Review: THE NICE GUYS - Shane Blacks Privatdetektive fürs Grobe

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Fakten:
The Nice Guys
USA. 2016. Regie und Buch: Shane Black. Mit: Russell Crowe, Ryan Gosling, Matt Bomer, Kim Basinger, Ty Simpkins, Margaret Qualley, Sandra Rosko, Yaya DaCosta, Keith David, Rachele Brooke Smith, Hannibal Buress, Yvonne Zima, Jack Kilmer, Beau Knapp, Angourie Rice, Lexi Johnson u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Privatdetektiv Holland March und Knochenbrecher Jackson Healy haben nicht wirklich viel gemein. Bis sich beide blöderweise in den Fall der vermissten Amelia verstrickt sehen. Und dann passiert auch noch ein Mord an einem Porno-Star, der scheinbar erst einmal nichts damit zu tun hat. Widerwillig zur Zusammenarbeit gezwungen, streifen sie gemeinsam mit Marchs pubertierenden Tochter Holly durch L. A., um verworrenen Hinweisen auf den Grund zu gehen. Bis Amelias Spur sie auf eine Multi-Milliarden-Dollar-Verschwörung bringt, die sie zum Ziel von skrupellosen Profikillern werden lässt...




Meinung:
Hey, die lassen sich schon mögen, denkt man sich beim Titel The Nice Guys. Und für wahr, die darin enthaltene Paarung von Russell Crowe und Ryan Gosling macht sich bezahlt unter der Autorenhandschrift von Buddy-Experte Shane Black. Letztere Trumpfkarte für den zeitgenössischen Bullenfilm der Achtziger hat die Lethal Weapon seit jeher nie abgelegt, wie seine Figuren auch nicht von Flasche wie Knarre lassen können und so macht es Sinn, dass er deren Prototypen im wilden L.A. anno 1977 gleichsam sympathisch zwischen Berufs- und Bro-Kodex anordnet. So ganz sein Jahrzehnt scheint es aber nicht zu sein, schließlich sind Stilistika und Zeitgeist hier manchmal eher wie für Laien ausgestattet: Nur die Hits (Earth, Wind and Fire; Kool and the Gang und Co.), Sex Pistols einmal als Poster, schnieke Karren und Deco-Parties zur Vintage-Erotica hin, gefaketes Super-8 sowie das Klischee vom Porno-Schnurrbart beim Gosling als Privatdetektiv Holland Marsh. Weil's bei Black gerne kriminell wird, sucht er sich sodann auch den skandalösesten Allgemeinplatz dafür im Sexfilmbusiness aus, wenn es nun mal bei Boogie Nights geklappt hat. Der Durchschnittsfall von der vermissten Leinwandschönheit treibt sodann also das Abenteuer an, nicht allzu aufregend mit Intrigen und Konventionen durchs Nachtleben prellend, aber genug Angriffsfläche bietend, anhand derer sich der Harte und der Zarte in die Wolle kriegen, um bald gemeinsam auf die heiße Spur zu kommen.


Die Nice Guys beim nett sein
Jackson Healy (Crowe) ist in dem Sinne mehr das Eastside-Rauhbein mit Hang zum Knochenbruch, wenn er den Privatdetektiv gibt, Kollege Marsh dagegen ist mehr der Tolpatsch und Neurotiker des Gespanns (ein Ryan Honkling könnte man auch sagen) und zudem leicht mit Säufernase in den Tag lebend. Ganz sauber sind beide so oder so nicht, abseits dessen verbinden sie sich trotz anfänglicher Missverständnisse aber schnell im Pendel aus zeitgenössischem Zynismus und selbstentlarvendem Chaos, mal mehr und mal weniger fortgeschritten in Richtung Kompetenz. Sie hauen die Leute meistens jedenfalls gut übers Ohr und stecken dafür sogar die Macho-Route zurück, was umso mehr beglückt, so locker sich Russell und Crowe nun mal die Bälle vom Kumpel-Jargon on the rocks zuspielen. Mitten drin und eigentlich schon stärker am Hebel, sogar wortwörtlich das Lenkrad bedienend: Hollands 13-jährige Tochter Holly (Angourie Rice), die den Wirbelwind der Detectives des öfteren zum effektiven Einsatz hin erdet und auf jeder Mission mitmischt, selbst wenn sie sich als Kid-Cop auch einen Porno mit anschaut, um Hinweise zu sammeln. Black spart nicht an weirden Derbheiten, wenn sich seine Angels with dirty faces entgegen ihres Alters ver- und unterhalten, im Sandkasten der Todesgefahr spielen und im Risiko die gnadenlose Jagd eingehen. Der schwarze Shane erinnert sich da sicherlich auch an die Haudegen, die er den „Monster Busters“ zuschrieb und da empathisiert er den Nervenkitzel durchaus über den Beschützerinstinkt hinaus.


Zum Nice Guy-Sein gehört auch die nette Interaktion mit Kindern
Das stellt aber vielleicht noch das mitreißendste Wagnis des Films dar, welcher seine investigativen Bulletten inszenatorisch recht brav durch die Bubblegum-Variante der Siebziger schleust (Crowe kennt's selbst vom American Gangster her authentischer), teils vermeintlich coole Gags vom Set-Up-&-Pay-Off-Prinzip anwendet, die in einem Tarantino-Abklatsch keine schlechte Figur machen würden - Stichwörter in dem Sinne: Bienen, Nixon, Unverwundbarkeit und Johnboy. Etwas schlapper wird dann doch sein Versuch charakterlichen Wandels in seinen Helden, inwiefern Marsh aus seiner Lethargie aus Suff und Blödelei wieder ins volle Leben einzieht oder wie Healy das Ultrabrutale auf Kommando des Kindes ablegt, ganz wie es John Connor beim T-800 schaffte. Es steht ja einige Male durchaus zur Debatte, ob sie denn nicht doch bad persons sind, aber da klinkt sich Black trotz einer Handvoll politischer Unkorrektheiten natürlich mehr ins Positive ein, so wie er auch keine allzu großspurigen Markierungen setzt und zumindest subtil ins Innere schaut, wenn er es denn nicht im Standardgeplänkel aus Korruption, Auftragsmord und Hammond-Orgel-Wah-Pedal-Retortenmusik für mehrere Phasen aus den Augen verlieren oder mit nackten Jux-Eindrücken von der (Breit-)Seite übertünchen würde.


Dann hätte er womöglich auch einen stringenderen Weg gefunden, um seinen Pathos in der Rettung des Medium Films zum Schluss zu untermauern - ganz zu schweigen von den Actionszenen, die größtenteils auf laute Geräusche denn auf clevere Einfälle setzt, auf Ausnahmen und nervende Handlanger braucht man aber ebenso nicht verzichten. Manchmal meldet sich dann auch die Omi mit den Monster-Brillengläsern zu Wort, um den Funken an kriminalistischen Kombinationen in Gang zu setzen. Es ist nun mal ein netter Film geworden, ordentlich seinem Genre verpflichtet und voller Spielspaß im Konsens unterwegs, wo sich selbst der Regisseur vom Lost River auch galant zum Affen machen darf. Der Pepp geht leider nicht ganz im Laufe des Plots auf, wenn die biedere Zum-Kult-geboren-Walze ihre Belanglosigkeit streckt, für ein harmloses Minenfeld an nicht komplett forcierten Schlagfertigkeiten und Schlaghosen im Vintage-Crime zwischen Räuden- und Honkfilm kann man sich dieses Back in Black aber durchaus geben.


5,5 von 10 Centerfolds


vom Witte

Review: CAFÉ BELGICA - Lost on the Dancefloor

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Fakten:
Café Belgica (Belgica)
B, FR, 2016. Regie: Felix van Groeningen. Buch: Arne Sierens, Felix van Groeningen. Mit: Stef Aerts, Tom Vermeir, Stefaan De Winter, Dominique Van Malder, Ben Benaouisse, Boris Van Severen, Sara De Bosschere, Charlotte Vandermeersch u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Ab dem 14.11.2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jo betreibt seit Kurzem die Musik-Bar Café Belgica. Sein älterer Bruder Frank ist sehr angetan von dem Laden und den durchzechten Nächten. Kurzerhand schmeißt der Familienvater seinen ihn nie ausfüllenden Job als Gebrauchtwagenhändler und steigt bei seinem Bruder als Partner ein. Durch seinen kreativen wie finanziellen Input wird aus der intimen Kneipe bald ein angesagter Nachtclub, in dem jedem Abend exzessive Partys mit Live-Musik steigen. Das Geschäft boomt, doch Probleme sind unvermeidlich und besonders Frank verliert sich immer mehr in der kreierten Parallelwelt.

                                                                               
Meinung:
Der Belgier Felix van Groeningen erlangte in den letzten Jahren auch außerhalb seiner Heimat einen gesteigerten Bekanntheitsgrad, bei uns speziell mit „The Broken Circle“. Sein aktuellstes Werk „Café Belgica“ feierte seine Premiere auf dem diesjährigen Sundance-Festival und wurde dort mit dem Preis für die beste internationale Regie ausgezeichnet. Das schürt gewisse Erwartungshaltungen, die im Gesamten jedoch nicht bestätigt werden können. Reduziert auf seine optische, akustische und atmosphärische Darbietung macht „Café Belgica“ stellenweise gehörig was her, bleibt bei seiner Dramaturgie jedoch überschaubar und viel zu beliebig.


Noch ist die Stimmung bestens, gibt ja auch reichlich Stoff.
Zwei Brüder finden sich nach einigen Jahren der Funkstille wieder zusammen. Der etwas introvertiertere „kleine“ Jo und der rastlose, stetig latent unzufrieden wirkende Frank. Dabei hat seine Frau fürs Leben bereits gefunden, einen kleinen Sohn und einen nicht unbedingt erfüllenden, aber soliden Job als Gebrauchtwagenhändler. Doch gerade dieses konservative, unspektakuläre Leben scheint ihn enorm einzuengen. In der hippen Kneipe seines Brüderchen kann er der Realität entfliehen und seinem Drang nach Freiheit, Unabhängigkeit und Nach-mir-die-Sinnflut-Gesinnung scheinbar ungeniert ausleben. Hals über Kopf stürzt er sich in das Abenteuer Nachtclub, steckt mit seinem Enthusiasmus bald auch Jo hoffnungslos an. Gemeinsam wird massiv expandiert und aus der heimeligen Bude um die Ecke wird ein Tempel des Exzesses, jede Nacht rappeldicke voll, in dem sich die angesagtesten Musik-Acts jenseits des Radio-Pops die Klinke in die Hand geben. Auf den schnellen Höhenflug folgt naturgemäß der noch rasantere Abstieg: Während Frank bald nur noch die Nase in den Schnee und sein bestes Stück in anderen Frauen steckt, gänzlich den Bezug nach der Welt da draußen verliert, sehnt sich Jo insgeheim nach dem, was sein Bruder gerade mit beiden Händen aus dem Fenster wirft. Eine geregelten, ganz normalen Beziehung, was sich einfach nicht mit ihrem „Baby“ und dessen Begleiterscheinungen vereinbaren lässt.


Irgendwann wird eine Aussprache fällig.
Im selbst ernannten Ort der Verdorbenheit verschwimmen Tag und Nacht im ewigen Rauschzustand; hervorgerufen durch wummernde Bässe, kratzige Gitarrenriffs und natürlich auch zu einem nicht unerheblichen Anteil durch flüssige und feinpulvrige, Realitäts-ausblendende Spaßbeschleuniger. Wenn Felix van Groeningen den Zuschauer mitten in das Geschehen seines bebenden Sündenpfuhls  befördert und zu einem Teil von ihm macht, ist „Café Belgica“ eine impulsive Stimmungsbombe, nah an der atmosphärischen Explosion. Fast noch mehr Anteil als der Regisseur hat daran die fantastische Band SOULWAX (als Turntable-Team 2 MANY DJs mindestens genauso populär), die alle (live-gespielten) Tracks im Film eigens für diesen komponierte und mit denen als auftretende (fiktive) Bands gecasteten Musikern einstudierte. Der Soundtrack zum Film ist besser als viele „echte“ Alben, offenbart die große Spannweite des belgischen Duos. Von Electro bis Indie-Rock, Techno, Neo-Punk, Ska, Jazz und eigentlich jeder erdenklicher Musikrichtung wird die Palette im rhythmischen Crossover durch den Attacke-Ventilator gedreht, heraus kommt der pure Wahnsinn. Leider ist das hier keine (reine) Szene-Dokumentation, denn hinter der wuchtigen Präsentation soll in erster Linie ein von A wie austauschbares bis Z wie zu oft gesehenes Drama um zwei (halbwegs) ungleiche Brüder und ihren naiven, sich zerfeiernden Traum einer idealistischen Party-Oase-Seifenblase erzählt werden.


Gut gespielte, aber hauptsächlich oft unsympathische Arschloch-Figuren reiten extrem vorhersehbar und ohne narrativ interessante Einfälle auf ihrer hedonistischen Welle, bis diese bricht und sich die Erkenntnis einstellt, dass man auch nach der geilsten Party irgendwann nach Hause gehen sollte. Es gibt eigentlich nur einen (recht kleinen) Moment, in dem „Café Belgica“ den sehr treffenden, eindringlichen Blick gewährt, der das Wesen seiner vor dem Ernst des Lebens weglaufenden Feierbiester hervorragend zum Ausdruck bringt („Manchmal wenn ich tanze denke ich: Was machen die Typen denn alle hier, haben die nichts Besseres zu tun?!“). Der Rest der Geschichte ist bedauerlich oberflächlich geraten. Auf inhaltlicher Eben mehr oder weniger gescheitert bleibt dafür immerhin die volle Dröhnung mit dem inszenatorischen Club-Dampfhammer…und der brillanten Arbeit von Soulwax. 

5 von 10 Lines auf der Neugeborenenstation

Kritik: SAUSAGE PARTY – ES GEHT UM DIE WURST - Das vulgärste, derbste Animationsspektakel des Jahres

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Fakten:
Sausage Party - Es geht um die Wurst (Sausage Party)
US, 2016. Regie: Conrad Vernon, Greg Tiernan. Drehbuch: Seth Rogen, Evan Goldberg, Kyle Hunter, Ariel Shaffir. Mit: Seth Rogen, Kristen Wiig, Jonah Hill, Bill Hader, Michael Cera, James Franco, Danny McBride, Paul Rudd u.a. Länge: 89 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Im Kino.


Story:
In einem Supermarkt hoffen die Lebensmittel sehnlichst darauf, von Menschen eingekauft zu werden. Für sie sind Menschen gottgleiche Wesen, die sie mit ihrem Einkauf in eine Art Paradies befördern. Vor allem das Würstchen Frank kann es kaum erwarten, aus der Packung genommen und endlich mit seinem heißgeliebten Brötchen Brenda vereint zu werden. Als ein Senfglas nach dem Kauf wieder umgetauscht wird, berichtet es allerdings grauenvolle Details von der anderen Seite. Die Lebensmittel werden mitunter misstrauisch und wollen herausfinden, was außerhalb des Supermarkts mit ihnen geschieht...




Meinung:
Vielleicht war der Wechsel hin zum Animationsfilm der einzig konsequente Schritt für Evan Goldberg und Seth Rogen. Nachdem das Comedy-Duo mittlerweile über eine Vielzahl von Filmen wie "Superbad", "This Is the End" oder "Bad Neighbors" hinweg ihr typisches Humor-Konzept in Form von vulgären Wortspiele, verkifften Exzessen, unangenehmer Situationskomik und spaßigen Popkulturreferenzen ausschöpfte, wurde es so langsam Zeit für einen Tapetenwechsel. Selbst der Diktator Nordkoreas war vor den beiden nicht sicher und wurde in "The Interview" zur Zielscheibe, was vorab eine regelrechte Kontroverse auslöste. Nun hat das Duo den Horizont gewissermaßen erweitert und eine ungezügelte Animationskomödie geschaffen, die zum ersten Mal seit "South Park: Bigger, Longer & Uncut" mit einem R-Rating versehen wurde.


Was die Lebensmittel da wohl gerade sehen?
Dieses Rating wird in "Sausage Party" auch prompt bis zur Schmerzgrenze ausgereizt, wenn dem Zuschauer bereits in den ersten Minuten nach einer anfangs heiteren Gesangseinlage mehr Schimpfwörter um die Ohren fliegen als er zählen kann. In der Geschichte des Films geht es um Lebensmittel in einem Supermarkt, deren größter Traum darin besteht, von den Menschen, die sie als Götter ansehen, eingekauft zu werden und dadurch in eine Art Paradies zu gelangen, in dem sie ein Leben in vollkommener Glückseligkeit erwartet. Als allerdings so langsam klar wird, was mit den Lebensmitteln alles passiert, sobald diese in den Haushalt der Menschen gelangen, entwickelt sich das Schicksal einzelner Charaktere zu einem knallharten Überlebenskampf, während ein Großteil immer noch am Glauben an ein höheres Paradies festhält. Überraschenderweise haben die Autoren in ihrem Werk ein paar Überlegungen zu blindem Fanatismus, Atheismus und Konflikten zwischen ethnischen Minderheiten parat, die man ihnen vorab vermutlich gar nicht zugetraut hätte. "Sausage Party" offenbart in einigen Szenen jedoch durchaus kritische Momente, in denen unterschiedliche Ansichten und Konfliktpunkte bezüglich Glaube, Religion oder Sexualität hinterfragt werden.


Erste Verluste lassen nicht lange auf sich warten
Über weite Strecken dominiert jedoch der gewohnte Humor des Goldberg/Rogen-Duos, der sich hier bedauerlicherweise zu sehr abnutzt und nicht immer richtig in das Korsett einer eher zweitklassig animierten Komödie passen will. Sexuelle Anspielungen von Würstchen, die sich gerne ganz tief in den Öffnungen der Brötchen vergraben wollen, endlose Schimpfwort-Kaskaden oder ein willkürlich eingestreuter Drogentrip offenbaren wenig, was man mittlerweile nicht schon zuhauf in den anderen Filmen der Autoren gesehen hat, weshalb "Sausage Party" zu oft den Eindruck von altem Wein in neuen Schläuchen erweckt. Die Momente, in denen die absurden Möglichkeiten des zugrundeliegenden Konzepts auf offensivste Weise ausgetestet werden, sind aber trotzdem von großartigen Einfällen geprägt. Wie hier bisweilen Impressionen von Kriegsszenarien reflektiert oder grausame Todesarten der Lebensmittel auf ebenso bizarre wie intelligente Weise realisiert werden, lässt erahnen, was für ein gewaltiges Potential in diesem Werk schlummert. Ausgeschöpft wird es von den Verantwortlichen allerdings nur in vereinzelten Szenen, zwischen denen sich immer wieder humoristischer Stillstand bemerkbar macht, bei dem der Eindruck entsteht, die Idee für einen grandiosen Kurzfilm musste irgendwie zu einem Langfilm gestreckt werden.


Zur Höchstform läuft "Sausage Party" dann aber im großen Finale auf, in dem sich der Streifen schließlich in einen gigantischen Exzess verwandelt, welcher die ansonsten eher gemütlichen Sehgewohnheiten des Genres endgültig zerschmettert. Nur alleine für diesen Schlussakt, bei dem die Reaktionen zwischen schrillen Lachkrämpfen, peinlich berührter Befremdlichkeit und ungläubigem Entsetzen pendeln dürften, lohnt sich die Sichtung dieses Animationsfilms, in dem sich ansonsten wirklich unterhaltsame Einzelmomente mit redundanten Gags und einer Geschichte abwechseln, in der durchaus nachdenkliche, tiefgründige Ansätze auf platten Leerlauf treffen.


6 von 10 aufgepumpte Intimduschen




von Pat

Review: DESIERTO - TÖDLICHE HETZJAGD - Willkommen in Amerika

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Fakten:
Desierto – Tödliche Hetzjagd
USA, Mexiko, Frankreich. 2015. Regie: Jonás Cuarón. Buch: Mateo Garcia, Jonás Cuarón. Mit: Gael García Bernal, Jeffrey Dean Morgan, Diego Catano, Alondra Hidalgo, Marco Pérez, Oscar Flores, Butch McCain, David Lorenzo u.a.. Länge: 94 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Ab 12. Oktober 2016 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Um endlich seinen Sohn wiederzusehen, hat der Mexikaner Moises eine riskante Reise angetreten. Er hat zwei Führer bezahlt, die ihn als Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten durch die Wüste führen und illegal den Weg in das Land der unbeschränkten Möglichkeiten weisen sollen. Doch als der Lastwagen mitten in der Wüste streikt, müssen die Leute den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. Aber kaum, dass sie über der Grenze sind und US-amerikanischen Boden betreten haben, kreuzt Sam ihren Weg. Mit seinem Hund und seinem Gewehr bewaffnet hat der gnadenlose Südstaatler die Grenzpatrouille in die eigene Hand genommen und will den Immigranten eine Lektion erteilen.




Meinung:
Du hast Problem“ sagt der Teddybär mit Stimmfunktion zu Beginn von Desierto – Tödliche Hetzjagd, während Moises versucht ihn wieder abzustellen. Ja, Moises hat als illegaler Einwanderer ein Problem. Er will über die Grenze in die USA. Raus aus Mexiko, rein ins Land der Freiheit. Mit ihm sind über ein Dutzend anderer, die ebenfalls ihr Glück versuchen wollen und dabei auf die Hilfe von erfahrenden Führern vertrauen. Eine Szenerie wie man sie vermutlich tagtäglich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erlebt. Doch bei Desierto – Tödliche Hetzjagd haben den Einwanderer neben der Hitze, dem Staub und der sporadisch auftauchenden Grenzpatrouille noch ein weiteres Problem: Sam.


 
Sam. Alleine der Name ist pures Sinnbild. Doch dieser Uncle Sam ist kein strahlender Held, sondern ein wandelndes Klischee. Waffen- und Kruzifix-Tattoos befinden sich auf seinen Oberarmen, im Getränkehalter seines versifften Pick-Ups ist eine Dose Bier eingeklemmt, im Radio dudelt Countrymusik, die Flasche Billig-Whiskey ist in der Mittelkonsole verstaut und sein Hund Tracker, erinnert sehr an einen deutschen Schäferhund. Es reicht die erste Einstellung, um zu wissen, dieser Sam wird die mexikanischen Einwanderer, die gerade durch die Spärlichkeit des Grenzgebiet huschen, nicht willkommen heißen und es dauert nicht lange, da eröffnet der Jäger das Feuer auf seine Beute. Peng! Peng! Er richtet ein Massaker an und Regisseur Jonás Cuarón fängt dies ähnlich ein wie die Wüstenlandschaft: amusisch und karg.

 
Desierto – Tödliche Hetzjagd bietet innerhalb seiner Geschichte viele Momente, um diesen Sam zu einem psychopathischen Derwisch verkommen zu lassen, ähnlich wie den Killer Mick Taylor in den Wolf Creek-Filmen. Doch Cuárón verzichtet darauf. Sam ist ein manchmal fast schon sympathisches wie verbittertes, wandelndes Stereotypenersatzlager, aber in seiner direkten und geerdeten Art nicht uninteressant Vor allem weil seine Motivation sowie seine Entscheidung statt Hasen nun Menschen zu jagen so unspektakulär wie lapidar erscheint. Das ist sein Land, die illegalen Einwanderer sind für ihn Vieh. Auch wenn Sam es niemals frontal ausspricht, seine Haltung und Einstellung ist im Grunde eine radikale Kanalisierung des heutigen Rassismus. Ihm ist es egal, warum diese Menschen, die mit seinem Gewehr aufs Korn nimmt in den Staaten wollen. Sie gehören für ihn einfach nicht dort hin. Ordnung muss für ihn eben sein, mit allen tödlichen und barbarischen Konsequenzen. Sein direkter Gegenspieler Moises, ein überlegter wie hilfsbereiter Kerl, bietet da den passenden Kontrast. Doch Desierto – Tödliche Hetzjagd macht es sich schon sehr einfach diese beiden Figuren gegenüber zu stellen und recht rasch verliert sich das Kritische der Handlung und was übrig bleibt ist pure Genre-Ware - eben eine Hetzjagd durch die Wüste. Jäger und Gejagter.


Das ist bedauerlicherweise nie so fesselnd wie es hätte sein können und gerade das Finale wirkt vom Spannungsaufbau erstaunlich kraftlos, auch wenn das Ende an sich, für einen Genre-Film, fast schon mutig und rebellisch erscheint. Dennoch bleibt letztlich der Gesamteindruck zurück, dass Desierto – Tödliche Hetzjagd viel Potenzial verschenkt hat. Damit ist nicht seine politische und gesellschaftlich Ebene gemeint, sondern ganz einfach sein nicht immer zufriedenstellender Umgang mit den eigenen Möglichkeiten das Publikum zu fesseln. Dafür sieht der Film optisch grandios aus und der unaufdringliche aber dennoch gelungene Soundtrack von Musiker Woodkid kann sich auch hören lassen.


5,5 von 10 Klapperschlangen