegenüber zu geraten. Der Gangster-Film parallelisiert Verbrecher und Heroen in der Regel nicht, er fusioniert sie vielmehr und führt sie auf einen effektiven typologischen Nenner – Den Anti-Helden.


Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Tom Hardy
„Legend“ von Brian Helgeland (Drehbuchautor von „Mystic River“) nimmt sich nun den Kray-Brüdern an und erzählt genau von diesem Kosmos, in dem sie ihre delinquenten Machenschaften anfangs äußerst rentabel ausgelebt haben. Die Könige von East End waren allseits gefürchtet, ihr Einfluss innerhalb der Metropole beachtlich, ihre Konkurrenz wurde einfach aus dem Weg geräumt. Wenn die Krays Politiker geschmiert haben, blieben ihnen die Polizisten vom Hals, was ihnen wiederrum die Chance gab, ihr Imperium immer weiter auszubauen. Seinen Interessenschwerpunkt destilliert „Legend“ daraus, dass er seine Crime-Saga an einer elementaren Frage abarbeitet: Ist Blut zwangsläufig dicker als Wasser? Während sich Reggie (Tom Hardy) oberflächlich als etwas besonneneres Gemüt zu erkennen gibt, der ebenso darauf erpicht ist, seine Beziehung zu Frances (Emily Browning) aufrechtzuerhalten, ist sein seit Kindertagen eifersüchtiger Bruder Ronnie (Tom Hardy) ein schnaubender Geisteskranker, dem ein psychologischen Gutachten während eines Aufenthalts in der Nervenheilanstalt bereits eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert hat.


Dass diese Beziehungskonstellation reichlich unter Feuer steht, erklärt sich von allein. „Legend“ ist allerdings zu keiner Zeit in der Verfassung, seine zwischenmenschlichen Gefühlsknoten adäquat zu behandeln und flüchtet sich über beinahe endlose erscheinende 120 Minuten in trübe Genre-Klischees, die man schon im kürzlich erschienen „Black Mass“ mit Johnny Depp voller Gleichgültigkeit über sich ergehen lassen musste: Vom händeringenden Versuch, dem halbseidenen Gewerbe zu entfliehen, bis zu der Erkenntnis, dass man den schwarzen Fängen dieser Parallelgesellschaft nicht entkommen kann, weil das Damoklesschwert mafiöser Macht über jedem Handgriff schwebt, schabloniert „Legend“ in seiner pulpigen Ausstaffierung die großen Vorbilder ohne falsche Scham, vergisst dabei aber vollständig, eigene Akzente zu setzen. Eine Rechtfertigung, sich „Legend“ anzuschauen, ist, neben dem stimmigen Zeit- und Lokalkolorit, selbstredend Tom Hardys erwartungsgemäß ordentliche Doppelperformance, der sich wieder mit seiner berauschenden Präsenz und dem gottgegebenen Charisma ins Zeug wirft. Schade nur, dass er sich in diesem Fall an derart verdrießliche Dutzendware verschwendet.


4 von 10 brüderlichen Backpfeifen


von souli

Review: POMPEJI 3D – Paul W.S. Anderson lässt den Vesuv Brocken speien

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Fakten:
Pompeji 3D
USA, Kanada, BRD. 2014. Regie: Paul W.S. Anderson.
Buch: Janet Scott Batchler, Lee Batchler, Michael Robert Johnson. Mit: Kit Harrington, Emily Browning, Carrie-Anne Moss, Jessica Lucas, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Kiefer Sutherland, Jared Harris, Sasha Roiz, Dalmar Abuzeid u.a. Länge: 102 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 7. August 2014 auf DVD, Blu-ray und 3D Blu-ray erhältlich.


Story:
Sklave Milo muss als Gladiator um sein Leben kämpfen und für seine Freiheit kämpfen. Als er nach Pompeji geschickt wird, um dort in einer Gladiatorenschule zu arbeiten, lernt er Cassia kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch die hübsche Cassia ist wegen ihrem Adelstand für Milo außer Reichweite. Als die verbotene Liebe entdeckt wird, scheint dies die größte Katastrophe zu sein. Denkste. Mutter Natur hat die Hosen an und lässt den Vulkan Vesuv ausbrechen.





Meinung:
Wenn es um das moderne Blockbusterkino geht, dann gibt es zwei Künstler, die sich in aller Regelmäßigkeit der Schelte der Kritiker unterziehen müssen: Michael Bay, der mit „Transformers 4 – Ära des Untergangs“ frisch die Milliardenmarke geknackt hat, und Paul W.S. Anderson, der mit seiner filmischen Vergewaltigung der „Resident Evil“-Videospielreihe (fünffach, wohlgemerkt) auf ewig den Unmut der Zockergemeinde zu verbuchen hat und lange nicht die massiven kommerziellen Erfolge einfahren darf, wie es Boom-Boom-Bay mit seinen hochbudgetierten Materialschlachten mühelos bewerkstelligt. Wohingehend Michael Bay schon seit Jahren keinen (im Ansatz) gescheiten Film mehr auf die Beine gestellt hat und in seiner blanken Misanthropie grundsätzlich nur Abstoßung (re-)produziert, hat Paul W.S. Anderson immerhin noch das Zeug dazu, einen entwaffnend-infantilen Spaß wie „Die drei Musketiere“ zu inszenieren. Die Hoffnungen, das Paul W.S. Anderson eben nicht nur seine handwerkliche Finesse zur Schau stellt, sondern darüber hinaus auch zu unterhalten weiß, sind dementsprechend fortwährend gegeben.


Atticus und Milo müssen sich noch nur gegen Menschen behaupten
Mit „Pompeji 3D“, dessen thematisches Fundament der plinianische Ausbruch im Jahres 79. nach Christus gibt, hat es Paul W.S. Anderson durchaus zustande gebracht, ein, unterzieht man „Pompeji 3D“ einen, recht gemeinen, stimmt, Vergleich mit seinem desaströsen „Resident Evil“-Franchise (speziell Teil 2!), durchaus „nettes“ Erlebnis zu schaffen. Gewiss kann man „Pompeji 3D“ nicht von allen Fehlern freisprechen, so sind alle Figuren bloße, funktionale Schablonen, die sich entweder zu einer durchtriebenen oder einer idealistischen Attitüde bekennen. Milo (Kit Harington, „Game of Thrones“) ist der Held wider Willen, der 17 Jahre zuvor miterleben musste, wie die römischen Truppen im nördlichen Britannien einen Aufstand keltischer Reiterstämme niederrannten, zu dem auch die Eltern Milos gehörten. Daraufhin wird Milo unter die Fittiche eines Sklavenhändlers genommen, wo er sich als Gladiator schnell einen Namen macht und nach Pompeji verfrachtet wird, wo er schon bald den Mann wieder trifft, der das einstige Massaker an seinem Volk veranlasst hat: Senator Corvus (Kiefer Sutherland, „Melancholia“). Von Rache, dem Kernmotiv des Films, getrieben, findet Kit auch zur Liebe.


Cassia und Milo versuche dem Tod zu entkommen
Psychologisch verkehrt „Pompeji 3D“ auf Vorschulniveau, verleiht seinen Figuren zwar eine gewisse Physis, lässt charakterliche Tiefe in aller Bequemlichkeit unberührt und konstruiert sich eine Love-Story zurecht, die so aufgesetzt und befremdlich daherkommt, dass es dem Drehbuch einfach unmöglich scheint, dem Pärchen Kit und Cassia (Emily Browning, „Seelen“) etwas Emotionalität oder Glaubwürdigkeit zu injizieren – Ihr Techtelmechtel findet den hochnotpeinliches Höhepunkt in der symbolischen, ja, in ihrer geschmacklosen Darstellung historisch-motivierten, Schlusseinstellung. Pferdeflüsterer Kit darf sich, bis es erst mal soweit ist, zwischendurch etwas Männerpathos im Sklavenkäfig gönnen, wenn er mit Atticus (Adewale Akinnuoye-Agbaje, „Lost“) über ausgefeilte Kampftechniken schwadroniert, um dann in der Arena in getriebener Gnadenlosigkeit einen Gegner nach dem anderen abzuschlachten: „Pompeji 3D“ ist blutarm, aber nicht unbrutal, dafür zeichnet sich Andersons (zumeist) gutes Gespür für dynamisch gefilmte wie geschnittene Kampfszenen aus. Allgemein lebt „Pompeji 3D“ von einer ausgesprochen kompetenten Visualität, die die ersten Impressionen, man könne es mit einer TV-Gurke der Marke „Der Held der Gladiatoren“ zu tun bekommen, schnell aus dem Weg räumt.


Bricht der Vulkan aus, zeigt Anderson seine technische Raffinesse: Die Tiefe der Aufnahmen wird ausgelotet, die imaginierte Rekonstruktion des antike Pompeji entblättert ihre Qualitäten, und wenn die Kamera immer wieder zurück in die Vogelperspektive springt, um die Ausmaße der Katastrophe zu illustrieren, dann besitzt „Pompeji 3D“ optisch eine Epik, die der orchestrale Score von Clinton Shorter eben auch verspricht. Die enorme Aschewolke, der Feuerregen, die Krater, die riesige Welle, die Pompeji überschwemmt, generieren schon einige famose Illustrationen und bleiben auch bis zum nächsten Morgen im Gedächtnis haften. Was man von den Figuren (auch wenn die Frauenfigur der Cassia angenehm emanzipiert erscheint), ihren Namen oder den „Dialogen“ nicht sagen kann: Da ist alles, was sich aus dem Mündern quetscht, nur bloßen BlaBla. Schlussendlich ist „Pompeji 3D“ irgendwo nettes, aber selbstredend wenig relevantes Blockbusterkino. Aber: Es ist einer von Paul W.S. Andersons besseren Filmen. Vielleicht beim nächsten Mal erneut ohne Gattin Milla Jovovich?


4 von 10 anmutig weißen Pferden


von souli

Review: LEMONY SNICKET – RÄTSELHAFTE EREIGNISSE – Tim Burton ohne Tim Burton

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Fakten:
Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse (Lemony Snicket’s A Series Of Unfortunate Events)
USA. 2004. Regie: Brad Silberling. Buch: Robert Gordon, Daniel Handler (Vorlage). Mit: Liam Aiken, Emily Browning, Jim Carrey, Meryl Streep, Billy Connolly, Timothy Spall, Cathrine O’Hara, Luis Guzman, Jaime Harris, Jennifer Coolidge, Jane Adams, Cedric the Entertainer, Dustin Hoffmann, Kara Hoffman, Shelby Hoffman u.a. Länge: 103 Minuten. FSK: freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach dem Unfalltod ihrer Eltern erhält der finstere Onkel Olaf die Vormundschaft über die drei Baudelaire Kinder Violet, Klaus und Sunny. Doch Onkel Olaf ist kein sonderlich gutes Familienmitglied, versucht er doch die Kinder zu töten, um ans Erbe zu gelangen. Doch die Baudelaires wissen sich zu helfen.





Meinung:
Es ist das ständig begleitende Motiv seines Schaffens: Der Verlust. Die Filme von Brad Silberling setzten sich immer wieder und in immer wieder verschiedener Ausrichtung mit dem Tod, dem Abschied, der Trauer auseinander: Ob in „Casper“, in dem sich Christina Ricci mit dem Tod ihrer Mutter zu kämpfen hat oder „Stadt der Engel“, dem rührseligen Remake von Wim Wenders meisterhaften Poem „Der Himmel über Berlin“, in dem Nicolas Cage in die Rolle eines modernen Charon schlüpft, der die Seelen, deren Zeit gekommen ist, wie der mythologische Fährmann in die Anderswelt überführt. Und dann natürlich noch das sensible Charakter-Drama „Moonlight Mile“, in dem Jake Gyllenhaals Welt aus den Fugen gerät, nachdem seine Verlobte Diana dahingeschieden ist. Ungewöhnlich erscheint es daher auch rein gar nicht, dass der in Washington geborene Brad Silberling für die Umsetzung der in Amerika äußerst beliebten Kinderbuchchronik „Eine Reihe äußerst betrüblicher Ereignisse“ beauftragt wurde.


Die Baudelaires: gemeinsam verlassen, gemeinsam stark
Basierend auf den ersten drei Bändern dieser Reihe, ist auch „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ wie eine echte Märchenstunde konzipiert: Nachdem wir der glücklichsten Elfe der Welt beim Herumtollen zugesehen haben, stoppt der Film und schwenkt um in eine düstere, von Nebelschwaden verhangene Kulisse, um den eigentlichen Film anzustimmen. Aus dem Off begrüßt uns Lemony Snicket (gesprochen von Jude Law), der uns gleich mehrmals darauf einstimmt, dass wir es hier keineswegs mit niedlichen Fabelwesen zu tun zu bekommen. Auf der Meta-Ebene funktioniert „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ also auch als Reflexion über das Erzählen per se und lässt Lemony Snicket aus seinem Büro, wo er in die Tasten seiner Schreibmaschine hämmert, immer wieder zu Wort kommen, ja, sogar den eigentlichen Erzählfluss torpedieren. „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ ist sicher auch ein Film für Kinder, er pflegt daher auch seinen märchenhaften Charme, setzt niedliche Waisen mit knuffigen Kulleräuglein ins Zentrum der Geschichte und plädiert sichtlich für Übertreibungen, Überhöhungen, Überspitzungen. Aber „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ kann auch anders.


Onkel Olaf und seine geliebten Verwandten
Zuerst muss man sagen, dass „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ wirklich ganz und gar hervorragend aussieht und in seinen Sets und Kostümen oftmals einen wunderbaren Hang zum in den 1980er Jahren aufkeimenden Steampunk besitzt, was den Film angenehm aus jedem zeitlichen Kontext reißt und eine ganz eigene Ästhetik verleiht. Dabei setzt „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ gewiss nicht auf warme, auf einladende Töne, sondern schafft es zuweilen mit Bravour, eine mit wirklich schauerlicher Aura akzentuierte Illustration dieser Welt anzufertigen, die man sie so nur aus den Filmen eines Tom Burton („Sleepy Hollow“) kennt. Werden die drei Baudelaire-Waisen Violet, Klaus und Sunny dann zu ihrem neuen Vormund Graf Olaf verfrachtet, kommt auch Jim Carrey ins Spiel und verleiht „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ durch sein unfassbar exaltiertes Spiel einen subversiven Humor, der die jüngeren Zuschauer mit Sicherheit etwas irritieren könnte. Carrey gibt sich erneut entfesselt, füllt seine verschiedenen Rollen mit maximaler Spielfreude aus und macht seinen Performance des selbstverliebt-habgierigen Graf Olaf zu einem echten Erlebnis!


Ist Jim Carrey mal nicht im Bild, machen sich die erzählerischen Schwächen von „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ bemerkbar. Der Werdegang der Baudelaire-Kinder wird episodisch aufgesplittet und sie wandern von Vormund zu Vormund (darunter auch Billy Connolly als Herpetologe und Meryl Streep als pathologischer Angsthase), was die narrative Rhythmik hemmt und die Dramaturgie etwas ausbremst, wird den einzelnen Episoden doch nicht der Raum und die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie benötigt hätten, um sich wirklich entfalten zu dürfen; um Übergänge harmonisch zu ebnen. „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ aber ist wirklich charmantes, angemessen düsteres Erzählkino, exzellent bebildert, mit einem Jim Carrey, den man selten stärker gesehen hat und einer optimistischen Message, die man sich zu Herzen nehmen sollte: Egal wie hoffnungslos die Lage scheint, es wird immer wieder Aussicht auf Besserung geben - Solange man zusammenhält. 


7 von 10 Seemännern mit Holzbein


von souli

Review: MAGIC, MAGIC – Seelenbefreiung im Land am Ende der Welt

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Fakten:
Magic, Magic
USA. 2013. Regie und Buch: Sebastián Silva.
Mit: Juno Temple, Michael Cera, Emily Browning, Cataline Sandino Moreno, Vicente Lenz Burnier, Agustin Silva, Luis Dubbó u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 26. Juni 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die introvertierte Alicia macht mit ihrer Cousine Sarah und deren Freunden Urlaub in Chile. Eigentlich soll der Urlaub Alicia die Möglichkeit eröffnen endlich etwas von der Welt zu sehen, doch die Gruppe, mit der sie unterwegs ist, beunruhigt Alicia zunehmend. Vor allem die Annäherungsversuche von Brink verstören die junge Frau immer mehr.





Meinung:
Chile, das Land am „Ende der Welt, wo der Teufel seinen Poncho verlor“, so ein Sprichwort, ist gerade aufgrund seiner klimatischen Kontradiktion für Globe-Trotter interessant: Dort gibt es nämlich nicht nur die Anmut des pazifischen Ozeans zu bestaunen, sondern auch die schneebedeckten Gipfel der Anden, grüne Seenregionen und spröde Wüsten – Für Naturdokumentationen also ein echtes Schlaraffenland. Filmisch aber konnte uns der letzte Ausflug in das südamerikanische Land im Januar mit „Aftershock“ nicht gerade in Verzückung setzen. Eli Roth, der dort als Hauptdarsteller, Co-Autor und Produzent in Personalunion fungierte, präsentierte einen blutig-zynischen Genre-Film, dem so ziemlich alles missraten ist, was einem solchen Projekt nur missraten kann. Der chilenische Autorenfilmer Sebastián Silva aber lädt uns nun mit „Magic, Magic“ in sein Heimatland und beweist, dass Chile sicherlich kein Indikator für schlechtes Material sein muss. Ganz im Gegensatz: „Magic, Magic“ ist sogar nach Jeff Nichols „Mud“ und Takashi Miikes „Lesson of the Evil“ der nächste große Knaller des diesjährigen Direct-to-DVD-Markts.


Alicia weiß nicht mehr, wem sie trauen kann
Sebastián Silva stellt sich mit seiner dritten Regiearbeit „Magic, Magic“ ganz in die Tradition subtiler Psycho-Thriller der Marke „Ekel“. Wie schon im internationalen Durchbruch von Roman Polanski, steht auch in „Magic, Magic“ mit Alicia eine junge Frau im Mittelpunkt, die zusehends an ihren Psychosen zu zerbrechen droht. Juno Temple („Die Drei Musketiere“, "Dirty Girl") spielt diese Alicia mit einer beeindruckend pointierten Performance, in der sie ihren Terror im Kopf niemals an eine plakative Gestik und Mimik verschenkt, sondern den bipolaren Tonus des Films über die gesamte Strecke wahrt. Und in dieser permanenten Mehrdeutigkeit liegt primär die Stärke vom Drehbuch: Wir erfahren „Magic, Magic“ durch die Emotionen seiner Protagonistin und müssen folgerichtig ihren pathologischen Zustand am eigenen Leibe spüren. Silva treibt sodann ein trügerisches Spiel mit unserer Wahrnehmung, in dem er die konkreten Grenzen zwischen Realität und Halluzination, zwischen den psychischen Auswirkungen von Alicias Angststörung und dem Tatsächlichen zunehmend verschwimmen lässt: Wo wir anfangs ein etwas unsicher wirkendes Mädchen vorgestellt bekommen, finden wir uns bald verloren im Irrgarten ihrer geschundenen Seele wieder.


Versucht Sarah Alicia wirklich zu helfen?
Magic, Magic“ lässt die stupiden Psychologisierungsversuche aber in der Waschküche verrotten: Ursprünge für ihre psychische Störung bleiben weitestgehend ungeklärt, der Grund für ihre mögliche Traumatisierung damit auch angenehm im Verborgenen. Das Motiv des sich anbahnenden Todes jedoch zieht sich von Anfang durch das Szenario. Symbolbehaftete Tierwesen stanzen die schmerzhaften Facetten ihrer gequälten Innenlebens mit dem inszenatorischen Faible für Naturmystik synergetisch immer weiter aus. Silva aber lässt sich viel Zeit, bereitet die Klimax im Finale schleichend-bedrückend vor und schafft es so, „Magic, Magic" im Kontext des „seltsamen“ Verhaltens seiner Hauptdarstellerin, eine soziologische Komponente anzufügen, die die, durchaus verständlichen, Reaktionen ihrer Mitmenschen thematisiert: Erst wird sie belächelt, mit verständnislosen Blicken herabgewürdigt, bis die Mundwinkel irgendwann nach unten klappen und feststeht, dass Alicia offensichtlich dringend Hilfe benötigt. Neben Emily Browning als Alicias Freundin, beeindruckt gerade der undurchsichtige Michael Cera, den mal eher als schlaksigen Pausenclown und schüchternen Vollnerd aus Filmen wie „Superbad“ und „Juno“ in Erinnerung behalten hat.


Im Endeffekt ist „Magic, Magic“ gewiss kein Horrorfilm, sondern ein psychologisch-grundiertes Charakter-Drama, in dem sich eine junge Frau auf den steinigen Pfad ihrer Seelenbefreiung begibt. Ob Silva ihr dann auch ihre ersehnte Katharsis erlaubt, ist in Anbetracht der Vorkommnisse aus der rationalen Perspektive eigentlich erst mal zu bestätigen, wenn auch nicht vollends. In diesem Augenblick, wenn man schließlich glaubt, Alicia wäre am Ziel angekommen, sie dürfte sich endlich fallen lassen, erlaubt „Magic, Magic“ wieder durchaus Zweifel am Gezeigten, ja eigentlich an der persönlichen Perzeption im Generellen. Wenn Silva es sich  zum Ziel gesetzt haben sollte, den Frühwerken eines Roman Polanskis Tribut zu zollen, dann kann man ihm für „Magic, Magic“ nur gehörige Anerkennung schenken. Sicher ist das noch nicht auf dem komplexen Niveau des polnischen Meisters, aber er rückt ihm so nah auf den Pelz, wie schon lange kein Film mehr.


7,5 von 10 indianischen Kräutern


von souli