Review: VICTORIA - Die deutsche Filmsensation des Jahres auf dem Prüfstand

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Fakten:
Victoria
BRD. 2015. Regie: Sebastian Schipper. Buch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz. Kamera: Sturla Brandth Grovlen. Mit: Frederick Lau, Laika Costa, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Hauff, André Hennicke u.a. Länge: 142 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In einer Partynacht trifft die Spanierin Victoria auf Sonne und seine Freunde. Sie wollen eigentlich noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen, als sie in einen Strudel aus Brutalität, Zwang und Schuld gesogen werden.





Meinung:
Über keinen deutschen Film wurde in diesem Jahr so viel gesprochen, geschrieben und gejubelt, wie über den zweieinhalbstündigen Onetake von „Absolute Giganten“-Regisseur Sebastian Schipper. „Victoria“ wurde in der Filmlandschaft alsbald zu einem Ungetüm, einem Koloss von Film, hinter dem nur Künstler stecken konnten, die den Sinn für die Realität verloren haben. Ein Film über eine Nacht durch Berlin, gedreht an einem Stück. Vor Überraschung erhobene Augenbrauen hat sich das Team redlich verdient. Dass der Film aber dann auch noch reihenweise Zuschauer und Kritiker überzeugte, war genug, um „Victoria“ vielleicht auf immer in das ewige Film-Paradies zu heben. Meilenstein, Werk für die Ewigkeit, der deutsche Oscar-Gewinner, eigentlich könnte Deutschland jetzt aufhören, Filme zu machen, der Zenit sei erreicht. So oder ähnlich schien das Echo der Medien gewesen zu sein. Nun ja.


Nur ein einziger Schuss
Der offensichtliche Star des Films, ist der Film selbst. Wenn schon Plansequenzen von mehreren Minuten des Öfteren Beifall erhalten („Birdman“ zum Beispiel, oder die vierte Folge der ersten „True Detective“-Staffel), dann ist die Begeisterung natürlich immens, wenn für 140 Minuten kein Schnitt getätigt wurde. Das ist verständlich und man kommt auch nicht umhin, seinen Hut zu ziehen, vor der Planung, dem Mut und der Durchführung des Vorhabens. Was aber noch viel schöner ist, als der Onetake selbst, ist die Tatsache, dass sein Konzept ganz wunderbar funktioniert. Die Art des Films, mit seinem atemlosen Charakter, sorgt nämlich für zweierlei Effekte. Erstens ist die Intensität, von der vielerorts gesprochen, die dem Film aber auch ebenso häufig abgesprochen wird, in der ersten Stunde und den letzten zwanzig Minuten tatsächlich nicht zu bändigen. Schweißnasse Handflächen, ein bis zum Hals klopfendes Herz und eine gewisse wirre Orientierungslosigkeit waren die Folge. Dinge, die man dem Film als Qualitätsmerkmal anheften sollte. Der zweite Effekt ist wiederum der Hintersinn. Sebastian Schipper hätte niemals einen Film in einem Onetake machen dürfen, ohne eine tiefere Bedeutung in der Durchführung zu verstecken, die Massen wären empört gewesen, „Arthaus-Schmarthaus“-Rufe wahrscheinlich die Folge gewesen. Durch aber diese schnittlose Art des Films, wird die Reise, auf die der Zuschauer sich begibt, zu einer Momentaufnahme des Lebens von jungen Erwachsenen in Berlin.


Sonne und Victoria kommen sich schnittlos näher
Victoria tanzt, hat Spaß, läuft ein bisschen orientierungslos und halbherzig im Club herum und will dann nicht mehr. Sie geht raus, hat es aber auch nicht wirklich eilig, nach hause zu kommen. Sie hat keine wirkliche Verpflichtung. Hat aber, wenn sie darüber nachdenken würde, eine immense Leere in sich, vor der sie aber nicht mehr fliehen will, denn die ist mittlerweile fester Bestandteil ihres Daseins. Die wenigen Informationen, die Schipper uns in den 140 Minuten über die Charaktere gibt, über ihre Vergangenheit und Wünsche, sie sind auch gewollt spärlich gesät, eben weil die jungen Erwachsenen hier blass aussehen sollen. Früher war die Jugend James Dean, Rebell ohne Grund, Destruktion war die Hauptsache. Heute hat die Jugend aufgegeben, zu rebellieren. Das selbstausbeutende Leben, das sie führen, es hat kein Ziel. Eine triste und bittere Aussage, die die Berliner Ghettojungs um Sonne (wieder einmal sa-gen-haft: Frederick Lau, Deutschlands bester) zu verdrängen versuchen. Lau spielt den vergessenen Jungen, der zwar nicht „zugezogen“ ist, was ihm sehr wichtig zu sein scheint, aber anscheinend sonst keine Rolle in Berlin zu spielen scheint. Er ist unsichtbar, sein Name ein Witz zynischster Art. Die Vermittlung von Stimmung und Gefühl, die funktioniert in Schippers intimem Drama ganz hervorragend, besser noch, als in vielen anderen Filmen. Die erste Stunde des Films ist emotionales und intensives Kino par excellence.

 
Keine zweite Chance für Victoria?
Dann kommen aber Sonnes Freunde wieder, die man vorher schon kennenlernen durfte. Boxer (Franz Rogowski aus „Love Steaks“) muss jemandem einen Gefallen zurückzahlen. „I’m not a bad guy, I did a bad thing, okay?“ Ja, man glaubt ihm, vor allem, weil die Truppe so verdammt lebensecht rüberkommt und noch realistischer gespielt wird. Es bieten sich Szenen, Sätze und Attitüden, die so wohl schon jeder einmal mitgemacht oder erlebt hat. Schipper baut hier (einmal mehr in der ersten Stunde) unheimlich viele emotionale Ebenen auf, die allesamt ineinander pulsieren zu scheinen, die knisternde Stimmung ist quasi fassbar. Berührend, weil post-depressiv in der Härte von Laus Gesicht und dem verträumten eskapistischen Abwehrmechanismus von Laika Costas Figur. Eine aussichtslose Jugend in einem Tunnel ohne Bedeutung, abgesehen von der, die den Menschen von außen eingetrichtert wird. In der Hinsicht weist der Film allerdings, das muss man beachten, deutliche Defizite auf. Vieles ist vereinfacht, selten ist inhaltliche Komplexität wirklich gegeben (wenn, dann in der magischen ersten Stunde) und je weiter die Heist-Story Gestalt annimmt, desto klischeehafter wird hier teils verfahren. Das geht dann gar zeitweise in ärgerliche Gefilde und das sind Punkte, die hier und da für harsche Kritik an dem Film sorgten - mit Recht. Die Stärke, die der Film sich vorher erbaut hat, sie wird mit einem Ruck weggewischt, vergessen, die reizvolle Spontanität des Films wird mit Füßen getreten. Das schmerzt merklich, das wirft den Film aus der Bahn und kostet ihn wahrlich Zeit, um sich wieder aufzuraffen.


Letzten Endes ist die Euphorie schon verständlich. Sebastian Schippers Film „Victoria“ war ein Riesenhit und das ist schön, weil der Film ein Wagnis war. Der beste Film aller Zeiten ist er aber nicht, auch nicht der beste deutsche Film. „Nur“ ein guter Film, dem es während der Sichtung zum Großteil gelingt, über seine Defizite hinwegzutäuschen, den Zuschauer zu blenden. Der Film erzählt eine wahllose Nacht aus einem wahllosen Leben nach, so scheint es zu Beginn und so wäre ein sagenhafter Schuh draus geworden. Nun macht der Film es sich aber schwieriger und verrennt sich zeitweise. Dennoch: Die Chemie zwischen Lau und Costa ist bemerkenswert, die Lebensgeschichte ist teils rustikaler und teils geschmeidiger Natur und das Level an Professionalität, das für eine solche Leistung nötig ist, ist schlicht nicht zu überblicken. „Victoria“ ist ein Film, in dem man unheimlich gut versinken kann und teilweise sauspannend. Ein Film und eine Leckerei für Steadycam-Fetischisten. Aber eben auch einer Werk mit Problemzonen. 


7 von 10 Klischee-Gangstern


von Smooli

Review: STAR WARS: EPISODE VII - DAS ERWACHEN DER MACHT - Ein Film für alle, die das Kino lieben

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Fakten:
Star Wars: Das Erwachen der Macht (Star Wars: The Force Awakens)
USA. 2015. Regie: J.J. Abrams. Buch: Lawrence Kasdan, J.J. Abrams, Michael Arndt. Mit: Daisy Ridley, John Boyega, Adam Driver, Oscar Isaacs, Carrie Fisher, Domhnall Gleeson, Mark Hamill, Peter Mayhew, Andy Serkis, Lupita Nyongo’o, Max von Sydow, Gwendoline Christie, Anthony Daniels, Kenny Baker, Yayan Ruhian, Iko Uwais, Greg Grunberg, Ken Leung, Tim Rose, Kiran Shah, Simon Pegg u.a. Länge: 135 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Im Kino.


Story:
Luke Skywalker ist verschwunden. Die „Erste Ordnung“, die aus dem scheinbar zerstörten Imperium erwuchs, ist auf der Suche nach ihm, genau wie der Widerstand. Hingezogen in diese Suche werden zum einen der Stormtrooper Finn sowie die Schrottsammlerin Rey. Zusammen geraten sie in ein großes wie gefährliches Abenteuer.





Meinung:
Nachdem „Lost“-Creator J. J. Abrams nicht nur dem „Mission: Impossible“-Franchise mit seiner Regiearbeit beim dritten Teil der Reihe wieder neue Impulse verleihen konnte, nachdem John Woo die Serie zuvor mit „Mission: Impossible II“ gnadenlos havarieren ließ, sondern auch dem „Star Trek“-Universum eine gelungene Frischzellenkur mit „Star Trek“ und „Star Trek Into Darkness“ verabreichte, in dem er die aufregenden Geschichten um Captain Kirk und Mr. Spock in ein frisches Prequel-Gewand kanalisierte, stand dem New Yorker Multitalent mit seiner Arbeit an „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ nun seine wohl größte Herausforderung bevor. Ob es sich dabei nun um ein Privileg oder doch eher um eine Bürde handelt, die J. J. Abrams zu stemmen hatte, möchte man als Außenstehender nicht wirklich kategorisieren. In jedem Fall hat es der Filmemacher aber gewagt, sich dem Flaggschiff des Fandom anzunehmen und einer gigantischen Anhängerschaft gestellt, die die Enttäuschungen über George Lucas Prequel-Trilogie noch immer nicht ganz verkraftet hat.


Luke ist aber alt geworden
Es sollte sich bei „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ um einen Film handeln, der sich wie Balsam um die geschundene Fanseele legt. Dies zu betonen wurden die Verantwortlichen im Vorfeld nicht müde; und nachdem erste Bilder vom Set im Internet auf sich aufmerksam machten, auf denen J. J. Abrams nicht vor einem Greenscreen posierte, sondern sich inmitten von handgemachten Modellbauten präsentierte, war die Vorfreude selbstredend schon reichlich angeheizt. Nachdem dann auch der Trailer die Erwartungen innerhalb von gut zwei Minuten noch einmal ins Astronomische potenzierte, sah man sich wie so oft mit einem selbstgesteckten Problem konfrontiert: Der eigenen Erwartungshaltung. Doch egal, wie extrem man sich von „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ endlich wieder einen ECHTEN Star-Wars-Film ersehnt hat – J. J. Abrams kann sich nun endgültig als Künstler definieren lassen, der zu seinem Wort steht. Diese Episode VII ist genau das Werk geworden, welches man sich als Fan des Franchise so inständig gewünscht hat.


Oh schaut doch mal, die Soldaten aus Panem sind auch mit dabei
Mit der glattpolierten Digitaloptik eines „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ und Co. hat „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht nichts mehr gemein. J. J. Abrams hat erkennbaren Wert darauf gelegt, die Physis zurück ins „Star Wars“-Universum zu bringen, was nicht nur bedeutet, dass wir uns über den abgenutzten Look der Sternenjäger, Frachter und Raumstationen erfreuen können, der uns an das verbogene Metall eines „Krieg der Sterne: Episode IV - Eine neue Hoffnung“ gemahnt. Die Charaktere sind wieder aus Fleisch und Blut, sie leiden, mühen ihre abgekämpften Körper durch die Wüste, durch den Wald, über das Eis – und handeln auch mal aus eigennützigem Antrieb. Mit Finn (John Boyega, „Attack the Block“), Rey (Daisy Ridley) und Poe Dameron (Oscar Isaac, „A Most Violent Year“) bekommen wir Figuren, die sich irgendwann auch in die Ahnengalerie der Serie einreihen dürfen, um ihren rechtmäßigen Platz neben Han Solo (Harrison Ford, „Jäger des verlorenen Schatzes“), Luke Skywalker (Mark Hamill, „Kingsman: The Secret Service“) und Ben Kenobi (Alec Guiness, „Der kleine Lord“) einzunehmen.


Herrje, Uhura ist traurig, aber wieso nur?
Bereits der Auftakt beweist, mit welcher Klasse „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ seine Figuren einzuführen versteht: Während sich der neue Maskenbösewicht Kylo Ren (Adam Driver, „Inside Llewyn Davis“) anfangs als gewissenloses Monstrum darstellt, welches den Genozid an der Zivilbevölkerung des Planeten Jakku veranlasst, verbirgt sich hinter einer Sturmtrupplermontur Finn, der bereits im Kindesalter von der First Order (einem neuen Konzept des Imperiums) rekrutiert wurde, aber nicht in der Lage ist, dem Mord an Unschuldigen auf Kommando beizuwohnen: Sein mit blutverschmierter Held inmitten eines regelrechten Infernos zählt wahrscheinlich zu den eindrucksvollsten Bildern, die das „Star Wars“-Franchise insgesamt hervorgebracht hat. Dass in Finn die helle Seite der Macht stärker als die dunkle ist, steht außer Frage, doch in erster Linie geht es ihm darum, sich nur möglichst schnell möglichst weit von den finsteren Fängen der First Order zu distanzieren – und da stößt er auf den renommierten Renaissance-Piloten Poe und seinen quirligen, mit brisanten Informationen ausgestatteten Astromechdroiden BB-8.


Chewie is back! Ernsthaft, wer kennt Chewie nicht?
Noch besser aber gefällt Rey, eine drahtige Schrottplünderin, die sich auf dem von Krieg gebeutelten Planeten Jakku eigenständig beigebracht hat, wie man auf eigene Faust überlebt. Ihre Figur birgt das unbändige Potenzial in sich, die Rolle des Luke Skywalker zu beerben, „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ jedenfalls veranschaulicht sie als eine so renitente wie smarte Persönlichkeit, die die Macht in sich trägt und nur einen Stimulus benötigt, um sich dessen in dieser identitätslosen Zeit (die Jedi-Ritter respektive der galaktische Bürgenkrieg werden für Mythen gehalten) gewahr zu werden. Dass sich dazu auch ein Kylo Ren weniger als erbarmungsloser Antagonist entpuppt, sondern als innerlich zerrissenes und letztlich zu beeinflussbares Kind, auf dessen Helm der gesamte Kampf von Gut gegen Böse farbdramaturgisch festgehalten wird, stellt nur noch weiter unter Beweis, dass das Drehbuch von „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ den Basiskoordinaten des Originals die unbedingte Treue geschworen hat.


Zurück zum Ursprung der Mythologie aber scheint indes nur auf den ersten Blick bisweilen die Devise gewesen zu sein. Ohne Frage, „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ bereitet reinrassigen Fanservice auf, mit jeder Menge Easter Eggs, Querverweisen und cineastischen Referenzen versehen. J. J. Abrams aber ist in der Lage, seine Star-Wars-Revitalisierung mit einer Eigendynamik durchströmen zu lassen, die sich aus der Synergie des hintergründigen Wissens des Zuschauers und der hier dargebotenen neuen Zeitrechnung zusammensetzt: Nostalgie verkommt hier keinesfalls zum Deckmantel, unter dem es sich zu verstecken gilt. Das Alte umrahmt vielmehr das Neue und lässt den offenherzigen Fan sowie den unberührten Neuling über gut 140 Minuten auf einer eskapistischen Wolke durch das innig geliebte Universum im interstellaren Raum treiben, welches einst so bahnbrechend, stilprägend und liebevoll mit „Krieg der Sterne“ von George Lucas initiiert wurde. Man kann J. J. Abrams für diesen Siegeszug wahrlich nur gratulieren.


8,5 von 10 Echos aus der Vergangenheit


von souli

Review: MARCO POLO (Staffel 1) - Ein öder Held vor toller Kulisse

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Fakten:
Marco Polo – Staffel 1
USA. 2014.
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg, Alik Sakharov, Daniel Minahan, John Maybury, David Petrarca. Buch: John Fusco, Michael Chernuchin, Dave Erickson, Patrick Macmanus, Brett Conrad. Mit: Lorenzo Richelmy, Benedict Wong, Joan Chen, Remy Hu, Zhu Zhu, Olivia Cheng, Mahesh Jadu, Lawrence Makoare, Rick Yune, Pierfrancesco Favino, Claudia Kim, Amr Waked u.a. Länge: 10 Episoden á ca. 60 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
„Marco Polo“ zeigt die jungen Jahre des Chinareisenden und wie er durch seinen Vater Niccolò Polo, einen Forscher und Händler, Asien kennengelernt hat. Bei dem Enkel von Dschingis Khan, Kublai Khan, lässt Niccolò Polo seinen Sohn als Pfand zurück, um selbst frei gelassen zu werden. Daraufhin gibt Kublai Khan Marco den Befehl, einen Bericht zu schreiben...





Meinung:
Netflix hat sich gemausert. Waren früher noch viele skeptisch, ob der amerikanische Streamingdienst auch mit Eigenproduktionen punkten kann, erweisen sich diese als ausgesprochen sehenswerte Serien. Angefangen von „Unbreakble Kimmy Schmidt“ über „Daredevil“ oder „Orange is the New Black“. Mit „Marco Polo“ stieg der Streaming-Riese nun auch in den Sektor historischer Serien wie etwa „Turn“ oder „Crossbones“ ein. Wie gewohnt vom Unternehmen erweist sich „Marco Polo“ als technisch einwandfrei umgesetzte Erzählung, doch kann die Serie auch abseits ihrer technischen Seite überzeugen?


Kublai Khan unterweist Marco Polo in der Kriegsführung
Wer jetzt zu faul ist, um weiterzulesen, hier gleich vorweg ein Vorabfazit: „Marco Polo“ ist ohne Zweifel keine misslungene Serie, allerdings reicht ihre narrative Qualität nicht an die anderen Eigenformate von Netflix heran. Das liegt daran, dass sich die Serie erzählerisch mit teils argen Tempoproblemen herumplagt. Es gibt Subplots und Figuren, deren Aufbau entweder so langsam geschehen, dass eine ungute Langatmigkeit entsteht, oder die Serie drückt so enorm aufs Gaspedal, dass sich bei dem Gehetze kein richtige Gefühl für die Figuren, deren Situation und die Umwelt ergeben. Dennoch erschafft die Serie eine authentische Welt, die mit vielen liebevollen Details angereichert ist. Vor allem Benedict Wong als fülliger Kublai Khan, der Enkel des großen Dschingis Khan, liefert eine erinnerungswürdige Performance ab. Ein Lob, was leider so gar nicht für den Hauptdarsteller Lorenzo Richelmy passt, der als Titelheld elendig blass bleibt. Es ist schon etwas seltsam, wenn ausgerechnet die Figur, um die sich allesdreht, der Charakter ist, der am uninteressantesten porträtiert und weitergeformt wird. Nach gut der Hälfte seiner Spielzeit, nimmt die Serie aber zum Glück ordentlich Fahrt auf. Marco Polo selbst bleibt blass, aber die Intrigen und Machtspiele zwischen dem Khan und den chinesischen Herrschern, erhalten narrativ eine bessere Gewichtung. Was allerdings dadurch nicht wettgemacht wird, ist der teilweise wirklich unfreiwillig komische Gebrauch von Nacktheit. Nichts gegen Nacktheit, doch so wie sie hier eingesetzt wird, verkommt sie zu einem marktschreierischen Effekt. Trauriges Highlight ist eine Kampfszenen zwischen einer Assassinen und einigen Wachen.


Aber genug gemosert und gemeckert. „Marco Polo“ bietet solide Unterhaltung, die Historie mit politischem Thrill und leichtem Martial-Arts-Einschlag kreuzt. Das Ergebnis ist durchaus bildgewaltig und gegen Ende der Staffel auch durchaus in der Lage richtig zu fesseln. In seiner Gesamtheit erreicht „Marco Polo“ aber niemals das Gefühl etwas wirklich Großes zu sein. Netflix hat sich hierbei sicherlich nicht komplett verhoben, aber zumindest in Sachen Dramaturgie, bzw. Narration und Heldendesign nicht den Qualitätsstandard abgeliefert wie bei ihren anderen Hausproduktionen.


5,5 von 10 Trainingseinheiten mit einer Kobra

Review: THE BIG SHORT - Sorry, we're fucked

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Fakten:
The Big Short
USA. 2015. Regie: Adam McKay.
Buch: Charles Rudolph, Adam McKay, Michael Lewis (Vorlage). Mit: Steve Carell, Ryan Gosling, Christian Bale, Brad Pitt, Melissa Leo, Hamish Linklater, Finn Wittrock, Rafe Spall, Jeremy Strong, Byron Mann, Marisa Tomei, Max Greenfield, Tracy Letts, Karen Gillian, Selena Gomez, Anthony Bourdain, Margot Robbie, John Magaro u.a. Länge: 130 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 14. Januar 2016 im Kino.


Story:
Als alle den Untergang nicht kommen zu sehen scheinen bzw. es verdrängen, setzt eine Gruppe von Unerschrockenen 2008 gegen den allgemeinen Trend und auf das Platzen der Immobilienblase. Als dieses dann eintritt und die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrundes katapultiert, können sie sich über Millionengewinne freuen.





Meinung:
Ist es bewundernswert oder eher furchteinflößend wie scheinbar lapidar immer wieder über die Wirtschaftskrise von 2008 berichtet wird? Vermutlich etwas von beidem. Dennoch hat das Platzen der US-Immobilienblase nicht nur für einen lauten Knall, sondern auch für sozialen Schrecken und Rezession gesorgt, die man Jahre später immer noch zu spüren bekommt. Allerdings ist dieses negative Ereignis verblasst. Die Schuld der Banken, die Maschinerie der Gier und die Blindheit vor der Wahrheit wurden vergessen, überspielt und verdrängt. Ein wunderbarer Nährboden also fürs Kino, welches nach Oliver Stones Klassiker „Wall Street“ aus dem Jahre 1987 die Welt der Börse und Spekulationen wieder für sich entdeckte. Doch dabei blieben die Geschädigten der Rezession, die Mittelschicht die quasi über Nacht alles verlor, im cineastischen Schatten verborgen. In Hollywood-Produktionen traute sich lediglich Jason Reitman in seiner gesellschaftskritischen Tragikomödie “Up in the Air“ die wahren Opfer der Krise zu Wort kommen zu lassen. Doch auch in diesem Werk konzentrierte sich die Geschichte letztlich um die Menschen, die von der Krise profitieren oder diese mitverschuldet haben. Nobelkrawatte vor Blaumann, so lautet die profane Devise.


Gewissen gegen Kapital
Auch in „The Big Short“ stehen Banker im Fokus. Basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Autor Michael Lewis, erzählt und erklärt uns Regisseur Adam McKay („Die etwas anderen Cops“) wie es zum großen Crash von 2008 kam und wie es einige Banker schafften aus dieser Krise noch Kapital zu schlagen. Alleine die Tatsache, dass ein paar Geschäftsleute die größte Wirtschaftskrise der letzten Jahre auszunutzen wussten, um sich abschließend Schecks in Höhe von bis zu 47 Millionen US-Dollar in die Tasche stecken zu können, hat etwas sehr zynisches. Nun kann man gewiss darüber streiten ob Zynismus gegen Zynismus hilft, aber genau nach diesem Prinzip ist „The Big Short“ aufgebaut. McKay verwebt bissige Kommentare in die Handlung, die zum einen das System der Banken offenbart, gleichzeitig aber auch die Gier ans Licht zerrt. Dazu fügt er noch eine gute Dosis Popkultur hinzu, etwa wenn es darum geht Sachverhalte und/oder Abläufe so zu erklären, dass es nicht nur Finanzexperten verstehen. Eine Maßnahme, die „The Big Short“ dreimal anwendet und damit eine weise Entscheidung getroffen hat. Denn zum einen lockern die Gastauftritte der Prominent die Handlung auf, zum anderen gelingt es dem Film dadurch wirklich eine Form der Verständlichkeit. Bei all den Abhandlungen rund um wirtschaftliche Krisen, die es im Kino zu sehen gab, gehört „The Big Short“ zweifelsohne zu denen, die sich nicht dafür zu schaden sind, ihrem Publikum in satirisch aufgeladener Erklärbar-Form begreifbar zu machen, was eigentlich genau schief lief.


Der Untergang reißt jeden mit
Eine feine Sache, die McKay dazu nicht inflationär einsetzt, sondern sie punktgenau verwendet. Doch eine Verständlichkeit für den Prozess und der Krise zu generieren, ist nicht die einzige Zielmarkierung, die „The Big Short“ anstrebt. Ebenfalls ein Vorsatz des Films ist das Porträtieren der Banker, die den Crash kommen sahen und daraus Profit schlagen konnten und weil der A-Sager auch immer B sagt, beinhaltet „The Big Short“ dementsprechend auch einen scharfen Blick auf das (berufliche) Umfeld. Dabei pendeln die Darstellungen der Banker drastisch. Während Ryan Gosling als Greg Lippman, der dazu als Erzähler fungiert, als Vorzeige-Yuppie herhalten muss, darf Steve Carrel als Steve Eisman versuchen so etwas wie ein intaktes Gewissen gegen den Rest der Wall Street zu profilieren. Komplett aus dem Rahmen fällt dagegen Christian Bale als Dr. Michael Burry, ein einäugiger Finanzexperte der unter Asperger leidet und im Strandoutfit in seinem Büro sitzt und seine Kollegen mit Death Metal beschallt. Diese Figuren zeigen bereits, dass McKay die gierigen Fratzen der Kapitalwelt nicht nur als Zielobjekt hat, sondern auch als Vorbild für die Stimmung, die „The Big Short“ verbreiten soll, nutzt. Alles ist immer etwas zu hektisch, die Kamera und der Schnitt benehmen sich teilweise wie in einem Kriegsfilm (wie passend dass sich der „The Hurt Locker“-Kameramann Barry Aykroyd für die Bilder verantwortlich zeichnet) und die Arroganz und Gier suppt durch die Hautporen jedes gezeigten Bankers. Dabei kleidet „The Big Short“ die Gier in viele Facetten. Oftmals erweist sich auch der Wunsch nach Erfolg als Synonym für dollarbeflügelten Appetit.


Am Ende kann es einem als Zuschauer durchaus passieren, dass man sich mit ein paar Jung-Unternehmern freut, obwohl deren größter Tag und Erfolg ihres jungen Lebens doch gleichzeitig auch den wirtschaftlichen Untergang bedeutet. Eine Zwickmühle, die Adam McKay leider nicht immer wirklich konsequent und kraftvoll genug ausspielt, sie aber definitiv besser einzusetzen weiß (vor alle im satirischen Bereich) als Martin Scorsese mit seinem „The Wolf of Wall Street“. Am Ende bleibt also ein zwielichtiger wie allerdings auch zufriedenstellender Eindruck zurück. Ganz wunderbar gelingt es „The Big Short“ aber eine Botschaft zu hinterlassen, die so gut verständlich wie auch wahrhaftig und unumstößlich wirkt, auch weil sie sich so nahtlos in unsere heutige Zeit einfügt: Sorry, we’re fucked! Pessimismus der Spaß macht.


7 von 10 Lehrstunden aus der Badewanne